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Samantha und George fanden in den schwierigen Zeiten im ersten Teil zueinander. Beide merkten, dass sie füreinander da sein können und wollen. Trotzdem öffneten sie sich noch nicht vollkommen. So kommt es, dass einerseits Samantha immer noch verunsichert ist, ob diese Beziehung eine Zukunft haben kann, während George um seine Kinder kämpft. Dabei kommt er der Wahrheit seines Schlamassels sehr nahe. Außerdem erzeugt Samanthas Auftauchen Widerstand in den eigenen Reihen. Werden es beide schaffen, die letzten Hürden zu bewältigen, um eine "ganze" Familie zu werden? Dieser zweite Teil einer turbulenten Geschichte berichtet von den Geschehnissen nach dem kleinen Liebesdrama. Noch brennt es ringsherum. Auch in den eigenen Reihen der beiden gibt es genug Probleme. Gut oder Böse gibt es nur in einem Moment. Und am Ende? Am Ende erfährt man, ob sich der Einsatz beider gelohnt hat.
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Seitenzahl: 455
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ankunft oder Wiederkehr 2
Jennifers Erleuchtung
in
brodelnder Finsternis
Von Vicky Lines
Buchbeschreibung:
Samantha und George fanden in den schwierigen Zeiten im ersten Teil zueinander. Beide merkten, dass sie füreinander da sein können und wollen. Trotzdem öffneten sie sich noch nicht vollkommen. So kommt es, dass einerseits Samantha immer noch verunsichert ist, ob diese Beziehung eine Zukunft haben kann, während George um seine Kinder kämpft. Dabei kommt er der Wahrheit seines Schlamassels sehr nahe. Außerdem erzeugt Samanthas Auftauchen Widerstand in den eigenen Reihen. Werden es beide schaffen, die letzten Hürden zu bewältigen, um eine "ganze" Familie zu werden? Dieser zweite Teil einer turbulenten Geschichte berichtet von den Geschehnissen nach dem kleinen Liebesdrama. Noch brennt es ringsherum. Auch in den eigenen Reihen der beiden gibt es genug Probleme. Gut oder Böse gibt es nur in einem Moment. Und am Ende? Am Ende erfährt man, ob sich der Einsatz beider gelohnt hat.
Über den Autor:
Die Autorin bewegt sich im Labyrinth des Lebens immer wieder auf seltsamen Pfaden. Wie der Pfad des Bücherschreibens. Dabei startete die Autorin sehr spät aber mit mit einer gehörigen Portion an Begeisterung. Ausgestattet mit wirren Ideen und freundlichen Helfern entstehen so recht interessante literarische Projekte. In Berlin, wo die Autorin ihr Leben meistens verbrachte, purzeln täglich neue Bilder und Eindrücke über die Schwelle des Alltags. Dabei können auch Freunde und Bekannte bei der Ausarbeitung neuer Ideen mitwirken. Sowohl die Idee, als auch die Eindrücke von Ankunft ohne Wiederkehr, stammen nicht nur aus dem Kopf, sondern auch aus den Erlebnissen der Autorin. Das Lektorat erfolgte von einem sehr engen und offenem Freund der Autorin.
Ankunft oder Wiederkehr 2
Jennifers Erleuchtung in brodelnder Finsternis
Von Vicky Lines
V. Laux
Ernststraße 25
12437 Berlin
1. Auflage, 2018
© 19.12.2018 Vicky Lines – alle Rechte vorbehalten.
V. Laux
Ernststraße 25
12437 Berlin
Neopubli GmbH Berlin
http.//vicky-lines.blogspot.com
Jennifers Erleuchtung
in
brodelnder Finsternis
Stimmen:
Nach dem ersten Teil dieser Geschichte begann ich sofort mit dieser Episode. Denn mal ehrlich, wem reicht es, eine Liebesgeschichte halbfertig enden zu lassen? Meine Fantasie über diese beiden Familien verläuft nicht linear. In Träumen versucht ein jeder ebenfalls, die verschlungenen Wege aufzulösen. Liebe zu finden, bedeutet doch Abenteuer zu erleben. Eine Familie zusammenzuhalten bedeutet Kampf.
Dieser Teil schließt nahtlos an den ersten an. Dann hoffe ich, dass meine Leser nicht aufgeben und bis zum Schluss durchhalten. Irgendwann wird es schwer, das Tempo zu halten, jedoch nach wiederholtem Lesen, erwuchs daraus der Wille, endlich die Geschichte weiterzuerzählen. Einen Epilog und darunter das Wort Ende zu setzen, ist mein erklärtes Ziel.
Noah und Stephan hörten mir zu und diskutierten meine unmöglichen Verwerfungen mit mir und stimmten meinen mitunter abstrusen Ideen zu. Ohne die beiden wäre das Projekt eher eine einsame Angelegenheit geworden. Für einen Roman stellen sich Diskussionen und Gedankenaustausch immer als Bereicherung dar. Danke für die Mitarbeit.
Die Mutterseele
George Haggerthon
Berlin, Oktober 2015, Mittwoch
Vor einem alten Haus in Berlin-Pankow traf ich, Lord George Haggerthon, mit einer tollen Frau an meiner Seite nach einer Bus- und Tramfahrt durch Berlin bei deren Eltern ein. Momentan befand ich mich auf einer Kurzreise, um einerseits einer mir gut bekannten Zeugin Informationen zu entlocken, und andererseits meine neue Traumfrau zurückzuerobern. Schrecklich, was wir durchlebt hatten. Meiner Familie, also mir, meinen beiden Töchtern und meinem erwachsenen Sohn, setzte ein Kollege oder eine Gruppe von Kollegen aus dem House of Lords zu. Wieso die Haggerthons auserwählt wurden, deren Opfer zu sein, verstand ich noch nicht. Jedoch wähnte ich einen vertrauensvollen und motivierten Privatdetektiv und sogar einen Polizeiinspektor ohne mein Zutun auf meiner Seite. Gemeinsam suchten diese Menschen mit mir nach einer Erklärung, weshalb Einschüchterung, Entführung und Intrigen plötzlich aus dem Nichts auf meine Familie niederprasselten.
Zufälligerweise tagte genau an diesem Mittwoch, an dem ich überaus emotional meine mir nicht mehr ganz so unbekannte Traumfrau beinahe auf Knien um Verzeihung gebeten hatte, auch das Familiengremium der Willers. Vor einem jener Mietshäuser aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, die den letzten Weltkrieg überstanden hatten, dachte ich kurz an die letzten sechs Stunden zurück, woraufhin in mir Mut wuchs. Ein joviales Glücksgefühl strömte durch meine Adern. Neben mir an meiner Hand hielt ich eine brünette, ungefähr fünf Fuß und neun Zoll große deutsche Informatikerin, die den Grund jenes anwachsenden Mutes und Wandels in einer Person manifestierte. Ihre Augen zwischen grau und blau wussten mich immer zu fesseln. Diese Haare lockten mich andauernd, meine Finger darin zu vergraben und in diesem Kopf steckte ein Labyrinth voller Neuigkeiten. Gekostete Lippen forderten Wiederholungen und ehrlich gestanden, sogar diese Ohren betörten mich. Heute trug diese Frau eine Kombination, die ich ihr bei unserem zweiten Treffen gekauft und geschenkt hatte, weil sie mir in meinem stockenden Leben weitergeholfen hatte, ja sogar in mir etwas erweckt hatte. Durch dieses kleine Chaos waren wir uns ungewollt sehr viel näher gekommen, als ich es jemals zuvor erlebt hatte. Es hatte in meinem Leben nur eine Frau gegeben, die mir beinahe ebenso unter meine Haut gegangen war und in meinem Herz gelebt hatte, meine verunglückte Frau Barbara.
Nach ihrer noch nicht ganz aufgeklärten plötzlichen Flucht und den schrecklichen Vorfällen meiner Kinder in London hatte ich letzten Sonntag mit einer Schimpftirade eben jene Samantha Willer verjagt. All diese Vorkommnisse überforderten mich, machten mich wütend und verliehen mir ein wenig mehr Patina des Alters und Scheiterns. Während eines abgewehrten Versuches, meine Tochter und ihre Freundin zu entführen, entgleiste der zuverlässige Zug der Vernunft in mir. Es brüllte damals in mir, jene Frau neben mir hätte mich im Stich gelassen. Entgegen meines Wissens hatte Samantha jedoch längst Stellung für mich und vermutlich auch meine Kinder bezogen. Perplex brauchte ich einen ganzen Tag, um mich zu sammeln, meine Fehler zu erkennen, diese Emotionen zu korrigieren und einen Plan zu schmieden, mein begangenes Unrecht gerade zu rücken. Erst nach ihrer Flucht letzten Sonntag erfuhr ich, dass Samantha meinen Sohn sogar vor einer sehr gefährlichen Intrige gerettet hatte. Natürlich würde jede Frau flüchten, wenn sie so rüde missbilligt worden wäre.
Schuldbewusstsein und der Verlust ihrer Nähe trieben mich aus dem Kreis meiner drei Kinder nach Berlin. Wegen dieses weiblichen Wesens an meiner Seite schöpfte ich wieder Hoffnung und erwachte mein Wille, meinen Kindern ein besserer Vater zu sein. Samantha bekundete vorhin bei einem inoffiziellen Verhör, sie stehe zur Familie. Obwohl man dieses Beisammensein nicht wirklich Verhör nennen durfte, fühlte es sich nach meinem Dafürhalten leider trotzdem danach an. Während der letzten vier Stunden mit ihr, erlebte ich eine warme, starke und auch mich erotisierende Frau. Die Gespräche mit und die Geständnisse von ihr bestätigten all meine Ahnungen und auch Gefühle dieses riskanten Vorgehens ihrerseits als richtige Entscheidung einer couragierten Person. Schon als ich ihr kurz vor dem Verhör gegenüber getreten war, verfiel ich dieser Frau ein zweites Mal hoffnungslos mit Haut und Haaren. Gerade hatte sie sich die Tränen abgewischt und stand schwer mit sich kämpfend im Flur der Firma, in der sie arbeitete, da setzte meine britische Contenance aus. Allein mein Herz hatte mich in diesem Moment geleitet. Einfach so. Seitdem schwebte ich in diesem Zustand der Zuneigung. Verliebtheit stellte nur einen kleinen Teil dar, denn da waren noch Verbundenheit und Verständnis, die mich erfüllten. In ihrer Nähe fühlte ich mich nicht nur stark, sondern auch gefunden und verstanden. Samantha hatte mir mit drei Gesten bezeugt, mir verziehen zu haben. Ach, ich vergaß zu erwähnen, sie war auch noch intelligent. Einfach eine unwiderstehliche Kombination für mich. Am liebsten hätte ich sie mitgenommen und wäre einfach nur mit ihr und einer großen Packung Eis in ein riesiges Bett verschwunden, um ihr zu beweisen, wie ich mich fühlte und zu ihr stand. Nun hatte es im Gegenzug nicht mal eine halbe Minute gedauert und ihr Zittern war verschwunden. Prompt wurde ihr Griff fester, was bei mir ein seltsames Hochgefühl auslöste.
Kurz nachgedacht, drückte mein linker Zeigefinger den modernen Klingelknopf neben der Tür ihrer Eltern. Ich war fest entschlossen, ihr bei ihrem Problem beizustehen. Ein kurzer Seitenblick verriet mir, dass meine Lieblingsberlinerin versuchte, sich zu entspannen. Samanthas Größe erleichterte es mir, sie eher als gleichwertig anzusehen. Klingt ein wenig bescheuert, aber so bin ich nun mal. Sollte sie jemals in Highheels auftauchen und in meiner Augenhöhe sein, würde ich sehr wohl die Beherrschung verlieren. Samanthas Anwesenheit strahlte nach dem Klingeln immer noch geheimnisvoll und unschlüssig. Mit ihr einen ganzen Sonntag im Bett zu verbringen, wäre ein großartiger Geburtstagswunsch. Solche ungewohnten Gedanken schlichen immer öfter durch meinen Kopf.
„Vertraue mir“, flüsterte ich ihr zu.
Sie suchte keinen Blickkontakt, starrte nur auf die Wohnungstür. Doch zwinkerten Samanthas graublaue Augen mit den langen Wimpern bewusste vier Male.
Was ging nur in ihr vor? Warum diese Scheu?
Sie hatte mir offenbart, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Wie schrecklich musste es für Samantha gewesen sein, wie hart für ihr eigenes Selbstbewusstsein. Wie viele Abfuhren oder gar Belustigung über diesen Makel hatte sie ertragen müssen? Zu viele! Ganz sicher war ich, dass es Sammy jedes Mal verletzte. Daher kam dieser Wunsch, meine Familie kennenzulernen, wesentlich stärker zum Tragen. Addierte ich ihr jugendliches Auftreten hinzu, das ihr ausgesprochen gut stand, steckte mich ihre Persönlichkeit wie ein Virus an.
Samantha sagte geradeaus, als würde sie in eine Schlacht ziehen: „Ich vertraue dir.“
Endlich vernahm ich eine bekannte Stimme. Es war ihre Schwester Patrizia, die sich aufregte. Leider verstand ich nichts, weil diese Ausrufe in deutscher Sprache erfolgten. Sam blickte mich nun traurig oder gar beschämt an. Ach, ich lächelte zuversichtlich zurück. Hinter dieser Tür eröffnete sich mir nun eine verdammt kleine Welt.
Samantha dolmetschte mit einem traurigen Ton: „Niemand stand auf, um mir oder uns die Tür zu öffnen, weder mein Vater, noch Patrizias Mann. Ich bin beschämt.“
Zuversichtlich lächelte ich ihr ins Gesicht, was ihr Erstaunen über meine Gleichgültigkeit dieser Missachtung in hochgezogenen Augenbrauen und weit geöffneten Augen enden ließ. Endlich öffnete ihre Schwester, die ich bereits kennengelernt hatte, uns die mausgraue, massive und reich dekorierte Wohnungstür. In mir kribbelte es, indem kleine Gewitter meinen Bauch durchzogen.
„Du musst dir das nicht antun. Wir können einfach gehen, denn du bist mir wichtiger“, flüsterte Samantha gerade in sich hinein.
Das löste ein kleines Déjà-vu aus. Damals, als meine Frau verstarb, hielten mir meine Schwiegereltern vor, sie nicht beschützt zu haben. Genauso zerrissen fühlte ich mich hier auch kurz. Meiner Pflicht des Ehemanns nicht nachgekommen zu sein. Aber warum sollte ich Barbara zum Sport bringen? Das hätte meine verstorbene Frau nur akzeptiert, wenn ich noch einmal in mein Büro gefahren wäre. Damals standen Leben oder Tod meiner Frau nicht zur Debatte. All diese Vorwürfe konnten mühselig durch eine Therapie ausgeräumt werden, brachten aber meine Barbara nicht zurück. Patrizias Gesicht erschien, deutete mit einem schiefen Mund Freude an und ließ uns ein.
Aber halt, was sagte Samantha eben? Ich sei ihr viel wichtiger und ihr wäre das hier egal?
Verwirrung breitete sich kurz aus. Diese Aussage stimmte nicht mit meiner Schlussfolgerung überein. Einen Augenblick erhaschte ich einen Blick in ihrem Gesicht. Der erklärte alles und hieß doch eindeutig, sie bat mich stumm darum, zu helfen. Implizit schon, oder? Es keimte in mir ein Kampfeswille. Ich würde dies hier für meine Samantha erledigen. Verbundenheit breitete sich aus. Sie sagte auch „uns die Tür zu öffnen“. Samantha lächelte nun ebenfalls zaghaft, indem ihr Mund eine beschwingte Linie formte, ihre Augen ein wenig mandelförmiger wurden, ihre Wangen sich leicht röteten und ihre Ohren durch ihre Anhebung den empfindsamen Hals preisgaben.
Das ist verdammt interessant! Warum nur?
Ein heißer Wind durchwehte meine Gedanken. Die Tür öffnete sich komplett. Patrizia zeigte sich mit Falten auf ihrer Stirn, wegen eines Rufes aus der Wohnung. Doch ihre Energie für das Kopfschütteln lenkte sie bei meinem Anblick von ihren Augen zu einem Lächeln ihres Mundes um. Ein breites Lächeln begann, mich einzuladen, diesem Theaterstück als Hauptrolle beiwohnen zu dürfen. Samantha belohnte ihre sympathische Schwester mit einem Kuss auf die rechte Wange. Als meine erloschene und wieder aufgeloderte Flamme vor mir in die Wohnung ihrer Eltern eintrat, verbanden uns noch drei Finger. Kaum stand sie im länglichen Flur mit den hohen herrschaftlich wirkenden Decken, die wir in England nur allzu selten in dieser Art von Häusern vorfanden, breitete Patrizia die Arme aus und umarmte mich, als käme ich nach zig Jahren heim. Nicht einmal zwei Stunden kannte ich Patrizia Willer. Ohne Anlauf sympathisierte ich mit ihr. Das beruhte definitiv auf Gegenseitigkeit. Wie oft hatte ich mir solche persönlichen Begegnungen mit Deutschen vorgestellt? All die Vorurteile und Hirngespinste verflogen, wie Staub bei der nächsten Böe.
Kaum war Patrizias Kopf neben meinem Ohr, flüsterte sie: „Das ist super, dass du hier bist. Hilf ihr. Steh ihr bei.“
Etwas verwirrt nickte ich, doch hatte ich in meinem Kopf längst einen Plan aufgestellt. Noch bevor wir in das Wohnzimmer traten, verschwand Samantha nach links in einer offenen Tür. Wie bei den meisten ersten Besuchen in meinem Leben inspizierte ich den Empfangsbereich in der Wohnung der Willers genauer. Beinahe hätte ich eine Studie über meine Beobachtungen verfasst. Es interessierte mich einfach brennend. Dieser Flur überraschte mich nicht, weil er mir vertraut, aber auch ein kleines Bisschen fremd vorkam. Zum Beispiel beengte eine Garderobe den Eingangsbereich. Leise hörte ich beide Schwestern mit jemandem in Deutsch tuscheln. Patrizia kehrte zu mir zurück. Samanthas Schwester nahm mir meinen Mantel ab und schubste mich beinahe ihrer älteren Schwester hinterher.
Ihr folgend, betrat ich eine bordeauxrote und vermutlich komplett ausgestattete Küche. Mitten in diesem kleinen Kochparadies sah ich meiner atemberaubenden Freundin in die Augen, die ihre Mutter genüsslich und sehr vertraut herzte. Samantha zwinkerte mir dabei aufmunternd und auch ein wenig flehend zu, nichts zu sagen. Ihr Lächeln schien ihr schon oft die Kraft gegeben zu haben, den Anfeindungen ihres Vaters und Schwagers zu begegnen, wie ich von ihrer Schwester die hiesigen Probleme gerade vorhin beim Mittagessen im Kreise ihrer Arbeitskollegen und des Chefs erfahren hatte. Ihre dunkel geschminkten Augenlider betonten diese wundervollen hoffnungsvollen klaren Pupillen. Als leuchtende Sterne, in denen ein Hauch von Angst flackerte.
Die kleinere Frau mit einem recht modernen Bob-Haarschnitt war noch gut in Form, wie auch meine Mutter. Konfektionsgröße etwas größer als meine Mum. Aber Samanthas Mutter schätzte ich jünger. Die kastanienroten Haare brachten einem schon rücklings ihre Wärme näher. Samantha ließ sie langsam los und drehte ihre Mutter behutsam zu mir um. Schnell polierte ich meinen ganzen Charme auf goldenen Hochglanz. Das Profil von Frau Willer machte mich doch ein bisschen nervöser. Würde sie mich akzeptieren, mir eine Chance geben? Alles an dieser Dame ähnelte sehr Samantha. Ihre Augen hinter der randlosen Brille erfassten mich blitzschnell. Die Pupillen erweiterten sich zu einem Staunen. Ihre Musterung bewirkte bei ihr immer größere Pupillen und letztlich schlug sie beide Hände auf ihre Wangen. Der Mund dieser Dame formte ein unausgesprochenes O. Entweder beeindruckte diese Dame meine stolze Größe, meine Anwesenheit, meine Nase oder auch irgendwas anderes. Schiere Ahnungslosigkeit verbarg ich hinter dem aufrechterhaltenen gewinnenden Lächeln. Mein Charme ging in Startposition. Vielleicht freute sich Samanthas Mutter auch einfach nur, Besuch zu haben.
Samantha beugte sich zu ihr und flüsterte ihr dann auf Englisch hörbar zu: „Das ist George, Mama.“
Aufmerksam blickte diese sympathisch aussehende Frau nur in mein Gesicht. In ihren Jeans und dem beige und braun asymmetrisch gestreiften Sweatshirt bot sich mir eine hübsche Dame, die genauso intelligent auf mich wirkte, wie Samantha. Aber sie hatte warme, wache und braune Augen statt Sammys graublauen. Sowohl die Nase als auch das Kinn hatte sie an Samantha vererbt, während Patrizia ihre Augen und die Gesichtsform mit ihr teilte. Als ihre Hände von ihrem Gesicht nach den Händen ihrer älteren Tochter fassten, merkte ich, dass sie versuchte, sich zu beherrschen. Aha, der Plan der beiden Schwestern war gewesen, mich als Überraschungsmoment oder Geheimwaffe zu nutzen. Diese unglaublich spannende Mutter spielte wohl anstandslos mit, ohne auch nur einmal mit ihren Töchtern gesprochen zu haben. Das erzeugte die Erkenntnis in mir, dass eben jenes Verhalten eigentlich auch bei beiden Schwestern ausgeprägt sein musste, weil diese Kommunikation wortlos erfolgte. Inständig hoffte ich darauf, diese Eigenschaft bis ins hohe Alter miterleben zu können. Blöder Wunsch, wieso wollte ich so etwas Schwülstiges?
Eine Männerstimme von drinnen auf Deutsch: „Wo bleibt ihr denn? Hört auf, euch in der Küche zu verkriechen. Ich will essen.“
Diese fürsorglich wirkende Mutter mit dem weichen Gesicht reichte Patrizia gut gefüllte und liebevoll dekorierte Essensplatten. Dann kam sie auf mich zu und wurde ganz vorsichtig. Samanthas Mutter betrachtete mich von oben bis unten und ich ließ mich von ihr einnehmen. Kurz drehte sie sich zu ihrer Tochter um. Sie flüsterte eine Frage. Samanthas Gesicht zeichnete eine Geschichte voller Liebe. Natürlich bemerkte Samanthas Mutter die Regung im Gesicht ihrer Tochter. Meiner Traumfrau schoss als Reaktion einer Frage ihrer Mutter das Blut ins Gesicht. Die anmutige Schüchternheit meiner Lieblingsberlinerin sog mich in einen Strudel von Wagemut, Ritterlichkeit und unbändigem Stolz. Dem Stolz, heute diese Schöne zurückerobert zu haben. Samantha wäre bestimmt eine wundervolle Mutter geworden.
Samantha nickte ihr zu, nachdem ihre Mutter sie leise gefragte hatte: „Dein neuer Freund?“
Immer noch stand ich, wie ein Baum, einfach so herum. Diese gerührte Dame verunsicherte mich viel zu stark. Nicht einmal mich zu bewegen, getraute ich mich, weil ich diese liebenswerte Frau vielleicht verschreckt hätte. Gespannt wartete ich auf Samanthas Antwort, hoffte unglaublich gespannt auf ein Ja.
Samantha hauchte, mich ängstlich ansehend: „Ja, er ist mein …“
Sie verschluckte sich. Mit dem sympathischsten Lächeln, das ich hervorzaubern konnte, nickte ich.
„Liebhaber“, ergänzte ich frech.
Samantha errötete zusehends. Die Mutter wandte sich wieder mir zu. Als die Hände von Samanthas Mutter nach meinen griffen, bemerkte ich, dass diese warm waren und leicht zitterten. Dadurch wusste ich, dass sie sich genauso unsicher war. Vorhin hatte auch Samantha gezittert. Vermutlich half auch bei ihrer Mutter eine Umarmung? Leicht beugte ich mich vor, ließ meine Hände mit ihren hinter meinem Rücken verschwinden und sie begriff, dass ich sie umarmen wollte. Mir wurde warm um mein Herz, denn in dem kurzen Moment, bevor diese Frau meinen Rücken berührte, nahm ich im linken Augenwinkel das Schließen ihrer Augen wahr. Zwar wusste ich nicht, warum sie mich, einen Unbekannten, streichelte und mich liebkoste, aber es tat uns beiden sehr gut. Eingestehen musste ich mir hingegen, noch niemals so schnell eine Frau in mein Herz geschlossen zu haben. Ein kleines sanftes Stimmchen sagte immer meinen Namen.
„Es freut mich sehr“, brach ich mein Schweigen.
Als ich jetzt Samantha in ihre strahlenden Augen blickte, rannen beinahe Tränen über ihre Wangen. Was für eine tolle Situation. Schon die zweite heute.
Ich vernahm von Samantha beinahe unhörbar: „Claudia“.
Fest stand eines, diese Mutter hier vor mir, war mir sympathisch, ohne auch nur ein Gespräch mit ihr geführt zu haben. Samanthas liebenswürdige Art kam von ihr. Das war so klar, dass ich es sogar vor Gericht als Vererbungsmerkmal durchgehen lassen würde. Samantha stand da und träumte uns beide an. Allerdings freute sie sich vergeblich heimlich, für sich selbst. Bestimmt war diese Begrüßung ein Wunschtraum ihrerseits, mir ihre Mutter nahezubringen, jedoch rechnete sie mit mehr Problemen. Es erinnerte mich an Barbara, die durch ihren langen Aufenthalt in Frankreich solche Rituale auch mir jedes Mal nach einer Wiederkehr zuteilwerden lassen hatte. Anfangs konnte ich damit nicht umgehen, doch schnell wurde ich süchtig nach solchen körperlichen kleinen Kontakten. Meine Mutter würde Samantha bestimmt nicht so schnell in ihr Herz schließen. Da war ich mir sehr sicher. Respektieren ja, das stünde nicht zur Debatte. Zumal, bedachte ich, was sie schon für Jason getan hatte, würde meine Mutter sicherlich honorieren. Mich würde interessieren, wie beide Mütter miteinander auskommen würden. Vom Stand her wäre das vor fünfzig Jahren noch eine Titelzeile in der Sun wert gewesen. Deutsche Familie erobert im Blitzkrieg englische Elite. Ehrlich gesagt, wäre es auch egal, von der Wirkung Samanthas ausgehend, käme es Diana und der Königsfamilie gleich.
Ein Fels in der Brandung
Samantha Willer
Berlin, Oktober 2015, Mittwoch
George lag sich mit meiner Mutter in den Armen. Bei dem Anblick kribbelte meine Nase unaufhörlich und mich überkamen Schauer von warmen Sommerbrisen im Oktober. Solche bildlichen Assoziationen brauchte ich in der derzeitigen Lebensphase so dringend, dass ich erst zufrieden gewesen wäre, wenn ich die Zeit dieses Momentes angehalten hätte, um sie in einem Bild festzuhalten. Sogar seine Augen schloss er beim Umarmen.
Wie süß war er denn noch? Marzipan? Oder gar Nougat?
Noch vor einem Tag hing ich seinetwegen heulend danieder und rang mit mir und meinem Leben. Ehrlich, mein Leben wechselte die Farben wie eine Reklamewand. Es war wie der Picadilly Circus, mal kreischend bunt, mal erdrückend finster. Jetzt stand ich mit dem stattlichen Lord aus London in der Küche meiner Eltern, besser meiner Mutter. Mit einem unglaublich eleganten und intelligenten Schlipsträger mit Manieren und einem ganz zuckersüßen Herz. Verdammt noch mal, es darf nicht enden, nicht demnächst. Ich wünschte mir Wochen, Monate, Jahre mit ihm!
Der Humor und der Sex bedürfen einer dringenden Klärung, schoss es mir durch meinen Kopf.
UBSI!
Meine linke Hand schnellte vor meinen Mund, um nicht laut meine Gefühlsregung kundzutun. Derweil genoss ich es, zuzusehen, wie er meiner Mutter seinen unbändigen und Charme schenkte. Als sich beide lösten, trafen mich seine grünen Augen mit einem Funkeln darin. Auch George imponierte wahrscheinlich unsere Geschwindigkeit gesellschaftlicher Annäherung. Trotz des fehlenden Adelsstandes meiner Familie und der Tatsache, dass er unter Deutschen weilte, hielt er Schritt. Irgendwann hoffte ich darauf, dass er mir erzählen würde, was er in diesem Moment gedacht hatte. Grübelte ich des Öfteren diese gesellschaftlichen Unterschiede betreffend, fand ich bei meiner Recherche Bilder und einige Texte dazu. Zugegebenermaßen stellte ich mich wahrscheinlich ungeschickt an, doch wusste ich nur, dass seine Mutter noch lebte. Wie war sie wohl? Typische englische Lady? Die Zeit für den schweren Teil stand noch bevor. Er würde nun den beiden Männern gegenüber treten. Mir wurde etwas mulmig zumute. Ich hoffte, dass dieser Abend nicht in einer Katastrophe enden würde. Aus dem Wohnzimmer vernahm ich bereits die ungeduldigen Stimmen der mir nicht wohlgesonnenen Männer. Flehen half auch nichts. Ich musste das durchstehen.
Mein Vater fragte mit seiner genervten Stimme lauter: „Wo bleibt ihr denn? Hört auf, euch in der Küche zu verkriechen. Ich will essen.“
Meine Mutter grinste fies. Sie freute sich darauf, mitzuerleben, was dort drinnen in den nächsten Augenblicken geschehen würde. Mit dem vollzähligen Besteck lief Claudia Willer frohlockend einfach los. George, der mir einen sanften Kuss gab, drückte ich einen Korb voller Getränke in seine linke Hand. Es schien, als wollte er mich aufmuntern. Aus dem Ofen schnappte ich mir die bei uns obligatorische warme Platte mit Hühnchen, Würstchen und Gemüsebeilagen, als ich vernahm, wie Marko genervt stöhnte und geräuschvoll aufstand. Mit einem fragenden Blick drehte sich George um.
Marko: „Die schafft es wieder nicht, die Platte termingerecht hereinzutragen.“
Ich flüsterte George schluckend zu: „Geh los, dränge ihn zurück, der wird gleich auftauchen.“
Die angehobenen Augenbrauen mit dem breiten Grinsen sagten mir, dass George etwas improvisieren wollte. Patrizia hob beide Daumen, um seinem Schabernack zuzustimmen. Durch mein bestätigendes Kopfschütteln schaffte es George tatsächlich, sich noch breiter und größer zu machen, was mich beeindruckte. Welch stattliche Statur mein Lord aufgebaut hatte, imponierte nicht nur mir. Patrizia hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Lachen zu verkneifen. Genau jetzt wäre ich am liebsten zu ihm gegangen und hätte ihn weggelockt. Riesig wirkte er nun. Kaum hatte ich die Platte aufgenommen, hörte ich die Schritte des fiesen Schwagers im Flur.
„Samantha, du Schlurfi und …“, verlor er seine Stimme, als er beinahe frontal mit George zusammenstieß.
Das Gesicht Markos befand sich auf Brusthöhe von George. Leider erblickte ich nur schemenhaft den Vorgang. Marko verstummte, wunderte sich, verstand nicht, was genau gerade passierte.
Mein Vater hingegen zeterte beinahe aus dem Wohnzimmer: „Jedes Mal diese Flennerei in der Küche vorher.“
George lief langsam vorwärts und drängelte zum Wohnzimmer zurück. Das erinnerte mich irgendwie an Klaatus Gort, den Roboterkoloss aus „Der Tag, an dem die Erde stillstand“. Hatte ich das richtig gesehen, dass George Marko keines Blickes würdigte und auch keine Miene verzog? Sein linkes Bein schritt voran. Wie Gort eben. Marko blieb gar nichts anderes übrig. Er wich zurück. Mich ärgerte es, dass es davon keinen Film geben würde. Innerlich jedoch, entspannte ich mich ein wenig.
Mein Vater plärrte wieder: „Nicht mal zählen könnt ihr, das ist ein Gedeck zu viel. Zählen müsste man schon können, zumindest die Samantha hätte das lernen müssen.“
War ja wieder typisch. Ich hatte den Tisch nicht eingedeckt, bekam aber wieder die Schuld angetackert. Mein griesgrämiger Vater bekam gar nicht mit, wie George den immer noch perplexen und rückwärts stolpernden Marko ins Wohnzimmer scheuchte. Den Mann meiner Schwester beeindruckte und überraschte die Erscheinung meines Lieblingslords. Einen Schritt nach dem anderen. Unbeirrt. Eindeutig erkannte ich das verdrängte Lachen Patrizias und meiner Mama, die beide dem Schauspiel beiwohnten. George wirkte stark, riesig und seriös, jedoch auch unnachgiebig. Trotzdem prägte sich mir George als humorvoll und verspielt ein, wie ein richtiger Vater eben so sein sollte.
Das erregte mich? Wirklich?
Hatte ich eben einen Vater in ihm gesehen? Oder doch nur meinen verspielten Liebhaber? Es war doch egal, oder? Aber hier stand George für mich ein. Ein Kribbeln im Bauch setzte ein. Warme Wellen durchflossen meinen ganzen Oberkörper, wie ein leichter Hauch eines Windes im heißen Sommer. Schon wieder. Nun bekam Marko unausweichlich die einzige Möglichkeit, sich zu setzen. George stand im Rücken meines Vaters und vor mir harrte der hünenhafte Lord einen kurzen Moment aus. Trotzdem konzentrierte ich mich einfach auf die letzte Bemerkung meines Vaters. Ich war über seine Bemerkung in der Gegenwart von George plötzlich sehr erbost. Egal, ob mein Gort diese deutschen Worte verstanden hatte oder nicht.
Mein aufkommendes Hochgefühl plus dem Ärger in Form eines Spruches, verlieh mir den unbändigen Willen auf Entgegnung, besser auf Deutsch: „Bevor du andere Menschen der Idiotie bezichtigst, solltest du erst testen, ob du nicht selbst der größere Idiot bist!“
Mein Vater drehte sich postwendend um. Doch es schien, als würde George nur anhand der Klangfarbe meiner Sprache wissen, welche Pose angebracht wäre. Beide Männer standen sich eine halbe Armlänge entfernt gegenüber. Zwölf Zentimeter Höhenunterschied glich George mit einer gnadenlos humorvollen Geste aus. Ganz langsam neigte er den Kopf nach unten. Dieser Gesichtsausdruck charakterisierte ein britisches I-am-not-amused-Gefühl. Seine Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, wie Wolken bei einem aufziehenden Gewitter. Dieser Blick durchdrang sicherlich nahezu jedes Pokerface. Solch ein Augenblick entlockte meinerseits beinahe ein Stöhnen, so erregt war ich. Meine Frechheit ging komplett unter. Das kannte ich gar nicht. Durch die spiegelnde Scheibe der Vitrine verfolgte ich das Schauspiel von meinem Gort. Genau das brauchte ich, um nicht vollkommen verunsichert zu sein.
Herrje, George, wie viel Hurra schenkst du mir noch?
„Wenn du nicht mit uns speisen magst, steht es dir frei, an diesem Tisch nicht mit uns Platz zu nehmen, VATER!“, hörte ich Patrizia mit einer unglaublich ironischen Stimme sagen.
„Wer sind Sie denn?“, fragte dieser etwas panisch, denn George stand immer noch einfach nur regungslos da.
Langsam fand ich das albern. Duell zweier erwachsener Männer im Wohnzimmer ist und bleibt kindisch. Dringend war es notwendig, dass ich ernst blieb. Wenn mein Gort ebenfalls solche eine Wirkung wie im Film bei diesem Familientreffen haben sollte, wäre ich auf den Verlauf enorm gespannt. Sollte George jetzt den Mund öffnen und irgendwas seltsames geschehen, würde ich schallend loslachen. Dieses verdammte Kichern kitzelte mein Gehirn. Marko starrte immer noch George von der Seite an. Nun wollte ich unbedingt noch einmal provozieren.
„Dieser Hüne ist mein Beschützer“, kam es sehr mädchenhaft aus mir heraus.
Verdammtes Kichern, es wollte raus und es kitzelte überall. In der Stirn, in der Nase, in der Lunge und im Herzen. Damit ich nicht ganz aus dem Rahmen fiel, musste ich endlich diese Situation auflösen. Vorsichtig tippte ich George auf die Schulter. Er reagierte. Meinem englischen Hünen bot ich, als angeblich braves Mädchen, charmant und ganz unwissend Vaters Stammplatz an. Mein Vater glotze mich fassungslos an, als flöge eine Kuh vor ihm Pirouetten und kleine Schweinchen sangen Polka dazu. Auf diesem mir bisher so verhassten Platz saß mein ungehobelter Vater, seit dieses Zimmer eingerichtet wurde als Oberhaupt und Richter über mich und meinem Lebensstil.
Ich konnte einfach meinen Humor nicht bändigen: „Komm, hier lag kein Handtuch.“
George begann endlich zu grinsen. Zwar versuchte er, es zu unterdrücken, doch vermutete ich, dass er schon die gesamte Zeit bemerkt hatte, dass ich kurz vor einem hysterischen Lachanfall stand. Oder konnte er etwa doch ein wenig Deutsch? So viel mentales Chaos vertrugen diese beiden Wichtigtuer nicht. Mein über sechs Fuß großer George sah mit seinen immer noch angespannten Schultern und der starken Brust aus, als hätte er einen riesigen Atlas zum Mittag im Ganzen verspeist. Oder eine Panzerung in seinem perfekt passenden Anzug eingenäht. Das wirkte so omnipräsent und auch irre attraktiv auf mich, dass ich anfing, automatisch nach seiner Hand zu greifen. Bei der Berührung seiner warmen Haut durchflutete eine Hitzewelle meinen Körper, doch dieses Mal vom Kopf hinunter durch meinen Busen, weiter durch meinen vollkommen nervösen Magen und zwischen meinen Beinen endend.
Bitte nicht allzu erregt werden.
Langsam drehte George seinen Kopf zu mir. Und ich vermutete, er wollte das erste Mal zwinkern, seit er diesen Raum betreten hatte. Was für ein Mann. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Es erregte mich. Entgegen seinem spartanischen Auftreten funkelten seine Augen und brannten sich in den meinen fest. Ein Tunnel bildete sich in meinem Blick, mein Herz versuchte, auszubrechen und die Emotionen schwankten zwischen Angst, Verlegenheit und Fassungslosigkeit.
Ich will mit dir … Jetzt! Hier! Auf dem Tisch! Oh weh, ich wollte ihn. Fliehen wäre super!
Gerade noch so erwischte ich die nächste Abfahrt der Autobahn des Wahnsinns, während es in meinem Kopf bereits Alarm schrie. An dieser Stelle gebe ich offen zu, dass sich auch noch andere Wünsche als Sprachfetzen bildeten. Der Schock über meine Sehnsüchte überraschte mich dennoch. Es blitzten auch ab und an Wörter mit den unanständigen drei Buchstaben auf. Meine Güte, ich hatte arg zu kämpfen, mich zu zügeln. George detektierte ich eindeutig als ein Opfer für mich. Seine Anwesenheit übertünchte vollständig meine übliche Befangenheit. Wischte die ewige Benommenheit beiseite und weckte in mir Begehrlichkeiten.
George blickte zu Patrizia und zu meiner Mutter mit einer angehobenen Augenbraue. Dunkelheit überschattete sein Gesicht beim Anblick Markos und meines Vaters namens Peter. Nun setzte sich mein Vater wütend dreinblickend, samt abgeräumten Gedeck wieder hin. Während Patrizia schelmisch ihren Mann beobachtete, glotzten also Marko und Peter angriffslustig zu George. Nachdem ich die warme Platte auf dem Tisch positioniert hatte, setzte ich mich neben George, normalerweise der Stammplatz von Marko, der sich neben Patrizia niedergelassen hatte. Ich hielt meine Schnauze, weil ich erleben wollte, wie beide auf diesen neuen Spieler am Tisch reagierten.
„Beantworten Sie mal meine Frage? Wer sind Sie?“, forderte mein Vater George ungeduldig und vergeblich auf, sich zu offenbaren.
Allerdings fragte er auf Deutsch. Somit drehte ich meinen Kopf, um George anzusehen. Weil der jedoch erst meinen Vater, dann Marko ins Visier nahm und letztlich mich mit gehobenen Augenbrauen fragend ansah, erwartete er natürlich eine Übersetzung. Für genau diesen Augenblick war die förmliche Kleidung von George gerade passend. Diplomat fiel mir ein, staatsmännisch und gediegen. Doch die weiterhin schwelende negative Stimmung verwirrte mich. Ohne nachzudenken, legte ich meine Hand auf seine. Mein Herz hüpfte ganz kurz zweimal. George reagierte mit einem kurzen Zucken um seine Mundwinkel zur Zimmerdecke und ich beugte mich vor, um seiner Geste entgegenzukommen. Ganz nah war ich seinem Ohr und roch dieses markante Deodorant.
„Lieber George, mein Vater versucht zu erfahren, wer du bist“, dolmetschte ich ins Englische.
Er senkte seine Augenbrauen. Hob sie beide wieder an. Allerdings änderte sich seine Mimik keineswegs. Langsam wandte sich mein Lord meinem Vater zu. Der Hals zerrte dabei nicht ein bisschen am Hemdkragen.
George verblüffte alle mit stoischer Etikette: „Wer ich bin, dürfte als Vorstellung nicht dem Protokoll angemessen sein. Aber ich kann meinen Namen preisgeben, George“.
Dann aber fragte er mich in einem sehr lockeren leisen Tonfall, „Entschuldige, darf ich dies überhaupt tun?“
Vor lauter Ironie biss ich mir auf meine Unterlippe. Dieses ungewohnt amüsante Theaterspielchen machte George sichtlich Spaß. Also übertrug ich seine Bemerkung für meinen Vater ins Deutsche. Woraufhin sich George ein wenig entspannte. Meine Mutter stand auf und balancierte mit einer der Platten voller Schnittchen und Beilagen zu meinem Londoner Hünen. Wahrscheinlich versuchte Claudia, diese anfängliche erlebte gute Laune zu retten. Das kannte ich so gar nicht von ihr. Meine Mutter mochte George anscheinend sehr.
Sie bot George eine Auswahl von Schnittchen an und fragte: „Lieber George, möchten Sie einen Happen?“
„Gerne, Mylady“, antwortete er britisch.
Prompt drehte sich Patrizia weg, weil sie anfing zu lachen. Erst verhalten, dann unterdrückte sie es wieder. George nahm sich dezent aber elegant zwei belegte Brötchen, eines mit Lachs und eines mit Kräuterquark mit Messer und Gabel von der Servierplatte. Alle staunten, mit welcher Sicherheit und Eleganz dies geschah. Woraufhin meine Londoner Eroberung warm lächelte und hoheitsvoll nickte. Meine Mutter genoss diesen Augenblick sichtlich, errötete jedoch leicht, bevor sie wieder zu ihrem Platz retournierte, um die Platte auf den gedeckten Tisch zurückzustellen. Geschwind erhob sich George, griff helfend mit seinen langen Armen nach der Platte. Galant setzte er diese auf den freien Platz auf dem Tisch ab. Fasziniert merkte ich, dass Marko ihn weiterhin argwöhnisch beobachtete. Als meine Mutter sich gesetzt hatte, hob George ihre Hand und kredenzte ihr einen anerkennenden Handkuss. Meine Mutter knickste automatisch. Prompt reagierte mein Vater ungehalten und versetzte die eben abgestellte Platte, irgendetwas vor sich hin brabbelnd, mehr zur Tischmitte. Auch Marko atmete missbilligend ein und aus. Leider verstand ich nicht, was genau zwischen den Männern vorging. So suchte ich Blickkontakt zu Patrizia. Diese zwielichtige Stimmung verunsicherte mich doch erheblich. Meine Schwester hob leicht irritiert ihre Schultern, als wir einander ansahen.
Mein Vater: „War ja klar, dass meine älteste Tochter einfach einen Fremden zu ihrer Beruhigung mitbringt. Hofft, von ihrer vergebenen Bringschuld abzulenken. Ist ja einfacher.“
Geschockt versteifte ich mich und saugte die plötzlich zu Eiseskälte abgekühlte Luft ein. Patrizia jaulte leise auf, während meine Mutter mit hochrotem Kopf begann, sich ihres Mannes zu schämen. George blickte in die Runde und fixierte den nickenden Marko. Unwillkürlich verfinsterte sich der Blick des Lords, ignorierte nun das mittlerweile stehende Familienoberhaupt der Willers, um den Schwager genau in Augenschein zu nehmen.
George erhob sich und beugte sich zu meinem Vater ein klein wenig hinab: „Meine Erfahrungen von den Begegnungen mit Deutschen empfand ich immer als respektvoll. Doch solche despektierlichen Gesten befremden mich. Eine Vorstellung des Gastgebers setze ich voraus, bevor ich auch nur im entferntesten daran denken würde, eine höfliche Konversation zu eröffnen. Auch ist es im europäischen Kontext Usus, dass der Hausherr die Gäste begrüßt.“
Diese Stimme durchdrang mit einer Präsenz das Familientreffen, als schnitt jemand eine grüne Gurke mit einem scharfen Messer. Unvorbereitet durchfuhr mich ein Schauer. Niemand musste verstehen, was George gesagt hatte, es reichte, seiner Betonung und Stimmlage gewahr zu werden. Vermutlich müsste ich mich gleich entscheiden, ob ich weiterhin einen Vater und einen Schwager zu meinem Familienkreis zählen würde. Meine Entscheidung stünde sehr schnell fest. Obwohl ich mir unsicher gewesen wäre, welche Zukunft sich mir eröffnete. Mein Herz raste bei der Vorstellung, panische Gedanken projizierten beinahe Albträume vor meine Augen. Mitten in diesem heftigen Erlebnis verließ George einfach das Wohnzimmer. Sofort fingen Patrizia und Mama an zu tuscheln. Mein Lord würde doch nicht ohne mich die Wohnung verlassen, wie ein Feigling? Allerdings stünde dies einem Familienvater eher schlecht zu Gesicht. Langsam fasste ich Mut und spendierte dem Lord ein Vertrauensguthaben.
Sollte ich ihm hinterherlaufen?
Fieberhaft blickte ich zwischen Tür und meinem Teller hin und her, dauernd versuchte ich, zu entscheiden, ob ich ihm folgen oder brav verweilen sollte. Ich zuckte zusammen, als meine Schwester mich zurückhielt, indem sie unter dem Tisch meinen Oberschenkel mit ihrer Hand festhielt. Meine Mutter gab die Aussage von George mit einem verächtlichen Ton, der mich frösteln ließ, auf Deutsch wieder.
Aber George! Ich muss doch hinterher.
Meine Augen erblickten einen mich beobachtenden, viel größer wirkenden und wissenden Mann im Türrahmen. Sein stummer Vorwurf brachte meine Zwietracht zum Verstummen. Vor Kraft strotzend, ein raumfüllendes Charisma und eine Coolness, als wäre nichts geschehen, kehrte Lord Haggerthon mit zwei mir bekannten Flaschen in seiner Hand zurück. Wir hatten doch Wein mitgebracht und vergaßen, unser Geschenk mit einzubringen. Jemand seufzte auf. Und ich hörte ihn „God save the Queen“ summen. Kaum stand er neben mir, verstummten alle Geräusche im Zimmer.
„Immer noch da“, sagte mein Vater kleinlaut.
Mein neuer Freund war nicht geflohen, wie ich es mehrmals getan hatte. Wünschenswerter verlief bisher keine meiner letzten Bekanntschaften mit Männern. Die Möglichkeit, dass George mir zugehört hatte, baute in mir einen Funken Hoffnung auf. Ein kleines entspannendes Seufzen entfuhr mir, während ich meine Schwester lächeln sah.
„Briten tun immer seltsame Dinge und geben oft vor, als wären sie alle irgendwie besser oder von Adel“, versuchte Marko, sich zu produzieren.
Seine Fehler bei anderen suchen, nervte nicht nur mich an Marko. Na gut, dachte ich mir, warte ich ab, wie sich das entwickelt. Irgendwie keimte das Körnchen Zuversicht, diesen Abend glimpflich überstehen zu können. Entwickelte sich noch. George widmete sich besonnen einer der mitgebrachten Flaschen Wein mit einem Korkenzieher. Erstaunlich, mit welcher professionellen Leichtigkeit der Korken herausploppte. Dann griff Lord Haggerthon nach einer Serviette und wickelte diese um den Kelch der Flasche. Das Ploppen bewirkte bei mir einen regelrechten Startschuss. Nun fasste ich endgültig den Mut und verteidigte ihn.
„Manche Briten haben einen Adelstitel oder bekleiden eben eine Position in politischen Ämtern. Ich würde nicht so oberflächlich sein, Marko!“, erwiderte ich überraschend sicher der Anspielung.
Ehrlich gesagt, fühlte ich mich in die Enge gedrängt. Unglaublich schnell stand George mit dem Chardonnay hinter meiner Mutter, bot ihr einen kleinen Schluck in ihrem Schoppen an und wartete ihre Meinung ab. Meine Mutter nippte an der kredenzten Weinprobe. Ihre Ohren erröteten leicht, was sie mit einem Nicken und angehobenen Augenbrauen wohlwollend quittierte. Diese Schüchternheit meiner Mutter durchlebte ich auch schon. Der Wein mundete ihr merklich vorzüglich. Völlig nebensächlich inkrementierte George dieser schnöden Runde Eleganz und Esprit. Claudia neigte sich leicht und begann zu lächeln. Bevor sie einen weiteren Schluck zu sich nahm, nickte George. Uns drei Frauen begann er, den Weißwein einzuschenken. In dieser Rolle blieb er steif und verschränkte den linken Arm stilvoll hinter seinem Rücken. Diese leicht graumelierten Schläfen und der perfekte Haarschnitt wirkten unglaublich anziehend auf mich, wo ich doch eigentlich gelackte Schönlinge seit geraumer Zeit verachtet hatte. Langsam brachte mich mein lieber George um den Verstand, obwohl ich immer noch ein bisschen sauer auf ihn war. Hundert Prozent vertraute ich keinem Mann mehr, lautete eines meiner Mantras.
„Als Kellner brauchen Sie hier keine Etikette. Ich vermute mal, Sie sind ein ganz normaler Engländer, wahrscheinlich auch Informatiker. Bloß ein Kollege von Samantha“, reklamierte Marko in Englisch, seines Sieges bewusst.
Das Knistern in der Luft intensivierte sich merklich. Ich hoffte immer noch inständig, die sich anbahnenden Handgreiflichkeiten blieben aus. Es war wie bestes Tennis. Nun retournierte George, sodass ich beinahe vom Stuhl rutschte.
„Es tut mir leid, aber eine Expertise der Rechentechnik befindet sich nicht im Repertoire meiner Ausbildung. Nur ab und an sind Titel wichtig, um bestimmte Regeln und Voraussetzungen zu bekunden. Bin ich unter Freunden, verzichte ich lieber auf diese Förmlichkeiten“, trieb er Marko in die nächste Ecke.
Patrizia hielt sich zurück, sie schüttelte nur leicht den Kopf, ließ George seelenruhig gewähren. Eben erfuhr Marko eine versteckte diplomatische Zurechtweisung und auch eine Missbilligung seines Verhaltens. Sogar ein verkapptes Freundschaftsangebot interpretierte ich hinein. Wie raffiniert. Meine Schwester genoss es, wie ich auch. Sie lehnte sich zurück und betrachtete aufmerksam den abwägenden Ehemann. Sollte ich eingreifen, ohne es plump aussehen zu lassen?
Meine Mutter fragte interessiert: „Wie heißen Sie denn wirklich?“
Mit einem charmanten Lächeln erwiderte mein Lord ungewohnt förmlich: „Für Sie George. Mein Familienname lautet Haggerthon.“
Marko, der typisch in die Kerbe schlug, wollte nun Klarheit: „Ich denke doch, ich rede Sie korrekt als Herr Haggerthon an.“
Nun tat sich die Lücke perfekt auf, durch die ich eingreifen konnte. Sogar Marko musste doch endlich befreit werden und ich durfte ihm aus der Patsche helfen.
„Nein, tut mir leid, Marko“, warf ich ein.
Woraufhin meine Mutter und auch Marko mich überrascht anstarrten. Mein Vater musterte die ganze Zeit fast schon feindselig George. Die englische Sprache kanzelte meinen Vater ab.
„Wie denn dann?“, zickte mich Marko ungeduldig an.
Männliches Zicken empfand ich als unsexy. Selbst bei uns Frauen war das ausschließlich bei Hormonschwankungen entschuldbar. Doch hier pumpten zwei Männer sinnlos Testosteron in die Luft. Und einer saß einfach nur da, kochte im eigenen Saft und schmiedete Pläne. Alle Frauen in diesem Theaterstück wohnten als Zuschauerinnen bei. Nun holte ich aber Luft.
„Das ist einfach, Marko. Mein Freund lautet mit voller Anrede: Eure Lordschaft Earl George Haggerthon, Mitglied des House of Lords. Das kommt der korrekten Anrede sehr nahe, oder?“, offenbarte ich den Titel vom Lord George.
Der erwiderte meinen hoffnungsvollen Blick mit leuchtenden Augen: „Eure Lordschaft Earl of Haggerthon dankt Madame verbindlichst. Wenn Sie, Samantha, so frei wären, mich zu entschuldigen, um dieser Konversation einige Ausführungen hinzufügen zu dürfen?“
Während dieses Ausspruches hatte George Haltung angenommen. Patrizia hielt sich amüsiert die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu verkneifen. Aus meinem Hals nahm ich ein lustiges Glucksen wahr.
Oh meine Güte. Jetzt lief es aber stark in Richtung Komödie.
Allerdings beugte sich George zu mir hinab, nachdem er sich sein Glas als Abschluss seiner kurzzeitigen Tätigkeit eines unterhaltsamen Sommeliers eingegossen hatte. Vermutlich als Eigenlob näherte er sich mir elegant und gab mir einen sanften langen Kuss auf die Wange. Diese kurze Zeit, da ich seinem Duft wieder gewahr wurde, merkte ich dieses Prickeln in mir. Oh nein, meine Brustwarzen versteiften sich auch noch. Heftig kämpfte ich um Beherrschung. Ablenkung erkannte ich als die einzige Methode, heil aus der Situation heraus zu gelangen. Samantha, das Hormonfrettchen,schoss es mir entsetzt durch den Kopf. Erst im Moment nach meinem inneren Entsetzen erkannte ich, dass Lord Haggerthon himself mittlerweile das Familientreffen steuerte. Der englische Politiker dominierte und lenkte bereits unser Familientreffen, was ich ihm noch vor zwei Wochen nie im Leben zugetraut hätte. Diplomatie in perfekter Harmonie? Er spielte mit uns allen, als wären wir Schachfiguren. Dabei fühlte ich mich noch nicht einmal ein klein wenig benutzt. Daran merkte ich, wie viel ich noch über Earl George Haggerthon lernen musste. Diplomatisch grandios, fand ich.
„Sehen Sie, Herr Michaels, Marko richtig? Es scheint so, als müsste ich mit offizieller Anrede sehr viel mehr erklären. Sie fragen sich doch nun bestimmt, wie Sie mich anreden sollen oder welches Benehmen dazu führen könnte, dass ich Sie maßregeln müsste. Eben weil es sich mir gebietet, euch als Samanthas Familie nahe zu sein, verzichtete ich auf unnötige Etikette. Familientreffen stellen sich mir als wichtiges soziales Instrument dar. Deshalb war ich so froh, hier sein zu dürfen. Freundschaftliche Umgangsformen im Kreis der Familie der Frau an meiner Seite, der ich versuche, auf Augenhöhe zu begegnen, fand ich als sehr passend. Alles andere hat etwas mit Respekt und Stil zu tun“, hörte ich meinen großen Engländer, Familienoberhaupt, Vater und Außnahmeschlipsträger säuseln. Schach. Marko war festgenagelt. Und George kleidete sich nicht nur mit diesem Schlips, er nutzte ihn aus. Es war sein persönlicher kultureller Sklave. Meine Bewunderung wuchs mit meinem Wunsch, ihn nicht mehr loslassen zu wollen.
Meine Schwester beugte sich zu mir und flüsterte in einem erstaunten Ton: „Mann, George ist echt gut. Er hat mit einer Einfachheit die Kontrolle übernommen, dass ich Gänsehaut bekomme.“
Natürlich nickte ich lächelnd meiner Schwester zustimmend zu. Meine Mutter dolmetschte ihrem schnaubenden Mann die Konversation. Das Wort Stil hauchte Patrizia noch einmal hörbar in die Runde. Alle schienen verstanden zu haben, was sie andeutete. Sie forderte erwartete Offenheit ein. Ihr Mann fand das gar nicht amüsant und mein Vater driftete in irgendwelche Erinnerungen ab, was man ihm ansah. Auch mir ging gerade die viel gerühmte Realität verloren. Mein Schwärmen, bei dem ich mir in einer mädchenhaften Fantasie zusammensabbern wollte, wie es mit den Haggerthons weiterging, lenkte mich bestens ab.
Mein Vater drängte nun wieder zu einer ganz wichtigen Frage, dachte er: „Lord Haggerthon. In welcher Beziehung stehen Sie zu meiner Tochter?“
Ritscheratsche, sägte mein Vater mal wieder mein Gutfinden einfach radikal ab. Warum nur war er dermaßen unsensibel zu mir? Hatte er vergessen, mich gerne zu haben? Schwach erinnerte ich mich an meine frühe Kindheit. Die gemeinsamen liebevollen Stunden mit ihm entzweiten meine Meinung zu Peter Willer. Was war nur geschehen, dass mein Vater mich nicht mehr mochte? Ich dolmetschte meinem Londoner diese komische Frage, obwohl die Geste meines Vaters unmissverständlich den Inhalt seiner Frage unterstrichen hatte.
Nun kroch der Humor von George hervor, indem er lächelnd antwortete: „In einer sehr frischen, bunten und herzlichen Beziehung, Herr Willer.“
In diesem Augenblick schoss ein Anblick der unterschiedlichsten Blumen des Waldes durch meinen Kopf, die ich als Biene auf einer Sommerwiese in mitten eines Waldes ansteuerte. Diese Farben und den Geruch konnte ich sehr gut beschreiben. Erst auf dem Habichtskraut, dann hinübergesummt zur Erika. Es war ein Gefühl der inneren Schönheit. Labkraut und Sauerampfer erfüllten mich vollends als kleine Biene mit jenem Gefühl. Beinahe begann ich wirklich mit dem Summen anzufangen. Der Wind strich über die blühende Wiese. Ganz sanft wehte er mich ohne Aufwand von Blume zu Blume. Jeder Windstoß ließ es wie eine Orgelweise anhören.
Das Lachen aller, außer dem meines Vaters, hallte noch nach, klang aber durch die Reaktion meines Vaters nach der Erläuterung meiner Schwester aus. Meine Mutter lächelte glücklich. Vielleicht schlängelte ich mich durch diesen Abend ohne weitere peinlichen Momente. Ich war gerade unbeschreiblich glücklich, weil George mir Kraft gab und mir Halt an meiner Seite garantierte. Nur schwer kehrte ich in die Normalität zurück. Doch etwas machte mich doch noch unruhig. Mein Vater meldete sich kommunikativ zurück, nachdem er sein erstes Mettbrötchen trotzig verspeist hatte. Leider ein Thema, was ihm wieder mal so brennend auf der Zunge lag. Nun würden George und ich erfahren, wie mein Vater denn das alles verarbeitete.
„Nun, wussten Sie, LORD HÄGGAZON, dass meine Tochter keine Kinder will?“, dachte er, meinen Lord schockieren zu können.
Zuerst moserte meine Mutter meinen Vater mit einem Zischen wie eine Ladung Tabasco an, wobei Patrizia blasser wurde. Marko zog überraschenderweise die Augenbrauen zusammen. In mir spannte sich alles an. So schnell von Wohlgefallen in leichte Panik zu verfallen, tat meinem Kreislauf nicht gut. Da war sie, meine schlimmste Pein. Ein Schamgefühl umklammerte mich wie eine Zwangsjacke.
Nach der zögerlichen, eher instinktiven englischen Wiedergabe meinerseits, konterte George so unvermittelt ohne Denkpause für alle, inklusive mir: „Keine Kinder möchte? Dem widerspreche ich ganz und gar.“
Es gab zwei Lager, meine Mutter, Marko und Peter auf der unwissenden Seite und meine Schwester mit mir auf der angespannten wissenden Seite. Vollkommen steif stierte ich auf die Tischdecke, weil ich mich nicht mehr zu rühren wagte. Nein, nicht mehr rühren konnte. Jetzt fühlte ich mich genauso, wie damals, als mich dieser blöde Dimitri unbedingt fesseln musste, weil er sonst seine blöden erotischen Machtspielchen nicht genießen konnte. Ein weiteres dunkles Geheimnis in meiner unentdeckten Vergangenheit.
Jennys bessere Hälfte
Olivia Haggerthon
London, Oktober 2015, Mittwoch
Da saß ich nun in meinem Zimmer und dachte an Dad, der gerade auf Liebesmission in Berlin versuchte, Samantha zurückzuerobern. Zweifel an der Trennung der beiden, warum die beiden auseinandergegangen waren, wurmten meine Eingeweide. Bestimmt steckte mein Dad dahinter. Oft genug war er gefühlsblind oder begriff einfach nicht, warum es Menschen mit Hintergedanken gab. Gestern kam er nach meinen erneuten Fragen zu seinem Plan zu mir. Echt, zu mir. Weder zu Jason noch zu Jennifer, sondern zu mir. Nach ewigem Grübeln vermutete ich, weil ich einen Draht zu Samantha aufgebaut hatte?
Vor zwei Monaten wäre solch ein Nachfragen undenkbar gewesen. Seltsamerweise mochte ich diese Frau aus Berlin einfach. Mystik umschwärmte sie, denn Samantha war keine Tussi, keine verknöcherte Lady, keine durchgeknallte Pseudolehrerin und auch keine dieser Besserwisserinnen. Weshalb ich so empfand, wusste ich dennoch nicht. Aber in mir rumorte es unbestimmt. Eben erinnerte ich mich an einen Teil aus „Rubinrot“ und schlussfolgerte für mich, dass sie eine wirklich tolle Mutter wäre. Hinzukam, dass diese Berlinerin ziemlich hübsch war. Na ja, für so eine alte Frau eben. In dem Alter sehe ich bestimmt total daneben aus, trage komische Kostüme mit violetten gelockten Haaren. Eigentlich hatte ich ein vollkommen falsches Bild von über vierzigjährigen Frauen. Ihr sah man das Alter überhaupt nicht an. Zwar wusste ich nicht genau, was sie alles mochte und anzog, doch gierte ich danach, all dies herauszufinden. Dieser Frau musste ich auf den Zahn fühlen, entschied ich leicht debil grinsend.
Am Nachmittag kam Dad und klopfte stilecht dreimal an meine Tür, was mich erfreut aus meinem Sessel aufschrecken ließ. Gerade als ich ihn zum Sessel führen wollte, schloss er hinter sich noch sehr sorgfältig die Tür. Zwei Minuten hockte er bereits vor mir und sinnierte über unausgesprochene Rätsel, während er ab und an aufblickte und mir seine Aufmerksamkeit schenkte. Wohingegen ich im Schneidersitz auf meinem Bett saß, mein „Saphirblau“ in der Hand hielt und auf die Spieleröffnung des Earls of Haggerthon wartete.
„Also, ich“, verstummte er danach wieder.
Es reichte mir aber langsam, weshalb ich ungeduldig nachhakte: „Dad, raus damit, ich bin deine Tochter, du weißt schon, die kleinste, verkorkste und total komische Haggerthon-Tochter. Egal was es ist, ich verkrafte das schon.“
Er begann zu grinsen, nickte mit dem Kopf und hielt mir seine Hand hin. Dann holte er Luft und hörte auf, mit den Fingern auf der Sessellehne Kreise zu zeichnen. Gleich darauf drehte er sich frontal zu mir. Manchmal ängstigte mich dieser riesige Mann wirklich. Trotz seines Alters konnte er mich tragen, was ich mitunter urkomisch fand, mich aber auch beeindruckte.
„Livi, meine Süße, morgen fliege ich nach Berlin, um Samantha zurückzuerobern. Leider weiß ich nicht, wie ich es anstellen soll“, teilte er mir seine Sorgen mit.
Perplex dachte ich erst darüber nach, ob ich träumte oder ein Wunschdenken mir etwas vorgaukelte. Wusste er wirklich nicht, wie er sie zurückerobern sollte? Seine Augen blickten mich erwartungsvoll an. Kurz dachte ich nach, dann erinnerte ich mich an meine Geschichten, die ich gelesen hatte und an Samantha.
„Einfach alles tun, was dich berührt. Samantha ist doch intelligent und sah nicht danach aus, auf Etikette pochen zu müssen. Oder liege ich etwa falsch?“, sprudelte es aus mir heraus.
Dann fragte mein Dad unsicher: „Blumen, Konfekt oder Champagner? Am besten alles, oder?“
Pikiert ranzte ich ihn an: „Hää? Bist du ein Klon oder wirklich mein Vater? Also was tat sie für uns?“
Mein Vater zuckte mit den Schultern, was mich vollkommen schockierte. So blind konnte er doch nicht gewesen sein.
Musste ich ihm das also wirklich in Erinnerung rufen: „Sie ist für uns da gewesen und wollte dir helfen. Also vergiss mal solche blöden Geschenke. Und woher willst du wissen, was sie mag?“
„Du hast das auch so gesehen?“, tippte er sich mit seinem linken Zeigefinger bedächtig auf seine Lippen.
Oh nein, Männer sind manchmal wirklich nicht zu beneiden. Solch eine Blindheit hab ich in unserer Familie noch nicht erlebt. Vielleicht bedeutet das ja Verliebtsein.
Mist, dann will ich lieber nicht verliebt sein.
Konnte aber auch auf Vitaminmangel hindeuten. Besser erst einmal langsam vortasten.
„Geht es dir gut? Hast du gut gegessen?“, erntete ich auf meine Frage ein erstauntes Nicken.
„Besoffen bist du auch nicht?“, war gar keine gute Frage, weil die Nase vom Lord George versuchte, abzuheben.
Achseln und Arme hebend, versuchte ich, auf unschuldig zu machen und fragte ganz vorsichtig: „Verliebt?“
Kurz zuckte ich zusammen, weil dieser Lulatsch aufsprang, sich wegdrehte und kurz auf und ab lief, aber letztlich mich breit grinsend ansah: „Oh je, ich glaube schon!“
Erschrocken aber auch erleichtert fügte ich meiner Vermutung schnell hinzu: „Au Backe! Also zuerst tu das, was dein Herz dir sagt, sobald Samantha in deiner Nähe ist. Bitte, bitte, drehe nicht durch und behalte deinen Kopf da oben, okay?“
Verliebter Dad in Berlin, wer weiß, wie das enden wird.
Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass Samantha ihn dazu bringt, um sie zu kämpfen. Hoffentlich baute er keinen Blödsinn, wie die Jungs in unserer Schule. Mir kamen Bilder von Gefängnissen in den Sinn, weil diese Streiche und gegenseitigen Mutproben sehr unsinnig gewesen waren, die ich beobachten musste. Wenn so ein Junge schon solch ein grenzwertiges Verhalten zeigte, welches Schauspiel bot wohl so ein riesiger verliebter Mann dann? Fand ich das eigentlich gut, was ich ihm riet?
„Das werde ich tun. Ein wenig kenne ich Samantha schon. Und ich werde es nutzen müssen. Meinst du, ihr drei Musketierchen steht zu ihr?“, wollte Dad mich aushorchen.
Da drängelte sich wieder diese eine Frage auf, die ich gleich meinen Dad entgegenschleuderte: „Warum ich? Warum fragst du mich?“
Genau in diesem Augenblick erstrahlte sein ganzes Gesicht und er sagte ganz ruhig: „Weil du deiner Mum am ähnlichsten bist. So einfach ist es. Und damit, ahne ich, was ich tun muss. Danke, Braunlöckchen.“
Kurz umarmte er mich. Doch ich hatte genug von dieser Besorgnis uns drei betreffend, seiner Unwissenheit für seine Gefühle und schob ihn aus meinem Zimmer. Er lachte, steckte mich damit an und so endete einer der krassesten Dialoge zwischen meinem Vater und mir. Seine letzte Antwort hatte mich erstaunlicherweise glücklich gemacht. Doch kurz darauf bekam ich eine Nachricht. Diese Nachricht holte mich zurück in die Wirklichkeit.
Jenny tat mir langsam ein wenig leid. Ihre Stille rührte bestimmt von ihren letzten Erlebnissen. Stellte ich mir schrecklich vor. Trotzdem grübelte ich immer noch über all die seltsamen Geheimnisse nach. Diese blöden Mobber samt der abgefahrenen Superheldin und dann noch Samantha. Erst stand die Welt still und nun rast sie irgendwohin. Normalerweise würde ich mich zurückziehen und mich verstecken. Jedoch packte mich Neugier und eine Art Ungeduld. Hoffentlich sind das nicht die ersten Anzeichen von Pubertät. Na gut, ich sollte Dad anrufen, sobald er uns eine Nachricht über seine Ankunft geschickt hatte. Klang nach einem von Dads abstrusen Plänen, die mitunter vollkommen abwegig schienen und doch funktionierten. Oft erzählte Jason aus den guten alten Zeiten, als mein Vater noch immer verliebt in meine Mum, ihr immer wieder mit heimlichen Plänen seine Zuneigung bewiesen hatte. Klar gab es die üblichen Vorhaben, aber einige müssen doch ganz schon schräg gewesen sein. Mein kleines Tagebuch nutzend notierte ich mir diese Frage für einen späteren Zeitpunkt.
