Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam - Christiane Habermalz - E-Book

Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam E-Book

Christiane Habermalz

0,0
9,99 €

Beschreibung

Nächtliches Sträucherpflanzen in öffentlichen Parks, heimliches Begrünen karger Straßenränder, subtiles Unterwandern der Petunienkultur: Christiane Habermalz ist als Guerilla-Gärtnerin in ihrem Kiez in Berlin unterwegs, um Inseln für Insekten zu schaffen. Sie weiß: Der Kampf gegen das Artensterben beginnt vor der eigenen Haustür.

Mit viel Humor und Leidenschaft für Sechsbeiner aller Art lässt sie uns daran teilhaben, was sie selber über Pflanzen und Insekten lernt und öffnet uns dabei die Augen für ein verborgenes Universum, an dem man allzu oft blind vorübergeht.

Eine persönliche Auflehnung gegen sterile Grünflächen und aufgeräumte Gärten, voller nützlicher Tipps, um ganz einfach selbst aktiv zu werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 279




Nächtliches Sträucherpflanzen in öffentlichen Parks, heimliches Begrünen karger Straßenränder, subtiles Unterwandern der Petunienkultur: Christiane Habermalz ist als Guerilla-Gärtnerin in ihrem Kiez in Berlin unterwegs, um eine Insel für Insekten aller Art zu schaffen. Sie weiß: Man muss im Kleinen anfangen, um die Kleinsten zu retten. Subversive Akte des gärtnerischen Ungehorsams, Rückschläge und Erfolgserlebnisse erzählt sie mit viel Humor und Leidenschaft für ihre kleinen Schützlinge. Sie lässt uns daran teilhaben, was sie selber über Pflanzen und Insekten lernt, und öffnet uns dabei die Augen für ein verborgenes Universum, an dem man allzu oft blind vorübergeht.

Eine inspirierende Anstiftung voller nützlicher Tipps um ganz einfach selber aktiv zu werden, und ein großer Lesespaß.

CHRISTIANE HABERMALZ

ANSTIFTUNG ZUM GÄRTNERISCHEN UNGEHORSAM

Bekenntnisse einer Guerillagärtnerin

Mit Illustrationen von Inka Hagen

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe Mai/2020

Copyright © 2020 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Illustrationen: Inka Hagen, www.inkahagen.de

Redaktion: Kerstin Lücker

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design

unter Verwendung von Illustrationen von Inka Hagen

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-25903-7V003

www.heyne.de

Inhalt

Kapitel 1

Dunkle Gestalt in der Nacht

Kapitel 2

Vogelfutter

Kapitel 3

Ein Königinnenreich auf sechs Quadratmetern

Kapitel 4

Die Tierlibaum-Revolution

Kapitel 5

Von Samentüten, Aga-Kröten und einem Brieffreund

Kapitel 6

Von heimischen Blümchen und fremden Invasoren: Die Zuwanderungsdebatte in der Botanik

Kapitel 7

Blattläuse sind Freunde

Kapitel 8

Von Nützlingen und Schädlingen

Kapitel 9

Grillenexperimente

Kapitel 10

Exkurs: Warum wir eine Graswurzelrevolution brauchen

Kapitel 11

Auf Wildbienensafari. Oder: Warum Honigbienen nicht unbedingt immer die Guten sind

Kapitel 12

Das stinkt doch zum Himmel! Oder: Was Gülle mit dem Insektensterben zu tun hat

Kapitel 13

Neue Deutsche Gastlichkeit: Von Luxusappartements und Billigabsteigen

Kapitel 14

Vergiftete Beziehungen

Kapitel 15

Ein Königreich für einen Ohrwurm 1

Kapitel 16

Gift aus dem Gartencenter

Kapitel 17

Katzenplanspiele. Oder: Man kann doch Barbar sein und trotzdem Blumen lieben

Kapitel 18

Ein Königreich für einen Ohrwurm 2

Kapitel 19

Berlin–Bad Saulgau und zurück

Kapitel 20

Wenn die Lilienhähnchen leise singen

KAPITEL 1

DUNKLE GESTALT IN DER NACHT

Wäre dieses Buch ein Film, er würde so beginnen: Ein unbekannter Ort an einem frühen Sonntagmorgen in Berlin Prenzlauer Berg. Es dämmert schon leicht, die Straßen sind menschenleer. Eine leere Tram zuckelt vorbei, das Quietschen ihrer Räder unterbricht für kurze Zeit die Stille. Eine dunkle Gestalt schleicht um die Ecke, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, auf der Schulter trägt sie einen länglichen Gegenstand, die linke Hand umklammert einen Plastikeimer. Sie weiß: Die Stunde zwischen fünf und sechs Uhr am Tag des Herrn ist in diesem Viertel die beste Zeit für kriminelle Aktivitäten. Die dauerpartyfeiernden Jugendlichen liegen endlich in ihren Betten, nachdem sie sich noch einmal in die Blumenrabatten übergeben haben. Die Wochenendväter mit den Kleinkindern und den Brotdosen voller Bioapfelschnitzen sind noch nicht auf dem Weg zum Spielplatz. Höchstens ein Hundebesitzer auf einem frühen Gassigang könnte das Vorhaben stören. Doch niemand ist zu sehen. Die Gestalt blickt sich um, lehnt den Gegenstand an einen Pfeiler. Kamerazoom: Ein Spaten! Dann schwingt sie sich über einen Maschendrahtzaun auf ein unbebautes Grundstück. Mit dem Fuß kickt sie Bierdosen und Plastiktüten zur Seite, nimmt den Spaten und gräbt ein Loch in den Boden. Sucht sie etwas? Eine zuvor dort versteckte Diebesbeute? Will sie etwas vergraben, eine Tatwaffe vielleicht? Deutlich ist zu sehen, dass sie sich im Erdreich zu schaffen macht. Dann holt sie etwas aus dem Eimer hervor: Etwas Grünes, das sie sorgfältig in den Boden drückt. Ein kleines Plastikschildchen fällt heraus. Großaufnahme auf die Beschriftung: »Gemeine Wegwarte. Cichorium intybus« steht darauf. Erst jetzt fällt auf, dass sie auch einen Rucksack dabeihat. Sie öffnet ihn und entnimmt ihm zwei Plastikflaschen. Den flüssigen Inhalt schüttet sie über die Pflanzen. Dann drückt sie mit dem Fuß noch einmal die Erde an, packt ihren Kram zusammen, überwindet den Zaun erneut und verschwindet in der Dunkelheit. Schnitt.

Um es kurz zu machen: Die dunkle Gestalt bin ich. Anfang 50, Journalistin, eine durch und durch bürgerliche Existenz, beim Bepflanzen meines Kiezes mit insektenfreundlichen Unkräutern. Gerade hatte ich die Gemeine Wegwarte als meine neue Lieblingsblume entdeckt. Eine erstaunliche Pflanze, noch dazu kapriziös, sie tut, was sie will. Obwohl sie viel Nektar und Pollen führt und damit Insekten aller Art einen reich gedeckten Tisch bietet, öffnet sie ihre prinzessinnenaugenblauen Blüten nur zwischen 6 Uhr und 12 Uhr vormittags. An Regentagen hat sie manchmal gar nicht geöffnet. In dieser Dienstleistungsmentalität ähnelt sie Berliner Busfahrern, die heranlaufenden Fahrgästen bei schlechtem Wetter mit besonders großer Freude die Hydrauliktüren vor der Nase schließen. Frühere Generationen rösteten sie und machten Muckefuck daraus, ihr landwirtschaftlicher Anbau wurde unter Friedrich dem Großen sogar gefördert. Wenn man sie lässt, wächst die Wegwarte an jedem Wegrand. Sie ist anspruchslos, braucht wenig außer Sand, Sonne und ihre Ruhe. Doch leider werden die Straßenränder fast überall gemäht, sodass man sie immer seltener sieht. Deswegen verbreite ich die Wegwarte, wo ich kann. Ich schummele sie in städtische Blumenkästen mit langweiligen Stiefmütterchen und Primeln. Ich säe sie an Straßen aus und auf Brachen. Ich habe eine geheime Mission. Die Wegwarte soll wieder an den Wegrändern blühen, wo sie jahrhundertelang stand und als verwunschene Prinzessin Wandersburschen schöne Augen machte, so erzählt es zumindest eine von zahlreichen Legenden, die sich um sie ranken. Und mit ihr sollen auch die anderen entrechteten und getretenen Wildpflanzen dieses Landes zurückkehren. Selbstverständlich ist es verboten, die städtischen Grünanlagen und Brachen nach eigenem Gutdünken zu begrünen. Doch ich tue ja nichts anderes, als das, was die Natur von selbst erledigen würde, wenn man sie nur ließe: Ich pflanze Unkraut. Es ist ein winziger Akt des Widerstands. Meine ganz persönliche Auflehnung gegen das Artensterben. Gegen die zunehmende Verarmung und Monotonisierung unserer Umwelt, in der kaum ein Fleckchen Erde noch unbestellt, ungenutzt, ungestaltet bleibt. Und in der für Wildnis kein Platz mehr ist. In der die Insekten sterben.

Ich muss zugeben, dass mir meine eigenen Aktivitäten in den vergangenen Monaten manchmal sehr merkwürdig vorkommen. Zuweilen kann ich nicht vermeiden, mir dabei selbst über die Schulter zu schauen, als wäre ich mein eigener Kameramann in einem schrägen deutschen Vorabendfilm. Mir ist bewusst, dass es für zufällige Beobachter höchst seltsam anmuten muss, wenn ich zwischen Straßenbahnschienen hocke und Erde harke oder Löcher in Verkehrsinseln grabe. Obwohl ich Wert darauf lege, möglichst wenig gesehen zu werden, habe ich doch immer wieder ungewollte Zuschauer. Unseren Kiez-Penner zum Beispiel, der sich auf seiner Bank durch mein Hantieren im Park in seiner postalkoholischen Ruhe gestört fühlte. Und der mir finster mit den Blicken folgte, als ich an einem Morgen mehrmals mit der Gießkanne an ihm vorbeilief. Beim dritten Mal brüllte er: »Taboulé! You remind me of my motherfucking sister!« Er ist eigentlich friedlich, hat aber in letzter Zeit die unangenehme Eigenschaft entwickelt, stundenlang und sehr laut unflätige Beleidigungen in die Gegend zu schreien. Gern auch nachts und immer auf Englisch. Im Prenzlauer Berg sind selbst die Penner international. Wegen seiner Leibesfülle, dem langen Bart und seiner Ähnlichkeit mit dem unsterblichen Harry Rowohlt nennen wir ihn »Harry«. Meistens versteht man ihn kaum. Vielleicht hat er auch etwas anderes gebrüllt als »Taboulé«. Warum sollte er einen arabischen Petersiliensalat anrufen? Aber wer weiß schon, was in ihm vorgeht.

Ich bin keine geborene Unruhestifterin. Tatsächlich kann ich noch nicht mal Schwarzfahren. Als ich einmal als Kind aus Versehen einen Lolli mitgehen ließ, konnte ich tagelang nicht schlafen. Ich hatte ihn mir im Laden in die Tasche gesteckt und vergessen, ihn auf das Laufband zu legen, als meine Mutter an der Kasse bezahlte. Als ich zu Hause mein »Raubgut« entdeckte, brach ich in Tränen aus. Die Vorstellung, etwas Verbotenes getan zu haben, war mir unerträglich. In meiner Jugend sah ich es zwar eigentlich als meine politische Pflicht an, kapitalistische Ausbeuterunternehmen wie Supermärkte und Kaufhäuser zu schädigen und durch aktives Entwenden zur gesellschaftlichen Umverteilung beizutragen. In der Praxis war ich jedoch nie in der Lage, auch nur ein Stück Butter zu klauen. Dass ich dennoch schließlich meinen inneren Schweinehund überwand und illegalen Aktivitäten nachging, hatte damit zu tun, dass ich das Gefühl hatte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Natürlich mache ich mir keine Illusion darüber, dass ein paar Wegwarten mehr oder weniger den ökologischen Kollaps aufhalten oder eine verfehlte Umweltpolitik korrigieren könnten. Aber ich kann auch nicht nichts tun. Und ich machte bald die Erfahrung, dass Natur zwar schnell zerstört ist, aber dass sie auch, wenn man ihr nur ein wenig Raum lässt, bereitwillig wieder zurückkehrt.

Mein geheimes Leben im Ökountergrund begann vor etwa drei Jahren. Kurz zuvor war eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld erschienen, wonach die Biomasse der Fluginsekten in den letzten 27 Jahren um mehr als 75 Prozent zurückgegangen ist. Die Zeitungen brachten dazu erst nur eine kleine Notiz, kurz darauf schon ganze Seiten. Die Zahl traf mich wie ein Schock. Natürlich wusste ich, dass es schlecht steht um die Natur und die Artenvielfalt. Doch dieser dramatische Rückgang war wie ein Schlag in die Magengrube. Je länger ich die Artikel las, desto trauriger wurde ich, ja es trieb mir fast die Tränen in die Augen. Dabei bestätigte die Studie der ehrenamtlichen Insektenforscher nur schwarz auf weiß, was jeder Mensch, der seine sieben Sinne beisammen hat, ohnehin schon längst bemerkt hatte: dass die Insekten verschwinden. Und mit ihnen die Vögel, Eidechsen, Frösche und Fledermäuse, die sich von ihnen ernähren.

Ich erinnerte mich an viele prägende Momente aus meiner Kindheit: wenn wir durch den Garten rannten und mit jedem Schritt rechts und links die Grashüpfer vor uns davonsprangen. Liefen wir im Freibad barfuß über die Liegewiesen, warnten uns unsere Eltern, auf Bienen und Hummeln zu achten, die überall im Klee saßen. Heute braucht sich deswegen kaum noch jemand zu sorgen. Natürlich gibt es noch vereinzelte Hummeln und vor allem Honigbienen, aber sie sind längst nicht mehr so präsent, und das laute Summen und Brummen einer Sommerwiese, wenn wir uns nach dem Picknicken ins Gras legten und in den Himmel schauten, erscheint mir wie ein Sound vergangener Zeiten. Oft hatte ich als Kind an Straßenlaternen gestanden und die Nachtfalter und Motten beobachtet, die um das Licht tanzten und im kollektiven Selbstmord an den Glühbirnen verbrutzelten. Sie taten mir leid, und ich überlegte mir damals, wie man sie schützen könnte: mit engmaschigen Drahtkörben um die Leuchtkörper? Mit durchsichtigen Kunststoffhauben? Heute fliegt kaum noch etwas im Lichtkegel der Laternen. Wir können an Sommerabenden stundenlang in hellerleuchteten Räumen mit weit geöffneten Balkontüren sitzen, ohne dass auch nur ein Falter hereinfliegt. »Männer umschwärmen mich wie Motten das Licht, und wenn sie verbrennen, ja, dafür kann ich nicht?« Das Bild aus der berühmten Strophe von Marlene Dietrich dürften Jugendliche heute kaum noch verstehen – zumindest nicht aus eigener Anschauung. Motten kennen sie nur noch aus dem Kleiderschrank. Seit jenem Tag, an dem ich in der Zeitung zum ersten Mal über die Krefelder Studie las, wurde mir der Mangel überall schmerzlich bewusst. Wann hatte ich zuletzt einen anderen Schmetterling gesehen als den unverwüstlichen Kohlweißling? Wo waren sie hin, all die Käfer meiner Kindheit? Ich fing an, jede vorbeifliegende Hummel mit besorgten Blicken zu verfolgen. Würde sie auch genügend Nahrung finden? Selbst lästige Stubenfliegen sah ich nun mit anderen Augen. Früher hatte ich sie mit der Zeitung erschlagen, jetzt beförderte ich sie sorgsam nach draußen: Flieg, Vogelfutter, flieg! Als ich anfing, auch Mücken im Schlafzimmer mit dem Aquarienkescher einzufangen, um ihr Leben zu schonen, begann meine Familie, mich für wunderlich zu halten.

Dabei war das erst der Anfang. Ich machte mir ernstlich Sorgen um die Kohlmeisen und Mauersegler meiner Umgebung, die Rotkehlchen und das Pärchen Klappergrasmücken, das in dem kleinen Park vor unserem Haus brütete – würden sie ihre Jungen überhaupt noch groß bekommen ohne Insekten? Ich begann, meine Umgebung systematisch nach insektenfeindlichen Strukturen zu scannen. Und wurde überall fündig. Gärten und Parks, städtische Grünanlagen und Beete bieten fast überall das gleiche trostlose Bild: Pflegeleichtes Einheitsgrün, garniert mit nutzlosen Zierblumen. Aus der Sicht von Käfern und Wanzen, Bienen und Schmetterlingen ist hier Schmalhans Küchenmeister.

Um das gleich klarzustellen: Die Hauptursache für das Insektensterben liegt in der intensiven Landwirtschaft. Sie lässt keinen Raum mehr für die Natur. Ein einziger deutscher Apfel wird von der Blüte bis zur Ernte im Schnitt 21 Mal mit Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden gespritzt, Weintrauben bekommen 22, Kartoffeln zwölf Pestizidduschen ab. Dass angesichts der Giftmengen, die seit Jahrzehnten in die Landschaft gekippt werden, überhaupt noch Insekten leben, ist fast ein Wunder. Doch damit nicht genug: Kunstdünger und Gülle aus der Massentierhaltung, die auf Äckern und Feldern entsorgt werden, fließen in Flüsse und Bäche und ins Grundwasser und führen zu einer dauerhaften Überdüngung der Landschaft, selbst weitab von Agrarflächen. Das Überangebot an Nährstoffen hat zur Folge, dass wenige wachstumsstarke Pflanzenarten alles andere überwuchern. Das Ergebnis ist eine große Artenverarmung auf dem Land. Langfristig kann nur eine andere Agrarpolitik etwas an dieser verheerenden Entwicklung verändern. Eine Einsicht, die in großen Teilen der Bevölkerung längst angekommen ist. Leider noch nicht in der Politik, die Forschern zufolge seit Jahrzehnten von der Lobby der Agrarindustrie, dem Deutschen Bauernverband, den Düngemittel- und Agrochemieunternehmen sowie den Raiffeisenbanken und der Ernährungswirtschaft gelenkt wird. Wissenschaftler der Universität Bremen haben in einer neuen Studie 560 personelle und institutionelle Verflechtungen zwischen der Politik und diversen Brancheninstitutionen der Agrarindustrie aufgedeckt. Ich sage das an dieser Stelle so deutlich, weil ich auf jeden Fall den Eindruck vermeiden möchte, ich wolle diese Zustände mit ein paar Blümchen in der Stadt beschönigen oder gar den Verantwortlichen dieser Politik einen Vorwand zum »Weiter so« liefern, nach dem Motto: Geht doch, da blüht doch noch was, also kann es so schlimm ja nicht sein. Doch, es ist so schlimm. Aber ich kann trotzdem nicht aufhören, die Welt wenigstens im Kleinen gerechter und ökologischer machen zu wollen, und sei es nur auf meinem kleinen Acker. Und dem Acker der Nachbarn.

Vor ein paar Jahren besuchte ich das Trappenschutzprojekt in Brandenburg. Mit großem Aufwand werden im Havelländischen Luch und an zwei anderen Standorten die letzten deutschen Großtrappen vor dem Aussterben bewahrt: imposante, straußenähnliche Vögel, die während der Balz einen spektakulären Hochzeitstanz aufführen, in dessen Verlauf die Hähne förmlich explodieren. Sie kehren dabei in beeindruckender Akrobatik ihr Innerstes nach außen, verdrehen ihre Flügel und verwandeln sich in riesige, auf und ab stolzierende weiß-braune Federbälle. Dabei stoßen sie laute Pupsgeräusche aus. Man kann es nicht anders beschreiben, es klingt tatsächlich wie ein inniges, von Herzen kommendes Furzen. Während des ganzen Spektakels lungern die Hennen mit blasiertem Blick in Kleingruppen in der Nähe herum und tun so, als wären sie in keinster Weise interessiert. Früher kamen Großtrappen auf extensiv genutzten Äckern und Wiesen in ganz Ostdeutschland vor. Doch das ist lange vorbei. Durch Hege und Pflege und die Einzäunung der letzten Brutflächen ist es engagierten Wissenschaftlern und Naturschützern gelungen, die Zahl dieser unglaublichen Vögel bei zuletzt 305 Tieren zu stabilisieren. Der Satz einer Biologin, die das Projekt betreute, ist mir damals besonders in Erinnerung geblieben. Das größte Problem für die Großtrappen in Deutschland, sagte sie mir, sei, dass die Küken auf den überdüngten Wiesen nicht mehr genügend Futter fänden. Sie verhungern schlicht. Trappen sind wie fast alle Acker- und Wiesenvögel Nestflüchter, sie verlassen kurz nach dem Schlupf zu Fuß das Nest und werden von der Mutter zur Futtersuche geführt. Die Jungen ernähren sich von kleinen Insekten. Doch davon finden sie nicht mehr genug. Überleben konnten sie in den letzten Jahren nur, weil in den Trappenbrutgebieten extra sogenannte »Trappenstreifen« eingerichtet wurden, in denen weder gedüngt wird noch Pestizide zum Einsatz kommen – und weil am Havelländischen Luch mittlerweile auf über 2000 Hektar biologische Landwirtschaft stattfindet.

Doch die Zahlen der Krefelder Forscher zum Insektenschwund waren ja gerade deswegen so besorgniserregend, weil sie ihre Messungen zum größten Teil in Naturschutzgebieten durchgeführt hatten, in denen gar nicht gespritzt wurde. Offenbar gelangen die Gifte über Wind und Grundwasser von den angrenzenden Äckern in die Schutzgebiete. Vielleicht, denke ich heute, müssen die Trappenschützer bald dazu übergehen, Mehlwürmer auszustreuen, um ihre Küken satt zu kriegen. Von einer Zootierhaltung ist das dann nicht mehr weit entfernt.

Aber es ist eben nicht nur der Irrsinn einer fehlgeleiteten Agrarpolitik, der den Insekten das Leben schwer macht. Wir haben wahrlich ernst gemacht mit dem biblischen Auftrag, uns die Erde untertan zu machen. Wir haben ihn nicht nur beim Wort genommen, indem wir die natürlichen Ressourcen der Welt rücksichtslos zu unserem alleinigen Nutzen ausbeuten – nein, wir haben auch noch das wenige, was an ungenutzter Landschaft übrigblieb, einem irrwitzigen Aufräumwahn unterworfen. In den Ortschaften und Städten gibt es kaum noch einen Quadratmeter Erde, der nicht gestaltet, begradigt, optimiert wäre. Keine Kruschecken, keine Laubhaufen, keine Mäuerchen mit Ritzen. In den Grünanlagen dominieren die immer gleichen Sträucher und pflegeleichten Bodendecker. Ein deutscher Garten, das bedeutet in der Regel akkurat gemähte Rasenflächen und immergrüne Koniferen, so weit das Auge reicht, dazwischen höchstens ein paar sparsam bestückte Blumenrabatten. Zwar blüht es überall in der Stadt, vor allem im Mai und Juni, doch auf ein paar halb zertretenen Kleepflanzen am Wegesrand tummeln sich mehr Bienen als an einem ganzen Balkonkasten voller Geranien. Und spätestens ab Juli herrscht blütentechnisch tote Hose in den Siedlungen.

Dabei liegt im urbanen Raum eigentlich eine Chance für die Natur. Die Stadt ist das neue Land, heißt es. In dem Maße, in dem die Agrarlandschaft zunehmend zur öden, lebensfeindlichen Umgebung wird, gewinnen die Städte und Dörfer als Rückzugsräume für Wildtiere an Bedeutung. Nicht umsonst ziehen viele Imker mit ihren Völkern in die Städte, weil die Bienen auf dem Land nicht mehr genügend Blühpflanzen finden. Doch bei genauerer Betrachtung sieht es hier nicht viel besser aus. In den meisten Gärten herrscht eine noch größere Monokultur als auf dem Land. Alte Bauerngärten mit vielfältigen Strukturen, mit Obstbäumen, Blumen, blühenden Hecken aus Hundsrose, Schlehe oder Weißdorn sind eine Seltenheit geworden. Stattdessen herrscht in den Vorgärten der Siedlungen der Trend zur Einfalt. Die wohl meistverkaufte Gartenpflanze in Deutschland ist der Kirschlorbeer. Er steht in jedem zweiten Garten. Die beliebte immergrüne Pflanze stammt aus der Türkei und ist nicht nur hochgiftig in allen ihren Bestandteilen von der Wurzel bis zur Beere. Sie bietet auch Insekten keinerlei Nahrung. Ihre Blätter sind so dick und toxisch, dass sie selbst auf dem Kompost kaum verrotten. »Wer Kirschlorbeer pflanzt, kann auch gleich eine Betonmauer in seinen Garten setzen. Die ist sogar noch ökologischer, weil wenigstens Flechten und Moose an ihr wachsen«, schrieb einmal der Bremer NABU-Geschäftsführer Sönke Hofmann über den Siegeszug des Kirschlorbeers in Deutschland. Das brachte ihm viel Kritik von Gartenbesitzern ein, die darauf hinwiesen, dass doch Amseln die Beeren so gerne fressen. Stimmt. Doch die negativen Aspekte der Pflanze macht das bei Weitem nicht wett: Weder Raupen noch Käfer, weder Schmetterlinge noch Bienen können sich von ihr ernähren. Sie nimmt nur Platz weg, weil sie ökologisch wertvolle heimische Alternativen aus den Gärten verdrängt.

Als ich kürzlich meine Eltern in einer Kleinstadt südlich von Hannover besuchte, machten wir einen Spaziergang durch die in den letzten Jahren entstandenen großen Neubaugebiete. Viele Familien haben dort ihre Vorstellungen von einem Traumhaus verwirklicht. Ich konnte nicht anders, als die neu angelegten Gärten auf ihre Insektentauglichkeit zu prüfen. Das Ergebnis war ernüchternd. Wäre ich eine Hummel oder ein Schmetterling, ich wäre in Depression verfallen. Kurzgeschnittener englischer Rasen, dazu eine Hecke aus Kirschlorbeer oder Thuja. Ein Beet mit Gartenhortensien. Und im nächsten Garten das Gleiche. Mit jedem Schritt wurde es deutlicher: Dies war eine ökologische Wüstenei. Für Insekten gibt es hier nichts zu holen.

Thuja ist die zweite Lieblingspflanze deutscher Gartenbesitzer. Die immergrüne Zypressenpflanze wird auch Lebensbaum genannt, doch der Name trügt. Auf und von ihr lebt nichts, zumindest nicht in Mitteleuropa. Sie stammt aus China, und wenn es je Insekten gab, die sich von ihren giftigen Blättern ernähren konnten, dann sind sie in China geblieben. Thuja ist der zweite große Platzverschwender in unseren Gärten. Mehr ein Deko-Objekt denn eine Pflanze. Weil sie so viel Wasser benötigt, wurde sie in Österreich sogar zeitweise verboten. Ihrer Beliebtheit tut das keinen Abbruch.

Eine halbe Stunde lang liefen wir durch die Siedlung. Kirschlorbeer, Thuja, Hortensie. Und wieder von vorn: Kirschlorbeer, Thuja, Hortensie. Als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz, dass ein Garten nur aus diesen drei Pflanzenarten bestehen dürfe. Diese Gärten sehen ordentlicher aus als das Wohnzimmer meiner Schweizer Freunde. Zwischen den Terrassenplatten wächst kein Halm. Die Erde zwischen Thuja und Hortensien ist dick mit Rindenstückchen gemulcht, damit sich auch ja kein Blättchen Unkraut seinen Weg bahnen kann. In diesen immergrünen Gärten gibt es keine Jahreszeiten, keine sich verfärbenden Blätter, keine kahlen Äste, an die man im Winter ein Vogelhäuschen hängen könnte, keine hoffnungsvollen Knospen im Frühjahr. Doch noch schlimmer als die grenzenlose Monotonie war die Erkenntnis, dass viele Gärten noch nicht mal mehr grün, sondern grau waren. Gefühlt jeder dritte Garten um die Einfamilienhäuser herum war ein Schottergarten, in dem statt Erde und Rasen nur noch Steine ausgebracht wurden: Pflegeleicht, unkrautfrei, modern. Mir war klar: Hier bahnt sich nichts Gutes an. »Gärten des Grauens« schrieb der NABU später über diesen letzten Schrei in der deutschen Gartenkultur. Mit Natur hat das rein gar nichts mehr zu tun.

Aber ich selber machte ja alles richtig, tröstete ich mich. Seit Jahren pflanzte ich auf meinem Balkon nur Blumen, die im Gartencenter mit dem Etikett »bienenfreundlich« versehen waren. Und in einem Topf hatte ich eine Blühmischung für Wildbienen ausgesät. Ab und an ließ sich tatsächlich auch mal eine Biene oder Hummel bei mir blicken. Doch dann hatte ich ein Erweckungserlebnis der besonderen Art. Auf einer Verkehrsinsel entdeckte ich eine struppige Pflanze. Sie wuchs buchstäblich im Nichts. Trockener Sand, eine typische Stadtbrache zwischen weggeworfenen Coffee-To-Go-Bechern und Zigarettenkippen. Vor mir entfaltete sich ein wahres Blühwunder. Um uns herum toste der Berufsverkehr, doch an den über und über mit violetten und rosa Blüten besetzen, borstigen Stängeln balgten sich Hummeln und Bienen um die besten Plätze. Ich riss ein paar Blätter und Blüten ab und konsultierte zu Hause mein altes Pflanzenbestimmungsbuch »Was blüht denn da?«, ein äußerst nützliches Relikt vordigitaler Zeiten, das ich von meinem Vater geerbt habe. Nach einigem Blättern fand ich heraus, dass es sich um einen »Gemeinen Natternkopf« handelte. Wie kann es sein, fragte ich mich, dass ein borstiges Unkraut mir die Show stiehlt und so viel mehr Insekten anlockt als alle meine blühenden Zuchtsorten aus dem Gartencenter zusammen?

Nicht, dass ich nicht schon oft gehört hätte, dass Wildpflanzen gut für Bienen sind. Aber wie überlebenswichtig sie für Insekten insgesamt und die gesamte Artenvielfalt sind, wurde mir erst klar, als ich mich nach meinem Natternkopf-Schlüsselerlebnis intensiv mit dem Thema beschäftigte. Ich lernte: Heimische Wildpflanzen, die wir landläufig Unkraut nennen, sind nicht nur die wichtigsten Nektar- und Pollenlieferanten für Bienen, Schwebfliegen und Falter, sondern sie dienen auch den Raupen von Schmetterlingen, Käfern und zahlreichen anderen Insekten als Kinderstube und Nahrung. Sie sind der Garant für die Artenvielfalt.

Die in den Pflanzencentern verkauften Gartenblumen dagegen sind exotische Pflanzen, die aus anderen Gegenden der Welt nach Europa gebracht wurden, um hier als Zierpflanzen kultiviert und weiter gezüchtet zu werden. Sie sehen attraktiv aus, doch der Großteil der hiesigen Insekten ist nun mal nach Jahrtausenden der Evolution auf einheimische Pflanzen spezialisiert und kann nicht viel mit ihnen anfangen. Aber hatte ich nicht immer Hummeln und Bienen auf meinen Blumen gesehen? Ja, erfuhr ich, ein paar Generalisten gibt es immer, die auch mit Gartenblumen klarkommen. Gartenhummeln zum Beispiel und Kohlweißlinge. Deswegen gibt es sie ja auch noch relativ häufig. Doch die vielen anderen Arten, die auf wilde Malven, Kratzdisteln oder Wiesenschaumkraut stehen, Verzeihung: fliegen, haben hier wenig Freude. Hinzu kommt: Die meisten Zierpflanzensorten werden heutzutage als Hybride gezüchtet, das heißt, sie sind steril und produzieren gar keinen Nektar oder Pollen mehr. Der Deutschen liebste Blumen – Geranien, Fuchsien und Petunien – sind allesamt völlig wertlos für bestäubende Insekten. Ebenso Gartenhortensien, Stiefmütterchen, Primeln, Chrysanthemen, Flieder, Tulpen, Zuchtrosen – die Liste ließe sich endlos verlängern. All diese Blumen sind auf möglichst große Blütenblätter gezüchtet, die Nektarien sind verkümmert. Gibt es doch noch Reste von Nektar in ihnen, ist dieser in gefüllten oder hochgezüchteten Blüten so tief verborgen, dass die Tiere ihn mit ihren Rüsseln nicht erreichen können.

»Das ist wie bei Hunden und den Zuchtrassen,«, erklärte mir der Münchner Wildbienenexperte und Biologe Andreas Fleischmann. »Das sind ja oft gar keine richtigen Hunde mehr. Keiner davon würde in der Natur überleben. So ist es auch mit diesen Zierpflanzen.«

»Das heißt, aus der Sicht einer Biene sind das alles nur Fakeblumen?«, fragte ich.

»So kann man das ausdrücken. Für bestäubende Insekten ist es ein ständiger Betrug«, antwortete er. »Nehmen Sie eine gefüllte Dahlie. Die sieht nach Blüte aus, riecht wie eine Blüte, ist aber keine. Die Wildbienen oder Schwebfliegen fliegen sie an, verbrauchen Energie, und werden wieder und wieder enttäuscht. Das ist, als würden Sie einem Hungernden ständig ein Foto von einem Schweinebraten vor die Nase halten!«

»Und ungefüllte Sorten?«

»Das ist besser. Da finden Insekten vielleicht wenigstens etwas Nektar. Aber nur, wenn die Pflanzen, wie gesagt, keine Hybride sind«, erklärte Fleischmann. »Als Futterpflanzen für Raupen von Schmetterlingen taugen sie dann allerdings immer noch nicht. Weil die sehr stark auf bestimmte heimische Pflanzen spezialisiert sind. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie immer weniger Schmetterlinge in ihren Gärten haben. Oder nehmen Sie die Forsythie. Die ist sehr beliebt, weil sie im Frühjahr schon so früh blüht. Doch Forsythien sind ökologisch komplett nutzlos. Kein Pollen, kein Nektar. Da frisst nichts dran, da legt niemand seine Eier dran ab. Könnte aus Insektensicht auch aus Plastik sein.«

Ich dachte sofort an meine Eltern, die eine üppig blühende Forsythie im Garten haben. Ich hatte sie immer sehr gemocht, weil sie bereits im Februar einen ersten Hauch von Frühling verbreitete. Aber jetzt fiel mir auf, dass ich tatsächlich noch nie eine Biene an den Blüten gesehen hatte.

»Was könnte man denn stattdessen pflanzen?«, fragte ich.

»Wenn Sie etwas haben wollen, was schon früh im Jahr blüht, dann nehmen Sie eine Weide. Eine Salweide zum Beispiel. Da haben Sie im März wunderschöne Kätzchen. Die sind eine ganz wichtige erste Nahrungsquelle für Bestäuber im Frühjahr. Eine Salweide ist Lebensraum für allein 120 verschiedene Schmetterlingsarten.«

Hundertzwanzig zu null. Der Vergleich war bestechend. Und mein Superunkraut Natternkopf?

»Der wird nicht so gerne gefressen, weil er so struppig ist«, erklärte Fleischmann. »Aber für Bestäuberinsekten ist er der Renner. Und einige sind sogar auf ihn angewiesen. Wie die Natternkopf-Mauerbiene.«

Meine Wunderpflanze hatte sogar eine eigene Biene!

»Wussten Sie, dass Natternkopfpollen blau ist?« fragte er zum Abschied.

Sind schon viele Bestäuberinsekten wählerisch bei der Wahl der Blütenpflanzen, deren Nektar sie saugen oder deren Pollen sie sammeln, dann sind es die Insekten, die sich von den Blättern, Stängeln oder Wurzeln der Pflanzen ernähren, erst recht. Manche haben Glück, wie das Tagpfauenauge, dessen Raupen ausschließlich Brennnesseln fressen. Denn Brennnesseln lieben nährstoffreiche Böden und verbreiten sich in unserer künstlich überdüngten Landschaft immer mehr. Die Raupen des hübschen Aurorafalters aber fressen nur Wiesenschaumkraut, zur allergrößten Not nagen sie vielleicht auch mal an einer Knoblauchrauke. Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling legt seine Eier nur am Großen Wiesenknopf ab. Die Spezialisierung ist das Ergebnis eines jahrtausendealten Wettlaufes der Evolution. Die Pflanzen entwickeln Abwehrstrategien gegen ihre Fressfeinde: Dornen, dicke Blätter, Borsten und Haare oder chemische Abwehrstoffe wie abschreckende Gerüche oder Blattgifte. Eine so aufgerüstete Pflanze ist für eine Zeitlang im Vorteil, weil sie weniger gefressen wird und sich in Ruhe ausbreiten kann. Doch nach einiger Zeit gelingt es immer einzelnen Insektenarten über eine Mutation eine Methode zu finden, mit der die Pflanzenabwehr geknackt werden kann. Sie und ihre Nachkommen werden immun gegen das jeweilige Gift, und kommen so in den Genuss, völlig frei von Konkurrenz fressen zu können. Manchmal geht die Anpassung so weit, dass sie, wie die Raupen eines Schmetterlings namens Jakobskrautbär, die giftigen Alkaloide ihrer Futterpflanze in ihrem Körper einlagern und so selber für Vögel giftig werden. Auf diese Weise sind auch sie vor ihren Feinden besser geschützt. Je spezialisierter eine Art, desto gefährdeter ist sie, wenn ihre Futterpflanze auf einmal wegfällt. Eine andere Pflanze als das Jakobsgreiskraut würde eine Jakobskrautbärenraupe niemals fressen. Nur über ihre Leiche.

Die Formel ist einfach. Insekten brauchen einheimische Pflanzen zum Überleben. Doch heimische Wildpflanzen, landläufig Unkraut genannt, werden weder auf deutschen Äckern noch in deutschen Gärten geduldet. Sie werden überall vom Menschen ausgerissen, abgemäht und vergiftet. Ich bin immer wieder beeindruckt davon, wieviel Energie dafür aufgewendet wird, selbst dort, wo die Ausmerzung noch nicht einmal wirtschaftlichen Nutzen verspricht. Vor Kurzem besuchte ich Freunde in Templin, einem Städtchen in der Uckermark, etwa 100 Kilometer nördlich von Berlin. Auf meinem Weg fuhr ich durch zahlreiche kleine brandenburgische Dörfer. Überall stieß ich auf Rentner, die in der sengenden Sonne die wunderbar mit blühendem Rainfarn, wilder Möhre und Wegwarte bewachsenen Straßenränder golfrasenkurz mähten. Schließlich muss ja alles ordentlich aussehen. Wo es so einfach und so unendlich viel schöner und sinnvoller wäre, es nicht zu tun. Und stattdessen zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen, ein Pläuschchen mit den Nachbarn zu halten oder mit den Enkeln zu spielen. Blühende Straßenränder sehen nicht nur fantastisch aus, sie machen auch viel weniger Arbeit. Und sie bieten Lebensraum für zahlreiche Insekten.

Noch in den kleinsten Ritzen wird mit viel Aufwand und Kosten jeder Wildwuchs ausgemerzt. Abzulesen ist das am Verbrauch des Unkrautvernichters Glyphosat. Pro Jahr werden bis zu 10.000 Tonnen davon verspritzt. Glyphosat lässt auf den behandelten Flächen alle dort wachsenden Pflanzen absterben. In der Landwirtschaft wird es mehrmals im Jahr auf die Äcker gesprüht: Nach der Ernte, um sich das Unterpflügen der Stoppeln zu ersparen, und, obwohl das eigentlich der »guten landwirtschaftlichen Praxis« widerspricht, über lange Zeit auch vor der Ernte. Weil es weniger Arbeit macht, ein totes Feld abzuernten als ein lebendes. Dass das Unkrautgift auf den Feldfrüchten verblieb und in großem Maßstab auf unseren Tellern landete, darüber wurde in der Öffentlichkeit kaum gesprochen. Mittlerweile ist die Vorerntespritzung nur noch eingeschränkt zugelassen. Das Herbizid wird nicht nur von der Weltgesundheitsorganisation WHO als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen eingestuft, sondern es hat auch verheerende Folgen für die Artenvielfalt. Es zerstört die wichtigen Bodenbakterien. Und die vielen Spritzungen der Felder mit Glyphosat, oft bis direkt an die Wege und Fließgewässer heran, vernichten die Nahrungsgrundlage der Insekten. Und so kommt es, dass die meisten der klassischen Ackerunkräuter mittlerweile auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen.

Doch viele Tonnen Glyphosat werden auch in privaten Gärten eingesetzt, damit nur ja kein verbotenes Grün auf Beeten, zwischen Terrassenplatten und in Gehwegritzen wächst. Manche Gartenbesitzer dürften vielleicht noch nicht einmal wissen, dass sich hinter Produkten wie »Roundup Turbo Plus« oder »Dr. Stähler Unkrautfrei« »Plantex« oder »Klick&Go Total Unkrautfrei« Glyphosat verbirgt. Proteste der Umweltverbände haben zwar bewirkt, dass viele Bau- und Gartenmärkte glyphosathaltige Produkte inzwischen aus ihrem Sortiment genommen haben. Allerdings sind über 40 der Mittel immer noch frei im Internet erhältlich. In Frankreich ist Glyphosat im Haus- und Gartenbereich bereits seit Jahren verboten, in Deutschland unterliegt es strengen Anwendungsvorschriften, deren Einhaltung jedoch schwer zu kontrollieren ist. Ein endgültiges Verbot für Hobbygärtner ist erst ab 2020 geplant.

Dabei ist die Natur so genügsam. Sobald sich ihr der kleinste Lebensraum bietet, kommt sie zurück. Im Haus der Bundespressekonferenz, in dem ich als Radiojournalistin arbeite, gibt es hoch oben im sechsten Stock einen umlaufenden Balkon. Es ist ein hässlicher Neubau aus den 90er-Jahren, die Brüstung und der Boden des schmalen Balkons sind mit Steinplatten verkleidet. Doch in den nur millimeterbreiten Spalten dazwischen haben sich in einem Frühjahr, in dem der Hausmeisterservice nachlässig war, sofort Unkräuter angesiedelt. Ich habe sie gezählt und kam auf 17 unterschiedliche Arten, einige blühten bereits. Und tatsächlich fanden sich auch in dieser Höhe inmitten der Steinwüste des Regierungsviertels Insekten ein. Ameisen krabbelten über die Brüstung, eine Springspinne jagte auf den Platten und kleine Schwebfliegen umschwirrten die Blüten. Noch nicht das tobende Leben, aber doch ein Biotop. Leider wurde der Umlauf kurze Zeit später gesäubert, sodass ich die Entwicklung des Ritzenlebensraums nicht weiterverfolgen konnte.

Ich fühlte mich wissenschaftlich bestätigt, als ich kurze Zeit später noch einmal mit Fleischmann sprach. Es ging um Flächenverbrauch in Deutschland. Viele Wildbienenarten, erklärte er, bauen ihre Nester im Boden – und dafür genügt ihnen oft schon eine sandige Fuge. Doch selbst die werden rar, klagte er. Mit jeder Shoppingmall, jedem Einkaufszentrum, das entsteht, werde noch einmal die fünffache Fläche zusätzlich für Parkplätze versiegelt. Dabei ließe sich schon mit kleinen Veränderungen etwas bewirken.

»Wenn die Flächen nicht asphaltiert, sondern mit Steinen gepflastert oder geschottert würden, dann würden auf diesen Flächen schon 20 Prozent mehr Tiere leben können als in einem Maisfeld«, sagte er. Was viel über die Vitalität von Ritzen aussagt. Und noch mehr über die Lebensfeindlichkeit von Maismonokulturen.

Dann stellte ich Andreas Fleischmann, dem Fachmann für Ritzen und Minilebensräume, eine Frage, die mich beschäftigte: Macht es Sinn, das Insektensterben auf kleinstem Raum zu bekämpfen? Zum Beispiel, um eine völlig aus der Luft gegriffene, ungefähre Größe zu nennen, auf sechs Quadratmetern in der Stadt? »Unbedingt«, antwortete er. »Schon die kleinste Fläche macht einen Unterschied! Und wenn es nur ein Trittstein ist!«

»Was ist ein Trittstein?« fragte ich. Nicht laut, denn ich wollte mir keine Blöße geben. Während wir weiter über Wildbienen sprachen, googelte ich nebenbei und fand:

Trittsteinbiotop m, stepping stone habitat, in Kulturlandschaften künstlich angelegtes, inselartiges Überbrückungselement für Organismenarten, deren Stammhabitate weiter als ihre maximale Migrationsweite voneinander entfernt sind. Trittsteinbiotope fördern Genfluss