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»Work hard, party hard!« »Leistung zahlt sich aus!« Solche hohlen Phrasen kann Nadia Shehadeh nicht mehr hören. Was, wenn der Führungsjob mit Verantwortung keinen Spaß macht, Papier sortieren am Kopierer aber schon? Was, wenn man kein Leben auf der Überholspur führen möchte, sondern lieber auf der Couch liegt und auf »productivity« pfeift? Und was, wenn das von vielen gelobte Leistungsprinzip eigentlich nur eine Mär ist, die Statusunterschiede nicht erklären kann und Menschen unglücklich macht? Vor allem Frauen wird eingetrichtert, dass sie sich mit individuellem Ehrgeiz aus gesellschaftlichen Ungerechtigkeitsstrukturen befreien könnten. Das ist kollektiver Selbstbetrug, der uns auf perfide Art Chancengleichheit vortäuscht und zu immer mehr bezahlter und unbezahlter Arbeit antreibt, findet Nadia Shehadeh. Statt ein stressiges Leben auf der Überholspur befürwortet sie das Leben als Anti-Girlboss: Ambition spielt darin keine Hauptrolle mehr und das Durchschnittliche wird nicht verachtet, sondern begrüßt. Sie plädiert dafür, sich eine Komfortzone zu bewahren, die davor schützt, für Anforderungen von außen auszubrennen. Wenn wir erkennen, dass es nicht so wichtig ist, alles zu haben, alles zu können und immer am Limit zu arbeiten, lebt sich das Leben nicht nur leichter, sondern auch glücklicher.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Anti-Girlboss
Nadia Shehadeh, geboren 1980, ist Soziologin und Autorin, wohnt in Bielefeld, engagiert sich auf vielfältige Weise gegen Ungerechtigkeiten und liebt Livemusik, Pop-Absurditäten und Deko-Ramsch. Sie betreibt ihren Blog shehadistan.com und ist Mitbetreiberin des feministischen Blogprojekts maedchenmannschaft.net. Shehadeh schreibt regelmäßig für das Missy Magazine sowie eine Kolumne für Neues Deutschland, außerdem referiert sie regelmäßig zu feministischen Themen. Sie findet: Jede Art des Ausruhens ist politisch.
Ein stressiges Leben auf der Überholspur? Nein danke! Nadia Shehadeh zieht das Leben als Anti-Girlboss vor: Sie hat keinen Traumjob, denn sie träumt nicht von Arbeit. Ambitionen zu haben hat sie sich abgewöhnt, und das kleine Schläfchen zwischendurch ist für sie kein Luxus, sondern ein Akt des Widerstands. Sie plädiert dafür, sich eine Komfortzone zu bewahren, die davor schützt, für Anforderungen von außen auszubrennen.Vor allem Frauen wird eingetrichtert, dass sie sich mit individuellem Ehrgeiz aus gesellschaftlichen Ungerechtigkeitsstrukturen befreien können. Das ist kollektiver Selbstbetrug, der auf perfide Art Chancengleichheit vortäuscht und zu immer mehr bezahlter und unbezahlter Arbeit antreibt.
Nadia Shehadeh
Den Kapitalismus vom Sofa bekämpfen
Ullstein
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© 2023 by Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: semper smile, MünchenUmschlagmotiv: © Sean Marc Lee / Getty ImagesAutorenfoto: © Makbule KelesE-Book powered by pepyrusISBN 978-3-8437-2894-2
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Vorweg
Prolog
Kein Girl, kein Boss, ein Anti-Girlboss
»Gaslight, Gatekeep, Girlboss«
Bye-bye, Ambitionen!
Große Schwester, gute Tochter
Arbeit im Namen der (Hetero-)Liebe
Der Mythos der »faulen Frau(en)«
Tschüss, Girlboss-Zeitalter. Hallo, Girlloser-Ära!
Verwöhnt und verhätschelt
Von der Skyline zum Bordstein
Privileg Arbeit?
Girlunions statt Girlboss-Gehabe
Der Hustle ist out
»Rest Revolution«: Ein widerständiger Akt
Arbeit ist nur das halbe Leben
Endlich Feierabend
Danksagung
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Vorweg
Eins vorweg: Jede_r kann ein Anti-Girlboss sein, ganz egal, ob man sich als Frau, Mann oder non-binär identifiziert. Dennoch muss ich vorab zugeben, dass ich in diesem Buch sehr viel über »Frauen« schreibe – auch, weil die Girlboss-Diskurse, denen ich mich angenähert habe, selbst sehr binär operieren. Wenn ich von Frauen spreche, meine ich damit alle Personen, die sich als weiblich identifizieren oder als Frauen wahrgenommen werden. Andersrum meine ich mit Männern all diejenigen, die als Männer gelesen werden oder sich als männlich identifizieren. Dort, wo ich auf Texte, Studien und andere Quellen verweise, habe ich Inhalte so übernommen, wie ich sie vorgefunden habe. Ansonsten verwende ich einen Gender-Gap, also einen Unterstrich, der typografisch wie auch symbolisch Raum schafft für Menschen, die sich nicht allein in der Zweigeschlechtlichkeit von Frau und Mann wiederfinden.
»Oh Mann, heute habe ich richtig Bock zu arbeiten!«, ist wahrscheinlich einer meiner Lieblingssätze. Lol. Leg das Buch noch nicht weg. Das war ein kleiner Witz. »Heute nicht mit mir!«, trifft es schon eher, denn »Heute nicht mit mir«-Tage sind einfach die besten. Arbeiten? Na ja. Keine Termine und keine Verpflichtungen? Das trifft schon eher meine Vorstellung von einem perfekten Tag!
Müßiggang und gemütliche Stunden, in denen ich im Schlafanzug vor mich hinchillen kann, ohne dass irgendjemand etwas von mir will oder mir sonst wie auf den Keks gegangen wird – das ist meine Vorstellung vom Paradies. Und meine Lieblingsbeschäftigungen sind an »Heute nicht mit mir!«-Tagen die, die genau genommen eigentlich gar keine richtigen Beschäftigungen sind: chillen, die Wand anstarren und über sinnloses Zeug nachdenken – zum Beispiel darüber, ob die Schauspielerin Brittany Murphy 2009 an einem grippalen Infekt oder einem Schimmelproblem in ihrem Haus gestorben ist.
Ihr seht schon: Ich liebe »Aktivitäten«™, von denen immer gesagt wird, dass man sich ihnen eher nur dosiert hingeben soll, wenn man ein produktives und salonfähiges Mitglied der Gesellschaft sein will. Ich mag Dinge, die ich in meinem Alter (ich bin Jahrgang 1980) eigentlich nicht mehr so gut finden sollte. Dazu gehören:
Prokrastinieren. Prokrastination hat einen furchtbar schlechten Ruf, und seit man herausgefunden haben will, dass es sich um ein emotionales und kein Zeitmanagement-Problem handelt, ist sie sozusagen der Endfeind – aber nicht für mich. Prokrastination hat mir schon viele gute Dinge beschert: Ein neues Badezimmer, saubere Fenster, eine von A bis Z sortierte Plattensammlung. Es gibt durchaus Schlimmeres. Wenn es also heute etwas gibt, das du auf morgen verschieben kannst: Nur zu. Solange keine_r stirbt und du nicht im Gefängnis landest, kann es so schlimm nicht sein!
Stundenlang auf mein Handy starren. Ebenfalls sehr verpönt, weil es – so wird landläufig angenommen – dumm, träge und antriebslos machen kann. Stundenlang auf sein Smartphone gucken ist der Inbegriff von Losertum – und, wenn ich ehrlich bin, wahrscheinlich mein größtes und erfolgreichstes Hobby. Ich bin ein Champion am Smartphone und schäme mich nicht dafür. Auch Doublescreening, also das Benutzen von mehreren technischen Devices gleichzeitig, gehört zu meinen Spezialitäten: Auf einem Tablet eine Serie gucken und nebenbei auf dem Handy bei Instagram die Schauspieler_innen stalken? Meine Königsdisziplin!
Intensiv in den sozialen Netzwerken im Internet herumturnen. Auch hier bin ich Meisterin meines Fachs, obwohl ständig davor gewarnt wird, dass eine exzessive Nutzung negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben und im schlimmsten Fall zu Depressionen führen kann. Mir haben die Sozialen Netzwerke schon viele schöne Stunden und vor allem viele neue Freund_innen gebracht. Deswegen scrolle ich weiter – ohne schlechtes Gewissen.
Ich hänge so viel auf Facebook rum, dass ich wahrscheinlich eine der ersten User_innen war, bei denen diese neue Warnung auf der Startseite landete: »Nutze Facebook nicht, um dich abzulenken! Finde heraus, wie viel Zeit du in der Facebook-App auf diesem Gerät verbringst!« – ungefähr so. Und was soll ich sagen: Wenn sogar schon Mark Zuckerbergs Imperium dir mitteilt, dass du zu oft und zu lang in seinem sozialen Netzwerk rumpimmelst, dann ist da wahrscheinlich was dran. Ich bin eine Slackerin, ein Faulpelz, wenn FDP-Fritze Christian Lindner eine wie mich treffen würde, liefe es ihm kalt den Rücken runter.
Ich mache all das, was angeblich nicht so gut ist, wenn man die beste Version seiner selbst sein will. Aber was soll ich sagen: Ich bin zufrieden – meistens jedenfalls. Ich habe alles im Griff. Meine Wohnung ist sauber. Ich gehe arbeiten, ich bezahle meine Rechnungen und Steuern – richtig erwachsen. Ich will mich nicht optimieren, denn ich finde mich optimal genug. Ich bin durchschnittlich, glücklich damit, und Menschen, die mich persönlich kennen, würden das mit Sicherheit unterschreiben.
»Das Patriarchat hat uns lange genug ausgemergelt«, hat eine Freundin mal gesagt. »Ich finde, es ist an der Zeit, dass die Leute und vor allem auch wir uns endlich mal in Ruhe lassen.« Und ich finde, das trifft den Nagel auf den Kopf.
Seit ich beschlossen habe, dass Auszeiten nicht nur angenehm, sondern auch wunderbar subversiv sind, nehme ich sie mir öfter. Ich liebe es, mich in wirklich skurrile Themen zu vertiefen (meine Fachgebiete: das Schimmelproblem in Brittany Murphys Haus, die turbulente Beziehung von INXS-Sänger Michael Hutchence und Paula Yates und die Küchenutensilien von Schauspielerin Debi Mazar). Ich mache gern Dinge, die weder mir noch jemand anderem etwas bringen außer Spaß. Je sinnloser, desto besser.
Ich gehe zur Arbeit, weil ich muss. Ich mache Feierabend, sobald ich kann. Ich besitze mehrere Flauschbademäntel, und wenn ich mich nach einem Arbeitstag oder verrichteten Aufgaben in einen einpacke, überkommen mich nahezu religiöse Gefühle, die ich entsprechend verbalisiere: »Halleluja!«, stöhne ich dann, oder: »Gott sei Dank!«
Ich hänge gerne zu Hause herum, auch wenn einem ständig eingetrichtert wird, dass es da so stinklangweilig ist, dass man auf jeden Fall noch irgendwo arbeiten gehen muss, damit einem nicht die Decke auf den Kopf fällt. Mir fällt zu Hause nichts auf den Kopf, im Gegenteil: Ich kann lesen, Nickerchen machen, Videospiele spielen, Musik hören, Fernsehen gucken, und wenn es mir doch mal zu öde wird, kann ich Freund_innen einladen oder rausgehen und Orte aufsuchen, die nichts mit Arbeit zu tun haben. Denn davon gibt es eine Menge. Ich habe ein Lebensmotto, an das ich fest glaube: Ein halbwegs öder Tag zu Hause ist immer noch besser als ein interessanter Tag bei der Arbeit. Wer was anderes behauptet, soll mich vom Gegenteil überzeugen – und das wird schwer.
Ein guter Tag geht für mich so: Ich wache auf, wann ich will, kann in meinem eigenen Tempo starten, ich kann mich treiben und überraschen lassen, welcher Schabernack mir als Nächstes einfällt. Bestenfalls verurteile ich mich am Ende eines solchen Tages nicht dafür, dass ich einfach nur gut gelaunt hindurchscharwenzelt bin, ohne etwas Bahnbrechendes auf die Reihe bekommen zu haben. Natürlich kenne auch ich all die Vorwürfe, die man sich machen kann, wenn man einfach nur existiert. Trotzdem versuche ich, mir diese Tage, wann immer es geht, zu gönnen – auch wenn sie selten sind. Oft müssen ein paar Stunden oder Minuten ausreichen, da auch ich meistens arbeiten oder Dinge erledigen muss, die mir von außen auferlegt worden sind, damit mein Alltag funktioniert. Und Verantwortung nehme ich nach wie vor ernst – auch wenn ich nicht ganz vorne mitschwimmen muss, heißt das nicht, dass ich mich komplett dem Nichtstun hingebe (obwohl es sehr schön wäre). Ich habe es aber geschafft, mich in einer Komfortzone einzurichten, in der ich mich meistens gerne aufhalte.
Und ich habe einen Verdacht: Es wimmelt da draußen nur so von Menschen, die das Gleiche empfinden wie ich. Menschen zum Beispiel, die nicht erfolgreich sein wollen oder können, sondern sich durchs Leben bewegen, ohne ständig irgendwelchen Fantasiezielen hinterherzuhecheln. Die sich an Quatsch erfreuen und keine Lust haben, ständig abzuliefern und zu glänzen. Die sich immer öfter zurücklehnen, ohne zu denken, dass es eine Todsünde ist und unbedingt abtrainiert gehört. Menschen, die verstanden haben, dass es nicht der Sinn des Lebens sein kann, sich für ein Gesellschaftssystem auszubluten, das einem jeden Tag Energie abzwackt.
Auch ich habe lange gedacht, ich müsste irgendwie motivierter, dynamischer, ambitionierter, durchdachter und planvoller durch mein Leben wandeln, aber egal, was ich tat, ich kam nie an einen Punkt, an dem ich das Gefühl hatte: Jetzt ist es genug. Jetzt bin ich genug.
Ein besserer Job, eine schönere Wohnung, noch mehr Geld, noch mehr Sport, noch mehr Wissen, noch mehr Fremdsprachen, noch mehr Soft Skills, noch mehr Qualifikationen. Wenn ich eine Sache von der »To-achieve«-Liste abgehakt hatte, kamen gleich zehn neue dazu. Ein Teufelskreis. Bis ich irgendwann beschloss: Ich lasse es jetzt. Nicht als Achtsamkeitsübung, nicht als Resilienzförderungsstrategie, nicht als Zaubertrick, der mich insgeheim zu noch mehr Produktivität verführen wird, nein: Ich lasse es einfach, aus Prinzip – und erlaube mir, aus dem Hustle auszusteigen.
Dieses Buch ist nicht für Girlbosse, sondern für Girl-Angestellte, Girl-Workerinnen, Girlloser und andere Anti-Girlbosse. Es ist kein Achtsamkeitsratgeber und keine »How to Upgrade Your Life«-Bibel. Es ist ein Plädoyer dafür, sich in eine Wolldecke zu wickeln, eine Pizza in den Ofen zu schieben und sich Tagträumen hinzugeben – und zwar ohne schlechtes Gewissen. Es soll einen Anreiz liefern, hier und da ein Extra-Schläfchen einzuplanen und es als Widerstand gegen den Kapitalismus zu begreifen. Wer sich jetzt schon hinlegen will: Nur zu. Niemand stirbt, wenn du erst morgen weiterliest! Ich schon gar nicht, denn ich bin ausgeruht – und quicklebendig. Und das ist mehr, als ich mir wünschen kann.
Ich bin ein Anti-Girlboss, und zwar aus Überzeugung. Als der Begriff »Girlboss« 2014 von der jungen US-amerikanischen Unternehmerin Sophia Amoruso in ihrem gleichnamigen Buch[1] popularisiert wurde, war ich so sehr Anti-Girlboss, dass ich mich mit dem Konzept gar nicht erst beschäftigte. Mit Mitte dreißig war ich 2014 weder ein »Girl« und ein Boss sowieso schon mal gar nicht. Die hinter dem Konzept stehende Idee, dass Frauen sich einfach mit einer ordentlichen Portion Ehrgeiz in der männlichen Erfolgswelt durchsetzen müssen, um das materialistische, karrierefokussierte Leben führen zu können, das sie sich schon immer ausgemalt hatten, war mir schon suspekt, bevor Amoruso auf der Bildfläche erschienen ist. Dass so als Sahnehäubchen obenauf auch noch gesellschaftlicher Wandel erreicht werden könnte, erst recht.
Ich widmete mich also erst später Amorusos Geschichte, und zwar als ich sie mir in leicht verdaulichen Häppchen in der ebenfalls gleichnamigen Netflix-Serie reinklingelte. Das ging ganz gut, denn fernsehtauglich ist ihre Erfolgsstory allemal – und damit ist auch gleich klar, dass ihre Geschichte eher die Ausnahme als die Regel ist. Die Amoruso-Geschichte ist mehr modernes Märchen als leicht umsetzbarer How-to-Guide. Außerdem hat sie weder die Welt noch die Arbeitswelt für Frauen unfassbar revolutioniert. Es ist die Geschichte einer weißen Frau, die mit einer guten Idee viel Geld gemacht hat. Soziale Missstände wie Rassismus, Sexismus, Ableismus und Klassismus wurden damit natürlich nicht beseitigt.
»Die Führungsetagen und Vorstände werden nicht einfach wie durch Zauberhand weiblicher, sondern durch ambitionierte Frauen, die nach oben streben und es sich eben nicht in der Küche im Eigentumsheim gemütlich machen«, schreibt die deutsche Schriftstellerin Mirna Funk in ihrem Buch Who Cares! Von der Freiheit, Frau zu sein[2], das 2022 erschienen ist. Auch wenn sie sich nicht als Girlboss bezeichnet, steckt in diesen Aussagen ein ausgeprägtes Lean-In-Girlboss-Mindset. Nicht nur, weil Funk selbst erfolgreich ist, sondern vor allem, weil sie harte Arbeit und Ehrgeiz als wichtige Instrumente der Selbstermächtigung und als Mittel zur Veränderung der Gesellschaft begreift. Mit ihrem Buch will sie andere Frauen anspornen, es ihr nachzutun.
Funk hat in Führungspositionen gearbeitet, ihre Talente richtig erkannt und genutzt und sie ist vor harter Arbeit nicht zurückgeschreckt, um sich das Leben aufzubauen, das sie sich gewünscht hat. Aus der in Vollzeit arbeitenden alleinerziehenden Mutter, der keine Arbeit zu nieder, zu schlecht bezahlt oder zu anstrengend war, ist eine erfolgreiche Autorin auf Bestseller-Niveau geworden: ein Ein-Frau-Unternehmen, das sich rentiert. Und Funk vermittelt die gute Nachricht: Wenn sie es geschafft hat, dann können alle es schaffen, sofern sie sich nur trauen und endlich mal anpacken.
