Anti Müller - Yade Yasemin Önder - E-Book

Anti Müller E-Book

Yade Yasemin Önder

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Beschreibung

Es ist aus mit Kar Kauz. Mit 36 Jahren steht die Protagonistin vor den Trümmern ihrer Beziehung zu dem gefeierten Autor, der ihren Kinderwunsch jahrelang ignorierte. Auf Tinder versucht sie, sich Ablenkung zu verschaffen. Doch mit dem hedonistischen Schauspieler Andi schlittert sie direkt in die nächste Katastrophe. Der hat nicht nur schon Zwillinge, sondern auch eine Ex, die eines Morgens überraschend im Schlafzimmer steht. Die Sehnsucht nach einem Kind steigert sich in eine alles verzehrende Obsession. Als die Beziehung zu Andi scheitert, ihr Roman nicht so einschlägt wie erhofft, und auch weitere Dates nicht zielführend sind, fasst sie einen drastischen Entschluss: Jetzt erfüllt sie sich ihren größten Wunsch einfach selbst. Auch, wenn das bedeutet, zur Täterin zu werden.  Anti Müller ist ein Gesellschaftsroman über schöne Künste mit schaurigem Beigeschmack, identitätspolitische Grabenkämpfe und über den moralischen Bankrott pseudosanfter Gegenwartsmänner, unter deren Fingernägeln noch immer der Schmutz des Patriarchats klebt.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Anti Müller

YADE YASEMIN ÖNDER wurde 1985 in Wiesbaden geboren, sie lebt in Berlin. Ihr erstes Theaterstück Kartonage wurde 2017 am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike. Ihr Debütroman Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (KiWi, 2022) erhielt den Debütpreis der lit.COLOGNE und den Nicolas-Born-Debütpreis und war für den aspekte-Literaturpreis und den Fontane-Preis nominiert. 2026 wird ihr Theaterstück Bu sözler bizim – Die Worte gehören uns am SchauspielLeipzig uraufgeführt.

Sechs Jahre Beziehung. Sechs Jahre: Ja, nein, vielleicht. Sechs Jahre, in denen der Kinderwunsch der Erzählerin immer wieder vertagt wird. Und schließlich, kurz vor Torschluss, kündigt der erfolgreiche Schriftsteller den zwischenmenschlichen Vertrag einseitig auf. Er zieht weiter, das Werk ruft. Das Einzige, was der inzwischen 35-Jährigen bleibt: sich aufzurichten und den Trümmerhaufen ihres Lebens aufzuräumen.Aber ist der Partner nun ein schlechter Mensch, weil bei ihm die Uhr nicht so laut tickt? Weil er sich noch mehr Zeit erbittet – und einen am Ende doch sitzen lässt? Und der nächste Partner auch. Und der übernächste auch. Bis die eigene Uhr abgelaufen ist. Wie gelingt einer Frau die Souveränität, wenn das Gegenüber immer wieder wortbrüchig wird? Und muss die Konsequenz sein, sich allein auf den Weg zu machen – mit aller Radikalität?Anti Müller ist ein virtuoser, doppelbödiger Roman über die Beziehungsverhältnisse unserer Gegenwart, in denen sich patriarchale Macht nicht mehr durch dumpfe Gewalt manifestiert. Sondern ganz elaboriert und sanft: durch die brutale Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.

Yade Yasemin Önder

Anti Müller

Roman

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

ISBN 978-3-8437-3772-2

 

© 2026 by Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin 2026

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Inhalt

Titelei

Das Buch

Titelseite

Impressum

Teil I

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Teil

II

1

2

3

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7

8

9

10

11

Teil

III

1

2

3

4

5

Anhang

Dank

Zitatnachweise

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Teil I

Teil I

1

Es fängt doch schon wieder so an, dass er einen bodentiefen Ledermantel trägt und damit aussieht wie ein Gespenst. So schwebt er am Kanal entlang und lässt gleich das nächste Opfer unter seinem Laken verschwinden, wahrscheinlich, weil er Hunger hat. Bestimmt ist er unersättlich, schon sein Tinderprofil klang ja wie Gespenstergeheimsprache oder eine Einkaufsliste: 35 J, 2 K, 15 T, 1 A. Und dann hat er auch mit mir so geschrieben, als könnte er seinen Knast nicht mehr aushalten. Hallo, wie geht’s?, hatte ich noch versucht, und er schnell: Danke. Mittwoch? 13:00? 15:00? 22:30? Passt da was? Erst dachte ich: Mittwoch ist doch Valentinstag. Und dann: okay. Da ist ein Fremder, der sagt mir durch die Blume seiner Einkaufslistigkeit, dass er mit mir schlafen will. Durch ebendiese Blume stupst sich seine Penisspitze. Okay, dachte ich. OKAY! Dann werde ich übermorgen also einen One-Night-Stand haben, und betete mir zur Beruhigung die Definition von Liebe vor: Liebe ist die Illusion, dass die aktuelle Beziehung hält; zur Desillusion wird sie nur durch eine neue Illusion in Form der nächsten Liebe. Amen.

Ich habe lang genug darauf gewartet, dass Kar die Trennung rückgängig macht, jetzt kommen glücklichere Tage! Jetzt lerne ich jemand Neuen kennen, und mit dem werde ich Sex haben, guten, besseren als mit Kar. Dann verliebe ich mich in ihn, und wir werden heiraten und Kinder kriegen, und ich kann Kar endlich auf den Mond schießen, wo er hingehört!

Zur Begrüßung umarmen wir uns. Es sind – 15 Grad. Die Menschen freuen sich über den zugefrorenen Kanal. Die halbe Stadt steht auf dem Eis. Ich hatte eben noch Bedenken geäußert, weil in dieses Wasser wirklich niemand krachen und erst recht nicht dort ertrinken will, ist es wirklich kalt genug?, aber Andi, so stellt er sich vor, besitzt Überzeugungskünste und schleift mich mit.

Andi sagt Sätze. Ich kann ihm nicht folgen, allem voran wegen dieser Augen. Links blau, rechts braun. Außerdem muss ich wissen, wie seine Zähne und Haare aussehen, ob er wirklich 35 Jahre alt ist, welche Wege sich seine Falten bereits erkämpft haben, und ob er überhaupt Schuhe trägt, so als Gespenst. Da, sein Rucksack: Was ist da drin? Will er wirklich nur Sex, will er überhaupt Sex? Weil, ich weiß ja nicht mal, ob er mich gut + schön findet. Schläft er nur mit Menschen, die er gut + schön findet, oder mit allen, bei denen es sich anbietet? Mit welchen Menschen habe ich geschlafen? Mit jenen, von denen ich annahm, dass sie mir bald etwas bedeuten würden. Oder?, höre ich ihn plötzlich, und ich nur: Was? Ja, voll.

Andi verrät, dass er freier Schauspieler ist. Er erzählt von seiner Arbeit an verschiedenen Theatern, dass er gerade aus Stockholm kommt, Filmdreh, betont er, und von den zwei Serien, in denen er bald zu sehen sein wird. Auch das Synchronsprechen und die bevorstehende Premiere in München lässt er nicht unerwähnt. Mir stellt er keine Frage, keine einzige, also streue ich ungefragt ein, dass auch ich was mit Theater zu tun habe, paar Stücke geschrieben, sage ich. Der Winkel seiner Augenlider vergrößert sich prompt, da steht ja ein Mensch vor ihm, merkt er, glaube ich, plötzlich. Eine annehmbare Größe, nicht mehr bloße Ablenkung und mögliche Befriedigung, sondern eine waschechte Frau und Künstlerin! Kennt man die?, fragt er und steckt sich eine Zigarette an. Ich erzähle zurückhaltend, so, als wär’s nichts Großes, von der Uraufführung in den Münchner Kammerspielen und im Pfauen in Zürich, währenddessen laufen wir unter der Lohmühlenbrücke durch, und da wird es kurz dunkel. Das Theater habe ich vorerst an den Nagel gehängt. Jetzt endlich wieder die gleißende Helligkeit von Sonne und Eis, der Nachmittag, die Schlittschuhe, Menschen freuen sich am Dreiländereck, freuen sich über die Extremtemperaturen, it’s so nice, lachen sie, und auch wir beginnen uns zu freuen, beginnen uns übereinander zu freuen, wir schenken uns plötzlich eine Aufmerksamkeit. Das muss gefeiert werden, oder wollen wir nur die Hemmung verlieren? Egal, wir holen uns zwei große Bier, an deren sechs Grad wir uns fast wärmen können, krass, oder?, lachen wir, wir lachen über die Eiseskälte, durch die wir jetzt schon über eine Stunde laufen, über seine rote Nase und meine blauen Lippen, dass er seine Füße nicht mehr spürt, über meinen Lieblingswitz lachen wir auch, über eine Joggerin in Radlerhose und über die Mutter seiner Kinder. Moment mal, du bist Vater? – Zwillinge, lacht er, zehn Jahre schon. Am Rand knackt das Eis, alle erschrecken, aber dann Fehlalarm!, schreit einer, trotzdem nimmt Andi meine Hand und flüstert: dich lass ich nicht einstürzen, und dann, dass er von der Mutter der Zwillinge getrennt lebt. Erleichterung. Aber warum eigentlich? Er sieht nicht mal sonderlich gut aus, kantige Stirn, rehbraune Haare, Augen wie ein Psychopath, ich stelle mir vor, dass er ausschließlich die Massenmörderrollen bekommt. Groß ist er, immerhin, aber Körperhaltung wie ein geprügelter Hund, geduckt in Erwartung vor der nächsten Abreibung. Und trotzdem immer wieder ankommend, schwanzwedelnd, seine Nase überall hineinsteckend. Will auch er etwas, von dem er weiß, dass er dafür gleich wieder verdroschen wird?

Jedenfalls knöpft er seinen beigen Ledermantel auf, um etwas aus der Innentasche zu holen. In diesem Moment denke ich: Da würde ich ganz drunter passen. Er schaut mich an. Was ist?, lacht er. Ach nichts, schmunzele ich, es ist nur sehr, sehr kalt. Wohin gehen wir jetzt, wohin? Sind es überhaupt noch – 15 Grad, oder ist es noch kälter geworden? Wir kommen an einem Supermarkt vorbei, da muss er eh etwas für das Dinner mit seinen Friends einkaufen. Was Gespenster wohl so essen?, frage ich mich, essen die überhaupt?, und: wer sind diese Friends? Immerhin, er hat welche, angeblich. Während er durch die Fleisch- und Gemüseabteilung schwebt, wird mir endlich wärmer. Ich kaufe uns noch zwei Bier.

Aus seinem Rucksack ragt ein Stangensellerie. Im Rucksack hockt ein Huhn. Ich schneide das Thema Liebe an. Dass er in einer offenen Beziehung ist und die beiden aber – Ah echt?, unterbreche ich scharf, das hast du ja gar nicht in dein Profil geschrieben. Er versteht nicht. Ob denn in meinem Profil stünde, dass ich keinen Freund habe? Also falls dem so sei. Nein, natürlich habe ich keinen Freund. Und außerdem ist das was anderes. – Wie denn anders? Schweigen. Also bist du doch noch mit der Mutter deiner Kinder zusammen? – Um Gottes willen, nein, mit einer anderen – und dann klingelt sein Telefon. Sorry, da muss ich kurz ran. Ich winke ihm ein Okay zu, das er schon nicht mehr sieht.

Wir sitzen in meiner Küche und trinken Tee mit Haselnussschnaps. Es ist Nacht geworden. Andi hat sich, obwohl ich nicht wollte, in meine Wohnung geschlichen. Klassischer Gespenstermove. Jetzt sitzen wir nebeneinander, am Fenster, schauen abwechselnd raus und einander in die Augen, eine Kerze brennt, fast romantisch, haben nichts zu Abend gegessen, vier leere Bierflaschen stehen da. Wir rauchen eine nach der anderen, tanzen gedanklich umeinander herum, obwohl ich vorhin klipp und klar gesagt habe, dass ich nie wieder mit jemandem schlafe, der in einer offenen Beziehung ist. Aus Prinzip. Mit solchen Schwachköpfen, die sich selbst nie reichen, will ich überhaupt nichts mehr zu tun haben. Andererseits: Wann, wenn nicht jetzt, komme ich los von Kar? Wann, wenn nicht jetzt, ist Zeit für den ersten Sex nach der Trennung? Ein Loslösungsfick, ein Neuanfang, wann, wann? Wir schauen uns drei Schluck Tee lang in die Augen. Es läuft nicht gut, falls dich das beruhigt, schnauft er. Was?, schnaufe ich zurück. Wir werden uns trennen, denke ich. – Wieso sollte mich das beruhigen? – Vielleicht sind wir sogar schon getrennt. Da stürze ich mich auf ihn. Er schmeckt nach Haselnuss und Gras, riecht nach Frühlingswiese, ich umarme ihn, er zieht mich aus. Ich lasse es zu, schon bin ich nackt, setze mich auf den noch vollständig Bekleideten und vergesse, jetzt endlich, Kar.

2

Es hat funktioniert, das Gespenst ist ausgeflogen und hat den Geist von Kar gleich mitgenommen. Obwohl Kar ja leider noch quicklebendig ist, aber egal, denn für mich ist er ein für alle Mal gestorben. Kar ist tot! Schnell duschen jetzt, Bettwäsche waschen, Küche putzen, alles von Andi befreien und lachen über heute Nacht. Von wegen, Gespenster hinterlassen keine Spuren! Aber anstatt zu lachen, fange ich an zu weinen, zeige mir den Vogel im Spiegel, heule, irre durch die Wohnung, reiße den Bettschoner runter, warum so wütend, Frau Autorin? Was sagt die Wut?, fragt der eingebildete Psychoanalytiker, und ich antworte: Ich weiß es nicht, du Klugscheißer, aber mit Kar kann es nichts zu tun haben. Gar nichts! Denn der ist für mich gestorben, und an Tote denkt man besser nicht, sonst kommen sie als Untote zurück und gehen einem erst recht auf die Nerven. Auch der flatterige Andi muss jemandes Ruf gefolgt sein, vermutlich auf Tinder, und da irrt er nun herum und sucht die Person, die ihn von seinem Fluch erlöst. Der Arme weiß einfach nicht, dass Dating-Apps nur Echokammern sind, und die Person, die er sucht, immer nur er selbst ist. Tragisch! Aber gut, ich schüttle alles ab, Tabula rasa. War ich schon duschen? Egal. Ich gehe einfach noch mal. Heute werde ich die sauberste Person der Welt, und meine Wohnung soll glänzen wie ein Spiegelschloss.

Genug der Märchenvergleiche, denn jetzt klopft die Realität an. Und die Realität einer Künstlerin ist ihr Kunstwerk. Das zu Erschaffende ist immer das Abstrakteste und soll zugleich das Konkreteste von allem werden. Alles schwirrt nur so durch den Kopf und soll sogleich als geordneter Text dastehen. Unfair. Ich sitze vor dem Dokument, bis sich der Ruhemodus aktiviert. Dunkler Bildschirm, die Hauptfigur eine noch unbekannte Autorin, nichts tuend, mal mit gerunzelter Stirn, mal die Handflächen aneinandergepresst, als würde sie beten.

Ich schreibe jetzt einen Roman über Kar, denn was der kann (Romane schreiben), kann ich schon lange, und vor allem: besser. Ich werde über die Ungerechtigkeiten und Inkonsistenzen all jener Männer schreiben, die sich als beflissene Feministen bezeichnen. Ich werde ihre weichgespülten Körper aufs Tablett legen, sie bis auf die Unterhose entkleiden, nicht weiter, denn dasEigentliche brauche ich nicht zu sehen, dass sie Männer sind und immer bleiben, müssen sie mir nicht beweisen. Ich werde ihre Lügen herausoperieren und ihre Egomanie sezieren, Bilder von ihren Beschaffenheiten machen und sie in mein Buch kleben, das ich Autopsie des Feministen nenne. Ich werde Zettel drucken, die ich an ihren großen Zehen anbringe, und auf denen steht: Achtung, hier verstarb ein Lügenbaron! Oder ich werde sie gleich in die Walachei schicken und als Vorreiter dieser pseudofeministischen Bewegung Kar zum König küren. Er wird ein Land regieren, das im Tal des Schleimes liegt, und alle Feministen werden sich von dieser zähen Flüssigkeit ernähren. Aus dem Fluss des Jammerns können sie den Schleim schöpfen, der jede noch so patriarchale Geste ummantelt, unkenntlich macht. Im Nebenfluss Lars werden sie sich die Nägel lackieren, indem sie ihre Feministen-Finger dort hineintauchen. Damit können sie alles Unerwünschte einfach abprallen lassen. Es ist die perfekte Uniform für das Königreich Kar.

Zurück zu den Tatsachen. Andi hat sich gemeldet.

03.04., 7:31, Textnachricht

wenn du lust und

zeit hast. ich mach mal wieder ein dinner für

friends –

würd mich freuen, wenn du

auch kommst. kuss A.

Die Enjambements leuchten mir nicht ein. Und, wer sind die Friends? Was wird gekocht? Nachricht um halb acht morgens? Soll ich auch ein friend werden, oder wie will er mich vorstellen? Überhaupt: ein Wiedersehen? Eine Nacht vor zwei Monaten und jetzt das? Kuss A.?

Viele Fragen. Ich schaue in den Flurspiegel, heute sehe ich gut aus. Die Haare in Wellen lang über die Schultern, ich fixiere sie mit Haarspray, damit sie bis heute Abend so bleiben und sage zu (aber erst ein paar Stunden später, natürlich).

Das schiefe Haus in Schöneberg, sechster Stock, Aufzug kaputt. Ich trage weiße Jeans und ein weißes Tanktop, darüber das lila Seidenblouson, schwere Boots, die Lippen knallrot, die dunkelbraunen Haare haben gehalten. Im Treppenhaus rast von hinten ein Junge mit einem Schwert auf mich zu. Bleibt neben mir stehen, umkreist mich, zwei gleichfarbige Augen zwar, dafür aber im einmaligen Andibraun. Du willst auch in den Sechsten, oder?, frage ich, und er wütend ich darf das!, und ich rufe ihm hinterher klar, darfst du, wieso solltest du nicht?, aber da ist er schon ein Stockwerk höher gerannt. Dann keine Schritte mehr, zwischen zwei Streben lugt sein kleines Gesicht hervor, das mahnend auf mich runterschaut. Und sein Schwert, das im Takt meiner Schritte ans Geländer klopft. Als ich auf seiner Etage ankomme, rennt er wieder los, dritter, vierter, fünfter Stock und knallt schließlich die Wohnungstür zu. Oben angekommen, verschnaufe ich. Blicke mich um. Zwei Türen, Kisten mit gestapelten Schuhen, daneben Fahrräder, kein Namensschild, gerade will ich rechts klingeln, da öffnet sich die linke Tür. In einem gigantischen Blazer steht Andi vor mir. Wow, gut siehst du aus.

Alles ist schön. Jedes Möbelstück will bestaunt werden, und auch die Accessoires sind gekonnt in Szene gesetzt. Das meterlange Regal im Flur, ein Museum für Erinnerungen an der Wand. Andi auf allen möglichen Bühnen, bei der Einschulung mit den Kindern, dazu zahlreiche Urlaubsfotos mit viel Sonne im Haar. Ein deckenhoher Vitrinenschrank, der im Gegensatz zu den 90er-Jahre-Wänden stolz die Spuren seiner Vergangenheit zeigt. Die Küche ist ein Kunstwerk aus Holz, Marmor und Glas, die Betonböden weiß lackiert, riesig ist diese Wohnung, drei Balkone, zwei Etagen, ein Atrium – Darf ich vorstellen, sagt Andi. Hi, rufen mir die Leute aus dem Wohnzimmer zu. Zehn Gäste sitzen am Esstisch, drei stehen auf dem Balkon, der Geruch von Regen auf Asphalt strömt hinein, und der Junge kommt wieder angerast und springt auf das quietschgelbe Sofa. Andi beobachtet die Frau mit den unvergleichlich roten Locken, die wiederum ihn anlächelt, als sie den nächsten Käsewürfel isst. Dann verlässt sie den Raum, er eilt ihr hinterher. Kurze Zeit später kommt er mit einem Tablett voller Austern auf Eis zurück. Reihum gehen die Muscheln, Andi drückt mir eine Schale Crémant in die Hand, im Hintergrund läuft Jazz. Ein gewisser Jérôme, der meine Hand zur Begrüßung eine Sekunde zu lang festhält, will wissen, ob ich auch Schauspielerin bin, weil ich so aussehe. Schon grätscht Tanya dazwischen und erklärt ihm, dass ich schreibe. Sie ist Autorin. Das Wort Autorin zerlegt Tanya genussvoll in seine Silben. Stimmt, sage ich lächelnd, ich arbeite an meinem ersten Roman. Das finden die beiden so cool und prosten mir zu. Der Junge schreit, dass ihm endlich mal jemand beim Handstand zuschauen soll. Alle verfolgen nun gebannt sein Kunststück. Großer Applaus, ein glückliches Kindergesicht, und sofort sind sie da, die Kunststücke, die ich meinen Eltern als Kind vorgeführt habe. Und wie sie darüber schwiegen und sich dem Vorabendprogramm zuwandten, ehe die Tagesschau begann. Alles okay?, will Andi wissen. Diskret legt er seinen Arm um meine Taille und zieht mich aus dem Zimmer.

Wir stehen in der verwinkelten Designerküche, ich erwarte eine Umarmung, einen Kuss oder einen Griff in mein tiefes Dekolleté. Aber Andi drückt mir ein Messer in die Hand und deutet auf das Gemüse.

Sie hat sich getrennt.

Die mit den roten Locken?

Was? Ach so, nein, das ist Mila.

Wie schneiden?

In längliche Streifen. Meine Ex-Freundin ist zurück in Bratislava.

Während ich sie mir nun vorstelle, die slowakische Schönheit, schneiden wir Paprika, Gurke, Kohlrabi. Der zweite Gang sind Crudités, für die Andi einen Dip aus Crème fraîche und Estragon anrührt. Ich reiche ihm die Zitrone, auf die er zeigt. Doch anstatt damit die Sauce zu verfeinern, beißt er rein und stürzt sich mit seinem Zitronensaft-Mund auf mich. Ich schreie, schubse ihn weg, er bricht in Gelächter aus, ich ziehe ihn wieder zu mir. Da steht plötzlich der Junge in der Tür. Komm mit, befiehlt er mir. Ich trinke die zweite Schale Crémant in einem Zug aus, schenke mir nach und folge ihm.