Antigone - Slavoj Žižek - E-Book

Antigone E-Book

Slavoj Zizek

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Beschreibung

Das erste Theaterstück von Slavoj Žižek! Auf Grundlage des Theaterstücks von Sophokles legt der bekannte Kulturkritiker und Philosoph Slavoj Žižek hier seine Version der Antigone vor: als eine ethisch-politische Übung im Stil der Lehrstücke von Brecht, als ein Theaterexperiment mit drei möglichen Schlüssen. Eine Lösung des klassischen Konflikts, so zeigt Žižek, wirft uns auf uns selbst zurück und wird uns in unserer humanitären Selbstzufriedenheit erschüttern. Ein großes Schauspiel um Schuld und Gerechtigkeit, Liebe und Tradition, Gesetz und Glauben. »Der wilde Denker hilft uns, aus unseren Träumen zu erwachen und dem Alptraum unserer Zeit ins Auge zu sehen. […] wohl einer der letzten großen Realisten.« Cornelius Janzen, 3sat (Kulturzeit)

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Seitenzahl: 64

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Slavoj Žižek

Die drei Leben der Antigone

Ein Theaterstück

 

Deutsch von Frank Born

 

Über dieses Buch

 

 

Auf Grundlage des Theaterstücks von Sophokles legt der bekannte Kulturkritiker und Philosoph Slavoj Žižek hier seine Version der Antigone vor: als eine ethisch-politische Übung im Stil der Lehrstücke von Brecht, als ein Theaterexperiment mit drei möglichen Schlüssen. Seine Absicht ist, uns mit einer echten Antigone unserer Zeit zu konfrontieren, indem sie zum Teil des Problems gemacht wird. Die Lösung, die Žižek vorschlägt, wird uns in unserer humanitären Selbstzufriedenheit erschüttern.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Slavoj Žižek, geboren 1949, ist Philosoph, Psychoanalytiker und Kulturkritiker. Er lehrt Philosophie an der Universität von Ljubljana in Slowenien und an der European Graduate School in Saas-Fee und ist derzeit International Director am Birkbeck Institute for the Humanities in London. Seine zahlreichen Bücher sind in über 20 Sprachen übersetzt. Im S. Fischer Verlag sind zuletzt erschienen »Was ist ein Ereignis?« (2014) und »Das Jahr der gefährlichen Träume« (2013).

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER digiBook

 

Titel der Originalausgabe: »The Triple Life of Antigone«

© Slavoj Žižek, 2015

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403650-2

 

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Inhalt

Vorwort: Antigone rennt

Die drei Leben der Antigone. Ein Theaterstück

Vorwort: Antigone rennt

Der einzigartige Film Atanarjuat – Die Legende vom schnellen Läufer (The Fast Runner, 2001) erzählt die Geschichte einer alten Inuit- (Eskimo-)Legende nach und wurde auch tatsächlich von kanadischen Inuit gedreht; Regisseur Zacharias Kunuk entschied sich allerdings dafür, den Schluss zu verändern, und ersetzte das Gemetzel des Originals, in dem alle Beteiligten umkommen, durch ein versöhnlicheres Ende. Als ihm daraufhin von einem kultursensiblen Journalisten vorgeworfen wurde, er verrate die authentische Tradition, um sich dem heutigen Publikumsgeschmack anzubiedern, bezichtigte Kunuk den Kritiker im Gegenzug der kulturellen Ignoranz: Die Bereitschaft, die Geschichte den heutigen Bedürfnissen anzupassen, beweise gerade, dass die Autoren noch immer Teil der alten Inuit-Tradition seien, denn eine solch »opportunistische« Überarbeitung sei ein Merkmal vormoderner Kulturen, während allein schon die Idee der »Originaltreue« anzeige, dass man sich bereits im Raum der Moderne befinde und den unmittelbaren Kontakt mit der Tradition verloren habe.

In diesem Sinne sollten wir auch die zahlreichen Neuinszenierungen klassischer Opern verstehen, die nicht nur die Handlung in eine andere (meist zeitgenössische) Epoche verlegen, sondern auch wesentliche Elemente der Erzählung selbst verändern. Es gibt dabei kein abstraktes Kriterium, das uns im Vorhinein das Scheitern oder Gelingen eines solchen Ansatzes beurteilen ließe: Jeder Eingriff dieser Art ist ein riskantes Unterfangen und muss nach seinen eigenen, immanenten Maßstäben bewertet werden. Oft gehen solche Experimente nach hinten los und wirken lächerlich, aber nicht immer, und es gibt keine Möglichkeit, im Voraus darüber zu entscheiden – man muss das Risiko eingehen. Im Grunde ist ein solches Wagnis sogar die einzige Möglichkeit, einem klassischen Werk treu zu bleiben – es zu scheuen und am traditionellen Buchstaben zu haften, ist dagegen der sicherste Weg, um den Geist des Klassikers zu verraten. Mit anderen Worten, die einzige Möglichkeit, ein klassisches Werk am Leben zu halten, besteht darin, es als »offen« zu behandeln, als in die Zukunft weisend oder, um eine Metapher Walter Benjamins zu gebrauchen, als sei das klassische Werk ein Film, für den die nötige Entwicklerflüssigkeit erst später erfunden wurde, so dass wir das Bild erst heute vollständig sehen können.

Zwei Wagner-Inszenierungen stechen als Beispiele solcher geglückten Veränderungen hervor: Jean-Pierre Ponnelles Bayreuther Version des Tristan, in der der Titelheld im dritten Aufzug alleine stirbt (Isolde ist bei ihrem Mann, König Marke, geblieben, und ihr Erscheinen am Ende der Oper ist lediglich eine Halluzination des sterbenden Tristan), und Hans-Jürgen Syberbergs Verfilmung des Parsifal (in der Amfortas’ Wunde als ein Partialobjekt behandelt wird, eine Art unaufhörlich blutende Vagina, die auf einem Kissen außerhalb seines Körpers getragen wird, und der Knabe, der den Parsifal gespielt hat, im Moment seiner Einsicht in Amfortas’ Leiden und seiner Zurückweisung Kundrys durch ein kühles, junges Mädchen ersetzt wird). In beiden Fällen hat die Veränderung eine große Offenbarungskraft: Man kann sich des starken Eindrucks nicht erwehren, dass »es wirklich genau so sein sollte«.

Können wir uns eine ähnliche Veränderung auch in der Inszenierung der Antigone vorstellen, einem der Gründungsnarrative der abendländischen Tradition? Den Weg dazu hat kein Geringerer als Sören Kierkegaard gewiesen, der in dem Kapitel »Der Reflex des antiken Tragischen in dem modernen Tragischen« im ersten Band seines Werkes Entweder – Oder seine Vorstellung einer modernen Antigone schildert.[1] Der Konflikt ist hier vollkommen nach innen gewandt: Kreon wird nicht mehr benötigt. Zwar bewundert und liebt Antigone ihren Vater Ödipus, den Helden des Volkes und Retter Thebens, doch kennt sie auch die Wahrheit über ihn (sie weiß von seinem Vatermord und seiner Inzestheirat). Ihr Dilemma ist, dass sie ihr verfluchtes Wissen nicht teilen kann (wie Abraham, der den göttlichen Befehl zur Opferung seines Sohnes auch niemandem mitteilen konnte). Sie kann nicht klagen oder ihre Sorge und ihren Schmerz mit anderen teilen. Im Unterschied zur Antigone des Sophokles, die handelt (indem sie ihren Bruder beerdigt und damit ihr Schicksal aktiv annimmt), ist sie unfähig zu handeln und auf ewig zu ungerührtem Leiden verdammt. Die unerträgliche Last ihres Geheimnisses, ihres zerstörerischen agalma, treibt sie schließlich in den Tod, in dem allein sie den Frieden findet, den ihr das Symbolisieren oder Mitteilen ihrer Schmerzen und Sorgen gebracht hätte. Kierkegaard argumentiert, dass diese Situation nicht mehr wirklich tragisch zu nennen ist (so wie auch Abraham keine tragische Figur ist).

Dieselbe Verschiebung können wir uns auch in Abrahams Fall vorstellen. Der Gott, der ihm gebietet, seinen Sohn zu opfern, ist der Über-Ich-Gott, der seinen Knecht zum eigenen perversen Vergnügen der schwersten Prüfung unterzieht. Der Grund, warum Abrahams Situation nichttragisch ist, ist, dass Gottes Forderung nicht öffentlich gemacht, nicht mit der Gemeinschaft der Gläubigen und damit dem großen Anderen geteilt werden kann; der erhabene tragische Augenblick ereignet sich dagegen genau dann, wenn der Held sich in seiner Not an das Publikum wendet und seine Zwangslage in Worte fasst. Die Aufforderung an Abraham ähnelt, um es kurz und unmissverständlich zu sagen, dem geheimen »schmutzigen« Befehl eines Herrschers, ein Verbrechen zu begehen, welches für den Staat unabdingbar ist, aber nicht öffentlich zugegeben werden kann. Als Königin Elizabeth I. im Herbst 1586 von ihren Ministern gedrängt wurde, der Hinrichtung Maria Stuarts zuzustimmen, erwiderte sie das Gesuch mit der berühmten »Antwort ohne Antwort«:

»Wenn ich sagen wollte, daß ich das, was ihr bittet, nicht thun werde, so würde ich vielleicht mehr sagen, als ich denke; wenn ich es zu thun verhieße, so könnte ich mich in’s Verderben stürzen, was ihr nach eurer Klugheit gewiß nicht wünscht.«[2]