Aquamarin - Andreas Eschbach - E-Book + Hörbuch
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Beschreibung

Hüte dich vor dem Meer! Das hat man Saha beigebracht. Eine seltsame Verletzung verbietet der Sechzehnjährigen jede Wasserberührung.
In Seahaven ist Saha deshalb eine Außenseiterin. Die Stadt an der Küste Australiens vergöttert das Meer. Wer hier nicht taucht oder schwimmt, gehört nicht dazu. So wie Saha. Doch ein schrecklicher Vorfall stellt alles in Frage. Zum ersten Mal wagt sich Saha in den Ozean. Dort entdeckt sie Unglaubliches. Sie besitzt eine Gabe, die nicht sein darf - nicht sein kann. Nicht in Seahaven, nicht im Rest der Welt. Wer oder was ist sie? Die Suche nach Antworten führt Saha in die dunkelsten Abgründe einer blauschimmernden Welt …

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MOBI

Seitenzahl:461


Andreas Eschbach

AQUA

marin

Roman

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1. Auflage 2015 © Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen Einbandgestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80475-0

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1

Sie warten auf mich, das sehe ich sofort. Wie sie da stehen, am Ende des langen glitzernden Fischbeckens vor Thawte Hall, kann es überhaupt keinen anderen Grund geben.

Am liebsten würde ich mich umdrehen und weglaufen. Alles in mir schreit danach, genau das zu tun. Aber das wäre der größte Fehler, den ich machen könnte, denn dann wüsste Carilja, dass sie mich besiegt hat.

Also gehe ich weiter, als wäre nichts, gehe direkt auf sie und ihr Gefolge zu.

Es ist ein Donnerstag, kurz nach halb elf Uhr – oder 44 Tick, wie man außerhalb unserer Zone sagt. Donnerstag, der 4. November 2151, um exakt zu sein. Der Himmel ist strahlend blau. Es wird ein heißer Tag werden, Vorbote eines grandiosen Sommers, der vor uns liegt. Ein Geruch nach Algen erfüllt die Luft. Vom Hafen her hört man das Quietschen der Ladekräne und die Rufe der Männer, die dort arbeiten, doch in diesem Moment unterstreichen diese Geräusche nur das unnatürliche, bedrohliche Schweigen, dem ich entgegengehe.

In mir verkrampft sich alles. Sie werden gemein zu mir sein, wie immer. Ich weiß noch nicht, was genau mich heute erwartet. Ich weiß nur, dass es mir nicht gefallen wird.

Es gibt keinen anderen Weg, den man nehmen könnte. Das Schulgelände erhebt sich wie eine Trutzburg auf dem Felsvorsprung, der den Hafen vom Stadtstrand trennt, und das Tor ist der einzige Zugang. Das Tor und der Plattenweg dahinter, der zwischen der Strandmauer links und Thawte Hall rechts zum Schulhof führt, wo ich in Sicherheit wäre.

So gehe ich an dem Becken entlang, das mir seit meinem ersten Tag an der Schule unheimlich ist. Ich erspähe eine Gruppe Clownfische darin, rot, schwarz und weiß gestreift, die wirken, als verfolgten sie gespannt, was nun gleich geschehen wird.

Vielleicht geschieht gar nichts. Ich tue so, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass Carilja mit ihren ergebenen Freunden hier herumlungert, werfe ihnen nur einen superkurzen Blick zu und versuche, ohne ein Wort an ihnen vorbeizugehen. Wenn ich den Hof erreiche, bin ich gerettet, denn dort sind jetzt gerade alle anderen und auch die Lehrer, die Aufsicht führen.

Aber natürlich klappt das nicht. Carilja stellt sich mir in den Weg und fragt: »Na? Gut geschlafen?«

Was soll ich darauf sagen? Sie fragt das ja nicht, weil sie sich um mein Wohlergehen sorgt – nichts läge ihr ferner –, sondern weil sie und die anderen donnerstags in den ersten drei Stunden Sport haben, und zwar Schwimmen oder irgendetwas anderes, das mit Wasser zu tun hat und von dem ich aus medizinischen Gründen befreit bin. Ich hätte bis zehn Uhr ausschlafen können, wenn ich gewollt hätte. Tatsächlich stehe ich donnerstags aber auf wie jeden Tag und hole in der freien Zeit irgendwelche Lektionen nach. Heute habe ich für den Chinesischtest gelernt, der uns kommende Woche erwartet.

In einem letzten Versuch, der Konfrontation zu entgehen, murmle ich »Ging so« und will mich links an ihr vorbeidrücken.

Sie versperrt mir den Weg ein weiteres Mal. »Bleib gefälligst stehen, wenn ich mit dir rede, Fischgesicht!«

Nicht Saha. Nur die Lehrer nennen mich bei meinem Namen. Meine Schulkameraden nennen mich Fischgesicht.

Falls sie mich überhaupt zur Kenntnis nehmen. Mir ist es lieber, sie tun es nicht.

Ich trete einen Schritt zurück und presse meine Tafel gegen die Brust, obwohl ich natürlich weiß, dass mich das vor nichts schützen wird. Aber ich habe nichts anderes.

Was ist überhaupt los? Warum ausgerechnet heute? Ist Carilja neidisch auf mich, weil ich freihatte und sie nicht? So dumm ist sie nicht, dass sie ein ganzes Schuljahr braucht, um das zu merken.

Zwei der Jungs aus ihrem Gefolge treten neben sie. Brenshaw, ihr Lover. Und Raymond, ihr treuer Diener.

Die anderen umringen mich von hinten. Keine Chance zu entkommen.

»Was willst du?«, frage ich.

Carilja verzieht den Mund. »Was ich will? Dein hässliches Gesicht nicht mehr jeden Tag sehen müssen. Das will ich.«

Wenn irgendjemand anderes das gesagt hätte, es hätte lächerlich geklungen. Aber es ist Carilja Thawte, die das sagt, und deswegen klingt es bedrohlich. Ihr Großvater hat Thawte Hall gestiftet, ihr Vater ist so etwas wie der König von Seahaven, folglich sieht sich Carilja als Kronprinzessin und denkt, dass ihr die Stadt gehört. Mindestens.

»Wenn dir mein Gesicht nicht gefällt«, sage ich trotzdem, »dann schau halt woandershin.«

Carilja ist nicht nur die Tochter reicher Eltern, sie ist auch schön wie ein Engel, mit blonden Haaren bis zur Hüfte und einem Körper, der alle Jungs in den Wahnsinn treibt. Sie war zweimal Schönheitskönigin von Seahaven, und bis auf Weiteres haben andere Mädchen nur dann eine Chance, wenn Carilja nicht antritt.

Das alles lässt ihr Haifischlächeln nur umso bedrohlicher wirken. »Das würde ich ja gern, stell dir vor«, sagt sie. »Aber ich muss einfach zu oft mit dir im selben Raum sein. Und außerdem, wenn ich woandershin schaue, kann es sein, dass ich deine komische Tante sehe.« Sie hebt die Hände und äfft etwas nach, was sie für Gebärdensprache hält.

Sie hat einen wunden Punkt bei mir getroffen, und das weiß sie genau. Ich weiß auch genau, dass sie das weiß, trotzdem kann ich nicht anders, als zu fauchen: »Lass meine Tante aus dem Spiel!«

Sie fuchtelt weiter mit den Händen. Ihr Gefolge lacht. »Normale Leute lassen es reparieren, wenn sie taubstumm sind.«

»Das geht bei meiner Tante nicht«, sage ich, obwohl ich weiß, dass das nicht das Geringste bringen wird. »Ihr fehlen die zugehörigen Nervenbahnen. Es ist ein Geburtsfehler.«

Carilja lässt die Hände sinken. »Oh. Ein Geburtsfehler«, macht sie mich nach. »Die scheinen bei euch in der Familie zu liegen, Geburtsfehler.«

Das Gelächter nimmt zu. Ich weiß immer noch nicht, was das alles soll.

In dem Moment wird Carilja übergangslos ernst. »Pass auf, Fischgesicht«, sagt sie. »Wir werden dieses Problem lösen, und zwar ein für alle Mal.«

Sie zieht ihre Tafel aus der Tasche, sucht etwas darin und macht dann die Wischbewegung in meine Richtung, mit der man Dokumente überträgt. Meine Tafel, die ich immer noch vor die Brust gedrückt halte, gibt jenes klackernde Geräusch von sich, das ihren Eingang anzeigt.

Ich nehme sie herunter und schaue darauf. Carilja hat mir zwei Formulare geschickt.

»Was soll das?«, frage ich.

»Das sind Anmeldeformulare für die Fachschulen in Weipa und Carpentaria«, sagt Carilja. »Man kann nach der zweiten Stufe Aufbauschule abgehen. Das machen viele. Als Qualifikation für eine Fachschule reicht das. Die werden dich nehmen, gute Noten hast du ja.« Sie sagt das geringschätzig, so, als seien gute Noten nichts Wichtiges. Was sie in ihrem Fall ja auch nicht sind. Carilja könnte das ganze Jahr ausschlafen, solange sie will, und würde die Schule trotzdem mit einem Abschluss verlassen, den sie nie im Leben brauchen wird.

»Warum sollte ich das tun?«, frage ich verdutzt. Was Carilja nämlich lässig unterschlägt in ihrer Zukunftsplanung für mich, ist, dass ich mir damit die Chance verbauen würde, je im Leben auf eine Hochschule zu gehen. Das kann man nur, wenn man alle vier Stufen der Aufbauschule absolviert hat.

»Warum du das tun sollst?« Carilja bringt ihr engelhaftes Gesicht dicht vor meines. »Weil ich es dir sage. Weil ich dein Fischgesicht nicht mehr länger sehen will. Weil wir alle dein Fischgesicht nicht länger sehen wollen.« Sie rümpft die Nase. »Weil du dir auf die Weise eine Menge Ärger ersparen wirst.«

Ohne dass ich es kommen sehe, stößt sie mich von sich weg. Ich pralle gegen Raymond, der mich ebenfalls wegstößt, und im Nu werde ich von einem zum anderen gestoßen, ohne dass ich etwas dagegen machen kann. Alle lachen und johlen.

Und dann stolpere ich plötzlich, ist auf einmal kein Boden mehr da, wo ich hintrete. Ich falle, falle ins Leere, falle ins Wasser. In das Wasser, das ich unbedingt meiden muss.

Kalt und nass umschlingt es mich, zerrt mich unbarmherzig in die Tiefe. Der blaue Himmel über mir weicht kochendem Silber, das höhnische Gelächter geht in dumpfem Rauschen und Gluckern unter. Ich kann nicht schwimmen, rudere nur hilflos mit den Armen, spüre Luftblasen aus meinem Mund aufsteigen. Ein jäher Schmerz an meiner Seite, als sei etwas gerissen, lähmt mich, während ich auf den Grund sinke. Über mir sehe ich die wild hin und her zuckenden Konturen von Gestalten, die sich über das Becken beugen – und sich dann abwenden und verschwinden.

Sie lassen mich im Stich. Sie wissen genau, dass ich nicht schwimmen kann, doch es kümmert sie nicht.

Ich sollte Todesangst haben, aber ich habe keine. Mir ist, als könnte ich unter Wasser atmen. Ein paar der Clownfische tauchen vor meinem Gesicht auf und beäugen mich neugierig. Ich will etwas sagen, was eine schlechte Idee ist, denn mit einem Schlag strömt Wasser in meinen Mund und meine Nase, und dann wird alles schwarz um mich herum.

Als ich wieder erwache, liege ich in einem Bett und sehe eine blaue Zimmerdecke über mir. Der Raum ist seltsam kahl, hat Milchglasfenster und kommt mir bekannt vor. Doch es dauert eine Weile, bis mir einfällt, dass dies die Ambulanz ist, in einem Seitenbau von Thawte Hall, vom Hof wie von den Sportanlagen her schnell zu erreichen.

Ich liege unter einer dünnen weißen, chemisch sauber riechenden Decke. Darunter bin ich nackt. Unwillkürlich ziehe ich mir die Decke bis zum Kinn hoch. Wer hat mich ausgezogen? Und wo sind meine Sachen?

Ich suche in meiner Erinnerung, die noch nicht so richtig aufgewacht zu sein scheint. Ich war offenbar bewusstlos, aber ich habe keine Ahnung, wie lange. Außerdem erinnere ich mich daran, wie mich starke Hände packen und emporziehen, wie jemand schreit – ich selbst womöglich – und wie jemand sagt: »Ups, das war wohl zu viel.« Und wie ich erneut in Dunkelheit versinke.

Ich taste mich ab. Alles noch da. Das Laken hat ein paar nasse Stellen und einer meiner Verbände hat sich gelöst. Ich drücke ihn fest, was natürlich keine Lösung ist; ich werde ihn zu Hause erneuern müssen.

Da öffnet sich die Tür. Es ist Doktor Walsh, der seine beträchtliche Gestalt hereinschiebt. Er trägt einen weißen Kittel und lächelt wohlwollend.

»Na, Saha Leeds«, sagt er und schaltet an der Wand über mir irgendein Gerät aus. »Wieder unter den Lebenden?«

Doktor Walsh ist kein besonders guter Arzt, sonst hätte er eine andere Stelle bekommen als diese. Aber er strahlt zuverlässig blendende Laune und Zuversicht aus, was bei fast allem, was an einer Schule passieren kann, heilsam genug ist.

»Wie lange war ich weg?«, frage ich, die Decke immer noch am Kinn.

»Weg?«, fragt er amüsiert. »Du warst nicht weg. Du warst die ganze Zeit hier.«

»Ich meine, wie lange war ich bewusstlos?«

»Du hast nur geschlafen. Ich habe dir ein Beruhigungsmittel gespritzt, auf das du stärker reagiert hast als erwartet.« Er zieht ein Stethoskop aus der Tasche. »Ich hab schon viele aus den Fluten ziehen müssen, aber so viel Wasser wie du hat mir noch niemand über die Schuhe gespuckt, das kann ich dir sagen. Das war richtig beeindruckend.« Er winkt mit seiner fleischigen Hand. »Ich möchte nachsehen, ob etwas dringeblieben ist. Setz dich mal auf.«

»Ich hab nichts an«, erwidere ich mit einer Stimme, die in meinen Ohren kläglich klingt.

»Natürlich nicht«, erwidert Doktor Walsh und die Spitzen seines rotblonden Schnurrbarts zucken amüsiert. »Du warst ja klatschnass. Frau Alvarez hat dich ausgezogen und deine Sachen in den Trockner gesteckt.«

Ich schlucke unbehaglich. »Und wer hat mich gerettet? Herr Alvarez?« Herr und Frau Alvarez sind die Hausmeister der Schule. Beide sind, nun ja, eher unheimliche Erscheinungen. Man möchte ihnen ungern sein Leben verdanken.

Doktor Walsh blinzelt kurz. »Er hat dich herausgezogen. Aber dein Glück war, dass ein Junge gesehen hat, wie du reingefallen bist, und den Notruf ausgelöst hat.«

»Ein Junge?«, hake ich nach. »Wer?«

»Ich hab den Namen vergessen.« Doktor Walsh setzt die Ohrbügel ein. »Darf ich jetzt bitten? Den Rücken.«

Schicksalsergeben setze ich mich auf, mir die Decke vor den Körper haltend, und befolge seine Anweisung, kräftig durch den Mund ein- und auszuatmen. Er hört meine Lungen gründlich ab, was so lange dauert, dass mir von der ganzen Atmerei schwindlig wird. Ich bin erleichtert, als er endlich sagt: »Gut. Alles frei.« Erleichtert vor allem, weil ich ihm nicht auch noch meine Brust entblößen muss.

Wobei es bei mir im Grunde nichts zu sehen gibt. Mein Busen ist nicht der Rede wert, und Tante Mildred meint, wenn er mit sechzehn nicht größer ist, dann wächst er auch nicht mehr wesentlich.

In dem Punkt hat Carilja recht: Ich bin ziemlich hässlich.

Doktor Walsh nimmt die Ohrbügel heraus und tippt auf einen der Sprühverbände, die meinen Oberkörper zieren und jetzt aussehen, als klebten mir lange glasige Würmer auf der Haut. »Das da«, sagt er. »Sind das diese Wunden, die in deinem Attest erwähnt sind?« Er steckt das Stethoskop wieder ein. »Ich habe vorhin deine Akte gelesen.«

Das Thema ist mir unangenehm. Ich wäre auch ohne diese Dinger unansehnlich genug. Ich nicke und sage »Ja«.

»Und die heilen nicht?«, fragt Doktor Walsh neugierig.

»Nein. Ich muss sie nach jedem Duschen mit einem Sprayverband abdecken.« In Wirklichkeit mache ich das nur an den Stellen, an denen er sich löst, denn diese Sprays sind schrecklich teuer.

»Lass mal sehen.«

Widerwillig hebe ich den linken Arm und lüfte die Decke so weit, dass er die ganze Pracht vor sich hat: fünf Schlitze, jeweils zwei Fingerbreiten voneinander entfernt, die sich vom Rücken schräg bis nach vorn ziehen, leicht nach unten gerichtet.

»Auf der anderen Seite sieht es genauso aus«, erkläre ich. »Symmetrisch.«

Tatsächlich dürften meine Brüste gar nicht größer sein, als sie sind, sonst kämen sie mit den Schlitzen in Konflikt. Und wie das dann aussähe, das will ich mir lieber nicht ausmalen.

»Im Attest steht, dass es ein Unfall war«, sagt Doktor Walsh. »Wie muss man sich das vorstellen?«

Ich nutze die Gelegenheit, mich rasch wieder zuzudecken. Ich hasse es, diese alte Geschichte zu erzählen, aber ich muss wohl. »Ich bin als Baby einem Gartenpflegeroboter in die Quere gekommen. Meine Mutter hat mich gerade noch rechtzeitig weggerissen, sonst hätte der mich wahrscheinlich in Scheiben geschnitten.« Ich habe keine wirkliche Erinnerung daran, aber man hat mir das alles so oft erzählt, dass es mir vorkommt, als würde ich mich erinnern. »Der Roboter hatte Klingen aus Kobaltstahl. Verletzungen damit heilen praktisch nicht.«

»Kobaltstahl?«, wiederholt Doktor Walsh beeindruckt. »Das hab ich ja noch nie gehört.« Er lacht gutmütig auf. »Eine faszinierende Geschichte. Hat man denn nie versucht, die Wunden zu vernähen?«

»Doch«, sage ich. Wenn man genau hinschaut, sieht man entlang der Schlitze in meiner Haut feine weiße Punkte, die davon zeugen. »Aber das hat nichts gebracht. Da hat sich dann innen etwas entzündet. Mein Kinderarzt damals hat gemeint, es ist besser, ich mache es so. Mit dem Sprayverband. Und nicht ins Wasser gehen.«

Die Tür öffnet sich erneut. Frau Alvarez kommt herein, hager, lautlos, ganz in wehendes Schwarz gekleidet. Unheimlich eben. Sie bringt meine Sachen, getrocknet und ordentlicher zusammengelegt, als ich es je hinbekäme. Oben auf dem Stapel liegt meine Tafel.

Frau Alvarez bemerkt meinen Blick. »Die lag auch im Becken«, sagt sie mit ihrer dünnen Stimme, die klingt, als hätte sie Stimmbänder aus Eisendraht. »Ich habe sie mitgetrocknet. Sie funktioniert noch.«

»Danke«, murmele ich.

»Wie ist das passiert?«, will sie wissen. Ich sehe Doktor Walsh blinzeln; wahrscheinlich fällt ihm gerade ein, dass er völlig vergessen hat, das zu fragen.

Mir ist das ganz recht. Auf diese Weise habe ich genug Zeit gehabt, mir darüber klar zu werden, dass es vollkommen zwecklos wäre, Carilja Thawte anzuschwärzen. Deswegen sage ich nur: »Ich weiß es nicht mehr. Ich bin halt irgendwie reingefallen.«

»Was heißt irgendwie?«, hakt Doktor Walsh streng nach. »War dir schwindlig? Machst du womöglich eine von diesen Diäten, die gerade in Mode sind?«

»Nein«, versichere ich wahrheitsgemäß. Mir ist völlig klar, dass ich durch Abnehmen nicht schöner werden kann.

»Bestimmt nicht? Das erleben wir hier ständig. Mädchen denken, sie seien zu dick, essen so gut wie nichts mehr und fallen im unpassendsten Moment ohnmächtig um.«

»Meine Tante meint, ich fresse ihr noch die Haare vom Kopf«, behaupte ich.

»Gut«, sagt Doktor Walsh. Er und Frau Alvarez sehen einander an und nicken einträchtig, als müssten sie bekräftigen, wie gut sie das finden. »Dann würde ich mal sagen, wir lassen dich jetzt alleine, damit du dich in Ruhe anziehen kannst. Danach gehst du nach Hause und ruhst dich aus.«

Ich nicke nur. »Heißt das, ich hab Chinesisch und Mathe verpasst?«

Doktor Walsh lächelt so wohlwollend, wie es niemand sonst kann. »Ich habe deine Lehrer über den Unfall informiert und dich entschuldigt. Deswegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen.«

»Danke«, sage ich und mache mir trotzdem welche.

»Ach ja – falls dir heute Nachmittag schlecht oder schwindlig werden sollte, rufst du mich bitte sofort an. Klar?«

Ich verspreche es, dann gehen die beiden. Im Hinausgehen dreht sich Doktor Walsh noch einmal um und fragt: »Kobalt, richtig?«

»Was?«, erwidere ich verdutzt.

»Es waren Klingen aus Kobaltstahl?«

Ach so. »Ja«, sage ich.

Er nickt, lächelt. »Wieder was gelernt.« Dann zieht er die Tür hinter sich zu.

Es ist kurz vor Schulschluss, als ich das Gelände verlasse. Noch zwei Minuten, ehe sie aus dem Hauptgebäude strömen werden, lachend und schreiend, tausend Schüler, die hier tagsüber zusammengepfercht sind. Viele von ihnen sind mit Fahrrädern oder Swishern da, die in dichten Reihen unter einem Blechdach beim Tor geparkt stehen. Überall in der Stadt werden sie unterwegs sein, schneller als ich, und ich habe keine Lust, auch nur einem von ihnen zu begegnen. Also wende ich mich unmittelbar nach dem Tor nach rechts, steige über die niedrige Brüstung entlang der Strandstraße und schlage mich in das Gestrüpp, das zwischen der Mauer um das Schulgelände und dem Felsabhang zum Stadtstrand hin wächst.

Dort suche ich mir einen Platz, wo man mich nicht sieht und wo ich trotzdem Sicht auf den Strand habe. Ich darf zwar nicht ins Wasser, aber das heißt nicht, dass ich nicht gerne aufs Meer schaue. Das mache ich sogar außerordentlich gerne. Obwohl man mir beigebracht hat, das Meer zu meiden, mag ich es. Zu sehen, wie die Wellen kommen und gehen, und dabei die Brandung zu hören, ist etwas, das eine geradezu magische Wirkung auf mich hat. Es beruhigt meine Seele, und das ist genau das, was ich jetzt brauche.

Ich finde einen Fleck, auf dem ein bisschen Gras wächst und nichts von dem Abfall liegt, den manche trotz ausdrücklichen Verbots über die Mauer werfen, und setze mich hin. Ich merke jetzt erst, dass ich zittere. Der Schock kommt mit Verspätung. Das Entsetzen, dass Carilja und ihr Gefolge mich meinem Schicksal überlassen haben, obwohl sie genau wissen, dass ich nicht schwimmen kann. Wie lässt sich Feindschaft deutlicher demonstrieren? Carilja hätte offensichtlich nichts dagegen, wenn ich tot wäre.

Ich berge meinen Kopf in meine Arme und schließe die Augen. Mein ganzer Körper zittert, und eigentlich warte ich darauf, dass mir die Tränen kommen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mich nach einer Attacke irgendwo verkrieche und in mich hinein weine. Aber heute passiert das seltsamerweise nicht.

Stattdessen muss ich wieder an den Moment denken, kurz bevor ich unter Wasser das Bewusstsein verloren habe. An den Moment, in dem ich dachte, ich könnte das Wasser atmen. Und daran, dass ich in diesem Moment ganz friedlich war, geradezu heiter. Dass ich das Gefühl hatte, nun könne mir niemand mehr etwas anhaben.

Mir wird unheimlich, als ich daran zurückdenke. War ich dem Tod schon so nahe, dass ich Halluzinationen hatte? Oder habe ich den Tod in diesem Moment womöglich willkommen geheißen? War das so etwas wie ein Ruf? Eine Sehnsucht?

Ich erschrecke über meine eigenen Gedanken, hebe den Kopf und atme scharf ein. Nein! Diesen Weg werde ich auf keinen Fall wählen. Das könnte Carilja so passen.

Ich reibe mir die Augenwinkel, aber da sind immer noch keine Tränen. Stattdessen entdecke ich Doktor Walsh, der beschwingt die Strandstraße hinabspaziert, in seinem leinenweißen Sommeranzug, einen geflochtenen Sonnenhut auf dem Kopf. Doktor Walsh ist nicht verheiratet, und er scheint diesen Zustand zu genießen, wie er überhaupt sein ganzes Leben genießt. Um diese Zeit geht er in seinen Club, wo er jeden Tag zu Mittag isst und sich anschließend eine Zigarre genehmigt, wie man riechen kann, wenn man ihm nachmittags begegnet.

Sein Club ist der Princess Charlotte Club, benannt nach dem alten Namen der Bucht, auf die Seahaven blickt. Früher, als Australien noch ein sogenannter »Staat« war und ein König im fernen England dessen Oberhaupt, hat die Equilibry Bay so geheißen: Princess Charlotte Bay.

Man kann das Clubhaus von hier aus sehen. Es ist ein unscheinbares Gebäude über dem Strand, auf dunklen Stelzen errichtet gegen Fluten, die schon lange nicht mehr kommen. Die Terrasse steht voller Sonnenschirme in den Farben Weiß, Blau und Rot, den Farben der Fahne Großbritanniens. Der Club legt sehr viel Wert auf Traditionspflege. Tradition ist in unserer Zone zwar generell ein großes Thema, aber im Club sind sie regelrecht besessen davon. Das fängt schon damit an, dass das Clubhaus älter ist als die Stadt selbst: Es ist ein ehemaliger Außenposten aus Zeiten, als diese Gegend hier noch Top North Queensland hieß und so gut wie unbewohnt war, ein unwegsames Dschungelgebiet voller Sümpfe und Moskitos. Bevor sich das Klima im letzten Jahrhundert so drastisch gewandelt hat, natürlich.

Ich habe nur eine verschwommene Vorstellung davon, wo Großbritannien überhaupt liegt und wie es aussieht. Das Thema Europa haben wir nur flüchtig behandelt. Mir fällt dazu vor allem ein, dass die Jahreszeiten auf der Nordhalbkugel der Erde genau umgekehrt sein sollen wie bei uns. Dass die Menschen dort im Dezember Winter haben, manche sogar mit Eis und Schnee! Das kommt mir irgendwie unglaublich vor, obwohl ich natürlich schon Fotos davon gesehen habe. Und Sommer ist dort im Juli, wenn hier Regenzeit ist.

Das Clubhaus sieht unscheinbar aus vor dem Hintergrund all der prächtigen, schneeweißen, in der Sonne leuchtenden Villen auf dem Middle Cap, der Landzunge auf der gegenüberliegenden Seite des Stadtstrands, die allgemein nur »der Goldberg« genannt wird und an deren äußerster Spitze das feudale Anwesen der Thawtes liegt. Trotzdem ist der Club das Herz und Zentrum der Gegend, denn eine Villa auf dem Goldberg kann man kaufen, eine Mitgliedschaft im Club nicht: Dafür braucht man Empfehlungen anderer Clubmitglieder. Doktor Walsh ist sehr stolz darauf, zu den Auserwählten zu gehören.

Er ist zwar nicht reich und schön auch nicht, aber er gehört dazu.

Ich gehöre nicht dazu. Nirgends. Das ist mein Problem.

Mittlerweile ist es still geworden. Sie sind alle weg, über dem Schulgelände liegt unwirkliche Ruhe. Mein inneres Zittern ist verschwunden. Ich stehe auf, klopfe mir den Staub von der Hose. Es hat gutgetan, hier zu sitzen, dem Rauschen des Meeres zuzuhören und meinen Gedanken nachzuhängen. Aber jetzt wird es Zeit, nach Hause zu gehen.

2

Tante Mildred wuselt in der Küche herum, als ich ankomme, und ist ganz aufgekratzt vor guter Laune. Ihre Handzeichen sind so wuschig, dass ich sie kaum verstehe.

Heute scheint jeder guter Laune zu sein, nur ich nicht.

Schließlich stampfe ich mit dem Fuß auf und schreie: »Was ist denn los, verdammt?« Sie kann mich zwar nicht hören, aber das Vibrieren des Bodens spürt sie. Sie hält inne, schaut mich an und ich wiederhole mit den Händen: Was ist los?

Ich habe uns Lammbraten gemacht, erklärt Tante Mildred in Gebärdensprache. Mit Kartoffeln und Wildlimonen. Und einen Nachtisch!

Jetzt rieche ich es. Lammbraten? An einem ganz normalen Wochentag? Wir leisten uns selten öfter als ein-, zweimal im Monat Fleisch, und wenn, dann kein Lamm.

Hat jemand Geburtstag?, frage ich.

Tante Mildred schüttelt lächelnd den Kopf. Nein. Aber es gibt etwas zu feiern.

Was denn?

Heute vor sechs Jahren sind wir in Seahaven angekommen.

»Oh«, entfährt es mir. Na großartig. Da hat sich Carilja ja genau den richtigen Tag für ihre Attacke ausgesucht.

Mir graut davor, Tante Mildred zu erzählen, was passiert ist. Irgendwann werde ich es tun müssen, daran führt kein Weg vorbei, denn Frau Alvarez wird sie bestimmt darauf ansprechen, wenn sie sie das nächste Mal sieht. Und das nächste Mal, das kann schon heute Abend sein, wenn meine Tante wieder alle Toiletten der Schule putzt, wie sie es an jedem einzelnen verdammten Wochentag dieser sechs Jahre getan hat.

Aber nicht jetzt. Nicht wenn sie sich gerade so freut.

Weißt du noch?, fängt sie an zu erzählen, als wir am Tisch sitzen. Ihre Finger tanzen geradezu. Wie wir umhergezogen sind? Diese Woche hier, nächste Woche woanders? Du hattest einen Rucksack und ich einen Koffer. Mehr nicht. Du warst in so vielen Schulen, immer nur kurz. Aber du hast trotzdem gute Noten. Ein Wunder.

Ich zucke mit den Schultern. Für mich ist das kein Wunder. Mir ist die Schule nie schwergefallen, und das, was man draußen in den freien Zonen für Unterricht hält, ist nur ein schlechter Witz.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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