22,99 €
Fünf Männer "um die 50" versuchen gegenzusteuern, bevor ihr Leben aus der Spur gerät. Die Midlife-Crisis kennt jeder aber was passiert in den "männlichen Wechseljahren"? Das erfährtman in Stephan Goetz' eindringlichem Roman über Männer, die alles erreicht haben und ihr Ego einer kritischen Prüfung unterziehen. Da wäre David, ein Jetsetter und Werbemanager, der schmerzlich erfährt, dass Sex und Geld nicht alles sind. Oder Beat, ein gut situierter Schönheitschirurg, der nach der Trennung von seiner jungen Geliebten in ein tiefes Loch fällt. Oder Martin, erfolgreicher Architekt, der keinen Sinn mehr in einem Alltag aus Zeitmangel und Terminhetze sieht. Was kann noch kommen, wenn man schon alles hat? Wann ist es Zeit, die Bremse zu ziehen und sich damit auseinander zu setzen, was im Leben wirklich bedeutsam ist? Die fünf Protagonisten müssen erkennen, dass man manchmal alles über Bord werfen muss, um noch eine Chance zu kriegen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2013
Stephan Goetz
Für Jeanny, Julia und Sarah
Stephan Goetz
Ein Roman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.deabrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
Nachdruck 2012
© 2007 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Linda Strehl, wort & tat, München
Umschlaggestaltung: Hermann Gruber, München / Wien
Satz: M. Zech, Redline GmbH
Druck: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN Print 978-3-86881-465-1
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86414-368-7
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86414-834-7
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.redline-verlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter
www.muenchner-verlagsgruppe.de
eBook by ePubMATIC.com
Prolog
1 Thalasso
2 Regennasse Fahrbahn
3 Der Wasserkeil
4 Haftungsverlust
5 Schleudern
6 Gegensteuern I
7 Gegensteuern II
8 Katastrophe
9 Der Himmel auf Erden
Danksagung
Das Bambuswindspiel klapperte beruhigend im Hintergrund, bewegt von der Brise, die vom Meer her auf die Terrasse blies. Von diesem exponierten Platz der Hotelanlage an der italienischen Mittelmeerküste konnte man den Horizont sich dehnen sehen, endlos vom einen Ende zum anderen. Postkartenpanorama. Die Furche, die das Motorboot in dem tiefblauen Meer zurückließ, glitzerte wie ein Collier an einem schönen Hals. Die Stimmung erinnerte an jene elegischen amerikanischen Filme aus den fünfziger Jahren.
Ich murmelte: »Was für ein wunderbarer Sommer.«
»Ja. Und überleg dir, dass es vielleicht noch zwanzig solche Sommer für uns geben wird, maximal.«
Auch gute Bekannte können uns gelegentlich aus der Fassung bringen. »Was? Wieso? Wie meinst du das denn?«
Das Blau des Meeres schien sich unter den blassblauen Himmel zu verkriechen. Und das Boot war weg. Alles nur noch blau. »Na ja, wir sind jetzt bald 50. Wie viele Sommer hast du noch, wo du das alles siehst und genießen kannst? Dann kommen tausend Probleme, Schluss mit lustig. Irgendwie sind das die letzten Sommer – auf jeden Fall sind sie schon abzählbar.«
Ich blickte auf die blaue Fläche vor mir, versuchte mich wieder auf das asiatische Klackern hinter mir zu konzentrieren. »Du machst ja schon diesen Sommer zum Anfang vom Ende. Dabei gibt es doch nur diesen Sommer, jetzt.«
Die darauf folgende Diskussion hätte die Idylle fast zunichtegemacht. Und bei meinem Freund war es noch nicht einmal Alkoholschwermut, wir tranken Wasser. Es war der männliche Blues. Endlichkeit, das Gefühl, die Mittellinie überquert und sie dabei erstmalig entdeckt zu haben.
Zurück in München an einem strahlenden Tag in einem Straßencafé stellte ein anderer Freund beeindruckt fest: »Die guten Frauen in der Stadt werden immer jünger!«
»Klingt unerhört«, erwiderte ich ironisch. »Ich glaube aber eher, dass du immer älter wirst.«
Das war nicht nett von mir, mitten in die erhebenden Gedanken hinein.
Dabei ist die Phase einschneidend. Eine das ganze Selbstverständnis betreffende Veränderung. Wie die Pubertät. Nur sind es diesmal nicht Stimmbruch, Nasenbluten, Magenkrämpfe, Bartflaum, sexuelle Überhitzung und wechselnde Vorbilder. Vielmehr Ergrauen, Haarausfall, Gewichtskontrolle, Bluthochdruck und Sinnsuche.
Es ist anstrengend. Und dass wir es viel bewusster aufnehmen als die Pubertät, die uns ahnungslos überrascht, macht es nicht leichter. Die Pubertät öffnet neue Räume, wenn auch mit beunruhigenden Begleiterscheinungen. Die Zeit der Erfahrung der Mittellinie dagegen öffnet das Spiel für die Rückzugsgefechte. Körperlich jedenfalls. Und geistig neue Räume positiv zu erfahren, erfordert harte Arbeit mit und an sich selbst. Ansonsten wird es Aquaplaning. Kontrollverluste auf der regennassen maskulinen Fahrbahn.
Medizinisch firmiert das Ganze als Andropause. Hat kein Mensch je gehört, ist aber medizinisch beschrieben. Wie die Menopause, die jeder kennt. Auch diese ist zeitlich gerafft, nicht eine zehn Jahre lange schleichende Veränderung zwischen Anfang vierzig und Anfang fünfzig. Schweißausbrüche, Gedächtnisverluste, unter Umständen Potenzprobleme, Gemütskrisen und Selbstzweifel werden zum medizinischen Profil gezählt. Trotzdem oder gerade deshalb haben wir Männer noch nie davon gehört. Und Frauen ändern die Strategie und lassen uns in die Selbstverantwortung treten.
Ich fuhr mit meinem Geländemotorrad in das spanische Dörfchen, nur noch ein schnelles Bier vor einer Abendeinladung. Es ging zu schnell. Das Gefährt in der sandigen Kurve zu bremsen konnte nicht gut gehen. Ich radierte im Fallen meterweit die Geländepiste. Nach einiger Zeit war ich froh, unter starken Schmerzen das Ungetüm neu starten und nach Hause lenken zu können. Schließlich stand ich in der Badezimmertür, an Arm und Bein blutverschmiert. Der geschlagene Held sagte kein Wort, die Dramatik sprach für sich selbst. Nicht aber für meine Frau nach vielen Ermahnungen über das Motorradfahren. Sie schaute vom Schminkspiegel auf und sagte kühl nach einer kurzen Pause: »Beeil dich bitte, wir müssen gleich gehen« − wo Mitleid fehlt, ist Selbstmitleid melodramatisch.
Aber auch für den Vorwurf der Gefühlskälte ist kein echter Raum, bemerkte ich schnell. Es war nur eine grausame Lektion. Jetzt bist du selbst verantwortlich. Vielleicht war das sogar erwachsene Liebe. Für Männer an der Mittellinie jedenfalls herb. Einige steigen dann um auf eine Partnerin, die wieder eine umsorgende Rolle spielt. Und das sogar dann, wenn ihn mehr als zwanzig Jahre von der neuen Gefährtin trennen.
Hilft aber nichts. Wir wissen ja selbst, dass wir mit den Konsequenzen unserer Handlungen umgehen müssen, ob nun jemand unser Missgeschick beklagt oder nicht. Aber das Hervortreten unter dem beschirmenden Dach, weil die Mutter es nicht mehr darstellt und die eigene Frau die Rolle nicht länger übernehmen will, reicht oft für eine richtige Krise.
Und die vielen Vergleiche. Schwitzt und hechelt der zwanzig Jahre jüngere Tennislehrer so wie ich? Kann ich ihn dahin bringen? Eine offensichtlich unsinnige Frage, trotzdem gestellt. Wie der Vergleich mit der eigenen, vermeintlich erinnerten Vergangenheit. Im Sport kann man das mit jahrelangen Leistungstabellen objektivieren. Auch das habe ich gemacht, ist aber ebenfalls neurotisch. Ansonsten ist die Vergangenheit das, woran wir uns erinnern wollen. Positiv oder negativ, denn unser Gehirn hat schon für uns entschieden. Von dort kommt also kein Rat. Kein objektiver jedenfalls.
Darum nehmen die Vergleiche mit Gleichaltrigen zu, wie die Empfindlichkeit für äußere Anzeichen der Veränderung oder entsprechende Signale von Dritten. Nichts Schöneres, als wenn wir in einem Studentenlokal von der Bedienung geduzt werden, und zwar gleichgültig, ob sie männlich oder weiblich ist. Im ersten Fall ist es ein Anzeichen für die Zugehörigkeit zur selben Gruppe, dem Rudel der jungen Männer, im letzteren Fall ist es gar die stillschweigende Einbeziehung in die Gruppe der denkbaren Partner für eine Studentin. Jedenfalls kommt es uns so vor. Ein reichliches Trinkgeld scheint da mehr als angemessen, denken wir, aber erst bring mir noch mal ein Wasser mit Kohlensäure. Merci.
Selbst eine nahezu handgreifliche Konfrontation mit einem jugendlichen Rüpel kann so noch etwas von einer willkommenen Wertschätzung enthalten – als ebenbürtiger Gegner nämlich. Unschön ist es dagegen, wenn die Verteiler von Diskontmarken für bestimmte Diskotheken in den Urlaubsorten an einem vorbeilaufen. Als wäre man unsichtbar, aussätzig oder einfach kein Publikum für die Disko.
Was ich bisher vermeide, sind die in diesem Alter epidemischen roten Hosen zu Partys, kombiniert mit einem blauen Blazer: die Hose als Dokument der Entschlossenheit, noch jung und risikobereit zu sein, wobei dem Rot allenfalls unterbewusst eine Signalrolle für die untere Körperhälfte zukommen dürfte. Der Blazer dagegen verankert den Träger noch in der etablierten Gesellschaft. Affirmativ können dabei goldene Knöpfe wirken. Ja, die Revolution geht in die Hose, denke ich mir dann, wenn ich zehn derart lächerlich ausstaffierte Gestalten in dieser Form auf einem Sommerfest sehe.
Und wenn ich dann mit einem verbeamteten Freund zusammensitze und er mir die Vorzüge der Begegnung mit jungen Leuten in Lehrberufen schildert, fallen uns die Witze über unsere neue Identität nicht so sehr schwer. Senior Citizen, verbunden mit den Annehmlichkeiten von Seniorenkarten, verbilligten Bahnkilometern und ähnliche Lebenserleichterungen lauten dann die Stichworte. Wir zählen uns schon einmal alle uns bekannten Kurorte mit Hauptattraktionen auf, gewissermaßen als ironische Selbstgeißelung.
Und schon vor Jahren habe ich mit meiner Frau präventiv die Grauen Panther gewählt. Das hat aber nichts geholfen. Und mittlerweile sind in Deutschland alle Panther grau.
Auch nur grenzwertig Verdächtiges lässt einen wach werden. Wenn man in den Morgenstunden im Büro nach dem Kaffee und der ersten Flasche Wasser plötzlich Blasendruck verspürt. Nicht so, wie man es aus der Vergangenheit zu erinnern meint, durch Bewusstwerdung des Organs und dann langsam steigenden Druck, nein, plötzlich und unerbittlich, ein sofortiges Verlassen des Gesprächs fordernd. Wenn sich das nach einer halben Stunde wiederholt, murmelt man: »Ich muss kurz ein Telefonat führen. Entschuldigen Sie mich bitte.« Fürchterlich.
Zum ersten Mal entdeckt man in Zeitschriften diese zutiefst zynischen, von Euphemismen starrenden Anzeigen. Ein Paar vorgerückten Alters sitzt in der Wiese, Idylle in Oberbayern. Darüber prangt das Wort, das besser zur Französischen Revolution passte: »Freiheit«. Und weiter: »Kein lästiger Druck mehr. Durch rein pflanzliche Wirkstoffe, die natürliche Dehnung der …« Himmel, zum ersten Mal lese ich die Werbung für ein Blasen- und Prostatapräparat! Habe sie heimlich ausgerissen.
Schon das Wort Prostata ist ein Programm, männliches Menetekel. Bevor ich das Präparat kaufe, vielleicht ein kurzer Besuch beim Arzt. Der beruhigt mich, bei dem Flüssigkeitsmix, der schieren Menge und dem Stress kein Wunder, auch die Plötzlichkeit des Bedürfnisses passt zu den Auslösern. Medizinisch im Übrigen kein Befund. Gott sei Dank. Dieser Kelch ist noch einmal vorübergegangen.
Am zuverlässigsten zur Bestimmung meiner Alterseinordnung und der korrelierenden sozialen Zeichen waren immer meine beiden Töchter. Von Kindesbeinen an bis heute, weswegen ich in jeder Phase von ihnen lernen konnte. Untrügliche Zeichen dieser Einordnung waren etwa, wie nah man sie morgens an die Schule heranfahren durfte, ob der Abschied ein Küsschen oder ein kurzer Gruß war, wann man aufgefordert wurde, zum Friseur zu gehen, etwa um jünger auszusehen, ob man und wenn ja, wie man Freundinnen und später Freunden vorgestellt wurde, ob man sich jugendlicher oder seriöser kleiden sollte, bis wann man gefragt wurde, in die Disko mitzukommen, wann man in die ersten Beziehungsthemen der Kinder eingeweiht wurde – und vor allen Dingen auch, in welche – und wann man schließlich das erste Mal hört: »Papi, du musst dich schonen und auf deine Gesundheit Acht geben. Du bist nicht mehr dreißig.«
Klingt noch einmal ganz anders als von der Ehefrau. Und der Hinweis allein zählt, unabhängig vom genauen Inhalt. Ebenso plakativ war der Kommentar »Na, hattest du beim Skifahren immer noch die beste Kondition von allen?« Nicht zu unrecht beschlich mich das Gefühl, nicht mehr ernst genommen zu werden: Die Familie diagnostizierte erste milde Aquaplaning-Symptome.
Einer meiner Brüder traf den Nagel auf den Kopf, als er beim Lesen einiger Kapitel meines Buches bemerkte: »Wo ist eigentlich die Geschichte des Mannes, der alles hat, Familie und Beruf, und auf einmal meint, ein Buch schreiben zu müssen?« Blöde Frage.
Die Idee des Buches entstand, als ein guter Bekannter mit fünfzig Jahren alles über Bord warf, Familie, Freunde, Beruf. Es kam mir wie heftiges Aquaplaning vor: Haftungsverlust auf eigentlich gerader Strecke. Woher der Regen? Hormonelle Umstellungen? Lebensangst? Endzeitpanik? Überwältigt von äußeren Veränderungen, denen kein innerer Umstellungsprozess vorausgeeilt oder nachgefolgt ist?
Ich sah mehr und mehr Situationen mit verschiedenem Ursprung und verschiedenen Reaktionsmustern auf die Sinnkrise. Ich begann, sie in inhaltlicher Verbindung zum physischen Prozess des Aquaplanings zu sortieren. Die Gegenmaßnahmen, also das Gegensteuern, Zurückgewinnung der Kontrolle, und die manchmal unvermeidbaren Katastrophen eingeschlossen. Währenddessen bewegte ich mich selber auf die fünfzig zu. Die Zahl ist willkürlich, keine Magie wie die Siebenerschritte der Anthroposophen, und doch haftet jeder runden Zahl eine eigene Größe und Erhabenheit an.
Es war einmal die Rede von der Midlife-Crisis. Die sollte mit vierzig stattfinden. Vielleicht hat sich diese Phase mit unserer steigenden Lebenserwartung nach hinten verschoben. Bestimmt aber ist der Mann um die vierzig noch stärker in der Gestaltung seiner äußeren beruflichen und familiären Situation verhaftet und insofern mindestens abgelenkt von einer Sinnkrise. Mit fünfzig ist das Spielfeld klarer, überschaubarer. Und wie in der Pubertät überlagern sich zwei Lebensphasen und Zustände, diesmal die des handelnden, des archetypischen Helden, der sein eigenes Drama nicht erkennt, und die des alternden Mannes, der mehr und mehr die Instrumente der Weisheit zurate ziehen muss. Die Stimmen vermischen sich verwirrend im Gehirn, wie in der Pubertät die des Jungen und des jungen Mannes. Dabei hilft es nicht gerade, dass die Fehlertoleranz des Systems in körperlicher, aber auch in seelischer Hinsicht deutlich geringer geworden ist.
Mir erschien eine Reise im Aquaplaning-Fahrzeug als eine angemessene Strategie des Umgangs mit dem Problem. Was ich gesehen und dann niedergeschrieben habe, muss ich nicht mehr in der wirklichen Welt vollziehen. Für die Cro-Magnon-Höhlenmaler galt die Abbildung der Jagd für die erfolgreich abgeschlossene Jagd. Wohl denn, es waren viele Nächte, sommers bei Rotwein und Zigarre im Garten, im Winter in einer nahe gelegenen bayerischen Gaststätte, denn zu Hause gibt es keine Zigarren. Und immer nach 23 oder 24 Uhr, wenn die Nacht sich krümmt und die Bilder im Kerzenlicht tanzen. Manches Schicksal wird des Nachts dunkler.
Und es ist auch wahr, dass die meisten von uns ihre Krisen mit kleineren Entgleisungen meistern, ihre Familien halbwegs vor ihren Zuständen der Anspannung bewahren können, dass wir unsere Frauen noch glücklich machen können und bewusst Aktivitäten im sozialen Bereich entfalten, versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Für viele von uns stimmt das. Aber es stimmt auch, dass wir uns auf regennasser Fahrbahn bewegen. Und dabei leicht die Kontrolle verlieren. Und manchmal, zwischendurch, fühlt sich das Aquaplaning wie ein aufregendes neues Fahrerlebnis an.
Man sollte überhaupt nur Worte mit anderen verwenden, die einem gar nichts sagten, weil man sonst unmöglich zurecht kam mit den anderen, und »Gewissen« würde eine Glaubwürdigkeit für Erich haben, der ja ein exemplarisches Beispiel dafür war, wie das funktionierte, wenn man einem Mann die unsinnigsten Worte servierte, denn er konnte nur mit denen etwas anfangen. Mit den heimlichen Worten und verheimlichten Gedanken von Beatrix wäre Erich doch in einen Abgrund gefallen oder zumindest desorientiert worden. Eine Orientierung brauchte er, das war alles.
Ingeborg Bachmann (1926–1973): »Probleme Probleme«
»Jetzt übertreibst du aber, so was gibt’s doch überhaupt nicht!«
Marion fixierte mit einem Blick aus Entrüstung und Neugier Annette, die ihr gegenübersaß und gerade eine kleine Szene ihrer gescheiterten Ehe zum Besten gegeben hatte. Die drei anderen Frauen auf der weiträumigen Terrasse des Wellness-Hotels an der französischen Atlantikküste hatten sich in ihren Liegestühlen aufgerichtet und lachten.
»Aber Marion«, sagte Esther mit ihrem leichten amerikanischen Akzent. »Männer sind Schweine – so heißt doch ein Schlager bei euch in Deutschland. Oder irre ich mich?«
Marion musste lachen, obwohl ihr nicht danach zumute war. Seit über dreißig Jahren war sie verheiratet mit einem Lehrer für Deutsch und Geschichte aus Essen im Ruhrgebiet. Er war mittlerweile zum Studiendirektor am Gymnasium aufgestiegen. Eine glückliche Ehe mit zwei Kindern – das war die übereinstimmende Meinung ihrer Nachbarn aus den gepflegten Doppelhaushälften, der Studienräte aus dem Lehrerkollegium und ihrer Freunde. Und besser noch, sie selbst empfand es so. Mit allen Unebenheiten des Weges und der sehr introvertierten Art ihres Mannes waren es schöne Jahre gewesen. Und so sollte es auch bleiben. Bei einem Vergleich mit dem Tierreich hätte sie sich ihn eher als milden, nachdenklichen Orang-Utan denn als Schwein vorgestellt. Sie lächelte in sich hinein.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
