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Ein bunter Fächer von fiktionalen Kurzgeschichten, oft mit harmlosem Beginn, die ganz allmählich und völlig überraschend ein geradezu dämonisches Ende finden.
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Seitenzahl: 77
Veröffentlichungsjahr: 2015
Eduard Häfliger, 1941 in der Schweiz geboren, hat an der ETH Zürich als Elektroingenieur diplomiert und in nationalen und internationalen Konzernen gearbeitet. 1990 wurde er freier Unternehmensberater. 2000 packte ihn der Spaß am Schreiben.
Die wichtigsten Dinge in unserem Leben sind nichts Außerordentliches oder Großartiges. Es sind jene Momente, in denen wir uns von anderen angerührt fühlen.
Jack Kornfield, buddhistischer Mönch
Eduard Häfliger
Ara
Ein bunter Fächer von humorvollen und tiefgründigen
© 2014 Eduard Häfliger
2. Auflage
Illustration: Andy Raeber
Coverbild: © istock 2014
Lektorat: Verena Schneider Müller
Korrektorat: Théo Müller
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-7323-1926-8
Hardcover
978-7323-1927-5
e-Book
978-7323-1928-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Ara
Aromat
Die Verfolgung
Die Kluft
Ihr Taxi, Herr Rohner
Auf den Säntis, kein Problem
Gesicht gewahrt
Lectifuga Praesenilis
Schreie
Körper – Seele – Geist
Koffer für die letzte Reise
Gaber Lisi
Der Brand
Er ruhe in Frieden
Der Clown
Die Tibeterin
Langsam wird er unheimlich, dieser Autor von Kurzgeschichten, der auf zwei drei Buchseiten ein ganzes Leben voller Tragik und makabrer Komik darzustellen weiß. Schon im ersten Buch, Soll ihn der Teufel holen, berichtet er von Geschehnissen, deren hintergründiger, manchmal diabolischer Inhalt zwar die Lachmuskeln reizt, dann aber das Lachen in der Kehle stecken lässt. Und nun diese neuen Geschichten, deren oftmals harmloser Beginn ganz allmählich und dann völlig überraschend ein geradezu dämonisches Ende findet. Man kann nicht aufhören mit Lesen, denn da hält uns jemand ein Spiegelbild des Menschseins vor: sowohl mit seinen Hinterhältigkeiten als auch seinen Möglichkeiten zu Güte, Großmut und Verzeihen.
E.K. Timmermeister, Publizistin
Zürich, im Herbst 2011
Ara
Fast geräuschlos, aber mit zunehmendem Tempo gleitet der letzte Zug aus der Halle. Der Bahnsteig ist leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hat sich eine Zigarette angezündet. Verwirrt starrt er dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner werden. Er klemmt seine Herrentasche unter den Arm und verschwindet Richtung Seitenausgang. Er tritt auf die Straße hinaus und macht sich auf den Heimweg. Die Putzequipe, die das Gerät für die nächtliche Arbeit rüstet, hat ihn nicht bemerkt.
Die Frau, die er an diesem Spätnachmittag in der Einkaufsmeile im Café Kempinski getroffen hatte, war nicht zum ersten Mal dort. Schon seit Wochen hatte er sie bei ihrer Gewohnheit beobachtet, bei schönem Wetter an einem der altmodischen Tischchen zu sitzen. Auch er schätzte das erlesene Getränk, das stets vor ihr stand: Heiße, bittersüße Schokolade, für die das Kempinski berühmt war. Einen Augenblick lang schweiften seine Gedanken ab zu jenem südamerikanischen Land, das neben edlen Kakaobohnen auch Ungeheuerliches für sein zweites Ich hervorgebracht hatte.
Scheinbar konzentriert las er seine Zeitung. Tatsächlich aber entging ihm keine einzige Bewegung der Frau. Er bewunderte ihre kurzen, grau melierten Haare. Sie trug einen schwarzen Rock und eine makellos weiße Bluse. Auch heute zierte Schmuck aus feuerroten Korallen Hals, Ohren und Hände.
»Prächtig rot wie das Federkleid eines südamerikanischen Ara«, murmelte er leise. Der Glanz in seinen Augen war nicht zu übersehen.
Sie hatte immer dasselbe Buch dabei. Doch galt ihre Aufmerksamkeit mehr den vorbei eilenden Menschen, die ihr manchmal ein bezauberndes Lächeln entlockten.
Für diesen Tag hatte er den dunklen Nadelstreifenanzug gewählt, dazu ein blaues Hemd und eine rot-blau gestreifte Seidenkrawatte – so wie es eben zum vornehmen Kempinski passte. Heute wollte er sich endlich mit seiner Angebeteten persönlich bekannt machen und sie später zu sich nach Hause einladen.
Er stand auf und bahnte sich den Weg zwischen den Tischen hindurch zur Toilette. Unter goldenen Armaturen wusch er die Hände, gab seiner Frisur den letzten Schliff, prüfte im Spiegel seine Erscheinung und machte sich auf den Rückweg. Dabei stieß er scheinbar zufällig so an die Schöne, dass ihr das Buch aus der Hand fiel, die halb leere Tasse Kakao traf und sie umkippte.
»Oh, entschuldigen Sie! Es tut mir sehr leid.«
Erst blitzte sie ihn zornig an, konnte aber ihre Sympathie für den eleganten Mann nicht unterdrücken. Bevor sie etwas erwidern konnte, hob er ihr Buch auf und rief nach dem Kellner. Der eilte herbei und begann, die Bescherung aufzuwischen.
»Bringen Sie der Dame bitte eine frische Tasse Kakao und mir auch eine! Ist doch recht so, Madame?«
»Eh – ja, danke.«
»Erlauben Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?«
Trotz dieser durchschaubaren Anmache entschlüpfte ihr ein »bitte«. Das Buch, Donna Leons »Beweise, dass es böse ist«, war ihm der willkommene Vorwand, um im Nu eine rege Unterhaltung über Commissario Brunetti, Vizequestore Patta und Signorina Elettra in Gang zu bringen. Ein charmanter Gesprächspartner, fand sie.
Als der Kellner Anstalten machte, das Außencafé zu schließen, lud der Fremde sie für die Fortsetzung des Gesprächs zu einem gemeinsamen Abendessen drinnen im feudalen Kempinski ein.
»Mit Vergnügen!«, willigte sie lächelnd ein.
Sie hatte keine Bedenken, dass sich über das Essen hinaus eine Affäre anbahnen könnte; sie wollte sich ohnehin mit dem Nachtzug endgültig aus der Stadt verabschieden. Neugierig auf seine Reaktion teilte sie ihm die beabsichtigte Abreise mit, nachdem das Essen bestellt war. Kurz spielte sich Enttäuschung in seinem Gesicht ab; doch schnell wich dies einem Lächeln, das ihr allerdings etwas merkwürdig vorkam, ja sogar böse.
Doch gleich waren die beiden wieder in ihre Plauderei vertieft. Belangloses wechselte mit Faszinierendem. Gekonnt fesselte er sie mit seinen Erlebnissen als Weltenbummler.
»Ecuador hat es mir besonders angetan: die urtümlichen Echsen und Schildkröten der Galapagos Inseln, die Straße der Vulkane, vor allem aber meine Erlebnisse im Urwald. Ich habe gesehen, wie die Indios das Pfeilgift Curare aus Säften von Rinden und Mondsamengewächsen präparieren. Und wenn die Giftpfeile aus den Blasrohren die rotblauen Aras treffen, so fallen diese Vögel beinahe sofort von den Bäumen. Curare lähmt nämlich augenblicklich und führt zu Atemstillstand und Tod«, schloss er auf eine so gefühllose Art, dass der Frau beinahe das Blut in den Adern gefror.
Dann wechselte er abrupt das Thema und begann wieder, auf seine charmante Art von den Kakaoplantagen im Mittleren Südamerika zu berichten.
»Von da stammen die Kakaobohnen, welche die Schokolade des Kempinski zum erlesenen Getränk machen.«
»Ein gutes Stichwort zur Krönung unseres unterhaltsamen Abends«, unterbrach sie ihn mit einem entschuldigenden Blick auf die Uhr, rief den Kellner herbei und bestellte noch eine letzte Tasse Schokolade.
»Für den Herrn auch eine?«
»Bitte ja.«
Während sie auf ihre Getränke warteten, fragte er lächelnd:
»Darf ich Sie zum Zug begleiten?«
»Nur wenn Sie mir die Rechnung überlassen – als bescheidene Gegenleistung für Ihre spannenden Erzählungen«, gab sie das Lächeln zurück.
»Wenns denn sein muss«, erwidert er geschmeichelt. »Herzlichen Dank!«
Als ob er es gehört hätte, brachte der Kellner nebst dem Bestellten auch die Rechnung, die sie sofort beglich.
Gedankenverloren leerten sie ihre Tassen. Dann brachen sie auf zum Bahnhof. Es waren kaum hundert Meter. Vor dem wartenden Zug erkundigte er sich nach ihrem Gepäck.
»Schon aufgegeben«, antwortete sie einsilbig.
Zu so später Stunde war der Zug praktisch leer. Bis zur Abfahrt blieben noch zehn Minuten. Weit und breit keine weiteren Fahrgäste. Damit hatte er gerechnet, nachdem sie ihn mit ihrer Abreise zur Änderung seines Planes gezwungen hatte.
»Kommen Sie, ich setze mich noch für ein paar Minuten zu Ihnen in den Zug.«
Sie nickte. Er ging voraus ins Abteil. Auch drinnen keine Seele. Sie setzten sich nebeneinander. Anstatt sich ihm zuzuwenden, blickte sie mit Tränen in den Augen auf den Bahnsteig. Solche Emotionen weckten in ihm stets das andere, das bösartige Ich. Jenes Ich, das er nicht zu kontrollieren vermochte, und das er genau so verabscheute, wie es ihn anzog. In diesem Moment fühlte er sich in den Urwald versetzt, zog einen Indiopfeil aus seiner Herrentasche, stach eiskalt zu und sah einen rotblau gefiederten Ara mit einem Angstruf vom Baum fallen. Innerhalb von Sekunden hatte das Gift seine Wirkung getan.
Er löste sich aus der Trance und bettete die Erstarrte behutsam in die Ecke. Gerade noch rechtzeitig sprang er vom Zug, der sich langsam in Bewegung setzte.
Aromat
Etwa zehn von uns zwölf Klubmitgliedern schaffen es immer, im Kalender den ersten Dienstagabend im Monat freizuhalten, um miteinander ein Abendessen zu zelebrieren.
Abwechslungsweise fungiert einer unter uns als Küchenchef. Er kreiert das Menü und kauft das Erforderliche ein. Angefangen bei typisch schweizerischen Älplermagronen bis hin zu japanisch Erlesenem kann alles auf den Speisezettel gebracht werden, was die Gaumen erfreut. Selbstverständlich darf ein feiner Tropfen nie fehlen. Hauptsache es kostet nicht alle Welt. In wenigen Stunden dirigiert er uns ältere Herren – seine Brigade – zu einem köstlichen Mahl.
Mit »Ich begrüße euch zum heutigen Kochabend«, heißt der Küchenchef uns willkommen. Ausgerüstet mit bunten Schürzen sind wir vor ihm versammelt. Ja richtig, von Kolleginnen ist nicht die Rede. Das weibliche Geschlecht ist ausdrücklich ausgeschlossen. Höchstens einmal pro Jahr laden wir unsere Damen zu einem Schmaus ein.
Der Chef stellt zu Beginn sein Menü vor und erläutert, worauf besonders zu achten ist. Drei Gänge sind das Übliche. Die Mise-en-place hat er schon erledigt. Nun verteilen wir Hobbyköche uns auf drei Kochinseln und beginnen, unser Können zu entfalten.
Da das Menü für vier Personen berechnet ist, werden zuerst die Zutaten auf die Anzahl der Anwesenden hochgerechnet. Da hat sich schon dieser oder jener verrechnet. Dann geht es ans Messerwetzen.
