Es fing doch so gut an - Eduard Häfliger - E-Book

Es fing doch so gut an E-Book

Eduard Häfliger

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Beschreibung

Der Stadt- und Landschaftsarchitekt Hannes Kaiser hat eine gloriose Idee. Für die völlig von Wald eingeschlossene Stadt Reckenstein will er einen neuen Stadtteil direkt in den Wald hinein bauen. Mit von der Partie ist der Architekt Jan Schwarzenberg, der eine sehr unkonventionelle Lösung entwickelt. Der dritte im Bund ist Howard Forest, der sich auf Finanzierungen versteht. Das Trio schafft es, ganz Reckenstein in Aufbruchstimmung zu versetzen. Selbst der Stadtrat lässt sich von den Plänen beeindrucken. Er verspricht sich nämlich Ruhm und Ansehen weit über die Stadtgrenzen hinaus. Nur eine kleine Gruppe von vier Leuten traut dem Trio nicht über den Weg ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Eduard Häfliger Es fing doch so gut an

Die drei Stadt- und Landschaftarchitekten Hannes Kaiser, Jan Schwarzenberg und Howard Forest tauchen eines Tages in der von Wald eingeschlossenen Stadt Reckenstein auf und präsentieren eine geniale Idee, um die Bebauungsreserven der Stadt auszuweiten. Ein neuer ökologischer Stadtteil soll direkt in den Wald gebaut werden. Das Projekt ist genial. »Wir haben für Sie ein einzigartiges Bauvorhaben entworfen. Es wird Reckenstein weit herum ins Gespräch bringen.« Für alle Beteiligten scheint es nur Vorteile zu geben. Den drei geschäftstüchtigen Herren gelingt es, Politiker, Kirchenoberste, den Baron von und zu Reckenstein und schließlich auch die Bevölkerung für das Projekt zu begeistern. Die Stadt gerät in Aufbruchsstimmung. Einzig der Tourismusdirektorin Sereina Florin und ihren Freunden kommen Zweifel. Sie beginnen, die Vergangenheit des Trios zu durchforsten.

Eduard Häfliger, 1941 in der Schweiz geboren, hat an der ETH Zürich Elektrotechnik studiert, anschließend in nationalen und internationalen Konzernen gearbeitet und sich 1990 als freier Unternehmensberater etabliert. 2000 hat ihn der Spaß am Schreiben gepackt.

Eduard Häfliger

Es fing doch so gut an

Trau, schau, wem

Roman

© 2015 Eduard Häfliger

Umschlag, Illustrationen: Théo Müller

Lektorat: Verena Schneider Müller

Korrektorat: Théo Müller

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7323-3364-6

Hardcover

978-3-7323-3365-3

e-Book

978-3-7323-3366-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Christine Kessler als Dank für die treue und unnachahmliche musikalische

Die Waldsage

Der Reckensteiner Wald ist ein vielfältiges Erholungsgebiet. Ein weitgespanntes Netz von Pfaden bietet abwechslungsreiche Routen für kurze und lange Spaziergänge. Sportler kommen auch nicht zu kurz, weder zu Fuß noch auf Bikes. Pfadfinder und andere Jugendgruppen können spannende Abenteuer inszenieren und erleben. Und für Schulen sind Waldlehrpfade angelegt.

In einem abgeschiedenen Winkel lebt eine sehr alte Frau. Nur wenige haben sie je zu Gesicht bekommen. Weil sie in Lumpen gekleidet ist und an einem knorrigen Stab geht, glauben einige, dass sie eine Hexe ist, Zauberkräfte besitzt und in Vollmondnächten ein schauerliches Unwesen treibt. Jene aber, die ihr wirklich schon einmal begegnet sind und sogar ein paar Worte mit ihr wechseln konnten, achten sie als eine Weise: Sie habe eine hohe Achtung vor der Natur, vor allem Lebenden ebenso wie vor lebloser Materie. Sie sehe im Wald ein Heiligtum und fühle sich als dessen Hüterin, berichten diese Leute. Es verwundere deshalb nicht, sie dort auftauchen zu sehen, wo Bäume gefällt werden oder Jäger dem Wild nachspüren. Mit wüsten Bannsprüchen verfluche sie die Frevler und stelle sich ihnen so in den Weg, dass sie ihr Handwerk nicht ausüben können.

In einer der städtischen Schulen gibt es einen Lehrer, der einen großen Respekt vor der Waldfrau hat. Er weiß längst, dass sie eine außergewöhnliche Erzählerin ist. Deshalb führt er ab und zu seine Schüler auf die große Lichtung mitten im Wald, wo sie mit der alten Frau zusammentreffen. Das Merkwürdige an diesen Treffen ist, dass er sich mit ihr nicht abzusprechen braucht, weder über den Tag noch über die Stunde. Immer auf dem gleichen Baumstrunk sitzend, erwartet sie den Lehrer und seine Schar zur richtigen Zeit. Haben die Schüler auf dem Weg dorthin noch lebhaft geschwätzt und munter gelacht, so verstummen sie stets beim Anblick der Gestalt mit den langen weißen Haaren. Die Alte ist zwar nur in braungraue Lumpen gekleidet und dennoch strahlt ihr faltiges Gesicht eine natürliche Würde aus. Unaufgefordert setzen sich die Kinder im Halbkreis um die Waldfrau und blicken stumm, aber voller Erwartung in zwei gütige Augen. Dann sind nur noch das Rauschen der Blätter und das Vogelgezwitscher zu hören.

Nach einer Weile beginnt die Waldfrau zu erzählen.

»Da, wo heute Reckensteins Wald sich wie ein Teppich über die Ebene und Hügel legt, hatten die Gletscher nach der Schmelze eine trostlose Öde hinterlassen. Nur nach und nach begannen sich zwischen dornigen Sträuchern essbare Gräser und Pflanzen zu entwickeln. In dieser kargen Natur fristeten zwei junge Menschen ein Leben voller Entbehrungen. Beide waren geächtet und vertrieben worden, weil sie sich den überaus strengen Regeln des Zusammenlebens ihrer Stämme nicht länger beugen mochten.

Lange waren sie im Ödland herumgezogen und hatten mit dem Wenigen, das ihnen die Natur bot, Hunger und Durst gestillt. Es war Pamo, der Jäger, der Lesa beim Sammeln von Beeren und Kräutern zuerst entdeckte. Als sie den heranschleichenden Mann plötzlich hinter sich gewahrte, floh sie zu Tode erschrocken. Pamo, sehnig und kraftvoll, holte sie rasch ein und zwang sie zu Boden. Er kämpfte mit Kraft und sie mit Geschicklichkeit. Sie waren sich ebenbürtig. Das wütende Ringen dauerte bis zu ihrer Erschöpfung. Nur langsam wurden aus ihren wild flackernden Augen kritisch neugierige Blicke. Schließlich ließen sie voneinander ab.

Fortan war es Respekt, der die zum Alleinsein Verurteilten zusammenhielt. Nach und nach lernten sie zu teilen, was sie der Natur an Essbarem abringen konnten. Lesa sammelte Pilze, Beeren, Kräuter und Wurzeln, während Pamo mit Pfeil und Bogen auf die Pirsch ging, um Tiere am Boden, in der Luft und in Gewässern zu erlegen. Nicht jeden Abend brachte er Beute zurück; denn selbst für Tiere war der Lebensraum zu wenig ergiebig. In den Nächten erholten sich die beiden in jener Höhle, die Lesa schon von Anfang an Unterschlupf geboten hatte. In kalten Nächten spendeten sie sich Wärme und begannen die Liebe zu entdecken. Es kam der Tag, da Lesa ihrem Gefährten das erste Kind, einen Sohn, schenkte.

Mit der Zeit fanden weitere Geächtete zu ihnen, einige mit redlicher Gesinnung, andere von so üblem Schlag, dass sie vertrieben oder wenn es sein musste, im Kampf getötet wurden. Die Übriggebliebenen entwickelten ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und pflegten eine Kultur gegenseitiger Achtung. Die neue Sippe erhob Sonne, Mond und Sterne, aber auch Blitz und Donner zu ihren Gottheiten und verehrte sie mit Kulthandlungen. Die Götter wurden um Fruchtbarkeit für Mensch, Tier und Boden gebeten und man dankte ihnen für alles, was sie der Gemeinschaft schenkten. Die Sippe drückte ihnen aber auch den Kummer aus, über was immer sie verloren oder nicht bekommen hatten.

Eines Tages spürten die Jäger eine riesige Bärin auf. Noch bevor sie einen Ring um sie schließen und ihre Speere nach ihr schleudern konnten, flüchtete das Tier durch ihre Reihe und verletzte einen Jäger tödlich. Mit wütendem Geschrei verfolgten sie das Tier bis zu dessen Höhle. Dort verschwand es und tat seinen Zorn durch fürchterliches Brüllen kund. Die Jäger schichteten vor der Höhle trockene Äste auf und setzten den Haufen in Brand. Der Wind war günstig und trieb den beißenden Rauch ins Versteck der Bärin. Mit wurfbereiten Speeren warteten sie auf ihren Ausbruch. Sie ließ nicht lange auf sich warten. Mit einem gewaltigen Satz versuchte sie den Durchbruch ins Freie. Von mehreren Wurfgeschossen tödlich getroffen brach das Tier zusammen. Erst als Blut aus ihrem Rachen quoll, wich die Angst der Jäger und machte einem Freudengeheul Platz.

Einige besonders Mutige wagten sich in die Höhle. Sie fanden ein kleines Pelzbündel, ein Bärenjunges, das kläglich wimmernd neben einem kopfgroßen, kantig geformten und durchscheinenden Stein lag. Für die Jäger gab es keinen Zweifel: Ein so außergewöhnlicher Stein konnte nur den Göttern gehören; sie hatten gefrevelt, weil sie dessen Hüterin umgebracht hatten. In einem Trauerzug brachten sie die Bärin, ihr Junges und den seltsamen Stein samt dem toten Jäger zurück in die Siedlung. Der Schamane ordnete ein langes Ritual auf dem Anger an, um die Gottheiten um Vergebung zu bitten. Den toten Jäger lehnten sie am Rande des Platzes an einen Findling, damit auch er an der Zeremonie teilhaben konnte. Als nach einem Tag und einer Nacht genug Sühne geleistet war, bestatteten sie den Toten im Feuer und gaben ihn den Göttern zurück. Die Bärin aber verzehrten sie mit Ehrfurcht, denn sie konnten es sich nicht leisten, Essbares zu verschwenden. Den Kristall der Götter, wie sie den gefundenen Stein nannten, setzten sie auf den Findling und verehrten ihn von da an als Sinnbild ihrer Götterwelt. Die Frauen zogen das Bärenjunge, ein Männchen, auf. Dieses dankte es ihnen bald einmal als wachsamer Beschützer der Siedlung.

Die Stämme, von welchen die Siedler einst ausgestoßen worden waren, hörten bald einmal vom Tun der Vertriebenen, vor allem aber vom magischen Kristall der Götter, der der Sippe angeblich Schutz und Glück brachte. Sie sandten Kundschafter aus, um zu erfahren, wie diese Kostbarkeit geraubt und die Siedler ausgeplündert, ja sogar ein für alle Mal vernichtet werden könnten. Doch der Bär entdeckte die Späher jedes Mal, erschreckte sie mit seinem fürchterlichen Gebrüll und rief damit die Männer der Siedlung herbei. Diese überwältigten die Eindringlinge, fesselten sie und quetschten sie aus. So erfuhren sie von der üblen Absicht der Feinde, die Siedlung mit einer Horde von Kriegern anzugreifen, auszurauben und zu vernichten.

Darauf versammelte sich die Sippe vor dem Findling mit dem Kristall der Götter. Sie hielten Rat und baten die Gottheiten um Hilfe. Da hörten sie plötzlich eine Stimme vom Himmel, die ihnen versprach, dass ihnen alsbald Schutz gewährt werde. Allerdings unter der Bedingung, dass der Kristall der Götter samt Findling mitten auf dem Dorfplatz im Boden vergraben werde, sodass er nie mehr der Habsucht von Fremden ausgesetzt sei. Drei Tage lang hoben Männer und Frauen, Junge und Alte eine tiefe Grube für ihren kostbaren Schatz aus. Sie rollten den Findling hinein, setzten den kostbaren Kristall wieder drauf, deckten die Grube zu und verwischten alle Spuren. Am darauf folgenden Morgen rieben sich die Siedler erstaunt die Augen. Denn in der Ferne war zu sehen, wie rundum ein Tannenwald unheimlich rasch heranwuchs und sich der Siedlung unaufhaltsam näherte. Nach wenigen Tagen war die Siedlung von einem undurchdringlichen Wald eingeschlossen.

Von da an erreichten ihre Feinde die Siedlung nie mehr. Sie vermochten das Gehölz gar nicht zu durchdringen. Nur die Siedler selbst konnten sich frei darin bewegen. Aber auch unschuldig Ausgestoßenen soll der Wald weiterhin den Weg zur Siedlung geöffnet haben. Aber weder sie noch die übrigen Siedler bekamen den sagenumwobenen Kristall der Götter je wieder zu Gesicht. –

Die große Waldlichtung, an deren Rand wir uns jetzt befinden, ist alles, was von der Siedlung übrig geblieben ist. Es ist heiliger Boden, denn irgendwo tief in der Erde ruht der Findling mit dem Kristall der Götter. Man sagt, dass rechtschaffene Leute in klaren Vollmondnächten hier eine magische Lebenskraft erfahren.«

Nach einer kurzen Pause hebt die Waldfrau ihre Arme zum Himmel und ruft: »Niemals, gar niemals darf der Reckensteiner Wald missbraucht werden, denn die Geister der verstorbenen Siedler und ihre Götter würden der Stadt Unglück bringen.«

Mit diesen Worten steht die Alte auf, dreht sich um und verschwindet gemessenen Schrittes von der Lichtung. Es dauert eine ganze Weile, bis der Bann gebrochen ist, die Schüler aufstehen und mit leisem Gemurmel ihrem Lehrer zurück in die Stadt folgen.

Morgenüberraschung

Was könnte es Schöneres geben, als sich an einem so herrlichen Frühsommertag vom Morgenkonzert der Vögel durch den Stadtwald begleiten zu lassen. Seraina Florin, die Tourismusdirektorin der Stadt Reckenstein schätzt es, zu so früher Stunde auf einem Teppich von dürren Tannennadeln über verzweigte Pfade zu joggen, frische Morgenluft zu atmen und sich von den ersten Sonnenstrahlen wärmen zu lassen. Höchst selten trifft sie auf einen anderen Sportler. Viel eher begegnet sie einem Hasen, der sich hoppelnd in Sicherheit bringt oder einem Reh, das aufmerksam und jederzeit zur Flucht bereit ihre Witterung aufnimmt. Eine gute Stunde lang wird sie pure Natur genießen, vielleicht auch diesem oder jenem Gedanken nachhängen.

Wie immer wird sie der Sechsuhrschlag der fernen Stadtkirchen zur Rückkehr mahnen. In der Stadt wird sie verschlafenen Frühaufstehern auf dem Weg zur Arbeit begegnen, die einen gemächlich zu Fuß oder auf dem Fahrrad, andere eilig per Motorrad oder Auto. Sie wird sich auf eine erfrischende Morgendusche und das Frühstück freuen und kurz vor acht zu ihrem Arbeitsreich aufbrechen, ins Reckensteiner Tourismusbüro.

Doch heute, noch vor der Zeit zur Umkehr, kommen Seraina mitten im Wald überraschend drei groß gewachsene Männer entgegen. Ihr stockt der Atem. Die drei Männer, alle mittleren Alters, machen eher den Eindruck von Geschäftsleuten als von Spaziergängern. Einer hat den linken Arm lässig in den Tragriemen eines Businessrucksacks gesteckt. Offensichtlich sind die drei nicht weniger erschrocken, so früh am Morgen einem Menschen zu begegnen, und erst noch einer so attraktiven Joggerin. Sie lächeln ihr etwas gekünstelt zu und grüßen mit ausländischem Akzent, wie Seraina herauszuhören meint. Ohne anzuhalten grüßt sie zurück und eilt vorbei. Sie meint zu spüren, dass sie ihr noch eine Weile hinterher starren. Als Trägerin des Schwarzen Gürtels hat sie eigentlich nichts zu befürchten. Dennoch beschleunigt sie den Schritt, denn es läuft ihr kalt über den Rücken.

Was machen drei Businessleute zu so früher Stunde im Reckensteiner Wald? Die Frage beschäftigt sie selbst unter der Dusche noch und auch beim Frühstück. Sie beschließt, morgen beim Tennis ihrer Freundin Agnes Kenel von der seltsamen Begegnung zu berichten. Seraina Florin und Agnes Kenel frönen schon einige Jahre dem Tennis. Meistens zeitig am Samstagmorgen auf den Außen- oder Innenplätzen ihres Klubs, je nach Wetter. Zu den frühen Stunden sind in der Regel fast alle Plätze frei. Außerdem können sie sich so aus dem Tratsch des Vereins heraushalten. Sie wollen einfach nur Tennis spielen und dabei ihren Spaß haben. Streit um Punkte kennen sie nicht. Das ist es ihnen nicht wert.

Vor dem Umziehen genießen sie im Klubhaus meistens einen Kaffee und berichten einander kurz über besondere Ereignisse der Woche. Diesmal bringt Seraina die eigenartige Begegnung beim Joggen zur Sprache. »Mein Adrenalinspiegel ist auf einen Maximalwert gestiegen und meine Füße hätten mich nötigenfalls auf ein Rekordtempo beschleunigt. Drei Männer auf einmal. Ich darf nicht daran denken.«

»Da haben wir ja nach dem Match ein spannendes Thema. Lass uns jetzt spielen gehen, bevor weitere Klubmitglieder auftauchen.«

Wie immer wärmen sich die beiden Sportlerinnen mit ein paar Runden um den Platz auf. Sie spielen sich erst auf dem Kurzfeld ein und wechseln nach einigen Minuten auf die ganze Spielfeldlänge. Dann folgen Smashs und schließlich mehrere Serien von Aufschlägen. Nach einer Viertelstunde trinken sie ein paar Schlucke Zitronenwasser aus den mitgebrachten Flaschen. Nun fühlen sie sich fit für ein Match.

Heute beginnt Agnes mit dem Aufschlag. Wie gewohnt und ganz im Gegensatz zu Seraina serviert sie nicht hart, sondern gibt den Bällen gekonnt Drall, der die Linkshänderin Seraina aus dem Feld treibt. Doch die kennt Agnes’ Gewohnheiten, ist darauf gefasst und antwortet mit einem scharfen Cross, den Agnes nicht mehr erreichen kann. Mit dem zweiten Service, ein gekonnter Kickaufschlag, gleicht Agnes aus, geht nochmals in die Offensive und holt sich mit listigen Platzierungen bald darauf das 1:0. Nach dem Seitenwechsel schlägt Seraina auf und gewinnt mit einer Serie ihrer harten Aufschläge den Ausgleich zum 1:1. Und so geht es ausgeglichen weiter, bis Agnes 6:5 führt und Seraina erst nach dem Break mit 7:5 besiegt. Die zwei Spielerinnen schenken sich nichts, auch wenn sie beste Freundinnen sind. Ihre Maximen sind eine sportlich anspruchsvolle Leistung und ein durch und durch faires Spiel. Beide Frauen sind schnell auf den Beinen und liefern sich abwechslungsreiche, oft lange Ballwechsel, die am Satzende nicht selten im Tie Break entschieden werden. Nach gut eineinhalb Stunden gewinnt Seraina mit 2:1 das Match. Agnes gratuliert ihrer Freundin mit einem kräftigen Händedruck zum Sieg. Sie danken sich gegenseitig für das abwechslungsreiche Spiel. Nach dem Wischen des Platzes löschen sie mit einem Schluck aus der Wasserflasche den Durst und machen sich auf zur Garderobe, wo auf beide die wohlverdiente Abkühlung unter der Dusche wartet.

Beim obligaten Cüpli an der Klubhausbar kommen sie nochmals auf Serainas Begegnung im Wald zurück.

»Ist dir aufgefallen, Agnes, dass ich heute öfter als gewöhnlich den zweiten Aufschlag einsetzen musste?«

»Mir schien tatsächlich, dass du nicht immer bei der Sache warst. Haben dich die drei Attraktiven von gestern beschäftigt?«

»Habe ich etwa behauptet, sie wären attraktiv ?«

»Woher kommen denn deine glänzenden Augen?«

»Ich gebe es ja zu: Es waren tatsächlich ziemlich attraktive Kerle. Der mit der Laptoptasche war ja vergleichsweise noch unauffällig, aber trotzdem sympathisch. Und der zweite mit der markanten Hornbrille sah aus wie ein junger, arrivierter Professor – ziemlich intellektuell.«

»Seit wann stehst du denn auf Intellektuelle? War der dritte auch einer?«

»Nein, der sah eher aus wie einer aus der Partyszene: schwarzes Haar, auffällig gestylt, Zweitagebart, weißes Hemd, Jeans und braune Lederschuhe vom Feinsten. Aber nicht gerade mein Typ.«

»Schade, dass ich nicht dabei war.«

»Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ich denen nicht zum letzten Mal begegnet bin. Da bahnt sich etwas an.«

»Zwischen dir und denen. Hab ich recht?«

»Nein, für Reckenstein.«

»Jetzt siehst du aber Gespenster.«

»Wir werden ja sehen, Agnes.«

Romainmôtier

Der aus dem Jura gebürtige Jean-Luc Muller und Peter Zenhäusern, der heruntergekommene Walliser, wie er seine Herkunft zu beschreiben pflegt, sind seit Jahren Freunde. Jean-Luc hatte vor knapp dreißig Jahren sein Theologiestudium in der Calvinstadt Genf abgeschlossen und dort auch seine Frau Marthe kennengelernt. Etwa zur selben Zeit wurde Peter Zenhäusern an der Universität von Fribourg im Üechtland zum katholischen Theologen ausgebildet.

Der Zufall hatte die beiden angehenden Theologen in der romanischen Stiftskirche des jurassischen Fleckens Romainmôtier zusammengeführt. Sie folgten dem Aufruf ihrer Dekane, in den Semesterferien an einer interkonfessionellen Seminar- und Meditationswoche teilzunehmen. Zum Wochenprogramm gehörten theologische Auseinandersetzungen über Gegenwart und Zukunft des Christseins.

Zufall oder nicht, die Dialoge wurden im Chorgestühl der über tausendjährigen romanischen Basilika geführt. Die beiden jungen Theologen sahen unabhängig voneinander in der schnörkellosen Architektur ein Sinnbild für eine auf das Wesentliche reduzierte christliche Kirche. Dass sie diesbezüglich eines Geistes waren, stellte sich im Verlauf der Woche heraus, weil beide ganz unabhängig voneinander dieses Bild mehr als einmal in die Debatten warfen.