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Fiktive, aus dem Leben gegriffene Kurzgeschichten, die zum Gruseln, Schmunzeln und Nachdenken bewegen.
Das E-Book Soll ihn der Teufel holen wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Kurzgeschichten, fiktional, aus dem Leben gegriffen
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2015
Eduard Häfliger, 1941 in der Schweiz geboren, hat an der ETH Zürich als Elektroingenieur diplomiert und in nationalen und internationalen Konzernen gearbeitet. 1990 wurde er freier Unternehmensberater. 2000 packte ihn der Spaß am Schreiben.
Zum Andenken an meinen Vater, dem Arzt, von dem ich einfühlsames Beobachten und Zuhören gelernt habe.
Eduard Häfliger
Soll ihn der Teufel holen
und andere Geschichten zum Gruseln, Schmunzeln und Nachdenken
© 2015 Eduard Häfliger
2. Auflage
Illustration: Armin Hofstetter
Coverbild: © istock 2014
Lektorat: Verena Schneider Müller
Korrektorat: Théo Müller
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-1907-7
Hardcover
978-3-7323-1908-4
e-Book
978-3-7323-1909-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Ruhe sanft
Soll ihn der Teufel holen
Ticino libero
Aus lauter Liebe
Kurs auf sich selbst
Erzählung 1 – Regentanz
Erzählung 2 – Auf sich geworfen
Erzählung 3 – Kunst
Geisterstunde
Achtsamkeit
Episode 1 – Kuonrât
Episode 2 – Ego
Episode 3 – Loslassen und reifen
Ich, Katharina
Eduard Häfligers Mord(s)geschichten
Hintergründig und lebensnah, mit Anflügen von schwarzem Humor, aber letztendlich weise und versöhnlich sind die Geschichten von Eduard Häfliger. Bei manchen von ihnen läuft es einem kalt über den Rücken, andere erwärmen das Herz auf eine Weise, dass man sie gleich zweimal lesen muss. Eduard Häfliger hat die Töne, die Stimmen, die Begebenheiten gehört, gefunden und sie in bildhafte Geschichten umgedeutet. Zu Geschichten, die nachvollziehbar sind, vielleicht sogar schon von manchem selbst erlebt. Nur hatte man für sich selbst keine Worte, keinen Ausdruck dafür gefunden. Nun aber liegen sie vor uns, diese Berichte aus einer inneren Welt, deren äußerer wir tagtäglich begegnen, wenn, ja wenn wir unsere Sinne dafür auftun.
Edeltrud Katharina Timmermeister, Publizistin
Ruhe sanft
Klar, das anatomische Institut ist eine Domäne von Schnitter Tod. Gruselig in der Fantasie von Laien, faszinierend für manchen Medizinstudenten – schon vor hundert Jahren.
Damals war einem angehenden Arzt eine interessante Leichensektion aufgetragen worden. Er sollte einen seltenen irregulären Verlauf von Nerven und Gefäßen nebst einem überzähligen Muskel schön präparieren und darstellen. Nachdem ihn das einen ganzen Tag lang intensiv beschäftigt hatte, legte er spätabends das Sezierbesteck weg, entledigte sich der Handschuhe aus braunem Gummi und zog die Operationsschürze aus. Mit einem weißen Laken deckte er seine Leiche sorgfältig zu, da er am anderen Morgen gleich weitersezieren wollte. Seine Kommilitonen waren längst gegangen. Bevor er den Saal verließ, blickte er noch einmal zurück auf die Reihe der hellgrauen Marmortische. Einige waren leer, andere, wie der seine, mit einer zugedeckten Leiche belegt. Einige Tische standen im weißen Lichtkegel der Lampen mit ihren typischen Schirmen aus dickem, grünem Glas. Da und dort schwammen Tote in Formalinbädern. Der Raum war mit süßlichem Mief aus Verwesungsgeruch und Formalin geschwängert.
»Bleibt alle schön brav liegen«, flüsterte der Studiosus in die Runde und löschte das Licht. Er schloss die Tür und ließ das unheimliche Dunkel des Saals hinter sich zurück.
Schon auf dem Heimweg kehrten seine Gedanken zu seinem fesselnden Fall zurück. Sie verließen ihn den ganzen Abend nicht, weder beim achtlos hinuntergewürgten kargen Imbiss noch später im Bett. Er fand kaum Schlaf und wälzte sich von Unrast geplagt hin und her.
Es herrschte noch finstere Nacht, als er sich entschloss, in die Anatomie zurückzukehren, um die Arbeit fortzusetzen.
Merkwürdigerweise war die Tür des Seziersaals nur angelehnt, was ihn etwas irritierte. Hatte er gestern Abend versäumt, sie zuzumachen? Er schüttelte den Kopf und wandte sich den Lichtschaltern zu. Nach ein paar Versuchen gelang es ihm, seinen Marmortisch in scharf abgegrenztes helles Licht zu tauchen. Mit einem »So, meine Dame« zog er das weiße Laken behutsam von der Leiche. Er holte sich einen frischen Satz Instrumente, zog sich um und streifte die obligaten Gummihandschuhe über. Einmal tief durchatmend sprach er: »Da wollen wir doch mal«. Er griff zum Skalpell und war im Nu wieder in seine Arbeit vertieft.
Nach einer Weile beschlich ihn ein merkwürdiges Gefühl. Hatte sich nicht etwas auf einem der Tische bewegt? Langsam ließ er seinen Blick in die Runde schweifen.
»Da ist nichts, du siehst Gespenster«, murmelte er vor sich hin und setzte seine anatomischen Studien fort – allerdings etwas weniger konzentriert.
Da, schon wieder! Diesmal sah er es ganz deutlich. Auf dem Tisch nebenan nahm das weiße Laken eine sich vergrößernde Form an. Was war das? Ein Gespenst, ein Phantom? Es richtete sich noch höher auf – und sank schließlich mit einem unüberhörbar lauten Seufzer zurück in die Horizontale.
»Da soll mich doch gleich der Teufel holen!«, rief der Medikus in spe. Er legte die Instrumente aus der Hand, hielt einen Moment inne und näherte sich mit ziemlich erhöhtem Puls der seltsamen Leiche, die eben noch geseufzt hatte.
»Hat man uns etwa einen Scheintoten unterschoben?«
Vorsichtig fasste er einen Zipfel des Leichentuchs und hob es an.
»Donnerwetter«, entfuhr es ihm, »der Pedell!«.
Bei diesem Stichwort erwachte der Hausmeister und lallte, während er eine gewaltige Alkoholfahne ausstieß: »Lass mich schlafen, verdammt noch mal!«
Grinsend kam der Student dem Wunsch nach.
»Ruhe sanft!«, sagte er und drapierte das weiße Linnen behutsam über den Trunkenbold. Trotz seiner nächtlichen Zecherei hatte er pflichtbewusst seine Runde gedreht, wurde dann aber vom Schlaf überwältigt und hatte sich kurzerhand auf dem ersten freien Seziertisch zur Ruhe gebettet.
Soll ihn der Teufel holen
In einem fernen Alpental erinnern sich alte Leute noch heute an das schreckliche Geschehen um Pfarrer Archibald. Manchmal erzählen sie ihren Kindern davon, denen es dann gruselig kalt über den Rücken läuft.
Kurz nachdem das Dorf seinen früheren, hochgeachteten Pfarrer zu Grabe getragen hatte, sandte der Bischof einen eigenartigen Nachfolger. Der Neue bestürzte schon durch seine Erscheinung. Die Leute sagten, dass man unter der rabenschwarzen Soutane eher ein Skelett vermutet hätte als einen Menschen aus Fleisch und Blut, so ausgemergelt sei er gewesen. Selbst sein Gesicht hätte einem Totenkopf geähnelt. Man tuschelte, dass er von seiner geizigen und nicht weniger dürren Pfarrköchin so knapp gehalten werde, dass selbst die Haare auf seinem Kopf nichts mehr zum Wachsen gehabt hätten. Die Leute, die zufällig am Pfarrhaus vorbeigingen, konnten die beiden oft miteinander streiten hören. Dabei hatte die keifende Stimme der alten Hexe das giftige Krächzen des Pfarrers weit übertönt.
Nach Möglichkeit mieden die Leute das Pfarrhaus. Mussten sie trotzdem wegen einer Geburt, einer Eheschließung oder wegen eines Todesfalls beim geistlichen Herrn vorsprechen, so schlug ihnen bestenfalls Misstrauen entgegen; niemals aber gab es weder freundliche noch mitfühlende Worte. Wagte sich gar eine Frau als Bittstellerin ins Pfarrhaus, so wischte der Pfarrer hinterher den Zugangsweg mit dem Besen. Dazu bewegte er sich stets rückwärts und murmelte irgendwelche Beschwörungen. Im Dorf frotzelten die Leute, er benütze jeweils den Hexenbesen der Pfarrköchin.
Wie es damals Brauch war, erschienen stets alle Dorfbewohner zum sonntäglichen Gottesdienst. Beim alten Pfarrer war man noch ehrerbietig aufgestanden, wenn er als Letzter die Kirche betrat und sich zur Sakristei begab. Beim Neuen blieb das Kirchenvolk demonstrativ sitzen und ließ ihn gewissermaßen Spießrutenlaufen. Nach dem Evangelium bestieg er die Kanzel – immer mit grimmiger Miene, während der Fastenzeit genauso wie während der Festtagskreise. Hatte er gerade keine düstere Bibelstelle zur Hand, so zog er über ein Dorfereignis her, das seinen Unmut geweckt hatte. Überall roch er Unrat und fand immer einen Grund, um von oben herabzudonnern. Dabei traktierte er die Kanzel so unbeherrscht, dass sie fast aus der Wand gerissen wurde. Nicht selten brachte er mit seinem Poltern die Kleinsten zum Weinen. Andererseits konnte er nicht verhindern, dass die Jungen zu tuscheln und zu grinsen begannen, was seinen Zorn nur noch mehr schürte, ja ihn sogar in Raserei versetzte.
Er konnte missliebige Kirchenbesucher mit einem stechenden Blick fixieren und dazu übermäßig lange schweigen. Das tat er vor allem bei Frauen, die er Weiber zu nennen pflegte. Auch schalt er immer wieder die Mädchen wegen ihrer sündigen Bekleidung. Das männliche Geschlecht kam ebenfalls nicht zu kurz. Wie Pfeile schoss er seine Blicke auf sie ab und sprach voller Zorn von Hurenböcken und Trunkenbolden, denen das Himmelreich versagt bleibe. Allen Sünderinnen und Sündern drohte er mit dem Gehörnten und forderte Buße.
Kurz: Er machte, wie die Leute zu spotten pflegten, den sonntäglichen Kirchenbesuch zur Hölle auf Erden.
An einem Sonntagmorgen, nach einer besonders üblen Standpauke ihres Pfarrers, schien den Dörflern beim Verlassen der Kirche eine strahlende Sonne entgegen. Auf den Bäumen trällerten die Vögel ihre Frühlingsgesänge. Gerade so, als wollte der liebe Gott der Gehässigkeit etwas Wohltuendes entgegensetzen. Man stand noch ein bisschen zusammen und genoss die Segnungen der Natur. Zwar wirkten die einen etwas geknickt, doch die andern machten sich ohne jeden Respekt über die Tiraden ihres Pfarrers lustig.
