Arbeit 4.0 - Armin Nassehi - E-Book

Arbeit 4.0 E-Book

Armin Nassehi

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Beschreibung

"Was ist Arbeit?", fragt Armin Nassehi. "Arbeit verrückt. Zumindest physikalisch gesehen. Denn der physikalische Begriff für Arbeit meint nichts anderes als das Produkt aus Kraft und Wegstrecke. Verrichtete Arbeit rückt also einen Körper von hier nach dort." Ein Essay über Arbeit und die Frage, warum man von der bloßen Existenz einfacher Arbeit etwas über die komplizierte lernen kann.

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Seitenzahl: 29

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Armin Nassehi

Arbeit 4.0

Was tun mit dem nicht organisierbaren Rest?

Nein, dies wird kein romantisches Plädoyer für einfache Arbeit. Es wird auch keine Kritik komplizierter Arbeit – übrigens eine Unterscheidung, die wir schon im ersten Kapitel von Marx’ Kapital finden.1 Eigentlich geht es gar nicht primär um einfache Arbeit, sondern um Arbeit schlechthin, und nicht zuletzt darum, warum man von der bloßen Existenz einfacher Arbeit etwas über die komplizierte lernen kann. Dazu aber später.

Wir haben uns daran gewöhnt, das Materialistische der Arbeit, also das, was an der Arbeit stinkt, Lärm macht, Fossiles verbrennt, Rohstoffe verbraucht und viel Platz braucht, für etwas Sekundäres zu halten. Wer Analysen über Wertschöpfungsketten liest oder wer nach innovativen Produkten sucht, stößt auf Tätigkeiten, die mit der Produktion im angedeuteten Sinne wenig zu tun haben. Ein Verbrennungsmotor etwa läuft heute nur noch angemessen mithilfe einer komplexen Datenverarbeitung. Produkte werden auf die kulturellen und symbolischen Bedürfnisse von Märkten abgestimmt. Das Design erzeugt das Image eines Produkts. Und die Wertschöpfung hat mehr mit der Rekombination von Informationen zu tun als mit der angemessenen Umformung von Natur in Kultur beziehungsweise von Rohstoffen und halb fertigen Teilen in Produkte. Das muss zwar auch gemacht werden, aber das ist nicht mehr das, was die Wertschöpfung ausmacht. Es bringt sie nur zu Ende.

Designed in California, assembled in China, wie es für Produkte mit dem angebissenen Kernobst heißt, ist geradezu eine Parabel dafür, wie sich das eine vom anderen getrennt und entfernt hat, nicht nur systematisch, sondern auch geografisch. Wer über die Kreativität von Arbeit nachdenkt, stößt dann eher auf die kalifornische als auf die chinesische Seite. Und so kann dann Arbeit ganz neu beschrieben werden. Arbeit ist immer weniger die Umformung von Materie in gebrauchsfertige Güter, sondern die Rekombination von Problemlösungskonzepten zu Problemlösungen. Schon ästhetisch gesehen wird Arbeit dadurch zu einer sauberen Angelegenheit. Nicht einmal Modelle von Produkten müssen mehr mit Spachtel, Formmasse und Schleifpapier hergestellt werden, sondern gewinnen ihre Gestalt am CAD-Terminal und werden dann von einem 3D-Drucker ausgespuckt. Nachdem die schmutzigen Arbeitsbedingungen in der chinesischen Fabrik für die erwähnten in Cupertino designten Produkte in weltweiten Medien allzu sichtbar geworden sind, hat sich die Firma Foxconn entschlossen, Arbeiter durch Roboter zu ersetzen. Der Foxconn-CEO Terry Guo meinte auf Nachfrage, aus den Arbeitern bei Foxconn würden dann Ingenieure und Techniker werden – will heißen: Es wird sauberer, ähnlich sauber wie in Cupertino.

In der vierten industriellen Revolution, der Industrie 4.0, geht es also um die Selbstoptimierung von Abläufen. Menschliche Arbeit reduziert sich zum einen auf das Design der Produktionsanlagen, auf die Algorithmisierung von Prozessen, die sich kybernetisch während des Prozesses selbst steuern, zum anderen auf die Rolle bloßer Moderatoren. Ob es so weit kommt, wird man sehen. Schon die in den 1980er-Jahren mit der Produktion des Golf II bei Volkswagen initiierte Automatisierung der Produktion in der berühmten Wolfsburger Halle 54 hat die Erwartungen keineswegs erfüllt. Das war Industrie 3.0. Es mag auch daran gelegen haben, dass die Möglichkeiten der prozessgesteuerten Selbstoptimierung durch Algorithmen noch nicht so weit waren. Industrie 4.0 soll dies nun ermöglichen – und es hat fast etwas Poetisches, wenn das von der Fraunhofer-Gesellschaft herausgegebene Gutachten zu Industrie 4.0, das als Programmpapier für diese industrielle Revolution gelesen werden kann, auf den Arbeiter stößt.2