Archer & Prey - Leonie Elena - E-Book
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Leonie Elena

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Beschreibung

Sie sollte nur ein weiterer Job sein, doch sie wird seine ganze Welt.

Es gibt nichts, das Darcie mehr verabscheut als die High Society von London. Sie hat sich den Fängen ihrer Familie entzogen, denen es nur um ihr Prestige geht. Elijah hat seine Zeit als Bodyguard hinter sich gelassen um CEO zu werden, aber wird ein letztes Mal zum Personenschützer berufen, als Darcie in Gefahr gerät.

Je mehr Zeit sie miteinander verbringen, umso intensiver verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Gefühlen, denn Darcie blickt hinter Elijahs ernste Fassade. Auf einmal finden sie sich in einer Welt voller Geheimnisse und Intrigen wieder. Elijahs Schatten lauern ihnen auf und Darcie ist seine neue Schwachstelle.



Romance Suspense, empfohlen ab 16 Jahren
In sich abgeschlossen, kein Cliffhanger

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

© 2024 Rinoa Verlag

c/o Emilia Cole

Koplingstraße 31, 47608 Geldern

 

ISBN: 978-3-910653-31-3

 

 

www.rinoaverlag.de

www.leonieelena.de

 

Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Impressum

Inhalt

Playlist

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Epilog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für alle, die einen Bodyguard mit britischem Akzent wollen, der nicht nur gut aussieht, sondern auch weiß, wie man eine Glock richtig nachlädt.

Playlist

The Archer – Taylor Swift

4Runner – Brenn!

Daylight – David Kushner

Only – RY X

Wildest Dreams (Taylor’s Version) – Taylor Swift

notre dame – Paris Paloma

ur so pretty – Wasia Project

Work Song – Hozier

Alaska – Maggie Rogers

Maneater – Nelly Furtado

I Want It All – Cameron Grey

Quietly Yours – Birdy

Matilda – Harry Styles

Getaway Car – Taylor Swift

The End of Love – Florence + The Machine

Hostage – Billie Eilish

Doomsday – Lizzy McAlpine

Satellite – Harry Styles

Champagne problems – Taylor Swift

Bleeding Out – Chance Peña

Prolog

 

25 Jahre zuvor …

 

Ich hielt den Atem an, während sich jeder Muskel in meinem kleinen Körper versteifte.

Wie eine Statur hockte ich im Schrank.

Die Tür war einen Spaltbreit geöffnet.

Mum hatte gesagt: „Mein Schatz, versteck dich. Komm nicht raus. Sei ganz leise.“

Ich hörte auf meine Mum, sonst würde Dad sauer werden. Und das wollte ich nicht.

Ein Schatten bewegte sich vor dem Schrank und ich drückte den Rücken fester gegen das Holz hinter mir.

Leise schnalzte der Mann mit der Zunge und schüttelte den Kopf. Breite Schultern waren alles, was ich sehen konnte. Das und die Pistole in seiner Hand. Sie sah anders aus als die, aus denen Wasser rausschoss.

„Gute Leute zu finden, ist nicht einfach“, murmelte er und trat einen Schritt beiseite und ich sah Dad. Er saß auf einem Küchenstuhl. Ein Tuch um den Mund gewickelt. Sein Blick sah panisch aus, fast so ängstlich wie der der Leute in den gruseligen Filmen, die ich ganz selten sehen durfte.

„Aber Leute zu finden, die von dem Zeug, das sie verticken, nicht abhängig werden, ist schwer“, fuhr der Mann fort. Dad riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. Ich verstand seine Reaktion nicht. Da war noch ein Mann, er hielt etwas in der Hand.

Von meinem Platz aus konnte ich es nicht erkennen. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt. Ich presste die Lippen aufeinander, als er sich meinem Dad näherte.

„Bitte“, keuchte er.

„Na na, jetzt fang nicht an zu betteln. Nicht vor deiner Frau.“

Ich konnte Mum nicht sehen, aber ich wusste, sie war auch hier. Immer wieder erklang ihr Wimmern.

„Bitte“, wiederholte Dad.

„Alles hat seinen Preis und du zahlst diesen heute mit deinem Leben.“

Mum schrie. Dad drehte seinen Körper hin und her. Ich hielt die Hände auf meine Ohren.

Der zweite Mann ging auf ihn zu.

Was auch immer er in der Hand hielt, setzte er nun an den Arm meines Dads an.

Dann herrschte Stille.

Und plötzlich fing mein Dad an zu zucken und seine Augen verdrehten sich, sodass nur noch das Weiße zu sehen war. Irgendetwas Weißes bildete sich an seinen Mund. Dann lief etwas Rotes aus seinen Augen heraus, an seinen Wangen hinab.

Ich glaube, es war Blut. Langsam tropfte es von seinem Kinn.

In meiner Kehle stieg ein Schrei auf und ich faltete die Hände über den Mund.

Langsam kippte der Kopf meines Dads zur Seite.

Sein Blick wurde glasig.

Sein Körper schlaff.

Und dann hob und senkte sich seine Brust ein letztes Mal.

Kapitel 1

 

 

„Holy Shit!“

Jap, das hatte ich wirklich laut gesagt. Ich schlug die Hände über den Mund und drehte mich panisch zu Poppy um. Die wiederum starrte mich aus großen Augen an.

„Das hast du gerade nicht wirklich laut gesagt?“, wiederholte sie.

Ich nickte abrupt. Schnell drehte ich mich von ihr und damit auch von dem Typen weg, der gerade an die Bar gekommen war. Es musste doch irgendwas – ah, da! Ich griff nach dem Handtuch und dem sauberen Glas, das soeben aus der Spülmaschine gekommen war. Ja, damit konnte ich mich beschäftigen und nur hoffen, dass Berty mich nicht sah.

Eine Barkeeperin, die an einem vollen Abend ihre Zeit damit verbrachte, saubere Gläser zu polieren? Herrje, wenn ich nicht schon seit vier Jahren hier arbeiten und den halben Laden schmeißen würde, würde er mich vermutlich sofort vor die Tür setzen.

Mein Kollege Jasper warf mir einen verwirrten Blick zu, den ich mit einem strahlenden Lächeln erwiderte.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Poppy die Lippen aufeinanderpresste und beinahe gelangweilt in ihr Glas blickte. Mit dem Pappstrohhalm schob sie die Eiswürfel von links nach rechts. Beinahe verlor ich mich in dem Spiel, vergessen war das Glas und der viel zu heiße Typ hinter mir. Das brachte mein Aufmerksamkeitsdefizit leider mit sich.

Dafür war ich voll konzentriert, wenn ich erst mal loslegte.

An einem langen Abend voller durstiger Kunden, lauter Musik und stickiger Luft, ging ich richtig auf. Ich arbeitete routiniert und zügig. Genau das war es, was ich liebte. Das war die Arbeit, die ich genoss. Auch wenn das meiner Familie, vor allem seitens meiner Mutter, überhaupt nicht passte. Wenn es nach ihnen ginge, würde ich ebenfalls für die Ambrose & Archer Group arbeiten und vorn am Empfang mit einem aufgesetzten Lächeln die Gäste begrüßen. Bei dem Gedanken rollte mir ein Schauder über den Rücken. Nope, das war definitiv nichts für mich.

Das Nachtleben wiederum … ja, das war genau meins. Ich genoss es, nachts nach Hause zu kommen, wenn andere aufstanden. Ich genoss es, wenn meine Füße schmerzten. Das klang vielleicht verrückt, aber nur so wusste ich, welche Arbeit ich erledigt hatte und was ich mir ermöglicht hatte.

Ein Räuspern riss mich aus meinen Gedanken.

Hallo, Aufmerksamkeitsdefizit.

Und bei der tiefen Stimme, die daraufhin folgte, wusste ich, es handelte sich um den heißen Typen. Nicht irgendein heißer Typ.

Nathan Gabe White.

Ja, ich kannte seinen Zweitnamen, aber auch nur, weil ich mir seinen Ausweis hatte zeigen lassen. Nicht etwa, weil er jung aussah, ich hatte wissen wollen, wie er hieß.

Da ich eine vollkommene Niete im Flirten war, war das der einfachste Weg. Er war heute zum vierten Mal in Bertys Bar, dem MoonDusters, und das innerhalb einer Woche. Entweder er hatte also ein Alkoholproblem oder …

„Hey, was darf es sein?“, fragte ich lächelnd und stellte das Glas beiseite. Das war jetzt vermutlich sauberer als jedes andere Glas in der Bar.

Nathans Mundwinkel zuckten leicht. Die braunen kurzen Haare hatte er sich zurückgekämmt und die grünen Augen funkelten in dem gedimmten Licht, als er seinen Blick über mein Gesicht und den Hals schweifen ließ. Seine Aufmerksamkeit wanderte jedoch nie zu meinem Dekolleté. Nie beäugte er mich, wie es die meisten anderen Gäste taten. Sein Benehmen spiegelte sich in dem dunkelgrünen Polohemd und der Anzugshose wider.

Gut erzogen, elegant, geradlinig.

„Einen Whiskey Sour“, sagte er, wissentlich, dass ich seine Bestellung bereits kannte und schon nach dem Larceny Straight Bourbon gegriffen hatte.

„Kommt sofort.“ Ich konzentrierte mich auf die Zubereitung des Getränks und blendete Poppys Blicke aus. Ich wusste, was ihre Augen mir sagen wollten.

Trau dich. Sprich mit ihm. Schlaf mit ihm.

Am besten in der Reihenfolge.

Ich warf einen Blick zur Seite, wo eine kleine Blondine geduldig meine Handgriffe verfolgte. Sie hielt einen Geldschein in der Hand, weswegen ich mich zu ihr hinüberlehnte, während ich den Tumbler mit dem Zitronenschnitz granierte.

„Was kann ich dir bringen?“, fragte ich sie über den Lärm und die Musik hinweg. Sie bestellte zwei Gin Tonic und ich war froh, direkt etwas zu tun zu haben, nachdem ich Nathan den Whiskey Sour mit einer kleinen Serviette hingestellt hatte.

Ich kassierte ihn ab und steckte das großzügige Trinkgeld in ein separates Fach meines Portmonees.

Die Bar hatte schon immer gemischtes Publikum angezogen. Alles von Studenten bis hin zu CEOs, die dem Londoner Alltag, ihrer Kanzlei, Firma oder Sonstigem entfliehen wollten. Was sich mittlerweile herausgestellt hatte, war, dass die CEOs meistens mehr Trinkgeld gaben als andere. Überraschung. Aber selbst die übertrumpfte Nathan bereits. Ich wusste nicht ganz, was er sich davon erhoffte.

Dachte er etwa, er könnte mich kaufen?

Mit seinem Geld locken?

Mein Magen wurde schwer.

Es gab vieles, was mir egal war: die Meinung meiner Mutter über mein Leben, die Todesstrafe für Sexualstraftäter, ob man Vegetarier war oder nicht, wen man liebte und Geld.

Geld spielte für mich keine Rolle.

Wenn das also seine Masche war, dann konnte sein Gesicht noch so hübsch sein, sie würde nicht ziehen.

Bevor ich nach dem Gin greifen konnte, hielt mich seine Stimme ab. „Du hast mir bisher nie deinen Namen verraten“, sagte er locker und Poppy riss neben ihm die Augen auf.

Na los, jetzt! Deine Chance!

Am liebsten hätte ich die Augen verdreht.

„Du hast nie gefragt.“ Ich schnalzte und hob grinsend eine Augenbraue.

„Stimmt“, räumte er ein und stützte die Unterarme am Thekenbrett ab.

Mein Blick – und ziemlich sicher auch Poppys und der der Blondine – landete auf seinen Unterarmen. Verdammt. Ich hatte echt eine Schwäche für Unterarme und Adern, all das wurde mit einer Rolex garniert.

Poppys Augen wurden größer. Wenn nicht du, dann ich!

„Aber ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, dass ich deinen Namen gern wüsste“, hängte er dran.

Ich hob abrupt den Blick zurück zu seinen grünen Augen. „Ist es das?“

Jasper griff zwischen uns nach dem Gin und machte sich an die Bestellung der Blondine. Was für ein Zufall, dass sie genau sein Beuteschema war. Ich glaubte, es gab niemanden, der die Vorteile eines Barkeepers, der eine Wohnung direkt über der Bar hatte, mehr ausnutzte als Jasper Kline.

„Nun, normalerweise besuche ich nicht viermal in der Woche dieselbe Bar. Besonders nicht eine in Camden Town.“

Mir entging der Unterton nicht, mit dem er das Stadtviertel aussprach. Augenblicklich verkrampfte ich mich, mein Lächeln wurde starr und ich tat mein Bestes, damit meine Mundwinkel sich nicht senkten.

Die meisten Banker, Anwälte und Konsorten hielten sich eher in Chelsea oder Canary Wharf auf. Camden Town war ihnen zu bunt, zu laut. Für mich war es genau richtig. Ich liebte die wilden Graffitis, die vielen Geschäfte, die Märkte und Kulturen. Es konnte nie bunt genug sein.

„Nun, ich für meinen Teil finde, das MoonDusters ist die beste Bar in ganz London. Aber das ist jedem selbst überlassen.“ Gott, Berty sollte mich zur Mitarbeiterin des Monats küren.

Bitte sei kein hochnäsiger Bastard, Nathan. Komm schon.

„Sie ist … okay“, sagte er, weiterhin lächelnd. „Du machst sie zu etwas Besonderem.“

Am liebsten hätte ich die Augen verdreht, denn der Spruch war echt lahm. Stattdessen pinnte ich mir das freundliche Lächeln zurück in mein Gesicht. Schade, Nathan, aber adieu.

„Danke, wenn du mich entschuldigst, ich muss arbeiten“, sagte ich höfflich. Nicht jeder kann von Daddys Geld leben.

„Dein Name?“, forderte er jedoch erneut.

Poppy runzelte die Stirn und warf mir einen schnellen Blick zu. Okay, vergiss es.

Du kannst ihn ja haben.

Auf gar keinen Fall.

Wir setzten unsere stille Unterhaltung fort, bis uns Jasper unterbrach. „Darcie, kannst du mir mit dem neuen Fass helfen?“

Ich verfluchte und liebte ihn gleichzeitig. Er rettete mich zwar aus dem Gespräch mit Nathan, jedoch wusste der nun meinen Namen und grinste breit.

„Wir sehen uns, Darcie“, rief er.

Das Kribbeln, das er noch vor wenigen Minuten ausgelöst hatte, war mittlerweile verschwunden. Ich nickte und wandte mich Jasper zu. Ich öffnete die Thekentüren, hinter denen das Fass stand, nur damit Jasper sie wieder zuschlug. „Was zum Teufel?“

„Das Fass ist noch halb voll, wollte dich nur vor Mister Perfect retten.“ Er zapfte ein Guinness für seinen Kunden.

Ich seufzte und lehnte mich mit der Hüfte an die Theke. „Glaub mir, er ist gar nicht so perfekt wie du denkst.“

„Vorgestern war er es aber noch.“

„Vorgestern war vorgestern“, flötete ich und wandte mich ab. Poppy sah Nathan immer noch nach, als ich mich zu ihr lehnte.

„Vielleicht wenn man ihm den Mund zuklebt?“, fragte ich. Poppy grinste und schaute zu mir. „Und danach nie wieder sieht?“

Wir lachten.

Poppy und ich waren der gleichen Ansicht. Keiner von uns hatte Lust, von oben herab betrachtet zu werden. Keiner von uns hielt viel von Anzugsträgern. Zwar stammten wir beide aus wohlhabenden Familien, aber wir hatten beschlossen, uns nicht auf unserem Erbe auszuruhen.

Wir hatten zusammen studiert und uns danach eine süße kleine Wohnung in der Nähe von Primrose Hill gesucht. Poppy war die beste Freundin und Mitbewohnerin, die ich je hatte. Mit ihrem Job in der Töpferei konnte sie immer ihre Miete zahlen und machen, was sie wollte.

„Wie lange musst du heute noch?“, fragte sie und blickte wieder über das heutige Publikum. Es war Samstag und Happy Hour, eine gefährliche Kombination, die meistens in Überstunden endete.

„Nicht vor vier, schätze ich.“

Poppy nickte und sprang von ihrem Stammplatz auf. „Dann sehen wir uns zu Hause. Bringst du Bagels mit?“

„Natürlich!“, rief ich ihr nach. „Wie könnte ich deinen Bagel-Sonntag vergessen?“

Poppys Augen blitzten auf und sie winkte mir zu, ehe sie in der Menge verschwand. Ich hoffte nur, ich würde morgen früh keinen Kerl beim Walk of Shame ertappen.

Oder vielleicht sollte ich einfach mal einen Bagel mehr kaufen?

Kapitel 2

 

 

„War es wirklich so schwer, Ihren Job zu machen?“

„Nein, Sir.“ Der ältere, schmächtigere Mann vor mir ließ die Schultern sinken.

„Wir nehmen nur die Besten, Mr Kerrington. Und das waren Sie, bevor Sie diesen Fehler begangen haben, nicht wahr?“

Er nickte, während sein Gesicht immer blasser wurde. Sein Blick immer glasiger. „Ja, Sir.“

„Dann frage ich mich, ob eine Nacht es wirklich wert war, all das wegzuwerfen?“

Er schluckte. Ich rechnete nicht mit einer Antwort. Ich wartete auch auf keine.

Ich erhob mich aus dem schwarzen Lederstuhl, richtete meine Krawatte und drehte ihm den Rücken zu. Ich trat an die Glasfronten, die mein Büro zur Hälfte einnahmen, und sah über die Skyline von London.

„Ihre Aufgabe war es, die Frau des CEOs von Gravel Enterprise zu beschützen, immer ein paar Schritte hinter ihr zu sein, nicht aufzufallen.“ Meine Stimme war ruhig, wie immer. Ich ließ meinen kalten Ausdruck für mich sprechen, als ich mich langsam umdrehte. „Nicht mit ihr zu schlafen.“ Ich verschränkte die Hände hinter meinen Rücken und für einen Moment herrschte Stille im Raum.

Schließlich richtete er den Blick zum Boden. „Ja, Sir.“

Mein Handy summte in meiner Jacketttasche und ich zog es langsam heraus.

Colton hat das Leck entdeckt. EZ 183.

Mein ITler war schon den ganzen Vormittag damit beschäftigt gewesen, das Datenleck in Gravel Enterprise zu finden. Ein Datenleck, welches Mr Kerrington ermöglicht hatte, um die Videos der Überwachungskameras zu manipulieren, sodass wir nur einen und nicht all seine Ausrutscher wie eine verdammte Porno-Trilogie ertragen mussten.

Das hatte bei seinem letzten Besuch bei Mrs Gravel jedoch nicht funktioniert. Gestern Nacht hatte mich Mr Gravel völlig aufgebracht angerufen, außerdem hatte er seine Frau vor die Tür gesetzt und den Vertrag zwischen unseren Unternehmen für nichtig erklärt.

Die Buchstaben und Nummern in der Nachricht sagten mir, wer ihm bei der Bearbeitung der Tapes geholfen hatte. Ezra Zohara, ID: 183. Sein beschissener Schützling.

Ezra hatte das Zeug dazu gehabt, einmal in unser Prime-Programm aufgenommen zu werden. Er konnte jede Firewall durchbrechen, aber das nutzte mir bei Illoyalität nichts.

Ich steckte das Handy zurück.

„Sieht so aus, als könnte Ihr Freund Ihnen nun auch nicht mehr weiterhelfen. Um Mr Zohara kümmern wir uns später. Nun zurück zu Ihnen: Sie haben nicht nur einen miserablen Job hingelegt, sondern auch der Ambrose & Archer Group einen wichtigen Klienten gekostet. Nun, Mr Kerrington, ich hoffe, dass Mrs Gravel Ihnen wenigstens mal einen geblasen hat, damit es überhaupt etwas wert war.“ Ich hob eine Augenbraue.

Ich konnte nicht verstehen, wie man so viel aufs Spiel setzen konnte. Wie man sein Ziel so aus den Augen verlieren konnte.

Für eine Frau, dafür hatte er seine Karriere weggeworfen.

Für ein verheiratetes, untreues Miststück.

Ich hatte Mrs Gravel bei dem Dinner einer Vernissage kennengelernt und ich konnte mir nicht erklären, wie er für so eine Frau seine Zukunft versauen konnte.

Sex brauchte nicht immer Tiefe. Sex war nun mal Sex. Nicht mehr als die reine Befriedigung von Bedürfnissen.

„Sir, wenn ich … ein paar Wo–“

„Nein. Sie sind gefeuert, Mr Kerrington. Ihre Entscheidungen, Ihr Fehler kosten Sie mehr als nur den Job. Sie werden keinen weiteren Job im Security-Bereich finden. Nicht als Personenschützer, nicht einmal als verdammter Türsteher. Unser Unternehmen hat das Netzwerk über Ihren Fehler informiert, da wird es ziemlich schwer werden, in der Branche wieder Fuß zu fassen.“

Ich ließ den Blick auf ihm ruhen.

Für eine Sekunde, zwei.

Normalerweise entschied sich in dieser Zeit schnell, was als Nächstes passieren würde. Einige nahmen die Kündigung hin und verließen den Raum stillschweigend, andere … kämpften. Sie wurden wütend, gewalttätig.

Heute war ich in der Stimmung für Nummer zwei. Üblicherweise konnte ich meinen Frust an Ihnen auslassen. Der erste Schlag ging immer ins Leere, da keiner damit rechnete, dass ich wendiger war, als ich aussah. Breite Schultern waren nicht nur dafür da, um wie eine Wand zu wirken. Die weiteren Schläge gehörten daher mir, bis ich das Sicherheitspersonal informierte und sie die Männer aus meinem Büro schleifen mussten.

Allerdings sah Mr Kerringtons gekrümmte Gestalt eher nach Option eins aus. Schade.

Er nickte schwach und akzeptierte sein Schicksal.

„Das wäre dann alles“, sagte ich abschätzig und nahm hinter meinen Schreibtisch Platz.

Mr Chu wartete noch auf einen Bericht zu seiner Firewall. Das japanische Unternehmen, welches er nach dem Tod seines Vaters geerbt hatte, gehörte zu unseren treusten und ältesten Klienten.

Kein Klient, den man warten ließ.

Mr Kerrington trottete aus den Raum.

Ich zog mein Handy ein weiteres Mal hervor, um Lucy zu antworten.

Gute Arbeit. Ich informiere Mr Ambrose, schickt Mr Zohara zu mir.

Vielleicht würde Mr Zohara ja ein wenig Kampfsinn zeigen.

Kapitel 3

 

 

„Bis morgen“, verabschiedete ich Jasper, wobei ich den letzten Tisch abwischte. Jasper nickte mir zu, während er durch die schwere Eingangstür des MoonDusters verschwand. Ich warf einen Blick durch die großen Fenster nach draußen, langsam rollten Regentropfen die Scheibe hinab. Neben der Straßenlaterne, unter einem großen schwarzen Regenschirm, stand eine Blondine. Als Jasper sich ihr näherte, hob sie den Kopf und ich kniff die Augen zusammen. Hatte ich es mir doch gedacht. Jasper umfasste ihre Hüfte und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Ich sah an die Decke und seufzte. „Bitte wartet noch fünf Minuten. Es gibt Dinge, die will ich nicht hören“, sagte ich in den leeren Raum hinein. Es bestand eigentlich gar keine Möglichkeit, zu hören, was die beiden gleich dort oben treiben würden. Aber allein der Gedanke …

Schnell schüttelte ich den Kopf.

Oh, bitte nicht.

Jasper war wie ein Bruder, ein nerviger Bruder, den man am liebsten wieder loswerden wollte und sich nicht beim Sex vorstellen konnte. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus und ich lief schnell zur Theke hinüber. In der Spüle wusch ich den Lappen aus und hängte ihn zum Trocknen auf. Dann verschloss ich den Lagerraum und knipste das Licht im hinteren Bereich aus. Ich checkte den Gästebereich und überprüfte, ob alles so weit fertig war. Die dunkelgrünen Lederstühle waren hochgestellt. Der Billardtisch bereit für ein neues Spiel. Die Fernseher, die wir bei Fußballspielen schon mal laufen ließen, waren aus, genauso wie die Neonschilder in den Fenstern. Die Sitznischen mit dem rissigen braunen Leder waren sauber.

Das MoonDusters war noch nie besonders modern gewesen, stattdessen verlieh es einem ein wohliges Gefühl. Als würde man mit seinen Freunden einen faulen Samstag auf der Couch verbringen, mit einem Rugbyspiel, das nebenbei lief, und einem leckeren BBQ. Genau das machte den Charme des MoonDusters aus. Es war kein Schickimicki-Club, aber auch keine Kneipe. Berty bezeichnete uns gern als hip. Also schätzte ich, dass wir genau das waren.

Ich ging die Checkliste im Kopf durch, bevor ich das Licht ausschaltete und aus der Bar trat. Die Holztür zog ich hinter mir zu und schloss ab.

Ich blickte mich um, hob das Gesicht zum Himmel. Der sanfte Nieselregen kitzelte meine Haut und ich setzte meine Kapuze auf, ehe ich auf meine Uhr sah. Halb sechs. Um sechs würde ich zu Hause sein, gerade rechtzeitig, um bei Daisy schon Bagels zu holen.

Ich machte mich auf den Weg zur U-Bahn-Station, als ich einen Schatten im Augenwinkel wahrnahm. Sofort griff ich in meine Jackentasche und umklammerte das Pfefferspray, das Jasper mir für Notfälle gegeben hatte. Bisher hatte ich es noch nie benutzen müssen, aber ich war lieber vorsichtig. Besonders, wenn man nachts allein durch die Stadt lief.

Unter der Straßenlaterne stand eine schlanke, hochgewachsene Person. Das Licht warf Schatten auf sein oder ihr Gesicht.

Was zum Teufel sollte ich tun? Wie angewurzelt blieb ich stehen, das Pfefferspray schmiegte sich feste an meine Handfläche und ich rechnete damit, es heute benutzen zu müssen.

Vielleicht würde mich Jas hören, wenn ich laut genug schrie.

Die Person bewegte sich noch immer nicht.

Eiskalt kroch es meine Wirbelsäule hinauf.

Panik erfasste mich.

In welchem verdammten Horrorfilm war ich denn hier gelandet?

Die Person trat einen Schritt zurück und verschwand damit aus dem Lichtkegel.

Ich stieß die angehaltene Luft ruckartig aus und blickte mich panisch um. Der seltsame Schatten war verschwunden.

Bevor ich das Glück herausfordern konnte, machte ich kehrt und eilte über die Straße.

 

 

„Du bist die Beste“, flötete Poppy und im nächsten Moment bekam ich einen dicken Schmatzer auf meine Wange.

Stöhnend vergrub ich das Gesicht weiter im Kissen. „Dann lass mich noch ein bisschen schlafen“, murmelte ich. Als ich keine Antwort erhielt, kniff ich die Augen zusammen und blinzelte gegen die Helligkeit an.

Poppy saß neben mir auf dem Bett, während sie munter einen Bagel verzehrte. Daisy hatte mich noch vor der offiziellen Öffnungszeit reingelassen. Vielleicht, weil ich völlig panisch gegen ihre türkise Eingangstür geklopft hatte. Vielleicht aber auch, weil ich ihre treuste Kundin war.

Dieser Schatten hatte mich gestern nicht weiterverfolgt.

Dennoch verfolgte er mich im Schlaf und ich bekam dieses Slenderman-artige Statur nicht mehr aus dem Kopf.

„Poppy, warum weckst du mich jetzt schon?“ Ich hatte kaum geschlafen und wahrscheinlich hatte ich noch ein paar Stunden, die ich zum Schlafen nutzen könnte.

Grinsend drehte sich Poppy zu mir um und nahm den letzten Bissen ihres Bagels. „Weil du dich heute zum Lunch mit deiner Mum triffst und ich die beste Mitbewohnerin der Welt bin und dich wecke, damit du dich fertig machen kannst.“

Erschrocken riss ich die Augen auf, blinzelte gegen die Helligkeit an und setzte mich auf. „Verdammt.“ Ich schob die Decke von den Beinen. Sofort erfasste mich kalte Luft und ich wollte augenblicklich zurück in die Wärme. Aber daraus wurde heute nichts mehr. Nicht, wenn Donna Ambrose auf mich wartete.

Ich eilte aus meinem Zimmer und ließ Poppy hinter mir auf dem Bett sitzen. Das Badezimmer, das wir uns teilten, lag direkt zwischen unseren Zimmern. Von da führte ein kurzer Flur in den offenen Wohnbereich. Eine kleine Küchennische mit buntem Fliesenspiegel und grünen Schränken rundete unser knalliges Apartment ab - mit der Secondhandcouch, die auf dem Perserteppich stand, und den vielen Pflanzen, die Poppy immer ihre Babys nannte.

Ich duschte im Schnelldurchlauf. Für Mum musste ich präsentabel aussehen. Auch wenn ich gern mal auf ihre Meinung pfiff, war sie mir nicht egal und lieber kleidete ich mich angemessen, als mir die ganzen Sprüche anhören zu müssen. Das Oberteil ist nicht aktuell. Die Shorts sind aus der letzten Saison. Was hast du denn schon wieder mit deinen Haaren gemacht? Hast du etwa grünen Lidschatten benutzt? Der beißt sich mit deiner Haarfarbe, Darcie!

Egal, was ich tat, ich konnte es ihr nie recht machen.

Ich trocknete mich ab und versuchte, meine Haare zu bändigen, die sich zu einem Vogelnest auftürmten. Die roten Locken waren Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, weil sie definitiv ein Hingucker waren und ob man es glaubte oder nicht, die meisten Kerle standen darauf. Ein Fluch, weil sie mich immer wieder an den Rand der Verzweiflung trieben.

Eine halbe Stunde später wickelte ich das Handtuch um meinen Körper und trat mit perfekten Locken und schlichtem Make-up aus dem Badezimmer. Poppy lag auf meinem Bett, während sie durch ihr Handy scrollte. Gerade wollte ich an meinen Schrank gehen, als mich ihre Stimme aufhielt.

„Ich habe dir schon was rausgesucht“, sagte sie abwesend, ihr Blick auf das Display gerichtet. Ich drehte mich herum und entdeckte die Kleidung, die sie aufs Fußende gelegt hatte.

Eine Jeans mit ausgestelltem Bein und eine hellblaue Bluse. Daneben lagen mein Trenchcoat sowie die einzige Designer-Handtasche, die ich besaß. Mum hatte sie mir zu meinem Achtzehnten geschenkt. Seit acht Jahren pflegte ich sie und nahm sie bei besonderen Anlässen mit. Ein Lunchdate mit meiner Mum war genau so ein Anlass. Ihr ging es um Prestige, um ein Image, das wir nach außen hin zeigen sollten. Dabei führte sie mich gern als brave Millionärstochter vor, die sich natürlich immer an die Spielregeln von Mummy und Daddy hielt. Natürlich.

„Habe ich schon gesagt, dass du die Beste bist?“, sagte ich, während ich nach meiner Unterwäsche griff und mich anzog.

„Nope, glaube nicht. Du kannst es ruhig noch einige Male erwähnen.“ Sie grinste und tippte auf ihrem Handy herum.

„Wer hat dich denn so in seinen Bann gezogen?“, fragte ich gespielt unbeteiligt und zog die Jeans an.

Poppy hob eine Augenbraue. „Seinen?“

Meine Mundwinkel zuckten. „Der Typ, dem ich heute früh noch einen Bagel mitgegeben habe?“

Abrupt legte sie ihr Handy weg, in ihrem Blick spiegelte sich Überraschung wider. „Du hast ihm einen Bagel mitgegeben?“

Ich zuckte mit den Schultern, wobei ich die Bluse weiter zuknöpfte. „Er sah etwas verloren aus, aber wirkte ganz nett. Dachte, er könnte einen Bagel verdienen. Du weißt schon, etwas Kraft schöpfen, nachdem er die völlig in dich gesteckt hat.“ Mein Lächeln wurde zu einem dicken Grinsen, als sich auf Poppys Wangen eine leichte Röte ausbreitete.

„Er hat mir seine Nummer dagelassen. Eigentlich wollte ich ihm gar nicht schreiben, aber …“ Sie biss sich auf die Unterlippe und fiel seufzend zurück auf die Matratze.

„Aber er war wirklich gut im Bett?“

„Drei Orgasmen, Darcie. Drei! Dass es so was überhaupt noch gibt“, sagte sie verträumt.

Ich verstaute mein Handy, etwas Geld und meinen Lippenstift in der Birkin und strich den Trenchcoat ein letztes Mal glatt.

„Aber es ist nicht nur das“, fuhr sie fort. „Er war auch echt … nett.“

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Ich hatte noch ein paar Minuten. „Nett? Ist das der neue Standard?“

Sie stöhnte frustriert auf. „Das meine ich ja gar nicht. Es hat sich einfach nicht wie ein reiner One-Night-Stand angefühlt. Deswegen habe ich ihm heute Morgen auch geschrieben und seitdem …“ Sie sah an die Decke und warf die Hände über den Kopf.

„Seitdem kannst du nicht aufhören, an ihn zu denken?“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ganz genau.“

„Tja, dann würde ich sagen, triffst du dich noch mal mit ihm. Schau, ob der Zauber anhält oder es nur der Nebel der Orgasmen war.“

„Das waren wirklich gute Orgasmen“, nuschelte sie.

Ich lachte. „Das glaub ich dir. Sag mir Bescheid, wenn er wieder hier ist. Ich glaube, er steht auf Frischkäse, dann bring ich ihm einen Bagel mit. Ich meine, solche Orgasmen müssen doch belohnt werden.“

Poppy streckte sich auf meinem Bett aus, ehe sie zu mir blickte. „Vielleicht hat er einen Bruder oder einen Freund, den ich dir vorstellen kann.“

Ich winkte ab. „Schon gut, ich habe kein Interesse.“

„Komm schon, Darcie. Dir würde etwas Aufregung in deinem Liebesleben mal guttun.“

„Schon vergessen, wie Nathan gestern drauf war? Es gibt in London nur hochnäsige Schlipsträger. Wenn mir ein passender Kandidat über den Weg läuft, dann werde ich ihn schon ansprechen.“ Oder auch nicht.

„Kandidat?“ Poppy hob die Augenbrauen, während ich die Augen verdrehte.

„Du weißt, was ich meine.“

Lachend sah sie mich an. „Jaja, schon klar. Und jetzt nichts wie los. Du willst das Biest doch nicht warten lassen.“

Kapitel 4

 

 

Ich fuhr mit der Northern Line vier Stationen, bis ich in Marylebone ankam. Dort war Mums liebstes Café.

Da ich vermutete, dass sie im Wagen mit ihrem Chauffeur wartete, blieb ich seitlich vor dem Eingang stehen und betrachtete die Autos, die an der Seite parkten. Mein Blick blieb auf einem schwarzen SUV liegen und keine Sekunde später stieg der Fahrer aus und öffnete die hintere Tür.

Mum erschien in voller Eleganz. Der weiße Mantel passte perfekt zu den weißen Stilettos. Ihr Hosenanzug von Prada schmiegte sich passgenau an ihre Figur. Wahrscheinlich Maßarbeit. Die Sonnenbrille war völlig unnötig, da es bewölkt war. Aber das Londoner Wetter war unberechenbar, in einem Moment regnete es und im anderen befand man sich in den Tropen.

„Hallo, Darcota.“ Mum trat an mich heran. Ein Kuss auf jede Wange folgte. Am liebsten hätte ich die Augen verdreht. Wie unpersönlich konnte eine Begrüßung bei der eigenen Tochter sein?

„Hi, Mum.“

Wir gingen ins Café und nahmen in einer gemütlichen Nische Platz. Es war kein besonders edles Café, das hatte mich beim ersten Mal überrascht.

Stattdessen war es klein und warm. Die Sessel waren mit buntem Stoff bezogen und die Kellner gekleidet in Alltagskleidung.

Mum hatte mir erzählt, dass es das Café war, in dem sie Dad kennengelernt hatte, auch das konnte ich mir kaum vorstellen. In meiner Vorstellung hatten sie sich bei einem Geschäftsdinner, in einer Galerie oder einem Meeting kennengelernt. Nicht in einem süßen, kleinen Laden, in dem man die Kellner beim Vornamen nannte.

„Wie geht es dir, Darcota?“ Sie verzog die roten Lippen, während sie durch die Getränkekarte blätterte.

„Ich habe doch gesagt, ihr sollt mich Darcie nennen“, murmelte ich. Ich musste nicht in die Karte sehen, um zu wissen, was ich wollte. Mum und ich trafen uns jeden Monat hier und ich nahm immer das Gleiche: einen großen Latte Macchiato mit Hafermilch und Haselnusssirup.

Genau wie Mum immer das Gleiche nahm: einen Milchkaffee.

Sie blickte zu mir auf und seufzte.

Wow, es hatte nicht mal fünf Minuten gedauert, bis sich der enttäuschte Ausdruck auf ihrem Gesicht ausbreitete.

„Und ich habe dir erklärt, dass wir keine Rebellin erzogen haben, die einen Namen wie Darcie hat. Sondern eine gut erzogene Tochter namens Darcota. Sei stolz auf den Namen, er gehörte deiner Großmutter.“

„Klar, Mum.“

Wir bestellten bei Wendy und es dauerte nicht lang, bis wir die dampfenden Getränke vor uns stehen hatten.

„Wie geht es dir denn nun? Wie verbringst du deine Tage?“, fragte sie erneut.

Mum wusste genau, wie ich meine Tage verbrachte und ich wusste genau, dass sie meine Arbeit nicht unterstützte. Dennoch fragte sie mich jeden Monat danach. Ich schätze, weil wir ansonsten kein Thema hatten, über das wir sprechen konnten. Uns verband nichts … und manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie das auch nicht wollte.

Ich räusperte mich. „Es läuft gut. Die Schichten im MoonDusters machen Spaß. Mit Poppy läuft auch alles gut, es ist–“

Ich überlegte, ob ich Mum von der Person erzählen soll, die mich gestern Abend beobachtet hatte. Allein die Erinnerung sorgte dafür, dass sich Kälte in meiner Brust ausbreitete.

Nein, Mum würde mich bloß für verrückt erklären und es auf Übermüdung schieben, wodurch ich mir Dinge einbildete und doch mit dem Job aufhören sollte.

Es lief immer aufs Gleiche hinaus …

„Es ist alles wie immer“, beendete ich schließlich meinen Satz.

Mum nickte. „Wie schön.“

Danach herrschte Stille zwischen uns.

Ich rührte langsam in meinem Kaffee umher und zählte die Sekunden. Normalerweise waren unsere Treffen schnell vorbei. Fünfzehn bis zwanzig Minuten maximal. Wir tranken unseren Kaffee, dann verschwand sie mit ihrem Chauffeur im Londoner Verkehr.

„Wie läuft es in der Firma?“ Meine obligatorische Frage.

„Gut. Tom wird bald als CEO zurücktreten, aber hier und da noch helfen. Letztendlich wird jedoch Mr Archer übernehmen und die Firma weiterführen. Es ist eine Schande, weißt du? Du hättest es sein können, die die Security-Firma deines Onkels führt.“

Und enttäuschter Blick Nummer zwei folgte.

Dads Bruder Tom hatte keine Kinder. Er hatte sein Leben der Firma und seinen sechs Frauen gewidmet. Die längste seiner Ehen hatte ganze viereinhalb Jahre gehalten.

„Die Branche ist nichts für mich“, antwortete ich mit gestrafften Schultern.

Das hatte ich meinem Onkel ebenfalls gesagt, weshalb er einen anderen Nachfolger gesucht hatte.

Mr Archer offensichtlich.

Ich kannte die Einzelheiten nicht und hatte bis gerade auch nicht gewusst, dass Tom früher zurücktrat. Allerdings hatte er mit Anfang fünfzig bereits ausgesorgt.

Klang das verlockend? Natürlich.

Aber wollte ich mein Leben dieser Sache widmen, obwohl sie mich auslaugte und mir den Spaß am Leben nahm? Niemals.

Ich war glücklich mit meinem Leben, mit meinem Job und meinen Freunden. Sollte das nicht das Wichtigste für meine Eltern sein?

„Das weißt du doch überhaupt nicht, Darcota! Du hast es ja nicht einmal versucht, sondern Toms Angebote abgeschmettert. Und jetzt sieh, was aus dir geworden ist. Du bist eine Barkeeperin, die für einen Hungerlohn schuftet. Ohne unser Geld könntest du dir die Wohnung doch überhaupt nicht leisten.“

Und es ging los.

Ich blickte auf die Uhr. Sie hatte acht Minuten ohne einen Ausbruch durchgehalten.

Dass ich das Geld von ihnen sparte und überhaupt nicht anrührte, erzählte ich ihr gar nicht erst. Ich stieß bloß auf Granit. Ich kam mit meinem Job gut aus. Ich konnte meine Miete und die Rechnungen bezahlen. Ich lebte nicht am Rande der Armut, so wie Mum es darstellte.

„Ich bin gern Barkeeperin“, presste ich hervor.

Mum sah mich verständnislos an. „Das kann doch nicht dein Ernst sein.“

Ich griff nach dem Glas und trank mehr Kaffee. Je schneller ich das tat, desto eher konnte ich verschwinden.

„Ich sehe es doch an deinen Schuhen, Darcota. Das sind nicht die Jimmy Choos aus der neusten Kollektion.“

„Ja, weil es mir völlig egal ist.“ Mit großen Schlucken trank ich den Kaffee leer. Dabei verbrannte ich mir die Zunge, aber das war mir so was von egal. Ich wollte nur noch hier weg.

Sie schnalzte. „Musst du denn immer so dickköpfig sein?“

Enttäuschung fraß sich durch meinen Körper. „Nein, Mum. Musst du mich denn immer auf meine Kleidung und meinen Job reduzieren?“

Mit den Worten rutschte ich von der Bank und marschierte durch das Café. Die Glocke über der Tür ertönte, als ich nach draußen rauschte. Ich verabschiedete mich von Henry, Mums Chauffeur, der geduldig draußen wartete.

Ich war meinen Eltern sehr dankbar, mir war klar, dass ich ihnen meine behütete Kindheit und die gute Ausbildung zu verdanken hatte. Nie hatte ich etwas missen müssen. Ich hatte ein verdammtes eigenes Spielzimmer als Kind gehabt.

Aber mittlerweile war ich erwachsen. Ich konnte auf eigenen Beinen stehen und ich wusste nicht, wie ich es ihnen noch mehr beweisen sollte.

Natürlich war ich dankbar für Toms Angebot gewesen und wahrscheinlich war er derjenige, der am ehesten verstand, warum ich abgelehnt hatte.

Ich schüttelte die Gedanken ab und machte mich auf den Weg nach Hause. Die Müdigkeit steckte mir in den Knochen und alles, was ich wollte, war, mich auf die Couch zu legen. Mein liebstes Eis zu essen und eine neue Folge Grey’s Anatomy sehen. Ich hatte die Serie neu begonnen, nachdem ich sie in der letzten Woche zum zweiten Mal beendet hatte.

Erneut stieg ich in die Northern Line und suchte mir einen Platz. Seufzend stützte ich meinen Kopf in den Händen ab.

Es war jedes Mal das Gleiche mit meinen Eltern, der immergleiche Streit, die immergleichen Worte, die mich verletzten.

Warum lernte ich nie daraus? Warum konnte ich die Worte nicht an mir abprallen lassen?

Jedes Mal taten sie weh.

Jedes Mal ließ ich sie an mich ran.

Jedes Mal fragte ich mich, ob sie mich überhaupt liebten.

Ich richtete mich auf, als die Durchsage für die nächste Station kam. Mein Blick wanderte durch den Wagon und blieb schließlich an einer Person hängen. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass ich nur das kantige Kinn und den Dreitagebart erkannte.

Das war die Gestalt von gestern Abend.

Verfolgte er mich? Was wollte er von mir? Wer war er?

Mein Herz setzte einen Schlag aus, als die U-Bahn anhielt, sich die Türen öffnen und die Gestalt mit einem einseitigen Grinsen ausstieg.

Kapitel 5

 

 

Dieses Mal hatte ich mir fest vorgenommen, Poppy von dem Kerl, der mich gestern Abend wieder verfolgt hatte, zu erzählen. Als ich unser Apartment betrat, war sie bereits in dem Töpferladen verschwunden.

Ich sperrte unsere Tür zwei Mal ab und ruckelte daran, um sicher zu gehen, dass sie wirklich abgeschlossen war. Auch wenn der Kerl einige Stationen vor mir ausgestiegen war, wollte ich mein Glück nicht herausfordern.

Auf der Couch rollte ich mich zusammen und schaltete eine Folge meiner Lieblingsserie an. Aber ich konnte mich nicht darauf konzentrieren.

Meine Gedanken wanderten zu dem Mann, immer wieder fragte ich mich, was er wollte.

Während sich die Stunden in die Länge zogen, setzte pochender Schmerz in meiner Schläfe ein und ich entschied mich dazu, etwas zu kochen. Ich schnappte das Kochbuch aus dem obersten Regal in der Küche und blätterte durch die Rezepte, die ich noch ausprobieren wollte. Ich musste mich nur auf etwas anderes konzentrieren, meinem Kopf etwas anderes anbieten, worauf er sich stürzen konnte. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich genau damit.

Pünktlich um vier Uhr am Nachmittag kam Poppy zurück. „Herrje, was hast du dich denn hier so verbarrikadiert?“, fragte sie und schloss die Tür hinter sich.

Ich stellte den Auflauf auf den runden Esstisch. „Ich muss dir was erzählen, aber zuerst: Setz dich und probier.“

Poppys strahlte. „Du weißt genau, wie man mich glücklich macht.“ Sie warf ihre Tasche und die Jacke auf die Couch und nahm mir gegenüber Platz.

Nach dem Essen lehnte ich mich zurück und sah Poppy dabei zu, wie sie das Geschirr in die Küche stellte und abspülte. Das war etwas, was das Zusammenleben mit ihr so einfach machte. Wir teilten uns alle Aufgaben, keiner musste erst zehnmal nachfragen, bis etwas passierte. Wir lebten in einer perfekten Symbiose.

„Okay, jetzt aber raus mit der Sprache. Ist es wegen deiner Mum? Du bist nach den Treffen oft nicht so gut drauf, aber heute wirkst du irgendwie … anders.“

Ich seufzte. Die Treffen mit Mum waren schon immer schwierig gewesen. Früher habe ich mich oft in mein Zimmer verzogen, die Vorhänge zugezogen und den restlichen Tag eine Serie geschaut, die mir genügend Komfort spendete, damit ich den Gesichtsausdruck meiner Mum und ihre Worte vergaß. Mittlerweile schaffte ich es, den Teil mit dem den Kopf unter die Bettdecke stecken zu überspringen.

Ich knetete meine Finger, ehe ich lang ausatmete und Poppy schließlich alles erzählte.

Poppys Augen wurden mit jedem Wort größer.

„Vielleicht hat er auf jemanden gewartet und du warst zur falschen Zeit am falschen Ort. Zwei Mal ist ein Zufall, aber drei Mal …“ Sie sah mich verunsichert an.

„Was würde er denn sonst nachts beim MoonDusters wollen und heute in der U-Bahn? Er hat mich ja direkt angestarrt und sobald er meine Aufmerksamkeit hat, verschwindet er.“ Ich fuhr mir durch die Haare.

„Okay, ich gebe zu, das ist komisch. Aber vielleicht trotzdem nur ein Zufall? Du bist ja nicht völlig unbekannt. Zumindest nicht für die High Society. Er hat dich erkannt und ist vielleicht an dir interessiert?“

„Aber dann benimmt man sich doch nicht wie ein unheimlicher Stalker.“

Poppy wurde etwas blasser. „Nein, das tut man nicht.“

Ich seufzte erneut und ließ mich auf die Couch fallen. „Was mach ich denn jetzt?“

„Verdammt, das ist eine gute Frage. Nicht in Panik verfallen?“, schlug sie vor und wischte sich die Hände am Küchentuch ab, ehe sie auf den Sessel neben mir Platz nahm.

„Zu spät“, murmelte ich.

Sie streckte eine Hand nach mir aus und legte sie sanft auf meinen Arm. „Warten wir erst mal ab. Sollte er noch einmal auftauchen, handelt es sich dabei wirklich um ein Muster. Ansonsten war er einfach ein unheimlicher Typ, der dir über den Weg gelaufen ist, okay?“

Ich musste einfach die Nerven behalten. „Okay“, hauchte ich.

Poppy drückte meinen Arm. „Ich komm heute Abend mit und bleibe den ganzen Abend an der Bar bei dir. Jasmina hat mir für morgen freigegeben, es haben nur wenige Leute einen Kurs gebucht, den kriegt sie auch allein hin. Das heißt, wir gehen zusammen nach Hause.“

Ein beruhigendes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus und ich spürte, wie der Druck aus meiner Brust wich.

„Danke, Poppy.“

„Wofür sind beste Freundinnen denn da?“

 

Der Abend im MoonDusters verlief normal. Kein Kapuzentyp und auch kein Nathan. Ich war dankbar über die Arbeit und die Ablenkung, die sie mit sich brachte. Jasper und ich arbeiteten zügig und routiniert zusammen, versorgten die Gäste mit Getränken und hielten den Bereich um die Bar herum aufgeräumt. Ich spülte die Gläser im Akkord und nahm Bestellungen nach Bestellungen auf.

Poppy saß auf ihrem Stammplatz und ich versorgte sie regelmäßig mit Nüssen und ihrem Lieblingscocktail. Die meiste Zeit starrte sie aber auf ihr Handy und schrieb mit dem Orgasmus-Wunder. Ich musste später mal fragen, wie er denn hieß.

Der Abend verging im Nu. Jasper blieb dieses Mal sogar länger und schloss mit mir ab. Er verabschiedete mich und Poppy mit einer schnellen Umarmung und verschwand in seiner Wohnung.

Mein Blick richtete sich auf die andere Straßenseite, aber von dem Kerl war nichts zu sehen. Trotzdem behielt ich meine Umgebung scharf im Blick. Wir liefen nach Hause und ich stieß die Luft aus, als wir vor unserem Wohnhaus ankamen.

Poppy hatte vermutlich recht, es handelte sich um einen Zufall. Es musste sich um einen Zufall handeln.

Wir gingen die Treppen zu unserer Wohnung hinauf.

„Schade, dass Daisy noch nicht aufhatte, ich hätte jetzt wirklich einen ihrer … Darcie?“

Ich blieb wie angewurzelt stehen, als ich etwas auf unserer Fußmatte entdeckte.

„Darcie – oh, was ist das?“ Poppy trat näher an mich heran.

Langsam hockte ich mich hin und begutachtete den Umschlag. Hatte unsere Nachbarin ihn hinterlassen?

„Mach ihn auf“, forderte sie mich auf.

Ich nahm den Brief. Irgendwie wartete ich darauf, dass es gleich einen Knall gab. Aber nichts passiere. Langsam öffnete ich ihn und faltete das Papier auseinander.

 

Ich beobachte dich. Immer. Auch wenn du mich nicht siehst.

 

Augenblicklich ließ ich den Zettel fallen, fast so, als hätte ich mich an ihm verbrannt.

Poppy schnappte nach Luft. „Was zum Teufel? Was machen wir jetzt?“

Ich griff wieder nach dem Papier, erhob mich langsam und versuchte, die aufkommende Panik zu unterdrücken. Ich wusste, was zu tun war. Ich wusste, das hier war kein Zufall mehr.

„Ich muss zu meinem Onkel.“

 

Das letzte Mal, dass ich vor dem Gebäude der Ambrose & Archer Group stand, war Jahre her. Ich blickte hinauf, aber von hier konnte ich das letzte Stockwerk überhaupt nicht erkennen, denn die Glasfronten spiegelten die Sonne und ließen keinen einzigen Blick ins Innere vordringen. Ich schätzte, genau so gehörte sich das auch für eine Sicherheitsfirma.

Poppy wollte mich eigentlich begleiten, allerdings war ich schon lang nicht mehr hier gewesen, sodass ich es lieber allein bewältigen wollte. So sehr ich sie auch dabeihaben wollte, es war etwas, das ich allein schaffen musste.

Ich dachte, die Nacht davor wäre schlimm gewesen, doch in dieser hatte ich kein Auge zu bekommen. Poppy ging es wahrscheinlich nicht viel besser. Nachdem wir die Tür hinter uns verriegelt hatten, hatte sie zusätzlich die Kommode davorgeschoben.

---ENDE DER LESEPROBE---