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»Menschen wie ich gehören nicht zu Menschen wie dir. Ich habe dich vermutlich gar nicht verdient. Aber ich gebe mein Bestes, um dich zu beschützen.«
Ruhm – Adrenalin - Anerkennung.
Der junge Profi-Boxer Jason Bail, alias Jail, ist es gewohnt, dass Frauen ihm zu Füßen liegen. Als die Studentin Phoebe wortwörtlich in sein Leben stolpert, stellt er schnell fest, dass sie der Lichtblick in der düsteren Welt ist.
Eins weiß er sicher: Er braucht sie.
Doch die Schatten seiner Vergangenheit begleiten ihn stets. Schatten, die sich zwischen ihn, den Meisterschaftstitel und die Liebe seines Lebens stellen. Können sich Phoebe und Jason einen Weg durch die Dunkelheit kämpfen?
Neuauflauge der Enough-Reihe, die 2019 unter gleichnamigem Titel erschienen ist.
Kein Cliffhanger, in sich abgeschlossen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhalt
Impressum
Playlist
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Epilog
Leseprobe
© 2023 Rinoa Verlag
c/o Emilia Cole
Pater-Delp-Straße 20, 47608 Geldern
ISBN 978-3-910653-12-2
© Covergestaltung: Coverstube
Korrektur: Lektorat Zeilenschmuck
rinoaverlag.de
leonieelena.de
Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für alle Träumer.
Tut es. Macht es. Lebt es.
Traut euch.
Und lasst euch bloß nichts anderes sagen.
The Goo Goo Dolls – Iris
RHODES – Glow
Harry Styles – Fine Line
Tom Odell – Can’t Pretend
Jayme Young – Happiest Year
One Direction – What a Feeling
Sleeping At Last – Saturn
Peter Manos – In My Head
OneRepublic – Let’s Hurt Tonight
A$AP Ferg, Future – New Level (feat. Future)
The Cinematic Orchestra – To Build A Home
9 Jahre zuvor …
Dean schlug Cole auf die Finger.
»Verdammt, Dean«, stieß Cole aus und zog die Hand zurück.
»Du musst dich schon etwas gedulden, das Essen ist gleich fertig«, entgegnete Dean.
Ich saß auf der schmalen Bank in unserem viel zu kleinen und dreckigen Wohnwagen, während ich dem Spektakel meiner Brüder vor der Küchenzeile zuschaute.
»Komm her, Cole«, sagte ich leise und klopfte auf den Platz neben mir. Seufzend trat er von unserem älteren Bruder zurück und setzte sich neben mich.
Zwei Minuten später stellte Dean den Topf voller dampfender Nudeln vor uns ab.
Cole sah durch seine großen braunen Augen zu mir auf. »Wann kommt Dad wieder?«, fragte er leise. Ich wusste darauf jedoch keine Antwort, Dad verschwand häufig gegen Abend und blieb nachts weg.
»Wahrscheinlich morgen früh, da schläfst du aber noch.« Ich strich ihm besänftigend über den Kopf.
Dean stellte einen weiteren Topf Soße vor uns ab.
»So, bedient euch, Guten Appetit.« Er zog sich mit der Gabel Nudeln aus dem Topf.
Cole spießte einige Nudeln aus dem Topf mit der Gabel auf und legte sie auf seinen Teller. Ich bediente mich ebenfalls.
Er nahm einen ersten Bissen. »Bäh, Dean, die sind nicht richtig durch und die Soße ist zu scharf.« Cole lehnte sich zurück. Er verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor.
»Hör mal, Buddy, was anderes gibts nicht. Also iss, du willst doch morgen in der Schule keinen Hunger bekommen, oder?« Dean sprach ruhig und schaute Cole lächelnd an. Nickend griff Cole nach der Gabel.
»Wann bist du morgen zurück?«, fragte Dean mich.
Ich zuckte mit der Schulter. »Kommt drauf an, wie lange wir brauchen, um das Projekt zu beenden.«
Wir hatten noch etwas für den Physik-Unterricht zu tun. Mein Teampartner würde allerdings die ganze Arbeit machen, er war mir noch einen Gefallen schuldig.
Wissend nickte Dean und nahm eine weitere Gabel der zu harten Nudeln.
»Ich werde Dad Bescheid geben, dass er euch für morgen etwas bestellen soll. Ich wollte mich bei Sergeant Harris vorstellen, erinnerst du dich?«
Ich nickte.
»Ich lasse euch Geld für Pizza oder so da, okay?«
Ich nickte erneut.
»Müssen wir das wirklich tun?«, fragte ich.
Jeremy streckte mir aufgeregt zwei Tickets entgegen. »Na, aber unbedingt.« Er hatte zwei Tickets zu dem eigentlich ausverkauften Boxkampf in einer Campusbar ergattert.
Zwei Männer, die sich prügelten?
Das war nicht mein Ding.
Außerdem hatte ich es nicht so mit Menschenmengen und ich musste sowieso am nächsten Morgen zu meinem ersten Kurs erscheinen.
Seufzend legte ich das Geschirrtuch zur Seite, nachdem ich den letzten Teller abgetrocknet hatte. »Ich weiß nicht so recht.« Zweifelnd blickte ich zu Jeremy, der auf der Anrichte saß.
Jer setzte seinen Hundeblick auf. »Bitte, Phoebe, ich verspreche, du wirst es nicht bereuen.«
Natürlich nicht, nicht wenn es nach ihm ging. Jeremy fand nämlich nichts unterhaltsamer, als sich prügelnde Männer anzusehen, die dabei – Achtung, Zitat – immer so verdammt heiß aussahen.
Mein Blick glitt an Jeremy vorbei ins Wohnzimmer, wo meine Unterlagen und mein Laptop auf dem Couchtisch verteilt lagen. Ich hatte momentan eine Menge für die Uni zu tun. Ich musste nächste Woche eine Hausarbeit abgeben und außerdem wollte ich später mit meinen Eltern telefonieren, von denen ich schon seit drei Wochen nichts mehr gehört hatte. Sie nahmen mir den Umzug nach Phoenix immer noch ein bisschen übel.
Jeremys Hundeblick wurde noch flehender.
»Na gut, aber nur dieses eine Mal«, sagte ich.
Jeremy rutschte von der Anrichte, machte einen Freudensprung und griff meine Handgelenke, woraufhin er erneut in die Luft sprang. Dabei zog er mich mit. »Das wird ein fantastischer Abend.«
»Aber wir bleiben nicht so lang.« Mir waren meine Noten wichtig, ich musste meinen Eltern zeigen, dass der Umzug von Portland zu der Uni es wert war.
Meine kleine Wohnung in Campusnähe konnte ich mir nur dank der Hilfe meiner Eltern leisten.
»Geht klar«, sagte Jeremy. »Dann mal los.« Er umfasste meinen Oberarm und zog mich aus der Küche. Ich schaffte es so gerade, meine Tasche von der Kommode im Flur zu schnappen und die Tür hinter mir zuzuziehen. Schon eilten wir durch das Treppenhaus und gingen danach den schmalen Weg zu seinem Auto entlang.
Die Fahrt zur Bar dauerte nur wenige Minuten. Jeremy fand einen Parkplatz auf einem Schotterplatz gegenüber.
»Wir sind spät dran, lass uns schnell reingehen«, sagte Jeremy, wobei der die Wagentür öffnete. Und er hatte recht: Vor der Skyline-Bar war es wie ausgestorben. Wir gingen über die Straße und zeigten einem Türsteher unsere Tickets. Er nickte sie ab und wir betraten die Bar. Der Gästebereich war ebenfalls wie leergefegt. Stühle und Tische waren beiseitegeschoben und die Theke war dunkel. Die Treppe im rechten Teil war allerdings hell erleuchtet und spendete genügend Licht. Wir liefen die breite Treppe hinunter.
Ein Schwall an Energie und Lärm empfing uns. Von hier aus konnte man bereits den ganzen Kellerbereich überblicken. Es überraschte mich, wie viel Platz hier war. Seitlich befanden sich mehrere Ränge mit Sitzplätzen, davor war genügend Platz für das stehende und größtenteils männliche Publikum. Zigarettenrauch und Biergeruch schlugen mir entgegen, weshalb ich die Nase rümpfte.
Vor den stehenden Zuschauern waren vereinzelt Sitzplätze. Die standen vor dem Ring in der Mitte der Halle.
Ein weiterer Security stand am Ende der letzten Stufe. Die muskulösen Arme waren vor der Brust verschränkt, die schwarzen Haare nach hinten gekämmt.
»Tickets.« Er streckte die Hand aus.
Der war offensichtlich schlechter drauf als der Kerl oben vor der Bar.
Jeremy fischte die zwei Tickets noch einmal aus seiner Jackentasche.
Der Mann nickte kurz. »Da sind eure Plätze.« Er deutete mitten in den riesigen Raum. Irritiert folgte ich seiner Geste mit dem Blick, aber er zeigte auf keinen bestimmten Platz.
Jeremy packte meine Hand und steuerte zielstrebig auf die Ränge der rechten Seite zu.
Wir mussten uns durch einige Studenten kämpfen und ich blieb nah bei Jeremy. Einige der Kerle rempelten mich an, andere grölten so laut zur Musik, dass ich mir die Ohren zuhalten wollte.
Jeremy jetzt zu verlieren, wäre die Hölle für mich.
Die meisten Zuschauer waren sichtlich betrunken. Ich umklammerte Jeremys Hand fester und ließ mich weiter durch die Menge ziehen.
Vorn im Unterrang, direkt an den Eingängen für die Boxer, blieben wir stehen.
»Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«, fragte ich ihn.
Nicht, dass der Lichtkegel, der die Boxer erfasste, auch an uns hängenblieb. Wie unangenehm.
Jeremy lächelte unschuldig. »Sorry, Phi, aber es gab keine anderen Plätze mehr.« Genervt seufzte ich auf und setzte mich auf den Stuhl.
Bevor ich ihm auch nur eine Antwort darauf geben konnte, ging das schummerige Licht aus und die Musik wurde lauter. Das Publikum tobte. Sie riefen die Namen der Boxer und johlten den Song mit.
»Versuch es zu genießen!«, rief Jeremy.
Ich warf ihm einen zweifelnden Blick zu, ehe ich die Schultern nach hinten rollte und nickte. Er hatte ja recht. Verdammt, mich kannte keiner, ich musste nur versuchen, nicht aufzufallen und mit niemandem sprechen.
Aber wie immer in ungewohntem Umfeld fühlte ich mich fehl am Platz.
Die Boxer wurden von einem Moderator aufgerufen. Der Erste trat am gegenüberliegenden Eingang in den Lichtkegel Der Zweite kam von unserer Seite. Beide bewegten sich siegessicher Richtung Ring, reckte die Fäuste in die Höhe und die Menge wurde lauter. Dann kletterten sie durch die Seile auf die Erhöhung.
Der Kampf war brutal und ich hatte irgendwann aufgehört mitzuzählen, wie oft ich bei Treffern schmerzlich das Gesicht verzogen hatte.
Jeremy jubelte mit dem Rest des Publikums und sprang jedes Mal auf, sobald es spannender wurde.
Der erste Kampf wurde innerhalb kürzester Zeit durch einen K. o. beendet. Der Boxer aus unserer Ecke setzte seinen Gegner mit einem Kinnhaken außer Gefecht.
»Na, so schlimm ist es doch nicht, oder?«, brüllte Jer mir ins Ohr. Seine Augen leuchteten. Das Adrenalin in seinem Körper war beinahe zu spüren.
»Sicher.« Ich lächelte ihn an und sah zurück zum Ring. Beide Kämpfer gaben sich gerade die Hand.
Dann hörte man ein Knacken, ein Knistern, bis die Stimme des Moderators wieder aus dem Lautsprecher dröhnte. »Und jetzt, meine Damen und Herren, kommt der Mann, wegen dem ihr alle hier seid. Der Mann, der ungeschlagen ist. Männer, haltet eure Frauen fest, denn hier kommt er … Hier kommt Jason Bail, euer Jail!«
Ich musste mir kurz wirklich ein Schmunzeln unterdrücken. Jail – Gefängnis. Das war ja besonders kreativ. Ich war versucht, die Augen zu verdrehen.
Ein regelrechter Tumult brach aus und brachte den Boden zum Vibrieren. Das Publikum spornte den Boxer an, indem es seinen Namen rief.
Links hinter mir nahm ich eine Bewegung wahr. Neugierig drehte ich mich um, als die Lichtkegel erst durch die Menge fuhren und sich schließlich auf den Eingang konzentrierten. Irgendein Rapsong dröhnte durch die Boxen und das Publikum tobte. Ich konnte gar nicht anders, als mich von dem Spektakel anstecken zu lassen. Jetzt schoss auch mein Adrenalinspiegel hoch.
Und dann kam er: Jail.
Er trat aus der Dunkelheit hinaus und bewegt sich geschmeidig durch den Gang. Er blieb auf Höhe der Tür stehen und blickte sich um.
»Sieht er nicht unfassbar gut aus?«, brüllte mir Jer ins Ohr.
Eine rothaarige Frau beugte sich an mir vorbei und stützte sich an meiner Schulter ab. Durch den Druck kam ich ins Schwanken, schaffte es aber, mich zu fangen. Sie streckte Jail ihre Hand entgegen, der mittlerweile von einem Scheinwerfer erfasst wurde. Im nächsten Moment rutschte sie von meiner Schulter ab und krachte mit den Handballen in meine Rippen. Ich konnte mich nicht mehr an meinem Stuhl oder an Jeremy festhalten, sondern segelte geradewegs in den Gang.
Ich musste so schnell wie möglich verschwinden.
Bevor ich mich wieder aufrichten konnte, sah ich zwei muskulöse Beine vor mir, dann zwei Hände, die sich um meine Taille schlängelten und mir aufhalfen.
Das Geschrei der Menge wurde noch lauter, ich hielt den Kopf gesenkt. Warum passierte so was auch immer mir? Ich wollte unauffällig sein und jetzt starrte mich das gesamte Publikum an.
»Alles in Ordnung?« Die rauchige Stimme trocknete meine Kehle regelrecht aus. Ich nickte bloß.
Beschämt hob ich den Kopf, die Flecken auf meinen Wangen waren sicherlich schon dunkelrot.
Jail stand vor mir. Oberkörperfrei. Unwillkürlich wanderte meine Aufmerksamkeit über seine definitiveren Brustmuskeln.
Ausgerechnet der Typ, der im Scheinwerferlicht stand und gerade auf dem Weg war, einen anderen Menschen zu verprügeln, hielt mich fest.
Langsam hob ich den Blick. Er war bestimmt einen Kopf größer als ich, sein Haar war braun und ein wenig zerzaust. Durch die gleißenden Scheinwerfer wirkte das Braun seiner Augen wie flüssiges Karamell.
Schmunzelnd sah mich Jail an.
Verdammt, ich hatte gestarrt.
»Wie heißt du?«
»Ähhh … Phoebe.« Interessierte ihn das echt?
Jail ließ seine Hände von meiner Hüfte gleiten. Jetzt war ich für mein Gleichgewicht wieder selbst verantwortlich.
»Ich entschuldige mich für meine Fans, Phoebe, sie sind ein wenig … aufdringlich.« Er zupfte mein T-Shirt am Kragen gerade.
Seine Fingerknöchel berührten meine Haut und ich hielt die Luft an.
Er lächelte mich an und dabei erschien ein Grübchen auf seiner Wange.
»Komm schon, Jail. Genug geflirtet. Komm hier hoch und mach noch ein paar andere Damen glücklich«, dröhnte es aus den Lautsprechern.
Augenblicklich wurde ich zurück in die Realität katapultiert. Hatte ich vergessen, dass uns gerade Hunderte von Menschen ansahen?
Wieder krabbelte Hitze in meine Wangen.
»Ich muss dann los, Phoebe. Genieß den Kampf.« Jail fuhr mir ein letztes Mal über den Arm und löste sich mit einem Zwinkern von mir.
Ich nickte und eilte zu meinem Platz.
»O mein Gott, du hast gerade mit Jail gesprochen und er hat dich auch noch angefasst!« Jeremy strich über die Stelle, wo gerade noch Jasons Hand gelegen hatte.
Ich warf ihm ein gequältes Lächeln zu und hoffte, dass er es nicht noch mal ansprechen würde. Dann drehte ich mich nach vorn widmete mich dem Kampf.
Jail war agil und schnell, zu keinem Moment ließ seine Deckung nach. Sein Gegner holte zu einem Schlag aus, zielte auf Jails rechte Seite, aber Jail trat einfach einen Schritt beiseite und wich seinem Schlag aus. Der Gegner traf ins Leere.
Er war unglaublich.
Es wirkte, als könnte Jail die Schritte seines Gegners vorahnen.
Er war so energiegeladen, dass er keinerlei Anzeichen von Müdigkeit aufzeigte. Er hüpfte um seinen Gegner herum, ehe er ihn angriff. Bei jedem seiner Treffer rastete die gesamte Menge aus. Haufenweise Mädchen riefen ihm schmutzige Dinge zu.
Gekonnt schlug er seinem Gegner gegen den Kiefer und dann gegen seine rechte Seite. Der Gegner, der Gorilla genannt wurde, fing an zu taumeln und fiel auf die Knie.
Die Lautstärke erhöhte sich. Ein Jubelruf fuhr durch die Menge, Jail wurde bereits als Sieger gefeiert. Aber gerade als der Ringrichter mit dem Zählen bei der Vier ankam, kämpfte sich Gorilla auf die Beine.
Ich blickte zu Jail und merkte, dass er mich aus dem erhöhten Ring ansah. Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch. Konnte er mich in der Menge erkennen?
Er zwinkerte mir zu und widmete sich wieder dem Gegner. Meine Hände wurden feucht und in meinem Magen machte sich ein warmes Prickeln breit.
»Hat er dir gerade zugezwinkert?!« Jeremy fuhr mit aufgerissenen Augen zu mir herum.
»Vermutlich hat er einfach der Menge zugezwinkert, hier sitzen doch haufenweise Frauen.« Ich deute auf die Mädchen in unserem Block.
»Jaja, red dir das nur ein, ich habe doch gesehen, wie er dich angesehen hat.« Er verdrehte grinsend die Augen.
Jail landete einen weiteren Treffer in Gorillas Rippen, Jeremy jubelte.
Jail war definitiv attraktiv. Ich hatte ja immerhin auch Augen im Kopf. Ich und die anderen fünfzig Frauen, die sich im Publikum befanden, sahen das anscheinend auch so. Wie könnte mir nicht auffallen, wie die Muskeln sich bei seinen Schlägen anspannten? Wie immer mehr Schweißperlen seine glatte Haut zum Glänzen brachten? Wie konzentriert er durch den Ring schlich? Wie sein Ausdruck bei jedem Treffer glühte, weil er das offensichtlich genoss?
Ich warf Jer einen kurzen Blick zu, aber er war damit beschäftigt zu applaudieren.
Ich freute mich auf mein Bett. Die vergangenen Stunden hatten mein Bedürfnis nach sozialen Kontakten gestillt, obwohl ich zugeben musste, dass das Boxen seinen Reiz hatte.
Jail versetzte dem Gorilla noch einen Schlag in das Gesicht, wodurch der taumelte. Schließlich ging er zu Boden und dieses Mal blieb er liegen.
Der Ringrichter zählte erneut.
»Sieben … Acht … Neun …« Bevor der Ringrichter die letzte Zahl aussprechen konnte, explodierte die Menge ein weiteres Mal.
»Unser Gewinner an diesen Abend, Ladys und Gentlemen, ist Jaaail!«, rief der Ansager.
Die Fans liefen auf den Ring zu, um Jail zu feiern. Dabei entstand so ein großes Chaos, dass ich kurz die Orientierung verlor. Als ich meinen Platz wiedergefunden hatte, war Jeremy weg, einfach weg.
Er konnte mich doch jetzt nicht alleinlassen.
Überall um mich herum waren fremde Gesichter.
Studenten rempelten mich an.
Ich stieß den angehaltenen Atem aus und rieb mit feuchten Händen über meine Jeans.
Ich drehte mich in alle Richtungen, um irgendwo meinen Blondschopf zu entdecken, doch fand ihn nicht.
Verdammt.
Weil ich ihn in diesem Gedrängel nicht finden würde, entschloss ich mich, zum Wagen zu gehen, um dort zu warten.
Der Rückweg offenbarte sich allerdings als Zerreißprobe. Auf einmal kam mir der Ausgang meilenweit entfernt vor. Haufenweise Studenten strömten in die Mitte der Arena.
Ich quetschte mich durch die Menge. Ein Ellenbogen landete in meiner Seite. Ich hustete. Die Luft wurde mir aus der Lunge gepresst und ich blieb stehen.
Allerdings liefen so viele Studenten durcheinander, dass es beinahe unmöglich war, den Übeltäter auszumachen.
Ich verfluchte Jeremy dafür, dass er mich zu dieser dämlichen Fight Night mitgeschleppt hatte. Währenddessen bahnte ich mir den Weg durch die Menge und hielt mir die Seite. Das würde definitiv ein blauer Fleck werden.
Schon wenige Schritte später musst ich erneut anhalten. Dieses Mal, weil ein riesiger Kerl in einem schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck Gorilla im Weg stand.
»Der Affe hat zurecht verloren, niemand ist besser als Jail«, sagte ein Kerl in rotem Shirt. Er lallte, während er sich an einer Säule festhielt und sich zu seinem Gegenüber beugte.
»Der hat nur gewonnen, weil Gorilla einen schlechten Tag hatte.« Der in Schwarz schwankte ebenfalls, als er auf den anderen deutete. Die beiden waren definitiv betrunken und ich wollte einen großen Bogen um sie machen. Natürlich wurden sie auf mich aufmerksam - weil ich schließlich immer so ein Glück hatte.
»Was glotzt du denn so dumm?«, fragte der in Schwarz.
Der andere drehte sich zu mir um, sein Blick war träge und auffällig glasig. Er checkte mich offensichtlich ab. »Hallo, Püppchen«, sagte er und schwankte auf mich zu.
Abwehrend hob ich die Hände. »Ich … ich wollte gerade gehen.« Ich trat einen Schritt nach hinten. Dabei stieß ich gegen etwas hinter mir.
Der Schwarze kam erneut näher. »Bleib doch noch etwas, Baby.« Er wackelte mit den Brauen.
Widerlich.
»Lasst sie in Ruhe«, sagte jemand hinter mir. Ich erstarrte bei dem Tonfall. »Und verzieht euch.« War das Jail?
Der Blick des Roten lichtete sich etwas, während der andere ihn eher grimmig betrachtete. Er drehte sich um und verschwand zwischen den anderen Menschen.
Sämtliche Blicke waren auf uns gerichtet. Heute schien wirklich nicht mein Tag zu sein.
Schluckend schaute ich nach hinten, um geradewegs in Jails karamellfarbene Augen zu blicken. Neben ihm standen mehrere Securitys, die ihn vom Rest der Menge abschirmten.
»Danke«, formte ich mit den Lippen.
Seine Brust war schweißnass und seine Haare standen wild von seinem Kopf ab.
»Alles in Ordnung?«, fragte er.
Wieder nickte ich. Ich wollte nur noch nach Hause und mich unter der Bettdecke verkriechen.
Jail betrachtete mich eingehend, ehe er einen Schritt auf mich zu machte. Instinktiv trat ich zurück. Seine Stirn legte sich in Falten und er blieb stehen.
»Komm mit nach hinten, so kann ich dich aus dem Tumult rausbringen«, sagte er.
Einen Moment sah ich mich noch mal in der Menge um, aber keine Spur von Jeremy. Frustriert strich ich mir eine Locke hinter das Ohr und nickte schließlich.
Jail machte einen weiteren Schritt auf mich zu, bevor er seinen Arm um meine Mitte legte und mich an seine Seite zog. Durch seine vorsichtigen Berührungen gab er mir ein Gefühl von Sicherheit.
»Lasst uns durch.« Die Menge teilte sich auf seinen Befehl hin. Die Securitys sorgten dafür, dass der Gang frei blieb.
Wir gingen den Weg zurück, den ich gerade so erfolgreich bestritten hatte. Wir passierten den Eingang für die Kämpfer, bis wir vor einer Tür hielten, auf der Jails Name stand.
Er öffnete die Tür und zog mich mit in den Raum. Der erinnerte an eine Sportumkleide. Es standen Spinde an den Wänden und eine längliche Bank in der Mitte.
»Setz dich.« Jail löste seinen Arm von meiner Hüfte und ließ sich auf die Bank fallen. »Du hast es anscheinend nicht so mit meinen Fans.« Er lächelte mich an, dennoch wirkte es erzwungen.
»Woher willst du wissen, dass ich nicht auch ein Fan bin?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und blieb neben der Bank stehen.
Jail zuckte mit den Schultern, ehe sich ein weiteres schmales Lächeln auf seine Lippen legte. Dieses Mal war es deutlich heller. »Weil du heute wahrscheinlich lieber zu Hause geblieben wärst.« Sein Blick wanderte prüfend über meine fliederfarbene Strickjacke.
War das etwa sein Grund für die Annahme? Meine Jacke?
Ich löste die Arme.
Er neigte den Kopf zur Seite. »Die meisten Frauen, die hier sind, kleiden sich … offenherziger.«
»Wieso hast du mich dann hergebracht?«
Er lachte auf. Es schallte durch den kleinen Raum und in seinen Augen blitzte etwas Amüsiertes auf.
Aufschlussreich.
Mein Blick glitt über seine Schultern, hin zu seinen definierten Brustmuskeln. Noch immer glänzte der feine Schweißfilm auf seiner straffen Haut. Schnell sah ich zu Boden, als mir klar wurde, dass ich ihn schon wieder zu lange angesehen hatte.
Ich setzte mich auf die Bank.
»Hast du dich irgendwie verletzt?«, fragte er.
Automatisch legte ich die Hand auf die Seite, wo ich den Ellenbogen abbekommen hatte. Sofort ließ ich sie wieder sinken und schüttelte mit dem Kopf. »Alles gut.«
Er griff an mir vorbei in die Sporttasche auf der Bank. Dabei spürte ich die Wärme seiner Haut deutlich an meinem Rücken. Er zog ein weißes Shirt aus der Sporttasche und streifte es sich über.
»Lass mich mal sehen«, forderte er.
»Du musst nicht … Es ist alles okay.«
Jail musterte mich auffordernd.
»Nein, das musst du wirklich nicht.«
Er wickelte das Tape-Band ab, das um seine Hände und Knöcheln gebunden war. »Nenn mich Jason und doch, ich werde es mir ansehen.«
Seufzend zupfte ich an dem unteren Saum des Shirts und hob es ein wenig an.
Jason ließ das Tape in seiner Tasche verschwinden und lehnte sich zu mir. Er streckte eine Hand aus und fuhr mit den Fingerspitzen über meine Haut.
Ich zuckte zusammen, nicht wegen des Schmerzes, sondern wegen seiner kühlen Finger.
Ein sanftes Kribbeln wanderte über meine Haut.
»Was ist passiert?«, flüsterte er.
Sein Atem kitzelte mein Ohr.
»Ich habe einen Ellenbogen in die Seite bekommen«, flüstere ich zurück.
Er zog die Finger weg und blickte mir wieder in die Augen. Ich wich ihm abrupt aus und sah stattdessen auf meine Oberschenkel.
»Du wirst wahrscheinlich einen ordentlichen blauen Fleck davontragen, Phoebe. Ich hole einen Eisbeutel und etwas Salbe.« Er ging aus dem Raum und ich blickte ihm überrascht hinterher.
Jason erinnerte sich an meinen Namen.
Wenig später war er mit einem kleinen Kühlakku und einer Tube zurück und setzte sich wieder neben mich.
»Jason, wo steckst du denn schon wieder?«, ertönte eine Stimme aus dem Flur.
»Ich bin hier, Cole«, antwortete Jason. Dann schaute er wieder zu mir. »Zieh dein Shirt noch mal hoch.« Zögerlich hob ich den Stoff wieder an. Er gab etwas Salbe auf seine Finger, ehe er sie vorsichtig auf meiner Haut verteilte.
Eine Gänsehaut zog sich über meine Arme. Kam es von der Berührung oder doch von der kühlen Salbe?
Als er fertig war, reichte er mir ein Kühlakku.
»Danke«, murmelte ich.
Er lächelte mich an und legte eine Reihe weißer Zähne frei. »Nicht dafür, Süße.« Erneut zwinkerte er mir zu. »Ich denke, du kannst jetzt zum Ausgang gehen, ohne dass etwas passiert. Die meisten sollten die Bar verlassen haben.« Er lachte rau.
Ein kurzer Schauer kroch dabei über meine Wirbelsäule.
Verwirrt von der Reaktion meines Körpers stand ich auf. Ich nickte und legte mir den Eisbeutel auf die schmerzende Stelle. Es fühlte sich sofort besser an.
»Danke«, sagte ich noch einmal. Jason nickte und schaute mich still an.
»Ich will nicht stören, aber, Jason, wir müssen langsam echt los.« Ein Junge kam in den Türrahmen der Umkleide. Vermutlich Cole. Er sah Jason ähnlich, allerdings war er ein bisschen jünger und viel schmaler.
Ich lächelte ihn an und verließ den Raum. Ich ging den breiten Mittelgang zurück, der in Richtung des großen Kellers führte.
»Phoebe«, rief Jason.
Überrascht drehte ich mich zu ihm um. »Ja?«
Er kam mir entgegengelaufen und hielt sein Handy in der Hand. »Bekomme ich deine Nummer?«
War das sein Ernst?
Niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass jemand wie Jason mich nach meiner Nummer fragen könnte. Verdutzt suchte ich in seinen Augen Ironie oder Sarkasmus, aber wurde nicht fündig.
»Äh … okay«, antwortete ich, griff nach dem Handy und tippte meine Nummer ein.
»Wir sehen uns, Phoebe.«
»Wo zum Teufel hast du gesteckt? Ich habe mir verdammte Sorgen gemacht.« Jeremy warf die Zigarette neben das Auto und kam mir entgegen.
»Du warst plötzlich weg und da wollte ich zum Ausgang gehen. Zwei Typen haben mich aufgehalten und dann ist Jason aufgetaucht. Er hat mich mit in seine Umkleide gezogen und mir ein Kühlakku und Salbe besorgt, weil ich in dem Gedrängel einen Ellenbogen in die Seite bekommen habe.« Ich holte tief Luft und zog den Kühlakku unter mein Shirt hervor.
Seine Brauen schossen in die Höhe. »Warte, Moment mal, ganz ruhig. Bei dem Teil mit Jason bin ich ausgestiegen. Was ist passiert?« Ich schüttelte lachend den Kopf. Jer grinste und zog mich in Richtung Beifahrertür. »Na komm, steig ins Auto, ich bringe dich nach Hause. Dann kannst du mir auf den Weg noch mal alles erzählen.« Bevor er die Tür zuwarf, fügte er hinzu: »Es ist nämlich schon halb elf.«
Mir wich die Farbe aus dem Gesicht. »Was?«
Er knallte die Beifahrertür zu.
»Cindy steht draußen. Oder soll ich ihr Bescheid geben, dass es heute nicht so passt?«, fragte Cole.
Ich sah Phoebe noch einen Moment hinterher. Erst als sie um die Ecke in Richtung Ausgang verschwand, wandte ich mich Cole zu. »Sag Cindy ab, ich habe heute keine Lust.« Ich ging zurück in die Umkleide und schulterte die Sporttasche.
Obwohl es verlockend klang, dass sie bereitwillig mit mir in die Kiste stieg, war mir die Lust vergangen.
Aber heute würde es sich irgendwie falsch anfühlen.
»Heute, oder?«, fragte er.
Ich sah zu Cole rüber und schüttelte den Kopf. »Generell, ich will sie nicht.«
»Etwa ihretwegen?« Er nickte in Richtung Ausgang und verzog das Gesicht.
»Das verstehst du nicht.« Ich ging an ihm vorbei, um mich auf die Suche nach Jerry zu machen. Er schuldete mir noch meinen Gefallen für heute. Außerdem müsste hier noch irgendwo Logan stecken.
»Ich versteh schon, sie ist hübsch. Allerdings glaube ich nicht, dass sie sich auf eine schnelle Nummer mit dir einlässt.«
Ich fuhr zu ihm herum und kniff die Augen zusammen. »Ich will auch nichts Schnelles mit ihr.«
Ich wollte sie auf jeden Fall wiedersehen. Sie kennenlernen.
»Na, wenn du meinst.« Cole zuckte mit den Schultern. »Allerdings glaube ich, dass sie einen festen Freund hat.«
Ich blieb im Gang stehen. »Woher willst du das wissen?«
Cole zuckte erneut mit den Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei er auf mich zukam.
»Sie geht auf meine Uni und wenn ich sie sehe, ist sie ständig mit einem anderen unterwegs.«
Ich runzelte die Stirn und presste die Lippen aufeinander. Es würde mich nicht wundern, wenn Phoebe tatsächlich in festen Händen war. Ich ballte meine Hände, die Knöchel knackten.
»Erzähl mir mehr«, forderte ich.
Cole lachte. »Mehr weiß ich auch nicht, sie ist eher unscheinbar und ist viel mit diesem Jungen zusammen. Ich glaube, mehr Freunde hat sie auch nicht«.
»Ich muss mehr über sie herausfinden.«
»Bist du dir sicher, dass sie gleich Schluss hat?«, fragte ich und trommelte zum wiederholten Mal auf dem Lenkrad meines Jeeps herum.
»Ich weiß es nicht genau, aber am Montag endet der letzte Kurs immer um diese Zeit«, entgegnete Cole. Er sah ebenfalls aus dem Fenster in Richtung Haupttür der University of Phoenix. »Wieso hast du ihr nicht einfach eine Nachricht geschrieben?«
Auf Coles Frage sah ich ihn genervt an. »Weil ich es persönlicher machen wollte? Außerdem muss ich mich davon überzeugen, dass sie keinen anderen hat.«
Und ich wollte sie wiedersehen. Gestern nach dem Kampf hatte ich meine Gedanken sogar während der kalten Dusche kaum sammeln können. Sie kreisten die ganze Zeit um Phoebe.
Endlich schwang die Tür auf. Zahlreiche Studenten strömten heraus und liefen quer über die Grünflächen des Campus in Richtung der Wohnheime, die man über die schmalen Steinwege erreichen konnte. Ein weiterer Teil lief zu dem Parkplatz, welche in dem typischen roten Gemäuer der Universität abgegrenzt wurde.
»Da, da ist sie.« Cole deutete mit einem Nicken auf ein Mädchen, das mit gesenktem Kopf ihre Bücher an die Brust presste und zum Parkplatz eilte.
»Bleib hier«, sagte ich, ehe ich die Fahrertür aufstieß und ihr entgegenlief.
»Verschreck sie nicht«, rief Cole.
»Phoebe«, sagte ich, als sie in Hörweite war.
Erschrocken blieb sie stehen und riss ihre schönen blauen Augen auf. »Jason?«, stieß sie verblüfft aus.
»Hast du einen Freund, Phoebe?«, schoss es aus mir heraus.
»Ähhhm …«
Auf einmal näherte sich ein schmaler blonder Junge von der Seite. Locker schwang er den Arm um ihre Schulter.
Das gefiel mir nicht.
»Wenn das mal nicht Jason Bail ist. Siehst du, Süße, ich habe es dir doch gesagt«, sagte der Kerl, der seine Griffel immer noch an ihr hatte.
Phoebe sah mich mit weit aufgerissenen Augen an und ihre Wangen nahmen diesen herrlichen rötlichen Ton an.
»Äh.« Sie sah zu dem Typen.
»Bist du ihr Freund?«, fragte ich ihn.
Der Blonde sah mich ebenso verblüfft an, ehe sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen. Wenn es nicht ihr Freund war, könnte ich ihn mit zwei Hieben beiseiteschaffen.
Ich ballte die Hände.
»Ach, sieh mal einer an.« Er zog Phoebe enger zu sich und stieß sie mit der Hüfte an.
Ich starrte ihn an.
Er lachte und schüttelte schließlich den Kopf. »Ich würde dich ihr um Längen vorziehen.« Er zwinkerte mir zu. Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er gerade gesagt hatte. Mein Körper entspannte sich, ich löste die geballten Hände.
»Also hast du keinen Freund?«, fragte ich noch einmal.
»Nein.« Sie schaute mir direkt in die Augen.
Erleichterung machte sich in mir breit. Mit einem Blick gab ich ihm zu verstehen, dass er uns alleinlassen sollte. Er nickte mir zu und löste sich von Phoebe. »Wir sehen uns.« Er flüsterte ihr noch etwas ins Ohr, was durch ein dunkleres Rot auf Phoebes Wangen belohnt wurde. Dann verschwand er endlich.
»Also das ist mein Freund Jeremy, nicht fester Freund, sondern bester Freund« Sie schaute ihm hinterher. »Was machst du hier?« Dabei presste sie die Bücher gegen ihre Brust.
»Also … ich wollte dich fragen, ob du heute Abend mit mir Essen gehen möchtest?« Ich lächelte sie sanft an, denn sie sollte verdammt noch mal keine Angst haben. Nicht vor mir.
»Wirklich?« Sie trat einen Schritt zurück.
Ihre Reaktion irritierte mich. »Ja.«
Phoebe warf mir einen prüfenden Blick zu.
Nach endlosen Sekunden nickte sie sachte.
Ich wollte sie so gern wieder berühren. Also umfasste ich ihren zierlichen Nacken mit meiner Hand. Sie zuckte auffällig, aber binnen Sekunden entspannte sie sich wieder und sah mich abwartend an. Ich beugte mich vor.
»Ich schreib dir, wann ich dich abholen komme, gib mir eine Chance, ja?«, flüstere ich und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.
Sie nickte, auf ihren Lippen entstand ein leichtes Lächeln. Mit Mühe löste ich mich von ihr und sog noch einmal ihren süßen Duft ein.
»Bis später, Phoebe.«
Bin um 6 da – J.
Das war alles, was Jason schrieb. Ich speicherte seine Nummer natürlich direkt ab. Woher zum Teufel kannte er überhaupt meine Adresse?
Ich schüttelte den Gedanken ab und stellte mich vor meinen Kleiderschrank. Gedankenverloren ließ ich meine Finger über meine Hosen gleiten.
Jason wusste, was er wollte und offensichtlich war das ich. Jeremy sagte allerdings, Jason sei einer der größten Playboys im Umkreis von fünfzig Meilen. Und ich wollte keine Kerbe in seinem Bettpfosten werden. Wenn Jason nur mit mir ausging, um mich in die Kiste zu bekommen, würde ich schnell und höflich ablehnen und mich vom Acker machen.
Meine Wahl fiel schlussendlich auf eine einfache Jeans und ein Shirt.
»Wieso ziehst du nicht was anderes an, etwas, was ihn so richtig heiß macht?«, fragte Jeremy.
Ich sah ihn durch den Spiegel an und rückte meine Klamotten zurecht. »Weil ich nicht möchte, dass er denkt, dass ich ihm gefallen will.«
Jer grunzte. »Ich denke, du gefällst ihm sowieso schon.«
»Aber vielleicht will ich das gar nicht?«, entgegnete ich.
Jeremy zog die Augenbrauen in die Höhe. »Wieso solltest du das nicht wollen?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Weil ich meine ersten Erfahrungen gern mit jemandem machen würde, für den ich nicht nur eine von vielen bin.« Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel.
Ich ging zum Schreibtisch, auf dem meine Ohrringe zwischen einigen Fachbüchern lagen. Die kleinen Stecker waren milchweiß und hatten eine Tropfform. Nachdem ich mir sie angelegt hatte, drehte ich mich zu Jeremy.
»Phi, ich habe so das Gefühl, dass da mehr hinter steckt, als du denkst.«
»Und woher willst du das wissen?«
Jeremy richtete sich an der Kante meines Bettes weiter auf. »Vertrau mir einfach, außerdem ist es euer erstes Date, es wird schon nichts passieren.« Er blickte mir ernst entgegen.
Seufzend nickte ich. »Du hast ja recht.« Ich machte mir einfach viel zu viele Gedanken. Dann fiel mein Blick auf den Wecker auf dem Nachttisch. »Oh, verdammt, ich muss runter!« Im Vorbeigehen nahm ich meine kleine Tasche, die ich schulterte. »Mach bloß nichts kaputt, Jer!«
Jeremy wartete hier auf mich, sodass ich ihm sofort alles erzählen konnte, sobald ich zurück war.
Er hob beide Hände und setzte einen unschuldigen Blick auf. »Niemals, Phi«, sagte er mit hoher Stimme, was mich zum Lachen brachte.
»Bis später.«
»Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, oder?!« Jason hatte mir den Rücken zugewandt und hielt sein Handy an sein Ohr.
In der Eingangstür meines Wohnhauses blieb ich stehen.
Er umfasste das Handy so stark, dass seine Fingerknöchel weiß hervorstanden. »O nein, ich brauche keine Ausreden von dir, Cole … Du wusstest ganz genau, dass ich heute mit ihr ausgehe, also was soll der Schwachsinn?«
Er ging auf dem Vorplatz hin und her.
»Dann sag es halt ab! Ich kann heute Abend nicht.«
Überfordert blieb ich stehen.
Jason seufzte frustriert auf. »Ich frage sie, wenn sie nicht will, dann komme ich nicht … Das hast du dir selbst eingebrockt, stell dich einfach selbst in den Scheißring.«
Er beendete das Gespräch.
Als er sich zu mir drehte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck und ein Lächeln schlich sich auf seine Züge. »Du siehst wunderschön aus«, flüsterte er.
Ich blickte nach unten, um mich noch einmal zu mustern und sah verlegen in seine Augen. »Danke schön, du siehst auch gut aus.«
Ich schaute ihn mir genauer an. Er trug eine eng anliegende schwarze Jeans und ein dunkelblaues Shirt.
»Nur gut?« Er lächelte verschmitzt und zog die Augenbraue hoch.
Ich bemerkte, wie mir Hitze in die Wangen stieg. Mit solchen Flirtereien kam ich nicht klar. Ich war grottenschlecht darin.
Er räusperte sich. »Es gibt ein kleines Problem, Phoebe.« Er kam näher, streckte seine Hand aus und strich mir die Haare über die Schulter zurück. Seine Fingerspitzen streiften die Haut an meinen Schultern.
Dadurch fror ich regelrecht ein.
»Cole hat gerade angerufen, er hat mich für heute für einen Kampf angemeldet. Wenn du nicht zu dem Fight gehen möchtest, können wir auch essen gehen. Worauf hast du Lust?« Er sah mich liebevoll und einfühlsam an.
Ich hätte mich zwar über ein Abendessen mit ihm gefreut, aber wenn ich ihn kennenlernen wollte, dann gehörte das Kämpfen dazu.
»Wir können zum Fight gehen«, sagte ich schließlich lächelnd und auf Jasons Lippen zeichnete sich ebenfalls eins ab. Er streckte mir seine Hand entgegen und ohne groß drüber nachzudenken, ergriff ich sie und er führte mich zu seinem Auto.
Ich stieg in seinen Jeep ein und nachdem wir uns angeschnallt hatten, ließ er den Motor an und parkte aus. Wir fädelten uns in den übersichtlichen Verkehr ein.
»Du kommst mit in meine Umkleide und dann setzt du dich zu Cole und Logan, okay?« Er blickte mich kurz an und schaute dann wieder auf die Straße. Jason ließ eine Hand vom Lenkrad sinken und umfasste stattdessen mein Knie.
Mit dem Daumen fuhr über den Stoff meiner Jeans.
Ein angenehmer Schauer überkam mich.
»Wer ist Logan?«, fragte ich.
»Logan hat mich damals unter Vertrag genommen. Er ist eigentlich kein Coach mehr, aber für mich macht er eine Ausnahme. Außerdem ist er einer meiner engsten Freunde und so was wie ein Bruder für mich.«
Ich nickte und blickte wieder zu den vorbeiziehenden Häusern. Die untergehende Sonne tauchte immer wieder zwischen den Gebäuden auf und langsam verlor ich mich in dem Spiel und seiner sanften Berührung auf meiner Haut.
Bereits nach wenigen Fahrminuten kamen wir an der Bar an. Dieses Mal betrat ich sie allerdings durch einen Hintereingang. Somit wurde ich von den wartenden Massen davor verschont.
Jason lotste mich durch den Gang in seine Kabine, wo ich mich auf die Bank setzte.
»Kannst du mir mal helfen, Süße?«
Hatte er mich gerade ernsthaft Süße genannt?
Vollkommen überfordert starrte ich ihn an.
Jason stand ohne Oberteil nur mit einer grauen Sporthose vor mir und reichte mir das Tape-Band. Langsam wickelte ich seine Knöchel damit ein.
»Na, wenn das mal nicht Phoebe ist. Du hast dir das erste Date wahrscheinlich ganz anders vorgestellt, nicht wahr?«
Ich schaute zu einem Mann mit unglaublich blauen Augen auf. Ihn hatte ich vorher noch nicht gesehen und wieso kannte er meinen Namen?
Ich hörte auf, Jason das Tape um die Hand zu wickeln. »Ehm, ja …?«
Blauauge lachte, während sich Jason versteifte und seine bereits bandagierte Hand um meine Hüfte schlang. »Ich sollte mich erst mal vorstellen, oder? ich bin Logan. Ich bin außerdem-«
»Coach, bester Freund und Bruder, ich weiß«, sagte ich. Logan fing an zu lachen und schaute zu Jason. Herrje, ich hatte ihn wirklich nicht unterbrechen wollen.
»Nicht schlecht, die Mieze.« Logan zwinkerte. Total gruselig.
Jasons Hand verkrampfte um meine Hüfte. »Nenn sie nicht so«, sagte er leise. Dennoch hörte ich in seiner Stimme ganz klar etwas Bedrohliches.
Logan hob abwehrend die Hände. »Schon klar, sie gehört dir.«
Mein Magen verdrehte sich.
Ich gehörte ihm?
Was zum Teufel hatte das denn jetzt zu bedeuten?
War ich doch nur eine schnelle Nummer für ihn?
Ich sah Jason an, der erst Logan einen bösen Blick zuwarf und mich dann betrachtete. Sofort verwandelte sein Ausdruck sich, die Härte darin wurde durch Ruhe ersetzt.
Dann schlich sich ein unsicheres Lächeln auf seine Lippen. »Alles okay?«
»Ich … gehöre dir?«, flüsterte ich.
Er beugte sich zu meinem Ohr. »Hör nicht auf Logan, er ist ein Idiot.« Noch bevor ich antworten konnte, strich er mir eine Strähne hinter mein Ohr und jeder Gedanke in meinem Hirn verschwand.
Also widmete ich mich wieder den Bandagen und seinen Knöcheln, während er mit seinem Coach über den bevorstehenden Kampf sprach.
»Hey, Jungs.« Ich winkte Cole und Logan zu, die neben dem Ring standen.
Jason hatte mir gesagt, ich solle mich in seineEcke des Rings setzten. Ich hatte ihm noch viel Glück gewünscht, ehe ich losging, um mich auf den Platz zu setzen. Gott sei Dank war dieser Weg relativ leer und ich konnte mich schnell nach vorn durchkämpfen.
Die Securitys traten zur Seite, um mich durchzulassen.
»Hey, setz dich doch.« Zwischen den beiden stand noch ein schwarzer Klappstuhl. Er sah aus wie jeder andere Stuhl, mit dem einzigen Unterschied: Auf der Lehne stand in weißer Schrift Jail. Ich nahm zwischen den beiden Platz und lehnte mich zurück. Es fühlte sich fast so an, als würde ich zum Team gehören. Team Jail.
Die laute Menge in meinem Rücken und die bunten Lichter, die über die Gäste huschten, setzten mich unter Strom.
»Na, aufgeregt?« Cole lehnte sich zurück.
»Ein wenig, aber ich mache mir keine Sorgen um Jason.« Nachdem ich gesehen hatte, wie schnell er gestern den Gorilla k. o. geschlagen hatte, bezweifelte ich nicht, dass Jason heute wieder als Sieger hervorging.
»Tja … Jason vermöbelt sie alle.« Cole grinste breit.
Knacken und Knistern ertönte im Saal, wie auch beim letzten Mal. »Kurzfristig doch noch eingesprungen, Ladys und Gentlemen, hier kommt er: Der Mann, der alle anderen in den Schatten stellt! Freut euch auf Jail!«
Das Publikum explodierte, gefühlt jeder fiel in den Fangesang mit ein. »Jail! Jail! Jail!«
Ich bewunderte ihn dabei, wie er den Weg durch den Gang hinauf zum Ring schritt. Geschmeidig glitt er durch die Seile in den Ring und blickte sich lächelnd um. Er fing an, sich ein wenig zu lockern.
»Und hier kommt sein Gegner, er nennt sich selbst den Schrecken der Tiefe, hier kommt Der Weiße Hai.«
Einige jubelten und brüllten, jedoch war es nicht annähernd so euphorisch wie bei Jason. Jason blickte seinen Gegner unbekümmert an und lockerte sich weiter, indem er auf der Stelle hüpfte und seine Arme ausschüttelte. Als der Gong ertönte, nahm er augenblicklich seine geballten Hände hoch und ging auf den weißen Hai zu. Jason schaffte es, drei Schläge schnell und präzise zu platzieren. Der Hai jedoch verfehlte ihn jedes Mal.
»Es ist lustig, wie er vor dir eine Show abzieht.« Cole blickte mich mit schelmischem Grinsen an.
»Wie meinst du das?«
Logan beugte sich zu mir. »Der weiße Hai ist neu, er hat keinerlei Erfahrung. War vorher beim Kickboxen. Wenn Jason es gewollt hätte, wäre der Junge schon längst zu Boden gegangen.« Ich schaute ihn überrascht an und musste mir ein Lächeln verkneifen.
Jason brachte seinen Gegner dazu, sich zu drehen, sodass ich auf den Rücken des Hais blickte. Mit einem harten Schlag in den Bauch beförderte Jason den Hai in die Ecke. Jason blickte mir in die Augen und zwinkerte mir zu.
Der Ringrichter zählte herunter und ging danach zu Jason. Sofort jubelte ich mit. Und als er dann Jasons Arm in die Höhe riss, explodiere ich gemeinsam mit der Menge. Ich stand von meinem Platz auf und klatsche.
»Jail! Jail! Jail!«
Er schwang sich locker durch die Seile auf den Boden und die Fans und Zuschauer wollten sich auf ihn stürzen. Er jedoch drängelte sich durch die Menge. Ich hielt den Atem an und blickte in seine karamellfarbenen Augen.
Jason packte meinen Kopf mit seiner großen Hand, zog mich näher an sich und drückte mich gegen seine harte und schweißnasse Brust. Die Wärme seiner Haut krabbelte bis unter meine Kleidung, sein Duft nach Sandelholz umnebelte meine Sinne.
Als er mich ansah, schaffte ich es nicht, meinen Blick von seinen Augen zu lösen.
Die Rufe und Fangesänge um mich herum verschwammen.
Alles wurde unwichtig.
Und als er sich ernsthaft zu mir beugte, schien mein Herz aus meiner Brust zu springen.
Langsam und zärtlich drückte er seine Lippen auf meine. Automatisch schob ich meine Hand in seine feuchten Haare und erwiderte den Kuss. Er war kurz und zärtlich, aber unglaublich intensiv.
Erst dann kapierte ich, was wir gerade machten. Jason wurde von mir weggezogen und in einen Kreis von Fans getrieben. Er lachte und ließ meinen Blick dabei nicht los.
Atemlos ließ ich mich auf meinen Stuhl sinken.
»Weißt du, wenn Jason gewinnt, dann schießen bei ihm alle Endorphine hoch und er ist total aufgedreht.« Logan schenkte mir ein knappes Lächeln. »Er wird übermütig und macht Sachen, die er vielleicht gar nicht machen wollte.«
Dann war das nur dem Adrenalin geschuldet?
Hatte er mich also gar nicht küssen wollen?
Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich seine Worte verunsicherten.
Wollte Jason doch nur die schnelle Nummer?
Augenblicklich bekam ich Bauchschmerzen.
»Phoebe, er hätte dich ohnehin irgendwann geküsst, was Logan damit sagen will, ist, dass er sich bei dir eigentlich Zeit lassen wollte.« Cole stieß sanft mit seinem Ellenbogen gegen meinen Arm. Mein Lächeln musste ziemlich gequält aussehen, dennoch versuche ich mich zu entspannen. Aber seine Aussage blieb in meinem Kopf hängen. Wollte er sich tatsächlich Zeit lassen? Oder sagte Cole das nur, um Jason in ein gutes Licht zu rücken?
»Logan hat es nur mal wieder total dumm formuliert.« Cole warf Logan einen genervten Blick zu.
