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»Das Leben ist wie ein Moment voller Eindrücke, die einen formen, begleiten, prägen, glücklich machen oder schmerzen. Das Leben tut weh. Die Kunst ist es, den Schmerz zu überleben und ihn in etwas Wundervolles zu verwandeln.«
Amy Jackson hat keine Ahnung wie sie ihr neues Single Leben genießen soll, denn sie wurde betrogen und belogen.
Sie will einen neuen Weg finden, einen der sie in Ethan Campells Arme treibt. Ethan ist an der Uni bekannt für seine kurzen Flirts, er ist all das, was Amy nicht will.
Doch er macht es sich zur Aufgabe ihr zu zeigen, wie man das Singleleben genießt. Dabei kommen die beiden sich näher. Diese Art von Liebe können und wollen sie überhaupt nicht mehr zulassen.
Ob sie dennoch zueinander finden?
Oder war von Anfang an alles zum Scheitern verurteilt?
Neuauflauge der Enough-Reihe, die 2019 unter gleichnamigem Titel erschienen ist.
Kein Cliffhanger, in sich abgeschlossen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhalt
Impressum
Playlist
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Epilog
Leseprobe
Impressum
© 2025 Rinoa Verlag
c/o Emilia Cole
Kolpingstraße 31, 47608 Geldern
ISBN: 978-3-910653-65-8
www.rinoaverlag.de
www.leonieelena.de
Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Amy.
Wir lieben und vermissen dich jeden Tag.
Kino – Donau
Maribou State, Holly Walker – Tongue
The Paper Kites – Bloom
Ashe, Niall Horan – Moral of the Story
Panic! At The Disco – Dying in LA
WALK THE MOON – Lost In The Wild
Wallows, Clairo – Are You Bored Yet?
Kodaline – All I Want
Amber Run – I Found
Neon Trees – Everybody Talks
BØRNS – Electric Love
Connor
20 Jahre zuvor …
»Ich kann das nicht, Charles. Nimm sie einfach und lass mich gehen.«
Ich beobachtete, wie Mom meinem Dad das kleine Bündel in die Arme legte.
»Was meinst du damit, du kannst das nicht? Sie ist deine Tochter, Diana!«
Mom schüttelte den Kopf und Dad drückte meine Schwester an die breite Brust.
Ich zog den Kopf weiter ein, als Mom in meine Richtung lief, aber kurz vor der Treppe, auf der ich saß, Halt machte. Sie hatten mich beide noch nicht entdeckt.
»Connor?«, flüsterte mein jüngerer Bruder Wesley und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Der Schlafanzug mit den vielen Feuerwehr-Autos saß schief und seine Haare standen in alle Richtungen ab. Langsam kam er aus seinem Zimmer auf mich zu.
»Psst«, flüsterte ich zurück und legte mir den Finger auf die Lippen.
»Geh wieder ins Bett, Wes«, murmelte ich und hoffte, dass wir Miles nicht weckten.
Wesley schüttelte daraufhin aber nur den Kopf und ich zog Wes an der Hand zu mir, damit er sich neben mich setzte. »Leise sein«, ermahnte ich ihn. Wesley nickte, schaute ebenfalls nach unten und beobachtete Dad und Mom still.
»Diana, verlässt du uns etwa?«, stieß Dad in einem lauten Flüsterton aus, sodass wir es oben an der Treppe trotzdem hören konnten.
»Charlie, du verstehst das nicht. Ich kann das nicht mehr. Die Kinder, die Arbeit, du.«
Dad hielt unsere Schwester Amy weiterhin an seiner Brust geborgen und ging ein Stück auf Mom zu. »Unser Leben ist dir zu viel?«
Mom nickte heftig. »Das ist es. Ich möchte reisen und das Leben genießen. Aber das kann ich hier nicht. Ich kann nicht atmen, ich komme nicht zur Ruhe. Es tut mir leid, Charlie. Aber ich muss einfach gehen.« Moms Schuhe klackerten auf dem Boden und sie zog einen Koffer hinter sich her, während sie in Richtung Haustür ging.
»Diana, das kannst du den Jungs nicht antun«, rief Dad ihr hinterher.
»Was macht sie?«, fragte Wesley neben mir. Ich drückte nur seine Hand, damit er still blieb.
Ich wusste nicht, was Mom tat, aber als sie das Haus verließ und die Tür hinter ihr zufiel, hatte ich das Gefühl, ganz genau zu wissen, was sie entschieden hatte.
Dad drehte sich mit unserer Schwester in den Armen um. Er schaute sich im Flur um und schließlich landete sein Blick auf uns beiden.
»Kommt her«, stieß er seufzend aus und ging in die Hocke.
Wesley und ich tapsten mit nackten Füßen über die kalten Treppenstufen auf Dad zu.
»Was ist los, Daddy?«, fragte Wesley leise, und Dad nahm uns in den Arm, sobald wir bei ihm angekommen waren. Ich umarmte ihn zurück und legte auch einen Arm um Wes.
»Alles ist gut. Eure Mom muss nur für einige Zeit alleine sein. Macht euch keine Sorgen.«
Ich warf einen Blick auf das Bündel in seinen Armen. Die Züge von Amy waren entspannt. Sie schlief, obwohl Mom und Dad laut gewesen waren. Dad hatte aber mal erwähnt das Amy selbst durch einen Güterzug nicht wach werden würde – was auch immer das ist.
Vorsichtig hob ich eine Hand und fuhr über ihre Augenbrauen. Dad erhob sich und ging mit uns in das Wohnzimmer.
»Wieso seid ihr überhaupt noch wach?«, fragte er, und ich kletterte auf die Couch. Dann half ich Wesley beim Hochkommen.
»Wir haben euch reden gehört«, erklärte ich.
Dad legte mir Amy in den Schoß und ich achtete darauf, sie gut festzuhalten. Unsere Schwester war gerade mal zehn Monate alt.
»Das tut mir leid, Jungs«, erwiderte Dad und setzte sich auf den Couchtisch vor uns.
Wesley streckte sich zu mir aus und betrachtete Amy.
»Ab sofort sind wir für sie verantwortlich, meint ihr, das kriegen wir hin?«, fragte Dad und schaute von Amy zu uns hoch.
Wes und ich nickten.
»Das werden wir, Dad.«
Ich wusste, dass es eine schlechte Idee gewesen war, Dave auf diese Verbindungsparty zu begleiten.
Ich fand nichts, aber auch gar nichts, spannend daran, mich mit völlig fremden Menschen zu betrinken und zu lahmen Radio-Hits zu tanzen. Außerdem hätte mir bewusst sein sollen, dass Dave mich wieder alleine ließ, oder wie er es beschrieb: dass wir uns einfach in der Masse verloren hatten.
Aber jetzt mal im Ernst, wie konnte man seine Freundin denn einfach so verlieren?
Ich war ihm nicht von der Seite gewichen, auch nicht, als er sich ein Bier geholt hatte und mit seinen Freunden draußen Beer Pong spielen wollte.
Derek und Gavin waren ebenfalls dort, wie auch Riley und Candice. Unsere Freunde, laut Dave, aber ich war mir nicht so sicher, ob sie mich auch wirklich mochten oder mich einfach nur ertrugen, weil ich mit Dave zusammen war.
Was wir seit ungefähr sechs Jahren waren. Dave und ich waren auf derselben Middle School gewesen und sind mit fünfzehn ein Paar geworden. Wir haben unsere Jungfräulichkeit am den jeweils anderen verloren. Seitdem waren wir zusammen und nichts konnte uns trennen.
Naja, außer vielleicht die Tatsache, dass er sich mit den Worten: »Ich muss mal kurz aufs Klo«, verabschiedet hatte.
Keine Ahnung, was er dort so lange trieb, vielleicht hatte sich eine Schlange vor dem Bad gebildet. Allerdings war er jetzt auch schon seit knapp zwanzig Minuten verschwunden. Ich zog mein Handy aus der hinteren Hosentasche und sah, dass mir mein ältester Bruder eine Nachricht geschickt hatte.
Connor: Bist du am Sonntag bei Dad wie besprochen?
Ich musste ein Augenrollen unterdrücken und schickte ihm eine knappe Antwort zurück, dass ich da sein würde.
Dad wohnte in der Nähe von Phoenix und jeden Sonntag lud er zum Frühstück bei sich zuhause ein.
Ich war die Letzte, die vor zwei Jahren ausgezogen war. Endlich hatte ich es an die Universität von Phoenix geschafft. Es war immer Daves Traum gewesen, hier zu studieren – somit war es auch meiner gewesen.
Nächste Woche startete das neue Semester und damit bekäme ich auch eine neue Mitbewohnerin, da die andere ihr Studium beendet hatte.
Hoffentlich würden wir uns gut verstehen.
Connor schickte mir eine weitere Nachricht, ein Daumen nach oben. Ich steckte das Handy weg und warf einen Blick auf die Terrasse, aber entdeckte Dave dort auch nicht.
Ich beschloss, nach ihm zu sehen. Er hatte den Abend über ziemlich viel Bier getrunken. Also kämpfte ich mich durch die grölenden und feiernden Studenten im Wohnzimmer.
Als ich endlich auf der anderen Seite ankam, drängte ich mich an der Wand entlang in Richtung des Badezimmers. Ich kannte mich hier nicht gut aus, in den letzten zwei Jahren hatte ich Dave nicht oft im Verbindungshaus besucht. Er meinte immer, dass Freundinnen hier nicht so gerne gesehen waren. Das war okay für mich.
Das Bad war leer und das Licht angeschaltet.
Irritiert schaute ich mich im Flur um und versuchte, über die vielen Studenten hinweg zurück zum Garten zu sehen. Vielleicht hatten wir uns verpasst?
Ich hatte keine Chance, es waren viel zu viele Leute da.
Neben dem Bad führte die breite Holztreppe in den ersten Stock. Ich hatte keine Lust mehr, mich unter die Menschenmenge zu mischen und mich so verloren zu fühlen, somit beschloss ich, in sein Zimmer zu gehen, um auf ihn zu warten.
Auf der letzten Treppenstufe kam mir ein bekanntes Gesicht entgegen. »Hey, du bist doch Amy, oder?«, fragte er.
Woher kannte ich ihn noch mal?
Verdammt, ich musste mir unbedingt Gesichter und Namen merken.
»Ja?«, hakte ich verwirrt nach.
Der brünette Kerl, dessen wilde Locken mich an meinen Bruder erinnerten, grinste mich an. Er neigte den Kopf zur Seite. »Du erinnerst dich nicht, oder? Ich bin Kade, wir haben uns auf der letzten Verbindungsparty kurz gesehen. Eine meiner Freundinnen, Hazel, die mit den roten Haaren, hat dich vor so einem Arschloch beschützt.«
Jetzt fiel es mir wieder ein.
Vor wenigen Wochen hatte mich Dave auch schon auf eine Verbindungsparty geschleppt und auch dort hatte ich ihn verloren und nicht wiedergefunden. Als ich mich dazu entschieden hatte, draußen auf ihn zu warten, hatte mich ein betrunkener und ekelhafter Student bedrängt.
Die junge Frau mit den roten Haaren hatte ihn von mir weggezogen und mich gerettet. Allerdings war er uns ins Haus gefolgt und hatte uns erneut belästigt, sodass sich ihre Freunde eingemischt. Kade war einer dieser Freunde gewesen. Gemeinsam hatten sie das Ekelpaket in die Flucht geschlagen.
»Stimmt, entschuldige.«
Kade winkte nur ab. »Alles gut, auf einer Party lernt man immer viele Leute kennen. Wo willst du denn hin?«
»Zu meinem Freund. Dave Hewitt. Er hat am Ende des Flurs ein Zimmer.« Ich deutete auf die rechte Seite des Ganges.
Kade runzelte die Stirn. »Dave ist dein Freund?«
»Ja, wieso?«
»Weil er ein Arsch ist. Ich bin in derselben Verbindung wie er, glaub mir ich weiß es.«
Etwas überfordert drückte ich auf meinen Fingern herum.
Was sollte denn das bedeuten?
Der Druck auf meinen Rippen stieg.
»Oh … Ähm … nun, er ist nicht immer so.«
»Sicher?«, fragte Kade nach.
»Ja!« Das war etwas zu nachdrücklich.
Kade zuckte mit den Schultern. »Okay, alles klar. Aber wenn etwas sein sollte, sag einfach Bescheid.«
Ich nickte langsam und versuchte mich an einem Lächeln, aber so richtig bekam ich es nicht hin.
Kade ging um mich herum und nahm die Treppe. »Man sieht sich.«
Ich atmete tief durch.
Dave war … war sehr polarisierend. Nicht jeder verstand sich mit ihm und nicht jeder fand ihn sympathisch. Schon in der Schule war er derjenige gewesen, der aufgefallen war.
Aber zu mir war er so nie gewesen.
»Okay«, murmelte ich und motivierte mich, weiterzugehen.
Ich lief an den anderen Zimmern entlang und kam schließlich vor Daves an. Ich griff nach der Klinke, drückte sie herunter und schob die Tür auf.
Mit geschlossenen Augen saß Dave auf der Bettkante.
Er hatte den Kopf im Nacken liegen.
Seine Jeans heruntergezogen.
Vor ihm kniete eine Frau.
Sie hatte den Schwanz meines Freundes im Mund.
Ein tiefes Keuchen erklang, als sie anscheinend eine ganz tolle Stelle erwischte.
Ich zuckte zusammen.
Er ließ sich gerade allen Ernstes von einer anderen einen blasen, obwohl er ganz genau wusste, dass ich unten war.
Dass ich, seine blöde Freundin, unten auf ihn wartete.
Erst als ich mich selber schniefen hörte, wurde mir bewusst, dass mir Tränen über die Wange rollten.
War ich ihm wirklich so wenig wert? Waren ihm meine Gefühle so egal?
Das hier passierte doch gerade nicht wirklich.
Sechs Jahre Beziehung warf er einfach so weg?
Mein Schluchzen riss Dave aus seiner Entspannung heraus, denn er öffnete die Augen und sah zur Tür. Zu mir.
Er stockte und legte eine Hand auf ihren Kopf. Sie nahm es allerdings als Ansporn, weiterzumachen.
Dave riss sie an den Haaren zurück.
Ich verzog das Gesicht, weil er so grob war.
Dave stand auf und schloss seine Hose wieder, ehe er einen Schritt auf mich zu machte.
Mein Kopf rauschte.
Langsam verschwamm meine Sicht.
Meine Wangen wurden nass.
Meine Hand glitt von der Türklinke. Das Mädchen auf dem Boden richtete sich auf, aber meine Blicke schossen zu ihm. Zu dem Mann, den ich glaubte zu lieben.
Von dem ich dachte, er liebte mich auch.
Zumindest hatte er mir das gesagt.
Wie oft hatte er mich schon belogen?
Wie lange ging das hier alles überhaupt schon?
War er auf der letzten Party auch mit ihr verschwunden? Oder mit einer anderen?
Mir wurde schlecht und schwindelig und die Tränen liefen mir die Wangen herunter. Er trat einen Schritt auf mich zu, sagte etwas, aber ich hörte ihn nicht.
Ich hatte Watte in den Ohren.
Alles war gedämpft.
Nur meine Gedanken rasten laut durch meinen Kopf.
»Wie lange?«, flüsterte ich und sah ihm in die Augen.
Daves Adamsapfel bewegte sich, als er immer wieder schluckte und offensichtlich nach einem Ausweg suchte.
»Wie lange, Dave? Sag mir die Wahrheit. Ich bin so oder so weg.«
Er rieb sich das Gesicht und fuhr durch seine hellen Haare. Früher hätte mich das Spiel seiner Muskeln wahnsinnig angemacht, jetzt wollte ich am liebsten auf seine Füße kotzen.
Seufzend trat er einen weiteren Schritt auf mich zu und endlich konnte ich mich bewegen und ging einen Schritt zurück.
»Etwa zwei Monate«, hauchte er, und ich glaubte erst, mich verhört zu haben. Zwei Monate? Seit zwei Monaten hinterging er mich. Belog und betrog mich.
»Wissen es die anderen?«, fragte ich leise und wappnete mich für die Antwort.
Er nickte.
Alle wussten Bescheid.
Mein Magen schlug Saltos und ich schloss die Augen.
Nicht nur er, auch alle anderen hatten mich angelogen.
Ich trat einen weiteren Schritt zurück, strich mir über die Wangen, aber es nützte nichts, da die Tränen weiterliefen.
»Ich will nie wieder etwas von dir hören. Rede nicht mit mir, berühr mich nicht, schreib mir nicht. Wir sind fertig miteinander.« Ich drehte ich mich um und eilte den Flur zur Treppe hinunter. Im Laufschritt stieg ich die Stufen hinunter und ging durch die offene Eingangstür.
Dave folgte mir nicht.
Gott sei Dank.
Ich eilte durch den Vorgarten. Die Studenten um mich herum beachteten mich nicht.
Ein Ziel hatte ich nicht, somit blieb ich auf dem Gehweg stehen und setzte mich kurz darauf auf die Bordsteinkante. Ich legte das Gesicht in die Hände und zog die Knie an.
Das durfte doch alles nicht wahr sein.
Eine Weile saß ich dort, während in meinem Rücken die Party weiterlief. Als würde ich gar nicht existieren.
Irgendwann richtete ich meinen Blick wieder auf und wischte mir über die Augen, die fürchterlich brannten.
Ich musste zurück zum Wohnheim, allerdings war es schon spät und dunkel, zu Fuß brauchte ich bestimmt dreißig Minuten. Dave hatte mich am frühen Abend abgeholt, daher hatte ich mein Auto nicht hier.
Ich könnte meinen Bruder Miles anrufen.
Miles ging an das College in Prescott und wohnte in der Nähe. Sicher hätte er nichts dagegen, wenn ich ihn anrufen würde. Aber wie sollte ich ihm das alles erklären?
»Hey, ist alles okay bei dir?« Jemand trat neben mich.
Ich wischte mir die restlichen Tränen aus den Augenwinkeln. Als ich meinen Kopf zur Seite drehte, blickte ich an einem jungen Mann hoch. Er war nicht viel älter als ich. Seine dunklen, fast schwarzen Haare waren irgendwie strubbelig und durch eisblaue Augen sah er mich freundlich an. Ich kannte ihn auch irgendwoher.
Als ich merkte, dass ich ihm nicht geantwortet, sondern nur angestarrt hatte, räusperte ich mich. »Ähm … Ja, klar. Danke, alles gut.«
Er kam ein Stück auf mich zu und sah sich um, bevor er sich neben mich setzte. »So siehst du aber nicht aus.« Er beugte sich etwas nach vorne, um mir ins Gesicht zu sehen.
Ich zuckte nur mit den Schultern.
»Okay, also ich bin Ethan und du bist?«
Er streckte mir eine Hand entgegen.
Wollte er jetzt Smalltalk mit mir führen? Aber Ethan hielt seine Hand weiter zu mir ausgestreckt, was das Ganze noch unangenehmer machte.
»Amy«, nuschelte ich schließlich und umschloss seine Hand mit meiner.
»Freut mich, Amy, also sag mir, welchen Kerl ich vermöbeln soll, und ich tu es.« Er ließ mich wieder los.
Ich fuhr mir mit den Händen übers Gesicht bis zu meinem Pony, um ihn zu richten, da er wahrscheinlich in alle Richtungen abstand. Seine Worte ließen mich leicht lächeln und Ethan lächelte.
»Ha, ein Lächeln, das sieht schon viel besser aus.«
Ich betrachtete ihn noch einen kurzen Moment und ließ den Blick dann nach oben zum Sternenhimmel wandern.
»Was machst du hier draußen ganz alleine?«, fragte er und jetzt fiel mir auch auf, dass er überhaupt nicht betrunken klang.
Ich zuckte mit den Schultern. »Mich vor meinem Freund verstecken, nehme ich an.«
»Deinem Freund?«
»Exfreund«, korrigierte ich mich und blickte auf meine Armbanduhr. »Seit ungefähr fünf Minuten.«
Ethan nickte. »Also hat er dich zum Weinen gebracht?«, fragte er sanft und als ich eine Berührung an meinem Ellenbogen spürte, fuhr ich zusammen.
Ich nickte und schloss die Augen, als das Brennen sich meine Kehle hocharbeitete.
»Dann hat dich dieser Arsch nicht verdient und er hat es auch nicht verdient, dass du dir wegen ihm eine Erkältung zuziehst«, meinte er.
Es war immer noch relativ frisch in Phoenix und mein Pullover hielt die Kälte nicht wirklich fern.
Weil ich ihm nicht antwortete, stand Ethan auf und zog den Reißverschluss seines Sweatshirts auf. Er streifte den Pullover ab und legte ihn mir um die Schultern. Nur mit einem Langarmshirt bekleidet, ließ er sich wieder neben mir nieder.
»Du musst nicht –«
»Du frierst, glaub mir, ich muss. Ich will.«
Ich zog die Jacke enger um mich. Dave hatte mir nie seine Jacke geliehen, wenn mir kalt wurde. Stattdessen hatte er mich nur darauf hingewiesen, dass ich mich ja wärmer hätte anziehen können.
»Danke«, flüsterte ich, überrascht von der für mich ungewohnten Geste.
Ethan lächelte mich vorsichtig an. »Also Amy, weißt du, was die beste Methode ist, um über einen Kerl hinwegzukommen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Mit einem anderen Kerl rummachen«, antwortete Ethan.
Ich warf ihm einen irritierten Blick zu und schüttelte wieder den Kopf.
»Warte, du denkst nicht richtig darüber nach.« Er legte mir die Hand auf den Rücken.
»Ich werde dich nicht küssen, Ethan«, sagte ich leise, sah nach oben und suchte nach dem einzigen mir bekannten Sternzeichen, dem kleinen Wagen.
»Wer sagt denn, dass du mich küssen sollst? Es gibt noch genügend andere Studenten.«
Ich warf ihm einen noch verwirrteren Blick zu.
»Okay, ja, du hast Recht. Es wäre eine ganz fantastische Idee, mich zu küssen.« Er grinste. »Glaub mir, danach fühlst du dich um Längen besser.«
Ich schaute zurück zu Ethan, betrachtete ihn einen Augenblick und seine blauen Augen zogen mich in einen unerklärlichen Bann.
»Also Amy, wie gedenkst du denn nachhause zu kommen?«
»Ich denke, ich rufe meinen Bruder an. Er wohnt in der Nähe von Prescott und würde mich sicher abholen und in das Wohnheim bringen.«
Ethan sah mich verdutzt an. »Prescott liegt doch über eine Stunde entfernt.«
»Er wohnt weiter außerhalb und wäre schneller hier.«
Ethan schüttelte den Kopf. »Mein Wagen steht direkt da drüben und ich habe keinen Alkohol getrunken, ich bring dich zurück zum Wohnheim.«
»Oh, du musst nicht –«
Wieder unterbrach er mich. »Das Thema hatten wir doch schon. Ich muss nicht. Ich will dich zurückbringen. Komm schon.« Er stand in einer flüssigen Bewegung auf, hielt mir seine Hände entgegen.
Ich überlegte einen kurzen Moment und atmete einmal tief durch.
Schließlich ergriff ich seine Hände.
Keine Ahnung, warum ich tat, was ich tat.
Normalerweise war das hier nicht wirklich mein Ding. Ich kümmerte mich nicht um weinende Frauen, die vor einem Verbindungshaus auf dem Boden saßen. Wenn meine Freunde mich so sehen würden, würden sie wahrscheinlich mit dem Kopf schütteln und mich fragen, ob mit mir alles in Ordnung wäre oder ob ich mir eine neue Masche überlegt hätte. Ich war eher dafür bekannt, das Bett zu wechseln wie meine Unterwäsche, und das war völlig okay für mich. Ich liebte das Leben, wie ich es führte.
Dennoch hatte mich der Anblick der jungen Frau mit den kastanienfarbenen Haaren erschüttert. Vor ein paar Wochen hatte ich sie schon einmal gesehen, damals hatte irgendein Typ sie auf einer Party angemacht.
Der Pony hing über ihren Augen und immer wieder strich sie ihn aus dem Gesicht und legte ihn ordentlich über ihre Stirn. Sie kräuselte auch jedes Mal die Nase, wenn ich etwas zu ihr sagte, und das Einzige, was mir dazu einfiel, war: süß.
Und normalerweise fand ich Frauen nicht süß. Ich fand sie alles Mögliche, aber ganz sicher nicht süß. Amy aber war es.
»Okay, dann bringen wir dich mal zurück ins Wohnheim«, sagte ich sanft und legte ihr eine Hand auf den unteren Rücken, als ich sie langsam in Richtung meines Jeeps lotste.
Sie nickte und strich sich eine Strähne hinters Ohr.
Ich öffnete die Tür und half ihr beim Einsteigen, da der Jeep etwas höher war. Sie murmelte ein sanftes Danke und ich ging um den Wagen herum und setzte mich ans Steuer.
Eigentlich hatte ich heute mit Leith und Kade die Birne trinken wollen, aber mir war schlussendlich nicht danach gewesen, zu trinken.
Bevor ich den Motor starten konnte, klingelte mein Handy und ich zog es hervor.
»Hey, Leith.«
»Ethan, wo steckst du?«, brüllte er in den Hörer, um die laute Musik aus dem Haus zu übertönen.
»Ich bin auf dem Nachhauseweg.«
»Schon wieder eine abgeschleppt? Mann, du lässt aber auch nichts anbrennen.«
Ich verdrehte die Augen. »Gute Nacht, Leith.« Damit legte ich auf und ließ das Handy in den Getränkehalter gleiten.
Kurz warf ich einen Blick zu Amy hinüber, aber sie blickte stumm aus dem Fenster. Ich startete den Motor und lenkte den Jeep auf die Straße, welche zum Wohnheim führte. Amy machte einen unsicheren Eindruck, sie hatte sich in den Sitz gepresst.
»Ich habe das Telefonat mitgehört, aber es war auch schwer zu überhören, weil … also, weil er so laut gesprochen hat.«
»Süße, ich werde nicht mit dir schlafen. Zumindest nicht, wenn du es nicht willst.« Ich lächelte sie an und stellte zufrieden fest, dass ihre Mundwinkel zuckten. »Leith ist betrunken, er redet Schwachsinn. Ich bringe dich nur nach Hause, versprochen«, sagte ich mit fester Stimme und sah nochmal kurz zu ihr. Mittlerweile hatte sie sich mir zugewandt.
»Okay.«
»Okay«, erwiderte ich. »Aber wie gesagt, außer du willst es.« Ich zog eine Augenbraue hoch und mein Lächeln wurde breiter, als der Klang ihres Lachens den Innenraum des Jeeps erfüllte.
»Danke, Ethan. Aber nein.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Na gut, aber lass mich dir eins sagen: Du verpasst was.«
»Ich denke, darauf lasse ich es ankommen.«
»Ganz wie du willst.«
Amy sah wieder aus dem Fenster und ich konzentrierte mich auf die Straße vor uns.
»Was studierst du?«, fragte Amy nach einigen Minuten.
»Business Administration. Damit kann ich mich schnell selbstständig machen, ich absolviere danach noch ein paar Seminare im Bereich Finanzen.« Ich setzte den Blinker, als wir in die Straße einbogen, in welcher das Wohnheim der Universität lag. »Und du?«
»Englische Literatur. Am liebsten möchte ich selbst Schriftstellerin werden oder in einem Verlag arbeiten oder auch in einer Bibliothek. Hauptsache irgendwas mit Büchern.«
»Schreibst du selbst?«
Amy zog die Augenbrauen zusammen und drehte sich wieder weg. »Schon, allerdings ist das noch nichts Richtiges.«
»Wieso nicht?«
»Weil … weil es noch nicht fertig ist. Außerdem glaub ich nicht, dass es gut genug sein wird.«
Ich konzentrierte mich kurz, als ich den Wagen in eine freie Parklücke direkt vorm Eingang des Wohnheims lenkte.
»Das glaube ich nicht«, antworte ich schließlich und stellte den Motor aus.
»Dave fand immer, dass ich nur Blödsinn produziere.«
Ich stützte die Arme auf der Mittelkonsole ab und lehnte mich näher an sie. »Hat er je etwas gelesen?«
Amy schüttelte den Kopf, dann nickte sie wieder. »Früher hat er mal etwas gelesen und fand es nicht gut. Das ist aber schon ein paar Jahre her, danach habe ich ihm nichts mehr gezeigt.«
»Tja, wenn ich nicht sowieso schon denken würde, er wäre ein Arsch, dann spätestens jetzt. Wie lange wart ihr zusammen?«, fragte ich mit gesenkter Stimme.
Amy holte tief Luft und legte den Kopf seitlich in meine Richtung an die Kopfstütze. »Knapp sechs Jahre. Wir sind mit fünfzehn zusammengekommen.«
»Das ist lang.«
Seufzend schloss sie die Augen. »Ja, das war es.«
»Du hast etwas Besseres verdient.«
»Danke für das Nachhause fahren. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.«
Ich bedachte sie mit einem gespielt bösen Blick.
»Ich weiß, dass du nichts dagegen hattest, mich zu fahren. Trotzdem danke. Das war sehr … sehr zuvorkommend von dir.«
»Gute Nacht, Amy.«
Als ich mich in meinen Sitz zurücklehnte, öffnete sie die Tür und stieg aus.
»Gute Nacht, Ethan.«
Ich verbrachte die halbe Nacht mit Weinen, die andere Hälfte mit Schlafen.
Trotzdem fühlte ich mich am nächsten Tag, als hätte mich ein Laster überfahren und dann ein Zug überrollt. Egal wie sehr ich mich bemühte, die Augenringe abzudecken, ich sah völlig fertig aus. Ich wollte mich irgendwie ablenken und die beste Methode dafür war in die Bibliothek der Universität zu verschwinden und zu lernen.
Die Bibliothek lag auf der gegenüberliegenden Seite des Campus.
Außer mir waren nur wenige weitere Studenten anwesend, wahrscheinlich weil viele besseres zu tun hatten, als an einem Samstag zu lernen.
Ich suchte mir eine ruhige Ecke und zog meinen Laptop und meine Unterlagen hervor.
Genau eine Stunde und siebzehn Minuten versuchte ich, mich auf die blöden BWL-Aufgaben zu fokussieren. Jedes Mal, wenn ich versuchte, mich zu konzentrieren, wanderten meine Gedanken zu gestern Abend. Zu Dave und diesem Mädchen. Zu dem Bild, das einfach nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden wollte.
In diesen Momenten zwang ich mich noch mehr, mich auf die Aufgaben zu konzentrieren.
Ich versuchte, den Schmerz des Verrates und der Lügen auszublenden. Versuchte sie in die hinterste Ecke meiner Gefühle zu schieben.
Aber ich kam nicht dagegen an.
Ich biss die Zähne zusammen und schloss für einen Moment die Augen.
Ich musste mich irgendwie ablenken. Daher schob ich den ganzen BWL-Quatsch einfach zur Seite und zog den Laptop näher an mich heran. Ich klickte auf das letzte Dokument, das ich benutzt hatte, und die ersten Seiten meines Romans »The Weight of Your Love« öffneten sich.
Sofort tippte ich darauf los. Die Geschichte von Heather und Evan hatte ich vor drei Monaten begonnen, und ich schrieb so oft daran weiter, wie es mir möglich war.
Dave wusste davon nichts. Er verstand nicht, wie gut mir das Schreiben tat, wie viel Spaß ich daran hatte und wie schön es war, mal in eine Welt abzutauchen, die nicht der Realität entsprach. Eine Welt, in der diese Art von Schmerz, wie ich ihn gerade durchlebte, nicht existierte. Eine Welt, in der der Junge dem Mädchen seine Jacke anbot.
In letzter Zeit hatte ich nicht wirklich viel geschrieben, ich war häufig mit Dave unterwegs gewesen, aber das würde sich ab jetzt ändern. Ich würde mir die Zeit dafür nehmen und meine Prioritäten anders setzen.
Nach etwa einer Stunde lehnte ich mich zufrieden zurück. Dieses Kapitel bereitete alles auf das erste Zusammentreffen der beiden Hauptfiguren vor und es gefiel mir sehr gut.
Ich streckte die Finger einige Male aus.
Als ich aufstand und meine Sachen in meine Tasche packte, zog ich mein Handy aus der Seitentasche und sah die beiden verpassten Anrufe von Wesley.
Auf dem Weg aus der Bibliothek wählte ich seine Nummer und es dauerte nur wenige Sekunden, bis er abhob.
»Hey Kleine, wo hast du gesteckt?«, erklang seine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung.
»Hi Wes, ich war in der Bibliothek. Was gibt’s?« Ich schob den Riemen meiner Tasche höher auf meine Schulter.
»Darf ein Bruder etwa seine kleine Schwester nicht einfach so anrufen?«
Seufzend verdrehte ich die Augen.
»Natürlich darfst du das, Wesley.« Ich wich einer Studentin aus, die es anscheinend sehr eilig hatte.
»Aber ich rufe tatsächlich aus einem bestimmten Grund an.«
»War ja klar.«
»Fährst du morgen zu Dad?«
Ich hörte das laute Geräusch von Maschinen im Hintergrund. Anscheinend arbeitete er.
»Warum fragt mich das jeder? Connor hat mir auch schon eine Nachricht geschickt. Natürlich bin ich morgen da, so wie jeden Sonntag.« Ich zog die Schlüsselkarte für das Wohnheim hervor. Aber ich steckte sie wieder ein, drehte mich dann doch noch um und beschloss, mir beim Coffee Shop noch einen Iced Karamell Macchiato zu gönnen. Der Campus war wie immer belebt.Einige Studierende saßen auf den Bänken oder liefen mit Kaffee und Büchern in der Hand über die Wiesen und Wege. Einige braune Blätter wehten über den Boden und der Geruch von Kaffee wurde immer intensiver, als wir uns dem kleinen Café näherten.
»Was weiß ich, was Connor macht. Auf jeden Fall: Könntest du mich vielleicht morgen mitnehmen? Mein Auto ist in der Werkstatt und erst nächste Woche fertig.«
Ich blieb in der Nähe des Cafés an einen Baum gelehnt stehen. »Wie ist denn das passiert?«
Wesley war der handwerklich begabte von uns. Während Connor sich relativ schnell für einen sicheren Job bei einer Versicherung entschieden hatte und Miles einen Studiengang in Chemie belegte, war Wes derjenige gewesen, der sich gerne die Hände dreckig machte.
»Mir ist jemand beim Parken reingefahren, hat mir den Kühler zerhauen. Jetzt dauert die Reparatur etwas.«
»Oje, ist bei dir alles okay?«
Wenn jemand wirklich den Kühler beschädigt hatte, musste er mit ordentlich Rums gegen seinen Wagen geprallt sein.
»Ja, Kleine. Ich saß nicht drinnen, sondern war einkaufen.«
»Also kannst du mich jetzt morgen mitnehmen?«
Die Fahrt zu ihm würde kein großer Umweg sein, da er in der Nähe wohnte. »Ich bin um neun bei dir.« Ich stieß mich von dem Baum ab und ging auf das Café zu.
»Kommst du alleine oder bringst du deinen komischen Freund mit?«
Meine Brüder hatten Dave noch nie gemocht.
Allerdings hatte Dave auch nie versucht, sich mit den dreien gutzustellen. Ich öffnete die Eingangstür zum Coffee-Shop. Die kleine Glocke an der Tür klingelte.
»Ich komme alleine.« Ich kniff die Augen kurz zusammen, um das Bild, welches sich mir gestern noch geboten hatte, wieder aus meinem Kopf zu bekommen.
Ich spielte kurz mit dem Gedanken, Wes von unserer Trennung zu erzählen, ließ es dann aber doch bleiben. Lieber würde ich es ihnen persönlich sagen, sodass ich sie zur Not davon abhalten könnte, einen Mord zu begehen.
»Okay, gut. Bis dann, Amy. Hab dich lieb.«
Ich musste lächeln. »Hab dich auch lieb, Wesley.«
Die Frau hinter der Theke lächelte mich bereits freundlich an und ich packte das Handy weg. Ich bestellte einen großen Iced Karamell Macchiato und machte mich auf den Weg zurück ins Wohnheim. Ich würde den restlichen Tag mit einer Folge nach der anderen von meiner Lieblingsserie ›Supernatural‹ verbringen und dann hoffentlich aufgrund eines Zuckerschocks einschlafen. Soweit ich wusste, hatte ich in meinem Zimmer noch Donuts.
Mit dem Schlüssel in der einen und dem Kaffee in der anderen Hand öffnete ich etwas umständlich die große Glastür, die zum Wohnheim führte. Bevor mir die Tasche von der Schulter rutschen konnte, griff jemand danach und zog sie zurück auf meine Schulter.
Als ich mich umdrehte, stockte ich.
»Was willst du hier?«, fragte ich monoton.
»Amy, bitte lass uns drüber sprechen. Ich liebe dich. Ich will das mit uns nicht verlieren.«
Ich schüttelte den Kopf. »Du hast das mit uns schon vor zwei Monaten verloren, erinnerst du dich? Da hast du angefangen, mit anderen Frauen dein Vergnügen zu haben«, spuckte ich aus und drückte die Tür mit dem Fuß weiter auf.
Dave fuhr sich verzweifelt durch die Haare, wodurch die hellen Strähnen in alle Richtungen abstanden. Dunkle Augenringe zeichneten sich in seinem Gesicht ab. Er sah völlig fertig aus.
Aber da, wo früher Sorge um ihn in mir aufgekommen war, spürte ich nur noch Wut. Er bedeutete mir nichts mehr und dass ich so schnell den Entschluss gefasst hatte, ließ in mir das Gefühl aufsteigen, dass Dave mir schon länger nicht mehr so viel bedeutet hatte.
»Vielleicht hast du die Vorstellung einer Freundin geliebt, aber nicht mich. Denn wenn du es wirklich tun würdest, hättest du mich nicht so behandelt und so hintergangen. Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich dich nicht mehr sehen will. Akzeptiere das bitte.« Ich versuchte, meine Stimme ruhig zu halten, sodass sie sich nicht überschlug.
Ich trat einen Schritt weiter in das Gebäude, mein Blick noch auf ihn gerichtet. Er öffnete den Mund, aber kein Wort verließ seine Lippen. Natürlich wusste er nicht, was er sagen sollte, denn es gab einfach nichts. Somit ließ ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen.
Einen letzten Moment sah ich ihn noch an. Den Mann, den ich sechs Jahre lang geliebt hatte.
Mit dem ich aufgewachsen war.
Dem ich vertraut hatte.
Der mir das Herz gebrochen hatte.
Dann ging ich.
Ich steuerte direkt auf die Aufzüge zu. Dave konnte mir nicht in das Innere folgen, dafür hatte er keinen Schlüssel.
Als sich die Aufzugtür öffnete, ging ich hinein, und bevor sich die Türen wieder schließen konnten, kam noch die Wohnheimleiterin Mrs. Cooper mit hinein. Mit einem Klemmbrett in der Hand und der Brille tief auf der Nase sah sie mich an.
»Amy Jackson, richtig?« fragte sie und ich nickte. »Sie bekommen am Montag eine neue Mitbewohnerin, sie musste das Zimmer wechseln. Es wäre schön, wenn Sie sie empfangen könnten.«
»Mach ich, Mrs. Cooper.« Ich verließ den Aufzug, als die Tür im zweiten Stock wieder aufging und ging in mein Zimmer.
Mit meinem Kaffee und den letzten zwei Donuts setzte ich mich auf mein Bett, stellte den Laptop vor mich und klickte die nächste Folge an.
Das Gedankenkarussell in meinem Kopf beruhigte sich etwas.
Seufzend lehnte ich mich in den Kissenberg.
Worauf ich mich jetzt nur noch konzentrieren wollte, war die Monsterjagd mit Sam und Dean.
»Meine Lieblingsschwester!«, stieß Wesley aus, als er aus seinem Wohnkomplex heraustrat und die Baseballcap tiefer ins Gesicht zog. Wesley war drei Jahre älter als ich und vor einer Weile in eine gemütliche Zweizimmerwohnung in der Nähe seines Arbeitsplatzes gezogen.
»Du hast nur eine Schwester, Wes.« Ich verdrehte lächelnd die Augen und stieß mich von meinem Wagen ab, ehe ich die Arme ausbreitete. Wes umfing mich mit seinen Armen und drückte mich an seine breite Brust.
»Ich weiß. Trotzdem …«, murmelte er mir ins Haar und strich mir einmal kurz über den Kopf, als wäre ich ein Welpe oder so.
»Wie geht es dir, Sis?«, fragte er, nachdem wir uns wieder gelöst hatten.
»So weit, so gut.« Ich stieg hinters Steuer und schloss die Tür. »Wie sieht’s bei dir aus?«
Wesley zuckte mit den Schultern. »Kann mich nicht beklagen, ich habe ein paar Überstunden gemacht, sodass ich Montag und Dienstag frei bekommen habe.«
Ich setzte den Blinker und fädelte mich wieder in den Verkehr ein. Von Wesleys Wohnung aus waren es nur noch knapp fünfzehn Minuten bis zu Dad.
»Weißt du, ob Miles den Aufnahmetest bestanden hat?«
Stimmt, Miles hatte letzten Sonntag erzählt, dass er sich für eine Stelle als Chemieassistent an seinem College beworben hatte. Allerdings hatte ich diese Woche kaum mit meinen Brüdern gesprochen.
»Äh … nein, nicht wirklich. Ich hatte wegen der Uni ziemlich viel um die Ohren.« Ich warf Wes einen kurzen Blick zu. Er hatte die Cap mittlerweile verkehrt herum auf den Kopf gesetzt.
»Ich hab’s auch irgendwie verpeilt, hoffentlich ist der nachher nicht wieder so angepisst.«
»Wes.« Ich warf ihm einen bösen Blick zu.
»Was denn?« Er zuckte wieder mit den Schultern.
»Miles hat bestimmt Verständnis dafür.« Ich nahm die nächste Abfahrt. Dann bogen wir an der nächsten Ampel ab und in den kleinen Ort etwas weiter außerhalb von Phoenix. Hier stand unser altes Haus, in dem wir aufgewachsen waren.
»Wie läuft es denn in der Uni?«, wollte mein Bruder wissen.
»Ganz gut. Ich konnte alle Abgabetermine einhalten und die Prüfungen habe ich auch bestanden, zwar nicht mit Bestnoten, aber immerhin bestanden.«
Wesley grinste.
Wir bogen auf einen breiten Schotterweg ab und kurz darauf erschien das Haus auch schon vor uns. Ich parkte auf dem großen Hof davor und stellte den Motor aus.
»Und wie läuft es mit Dave?«, fragte er beiläufig, als ich den Schlüssel ab- und die Handbremse anzog. Kurz hielt ich in meiner Bewegung inne und warf ihm einen Blick zu.
Vermutete er irgendwas?
Sonst fragen die Jungs nie nach ihm.
Wes stieg aus und ich ließ die Frage unbeantwortet, während ich auch meine Tür öffnete und aus dem Wagen stieg.
»Amy?« Wes sah mich ernst an, eine Augenbraue in die Höhe gezogen.
Seufzend wedelte ich mit der Hand Richtung Tür. »Lass uns reingehen.«
»Amy.« Sein Ausdruck wurde noch ernster.
»Lass uns später drüber reden, okay?« In der Hoffnung, dem Gespräch vorerst ausgewichen zu sein, ging ich zur Veranda.
Wesley trat auf mich zu und packte mich am Ellenbogen. Ich richtete den Blick nach unten, vermied es, ihm ins Gesicht zu sehen.
»Hat er dir etwas angetan, Amy-Baby?«, flüsterte er rau.
Ich bemerkte, wie sein Blick über jedes freie Stück Haut wanderte, anscheinend nach blauen Flecken oder Ähnlichem suchte.
Alarmierend riss ich den Kopf hoch. »Nein, nein, also er hat mir nicht … körperlich wehgetan.« Ich sah zu der grünen Eingangstür, von der die Farbe etwas abblätterte.
Wes zog die Augenbrauen zusammen und seufzte leise. »Na schön. Aber das Thema ist noch nicht durch.« Er ging an mir vorbei. Wir nahmen die wenigen Stufen zur Veranda und öffneten die Haustür.
Der Geruch von frisch gebratenem Bacon und Spiegeleiern erfüllte das Haus. Außerdem konnte ich definitiv Pancakes riechen.
Der Brunch bei Dad war einfach der Beste.
Er stand immer schon ganz früh auf und fing an, alles vorzubereiten. Sogar die Marmelade machte Dad mittlerweile selbst.
Seit er auf der Arbeit einen Unfall erlitten hatte und seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, verbrachte er viel Zeit zuhause. Wir hatten ein riesiges Grundstück und er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dieses zu hegen und zu pflegen. Außerdem gab er den Nachbarskindern Klavierunterricht, er verkaufte seine Marmelade und was er sonst noch so auf dem Hof anpflanzen konnte.
Wesley und ich hängten unsere Jacken an die Garderobe neben der Tür.
»Hallo, Dad.« Wes betrat die Küche und ich folgte.
Dad stand am Herd und legte gerade den letzten Bacon-Streifen auf ein Stück der Küchenrolle. Er hatte die Schürze an, die Miles ihm vor ein paar Jahren geschenkt hatte, auf welcher stand: Best Dad and Cook.
»Wesley!«, strahlend drehte er sich zu uns um und die beiden umarmten sich. Ich kam ein Stück näher und meine Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln, als sich die beiden lösten und Dad zu mir blickte.
»Meine kleine Amy, komm her und lass dich von deinem Paps drücken.«
Ich schloss die Arme um seine Taille, drückte mein Gesicht gegen seine Brust und inhalierte den Duft nach Zuhause und Wärme.
»Wie geht es dir, Daddy? Was macht die Hüfte?«, fragte ich leise und drückte ihn ein weiteres Mal, ehe er mich von sich weghielt und mir ins Gesicht blickte.
»Deinem alten Herrn geht es gut.« »Du musst dir keine Sorgen um mich machen.« Lächelnd strich er mir durch den Pony.
»Du wirst immer erwachsener.«
»Dad, wir haben uns erst vor einer Woche gesehen.« Dann drehte er sich wieder zu dem Speck um. »Sei so gut und nimm den mit zum Tisch, ja?«
Nickend griff ich nach einem Teller und legte den Speck von der Küchenrolle darauf.
Im Wohnzimmer saßen bereits Miles und Connor, auch Wesley hatte sich auf seinem Platz niedergelassen.
»Hallo, Jungs«, sagte ich und stellte den Teller ab.
»Amy-Baby.« Connor zog mich an der Hüfte zu sich. Ich beugte mich runter und drückte ihn kurz, bevor ich dasselbe bei Miles machte. Dann nahm ich auf der gegenüberliegenden Seite von ihnen und damit neben Wesley Platz.
»Wie lief es mit dem Job, Miles?«, fragte ich und stieß Wes leicht in die Seite, damit er seine Aufmerksamkeit von dem Etikett der Marmelade auf unseren Bruder richtete.
Miles’ Augen fingen an zu leuchten und seine Mundwinkel zuckten. »Perfekt, sie haben mich genommen. Ich bin jetzt Assistent und verdiene mir nicht nur ein paar Extracredits dazu, sondern bekomme auch noch ein gutes Gehalt.«
Sein Lächeln steckte mich an.
Miles war fünfzehn Monate älter als ich und von uns vieren eindeutig der Intelligenteste. Außerdem war er der Einzige, der die braunen Locken unseres Vaters geerbt hatte. Er brauchte dringend mal wieder einen Haarschnitt.
Eine Traube flog in meine Richtung und landete ein gutes Stück neben meinem Teller. Mit gerunzelter Stirn sah ich zu Connor hinüber.
»Warum siehst du so müde aus?«, fragte er und kniff die Augen zusammen.
Wesley lehnte sich neben mir tiefer in seinen Sitz hinein und verschränkte die Arme.
»Mir geht’s gut, hab nur viel mit dem Studium zu tun«, entgegnete ich und sah auf, als Dad an den Tisch trat und den Korb mit den Brötchen abstellte. Er setzte sich an das Kopfende des Tischs und damit an meine rechte Seite.
Wir fingen an zu essen und für einen Moment war jeder mit seinen eigenen Dingen beschäftigt. In mir wuchs die Hoffnung, dass meine Brüder mich nicht noch mal auf meinen müden Anblick ansprechen und dass Wesley mich nicht erneut an das Thema Dave erinnern würde.
»Welches Werk behandelt ihr denn gerade, Schätzchen?« Dad sah mich interessiert an und ich legte die Gabel beiseite.
»Wir haben in Literatur gerade ›Oliver Twist‹ durchgenommen, außerdem befassen wir uns viel mit rhetorischen Mitteln«, antwortete ich lächelnd.
Dad sah zufrieden aus. »Also bist du immer noch mit deiner Wahl glücklich?«
Sofort nickte ich. »Sogar sehr.«
»Und die Universität ist auch gut? Der Campus, die Dozenten und so weiter?«
»Ja, Dad, alles ist ganz toll.« Ich blickte wieder auf mein Stück Spiegelei und schob mir eine weitere Portion in den Mund.
»Und bei dir Connor? Hat die Verhandlung geklappt?«, richtete sich Dad jetzt an unseren ältesten Bruder. Connor war schlank und der größte von uns vieren. Allerdings hatten die Jungs alle bezüglich des Körperbaus die Gene von Dad geerbt, welche eine breite Brust versprachen.
»Ja, es hat zwar ziemliche Überzeugungskraft gebraucht, aber den neuen Partner haben wir jetzt bei der Versicherung auch unterm Hut«, antwortete Connor. Dad nickte zufrieden.
Dann redeten wir noch über die Reparatur von Wesleys Auto, meine neue Mitbewohnerin, die ich morgen kennenlernen würde, und Miles’ erste Tage als neuer Assistent.
Als sich das Frühstück langsam dem Ende neigte, streckte Wes den Arm auf meiner Stuhllehne aus und kniff mir in den Oberarm.
»Aua, was soll das, Wes?«, zischte ich und rieb mir über den Stoff am Arm.
»Du denkst doch nicht, dass ich das Thema einfach so unter den Tisch fallen lasse, oder?«
»Welches Thema?«, mischte sich Miles ein und strich sich durch die Locken, die sofort wieder in seine Stirn fielen.
»Das würde mich auch mal interessieren«, sprach Connor und beugte sich nach vorne, stützte die Arme an der Tischkante ab.
»Komm schon, raus mit der Sprache«, sagte Wes erneut und zog an einer meiner kastanienfarbenen Haarsträhnen. Ich sah nach oben zu meinem Pony und stieß die angehaltene Luft aus. Ein paar Strähnen flogen hoch.
Wenn ich die Bombe gleich einfach so platzen ließe, würde Tumult ausbrechen und ich hatte wenig Lust auf weiteres Drama.
Momentan war mein Bedarf schon gedeckt.
»Was ist los, Amy? Geht es dir gut? Ist mit dem Studium alles okay? Mit Dave?«, fragte Dad sanft und legte eine seiner großen, gebräunten Hände auf meine.
Ich musterte die graumelierten Haare und die Falten auf seinem Gesicht. Seine grünen Augen stachen hervor und er betrachtete mich liebevoll. Mir stiegen die Tränen in die Augen und ich verdammte mich in diesem Moment dafür, so sentimental zu sein.
Dads Gesichtsausdruck wurde härter und er drückte mir fester die Hand.
»Amy«, murmelte er, und eine Träne lief mir an der Wange herunter.
Ich sah ihn weiterhin an, als die nächsten Worte meinen Mund verließen.
»Er hat mich betrogen. Dave und ich … wir … also wir sind nicht mehr zusammen.«
Dad sah mich erstaunt an und Wesley schoss neben mir von seinem Stuhl hoch. Connor tat es ihm nach.
»Wie bitte?«, rief Wesley.
Miles sah mich mit einem mitleidigen Blick an, aber auch seine Stirn lag in Falten. Er erhob sich und umrundete den Tisch, kam auf meine Seite und legte die Hand auf meine Schulter.
»Der Typ ist tot. Ich murkse den ab, ich schwöre es«, stieß Wesley laut aus, und ich hörte das Knacken seiner Knöchel – ein ekelhaftes Geräusch.
»Geht’s dir gut?«, fragte Miles leise, und ich nickte sofort. Dann dachte ich kurz nach und schüttelte doch den Kopf.
»Ich weiß es ehrlich gesagt nicht«, nuschelte ich und spürte, wie Miles mich von meinem Platz hochzog und an sich drückte. Ich wusste, dass Dave mir noch etwas bedeutete. Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte und versuchte, das alles zu verdrängen und herunterzuschlucken.
Liebte ich ihn noch? Ich wusste es nicht.
Aber er hatte mich verletzt, zutiefst verletzt, und das schmerzte mehr als alles andere.
»Wie hast du es erfahren? Hast du ihn erwischt?«, murmelte Connor, und seine Stimme hatte etwas Bedrohliches.
Ich drehte den Kopf an Miles Brust und sah zu Connor, der hinter seinem Stuhl stand und die Rückenlehne umklammerte.
»Am Freitag auf einer Verbindungsparty habe ich ihn mit einer anderen gesehen.« Die Einzelheiten ersparte ich ihnen. Und ich ersparte mir, darüber zu sprechen.
Connor stieß sich von dem Stuhl ab und verschränkte die Hände im Nacken.
»Ich bin froh, dass er weg ist. Ich habe ihn eh nie gemocht«, sagte Miles leise und drückte mich wieder an sich. In diesem Moment dankte ich Gott, dass wenigstens einer meiner Brüder eher milder und rationaler war, zumindest im Vergleich zu den anderen.
»Wir mochten ihn alle nie, er war schon immer ein Arsch. Und bald ist er ein toter Arsch«, kam von Wesley. Ich löste mich von meinem jüngsten Bruder und sah zu Wesley hinüber.
»Ich möchte nicht, dass ihr etwas tut. Es ist vorbei. Ich habe ihm deutlich gemacht, dass er mich in Ruhe lassen soll, und ich wünsche mir, dass ihr ihn auch einfach in Ruhe lasst.«
Aufgebracht fuhr Wes sich durch die Haare und setzte die Cap dann wieder gerade auf. »Kleine, das kannst du nicht von mir verlangen.«
»Doch kann ich, bitte respektiert das. Ich möchte gar nicht mehr über ihn nachdenken oder sprechen. Ich will nur noch mit dieser Sache abschließen.« Ich wischte mir die Wangen trocken, nachdem keine Tränen mehr aus meinen Augen traten.
»Jungs, wie wäre es, wenn ihr den Tisch abräumt und ich gehe mit eurer Schwester in den Wintergarten«, sagte Dad, und ich drehte mich zu ihm um.
»Aber Dad!«, zischte Connor, doch der schüttelte den Kopf. »Tut, was ich euch gesagt habe.«
Dad legte mir eine Hand auf den Rücken und schob mich auf die Glastür zu, welche zu dem Wintergarten hinterm Haus führte.
Wir nahmen an einem großen Gartentisch Platz. Dad setzte sich mir gegenüber.
»Ich werde jetzt einfach so tun, als hätten wir ernsthaft über diese Sache gesprochen, damit deine Brüder das Thema fallen lassen, okay?«, schlug er vor, und ich nickte.
»Ich finde zwar auch, dass Dave ordentlich eine verpasst gehört, aber uns steht diese Entscheidung nicht zu. Wenn du also mit dem Thema abschließen möchtest, dann werden deine Brüder gar nichts machen«, fuhr er fort, und wieder nickte ich.
»Danke, Dad«, nuschelte ich.
Dad griff nach meiner Hand und zog sie zu sich. »Du bist die kleine Schwester, sie werden sich immer etwas chaotisch und beschützerisch aufführen. Du hast leider das Los des jüngsten Familienmitgliedes gezogen.« Tröstend strich er mir über den Handrücken.
»So schlimm ist es eigentlich gar nicht«, murmelte ich und versuchte mich an einem Lächeln.
»Trotzdem … wenn er dich belästigt oder nicht in Ruhe lässt, rufst du entweder mich oder einen deiner Brüder an, verstanden?«
»Jawohl, Dad«, erwiderte ich.
»Okay, gut.« Er sah mir fest in die Augen, seine Daumen glitten weiterhin über meine Hand. »Außerdem hat dich das Arschloch nicht verdient«, fluchte er leise, und ich riss die Augen auf.
Normalerweise benutzte Dad solche Worte nicht.
»Dad«, meinte ich überrascht.
Er grinste nur. »Was denn?«
Er warf einen Blick durch die Glasscheibe und sah danach zu mir. »Ich denke, sie sind jetzt fertig mit aufräumen, lass uns wieder rein«, sagte er und wir erhoben uns von unseren Plätzen.
»Ich hab dich lieb.«
Dad legte die Arme um meine Schulter und drückte mich fest.
»Und ich dich erst.«
»Hey Mann, komm rein.« Cole öffnete die Wohnungstür noch ein Stück und ich trat ein. Hazel war nicht zu sehen, aber ich würde darauf tippen, dass sie im Schlafzimmer war und die Sachen von ihrem Trip auspackte.
»Wie war es in Las Vegas?«, fragte ich und setzte mich auf die Couch, die seitlich vor der offenen Küche stand.
»Ganz gut. Hazels Mom ist richtig gut drauf gewesen und sie wirkte fast schon wie ein anderer Mensch.« Er zog zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und hielt sie hoch. Ich nickte und er öffnete sie, ehe er auf mich zukam und am anderen Ende der Couch Platz nahm.
»Und wie geht es ihr?« Ich nippte an der Flasche.
»Sehr gut, es ist eine große Entlastung für sie und jetzt kann sie sich endlich auf ihr eigenes Leben konzentrieren, auf die wichtigen Sachen.«
»Du meinst auf dich?«
Grinsend schüttelte er den Kopf und verdrehte die Augen.
»Wie hast du dich in der neuen Wohnung eingelebt?«, fragte er.
Ich war vor knapp zwei Wochen in das Apartment gegenüber der beiden eingezogen. Viel länger hatte ich es einfach nicht in dem Wohnheim ausgehalten und auf meinem Konto hatte sich ein gutes Polster gebildet, sodass ich es mir auch leisten konnte. Allerdings war meine Wohnung etwas größer als die der beiden, ich hatte ein Zimmer mehr, und Leith überlegte schon, ob er bald ebenfalls aus dem Wohnheim auszog und wir eine WG gründeten.
»Bestens. Ashley hat mir beim Umziehen und Dekorieren geholfen.« Meine ältere Schwester Ashley war seit letztem Jahr mit ihrem langjährigen Freund Malcolm verheiratet und war am Tag meines Auszuges mit ihm und einem riesigen SUV hergekommen, um meine Sachen zu transportieren.
Die Tür zum Schlafzimmer öffnete sich und Hazel trat in einem dicken Rollkragenpullover und schwarzen Leggings heraus, die kupferfarbenen Haare nach oben gesteckt.
»Hi, Ethan«, flötete sie und brachte zwei Tassen zur Spüle. Danach ließ sie sich auf den Sessel zu meiner Rechten fallen. »Wie war die Party am Freitag? Tut mir leid, dass wir sie verpasst haben.«
