ART BIOGRAPHY - Nina Schedlmayer - E-Book

ART BIOGRAPHY E-Book

Nina Schedlmayer

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Beschreibung

Das Leben von Margot Pilz begann mit einer Katastrophe: Im Zweiten Weltkrieg wurde sie mit sechs Jahren als in Indonesien lebende Niederländerin in das berüchtigte japanische Internierungslager Lampersari auf Java verschleppt, in dem Menschen gefoltert wurden und verhungerten. Nach diesen traumatischen Erlebnissen zog Pilz mit ihrer Familie zuerst in die Niederlande und als junge Frau dann nach Wien, wo sie Fotografie studierte und zu einer herausragenden Vertreterin feministischer Kunst wurde: Wie ihre Kolleginnen Renate Bertlmann und Valie Export kämpfte sie gegen ein überkommenes Frauenbild, das Frauen auf die Rollen als Haushälterin, Liebesdienerin und Babysitterin reduzieren wollte. Ihre Kunst, die Pilz auf immer neuen Gebieten vorantrieb, von der Fotografie über Performances, Skulpturen und Videokunst, erfährt heute die gebührende Wertschätzung in und außerhalb des Kunstbetriebs. Mit thematischen Schwerpunkten wie Umweltschutz und Digitalisierung erweisen sich eine ganze Reihe ihrer Kunstwerke jetzt als visionär. Auf Basis vieler Gespräche mit der Künstlerin stellt die preisgekrönte Kunstkritikerin Nina Schedlmayer dar, wie Leben und Kunst von Margot Pilz durch ihre Kindheit geprägt wurden, wie sie sich ihre Freiheit erkämpfte und welche Sprengkraft ihre Kunst birgt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Nina Schedlmayer

ART BIOGRAPHY

Margot Pilz.Leben. Kunst.

Copyright © Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. Nfg. & Co. KG, Graz – Wien 2021

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Covergestaltung und Satz: Annalena Weber, Buchdesign, Hamburg

Coverfoto: Margot Pilz: »The White Cell Project«

Druck: Finidr, s.r.o.

Gesamtherstellung: Leykam Buchverlag

www.leykamverlag.at

ISBN 978-3-7011-8175-9

eISBN 978-3-7011-8214-5

Die Drucklegung des vorliegenden Bandes wurde unterstützt durch:

Inhalt

Vorwort

Once Upon My Time. Eine Kindheit im Internierungslager

Kleine, graue, hässliche Häuser

Ein übersinnlicher Hund

Radio in Stücken

Frei, aber unsicher: ein Mädchen im Indonesischen Unabhängigkeitskrieg

Leichenteile im Fluss

Göttlicher Toast

Zwischen Avantgarde und Antisemitismus: Kulturschock Österreich

Gestochen scharf

»Stinkada Häuslbesen«

Der ganz normale Antisemitismus

Lebkuchen, Polyamorie und ganz viel Party: Margots unkonventionelle Ehe

Akademisch geprüfte Lebkuchen

Die offene Ehe

In der Adebar

Erste Schritte in die ökonomische Unabhängigkeit: das Werbestudio Pilz und Weiss

Akquise im Bordell

Der Hausmeister und sein Schatten: erfolgreiche Verdrängungsmechanismen

Die Kunstakademie, ein Chauvi-Betrieb

Verschärfte Bedingungen

Die Wut entlädt sich

Selbstauslöser – Selbstauslösung: Wie Margot zur Künstlerin wird

Aufbruch, Renitenz und Offenheit

Jell und Klapf, die Hubertusmäntel

Festnahme als Initialzündung

Kunst und Mutterschaft

Opfergaben für die Hausfrau

Herzinfarkt am Grand Canyon

Kaorle am Karlsplatz: eine starke Ansage

Kollektive Erfahrungen

Eine Riesenbühne als Wanderdüne

Recht auf Stadt

Gigantischer Widerstand

»Wien, du tote Stadt«

Zwischen den Wänden: die Weiße Zelle

Erweiterte Dimensionen

Ikone für das feministische Selbstverständnis

Digitalkunst meets Feminismus: Pump it up!

Die Entdeckung der digitalen Welt

Nullen und Einsen

Aufgeblasene Männer

Anti Aging: Margots späte Karriere

Beklemmung und Befreiung

Geschenk des Himmels

Endnoten

Danksagung

Abbildungsnachweis

Vorwort

In der Nacht hatte es gefroren. Die Eisfläche krachte, manchmal klang sie wie eine singende Säge. Aus dem Fenster unseres gemieteten Apartements blickte ich auf den Weißensee, wo einige Menschen auf Schlittschuhen ihre Runden zogen. Gerade hatte ich im Spiegel einen Artikel gelesen. Auf einer Doppelseite schrieben »prominente Europäer« anlässlich des Brexits »Briefe an Großbritannien«, wie es im Vorspann hieß. Offenbar hatte die Redaktion außer der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen keine weitere Europäerin gefunden, die prominent genug war: Von den zwölf Persönlichkeiten, die sich über den britischen EU-Austritt äußerten, war sie die einzige Frau.

Das Telefon läutete. Margot Pilz. Wir kannten uns damals, im Februar 2020, eher flüchtig. Sie fackelte nicht lang herum. »Willst du meine Biografie schreiben?« Meine begeisterte Reaktion schien sie zu freuen, schon im nächsten Moment warnte sie mich aber: »Überleg es dir gut. Es ist viel Arbeit!« Noch während des Gesprächs begann ich im Hinterkopf zu sondieren, welche Zeitfenster ich freischaufeln könnte, wie ich meiner Familie erklären sollte, dass ich in diesem Jahr an den Wochenenden häufig arbeiten würde, wie viele nächtliche Schreibstunden ich in den ohnehin schon recht getakteten Alltag einschieben könnte.

Margot ist in der feministischen Kunst ganz vorne dabei. Ihr gesellschaftskritisches Engagement zieht sich ebenso durch ihr Leben wie ihre stete Suche nach Gemeinschaft, Solidarität, Zusammenhalt. Wie sie es schon in frühester Kindheit erlebte, als sie mit ihrer Mutter in berüchtigten japanischen Internierungslagern auf Java eingesperrt war.

Zu Beginn unserer Arbeit besuchte ich sie in ihrer Wohnung in Wien-Hernals. Dann kam Corona, und wir besprachen ihr Leben auf ihrer Terrasse, später im Garten ihres Sommerhauses am Donau-Oder-Kanal bei Groß-Enzersdorf, wo sie immer die heiße Jahreszeit verbringt. Im Herbst und Winter trafen wir uns im Park oder zum Spazierengehen. Unter den Bäumen im Kongresspark erzählte sie mir von ihren Liebhabern, am Schafberg von ihren Erziehungsmethoden. Manchmal telefonierten wir stundenlang, manchmal schickten wir nächtliche SMS hin und her.

In Margots bewegtem Leben zwischen Java, Australien, Neuseeland, Holland und Österreich bildet sich Zeit- und Kunstgeschichte ab. Nicht nur das faszinierte mich, sondern auch Margots immense Begeisterungsfähigkeit und Neugier. Die Treffen mit ihr waren immer interessant, oft lustig, häufig gingen sie an die Nieren. Nie war es langweilig. Die Gespräche, die wir von Februar bis Dezember 2020 führten, ergänzte ich durch Interviews mit anderen Menschen sowie weitere Recherchen. Sie führten mich in unvermutete Gefilde: Sogar der Lebenszyklus eines Huhns kam plötzlich ins Spiel. Und indirekt spielt auch der Weißensee eine Rolle in Margots Biografie.

Margot hatte Recht: Es war viel Arbeit. Doch sie bereitete mir eine unglaubliche Freude. Nicht nur, weil sie so viele neue Erkenntnisse bot und die Lockdowns erträglicher machte. Sondern auch weil eine Welt, in der das führende Nachrichtenmagazin einer Demokratie mit 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern nur eine einzige prominente Europäerin aufzubieten hat, mehr Biografien von Frauen braucht. Wir müssen sie immer und immer wieder erzählen. Das ist meine tiefste Überzeugung.

Once Upon My Time. Eine Kindheit im Internierungslager

In ihren ärmlichen Behausungen tischen die Frauen ein üppiges Abendmahl auf. Hühner, die sie mit Köstlichkeiten gefüllt, Beefsteaks, die sie deftig angebraten, Rindsbraten, den sie mit Senf eingerieben haben. Zum Dessert servieren sie Torten und Schokolade mit Apfelmus. In Fetzen gehüllt, saugen sie herrliche Essensdüfte ein. Die kulinarischen Freuden sind grenzenlos in diesen Nächten, die sie auf engstem Raum miteinander verbringen. Mehr Platz als die Liegefläche ihrer Pritsche haben sie nicht.

Es muss im Jahr 1944 oder 1945 sein, als das Mädchen Margot im Internierungslager Lampersari den Erzählungen ihrer Mitinsassinnen lauscht. Sie bekämpfen den quälenden Hunger und die Schlaflosigkeit mit beinahe manischen Erzählungen darüber, wie sie einst ihr Essen zubereiteten. Sie tauschen Rezepte aus und empfehlen einander Zubereitungsarten – ohne zu wissen, ob sie je wieder Gerichte kochen können, die schmackhafter sind als der Papp, von dem sie jeden Tag viel zu wenig zu essen bekommen, als die Frösche und Schnecken, die sie ab und zu fangen und mit denen sie sich und ihre Kinder versorgen. Es ist eine Erinnerung an Zeiten, in denen sie noch in großzügigen Villen wohnten, ein Heer an Angestellten dirigierten, köstliche Früchte und Speisen auf hübsch gedeckten Tischen verzehrten und in weitläufigen Gärten mit ihren Kindern spielten.

Margot ist im Volksschulalter. Sie kann noch nicht lesen und schreiben, und sie wird es auch nicht so bald lernen. Denn in Lampersari ist jede Art von Bildung streng verboten, wie so vieles. In diesen Wochen und Monaten, einer Zeitspanne, die im Leben eines Kindes weitaus länger erscheint als in dem einer Erwachsenen, ist sie schwach vor Hunger. Einmal pro Woche bekommt sie einen Teelöffel Zucker, ein echtes Festmahl, für das sich die Kleine Zeit lässt: Ganz langsam schleckt sie den Löffel ab, immer und immer wieder. Ihre Mutter gibt ihr dazu auch noch ihre eigene Ration, ein großes Geschenk.

Lampersari ist das dritte Lager, in dem Margot und Ottilie ter Heege sitzen – und es ist das schlimmste.

Sie zählen zu jenen Niederländerinnen und Niederländern, die während des Zweiten Weltkriegs in indonesischen Lagern von der japanischen Besatzungsmacht inhaftiert wurden. Die neuen Kolonialherrscher wollten die alten vertreiben, ja ausradieren. Indonesien, damals Niederländisch-Indien, war bis 1942 niederländische Kolonie gewesen. Doch während des Pazifikkriegs trachtete das japanische Kaiserreich danach, die europäischen Kolonien zu erobern. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 erklärten die USA gemeinsam mit den alliierten Mächten – Großbritannien, Australien und den Niederlanden – Japan den Krieg. Anfang 1942 schlug die japanische Marine ihre Kriegsgegner allerdings zurück. Am 8. März 1942 kapitulierte der niederländische Gouverneur in Niederländisch-Indien, das japanische Kaiserreich übernahm die Macht.1 Plötzlich waren die Japaner die neuen Herrscher, die einstigen Kolonialherren dagegen inhaftiert und versklavt, die »einstige koloniale Pyramide umarrangiert«.2 Alles, was niederländisch war, sollte unterdrückt und vernichtet werden.3 Insgesamt wurden rund 170000 Menschen, darunter 60000 Frauen und Kinder in Lagern, vor allem auf der Insel Java, interniert.4 Viele von ihnen gingen an den Arbeitsbedingungen oder Folterungen zugrunde, starben an Krankheiten infolge katastrophaler hygienischer Zustände. Andere wurden ermordet, erschossen, erschlagen. 1945 sollte Indonesien durch die Alliierten von der japanischen Herrschaft befreit, erst 1949 unabhängig werden. Aufgrund des Kriegs herrschte 1944 und 1945 eine Nahrungsmittelknappheit, die auch die autochthone Bevölkerung hart traf. In den Lagern allerdings schlug sie sich umso schlimmer nieder. Zahllose Menschen verhungerten.

Wenn Margot heute über ihre Zeit in Lampersari spricht, verwendet sie den Begriff »KZ«, ebenso wie die Zeitzeugin Franziska Koblitz, deren Memoiren erstmals im Jahr 2000 und 2016 in einer Zweitauflage erschienen5, und auch in den meisten Publikationen über Margot ist die Bezeichnung gängig. In der historischen Forschungsliteratur ist sie allerdings in Zusammenhang mit den Internierungslagern in Indonesien nicht gebräuchlich. Im Vorwort zu Koblitz’ Erinnerungen zieht die Journalistin Judith Brandner dennoch Parallelen: »Die Schilderung der Zustände freilich erinnert sehr an das, was wir von dort [den KZs] kennen: systematisches Aushungern, krank machende hygienische Verhältnisse, stundenlanges Appellstehen, Nummern, die ständig sichtbar getragen werden mussten, kein Unterricht für die Kinder, keine religiösen Zusammenkünfte, kein Kochen in den Unterkünften, kein Musikhören, sich tagsüber nicht Hinlegen und zahlreiche weitere, schikanöse Verordnungen und Verbote, die nur den Zweck hatten, die Menschen zu brechen, dazu physische Misshandlungen – insgesamt ein System, das zur Vernichtung, zum Tod führen sollte.«6

All das hat Margot erlebt.

KLEINE, GRAUE, HÄSSLICHE HÄUSER

Lampersari ist ein Viertel in Semarang, einer Stadt an der Nordküste Javas. Rund 8000 Menschen wurden hier eingesperrt, gefoltert, ermordet – Frauen und Mädchen sowie Jungen bis zum Alter von elf Jahren. Die älteren Buben kamen in Männerlager; beim Überschreiten der Altersgrenze wurden sie ihren Müttern entrissen, oft sahen sie diese nie wieder. Im Wesentlichen bestand das Lager aus zwei großen Straßen: Lamper Sari und Sompok; daran schloss ein Teil an, in dem Bambushütten für die indonesische Bevölkerung errichtet worden waren. Daraus hatten sich die Bewohnerinnen und Bewohner jedoch wegen der ständigen Überflutungen zurückgezogen. Auf einem Hügel waren in einer einstigen Schule die Lagerleitung sowie die Küche untergebracht. Ein ungefähr drei Meter hoher Bambuszaun sowie, im Abstand von zwei Metern, ein ebenso hoher Stacheldrahtzaun begrenzten das Lager. Dazwischen patrouillierten Wachen. So beschrieb Koblitz diesen Ort. »Wir sahen die kleinen, grauen, hässlichen Häuser an und die Menschen, die davorstanden und uns ansahen«, notierte sie.7

Heute zeigt Google Street View die Straße Lamper Sari von Bäumen gesäumt. Ebenerdige oder einstöckige Häuser, umgeben von Zäunen oder Vorgärten, zeugen von einem bescheidenen Wohlstand. Modernistische Villen wechseln sich ab mit Neobarock imitierenden Wohnsitzen, vor denen Autos parken. Der einstige Ort des Grauens ist heute eine propere Wohngegend mit üppiger Vegetation. Keine Spur mehr von »kleinen, grauen, hässlichen Häusern« wie jenen, in die damals meist mindestens sieben Frauen mitsamt Kindern eingepfercht waren, dicht an dicht gedrängt.

In ihrer hellen Neubauwohnung in Wien-Hernals, die voll ist mit Büchern, Kunst und schönen Möbeln, erzählt Margot über ihre Zeit in Lampersari, ihre Flucht, über ihre traumatischen Erlebnisse dort. Sie tut dies mit einer gewissen Abgeklärtheit. Ihre Stimme bleibt fest, ab und zu lacht sie sogar. Erst nach einer Stunde schüttelt es sie, bekommt sie Schluckauf, fühlt sich körperlich eingeengt. Dann braucht sie eine Pause. Es geht weiter, und es scheint erstaunlich, wie viele Erinnerungen sie bis heute hat. So skizziert sie sogar die Wohnstatt, in der sie damals mit ihrer Mutter untergebracht war – immerhin keine Bambushütte, sondern ein winziges Haus aus Ziegeln. Zwei Rechtecke bilden den Grundriss in Margots Zeichnung. Sie füllt sich mit Pritschen, die Margot mit routiniertem Schwung zu Papier bringt. Mit einem Pfeil markiert sie einen engen Durchgang, wo man sich zwischen den Bettstätten bewegen konnte, der mit der Zeit allerdings verstellt wurde. Wegen der Enge zogen die Frauen die Ziegel unter einem Fenster heraus, sodass eine zweite Tür entstand. Nun mussten sie nicht mehr über die anderen klettern, wenn sie das Zimmer verließen. Die Überschwemmungen, vor denen die Bevölkerung zuvor geflohen war, erlebten die Häftlinge nun ständig. Manchmal stand Margot bis übers Knie im schmutzigen Wasser, in dem Keime und Bakterien gefährliche Krankheiten bringen konnten.

Ottilie und ihr Mann Friedrich ter Heege waren bereits 1938 mit ihrer Tochter Margot, die 1936 in Haarlem geboren wurde, aus den Niederlanden nach Java emigriert. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen fühlte sich die Familie schon damals durch den Nationalsozialismus bedroht: Der Großvater von Ottilie, einer gebürtigen Österreicherin, war jüdisch. Zum anderen wollte sich Friedrich ter Heege, ein HNO-Arzt, auf Java eine Praxis aufbauen. Als Angehörigen einer Kolonialmacht war das für ihn und seine Familie relativ unkompliziert möglich. Zwar gehörten die ter Heeges nicht zur sehr reichen Schicht wie die Vorfahren von Franziska Koblitz, die einen aristokratischen Hintergrund hatte und deren Ehemann eine Zuckerrohrfabrik sowie Plantagen leitete.8 Dennoch gelang es Friedrichter Heege auf Java, für sich, seine Frau und seine Tochter einen überaus komfortablen Wohlstand zu schaffen. Margot wohnte mit ihren Eltern in Nieuw Tjandi, einer niederländischen Siedlung im Süden Semarangs. Man lebte auf hohem Niveau. Sieben indonesischstämmige »Bediente«, wie Margot es ausdrückt, sorgten für ihr Wohl. Es war normal, dass ein djongos den Tisch deckte und das Essen servierte, Margot war es gewohnt, dass eine babu sich tagaus, tagein um sie kümmerte und für die Familie kochte. Weitere Angestellte halfen in Küche und Garten, wuschen die Wäsche. Sie sprachen Ottilie mit nonja besar (»große Frau«) an, ihre Tochter mit nonja kejil (»kleine Frau«). Fotos zeigen einen großen Garten mit riesigen Bäumen, ein wahres Paradies, voll mit Tieren. Und Margot, ein Kind mit wachen Augen, zwischen den »Bedienten«.

Aus Margots Fotobiografie: als Kind mit den Hausangestellten auf Java

1942 endete diese bequeme koloniale Existenz. Bereits im Frühling, kurz nach der Kapitulation der Alliierten in Indonesien, holte die Kaiserlich Japanische Armee zuerst den Vater ab und verschleppte ihn in ein Arbeitslager nach Sumatra. Seine Frau und seine Tochter sollten über Jahre nichts von ihm hören. Für ein paar Monate lebten sie noch in ihrem Heim. Später flüchteten sie zu Freundinnen, weiter in die Berge und zogen daraufhin von Haus zu Haus. Sie lebten zusammen mit anderen niederländischen Frauen und Kindern, manchmal waren auch indonesische Hausangestellte dabei, die Konstellationen wechselten ständig. In den Bergdörfern fühlten sie sich sicher vor der Kempeitai, der japanischen Militärpolizei. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als jemand Medikamente benötigte.

EIN ÜBERSINNLICHER HUND

Margot hat diese Zeit nicht als besonders entbehrungsreich in Erinnerung. Nur die Séancen, die ihre Mutter mit ihren Freundinnen häufig abhielt, irritierten sie – zum Beispiel, wenn ein verstorbener weißer Hund als Gespenst erscheinen sollte. Häufig wurden die Geister auch danach befragt, wo sich die Ehemänner aufhielten, ob sie noch am Leben wären. Noch heute wundert sich Margot darüber, dass erwachsene Frauen einem derart absurden übersinnlichen Glauben anhingen. In welcher Gefahr sie damals tatsächlich schon waren, ahnte das kleine Mädchen nur ansatzweise. Die Gemeinschaft schützte die Frauen und Kinder.

Und doch wurde Ottilie verhaftet.

Eines Tages benötigt jemand Medikamente. Ottilie geht in den nächsten Ort. Niederländische Staatsangehörige sind damals kaum noch auf der Straße unterwegs und fallen auf. Die indonesischstämmigen Menschen, die lange unter der Kolonialherrschaft litten, sind längst nicht mehr auf deren Seite; viele versprechen sich von den neuen Machthabern Freiheit und Unabhängigkeit; doch der Kampf dafür sollte noch lange dauern.

Als Margots Mutter auf der Straße gesehen wird, holt jemand die Kempeitai. Die Polizisten verhaften sie und nehmen ihr den Pass ab. Darin ist vermerkt, dass sie zwar niederländische Staatsbürgerin, allerdings gebürtige Österreicherin – also zu diesem Zeitpunkt Deutsche – ist. Das könnte ihr Glück sein. Denn die Japaner meinen, eine Verbündete vor sich zu haben: Mit Hitlerdeutschland und Italien hat das japanische Kaiserreich 1940 den »Dreimächtepakt« abgeschlossen. Ottilie soll eine Chance bekommen und beweisen, auf welcher Seite sie steht. So fordern die Japaner sie auf, eine Hakenkreuzbinde anzulegen. Sie drohen ihr: Wenn sie sich nicht zu Hitlerdeutschland bekenne, werde sie ihre Tochter nie wiedersehen. Doch Ottilie weigert sich. Sie bringen sie in ein Lager, lassen sie drei Nächte in einem Loch mit Kakerlaken und Ratten darben. Ottilie weigert sich weiterhin, das Hakenkreuz anzulegen. Sie hat jüdische Wurzeln.

Margot, die noch immer alleine in ihrem Quartier sitzt, ist damals gerade sieben Jahre alt. Sie wartet und wartet, bekommt Angst. Am dritten Tag nach Ottis Verschwinden packt deren Freundin Trudi die Kleine auf einen Ochsenkarren, um mit ihr die Mutter zu suchen. Sie klappern ein Lager nach dem anderen ab. Offenbar weiß Trudi schon, wo sie suchen muss. Im dritten ruft ein Soldat den Namen der Mutter: Ist Frau Dr. ter Heege da? Plötzlich steht sie vor ihrer Tochter. Sie fallen einander in die Arme. Die Drohungen der Kempeitai haben sich nicht erfüllt, immerhin.

Was wäre geschehen, hätte Otti das Hakenkreuz doch getragen? Bis heute bleibt ein Stich, wenn Margot darüber spricht. 76 Jahre später treibt es sie noch immer um, dass ihre Mutter riskiert hat, ihre Tochter nie mehr zu sehen. Hätte Ottilie, die aufgrund ihrer Herkunft in Hitlerdeutschland verfolgt worden wäre, das Hakenkreuz tragen sollen? Was wusste sie damals über das Geschehen in Europa, über die KZs, in denen die Nazis jüdische Menschen ermordeten? Lässt sich die Weigerung, dem Nationalsozialismus auch nur symbolisch zuzustimmen, als Prinzipientreue und Größe deuten? Oder als Vernachlässigung eines Kindes, das auf die Mutter angewiesen ist? Noch heute fragt sich Margot: »Was ist wichtiger, meine politische Einstellung oder mein Kind? Ich finde es sehr schwierig.« Sie hat keine letztgültige Antwort. Vielleicht rechnete Ottilie ohnehin damit, dass Margotje, wie sie liebkosend genannt wurde, auftauchen würde – so, wie es letztlich passierte. Auf die Frage, wie sie die Gräuel damals durchgestanden habe, lautet Margots Antwort stets: »Weil ich bei meiner Mutti war.«

In den Lagern wachsen die beiden richtig zusammen. Sie stützen sich. Meist kümmert sich Ottilie um Margot, manchmal ist es umgekehrt. Eines Tages kommen sie in ein Übergangslager, in dem Wanzen von der Decke fallen. Sie haben einen nächtelangen Marsch hinter sich, bei dem die Aufseher ihre Opfer regelrecht vorwärtspeitschten. Margot kann kaum mehr gehen, ihre Mutter schleppt sie irgendwie mit. Trotz Ottis Entscheidung in den ersten Lagertagen ist Margot ihrer Mutter bis heute unendlich dankbar. Die Leistung einer jungen Frau, ihr Kind durch diese traumatischen, lebensbedrohlichen Bedingungen zu begleiten, ist kaum vorstellbar für Menschen, die nie Vergleichbares erlebt haben.

In Lampersari sind Seuchen und Krankheiten Alltag: Typhus, Cholera und Beriberi gehen um, fast alle im Lager leiden irgendwann darunter, viele sterben daran. Die Insassinnen haben Durchfall, übergeben sich, auch Otti. Ihre Leintücher müssen von Exkrementen befreit werden. Margot ist acht Jahre alt. Eine erwachsene Gefangene zeigt ihr, wie sie die Leintücher waschen kann, ihre Kinderhände wühlen sich durch die Textilien, versuchen diese so gut wie möglich zu säubern. Sie weiß, dass sie ihrer Mutter helfen muss.

In Margots Erzählungen erscheint Ottilie als starke, mutige, unbeugsame Frau. Sie ist dafür verantwortlich, dass die Frauen im »Wijk«, einem abgegrenzten Bereich des Lagers, zum Appell antreten. Nicht immer klappt das. Dann schlägt der Aufseher Otti mit dem Gewehrkolben. Einmal tritt Margot vor und sagt zu ihm: »Du darfst meine Mama nicht so schlagen, das tut ihr weh!« Das erzählt ihr Otti später. Ein anderes Mal, als beim Morgenappell nicht alles den schikanösen Regeln gemäß abläuft, legt ein Wärter sein Gewehr direkt auf die Mutter an. Es scheint so, als würde sie die nächste Sekunde nicht überleben. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, wo Margot sie ängstlich sieht. Schließlich schießt er vor ihre Füße.

Ein Aufseher ist besonders berüchtigt: »Jan de Mepper«, »Jan der Schläger«, ein häufig betrunkener japanischer Soldat, der mit dem Motorrad angebraust kommt, um wahllos auf die Gefangenen einzuprügeln. Sie bekommen schon Angst, wenn sie den Lärm des Motorrads hören.9

Das Schreckensregime lässt sich grauenhafte Foltermethoden einfallen. Frauen müssen auf einem Hügel – dem sogenannten »Galgenberg« – knien, sichtbar für alle. Man steckt ihnen Bambusrohre in die Kniekehlen und wartet, bis deren Härchen hineinwachsen. Am Abend sind die Frauen dadurch gelähmt. Zusätzlich erblinden sie oft, weil sie den ganzen Tag in die Sonne schauen müssen. Margot erinnert sich an Lastwägen mit Frauen, die darauf liegen, mit verdrehten Gliedern, zu Krüppeln gefoltert, manche wahrscheinlich erschossen.10

Eine Strafe riskiert man schnell: etwa wenn man am Feld, bei der Arbeit, eine Schlange fängt und isst. Oder wenn man sich nicht tief genug verbeugt. Denn immer, wenn ein Japaner vorbeikommt, müssen die Frauen und Kinder eine Verneigung bis zum Boden machen, immer in Richtung des Tenno – und dabei folgenden Spruch sagen: »Ich grüße den Kaiser, wünsche ihm Gesundheit und Wohlstand.« Auch die indonesische Zivilbevölkerung außerhalb der Lager muss sich verneigen. Für Menschen muslimischen Glaubens ist dies eine besondere Erniedrigung, schließlich sollen sie sich ihrer Religion zufolge Richtung Mekka verneigen: »Das gehörte zur japanischen Unterwerfungsstrategie«, schreibt Judith Brandner.11

Auch eine andere Kriegstaktik wandten die japanischen Aggressoren an: sexuelle Ausbeutung. Sie nötigten Mädchen und Frauen zur Prostitution und vergewaltigten sie. Der euphemistische Begriff für ihre Opfer lautete »Trostfrauen«. Schätzungen darüber, wie viele es waren, gehen in die Hunderttausende. Die meisten Opfer im Pazifikkrieg waren Koreanerinnen, doch auch Niederländerinnen erlebten sexualisierte Gewalt.12 Lampersari spielte dabei offenbar eine besondere Rolle. Laut Mieke Eerkens, der Tochter eines Überlebenden aus Lampersari, war dieses Lager der erste Ort, an dem das japanische Militär nach Opfern suchte.13 Der Autor George Hicks beschreibt in seinem 1995 erschienenen Buch The Comfort Women: Japan’s Brutal Regime of Enforced Prostitution in the Second World War die Prozesse über Zwangsprostitution niederländischer Frauen 1948 beim Militärtribunal in Batavia. Damals stellte sich heraus, dass das Verbrechen im Fall der Opfer von Lampersari und anderen Lagern auf Java von einer Kadettenschule in Semarang seinen Ausgang nahm. Ein Oberst namens Okubo ordnete an, vier »Troststationen«, also Zwangsbordelle, in Semarang einzurichten. Ein junger Captain war dafür zuständig und beauftragte die späteren Bordellleiter sowie die Militärpolizei, Frauen in vier Lagern in Semarang zu rekrutieren. Mit unterschiedlichem Erfolg: Bisweilen setzten die Anwerber zunächst darauf, dass sich Frauen freiwillig meldeten, doch meist zwang man sie. Wer einmal in einem der vier Bordelle gelandet war, wurde vergewaltigt sowie auf andere Weise gefoltert. Nicht selten verübten Frauen Selbstmord.14

Doch nicht immer waren die Versuche der Japaner, Frauen zu demütigen, erfolgreich. Besonders in Lampersari stießen sie des Öfteren auf Gegenwehr. Mieke Eerkens schildert, wie einmal ein Armeeangehöriger auf der Suche nach Frauen nach Lampersari kam und diese den Zugang blockierten, um Mütter und Teenager zu schützen. Daraufhin sollen die Soldaten von dem Lager abgelassen haben. Zumindest ein kleiner Erfolg für die Eingesperrten. »In Java sind Lampersari und drei andere Lager die einzigen, wo die Gefangenen zurückschlagen«, schreibt Eerkens.15 Laut George Hicks war in Lampersari der Widerstand so konzertiert, dass sich die Japaner schließlich zurückzogen und in kleineren Lagern weitersuchten, wo die Gefangenen leichter zu überwältigen waren.16

Einmal muss Otti alle Frauen aus ihrem »Wijk«, die jünger als 30 Jahre alt sind und höchstens ein Kind haben, versammeln. Als sie diese Vorgaben hört, weiß sie, worum es geht. Tatsächlich wartet ein japanischer Funktionär auf die Frauen. Ottilie sagt ihren Mitgefangenen, dass sie sich im Kreis aufstellen und einander fest unterhaken sollen. So steht der japanische Verschlepper plötzlich in der Mitte eines Kreises und kann nicht aus. So zumindest erzählt es Otti ihrer Tochter später. Ein Kreis aus Frauen, die Widerstand gegen männliche Aggression leisten: Was für ein großes Bild! Wenn Margot später in der Frauenbewegung aktiv wird und feministische Kunstwerke schafft, wenn sie immer wieder die Allianz mit anderen Künstlerinnen sucht und gegen männliche Übermacht protestiert, dann kann man darin einen Nachhall dieser machtvollen Demonstration von Frauensolidarität sehen.17

Margot verbringt diese wichtigen und prägenden Jahre ihres Lebens fast ausschließlich unter der Obhut von Frauen. Männer sind abwesend oder treten als Aggressoren auf. Je schlimmer die Situation in Lampersari ist, desto enger rückt das Mutter- Tochter-Gespann zusammen.

Zuvor unterstützte Ottilie ihre Tochter weniger. Denn Friedrich ter Heege verhielt sich seiner Tochter gegenüber gewalttätig. Er beschimpfte das Kind oft als hässlich und schlug es fast jeden Tag wegen Nichtigkeiten. Kaum hatte sie eine Kleinigkeit angestellt – zum Beispiel Erde gegessen –, schlug er auf Margot ein. Ihre Mutter half ihr damals nicht. Da war sie nicht so mutig wie später im Lager. So schlimm es einerseits erschien, dass der Vater plötzlich weg war, so furchtbar die Zeit in Lampersari war, so fühlte sich Margot andererseits befreit von der väterlichen Gewalt, die damals leider beileibe keine große Ausnahme darstellte, wie sie heute erzählt.

Im Lager zeigt sich, dass weibliche Solidarität vor männlicher Bedrohung schützen, dass eine Gemeinschaft sich wehren kann. Margot erlebt auch, wie Frauen ausgeklügelte Strategien finden, um ihre Peiniger und Wächter auszutricksen. Zum Beispiel die Sache mit dem Radio, die fast wie aus einem Roman klingt.

RADIO IN STÜCKEN

Wie so vieles ist es in Lampersari auch strikt verboten, Radio zu hören. Dennoch bringen es die Frauen irgendwie zuwege, ein Radiogerät zu organisieren. Um es vor den Aufsehern zu verstecken, bauen sie es auseinander. Sie teilen sich die Einzelteile auf, jede versteckt ein Stück. In der Nacht setzen sie es wieder zusammen und lauschen gemeinsam. Ein Teil ist besonders groß. Dafür haben sie einen besonderen Ort gefunden: Er steckt im Kinderwagen einer Niederländerin, die mit einem japanischen Major zusammen ist und ihr gemeinsames Baby spazieren fährt. Ganz unten im Kinderwagen, wo die Frau nie hingreift, versenken die Insassinnen das Radioteil. Was für eine kühne Aktion!18 Als Lampersari befreit ist, fragt der Major – er hat schon immer vom heimlichen Radiohören geahnt – Frau ter Heege, wo sie und ihre Leidensgenossinnen denn das Radio versteckt hatten? Es muss für sie eine Genugtuung gewesen sein, ihm zu erzählen, wie sie ihn übertölpelten, dass er ihren Trick nicht einmal erahnte. Über solche Dinge kann Margot heute lauthals lachen, ebenso wie darüber, als ihre Mutter und einige andere einmal über einen kleinen niederländischen Jungen im Lager kichern, der eine Erektion hat – »ein Prinz mit einem Ständer«, zerkugelt sich die 83-jährige Margot, als sie davon erzählt.

Margot ist ein neugieriges Kind. Sie möchte wissen, warum die Frauen kichern, sie beobachtet alles, besonders andere Menschen in ihrer Körperlichkeit. Beim Essen, beim Schlafen, beim Arbeiten, beim Waschen. In Gemeinschaftsduschen sieht sie Frauen und Kinder. Alle sind krank oder dürr oder beides. Die Menschen bestehen tatsächlich nur noch aus Haut und Knochen, Brüste und Bäuche hängen wie Schürzen und Lappen am Körper. Wenn Margot ihre Mitgefangenen fasziniert beobachtet, packt ihre Mutter sie und verbietet ihr zu schauen. Das passt ihr gar nicht. Warum darf sie die Nackten nicht betrachten? Sie versteht nicht, warum Otti davon nichts wissen will. Auf die Idee, dass ihre Mutter sie vor den schlimmen Bildern beschützen möchte, kommt sie nicht. Schließlich ist sie diese gewohnt.

Das Verhungern ist Alltag geworden. Die Eindrücke prägen sich ein. Auch ein Erlebnis, das sie im zweiten Lager hatte: Dort schlägt ein Japaner eine Gefangene so mit der Peitsche, dass sich diese wie eine Schlange um den Leib windet; dann zieht er an der Peitsche, bis Blut über den ganzen Körper rinnt. Dieses Bild hat sich bei Margot ins Gedächtnis gebrannt. Es verfolgt sie bis heute. Immer wieder spricht sie davon. Einmal zeichnet sie es mit Kugelschreiber auf ein Blatt Papier.

»Once Upon My Time«, Performance, Künstlerhaus Wien, 2014

Trotzdem glaubt sie heute, dass sie als Kind weniger gelitten hat als die Erwachsenen. Dabei hat sie es im Lager noch schwerer als andere Kinder. Aufgrund eines körperlichen Merkmals ist sie eine Ausgestoßene. Vor der Zeit im Lager erleidet sie eine Hüftgelenksentzündung. Ein Arzt in Semarang, den sie mit ihrer Mutter aufsucht, ordnet an, dass ihr Bein monatelang in einer Schlinge hängen soll, um eine Verkürzung zu verhindern, die mit diesem Krankheitsbild einhergeht. Dennoch ist das rechte Bein um zehn Zentimeter kürzer, Margot muss wieder neu gehen lernen. Doch sie soll noch lange hinken.