Assassinenherz: Der Schatz von Shalimar - Tanya Carpenter - E-Book

Assassinenherz: Der Schatz von Shalimar E-Book

Tanya Carpenter

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Beschreibung

Cassian will den Schwur, den er seinem Vater gab, nicht brechen. Gemeinsam mit den wenigen Gefährten, die ihm geblieben sind, macht er sich auf, um die Mörder seiner Familie zur Strecke zu bringen und sich seines Erbes würdig zu erweisen – koste es, was es wolle.

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Seitenzahl: 173

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Kurzbeschreibung:

Cassian will den Schwur, den er seinem Vater gab, nicht brechen. Gemeinsam mit den wenigen Gefährten, die ihm geblieben sind, macht er sich auf, um die Mörder seiner Familie zur Strecke zu bringen und sich seines Erbes würdig zu erweisen – koste es, was es wolle.

Über die Autorin:

Tanya Carpenter wurde am 17. März 1975 in Mittelhessen geboren, wo sie auch heute noch in ländlichem Idyll lebt und arbeitet. Die Liebe zu Büchern und vor allem zum Schreiben entdeckte sie bereits als Kind und hat diese nie verloren. Hauptberuflich arbeitet Tanya Carpenter als Chef-Assistenz im Vertriebsinnendienst eines globalen Industrie-Unternehmen. Ihre Freizeit verbringt sie neben dem Schreiben gerne mit Hund und Pferd in freier Natur oder geht auf Foto-Tour. Außerdem interessiert sie sich für Mystik, Magie und alte Kulturen, liebt Musik und genießt in den Wintermonaten gerne gemütliche Leseabende vorm Kamin.

Weitere Bücher der Autorin bei Edel Elements

Assassinenherz 1 - Flucht aus Shalimar Assassinenherz 2 - Die Blumen der Siray Assassinenherz 3 - Im Auge der Kobra 

Tanya Carpenter

Assasinenherz

Der Schatz von Shalimar

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2018 by Tanya Carpenter

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Ashera Agentur

Lektorat: Philipp Bobrowski

Korrektorat: Cathérine Fischer

Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-237-6

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Inhalt

Assassinenherz Teil 4

Epilog

Danksagung

Glossar

Assassinenherz 4 – Der Schatz von Shalimar

Cassian befand sich irgendwo zwischen Leben und Tod. Seine Haut fühlte sich taub an, und jeder Atemzug schmerzte, als wollten seine Lungen zerreißen. Wären seine Finger nicht in Zahirs Mähne verkrampft gewesen, hätte er sich kaum im Sattel halten können. Ob man ihn noch verfolgte, wusste er nicht, und es war ihm beinah egal. Nur der Gedanke an Rashid ließ eine Welle von Schuldgefühlen durch seine Seele spülen. Er hätte ihn nicht zurücklassen dürfen.

Zahir schien zu spüren, dass sein Reiter zusehends an Kraft verlor, denn der Hengst wurde langsamer, ging in einen weichen Trab über und lief schließlich nur noch im Schritt. Aber als sich der Krampf von Cassians Händen auf seinen gesamten Körper ausweitete, und er von Zuckungen und Zitteranfällen heimgesucht wurde, schaffte er es trotzdem nicht länger, sich auf dem Rücken des Pferdes zu halten. Seitlich glitt er an ihm hinunter, verlor das Gleichgewicht und landete letztlich auf dem Rücken im Sand. Sein linker Fuß verfing sich dabei im Steigbügel, sodass auch Zahir kurzzeitig irritiert war von der ungleichen Gewichtsverteilung und nervös tänzelte, bis er stehen blieb.

Cassian versuchte, sich halb aufzurichten, mit den Händen sein Bein zu erreichen, um es zu befreien, doch alles verschwamm vor seinen Augen, vervielfältigte sich wie in einem Kaleidoskop und ließ seinen Schädel pochen. Kraftlos sank er zurück.

Wenn er Zahir dazu bringen könnte, sich hinzulegen … Cassian versuchte, seinem Hengst den Befehl zu geben, sich abzulegen, doch es kam nur ein heiseres Krächzen über seine Lippen. Er wollte sie mit der Zunge befeuchten, doch die schien ebenso trocken wie der Wüstensand. Allmählich schwand das Gefühl aus jeder Zelle seines Körpers. Die brennende Sonne über ihm tat ihr Übriges, um die letzten Kraftreserven aus ihm herauszuschmelzen. Es hatte keinen Sinn mehr. Er war verloren. Vielleicht die gerechte Strafe dafür, dass er Rashid im Stich gelassen hatte.

Schemenhaft sah er, wie Sou aufgeregt im Sattel auf und ab hüpfte. Das schrille Kreischen und Geckern des Makos drang nur gedämpft in Cassians Bewusstsein. Ein Ruck ging durch seinen Körper, als Zahir sich wieder in Bewegung setzte, und Cassian stöhnte. Der heiße, raue Sand schien seine Haut selbst durch den Stoff seiner Kleidung hindurch langsam von seinen Knochen zu schälen. Er wusste, dass das nur Halluzinationen waren, doch es fühlte sich so echt an, dass ihm übel wurde.

Offenbar setzte erst jetzt die volle Wirkung des Kobragiftes ein, nachdem der Kampf seiner Flucht dafür gesorgt hatte, dass es sich in seinem gesamten Organismus ausbreiten konnte. Jalal war gut darin, Substanzen genau zu mischen und zu dosieren, damit sie ihren Zweck erfüllten. Doch das Adrenalin und den beschleunigten Kreislauf hatte er nicht mit einkalkulieren können. Was spielte das noch für eine Rolle? Er wäre sowieso hingerichtet worden, er hatte nur zuvor den Sündenbock spielen sollen. Bei den Göttern, war er so blind gewesen, dass er den Feind direkt vor seinen Augen nicht erkannt hatte? Oder hatte Jalal sich erst vor Kurzem kaufen lassen? Hatte Hussam ihn womöglich doch erkannt und sich an die Assassinen gewandt, um ihn aus dem Weg zu schaffen? So, wie er Rumal hatte töten sollen? Cassian zweifelte nicht, dass auch dieser Auftrag von Hussam gekommen war. Wozu? Um sich selbst auf den Herrscherthron zu schwingen? Aber warum jetzt und nicht schon vor zwanzig Jahren?

Er fand keine Antwort, und das Denken wurde zu anstrengend. Zahir schritt währenddessen unbeirrt voran, und in seinem Fieberwahn hatte es für Cassian beinah den Anschein, als würde Sou den Hengst gezielt irgendwohin lenken. Der Gedanke war so absurd, dass Cassian trotz seiner Benommenheit lachen musste, was ihn Sekunden später nach Luft ringen ließ, weil seine Atemmuskeln mehr und mehr erschlafften.

Er dämmerte am Rand der Bewusstlosigkeit und fühlte nur irgendwann, wie der Sand unter ihm kühler wurde. Vielleicht setzte die Nacht ein, er konnte es nicht sagen, denn sein Blickfeld wurde ohnehin immer trüber. Dazu kam ein Gefühl, als würde der Boden ihn in sich hineinziehen. Unvermittelt blieb Zahir stehen, und auch Sou stellte seine Aktivitäten ein. Es wurde totenstill, und alles, was Cassian noch hörte, ehe sich die Dunkelheit seiner bemächtigte, war der dumpfe, dröhnende Rhythmus seines Herzens, der mit jedem Schlag langsamer wurde.

***

Die eisernen Ketten schnitten Rashid in die Handgelenke, und der beständige Zug verdrehte seine Schultern zusehends, auch wenn er versuchte, seine Position zu verändern, um die Arme zu entlasten. Seine Fesseln waren einfach zu straff gespannt, seine Füße erreichen kaum den Boden. Er blickte sich um; zu Ahmeds Zeiten war dieser Bereich des Palastes nahezu ungenutzt gewesen. Das schien sich in den letzten Jahren geändert zu haben, denn es stank nach menschlichen Exkrementen und nach Angst. Er konnte einige Gefangene in ihren Zellen liegen sehen. Wund – abgemagert – hoffnungslos. Zumindest würde er keiner von ihnen werden.

Rashid wusste, er würde sterben, aber erst nachdem Hussam ihn gefoltert hatte, um das Geheimnis von Shalimar aus ihm herauszupressen. Lieber biss er sich die Zunge ab, als es zu verraten. Er hatte Ahmed sein Wort gegeben, das Wissen um den Schatz mit ins Grab zu nehmen.

Rashid fürchtete sich nicht vor dem, was man ihm womöglich antat. Als Assassine hatte er gelernt, Schmerz zu ertragen. Irgendwann würde der Tod Erlösung bringen. Hussam war nie ein geduldiger Mensch gewesen, so durfte er hoffen, dass es schnell ging.

Als er die Eisentür hörte, die zu den Verliesen hinabführte, straffte er sich. Er war nicht gewillt, Hussam als gebrochener Mann entgegenzusehen. Niemals. Doch auf den Besucher, der ihm hier unten seine Aufwartung machte, war er nicht vorbereitet.

„Jalal!“

Sein Bruder grinste teuflisch. „Überrascht, Rashid? Ich dachte, ich schaue mal nach deinem werten Befinden. Nicht, dass du noch Grund zur Klage hast, weil man sich nicht gebührend um dich kümmert.“

Er zog einen Dolch aus seiner Tunika hervor und spielte mit sichtlicher Vorfreude mit der kleinen Waffe. Rashid schluckte. Wenn Jalal ihn verhören würde, durfte er nicht auf ein rasches Ende seiner Qualen hoffen. Sein Bruder war ein Meister darin, die Folter endlos hinzuziehen und dabei neben physischen Qualen auch allerhand Substanzen zu Hilfe zu nehmen, denen man sich nur schwer widersetzen konnte.

Sein Blick verriet Rashid, dass Jalal genau wusste, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen. Er schien es auskosten zu wollen, denn er hatte keine Eile, mit der Prozedur zu beginnen.

Zunächst ließ er seine Kobra vor Rashid zu Boden gleiten. Das Tier richtete sich augenblicklich auf und wiegte den Kopf von einer Seite zur anderen. Er wusste, wie schrecklich ihr Gift in den Augen brannte und sie verätzte. Mit zusammengepressten Lippen funkelte er seinen Bruder an, der ihm mit starrem Blick begegnete.

„Warum?“, fragte Rashid schließlich. „Was hat dich dazu gebracht, dich auf Hussams Seite zu schlagen? Cassian hat dir vertraut, und du weißt, was dieser Mann ihm angetan hat.“

Jalal lachte hämisch. „Hast du es immer noch nicht verstanden, Bruder? Ich hatte erwartet, dass du dir inzwischen darüber im Klaren bist, wie lange Hussam und ich bereits Geschäfte miteinander machen. Der Händler, wie man ihn in anderen Ländern nennt, hat mich häufig für kleinere Dienste bezahlt. Und vor zwanzig Jahren hat er mir eine stattliche Summe dafür gegeben, dass ich ihm den Weg nach Shalimar bereite.“

Rashid riss die Augen auf und wollte nicht glauben, was er da hörte. Das Entsetzen überrollte ihn wie eine eisige Woge. Er hatte Cassian buchstäblich den Wölfen vorgeworfen, als er ihn nach Sarkosh gebracht hatte.

Sein Bruder schüttelte amüsiert den Kopf. „Du hast doch nicht wirklich gedacht, dass ein Heer von Söldnern eine Festung wie Shalimar erobern könnte? Und sag mir nicht, du wusstest nicht, dass es nur Söldner waren – ohne Zusammenhalt. Kein aufeinander eingespieltes Heer. Du warst zu lange einer von uns, als dass dir solch ein Fehler unterlaufen würde. Es waren meine Leute, die der Armee des Feindes den Weg bereitet haben. Es waren meine Leute, die den jungen Prinzen, die Prinzessinnen und die Sheikha getötet haben. Lautlos. Und es waren meine Leute, die dich und den Jungen entkommen ließen. Ja, Rashid, das war kein Zufall. Ich habe alles von langer Hand geplant. Ich wusste, du würdest ihn zu mir bringen. Und ich wusste, wenn ich ihn fest genug an mich binde, würde er eines Tages meine Eintrittskarte nach Shalimar werden. Seit Hussam mir von diesem Schatz berichtet hat, wusste ich, er wird mein sein. Aber das musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Lehrer des Thronfolgers mein Bruder ist. Das hätte doch nur sein Misstrauen erweckt. Sollte er ruhig seine Zeit verschwenden bei der Suche nach der Kammer und einem Weg, sie zu öffnen. Menschen wie ihm mangelt es an Geduld und Weitsicht. Mir hingegen nicht.“

„Du bist ein solcher Bastard.“

Der Vorwurf prallte an Jalal ab. Der Assassinenfürst lachte nur. „Ich gebe zu, ich hatte Sorge, dass du mir auf die Schliche kommst und ich dich töten müsste. Brudermord ist auch für mich keine schöne Sache. Außerdem hätte es Fragen nach sich gezogen, denn Cassian hängt an dir. Wärest du bereit gewesen, wieder mit uns zu reiten, hätte ich es wie einen missglückten Mord aussehen lassen können. Du wurdest erwischt und im Kampf getötet. Aber da du Sarkosh nicht mehr verlassen wolltest, schied das aus. Für Gift bist du zu klug und kennst mich zu gut. Aber zum Glück war beides nicht notwendig, weil du mir genauso vertraut hast wie der Junge.“

Rashid wurde übel. Er hatte immer gewusst, dass Jalal über Leichen ging und wenig Skrupel kannte, doch diese Kaltblütigkeit hatte er selbst ihm nicht zugetraut. Ja, er hatte sich gefragt, wie Shalimar damals derart hatte überrannt werden können. Doch es war müßig gewesen, das näher zu ergründen, weil es nichts mehr geändert hätte und er für Cassian verantwortlich war. Die Tatsache, dass Jalal seine Leute ausgeschickt hatte, um herauszufinden, was in Shalimar vor sich ging, und ihm sogar gesagt hatte, dass Hussam hinter allem steckte, hatte jeden Zweifel an seiner Loyalität im Keim erstickt. Er hatte sich um Cassian bemüht, ihn wie einen Sohn großgezogen, ihn mehr an sich gebunden, als Rashid recht gewesen war. Jetzt ergab das alles einen Sinn. Er hatte sie beide vom ersten Moment an manipuliert in dem Wissen, dass Cassian sein Schlüssel nach Shalimar sein würde.

„Es ist bedauerlich, dass Hussam die Geduld verloren hat. Er wollte nicht länger auf mich hören, obwohl ich ihm gesagt habe, dass Cassian uns die Tore öffnen würde, wenn er mich nur machen ließe. Aber er hatte Angst um sein Leben. Und Rumal wurde zusehends misstrauischer, weil die Schatzkammern im Palast schmolzen. Er musste handeln.“

„Warum hast du ihn nicht einfach getötet? Cassian hätte dir genug vertraut, um dir den Schatz zu zeigen. Erst recht, wenn du seinen erklärten Feind aus dem Weg geschafft hättest.“ Dann wäre Cassian nicht in Gefahr geraten und hätte nicht fliehen müssen. Er verstand es einfach nicht.

Jalal schürzte die Lippen. „Ich habe darüber nachgedacht, doch Hussam ist sehr vorsichtig. Immerhin weiß er, mit wem er sich eingelassen hat. Außerdem wäre da immer noch Rumal gewesen, der zwischen mir und dem Schatz gestanden hätte. Und sein Hauptmann mit seinem verdammten Gewissen. Die Entscheidung fiel jedoch erst letzte Nacht. Hätte Rumal Cassian nicht die Wahrheit gesagt, wäre es vielleicht anders gekommen. Ich hatte eigentlich vor, Hussam aus dem Weg zu räumen, nachdem Scheich Rumal tot war. Doch Cassian ist zu klug, als dass er sich nicht aus allem, was Rumal ihm gesagt hat, den Rest noch zusammenreimen würde. Dem musste ich zuvorkommen.“

„Was hast du getan?“, presste Rashid hervor, obwohl er es bereits ahnte. Er hatte Cassian gesehen. Die graue Färbung seiner Haut. Den glänzenden Schweiß in seinem Gesicht. Er wusste, wie Gift wirkte, und er bangte darum, ob der Prinz überhaupt noch am Leben war.

„Das Kobragift war zu gering, um ihn sofort zu töten. Ich habe es mit einigen anderen Ingredienzen vermischt, damit es ihn lediglich außer Gefecht setzte, bis Hussam ihn auf frischer Tat ertappen konnte. Mein Plan war, ihm ein Gegengift zu geben, ehe die Folgen lebensbedrohlich werden konnten. Nach meinem anschließenden Verhör hätte er uns sicher verraten, wo der Schatz verborgen ist. Doch dann hast du ihn befreit, und ich fürchte, dass er inzwischen kein Gegenmittel mehr braucht, weil die Ereignisse seiner Flucht das Gift schneller als gewollt in seinem Körper verteilt haben. Jetzt bist du leider der Einzige, der uns noch zu dem Geheimnis führen kann. Also wird mein geplantes Verhör nicht Cassian gelten, sondern dir.“

Er trat auf ihn zu und setzte die Spitze des Dolches in die kleine Mulde unterhalb von Rashids Kehle. Der Schmerz war nur gering und für Rashid keiner Reaktion würdig. Er hielt dem Blick seines Bruders stand. Sie funkelten einander an. Zweifellos erwog Jalal gerade ebenso seine Möglichkeiten, ihn zum Reden zu bringen, wie Rashid sich innerlich darauf vorbereitete, der Folter standhalten zu können.

Unvermittelt zog Jalal die Klinge zurück und riss mit einer einzigen Bewegung Rashids Hemd in Fetzen, um seinen Oberkörper bloßzulegen. Danach trat er einige Schritte zurück und betrachtete ihn wie eine Leinwand, auf der er in den nächsten Stunden sein Kunstwerk verewigen wollte. Die Kobra hatte sich in der Zwischenzeit wieder herabgesenkt und schlängelte sich zwischen seinen Füßen hindurch wie ein anhänglicher Schoßhund. Bedächtig entledigte sich Jalal seiner Tunika und offenbarte die darunter verborgenen Waffen und Instrumente, die in feinen Lederriemen angeordnet waren. Er schob den Dolch in die dazugehörige Scheide zurück und holte stattdessen eine leicht gekrümmte, daumengroße Klinge hervor. Rashids Blick fiel auf eine Anzahl von Spritzen, die Jalal in ledernen Hülsen an seinem rechten Unterarm verwahrte. Der Inhalt schimmerte in unterschiedlichen Farben. Vor denen fürchtete sich Rashid viel mehr als vor allen Klingen und Haken, die Jalal ihm durch die Haut treiben würde. Er spannte seine Muskeln an, bereitete sich innerlich vor. Es würde eine lange Nacht werden.

***

Sureija presste ihr Gesicht auf das nass geweinte Kissen und schluchzte immer noch. Der Tod ihres Vaters war entsetzlich, die Tatsache, dass der Mann, den sie liebte und dessen Kind sie unterm Herzen trug, sein Mörder war, unerträglich. Sie konnte es noch immer nicht glauben, verstand nicht, warum Kilian das getan hatte. Sie waren glücklich gewesen, zumindest hatte sie das geglaubt. Ein Mann, der sie respektierte und ihren Freiheitsdrang verstand. Sie musste an den Nachmittag auf der Blumenwiese denken. Es war gewesen, als würde er ihre Seele kennen, als hätte er genau gewusst, was ihr solch ein Ort bedeuten würde. Und jetzt? Es war alles vorbei. Sie hatte niemanden mehr. Selbst Bogar war tot. Sie war ganz allein.

Dass Kilian geflohen war, berührte sie kaum. Was hätte sie von seinem Tod? Rachegedanken verspürte sie nicht, und ihren Vater würde es ihr nicht wiedergeben. Im Gegenteil, sie war sogar dankbar, dass sie ihn niemals wiedersehen musste. Er hatte ihr Herz nicht einfach nur gebrochen, er hatte es zerschmettert. Und sie würde zeit ihres Lebens an ihn denken.

Sureija drehte sich auf den Rücken und legte ihre Hände auf den Bauch, der noch immer flach war. Dennoch fühlte sie das Leben unter ihren Handflächen. Wie lange würde sie es verbergen können? Und welche Konsequenz würde es jetzt für sie haben, wenn man entdeckte, dass sie das Kind eines Mörders austragen würde?

Eine neue Flut von Tränen rann über ihre Wangen. Stumm und verzweifelt. Sie starrte zur Decke ihres Zimmers und erinnerte sich, wie Kilian eines Nachts auf dem Balkon gestanden und sie angesehen hatte, nachdem sie sich hier in ihrem Bett geliebt hatten. Da war ein Gefühl gewesen, dass er sie nicht zum ersten Mal von dort betrachtet hatte. Jetzt in diesem Moment fragte sie sich, ob dieser Traum, den sie wenige Tage vor seiner Ankunft im Palast gehabt hatte, enger mit diesem Mann verbunden war, als sie geahnt hatte. War er schon einmal hier gewesen, um sie auszuspionieren? Um ihrem Vater aufzulauern? Woher hatte er von den Gängen gewusst? Er mochte behaupten, dass er sie gesehen hatte, wie sie in ihnen verschwand, doch stimmte das? Was, wenn er davon gewusst hatte, lange bevor sie sich begegnet waren?

Inschallah sprang zu ihr auf das Bett und drückte sich winselnd an ihre Seite, legte den Kopf auf ihre Hände und seufzte tief. Sie blickte Sureija aus ihren treuen Augen an. Die Hündin hatte Kilian gemocht, und sie war sonst anderen gegenüber eher skeptisch. Von Hussam, den sie seit ihrer Geburt kannte, hatte sie sich nie auch nur anfassen lassen, und sogar ihr Vater war bestenfalls toleriert worden. Außer ihr hatte sie nur Bogar wirklich vertraut – und ihrer Mutter. Und Kilian.

„Sureija!“ Knurrend sprang Inschallah auf die Beine und baute sich über ihr auf, während Sureija sich halb aufrichtete und Hussam entgegenblickte, der in der Tür zu ihrem Gemach stand und mit angespannter Miene auf die Hündin blickte. Er sagte kein Wort, doch sein Gesicht verriet deutlich, er erwartete, dass sie das Tier zur Ordnung rief.

„Inschallah! Es ist gut.“

Wenig überzeugt trat die Hündin zwei Schritte zurück und setzte sich neben Sureija auf das Bett. Hussam kam noch immer nicht näher und behielt sie im Blick, während er sprach.

„Ich muss Euch leider mitteilen, dass wir Prinz Kilian nicht finden konnten. Aber seinen Diener haben wir im Kerker eingesperrt und werden ihn foltern, bis er uns das Versteck dieses feigen Mörders verrät.“

Sie schluckte. Die Vorstellung, was Hussam und der Folterknecht diesem Mann antun konnten, bereitete ihr eine Gänsehaut. Sie wollte das nicht. Aber sie wollte mit ihm reden. Hatte sie nicht das Recht dazu? Immerhin war sie die Erbin ihres Vaters und damit im Augenblick Herrscherin über Shalimar.

Sie straffte sich und stand von ihrem Bett auf. Trotz der Trauer, die ihr Herz zuschnürte, verlieh sie ihren Worten Autorität, damit Hussam sich ihrem Befehl nicht entziehen konnte. „Prinz Kilians Diener wird nicht gefoltert!“

„Aber Prinzessin, ich …“

„Nein!“ Sie schluckte tapfer die neuerlichen Tränen hinunter und trat entschieden auf Hussam zu.

Als er ein weiteres Mal widersprechen wollte, begann Inschallah zu knurren, und tatsächlich schwieg der Berater ihres Vaters.

„Keine Folter! Sie bringt Vater nicht zurück. Aber ich will mit ihm reden.“

Keuchend presste Hussam die Luft aus seinen Lungen. „Ich glaube nicht, dass Ihr Euch diesen Anblick wirklich zumuten wollt. Wir haben bereits mit der Folter begonnen. Das Gesetz verlangt …“

„Ich bin jetzt das Gesetz in Shalimar“, stellte sie klar. Innerlich zerbrach sie noch immer fast und fühlte sich schwach, doch sie wusste instinktiv, wenn sie jetzt die Führung aus der Hand gab, würde sie sie nie zurückerlangen.

Das schien auch Hussam bewusst zu sein, denn seine Augen wurden schmal und um seine Lippen trat ein verkniffener Zug. „Ohne Euch zu nahe treten zu wollen, Sureija, aber Ihr seid eine Frau und damit nicht fähig, ein Land wie Shalimar zu regieren. Da Ihr unvermählt seid, gibt es auch keinen Prinzen, der diese Aufgabe übernehmen könnte. Ich halte es daher für die klügste Entscheidung, wenn ich …“