Astra - Timothy Zahn - E-Book

Astra E-Book

Timothy Zahn

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Beschreibung

Der gnadenlose Kampf um Astra und seine Geheimnisse

Astra scheint ein ziemlich unscheinbarer und uninteressanter Planet zu sein, doch für die Wissenschaftler hat er eine ebenso unerklärliche wie rätselhafte Eigenschaft: Es gibt eine Region, die keinerlei Metalle enthält und in der, bringt man es dorthin, jedes Metall buchstäblich vom Erdboden verschluckt wird. Noch absurder wird die Situation, als in dieser Region plötzlich gewaltige Gravitationsanomalien auftreten und scheinbar ein lange untätig gewesener Vulkan ausbricht. Doch wie sich bald herausstellt, ist dies kein Vulkanausbruch, sondern die automatische Produktionsanlage eines längst untergegangenen Alien-Volkes, die ihre Tätigkeit wieder aufgenommen hat. Nichts in der Galaxis ist wertvoller als das Know-how hochtechnisierter Spezies, das man plündern und ausbeuten kann – und prompt beginnt der politische und militärische Wettlauf um Astra und seine Geheimnisse …

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TIMOTHY ZAHN

ASTRA

Roman

Das Buch

Astra scheint ein ziemlich unscheinbarer und uninteressanter Planet zu sein, doch für die Wissenschaftler hat er eine ebenso unerklärliche wie rätselhafte Eigenschaft: Es gibt eine Region, die keinerlei Metalle enthält und in der, bringt man es dorthin, jedes Metall buchstäblich vom Erdboden verschluckt wird. Noch absurder wird die Situation, als in dieser Region plötzlich gewaltige Gravitationsanomalien auftreten und scheinbar ein lange untätig gewesener Vulkan ausbricht. Doch wie sich bald herausstellt, ist dies kein Vulkanausbruch, sondern die automatische Produktionsanlage eines längst untergegangenen Alien-Volkes, die ihre Tätigkeit wieder aufgenommen hat. Nichts in der Galaxis ist wertvoller als das Know-how hochtechnisierter Spezies, das man plündern und ausbeuten kann – und prompt beginnt der politische und militärische Wettlauf um Astra und seine Geheimnisse …

Der Autor

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Titel der Originalausgabe

SPINNERET

Aus dem Amerikanischen von Hilde Linnert

Überarbeitete Neuausgabe

Copyright © 1985 by Timothy Zahn

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Das Illustrat, München

Prolog

Als Kommandant Carl Stewart auf der Brücke von Amerikas erstem Raumschiff stand, bedauerte er nur, dass er keine Champagnerflasche am Bug der U.S.S. Aurora zerschmettern konnte.

Natürlich hätte man die Zeremonie nicht durchführen können, selbst wenn das Außenministerium die Bewilligung erteilt hätte. In der luftleeren Kälte des Weltraums hätte die Flasche besonders präpariert werden müssen, damit sie weder gefror noch vorzeitig explodierte, und diese Präparierung hätte wahrscheinlich verhindert, dass sie im entscheidenden Augenblick überhaupt zerbrach. Da der Start vom Fernsehen live auf den gesamten Planeten übertragen wurde – und nur noch zehn Monate die Menschheit von der Wahl im Jahr 2016 trennten –, wollte niemand dieses Fiasko riskieren. Doch die Hochseeschifffahrt und ihre Traditionen waren seit vier Generationen in Stewarts Familie verankert, und es kam ihm irgendwie falsch vor, ohne richtige Schiffstaufe auf große Fahrt zu gehen.

Die Stimme des Kommentators im TV-Monitor verstummte. Stewart wandte seine Aufmerksamkeit gerade noch rechtzeitig dem Bildschirm zu, um zu sehen, wie Präsident Allerton die Hand auf den entscheidenden Schalter legte. »Bereithalten«, befahl er mit einem Blick auf den Bildschirm. Der Befehl war unnötig. Die Mannschaft der Aurora war seit Stunden bereit.

»… unsere Hoffnungen, Gebete und Träume begleiten euch, wenn wir euch auf die Suche nach neuen Grenzen ausschicken. Ihr sollt neue Welten, neue Möglichkeiten, neue Lösungen finden; der Menschheit neue Impulse verleihen und sie zu neuer Größe führen. Glückliche Reise, Aurora.« Mit einer großartigen Handbewegung legte Allerton den Schalter um.

Fünftausend Kilometer über ihm schalteten sich die am Arbeitsgerüst befestigten Scheinwerfer ein, und die Fernsehkameras erblickten die Aurora zum ersten Mal in voller Größe.

Steward gönnte den Zuschauern den überwältigenden Anblick, bis er bis fünf gezählt hatte, dann nickte er seinem Steuermann zu. »Manövrieren Sie sie hinaus, Mr. Bailey«, befahl er. »Aber achten Sie darauf, dass Sie unterwegs nicht die Pfadfinder ankratzen!«

Bailey grinste. »Aye, Sir.« Mit Hilfe ihrer mit Kaltstickstoff betriebenen Anlegejets verließ die Aurora das sie eng umschließende Gerüst. Sie glitt mit ausreichendem Abstand am Gerüst der Pfadfinder vorbei – das beinahe fertig gestellte Schwesterschiff schaltete zum Gruß seine Positionslichter ein – und steuerte langsam den kaum erkennbaren Horizont der dunklen Welt unter ihr an. »Eine Menge Lichter da unten«, bemerkte der Navigator Reger.

»Es gibt auch eine Menge Leute da unten, die sie brauchen«, brummte Stewart. Und es wäre gut, wenn die Wissenschaftler mit ihren mächtigen Teleskopen und schönen Theorien recht behalten, dachte er; hoffentlich gab es da draußen tatsächlich geeignete Planeten, die die Aurora finden konnte.

»Klar zum Sprung«, meldete Bailey und sah Stewart an. »Kursvektor unter fünf Sekunden Abweichung.«

»Verstanden.« Stewart verdrängte seine Befürchtungen um das Überleben der Erde. »Bieten Sie den Kameras etwas für ihr Geld: Sprung!«

Den Bruchteil einer Sekunde lang war das Schiff in einen blendenden Flächenblitz gehüllt, und die Sterne verschwanden im absoluten Schwarz des Hyperraums. Die nächste Station: Alpha Centauri.

Die Menschheit war unterwegs.

»Alles spricht dafür, dass er erdähnlich ist«, stellte der Astrophysiker Hashimoto fest, während seine rundlichen Finger über die Tastatur glitten. »Die Entfernung zu seiner Sonne müsste vernünftige Temperaturen garantieren, die Größe entspricht bis auf wenig Prozent den Dimensionen der Erde, und selbst auf diese Entfernung können wir genügend Sauerstoff feststellen.«

Stwart nickte, gab sich aber noch keinen allzu großen Hoffnungen hin. In den sechs Sonnensystemen, die die Aurora bis jetzt aufgesucht hatte, war es bereits einmal zu einem Fehlalarm gekommen. »Wir behalten den Kurs bei, damit kommen wir nahe genug heran, um genauere Werte zu erhalten. Wenn eine Landung sicher erscheint …«

»Kommandant!«, rief Bailey; seine Stimme klang eine halbe Oktave höher als für gewöhnlich. »Etwas auf dem Bildschirm – es bewegt sich schnell!«

Stewart wirbelte mit seinem Stuhl herum und erstarrte. Hinter der Sichel des von ihnen angepeilten Planeten kam langsam ein Stern hervor, Sekunden später folgte ihm ein zweiter … und ein dritter.

Raumschiffe!

»Ich will verdammt sein«, stieß Hashimoto hervor.

Stewart fand die Sprache wieder. »Sprung, Bailey! Vergessen Sie die Justierung – wir können später auf den richtigen Kurs zurückkommen.«

»Warten Sie eine Sekunde«, protestierte Hashimoto – aber der Planet und die drei sich bewegenden Punkte verschwanden, während das Schiff wieder von einem Flächenblitz eingehüllt wurde. »Kommandant!«

»Es tut mir leid, Mr. Hashimoto«, fuhr ihn Stewart an und betonte die Anrede, um seinen übergeordneten Rang deutlich zu machen. »Für diesen Fall habe ich exakte Befehle erhalten: Bei einem Kontakt mit einer außerirdischen Rasse muss ich das Weite suchen, falls es sich irgendwie machen lässt.«

»Aber eine außerirdische Rasse.« Hashimoto war sichtlich nicht gewillt, nachzugeben. »Denken Sie an die Möglichkeiten, die …«

»Die Aurora ist weder für einen Kampf noch für Verhandlungen gerüstet«, unterbrach ihn Stewart. »Sobald wir Bericht erstattet haben, können die Diplomaten in Aktion treten; ich glaube kaum, dass diese Außerirdischen innerhalb der nächsten beiden Monate verschwinden werden. Ich schlage vor, dass Sie beginnen, die Daten zu analysieren, die wir gesammelt haben; vielleicht können Sie aus ihnen entnehmen, wie erdähnlich der Planet tatsächlich ist. Wir möchten doch wissen, ob die Fremden an unserem Grundbesitz interessiert sind, bevor wir wieder Kontakt aufnehmen.«

Hashimotos wütender Gesichtsausdruck wich einem nachdenklichen Lächeln; er nickte und verließ die Brücke.

Stewart wandte sich wieder den Monitoren zu und murmelte ein Wort, das er während seiner Ausbildung von einem Marinesergeanten aufgeschnappt hatte. Hier draußen existierte also eine intelligente Lebensform – und wenn sie so nahe von Sol existierte, dann konnte sie keine Einzelerscheinung sein. Vielleicht gab es vor der Tür der Menschheit eine ganze interstellare Konföderation – einen kosmischen Club, dessen Mitglieder der Menschheit endlich die Antworten geben würden, die sie so dringend suchte.

Erst viel später fiel ihm ein, dass der »Kosmische Club« auch ganz andere Folgen haben könnte.

Das Zischen der Landejets erstarb, aber Kommandant Lawrence Radfords Ohren klangen immer noch. Er öffnete seinen Gurt und stand vorsichtig auf, weil er sich nach drei Wochen Schwerelosigkeit in der Pfadfinder unsicher fühlte.

»Beginnen Sie mit dem Start-Check!«, befahl er dem Piloten des Shuttle. »Und schalten Sie auch die Testgeräte für die Atmosphäre ein!«

»Ja, Sir.«

Radford ging um seinen Stuhl herum zur Tür der Luftschleuse, wo der Landetrupp versammelt war. »Sieht schön aus, Kommandant«, meinte Leutnant Sherman lächelnd, während er Radfords Helm am Raumanzug befestigte. »Da draußen ist es so grün, dass die Pflanzen gar nicht anders können, als mit Chlorophyll zu arbeiten.«

»Wir werden es bald herausfinden.« Radford weigerte sich, sich drängen zu lassen, und checkte sorgfältig seinen Raumanzug. Dann wandte er sich dem Team zu, streckte den Daumen in die Höhe und trat in die Luftschleuse. Eine neunzig Sekunden währende Ewigkeit später ging die Außentür auf … und Kommandant Radford von der U.S.S. Pfadfinder betrat die erste Raumkolonie der Menschheit.

Er hatte sich lange auf diesen Augenblick vorbereitet und war für ihn gerüstet. »Im Namen der …« Er unterbrach sich, weil ihm die Worte im Hals steckenblieben.

»Kommandant?«, fragte Sherman vorsichtig.

»Alle Außenkameras einschalten!«, befahl Radford leise und fragte sich, ob das dröhnende Pochen seines Herzens nicht seine Stimme übertönte. Der Alien, der sich fünfzehn Meter vor ihm aus dem hüfthohen Gras erhoben hatte, hielt ein merkwürdig geformtes Metallgerät … und wenn es auch nicht direkt auf Radford gerichtet war, so zielte es auch nicht sehr weit daneben.

»Wir sind umzingelt, Kommandant«, murmelte jemand.

»Verstanden«, bestätigte Radford. »Haben Sie alles mitbekommen, Kyle?«

»Vollkommen«, erwiderte der Erste Offizier der Pfadfinder. »Wir haben Alarm gegeben; hier oben ist kein Raumschiff zu sehen.«

»Noch nicht«, antwortete Radford knapp. Die Fremden – inzwischen waren weitere vier aufgetaucht, die dem ersten Feuerschutz gaben – trugen eindeutig irgendeine Art von Kleidung, und die Geräte, die sie mit sich führten, sahen so gleich aus, dass sie vermutlich aus einer Massenproduktion stammten. Sie waren ganz bestimmt keine Primitiven, und die Tatsache, dass die Pfadfinder während des Orbits keine Spur einer Zivilisation entdeckt hatte, legte den Schluss nahe, dass die Fremden ebenfalls nur Besucher waren. »In Ordnung. Ich werde versuchen, mich in die Luftschleuse zurückzuziehen. Wir starten, sobald ich an Bord bin. Sie machen inzwischen die Pfadfinder zum Sprung bereit, Kyle.«

»Wir werden bereit sein, sobald Sie beim Schiff angelangt sind.«

»Sie müssen vorher bereit sein«, erklärte Radford, »wenn fremde Raumschiffe auftauchen, müssen Sie sofort verschwinden können. Wir sind entbehrlich; die Informationen, über die Sie verfügen, sind es nicht.«

»Ja, Sir.« Kyle klang nicht sehr glücklich.

Radford war es ebenfalls nicht; doch es zeigte sich bald, dass sie sich nicht opfern mussten. Die Fremden sahen gelassen zu, wie Radford in die Luftschleuse zurückkehrte; das Shuttle erreichte den Orbit, ohne dass ein Kampf-Raumschiff aufgetaucht wäre; und als die Pfadfinder in den Hyperraum sprang, war auf den Monitoren noch immer nichts zu sehen.

»Verdammtes Pech«, knurrte Kyle, als sie sich später die Filme von den Fremden ansahen. »Der Planet war einfach vollkommen.«

»Das können wir nicht mit Sicherheit behaupten«, widersprach Radford. »Und wenn wir herausfinden, dass wir im Universum nicht allein sind, so ist das mindestens genauso wichtig wie die Entdeckung eines neuen Planeten, den wir kolonisieren können.«

»Falls die Fremden freundlich sind.«

»Falls sie es nicht sind, wissen sie wenigstens nicht, woher wir kommen.« Radford betätigte den Rückspulschalter. »Kopf hoch, Kyle – wir haben gute Aussichten, etwas anderes zu finden, bevor wir uns auf den Heimweg machen. Und wenn wir nichts finden, werden zumindest die Aurora oder die Celeritas Erfolg haben.«

»Vielleicht.«

»Schön.« Mario Civardi lächelte den Planeten an, den er durch das Fernrohr betrachtete. »Einfach schön.«

Kommandant Curt Korczak hätte beinahe über die Begeisterung des Italieners gelächelt, obwohl er mit ihm fühlte. Die europäische Raumagentur hatte sich heftige Vorwürfe anhören müssen, weil die Amerikaner ihre beiden Raumschiffe vor den Europäern auf die Reise geschickt hatten; aber die Celeritas hatte es den Skeptikern gerade mit Zinsen heimgezahlt. Eine brandneue Welt, in der die Menschheit von vorn anfangen konnte. Keine Umweltverschmutzung, kein saurer Regen, keine Übervölkerung, keine nationalistischen Posen. Es war beinahe, als betrete man wieder den Garten Eden.

»Kommandant!«, rief der Mann am Radar plötzlich. »Von achtern nähert sich etwas.«

Auf dem Hauptbildschirm blitzte Licht auf, als ein Ding mit einem feurigen Schwanz über die Celeritas hinwegschoss und weit vor ihr verschwand. »Zum Teufel!«, stieß der Erste Offizier Blake hervor. »Das war eine Rakete!«

»Verfolgen Sie ihre Flugbahn zurück!«, befahl Korczak. »Ich will wissen, woher sie gekommen ist.«

»Ich habe sie, Sir. Sie kommt von …«

Der Stuhl schlug heftig gegen Korczaks Wirbelsäule, und das dumpfe Dröhnen betäubte ihn kurz. »Sprung, Civardi!«, stieß er hervor. »Bringen Sie uns hier raus!«

Wunderbarerweise funktionierten die Geräte. Sobald die Celeritas in der Sicherheit des Hyperraums geborgen war, humpelte sie nach Hause.

»Ich kann es nicht glauben«, erklärte Präsident John Kennedy Allerton und legte den Bericht auf den Tisch. »Fünfzehn halbwegs erdähnliche Planeten, und alle sind schon besetzt?«

General James Klein zuckte die Achseln. »Ich gebe zu, dass es kaum zu glauben ist, aber der Film der Pfadfinder ist unwiderlegbar.« Er zögerte. »Ich habe gehört, dass die Celeritas Beschädigungen aufwies, als sie heute früh heimkehrte, also nehme ich an, dass sie ebenfalls auf die Fremden gestoßen sind.«

Allerton presste die Lippen zusammen. »Wenn das stimmt, müssen wir sofort eine Sitzung einberufen, um die Unterlagen zu vergleichen. Es ist wahrscheinlich besser, wenn auch die Sowjets und die Chinesen daran teilnehmen. Wenn uns eine fremde Rasse von allen Seiten einschließt, können wir uns kein politisches Hick-hack leisten. Wahrscheinlich sollten wir auch die UNO informieren.«

Admiral Davis Hamill schnaubte verächtlich. »Die Russen werden uns kein Wort glauben, bevor sie selbst Berichte aus erster Hand haben, und der chinesische Sicherheitsdienst ist in letzter Zeit so lax, dass wir es der islamischen Konföderation und den Afrikanern gleich über die Medien erzählen können. Ich höre schon ihre Kommentare.«

Allerton lächelte. »Sie nehmen das Geschwätz bei der UNO zu ernst, Dave. Die Dritte Welt steht zwar auf dem Standpunkt, dass wir an allen ihren Problemen schuld sind, aber sie können uns auf keinen Fall dafür verantwortlich machen, dass das Projekt Heimstätte ein Flop ist.«

»Sie können uns dafür verantwortlich machen, dass wir die Aliens auf unsere Existenz aufmerksam gemacht haben«, wandte Klein ein.

»Ach, kommen Sie, das wissen sie bestimmt längst. Schließlich haben sie uns umzingelt. Wenn sie kämpfen wollten, hätten sie es schon vor Jahren getan.«

»Und was war mit der Celeritas?«, fragte Klein.

»Und was ist mit der Pfadfinder? Die Aliens haben sie abfliegen lassen.«

Kleins Antwort ging unter, weil alle drei Telefone gleichzeitig summten. Allerton drehte sein Handgelenk so, dass der Lautsprecher auf ihn gerichtet war, und legte den Schalter um. »Allerton.«

»Lageraum«, meldete sich eine aufgeregte Stimme. »Wir haben von einem Punkt in der Nähe des Mars-Orbits einen Lichtblitz aufgefangen, Sir. Wir nehmen an, dass es sich um ein Raumschiff handelt, aber der Blitz war rot, nicht blau-weiß.«

Allerton blickte auf und sah, dass Kleins und Hamills Gesichter hart geworden waren. Der Blitz stellte vergeudete Energie dar, und der rote Blitz bedeutete weniger Energie, was hieß, dass der Neuankömmling ein wesentlich fortschrittlicheres Antriebssystem besaß als die Erde. »Höchste militärische Alarmstufe«, befahl der Präsident. »Weltweit. Für mögliche Invasion bereithalten. Ich komme sofort hinunter und übernehme das Kommando.«

Er unterbrach die Verbindung. Die beiden Militärs, die noch immer in ihre Telefone sprachen, waren bereits zur Tür unterwegs. Allerton wählte die Nummer der Zentrale im Weißen Haus, während er aufstand und den beiden folgte. »Geben Sie mir den Kreml, den chinesischen Premierminister Sing und den UNO-Generalsekretär Saleh – Konferenzschaltung, Zerhacker und dringend!«

Kurz darauf trieb das lange Raumschiff vorsichtig in einen hohen Erdorbit, erstickte den offiziellen Unglauben der Sowjets im Keim und löste auf dem gesamten Globus beinahe Panik aus. Doch das erwartete Ende der Welt trat nicht ein. Stattdessen überlagerte der Fremde die Funkfrequenzen der Fluglinien mit einer Botschaft in passablem Englisch, in der er ein Gespräch mit der Weltregierung verlangte.

Wenn man die Vorgangsweise der internationalen Politik bedenkt, erfolgte die Antwort überraschend schnell.

»Wir begrüßen Sie im Namen des Sicherheitsrates, der Vereinten Nationen und der gesamten Erde. Wir freuen uns auf den gegenseitigen Austausch von Wissen und Kultur und auf eine zunehmende, aufrichtige Freundschaft zwischen unseren Völkern.«

Generalsekretär Hammad Ali Saleh nahm wieder in seinem Stuhl in der Mitte des halbkreisförmigen Tisches Platz und griff dankbar nach dem vor ihm stehenden Glas Wasser. Er war seit fünfunddreißig Jahren, also seit dem Krieg zwischen dem Irak und dem Iran in den achtziger Jahren, nicht mehr so nervös gewesen. Damals war er ein junger jemenitischer Freiwilliger gewesen, dem plötzlich klar geworden war, dass die Granaten, die da geflogen kamen, ihn tatsächlich töten konnten. Jetzt befand er sich in einer sehr ähnlichen, ebenso unangenehmen Lage. Niemand wusste, warum der Alien mit den Führern der Menschheit sprechen wollte, aber das Erlebnis der Celeritas war ein Hinweis darauf, dass die Antwort auf diese Frage unerfreulich sein konnte. Die Supermächte waren jedenfalls dieser Ansicht; alle drei hatten dafür gestimmt, dass sich die UN mit der heiklen Angelegenheit befasste. Ihre Vertreter waren am ehesten entbehrlich. Saleh trank langsam sein Eiswasser, entspannte bewusst seinen Kiefer und wartete.

»Die Ctencri erwidern Ihren Gruß«, meldete sich die Stimme abrupt wieder. »Es ist jedes Mal eine Ehre, ein neues Volk im Raum begrüßen zu dürfen. In den achthundert Jahren, seit Ihre Rasse zum letzten Mal geprüft wurde, hat sie große Fortschritte gemacht. Wir hoffen, dass wir zum beiderseitigen Nutzen eine solide Basis für Handelsbeziehungen finden werden.«

In Salehs Brust entspannte sich etwas ein wenig. Handel und Nutzen waren keine politischen, sondern geschäftliche Termini. Hatten sie es also nur mit einer Handelsdelegation zu tun? Saleh wusste nicht, ob er verärgert oder erleichtert sein sollte, wenn sich herausstellte, dass die Ctencri-Regierung den ersten Kontakt mit der Erde ihrer staatlichen Telefongesellschaft oder deren Äquivalent überlassen hatte.

Doch wer immer Salehs Gesprächspartner war – zunächst musste ein sehr wichtiger Punkt geklärt werden. »Wir sind selbstverständlich daran interessiert, mit Ihnen über Handelsmöglichkeiten zu sprechen«, erwiderte er deshalb. »Wir möchten aber vorher einige Fragen stellen. Vor allem müssten wir wissen, warum Ihre Schiffe auf eines unserer unbewaffneten Erkundungsschiffe gefeuert haben.«

Es entstand eine kurze Pause. »Die Frage ist ohne Bedeutung. Die Verteidigungseinheiten der Hreshtra-cten haben keine Gewalt angewendet. Ihre Landefähre konnte unseren Planeten unbehelligt verlassen.«

»Sie beziehen sich auf den Zwischenfall mit der Pfadfinder«, meldete sich der amerikanische Delegierte von der anderen Seite des Tisches. »Als die Celeritas angegriffen wurde, befand sie sich in einem anderen Sonnensystem.«

»In das Ctencri-Territorium ist ein einziges Schiff eingedrungen«, widersprach der Alien. »Das andere hat vermutlich das Hoheitsgebiet eines anderen Volkes verletzt.«

Saleh blinzelte. Zwei fremde Rassen innerhalb von zehn Lichtjahren? Der amerikanische Präsident hatte angedeutet, dass eine einzige Rasse die Erde umzingelt habe, nicht zwei. War es ein verständlicher Fehler oder bewusste Täuschung? »Vielleicht können Sie uns helfen, das andere Volk zu kontaktieren. Oder vielleicht können Sie ihnen wenigstens versichern, dass wir nicht versucht haben, ihr Territorium anzugreifen. Wir suchen nur neue Welten – natürlich unbewohnte Welten –, die wir friedlich kolonisieren können.«

»Das wird unmöglich sein.«

»Warum? Stehen Sie denn nicht mit ihnen in Verbindung?«

»Pardon, Sie missverstehen mich. Wir werden Ihnen selbstverständlich helfen, Kontakt mit den anderen Völkern aufzunehmen. Nur Ihre Suche nach Welten, die Sie kolonisieren können, ist aussichtslos.«

Salehs Magen verkrampfte sich wieder, und er runzelte die Stirn. »Ich verstehe Sie nicht.«

»Alle in Frage kommenden Welten sind bereits besetzt.«

Die Stille war beinahe greifbar, bis sich der britische Delegierte räusperte. »Von wem besetzt?«, fragte er.

»Viele von den auf ihnen heimischen Völkern«, erwiderte der Ctencri. »Solche Welten können keine Kontakte mit anderen Planeten aufnehmen, so wie es bis heute auch bei Ihnen der Fall war. Die übrigen Welten sind von raumfahrenden Völkern wie uns besetzt oder werden von ihnen beansprucht.«

»Wie viele raumfahrende Rassen gibt es?«, fragte Saleh.

»Die Ctencri stehen mit neun Rassen in direktem Kontakt. Indirekt wissen wir von der Existenz von siebzehn weiteren. Wir glauben aber, dass es noch viel mehr raumfahrende Völker gibt.«

Die Russen glaubten es natürlich nicht. Die Amerikaner und Europäer glaubten es nicht ganz. Die Raumschiffe wurden in neue Richtungen ausgeschickt. Und wieder. Und wieder.

Schließlich waren alle überzeugt.

»Das ist alles.« Saleh lehnte sich zurück und blickte durch das Fenster auf die Lichter von New York hinunter. Sie leuchteten hell, wie gewöhnlich, und wie gewöhnlich ärgerte sich der Jemenite. Die im letzten Jahrhundert in Oak Ridge und Princeton geleistete Arbeit hatte dafür gesorgt, dass zumindest die USA noch lange Zeit keinen Mangel an Energie leiden würden – aber der Rest der Welt wartete noch immer darauf, dass die Amerikaner diese Technologie wie versprochen weitergaben.

Jemand räusperte sich, und Saleh wandte seine Aufmerksamkeit wieder den fünf Staatsoberhäuptern zu, die er zu dieser Zusammenkunft gebeten hatte. »Das ergibt überhaupt keinen Sinn«, erklärte der japanische Premierminister Nagata und legte seine Kopie des Berichts wieder auf den Tisch. »Eine erdähnliche Welt mit Wasser und atembarer Atmosphäre, aber keinen Metallen? Das ist absurd.«

»Ich weiß nur, was die Ctencri gesagt haben.« Saleh zuckte die Achseln. »Eben weil der Planet keine Metalle besitzt, haben wir die Chance, ihn zu bekommen – sonst hätten die Rooshrike längst eine Verwendung für ihn gefunden.«

»Könnte es sich vielleicht um eine komplizierte Falle handeln?«, erkundigte sich Sing, der Premierminister der Volksrepublik. »Soviel ich weiß, sind die Rooshrike diejenigen, die auf die Celeritas geschossen haben.«

»Laut den Ctencri handeln die Rooshrike gelegentlich impulsiv«, erklärte Saleh. »Sie haben offenbar die falschen Schlüsse gezogen, als die Celeritas nicht die richtigen Identifizierungssignale aussandte. Man hat mir versichert, dass das alles längst bereinigt ist.«

»Es ist eher ein Schwindel als eine Falle«, brummte der russische Delegierte Liadow. »Wie viel wollen denn die Rooshrike und die Ctencri für diesen wertlosen Schlammklumpen?«

»Nichts, worauf Menschen leben können, ist vollkommen wertlos«, stellte Präsident Allerton mild richtig.

Der Russe schnaubte nur.

»Die Kosten sind gar nicht so hoch«, meinte Saleh. »Sie verlangen gewisse, relativ rare Elemente im Wert von achtzig Millionen Dollar – die Liste der akzeptablen Reinheitsgrade finden Sie auf der letzten Seite. Dafür bekommen wir einen Pachtvertrag auf hundert Jahre und die Option auf eine Verlängerung. Und damit sind wir bei dem Grund, aus dem ich Sie heute hierhergebeten habe. Wenn wir mit dieser Welt tatsächlich etwas anfangen wollen, wäre der Pachtzins nur die Spitze des Eisbergs. Wir müssten Häuser bauen, Feldfrüchte, vor allem Getreide, anbauen, Industrien einrichten, Kolonisten aussuchen und ausbilden – es wäre ein ungeheures Projekt.«

»Und das Geld dafür wollen Sie von uns«, bemerkte der englische Premierminister Smythe-Walker trocken.

»Ja.« Saleh nickte vollkommen unbefangen. »Das Budget der UNO reicht auf keinen Fall dafür, und wir besitzen auch nicht das Menschenmaterial, um das Projekt durchzuführen. Wir müssten Teile der Operation an private Unternehmer weitergeben, wodurch sie sich noch mehr verteuern würde. Daher muss ich, bevor ich damit zum Sicherheitsrat und der Generalversammlung gehe, wissen, ob diejenigen Staaten, die es sich leisten können, das Geld zur Verfügung stellen werden oder nicht.«

»Warum sollen wir uns die Mühe machen?«, wandte Liadow ein. »Sie verlangen sehr viel für das Privileg, die UN-Fahne auf einer Welt zu hissen, deren wirtschaftlicher Wert noch geringer ist als der der Venus. Es wäre vernünftiger, wenn Sie Expeditionen zu den Jupitermonden finanzieren.«

»Sie übertreiben ein wenig, aber im wesentlichen haben Sie recht«, gab Sing zu. »Diese Welt ist die Kosten offensichtlich nicht wert.«

»Ohne Spuren von Metall im Boden können zum Beispiel keine Feldfrüchte wachsen«, mischte sich Nagata ein. »Die gesamten Nahrungsmittel müssten eingeführt werden. Und was könnten sie im Austausch dafür exportieren?«

»Andere Minerale.« Allerton las immer noch den Bericht. »Einer der Kontinente ist anscheinend von großen Unterwasser-Mineralvorkommen umgeben.«

»Silikate und solches Zeug?« Smythe-Walker schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, John, aber ich kann mir kaum eine Gesteinsformation vorstellen, die es wert ist, dass man sie durch einen Schwerkraft-Schacht und über vierzig Lichtjahre transportiert. Und dann bleibt immer noch das Problem mit den Nahrungsmitteln, es sei denn, man fügt dem Boden ein paar Tonnen Eisen- und Mangansilikat hinzu, bevor man ihn bebaut.«

»Warum nicht?«, widersprach Allerton. »Es ist nicht so unmöglich, wie Sie es darstellen.«

»Nein, aber es ist teuer.« Smythe-Walker sah Saleh an. »Ich bedaure, aber ich glaube nicht, dass die Regierung Seiner Majestät einem solchen Projekt ihre Unterstützung gewähren wird.«

Allerton blickte sich im Kreis um. »Ist einer von Ihnen auf die Idee gekommen, dass die ganze Geschichte eine Art Test sein könnte? Dass die Fremden unsere Einstellung und unsere Erfindungsgabe vielleicht danach beurteilen, ob wir bereit sind, eine scheinbar aussichtslose Aufgabe zu übernehmen?«

»Eher testen sie unsere Intelligenz«, murmelte Nagata.

»Ich habe eine Idee«, meldete sich Liadow. »Da Mr. Allerton offensichtlich der einzige unter uns ist, der unseren neuen Nachbarn beweisen will, wozu die Menschheit fähig ist, und da seiner Meinung nach die Genialität der Yankees die Lösung aller Probleme ermöglicht, schlage ich vor, dass wir den Vereinigten Staaten das UN-Mandat erteilen, diese Welt zu entwickeln und zu verwalten. Natürlich mit einer gewissen Unterstützung von Seiten der UNO.«

Einen Augenblick lang starrte Allerton das undurchdringliche Gesicht des Russen an, und Saleh hielt den Atem an. Er war einer der Wortführer der Islamischen Föderation gewesen, als sie das US-Projekt Heimstätte angriff, aber diese politische Notwendigkeit hatte ihn nicht daran gehindert, insgeheim zu hoffen, dass die Suche nach neuen Welten Früchte tragen würde. Eine neue Grenze – selbst wenn sie als Reservat für die Reichen vorgesehen war – würde jenen Hoffnung geben, die sich auf der immer überfüllteren Erde ohne Fluchtmöglichkeit gefangen fühlten. Vor vier Jahren hatte er davon geträumt, dass die UNO ein eigenes, mit dem von den Kanadiern erfundenen Sternenantrieb ausgerüstetes Raumschiff bauen und es in den Weltraum schicken würde; zwei Jahre später hatte er endlich zugegeben, dass es aussichtslos war. Man konnte Geld nicht durch Rhetorik und die Unterstützung der Dritten Welt ersetzen, und der Westen hortete seinen Reichtum immer egoistischer. Aber wenn Liadow mit seinen Sticheleien Erfolg hatte …

»Also gut«, sagte Allerton unvermittelt. »Wenn ich den Kongress dazu bringen kann, dem Projekt zuzustimmen, dann ziehen wir es durch. Und …« – er zeigte mit dem Finger auf Liadow – »wir werden es gut machen.«

1. Kapitel

Vom Orbit aus sah Astra wie eine riesige Schlammkugel aus, über die jemand versehentlich einen oder zwei Eimer blaue Farbe geschüttet hatte. Die beiden kontinentalen Landmassen waren die eintönigsten, farblosesten Gebiete, die Oberst Lloyd Meredith je zu Gesicht bekommen hatte. Kein Rot, ganz bestimmt kein Grün; nur gelegentlich das Blau eines Sees oder eine Bergkette mit weißen Gipfeln. Sogar die Minerallager im Kontinentalsockel, von denen die künftige Industrie so entscheidend abhing, schimmerte bläulich-weiß. »Wir hätten Farbe mitbringen sollen«, bemerkte er zu dem Mann neben ihm.

Kommandant Radford lächelte. »Sie werden sich daran gewöhnen. Außerdem werden Sie es dort unten mit schwierigeren Problemen als dem Fehlen einer attraktiven Landschaft zu tun haben.«

»Zweifellos«, gab Meredith zu. Radford karrte seit beinahe einem Jahr Arbeiter und Ausrüstung hin und her und wusste zweifellos mehr über den Planeten als Meredith, der während der gleichen Zeit bis über beide Ohren mit den organisatorischen Details für die ständige Kolonie beschäftigt gewesen war. »Befinden wir uns in der Nähe der Ansiedlung? Bei meinem Kurs im Kartenlesen hat man mir nie das Terrain aus dieser Höhe gezeigt.«

»Wir kommen gerade hin.« Radford zeigte auf den Westrand des unter ihnen liegenden Kontinents. »Sehen Sie die vierfingrige Bucht mit der vorgelagerten Insel? Dort ist es. Direkt neben den Minerallagern, mit einigen Flüssen als Trinkwasserlieferanten und den geschützten Teilen der Bucht zur Fischzucht. Die wichtigste Militärbasis und die Landeeinrichtungen befinden sich auf der Insel; die Städte liegen an der Bucht oder maximal zehn Kilometer von ihr entfernt.«

Merediths Blick folgte der Bergkette, die sich von Südosten bis zur Bucht erstreckte, und wanderte dann zu einem einsamen Schatten etwa fünfzig Kilometer östlich der Siedlung. »Wie steht es mit dem Vulkan?«

»Sie meinen den Olympus? Keine Sorge – das Ding ist seit Jahrhunderten untätig.«

»Ja, das steht auch in dem vorläufigen Bericht. Hat ihn irgendwer inzwischen genauer überprüft?«

»Das weiß ich nicht. Aber Sie haben ja Ihre eigenen Geologen mit, und die werden Sie bestimmt beruhigen können.«

Der leicht herablassende Ton passte Meredith nicht. Viele Kollegen des Obersten hielten seine Vorsicht in Bezug auf Vulkane für übertrieben, aber sie hatten auch nicht die Auswirkungen des Izalco-Ausbruchs in El Salvador im Jahr 1988 gesehen, bei dem vierhundert Menschen ums Leben gekommen waren. »Davon bin ich überzeugt«, antwortete er gelassen. »Also schön, wann können wir die Landefähren starten und die Menschenmassen hinunterbefördern?«

»Sobald Sie und die Menschenmassen bereit sind. Soweit es mich betrifft, je früher, desto besser.«

Meredith nickte verständnisvoll; während der letzten drei Wochen war es auf dem Schiff immer wieder zu Spannungen gekommen. »Sie werden sich beruhigen, sobald sie wieder genügend Bewegungsfreiheit haben.«

»Das hoffe ich sehr – um Ihretwillen.« Radford schaltete sein Mikrophon ein und begann, Befehle zu erteilen.

Auch vom Boden aus wirkte Astra nicht farbiger; aber das war Dr. Peter Hafner relativ gleichgültig. Er hatte alle Fotos studiert und alle Bodenanalysen gelesen, aber es war etwas ganz anderes, wenn man die Felsen aus der Nähe sah und sich persönlich mit ihnen befassen konnte. Er beugte sich über das Geländer des Luftkissenfahrzeugs und betrachtete die niedrigen Klippen neben der engen Einfahrt in die Splayfoot Bay; ihm fielen die verschiedenen Farbtönungen auf, und er hätte gern gewusst, wodurch sie verursacht wurden. Im Augenblick konnte er nur Vermutungen anstellen; das äußerst seltene Vorkommen von metallischen Elementen in Astras Erdkruste machte vollkommen unerwartete, noch nie dagewesene Verbindungen möglich. Er konnte es kaum erwarten, mit der Arbeit zu beginnen.

Das Luftkissenfahrzeug hatte den Zugang zur Bucht hinter sich und steuerte den östlichsten der drei Hauptarme an. Am nördlichen Arm erblickte Hafner kurz eine Siedlung; sie war jedoch zu weit entfernt, als dass er Einzelheiten hätte erkennen können. Im nächsten Augenblick hatten sie den östlichen Arm erreicht, an dessen Ende eine Ansammlung von Gebäuden stand. Die meisten sahen wie Reihenhäuser aus, doch es gab einige größere, die wahrscheinlich die Gemeinschaftseinrichtungen enthielten oder als Lagerhäuser dienten. Das Material, aus dem sie bestanden, war leicht zu identifizieren; eine Art Lehmziegel, die in Form von Barren gebrannt worden waren, wahrscheinlich, um Zeit zu sparen. Da es auch nur wenig Holz gab, war diese Methode sicherlich effizient, aber der Anblick war trotzdem trostlos.

Neben ihm betrachteten zwei mexikanisch aussehende Männer ebenfalls die Ansiedlung. Aus dem Ton der gemurmelten Bemerkungen entnahm Hafner, dass sie genauso wenig begeistert waren wie er. Er hätte gern gewusst, ob jemand auf die Idee gekommen war, Anstreicherfarben mitzubringen, gelangte aber mit Bedauern zur Erkenntnis, dass solche Überlegungen am unteren Ende der militärischen Prioritätenliste stehen würden.

Im Augenblick brachte die Kleidung der an Land geschäftig herumlaufenden Menschen etwas Farbe in die Szene. In der Nähe des Kais, an dem eines der anderen Luftkissenfahrzeuge entladen wurde, hatte sich eine kleine Menschenmenge angesammelt. Hafners Fahrzeug legte an der anderen Seite des verschweißten, metallenen Landungsstegs an, und der Wissenschaftler ging mit den übrigen Kolonisten an Land.

Es stellte sich heraus, dass die Menge eigentlich eine Schlange war, die sich bei einer vom Militär eingerichteten Freiluft-Kontrollstelle anstellte. Hafner stellte sich dazu; er war froh darüber, dass das Militär so vernünftig war, den Kolonisten nach der Enge des Schiffs einige Zeit an der frischen Luft zu gönnen.

Die Sonne stand direkt über ihnen – es war die Mittagszeit des 27-Stundentages –, und weil jetzt die Vorberge die steife, vom Ozean kommende Brise abhielten, wurde es warm. Hafner zog sein Jackett aus und fragte sich, wie genau die Vorhersagen der Meteorologen über die Jahreszeiten stimmen würden. Infolge von Astras geringerer Achsenneigung sollten die Temperaturunterschiede nicht so krass sein wie in Hafners heimatlichem Pennsylvanien, aber nachdem man erst knapp ein Jahr lang Daten gesammelt hatte, konnte man noch nichts Definitives über das Klima des Planeten sagen. Eigentlich sollte jetzt in diesem Teil von Astra Vorfrühling herrschen, aber dafür war es entschieden zu heiß, und wenn es sich nicht nur um eine vorübergehende Hitzewelle handelte, würden vielleicht sogar die hybriden Getreidesorten, die sie mitgebracht hatten, gefährdet sein. Hoffentlich hatten die Sachverständigen auch solche Möglichkeiten in Betracht gezogen.

Endlich war er an der Reihe. »Name?«, fragte der schwitzende Leutnant, ohne von seinem tragbaren Terminal aufzublicken.

»Peter Hafner. Ich bin Geologe und Dr. Pattersons Gruppe zugeteilt.«

Das Terminal spuckte eine kleine Karte aus. »Hafner, Peter Andrew; 1897 – 22-6618; Wissenschaft/Fachmann.« Der Offizier überreichte Hafner die Karte. »Haus Nr. 127 hier in Unie; die Pläne sind dort drüben im Hof angeschlagen; Mahlzeiten und Orientierungsbesprechungen sind auf der Mitteilungstafel neben den Plänen angegeben. Fragen werden heute Abend bei der Zusammenkunft beantwortet; mit dringenden Fragen kann man sich an den Verwaltungskomplex wenden. Der Nächste!«

Wenigstens haben sie die Geschichte organisiert, dachte Hafner, während er zu dem Menschenknäuel bei der Mitteilungstafel ging. Er überlegte einen Augenblick lang, ob er sich auf die Suche nach dem Verwaltungskomplex machen sollte, um herauszufinden, wo Patterson wohnen würde. Aber wahrscheinlich steckten sie dort bis zum Hals in Arbeit, und es hatte keinen Sinn, wenn er ihnen früher als notwendig auf den Wecker ging. Es genügte, wenn er Patterson am Abend bei der Zusammenkunft traf und dann mit ihm den Arbeitsplan besprach; bis dahin musste er seinen Eifer im Zaum halten. Ein kurzer Blick auf seine neue Unterkunft und ein langer Spaziergang in Unie mussten für heute genügen. Falls sein Gepäck bereits in sein Haus gebracht worden war, konnte er sogar seine Musterbehälter und eine Handvoll Reagenzien auf den Spaziergang mitnehmen.

Er lächelte und ging schneller. Vielleicht würde der Nachmittag doch nicht gänzlich vergeudet sein.

Als die Stadtzusammenkunft von Ceres sich auflöste, glänzten die Sterne über ihnen wie gefrorene Funken; die Handvoll Lichter, die ein Hinweis darauf waren, wo sich die Straßen angeblich befanden, machten den Himmelskörpern keine Konkurrenz. Cristobal Perez ging langsam zu dem Haus, das er mit zwei anderen Männern bewohnte; die Arbeitseinteilung, die bei der Zusammenkunft ausgegeben worden war, knisterte in seiner Tasche.

Schritte knirschten auf dem Kies neben ihm: jemand überholte ihn. Er drehte sich um und erkannte den anderen. »Matro«, grüßte er. »Wie gefällt dir deine neue Heimat bis jetzt? Wirklich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sì?«

Matro Rodriguez knurrte einen alten Nahuatl-Fluch, den Perez schon öfter von ihm gehört hatte. »Feldarbeit. Feldarbeit! Haben wir die Reise nur dazu unternommen, damit wir zur Feldarbeit eingesetzt werden wie Wanderarbeiter?«

»Ich habe dir gesagt, dass du nicht zuviel erwarten sollst.« Perez zuckte die Achseln. »Wenn du jemals in der Armee gewesen wärst, würdest du wissen, dass alle Rekrutierungsoffiziere das Blaue vom Himmel herunterlügen.«

»Wir könnten genauso gut in der Armee sein. Oder hast du dir noch nicht die Liste der Vorschriften angesehen?«

»Ich habe sie mir angesehen. Was hast du erwartet – dass wir hier die neuen Pilgerväter sind und tun und lassen können, was wir wollen?«

Rodriguez hörte ihm offenbar nicht zu. »Hast du bemerkt, dass beinahe alle Bewohner von Ceres Hispanier{1} sind? Und dass wir zu dritt in einem Haus wohnen? Ich bin heute Nachmittag in der Schlange hinter einem dieser Mittelklasse-Wissenschaftlertypen gestanden – er hat in Unie ein Haus ganz für sich allein bekommen.«

»Wir haben wenigstens unseren eigenen See.«

»Da freue ich mich aber. Wahrscheinlich werden die Anglos um ihn herumsitzen, während wir Bewässerungsgräben zu den Feldern ausheben.«

»Du regst dich für nichts und wieder nichts auf. Also schön, sie behandeln uns wie Tagelöhner – vorläufig. Aber es gibt hier viel mehr Kolonisten als Soldaten, und ich glaube nicht, dass die Anglos lange von den Armeevorschriften begeistert sein werden. Wenn wir zusammenhalten, können wir diesen Planeten zu dem machen, was sie uns versprochen haben.«

Rodriguez sah ihn scharf an. »Du hast schon immer sehr gut reden können, nicht wahr? Als man uns bei der Zusammenkunft für die Feldarbeit eingeteilt hat, hast du kein Wort davon gesagt.«

»Natürlich nicht – schließlich müssen wir alle essen. Aber die Zeit wird kommen, Matro, und dann werden wir diejenigen sein, die aus der Position der Stärke verhandeln. Glaube mir.«

Matro schnaubte. »Ich glaube es erst, wenn es soweit ist. Buenas noches.« Er schritt schneller aus und verschwand in der Dunkelheit.

Perz sah ihm nach und verzog die Lippen. Er und Rodriguez waren seit ihrer Schulzeit in Texas befreundet, aber der benützte noch immer seinen Mund und seine Fäuste statt seines Gehirns. Wahrscheinlich würde er auch hier irgendwann hochgehen und sich damit eine Menge Schwierigkeiten einhandeln. Wenn es dazu kam, würde Perez eben sein Möglichstes tun müssen, um Rodriguez zu helfen. Es war mühsam, aber Rodriguez gehörte zum Volk, und Perez konnte kaum behaupten, dass er darauf aus war, die Welt zu retten, wenn er nicht auch darauf aus war, das Volk zu retten.

Weil er in seine Gedanken versunken war, hatte er seine Abzweigung übersehen und musste zurückgehen. Er ging den schwach beleuchteten Weg zu seinem neuen Zuhause hinunter und hoffte, dass seine Hausgefährten nicht vorhatten, lange Gespräche zu führen. Wie bei allen ländlichen Gemeinwesen begann der Tag auf Ceres zeitig.

Carmen Olivero zog das Laken bis zum Kinn hinauf und schaltete mit einem erschöpften Seufzer das Licht ab. Erst ein Tag auf Astra, dachte sie, und ich habe schon eine Woche Rückstand. Ein neuer Rekord. Eigentlich sollte sie noch im Unie-Verwaltungskomplex sitzen, wo der Rest des Organisationsstabs damit beschäftigt war, die endgültigen Arbeitseinsatzpläne sowie Ausrüstungen und Vorräte zu überprüfen. Letztere waren zwar beim Beladen der Schiffe gecheckt worden, aber der Check musste wiederholt werden, weil es während des Flugs unter Umständen zu Beschädigungen gekommen war. Doch Oberst Meredith hatte ihrer Gruppe ausdrücklich befohlen, um sieben Uhr früh gestellt zu sein, und sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, auf Schlaf zu verzichten, wenn sie ihre Arbeit wenigstens halbwegs ordentlich machen wollte, auch wenn sie unter einer Weltraum-Zeitverschiebung litt.

Sie schloss die Augen, aber ihr Gehirn konnte offenbar noch nicht abschalten. Sie sah Inventurlisten und Lagerungspläne für die Vorräte vor sich und hatte das Gefühl, unter einer Lawine von Papier zu ersticken. Sie machte diese Arbeit seit fünfzehn Jahren und stand trotzdem dem ungeheuren Komplex ihres neuen Jobs vollkommen unvorbereitet gegenüber. Zehntausend Kolonisten und Militärs benötigten eine Menge Vorräte, und bis auf Wasser lieferte Astras Umwelt praktisch nichts. Wenn ihnen etwas ausging, dann war der Weg von der Erde bis hierher sehr, sehr lang.

Sie kämpfte zehn Minuten um den Schlaf, bis sie endlich das Laken zurückschlug und barfuß in die Küche tappte. Die Lebensmittelvorräte waren noch nicht an die einzelnen Häuser verteilt worden, aber die Installationen und der Mikrowellenherd funktionierten, und sie trug immer einige Päckchen Instantschokolade in ihrem persönlichen Gepäck mit sich herum. Ein paar Minuten später saß sie mit der dampfenden Tasse am Küchenfenster und lauschte den leisen Geräuschen und dem Maschinenlärm von den Kais. Ich bin neugierig, wann mir Fort Dix fehlen wird, dachte sie. Weder das Fort noch der Rest von Jersey waren ihr besonders ans Herz gewachsen, aber da sie in ihrem Leben sehr oft versetzt worden war, wusste sie ganz genau, dass das Heimweh sie irgendwann überfallen würde. Während ihrer Anfangszeit bei der Armee hatte sie manchmal geglaubt, dass sie den Schmerz nicht ertragen konnte, weil sie auch die Freunde verlor; jetzt, im reifen Alter von sechsunddreißig Jahren, wusste sie, dass ihr das Leben nur einige Tage lang öd vorkommen würde. Trotzdem war es nicht lustig. Sie trank vorsichtig ihre heiße Schokolade. Irgendwann werde ich diesen Unsinn aufgeben und mich irgendwo endgültig niederlassen müssen, dachte sie. Vielleicht, wenn wir Astra auf die Beine gestellt – oder wenn wir das Handtuch geworfen haben und nach Hause fliegen. Was eben zuerst kommt.

Merkwürdigerweise erschien ihr keine der beiden Möglichkeiten im Augenblick sehr attraktiv. Philosophiere nie um zwei Uhr früh, rief sie sich Nummer zwölf ihrer persönlichen Lebensregeln ins Gedächtnis und ließ das Thema fallen. Sie trank die Schokolade aus, spülte die Tasse und stellte sie neben die Spüle; sie hoffte, dass ihre neue Hausgenossin keine Reinlichkeitsfanatikerin war. Als sie wieder im Bett lag, stellte sie fest, dass ihr Gehirn endlich auf Leerlauf geschaltet hatte, und dass sie jetzt bestimmt einschlafen konnte. Sie kuschelte sich in das Kissen, schloss die Augen und überließ es der Zukunft, ihre Probleme zu lösen.

2. Kapitel

»… und hier sind deine Inventarlisten von Crosse«, erklärte Major Thomas Brown und legte einen letzten Stapel Ausdrucke auf Oberst Merediths Schreibtisch. »Die Aurora ist jetzt leer, und die letzte Ladung der Pfadfinder ist hierher unterwegs. Bei dem Zeug, das noch gesichtet werden muss, handelt es sich vor allem um Großpackungen von Lebensmitteln, Bekleidung und Düngemittel.«

Meredith nickte und überflog die erste Seite des Ausdrucks. Seine Augen erinnerten ihn schmerzhaft daran, dass drei Stunden Schlaf für einen Mann in seinem Alter zu wenig waren. »Wie hält der Landestreifen durch?«, fragte er.

»Eigentlich recht gut. Die Repulsionsmotoren, die die Ctencri verkaufen, sind zwar sehr heiß, aber weil die Shuttles bei Start und Landung ein kürzeres Stück der Rollbahn benützen, wird der Permbeton weniger beansprucht. Natürlich werden einige Reparaturen notwendig sein, aber wir haben drei Wochen, bis die Celeritas mit Nachschub kommt.«

»Gut. Haben wir genügend Platz, damit die Flieger aufsteigen können?«

»Klar. Sie brauchen kaum mehr als ihre eigene Länge, wenn man die Repulsionsmotoren voll aufdreht.«

»Das weiß ich, aber ich möchte sie lieber nicht auf höhere Touren bringen als unbedingt notwendig. Man weiß nie, wie lang die Halbwertzeit eines Klumpens Technologie ist.«

»Die Zahlen der Ctencri …«

»Stammen von einem Ctencri-Handlungsreisenden. – Muss ich mehr sagen?«

Brown räusperte sich. »Sie sollten trotzdem keine Schwierigkeiten haben. Am schlechtesten sieht die Mitte der Rollbahn aus, und die Flieger haben zu beiden Seiten mühelos Platz.«

»Gut.« Meredith wählte auf seinem Handgelenk-Telefon eine Nummer.

»Martello Hangar, Greenburg«, meldete sich jemand.

»Oberst Meredith. Sind die Flieger schon überprüft worden?«

»Zwei sind startbereit, Sir. Der dritte wird in ungefähr einer Stunde soweit sein.«

»Okay. Schicken Sie die ersten beiden Teams hinaus, der Tower soll sie überwachen und alle Daten aufzeichnen.«

»Ja, Sir.«

Meredith schaltete die Verbindung ab und wandte sich wieder Brown zu. »Hat die Aussaat pünktlich begonnen?«

»Größtenteils. Heute früh war bei den Feldern in Crosse der Anteil an Zink und Mangan noch zu niedrig, und Doktor Haversham hat angeordnet, dass noch eine Lage Dünger aufgebracht werden soll. Er nimmt an, dass die Flüsse, die die Felder begrenzen, einen überdurchschnittlich raschen Grundwasseraustausch verursachen, der die zusätzlichen Mineralien absaugt. Oder so ähnlich.«

»Großartig. Aber wenn das der schlimmste Schnitzer ist, den sich die Ingenieure geleistet haben, ist es zum Aushalten.«

»Wir besitzen wenigstens übergenug Dünger.« Brown sah Meredith neugierig an. »Glauben Sie, dass Sie im Hinterland Kapitän Kidds Schatz oder sonst etwas Wertvolles finden werden?«

»Was? Ach – die Flieger? Nein, ich meine nur, dass wir uns das Gebiet um die Siedlung genauer aus geringer Höhe ansehen sollten.«

Brown zuckte die Achseln. »Wir besitzen kartographierte Fotos des Gebiets in einem Umkreis von hundert Kilometern. Was brauchen wir mehr?«

Ein leises, pfeifendes Geräusch erfüllte den Raum, und Meredith, der zum Fenster hinaussah, erblickte die beiden schlanken Flieger, die in Richtung auf den Olympus davonschossen. Er hatte mit den für das Budget Verantwortlichen erbittert darum gekämpft, ein halbes Dutzend der von den Ctencri erzeugten Flugzeuge für Astra zu bekommen, und hielt es für einen Glücksfall, dass ihm drei bewilligt worden waren. Obwohl die Flieger hauptsächlich für normale Flüge gedacht waren – ihre Plasmajets verwendeten atmosphärischen Sauerstoff, um den Treibstoff bei Präplasmatemperaturen zu verbrennen –, waren die Flieger mit einem unabhängigen Sauerstoffvorrat ausgerüstet, mit dem sie einen niedrigen Orbit erreichen konnten, was bedeutete, dass sie in Notfällen als zusätzliche Shuttles eingesetzt werden konnten. »Nehmen wir an«, erklärte Brown, »dass es auf Astra Kolonien von ruhenden Sporen gibt, deren Wachstum aber einsetzt, wenn sich der Metallgehalt des Bodens erhöht – zum Beispiel, wenn einer der eine Million Kilometer entfernten Asteroiden auf den Planeten stürzt. Ein Teil unseres Düngers wird bestimmt von den Feldern verweht, und wenn er irgendwo irgendetwas zum Wachsen bringt, möchte ich Fotos von ›vorher‹ haben.«

Brown pfiff leise. »An so etwas habe ich nie gedacht«, gab er zu. »Wahrscheinlich hat man mir deshalb die Rollbahnen und Flughäfen übertragen. Die sind unkomplizierter.«

»Die Idee ist auch nicht auf meinem Mist gewachsen – sie ist den Biologen eingefallen. Wenn man darüber nachdenkt, entspricht unsere Situation der Wüstenökologie. Nur sind es hier Metalle statt Wasser.« Meredith unterbrach sich, als in der Ferne ein Überschallknall ertönte. »Klingt, als würde das letzte Shuttle hereinkommen.«

Brown stand auf. »Ja. Ich sehe mir lieber an, wie weit sie mit dem Ausladen sind, und schicke die Luftkissenfahrzeuge schleunigst nach Martello zurück. Sollten Ihre Terminals schon angeschlossen sein, wenn wir die Inventurlisten bekommen, gebe ich sie Ihnen durch; wenn nicht, bringe ich Ihnen später eine Kopie.«

»In Ordnung. Vergewissern Sie sich genau, dass wir alles haben, bevor Sie die Aurora starten lassen.«

Meredith griff nach dem obersten Ausdruck, schlug die letzte Seite auf und überflog die Schadensliste. Es war nicht sehr schlimm: einige Laborgeräte aus Glas waren zerbrochen, und ein paar Säcke mit Dünger waren aufgeplatzt. Bei einem Punkt verzog er allerdings das Gesicht – eine der zerbrochenen Schüsseln war ein wichtiger Teil des Apparats, in dem die Fischeier mit dem Sperma befruchtet werden sollten. Es gab natürlich Ersatzteile, aber nicht so viele, dass Meredith oder die Wissenschaftler zufrieden gewesen wären. Idioten, dachte er verbittert, sie erteilen mir einen Auftrag und geben mir nur das absolute Minimum, mit dem ich ihn durchführen kann. Er wusste, dass der Vorwurf nicht ganz fair war. Präsident Allerton stand hundertprozentig hinter der Kolonie; aber Astras Nabelschnur lag in den Händen von einigen kurzsichtigen Kongressmännern. Sie hielten das Ganze offenbar für ein Komplott der UNO, um die USA ihres Menschenpotenzials und ihrer Geldmittel zu berauben, und hatten das Budget der Kolonie entsprechend zurechtgestutzt.

Meredith legte den Ausdruck zur Seite und griff nach dem nächsten. Die Monate der logischen Erklärungen, der Überredung und des sanften Drucks waren vorbei, und er hatte jetzt nichts anderes zu tun, als Astra so rasch und so gut wie möglich in Schwung zu bringen. Uncle Sams Ehre – ganz zu schweigen von seiner eigenen Chance, Brigadegeneral zu werden – stand auf dem Spiel. Er würde den Spöttern beweisen, dass sie unrecht hatten.

Damit machte er sich wieder an die Arbeit.

Etwa eine Stunde später summte das Telefon – die Nachricht war schlecht. »Flieger Zwei ist abgestürzt, Oberst«, meldete ein nervöser Leutnant. »Irgendwo südsüdwestlich von Olympus.«

Meredith überlief es kalt. In der Nähe des Vulkans? Während er durch den Raum lief, blickte er rasch aus dem Fenster, aber aus dem fernen Kegel stieg kein Rauch auf. »Was ist geschehen?«, fragte er, während er die Tür aufriss und seinem Adjutanten mit einem Handzeichen befahl, den Wagen zu holen.

»Wir wissen es nicht genau, Sir. Wir haben nur die verstümmelte Meldung aufgefangen, dass die Repulser verrückt spielen, dann brach die Verbindung ab.«

Diese verdammte unzuverlässige fremde Technologie. »Ist eines der normalen Flugzeuge schon einsatzbereit?«

»Eines, Sir.«

»Schicken Sie ein Ärzteteam an Bord und lassen Sie es starten. Sie sollen mich östlich von Unie abholen – sie können auf der Straße von Unie nach Crosse landen. Wo ist Flieger Eins?«

»Unterwegs zum Olympus, Sir. Er befand sich südlich von hier über den Kaf-Bergen, als Zwei abstürzte.«

»Widerrufen Sie den Befehl! Eins soll sofort zur Basis zurückkehren.«

»Ja, Sir.« Das Telefon verstummte kurz, dann meldete sich der Leutnant von einem anderen Apparat. »Die Cessna wird jetzt hinausgerollt, Sir. In fünf Minuten oder weniger ist sie in der Luft.«

Leutnant Andrews hatte den Wagen bereits gestartet, als Meredith hineinglitt. »Gut. Wir warten einige hundert Meter außerhalb der Stadt. Lassen Sie es mich sofort wissen, wenn Zwei sich wieder meldet.«

Es stellte sich heraus, dass das Ärzteteam unnötig war. Beide Mann der Besatzung waren tot.

Meredith ging vorsichtig über die Absturzstelle und versuchte, seine Magenkrämpfe zu vergessen. Die Maschine hatte eine etwa hundert Meter lange Furche gezogen, an der Teile des Wracks lagen, und war schließlich als wirrer Metall- und Plastikhaufen zum Stillstand gekommen. Die genauso übel zugerichtete Besatzung befand sich noch im Cockpit.

Die Absturzspezialisten waren am späten Nachmittag mit ihren Untersuchungen fertig und kehrten nach Martello zurück. »Soweit wir es beurteilen können, Oberst«, erklärte der Hauptmann, der das Team leitete, »haben anscheinend alle Repulser gleichzeitig ausgesetzt. Wir werden mehr wissen, wenn die Elektronikleute mit dem Zeug fertig sind, das wir mitgebracht haben.«

Meredith nickte, während er zusah, wie die Cessna wieder in den Hangar gerollt wurde. Er war sehr bald mit den Ärzten und den Leichen zurückgekehrt, weil er wusste, dass er an der Absturzstelle nur im Weg stehen würde, und weil er hoffte, dass er inzwischen seine eigentliche Arbeit erledigen konnte. Die Taktik war nicht sehr erfolgreich gewesen, denn sein Gehirn hatte sich verständlicherweise geweigert, sich auf Inventurlisten zu konzentrieren. »Haben Sie eine Ahnung, warum die Repulser versagt haben?«

»Nicht die geringste, Sir. Ich würde sogar sagen, dass es unmöglich sein müsste. Die drei Systeme arbeiteten vollkommen unabhängig voneinander.«

»Das Radar hat gezeigt, dass sie ziemlich langsam flogen, als es geschah. Wenn die Repulser an der Unterseite ausfielen, hätten sie dann noch Zeit gehabt, auf Geradeausflug zu schalten?«

»Unbedingt – sie waren hoch genug, und dieses Manöver ist in den Bordcomputer einprogrammiert. Und wenn sie es versucht und nicht rechtzeitig die erforderliche Geschwindigkeit erreicht hätten, dann wären sie viel heftiger aufgeprallt.« Der Hauptmann schüttelte den Kopf.

»Also gut«, sagte Meredith nach kurzem Schweigen. »Befassen Sie sich mit der Analyse; ich erteile den anderen beiden Flugzeugen Startverbot, bis Sie herausgefunden haben, was schiefgegangen ist.«

»Ja, Sir. Es … es tut mir leid, Oberst.« Der Hauptmann grüßte und machte sich auf den Weg zum Hangar.

Auch mir tut es leid, dachte Meredith, während er zum Anlegeplatz ging. Der erste volle Tag auf Astra, und er hatte bereits zwei Männer verloren. Damit hast du es den Spöttern wirklich gezeigt, Meredith. Vielleicht sollte ich mich als Draufgabe in den Fuß schießen.

Drei der fünf Luftkissenfahrzeuge schaukelten neben dem Landesteg im Wasser, aber Meredith zog ein kleines Motorboot vor. Er legte ab und fuhr mit halber Kraft zur schmalen Einfahrt der Splayfoot Bucht. Auf seinem Terminal in Unie würden bereits die Totenscheine warten, und sein Magen krampfte sich wieder zusammen, als er daran dachte, dass er sie ausfüllen musste. Er war nie damit fertiggeworden, wenn unter seinem Befehl stehende Männer starben, nicht einmal als Frontoffizier im Honduraskonflikt, als er jeden zweiten Tag damit konfrontiert wurde. Jetzt musste er feststellen, dass nicht einmal die Jahre als Bürohengst ihm beigebracht hatten, menschliche Wesen als gesichtslose Zahlen zu sehen. Diese verdammten Ctencri, dachte er, während er um einen unter Wasser liegenden Felsen herumfuhr. Wenn sich herausstellt, dass es ein Konstruktionsfehler war, drehe ich ihnen ihre idiotischen Kämme um.

Er bog gerade in den fünf Kilometer langen Meeresarm ein, der nach Unie führte, als sein Telefon summte. Er meldete sich.

»Hier spricht Major Dunlop, Oberst«, sagte der Anrufer. »Ich befürchte, dass sich in Ceres ein Aufstand zusammenbraut.«

Meredith nahm das Gas weg. »Erklären Sie es genauer.«

»Etwa hundert hispanische Feldarbeiter haben sich vor dem Verwaltungsgebäude versammelt und brüllen etwas über bessere Unterkünfte und Freizeiteinrichtungen. Ich habe meine Männer entsprechend postiert, aber wenn es hart auf hart geht, habe ich bei weitem nicht genügend Leute. Können Sie mir vielleicht etwa dreißig Mann schicken?«

»Haben Sie versucht, mit ihnen zu sprechen?«

»Wenn ich die Tür öffne, Sir, sind sie im Gebäude, bevor wir sie aufhalten können.«

Die Antwort kam nicht unerwartet. Dunlop war ein ausgezeichneter Verwaltungsoffizier, aber Kompromiss und Diplomatie waren für ihn Fremdworte. Für ihn bestand die einfachste Lösung darin, mit Betäubungsgewehren auf die Menge zu schießen, und das war das letzte, was Meredith jetzt brauchen konnte. »Schön, dann verhalten Sie sich passiv. Ich bin in ein paar Minuten in Unie, lasse ein Team bereitstellen, und wir kommen sofort zu Ihnen hinüber. Versuchen Sie nur dann, den Aufstand niederzuschlagen, wenn Ihr Leben oder Ihre Sicherheit unmittelbar bedroht sind. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, Sir. Ich würde empfehlen, dass Sie sich mit den Verstärkungen beeilen.«

»Verstanden. Ende.«

Meredith gab abrupt Vollgas. Ausgerechnet Verstärkungen, dachte er, während das Boot mit einem Sprung vorwärtsschoss. Was Dunlop brauchte, war ein Verhandlungsteam, und genau das würde er bekommen, womöglich eines, dessen Mitglieder halbwegs fließend Spanisch sprachen. Zuerst stürzt der Flieger ab, und jetzt das. Parkinsons Gesetz trifft heute wirklich zu.

Er hob das Telefon, wählte Leutnant Andrews' Nummer und begann, Befehle zu erteilen.

»Wir sind zu dritt und manchmal sogar zu viert in einer Wohnung untergebracht«, schrie Matro Rodriguez. Seine Ochsenfroschstimme war trotz der Zwischenrufe und des Gemurmels der Menge deutlich zu verstehen. Cristobal Perez beobachtete abwechselnd die Menge und das flache Gebäude, vor dem sie standen. An seinen Fenstern zeigten sich keine Gesichter, aber Perez wusste, dass sie beobachtet wurden. Früher oder später würden die Militärs finden, dass die Belagerung lang genug gedauert hatte, und handeln. Idioten, dachte er, als er bemerkte, dass einige Männer die geballten Fäuste über dem Kopf schwangen. Sie werden nur den Major auf die Palme bringen und ihn zwingen, etwas zu unternehmen. Sie besaßen noch keine wirtschaftliche, und schon gar keine politische Macht. Sie waren nur zahlreich, und sie konnten nur mit Gewalt drohen; so etwas funktionierte nur, wenn die Machthaber nicht schießen wollten. Die Soldaten hatten bestimmt keine derartigen Hemmungen.

An einem der dunklen Fenster bewegte sich etwas: jemand ging offensichtlich in Schussposition. Perez fluchte leise und drängte sich in die vorderste Reihe. Er hatte gehofft, dass Dunlop noch eine Weile durchhalten würde; denn wenn die Menge genügend Dampf abgelassen hatte, würde sie vielleicht friedlich nach Hause gehen. Aber wenn er jetzt Soldaten an die Fenster stellte, konnte das nur bedeuten, dass er ernst machen wollte.

Niemand schien Perez zu bemerken, als er sich neben Rodriguez schob, der genau vor der Tür des Verwaltungsgebäudes stand. Als er die Hand hob, sahen ihn nur einige Männer fragend an. »Freunde!«, rief er, aber seine Stimme war bei weitem nicht so laut wie die von Rodriguez. Er holte gerade Luft, um es noch einmal zu versuchen, als die Arbeiter erwartungsvoll verstummten.

Er drehte sich um – und stand Major Dunlop Auge in Auge gegenüber.

Der Major öffnete den Mund, um zu sprechen, aber Perez hatte immer schon schnell geschaltet und kam ihm zuvor. »Guten Tag, Major.« Es gelang ihm, gleichzeitig Respekt und gerechtfertigtes Missfallen in seine Stimme zu legen. »Wir möchten mit Ihnen über die Bedingungen …«

»Also schön, ihr faulen Störenfriede«, brüllte Dunlop, ohne Perez auch nur zu beachten. »Ihr habt genau dreißig Sekunden Zeit, um zu verschwinden und an eure Arbeit zu gehen. Wenn ihr die Aufforderung nicht befolgt, werdet ihr es bedauern. Und jetzt fort mit euch!«

3. Kapitel

»Stellen Sie sich unter ›Passiv verhalten‹ einen Schießbefehl vor?«, fragte Meredith eisig.

Dunlop stand steif wie ein Wachtposten an der Tür zum Verwaltungsgebäude, und obwohl die Schleifspuren der weggeschleppten Körper noch im Staub zu sehen waren, gab er keinen Zollbreit nach. »Ich bin hinausgegangen, um mit den Leuten zu sprechen, wie Sie vorgeschlagen haben. Die Menge drängte nach vorn, und meine Männer eröffneten das Feuer, um mich zu schützen. Ehrlich, Sir, ich weiß nicht, wo das Problem liegt. Wir mussten nur einige von ihnen betäuben, dann haben sich die übrigen zerstreut, und das nächste Mal werden sie es sich überlegen.«

»Wir werden uns später über ›das Problem‹, wie Sie es nennen, unterhalten.« Meredith bemühte sich, seine Wut zu beherrschen. Er hatte nicht vorgehabt, Dunlop vor seinen Offizieren auseinanderzunehmen, aber er wusste nicht, ob er sich daran halten würde. »Wo ist der Mann, den Sie verhaftet haben, und warum halten Sie ihn für einen der Rädelsführer?«

»Er heißt Cristobal Perez und ist Feldarbeiter. Er stand in der vordersten Reihe und führte die Menge an.«

»Ich will mit ihm sprechen.«

»Wie Sie wollen – aber ich sage Ihnen jetzt schon, dass er nicht sehr kooperativ ist. Wir halten ihn in einem der hinteren Büros fest.«

»Gut.« Meredith betrachtete noch einmal die Schleifspuren auf dem Boden und winkte Andrews zu sich. »Ich möchte, dass Sie und die übrigen Offiziere die am Zwischenfall beteiligten Soldaten ausfindig machen und sie Erklärungen abgeben lassen. Machen Sie ihnen klar, dass wir es nicht auf ihre Skalps abgesehen haben, sondern dass wir nur Informationen wollen. Wenn Sie damit fertig sind, treiben Sie zivile Zeugen oder Teilnehmer auf und wiederholen Sie die Befragung.«

»Ja, Sir. Soll einer der Spanisch sprechenden Beamten bei Ihnen bleiben?«

»Wäre nicht schlecht. Wer ist der Beste?«

»Carmen Olivero.« Andrews zeigte auf die attraktive Frau, die zwischen den uniformierten Männern stand. Sie war die einzige, die Zivilkleidung trug, und Meredith nickte.

»Kommen Sie mit, Miss Olivero. Gehen wir, Major!«

Dunlop führte sie ins Gebäude und durch einige Korridore zu einer Tür, neben der zwei Posten mit Betäubungsgewehren standen. Die Soldaten nahmen Haltung an, Dunlop öffnete die Tür, ohne zu klopfen, und trat ein.

Cristobal Perez lag auf dem Fußboden vor dem Schreibtisch auf dem Rücken. Man hatte ihm ein zusammengefaltetes Jackett als Kissen unter den Kopf geschoben. Etwa fünf- oder sechsundzwanzig, schätzte Meredith, und das Gesicht zeigte bereits die Spuren eines Lebens unter freiem Himmel. Perez hielt die Augen geschlossen; jetzt öffnete er sie kurz, musterte die Neuankömmlinge, und schloss sie wieder. »Sie haben wahrscheinlich auch diesmal keinen Arzt mitgebracht«, stellte er müde fest.

»Sie brauchen nichts als Ruhe«, erklärte ihm Dunlop. »Die Nachwirkungen hören in etwa einer Stunde auf. Stehen Sie jetzt auf – Oberst Meredith will Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Ach, Oberst Meredith?« Perez traf keine Anstalten, sich zu erheben, öffnete jedoch neuerlich die Augen und blickte von Meredith zu Carmen und wieder zurück. »Lassen Sie immer die unter Ihrem Befehl stehenden Männer auf unbewaffnete Zivilisten feuern?«

»Seien Sie froh, dass sie nur Betäubungsmunition verwendet haben.« Meredith beobachtete den anderen scharf. »Es gibt andere Methoden, mit einem Mob fertigzuwerden, die genauso unangenehm sind, deren Wirkung aber länger anhält.«

Bei dem Wort »Mob« verzog Perez zornig das Gesicht; aber statt der Explosion, die Meredith erwartet hatte, verschanzte sich der Hispanier hinter einer steinernen Maske. »Sie sind offenbar nie von einem dieser verdammten Dinger getroffen worden«, sagte er und schloss die Augen.

»Nein. Aber man hat mit scharfer Munition auf mich geschossen. Wie wäre es, wenn Sie mir erzählen, was draußen geschehen ist?«

»Mein Wort gegen das von Dunlop? Nein, danke – im Augenblick bekomme ich so wenig Luft, dass ich sie nicht vergeuden will.«

»Wenn Sie die Wahrheit …«

»Ich war einige Jahre in der Armee, Oberst«, unterbrach ihn Perez. »Ich weiß, wie das Militär zusammenhält. Machen Sie einfach weiter, rechnen Sie sich mein Urteil aus und vergessen wir das Theater mit der Unparteilichkeit.«

»Perez …«, begann Dunlop.

»Nein, es ist schon in Ordnung, Major«, unterbrach Meredith seinen Untergebenen; er verfluchte im Geist seine Unvorsichtigkeit. Seine bewusst taktlose Antwort hatte zwar eine Reaktion bei Perez erzwungen, aber dass dieser nun in Schweigen versank, kam unerwartet. Jetzt war ein strategischer Rückzug angebracht. »Wann immer Sie bereit sind zu sprechen, Perez, lassen Sie es mich wissen.« Damit verließ Meredith das Zimmer; Dunlop und Carmen folgten ihm.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, dass er nicht sehr kooperativ ist«, bemerkte Dunlop, als die drei nach ein paar Metern stehenblieben.

»Was für Anschuldigungen haben Sie gegen ihn erhoben?«

»Aufwiegelung, Zusammenrottung in verbrecherischer Absicht – und noch ein paar Kleinigkeiten. Hauptsächlich Schulbeispiele.«

»Lassen Sie sie fallen. Miss Olivero …«

»Alle?«, fragte Dunlop verständnislos.

»Richtig. Wo liegt das Problem? Wenn meine Untersuchungen ergeben, dass er tatsächlich etwas verbrochen hat, können wir ihn immer noch unter Anklage stellen. Er kann ja nicht einmal die Stadt verlassen. Miss Olivero, ich möchte, dass Sie zu Perez zurückgehen und mit ihm sprechen.«

Carmen sah ihn mit großen Augen an. »Ich, Oberst? Ich verstehe überhaupt nichts von Verhörmethoden.«

»Ich will auch nicht, dass Sie ihn verhören, sondern nur, dass Sie sich eine Weile mit ihm unterhalten. Finden Sie zum Beispiel heraus, worüber er sich eigentlich beschwert. Machen Sie ihm klar, dass wir weder ihn noch einen anderen zum Sündenbock machen wollen. Sie sind Zivilistin; vielleicht wird er Ihnen gegenüber aufgeschlossener sein.«

Carmens Lippen zuckten, aber sie nickte. »Gut, ich werde es versuchen.« Sie ging zu den Wächtern zurück, holte tief Luft, klopfte und trat ein.

»Haltet die Ohren offen, falls es drinnen Schwierigkeiten geben sollte«, befahl Dunlop den Soldaten leise.