Atem – Die Lösung für dein Trauma - Daniel Alan - E-Book

Atem – Die Lösung für dein Trauma E-Book

Daniel Alan

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Beschreibung

Zwischen dem ersten Atemzug bei der Geburt und dem letzten am Ende unseres Lebens ist der Atem nicht nur eine biologische Funktion, sondern unser innerster Begleiter. Er trägt unsere Emotionen, formt unser Erleben, spiegelt unseren Zustand – und kann, wenn wir ihn bewusst nutzen, ein tief wirksames Mittel zur Bewältigung von Trauma werden. In diesem Buch zeigt der Breathwork-Lehrer und Traumatherapeut Daniel Alan, wie bewusste Atemarbeit helfen kann, traumatische Prägungen zu lösen, das Nervensystem zu regulieren und wieder Zugang zu innerer Sicherheit, Selbstverbundenheit und Lebendigkeit zu finden. Fundiert durch aktuelle neurobiologische Forschung und getragen von jahrelanger Praxis vermittelt dieses Buch, wie Atemarbeit nicht nur Symptome lindern, sondern tiefgreifende Transformation ermöglichen kann. Es verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit spiritueller Tiefe und einem zutiefst menschlichen Verständnis von Heilung. Mit klarer Sprache, bewegenden Beispielen und praxiserprobten Übungen begleitet dich dieses Buch auf dem Weg zurück zu dir selbst – in ein Leben, das nicht mehr von alten Wunden bestimmt wird, sondern aus der eigenen Mitte heraus gestaltet werden kann. Der Atem ist mehr als ein physiologischer Vorgang. Er ist ein Schlüssel zur Heilung, zur Bewusstheit – und zu einem Leben in Verbindung.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchvorderseite

Daniel Alan

Atem

Die Lösung für dein Trauma

Inhalt

Vorwort: Die verlorene Verbindung zum Atem
Warum Atemarbeit?
BEDIENUNGS­ ANLEITUNG FÜR DEN ATEM
Die basis: Atem, nervensystem und bewusstseinszustände
Zuerst der Zustand
Nervensystem-Basics
Aus autonom wird willentlich
Selbstregulation
»Top Down – Bottom Up«-Regulation
Hoch- und Herunterregulieren: Die Kunst der inneren Steuerung
Vom Opfer zum Macher
Warum regulieren?
Grob und fein
Praxis der Atemarbeit: methoden, Prinzipien und Alltagseinbettung
Der Atem als tägliche Medizin
Was ist eine gesunde Alltagsatmung?
Selbstregulation und Lebenspraxis
Wie kann ich eine Atempraxis praktisch integrieren?
Zuhören
Hinweis zu Gesundheit und Verantwortung
Drei Atemtechniken für ein reguliertes nervensystem
Vor jeder Atempraxis
4-4-8-Atmung zur Herunterregulation
Zyklische Hyperventilation fürs Hochregulieren
Zyklisches Seufzen zum Ausgleich
WENN DIR DER ATEM GENOMMEN WIRD … UND WIE DU IHN WIEDERFINDEST
Die ersten wunden erkennen
Was ist Trauma und wie wirkt es sich auf uns aus?
Bin ich traumatisiert?
Zwei grundlegende Arten von Trauma
Situationsbasiertes Trauma
Vollendung
In Atemsessions
Von einem Zustand in den nächsten
Trauma-Response
Fenster der Toleranz
Der Weg durch alte Reaktionsmuster
Entwicklungsbasiertes trauma
Entwicklung der Identität
Schichten des Selbst
Emotionale Regulationsmuster
Kognitive Schemata
Narratives Selbst
Störungen in der Entwicklung des Selbst
»Normaler« Schmerz oder entwicklungsbasiertes Trauma?
Bewältigung von entwicklungsbasiertem Trauma
Positive erfahrungen von co­regulation
Co-Regulation als evolutionärer Vorteil
Die Wurzeln unserer inneren Sicherheit
Nähe und Distanz
Sicherheit
Trigger
Neue Erfahrungen heilen alte Wunden
Entwicklung metakognitiver intelligenz
Dissoziation und Assoziation
Breathwork und Metakognition
Neurowissenschaftlich
In der Praxis
Nachnähren von Qualitäten, die gefehlt haben
Innere Anteile
Reparenting
Beruhigen und beleben – wie Mutter und Vater unser Nervensystem prägen
Achillesferse und entwicklungsbasiertes trauma als Superkraft
Meine eigene Achillesferse
Entwicklungsbasiertes Trauma als Superkraft
Heilung oder Bewältigung?
Ehrliche Schatten von Atemarbeit
Was bedeutet Retraumatisierung eigentlich?
Breathwork und Retraumatisierung
Ist Breathwork sicher?
Welche Art von Angebot für dich?
Professionalität der Arbeit
SPUREN IM WIND
Atem und Aufmerksamkeit
Der Preis der Ablenkung
Aufmerksamkeit und Neurobiologie
Oszillierender Atem
Atem als tor zur Seele
Bewusstseinserweiternde Zustände wissenschaftlich erklärt
Atem und Natur
Der zweite Atemzug
Atem und Mystik
Ausatmen
Danksagung
Literatur

Vorwort: Die verlorene Verbindung zum Atem

Unser Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem letzten.

Dazwischen ist der Atem mehr als nur eine biologische Notwendigkeit – er ist der stille Begleiter unseres gesamten Daseins. Er schenkt uns nicht nur Sauerstoff, sondern verbindet uns mit dem gegenwärtigen Moment, vermittelt uns Ruhe inmitten von Chaos, und er kann uns die Kraft geben, uns neu auszurichten.

Der Atem ist Träger unserer Emotionen, Ausdruck unserer Energie und ein Spiegel unseres inneren Zustands. Er ist eine Brücke zwischen Körper, Geist und Seele – immer verfügbar, immer zuverlässig, und doch oft unbeachtet. Wir atmen eben. Meist automatisch.

In der Hektik unseres Alltags – zwischen Terminen, Verpflichtungen und dem ständigen Streben nach mehr – verlieren wir oft den Kontakt zu unserem Atem. Und mit ihm verlieren wir etwas noch Wesentlicheres: den Kontakt zu uns selbst.

Es beginnt oft schleichend. Ein zu voller Kalender, der uns morgens aus dem Bett und abends erschöpft wieder hineinzieht. Entscheidungen, die wir treffen, weil sie von uns erwartet werden – nicht, weil sie uns entsprechen. Die wir vielleicht gar nicht treffen wollen.

Wir beginnen, unsere Bedürfnisse zu überhören. Die feinen Signale unseres Körpers, die uns sagen, dass wir eine Pause brauchen, bleiben in weiten Teilen unbemerkt. Die leise Stimme der Intuition, die uns den Weg weisen könnte, wird von einem ständigen inneren Lärm übertönt. Wir funktionieren, ja – aber wir leben nicht wirklich.

Jeder flache Atemzug ist ein stummes Echo dessen, was in uns vorgeht: die Anspannung, die wir nicht loslassen können, die Sorgen, die wir nicht einmal mehr wahrnehmen, weil sie so selbstverständlich geworden sind wie, nun ja, Luft. Stattdessen spüren wir eine Leere, die wir oft nicht benennen können, und versuchen, sie mit äußeren Dingen zu füllen: mit Erfolg, Anerkennung oder noch mehr Konsum – vergeblich. Nichts davon kann den Kontakt ersetzen, den wir zu uns selbst verloren haben. Der Körper wird dabei zum Werkzeug, das einfach »zu funktionieren« hat, der Geist zum endlosen Produzenten von To-do-Listen und Gedankenkarussell. Und der Atem? Der Atem ist ein stiller Gefangener dieses Hamsterrads, reduziert auf das bloße Überleben.

Ein tiefer Atemzug, einer, der uns durchflutet, lebendig macht, wird leider zur Ausnahme. Doch was, wenn diese Ausnahme zur Regel werden könnte? Was, wenn genau hier der Weg zurück zu uns selbst beginnt?

Dieses Buch stellt die Erforschung dieser Fragen dar. Es lädt dich ein, den Atem nicht nur als eine Funktion deines Körpers zu betrachten, sondern als Schlüssel zu einem erfüllteren Leben. Der Atem hat in den letzten Jahren Aufmerksamkeit erlangt. Atemtechniken sind populär geworden, und es hat sich eine wachsende Gemeinschaft gebildet, die seine Bedeutung feiert. Das ist ein wunderbarer Anfang. Doch der Atem ist mehr als ein Trend, mehr als ein Werkzeug zur Entspannung oder Leistungssteigerung. Er ist eine Brücke – eine Verbindung zu uns selbst, zu unserem inneren Gleichgewicht und letztlich zu dem, was es bedeutet, wirklich zu leben.

Der Atem trägt in sich die kraftvollste Medizin dieser Welt. Über den Atem zu lernen wird dir sicherlich sowohl körperliche als auch geistige Unterstützung bieten. Doch in allererster Linie ist Atem eine Medizin für die Seele.

Warum Atemarbeit?

Bevor wir eine Reise antreten, ist es essenziell, dass wir uns darüber klar werden, warum wir sie überhaupt antreten möchten. Geht es uns darum, unser Leben tiefgreifend zu transformieren, oder suchen wir einfach nach einer Form der Unterhaltung?

Deshalb möchte ich dir kurz darlegen, warum ich Atemarbeit praktiziere und diese mit anderen Menschen so gerne teile.

Mein Interesse an der Atemarbeit wurde durch eine tiefgreifende spirituelle Gipfelerfahrung geweckt – eine Erfahrung, die ich allein durch meinen Atem machen durfte. Diese Erfahrung ist für mich bis heute eine Quelle der Inspiration und die Essenz dessen, was ich durch die Atemarbeit weitergeben möchte. Gleichzeitig hat sie mich motiviert, den Atem aus so vielen Perspektiven wie möglich zu betrachten und zu verstehen.

In den letzten Jahren habe ich zahlreiche Ausbildungen absolviert, den Atem durch die Weisheitstraditionen der Welt erforscht, von indigenen Stämmen in Südamerika gelernt und auch wissenschaftliche Ansätze von Professoren studiert. All diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie vielseitig der Atem ist und wie er in verschiedenen Lebensbereichen wirken kann. Dabei bin ich auf sechs zentrale Anwendungsgebiete gestoßen:

1.Regulation des Nervensystems

2.Persönlichkeitsentwicklung

3.Traumabewältigung

4.Entwicklung der Aufmerksamkeit

5.Bewusstseinserweiterung

6.Physische Gesundheit und Steigerung der Leistungsfähigkeit

Diese sechs Bereiche bilden die Grundlage meiner Arbeit und meiner Mission, die transformative Kraft des Atems weiterzugeben. Weiterhin spiegeln diese sechs Bereiche meiner Meinung nach die wahre Natur des Atems wider – sie sind, genau wie der Atem selbst, für alle Menschen essenziell. Somit stellt die Beschäftigung mit dem Atem die Beschäftigung mit den essenziellen Dingen des Lebens dar.

In diesem Buch werden wir all diese Aspekte beleuchten; wir werden uns mit einem besonderen Fokus auf die Traumabewältigung konzentrieren, denn ich bin überzeugt, dass Wissen und Verständnis oft der erste Schritt zu echter Transformation sind. Bildung ist für mich weit mehr als das bloße Sammeln von Informationen – sie ist ein lebendiger, dynamischer Prozess, der weit über die Grenzen von Lehrbüchern oder Lehreinheiten hinausgeht.

Bildung bedeutet, sich dem Fluss des Lebens hinzugeben, zu wachsen, sich zu bewegen, zu scheitern, sich anzupassen und schließlich die Fähigkeit zu entwickeln, Körper, Geist und Umwelt in Einklang zu bringen.

Wahre Bildung geschieht dann, wenn wir den Prozess wertschätzen und uns auf ihn einlassen – nicht, wenn wir uns ausschließlich auf das Ziel fixieren. Dieses Buch lädt dazu ein, dich auf diesen Weg der Entdeckung einzulassen und die transformative Kraft des Atems selbst zu erfahren. Daher habe ich Übungen angefügt, auf die du ganz leicht über diesen QR-Code zugreifen kannst.

www.daniel-alan.com/buch

Damit nicht nur der Geist mit Informationen versorgt wird, sondern die Zeilen auch in deinem Herzen und dem restlichen Körper lebendig werden können. Du kannst natürlich auch einfach während des Lesens den Atem spüren. Du wirst merken, das Geschriebene wird anders landen.

Dieses Buch ist eine Einladung. Eine Einladung, den Atem neu zu entdecken – nicht nur als biologische Funktion, sondern als Lehrer, als Begleiter, als stille Kraft, die uns zu dem zurückführt, was wirklich zählt. Es ist eine Einladung, innezuhalten, zu lauschen und zu atmen. Denn genau hier, in diesem scheinbar einfachen Akt, liegt der Beginn eines neuen Verständnisses für das Leben und für uns selbst.

BEDIENUNGS­ ANLEITUNG FÜR DEN ATEM

Die basis: Atem, nervensystem und bewusstseinszustände

»Der Atem offenbart, was das Leben bedeutet.«

– Daniel Alan

Es gibt Zeiten im Leben, in denen alles farblos erscheint. Man stellt sich Fragen: Warum bin ich hier? Wohin soll das alles führen? – und findet keine Antwort. Für mich begann diese Sinnkrise direkt nach meinem Schulabschluss. Während die Welt um mich herum von Erwartungen, Plänen und scheinbaren Möglichkeiten pulsierte, fühlte ich … nichts.

Keiner dieser Wege, die mir von der Gesellschaft oder meinen Eltern nahegelegt wurden, schien für mich zu passen. Nichts fühlte sich richtig an.

Schon früh war ich fasziniert vom Konzept der Erleuchtung Die Vorstellung, einen Zustand vollkommener Klarheit und Verbundenheit zu erreichen, übte eine magische Anziehungskraft auf mich aus.

Während andere sich auf Studienplätze und Ausbildungswege konzentrierten, suchte ich etwas, das sich nicht in einem Lebenslauf unterbringen ließ: tiefere Wahrheit, einen Sinn, der über das Offensichtliche hinausging.

Diese Suche fand zunächst Ausdruck in psychedelischen Substanzen Jedes Mal, wenn sich diese Tore öffneten, fühlte ich eine intensive Nähe zu etwas Größerem – zu mir selbst, zur Welt, zu einer Energie, die mich gefühlt alles verstehen ließ.

In diesen Zuständen fühlte ich mich leicht, grenzenlos und getragen. Ich dachte, ich hätte den Schlüssel gefunden.

Doch genauso schnell, wie diese Erfahrungen kamen, verschwanden sie wieder – wie ein flüchtiger Traum, der beim Erwachen in grauer Monotonie verblasst.

Während des Wochenendes (hier machte ich meistens diese Erfahrungen) fühlte ich tiefe Verbundenheit und alles schien klar, nur um mich dann am Montagmorgen im Bürozimmer meiner Großeltern wiederzufinden. Sie hatten mich aufgenommen, nachdem Streitigkeiten mit meinen Eltern mich gezwungen hatten, auszuziehen.

Mit schweren Schritten machte ich mich auf den Weg zur Straßenbahn, die mich zu einer weiteren Schicht im Discounter bringen würde. Die Kälte der Morgenluft biss in meine Haut, während mein Kopf noch dumpf von den letzten Tagen war. Das Piepen der Kasse und die belanglosen Gespräche mit Kunden wurden bald zum monotonen Taktgeber des Tages. Jedes Mal, wenn ich an diese kurzen Momente der Ekstase zurückdachte, wurde der Abstand zwischen ihnen und der Realität, in der ich lebte, unerträglich. Mit jeder neuen spirituellen Erfahrung, die ich durch psychedelische Substanzen, Bücher oder Gespräche suchte, wuchs der Abstand zwischen dem Leben, das ich mir erträumte, und dem, das ich tatsächlich lebte. Es war, als ob ich zwei Leben führte: eines in meinen Gedanken und Sehnsüchten und eines in der erdrückenden, perspektivlosen Realität.

Eines Tages, nach einem besonders intensiven Wochenende, blickte ich in den Spiegel und erschrak. Vor mir stand ein abgemagerter, blasser junger Mann, dessen Augen nichts von der Leichtigkeit widerspiegelten, die ich in mir zu finden gehofft hatte. Es war ein Moment der Klarheit, der mir in seiner Härte den Atem raubte. »So wirst du niemals Erleuchtung finden«, dachte ich. Es war kein Vorwurf an mich selbst, sondern eine schmerzhafte Wahrheit, eine Erkenntnis, die ich nicht länger ignorieren konnte. Und es war ein bitterer, schmerzlicher Gedanke, aber: auch ein befreiender. Denn in diesem Moment verstand ich: Wenn ich je den Zustand erreichen wollte, nach dem ich mich so sehr sehnte, musste ich meinen Körper mitnehmen. Ich konnte nicht fliehen, nicht einfach die körperliche Existenz ausblenden. Also beschloss ich, etwas für meinen Körper zu tun.

Noch am selben Tag meldete ich mich zu einem Yogakurs an. Wenn ich mich schon bewegen musste, dann sollte es wenigstens eine spirituelle Dimension haben, dachte ich. Als ich dann noch entdeckte, dass meine Krankenkasse 80 Prozent der Kosten übernehmen würde, war ich endgültig überzeugt. Ohne lange zu überlegen, meldete ich mich an.

Drei Monate später beschloss ich, die Ausbildung zum Yogalehrer zu beginnen. Hier begegnete ich mir selbst und dem Atem zum ersten Mal neu.

Damals hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass dies der Anfang einer intensiven Reise werden würde. Um ehrlich zu sein, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass das Element des Atmens im Yoga für mich so zentral werden würde. Wie dies geschah, erzähle ich in einem späteren Kapitel.

Zuerst der Zustand

Ich möchte das kurz erklären: In der Yogaphilosophie wird der Atem als zentrales Bindeglied zwischen Geist und Körper betrachtet. Für die Yogis trägt Atem Prana, die universelle Lebensenergie, in sich, die wir mit jedem Atemzug aufnehmen. Diese Energie beeinflusst nicht nur unsere körperlichen Prozesse, sondern auch die Funktionsweise unseres Geistes.

Im Yoga, wie im Übrigen auch im tibetischen Buddhismus, wird der Atem in direkter Beziehung zu unserem Bewusstseinszustand verstanden. Daher nutzen Yogis seit Tausenden von Jahren den Atem, um ihren Bewusstseinszustand zu verändern.

Doch auch abseits von Yogamatten hat diese Erkenntnis etwas Revolutionäres: Dein Atem ist der direkte Draht zu deinem Bewusstseinszustand – und damit zu deinem ganzen Leben.

Lass mich etwas tiefer gehen. Dein Bewusstseinszustand beeinflusst, wie du handelst. Deine Handlungen führen zu Ergebnissen. Und diese Ergebnisse liefern dir ein Feedback, das deinen Bewusstseinszustand wiederum prägt. Ein Kreislauf, der ständig läuft – ob du es merkst oder nicht. Ein Beispiel:

DER STRESSMODUS

Bewusstseinszustand: Du bist gestresst, gehetzt und innerlich unruhig. Vielleicht denkst du ständig: »Ich habe zu wenig Zeit, um all das zu schaffen.«

Handlungen: Aus diesem Zustand heraus handelst du hektisch. Du springst von einer Aufgabe zur nächsten, ohne dir Prioritäten zu setzen.

Ergebnis: Fehler schleichen sich ein, weil du abgelenkt bist.

Feedback: Die Ergebnisse verstärken dein Stressgefühl. Projekte verzögern sich, Kollegen oder Kunden reagieren genervt. Dein innerer Stresspegel steigt weiter.

Bewusstseinszustand: Du fühlst dich wie in einer Spirale aus Überforderung gefangen, die scheinbar kein Ende hat.

Das Problem: Viele versuchen, ihr Leben zu ändern, indem sie nur ihre Handlungen anpassen. »Ich mache mehr Sport.« / »Ich arbeite härter.« Aber ohne den passenden inneren Zustand fühlt es sich an, als würdest du im Schlamm sprinten – mit doppelter Schwerkraft –, und ich brauche dir nicht zu sagen, dass solche Bemühungen selten lange anhalten. Die Sportschuhe versauern im Schuhschrank und du findest Ausreden dafür, warum es diesmal doch nicht geklappt hat.

Veränderung muss immer von innen heraus kommen. Daher propagiere ich einen »State First«-Ansatz. Der bedeutet: Achte immer primär auf deinen Bewusstseinszustand, dann fließen die anderen Elemente fast wie von alleine. In einem Zustand von Fokus fällt Produktivität leicht. In einem kreativen Zustand kommen Ideen wie aus dem Nichts. In einem Zustand von Präsenz, Empathie und Balance ist es sehr leicht, romantische, angenehme und sonstige Beziehungen zu genießen und zu meistern. Probleme entstehen immer dann, wenn unser Bewusstseinszustand nicht mit dem übereinstimmt, was wir wollen.

Es wird klar: Wenn wir die Fähigkeit hätten, unseren Bewusstseinszustand von innen heraus willentlich zu verändern, hätten wir den Meisterschlüssel zu unserem Leben in der Hand. Dennoch betrachten wir das Leben oft so, als seien äußere Ergebnisse wichtiger als unser innerer Zustand. Diese Sichtweise beruht auf einer tief verwurzelten, aber irrigen Annahme: dass unser Glück von äußeren Erfolgen oder Besitztümern abhängt. Wir lassen uns von der Vorstellung leiten, erst bestimmte Ziele erreichen, Meilensteine überwinden oder materielle Dinge besitzen zu müssen, um einen Zustand von Zufriedenheit und Erfüllung zu erfahren. Diese Denkweise wird nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern von zahlreichen Systemen, insbesondere der Marktwirtschaft, aktiv verstärkt und gefördert.

Die Mechanismen hinter der Marktwirtschaft bauen darauf auf, dass äußere Dinge uns niemals dauerhaft erfüllen können. Würde ein einzelnes Produkt uns tatsächlich dauerhaft Zufriedenheit verschaffen, so gäbe es keinen Bedarf, immer wieder neue Dinge zu konsumieren. Der Markt lebt von der Illusion, dass das nächste Produkt, die nächste Errungenschaft, oder das nächste Ziel das fehlende Puzzlestück für unser Glück sein könnte. Doch sobald wir es erreicht oder erstanden haben, bleibt der erhoffte Zustand der Erfüllung oft nur von kurzer Dauer – und die Suche beginnt erneut.

Paradoxerweise handeln wir so, obwohl wir insgeheim wissen, dass diese Denkweise auf einem Trugschluss beruht. Tief in uns spüren wir, dass wahres Glück nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von unserem inneren Zustand. Doch dieses Wissen bleibt oft abstrakt und intellektuell. Es erreicht selten die Tiefe, die nötig wäre, um unser Verhalten und unsere Entscheidungen nachhaltig zu verändern.

Das Problem liegt in den unbewussten Mustern, die uns antreiben. Diese Muster sind über Jahre, manchmal über Generationen hinweg so tief in uns eingegraben, dass wir sie immer wieder unreflektiert wiederholen. Sie sind Teil unseres Denkens, Fühlens und Handelns, selbst wenn wir rational verstehen, dass sie uns nicht den gewünschten Zustand von Erfüllung bringen können.

Was wir brauchen, ist ein Wissen, das über reines Verstehen hinausgeht – ein verkörpertes Wissen. Dieses verkörperte Wissen bedeutet, dass wir nicht nur intellektuell begreifen, dass Glück von innen kommt, sondern dass wir diese Erkenntnis in jedem Aspekt unseres Lebens spüren und leben.

Wir brauchen etwas, das schon die ganze Zeit sprichwörtlich vor unserer Nase war – unseren Atem. Wie kann das sein? Wie kann etwas so Einfaches, Banales wie der Atem der Schlüssel zu unserem inneren Zustand und damit zu unserem Leben sein? Es klingt fast zu einfach, um wahr zu sein, und dennoch ist es genau das, was den Atem so mächtig macht.

Um wirklich zu verstehen, warum der Atem unseren physiologischen wie psychologischen Zustand so radikal beeinflussen kann, müssen wir uns mit dem Nervensystem beschäftigen.

Nervensystem-Basics

Das Nervensystem ist weit mehr als nur das Gehirn – es ist ein hochkomplexes Netzwerk, das unseren gesamten Körper durchzieht. Es steuert nicht nur unser Denken, Empfinden und Verhalten, sondern auch die Koordination sämtlicher körperlicher Funktionen. Ohne dieses ausgeklügelte System würde nichts funktionieren: kein Herzschlag, keine Bewegung, keine Wahrnehmung.

Das Nervensystem ist das Kommunikationsnetzwerk, das alle anderen körperlichen Systeme reguliert. Ob der Herzschlag beschleunigt oder verlangsamt werden soll und welche Hormone in welcher Dosierung ausgeschüttet werden sollen, wird direkt über das Nervensystem gesteuert.

Das Nervensystem lässt sich grundlegend in zwei Hauptkategorien unterteilen: in das somatische und das autonome Nervensystem.

Das somatische Nervensystem ist willkürlich steuerbar und ermöglicht bewusste Bewegungen sowie die Verarbeitung sensorischer Informationen. Wenn du zum Beispiel deine Hand heben möchtest, kannst du das willentlich tun.

Im Gegensatz dazu agiert das autonome Nervensystem weitgehend unbewusst und reguliert lebenswichtige Funktionen wie Herzschlag, Verdauung und Stoffwechsel. Das bedeutet: Dieser Teil des Nervensystems kümmert sich um all die Aufgaben, um die wir uns zum Glück nicht bewusst kümmern müssen. Stell dir einmal vor, du müsstest die Entscheidung treffen, ob morgens beim Aufstehen heute fünf oder 25 Mikrogramm Cortisol pro Deziliter ausgeschüttet werden muss. Ich für meinen Teil bin froh, dass es das autonome Nervensystem gibt.

Das autonome Nervensystem wird weiter unterschieden in drei Hauptbestandteile: den Sympathikus, den Parasympathikus und das enterische Nervensystem. Uns interessieren in diesem Kontext vor allem die ersten beiden.

Gehen wir etwas tiefer auf Sympathikus und Parasympathikus ein. Die Art und Weise, wie ich es hier darstelle, ist stark vereinfacht, es könnte so klingen, als wäre immer nur einer der beiden Teile aktiv, tatsächlich ist jeder Zustand eine Mischung aus beiden. Anders als ein binäres System, bei dem nur ein Teil aktiv sein kann, arbeiten diese beiden Systeme kontinuierlich zusammen, um das Gleichgewicht im Körper aufrechtzuerhalten.

Sympathikus

Der Sympathikus – oft zu Unrecht verteufelt – wird gerne als Sündenbock für viele unserer modernen Probleme herangezogen. Ja, es stimmt, er tritt in Aktion, wenn wir gestresst sind. Doch seine Aufgabe ist viel weitreichender und bedeutungsvoller, als nur den berüchtigten »Kampf oder Flucht«-Modus zu aktivieren. Er ist der zentrale Motor unserer Lebendigkeit, der Mobilität, Aktivität und Dynamik in unser Leben bringt.

Sympathikus und Parasympathikus haben jeweils auch Überlebensund Stressmodi, die wir aber in einem späteren Kapitel detailliert erforschen werden.

Du kannst dir den Sympathikus als das Gaspedal deines Nervensystems vorstellen. Ob bei sportlicher Anstrengung, fokussierter Arbeit oder beim Aufwachen am Morgen – der Sympathikus sorgt dafür, dass wir leistungsfähig sind. Dieses pulsierende Gefühl von Lebensfreude und Vitalität, das uns durchströmt, wenn wir einen großen Erfolg feiern oder einer inspirierenden neuen Person begegnen, verdanken wir ebenfalls seiner Aktivität.

Der Sympathikus wird immer dann aktiver, wenn unser System registriert, dass wir mehr metabolische Ressourcen benötigen, sprich uns auf erhöhte Leistungsfähigkeit einstellen müssen.

Durch die Stimulation des Sympathikus wird die Herzfrequenz erhöht, um eine schnellere Zirkulation von Blut und somit eine bessere Versorgung der Muskeln mit Sauerstoff und Nährstoffen zu gewährleisten. Die Pupillen erweitern sich, was die Sehfähigkeit verbessert und die Aufmerksamkeit präziser werden lässt. Dabei verschiebt sich der Fokus nach außen, auf die Umwelt. Zusätzlich sorgt die Aktivierung des Sympathikus dafür, dass sich die Blutgefäße zusammenziehen. Dies führt zu einem Anstieg des Blutdrucks, wodurch der Blutfluss zu den wichtigsten Organen wie dem Gehirn, den Muskeln und dem Herzen erhöht wird.

Der Sympathikus steuert das Nebennierenmark, in dem die berüchtigten Hormone und Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin hergestellt werden. Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe, die Informationen zwischen Nervenzellen (Neuronen) übertragen. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Kommunikation innerhalb des Nervensystems.

Auch der Atem wird schneller, was natürlich Sinn ergibt. Jegliche Form von Leistung erfordert Energie, und um mehr Energie zu erhalten, wird der Atem beschleunigt. Außerdem wird bei höherer Aktivität mehr CO2 produziert, das auch abgeatmet werden muss. Diese Beschleunigung des Atems wird gleich noch wichtig.

Parasympathikus

Während der Sympathikus wie ein Gaspedal funktioniert und uns in die Aktivität, Mobilität und Dynamik bringt, übernimmt der Parasympathikus die Rolle der Bremse.

Er ist also jener Teil des Nervensystems, der unsere Aktivität herunterreguliert. Während der Sympathikus den Herzschlag, die Atmung und den Blutfluss beschleunigt, verlangsamt der Parasympathikus ihn.

Das bedeutet: Immer, wenn weniger Anforderungen an uns gestellt werden, wird der Parasympathikus aktiver. Was auf der einen Seite sinnvoll ist, weil wir in einer parasympathischen Aktivierung deutlich weniger Energie verbrauchen, und zum anderen, weil der Parasympathikus auch direkt Regeneration und Erholungsprozesse in Gang setzt.

Wir gewinnen Abstand vom äußeren Trubel, richten den Blick nach innen und erfahren eine tiefe Form von Ruhe und Wohlbefinden.

Vor allem die Verdauung profitiert von diesem Ruhemodus. Während in Zeiten hoher Aktivität die Muskulatur und das Herz bevorzugt mit Blut versorgt werden, lenkt der Parasympathikus die Ressourcen zurück in den Magen-Darm-Trakt. Das Ergebnis: Nahrung wird besser verarbeitet, Nährstoffe werden effizienter aufgenommen und der Körper speichert neue Energie.

Hier öffnet sich eine interessante Perspektive auf Ernährung im Allgemeinen, da in den meisten Ernährungsweisen der Fokus immer auf dem Was liegt und weniger auf dem Wie.

Aber Nahrung, die in einem Zustand, der parasympathisch dominiert ist, aufgenommen wird, landet anders und kann anders verdaut werden.

Obwohl wir den Sympathikus und Parasympathikus oft als gegensätzliche Kräfte wahrnehmen, arbeiten sie tatsächlich in einem kontinuierlichen Miteinander. Man könnte sie als zwei Seiten derselben Medaille bezeichnen: Der eine Teil beschleunigt und erhöht den Energieeinsatz, während der andere uns zur Ruhe kommen lässt und für Regeneration sorgt.

Aus autonom wird willentlich

Jetzt fragst du dich vielleicht, was all das mit dem Atem zu tun hat? Ganz einfach: weil der Atem diesen autonomen Teil deines Nervensystems steuern kann.

Früher ging man davon aus, dass das autonome Nervensystem vollkommen unabhängig von unserem Bewusstsein arbeitet und nicht direkt beeinflusst werden kann. Daher auch das »autonom«. Doch heute wissen wir: Es ist möglich – und der Atem ist der Schlüssel hierfür. Er ist die Schnittstelle, die Brücke zwischen autonomen und willkürlichen Prozessen in deinem Körper.

Der Atem fließt ohne dein Zutun, wird also von deinem autonomen Nervensystem gesteuert, aber du kannst ihn auch jederzeit willkürlich steuern.

Du kannst deinen Herzschlag nicht willentlich verlangsamen, deinen Magen nicht dazu bringen, schneller zu verdauen, oder deinen Blutdruck direkt beeinflussen. Aber deinen Atem? Den hast du jederzeit unter Kontrolle. Du kannst ihn schneller oder langsamer machen, flacher oder tiefer, ganz nach Bedarf.

Jeder physiologische sowie mentale Zustand ist untrennbar mit einem spezifischen Atemmuster verbunden. Wenn du Angst empfindest, wird dein Atem flach und schnell. Erschrickst du, hältst du unbewusst die Luft an. In Momenten purer Freude atmest du tief und kraftvoll aus.

Während du beim Sport aktiv bist, wird dein Atem automatisch schneller und tiefer, um deinen Muskeln den notwendigen Sauerstoff zu liefern. In Ruhephasen auf dem Sofa hingegen wird dein Atem langsamer, flacher und gleichmäßiger, um Entspannung und Regeneration zu fördern.

Jeder Zustand bringt sein eigenes Atemmuster mit sich, aber – und hier ist der entscheidende Punkt: Dieses System funktioniert in beide Richtungen. Dein Atem passt sich nicht nur deinem Zustand an, sondern dein Zustand kann auch durch deinen Atem verändert werden. Es besteht also eine bidirektionale Beziehung.

Tatsächlich wird der wichtigste, leicht messbare Marker für die Gesundheit deines Nervensystems – die Herzratenvariabilität (HRV) – gemessen, indem man die zeitlichen Abstände zwischen deinen einzelnen Herzschlägen präzise erfasst und analysiert. Diese zeitlichen Abstände verändern sich kontinuierlich und sind direkt mit deinem Atemrhythmus verknüpft. Je nachdem, ob du einoder ausatmest, beschleunigt oder verlangsamt sich dein Herzschlag minimal. Beim Einatmen beschleunigt sich die Herzrate leicht, während sie sich beim Ausatmen verlangsamt.

In anderen Worten: Mit jedem Einatmen wird der Sympathikus aktiviert und mit jedem Ausatmen der Parasympathikus.

Beim Einatmen weitet sich dein Brustkorb, wodurch der Druck im Brustraum sinkt. Dieser niedrigere Druck sorgt dafür, dass mehr Blut in dein Herz strömt. Um dieses zusätzliche Blut effizient weiterzuleiten, schlägt dein Herz etwas schneller. Beim Ausatmen geschieht das Gegenteil: Dein Brustkorb zieht sich wieder zusammen, der Druck im Brustraum steigt, und dadurch fließt weniger Blut ins Herz. Infolgedessen kann dein Herz für einen kurzen Moment langsamer schlagen. Dieser natürliche Mechanismus sorgt dafür, dass dein Herz seinen Rhythmus leicht anpasst, um den wechselnden Blutfluss während der Atmung auszugleichen.

Gerade weil der Atem sowohl autonom abläuft als auch willentlich gesteuert werden kann, ermöglicht er dir, diesen Kreislauf bewusst zu beeinflussen. Wenn du beispielsweise ganz bewusst länger ausatmest als einatmest, verstärkst du kurzfristig die parasympathische Aktivität und erzeugst so physiologisch eine Nervensystemaktivierung, welche dir Ruhe, Regeneration und Entspannung schenkt. Wenn du allerdings aufnahmefähiger, wacher und aktiver sein möchtest, kannst du die Phase des Einatmens verlängern. Konkrete Atemtechniken um dies zu bewirken findest du auf Seite 73.

Eine weitere Möglichkeit, wie die Atmung das autonome Nervensystem direkt beeinflusst, ist ihre Geschwindigkeit: Schnelles Atmen aktiviert den Sympathikus, während langsames Atmen den Parasympathikus anregt.

Ein schneller Atemrhythmus signalisiert deinem Körper, dass mehr Energie benötigt wird – zum Beispiel bei körperlicher Aktivität oder in Stresssituationen. Dein Herz schlägt schneller, dein Blutdruck steigt und du bist in einem »aktiven« oder »leistungsbereiten« Modus.

Wird der Atem hingegen bewusst verlangsamt und vertieft, wird deinem Nervensystem signalisiert, dass keine akute Stresssituation vorliegt. Über die Aktivierung des Parasympathikus sinkt der Herzschlag, dein Blutdruck stabilisiert sich auf einem eher niedrigen Niveau und du gelangst in einen Ruheund Regenerationszustand. So reguliert die Atemgeschwindigkeit also unmittelbar, ob dein Nervensystem eher Gas gibt (Sympathikus) oder auf die Bremse tritt (Parasympathikus).

Unser Körper arbeitet in Dominoeffekten. Wenn sich ein essenzielles Element verändert, dann beeinflusst das alles andere. Atme schneller und bleib auf das Einatmen fokussiert, und dein Herzschlag beschleunigt sich, dein sympathisches Nervensystem wird aktiviert und Stresshormone – oder Hormone, welche deine Leistung erhöhen – wie Adrenalin und Cortisol werden freigesetzt. Atme langsamer, und das Gegenteil passiert: Dein Herzschlag beruhigt sich, dein Nervensystem signalisiert Entspannung und dein Körper beginnt, Hormone wie Serotonin und Oxytocin auszuschütten – die chemischen Botenstoffe für Ruhe, Zufriedenheit und Verbundenheit.

Wie du dieses Wissen umsetzen kannst, werden wir im nächsten Kapitel behandeln.

Selbstregulation

Kennst du diese Tage? Ich meine jene Tage, an denen du aufwachst und dich fühlst, als wäre eine Dampfwalze nachts über dich gerollt. Du liegst da, die Decke fühlt sich an wie eine tonnenschwere Last und allein der Gedanke an deine Morgenroutine – dieses angeblich lebensverändernde Ritual – liegt vor dir wie eine unüberwindbare Hürde. Und die Arbeit, die auf dich wartet? Lass uns gar nicht erst davon anfangen.

Aber: Du bist nicht alleine. Auch ich kenne dieses Gefühl. Und ich will dich wissen lassen: Es ist okay, dass es solche Gefühle an solchen Tagen gibt, denn diese Tage gehören genauso dazu wie die Tage, an denen alles leicht ist. Aber was ich auch gelernt habe – und was ich gerne mit dir teilen möchte –, ist, dass du mehr Einfluss hast, als es sich in diesen Momenten anfühlt.

Früher dachte ich, es gäbe einfach gute und schlechte Tage – so, als ob das Leben mir jeden Morgen ein Überraschungspaket hinstellt, und ich müsste nehmen, was ich kriege. Inzwischen weiß ich: Ganz egal, was da nach dem Aufstehen auf mich wartet, es wird nicht diesen Morgen und schon gar nicht meinen Tag bestimmen.

Das habe ich einer dem Atem innewohnenden Qualität zu verdanken... der Selbstregulation.

Selbstregulation ist eine Kernkompetenz, die es uns ermöglicht, unser Denken, Fühlen und Handeln anzupassen. Also die Fähigkeit, unseren Zustand zu verändern. Sie ist so allgegenwärtig, dass wir sie meist übersehen, aber jede Handlung, die du unternimmst, ist der Versuch, deinen Zustand auf subtile oder weniger subtile Art und Weise zu verändern.

Ob das die morgendliche Tasse Kaffee ist, das Verabreden mit einer Freundin, oder ganz simpel das Hochstellen der Heizung im Winter. All diese Handlungen haben ein und dasselbe Ziel: deinen Zustand zu regulieren.

Ganz grundlegend versuchen alle Menschen, positive Zustände hochzuregulieren, sprich mehr von ihnen zu haben, und negative herunterzuregulieren, also zu probieren, weniger davon zu haben. Wir alle regulieren uns selbst. Nur manche von uns machen das bewusster und intelligenter.

Das bedeutetet, dass nicht alle Wege, um uns selbst zu regulieren, qualitativ gleichwertig sind. Manche Wege zur Selbstregulation haben vielleicht kurzfristig den gewünschten positiven Einfluss, während sie langfristig ungesunde Auswirkungen haben.

Das Rauchen einer Zigarette schenkt dir vielleicht kurzfristig Entspannung und eine Pause, führt aber zu schlechtem Geruch, verminderter Gesundheit heute und in Zukunft zu verheerenden und irreparablen gesundheitlichen Problemen. Exzessives Scrollen auf sozialen Netzwerken betäubt vielleicht für den Moment Gefühle von Einsamkeit oder Langeweile, zerstört aber langfristig deine Aufmerksamkeitsspanne und führt zur Verschwendung wertvoller Lebenszeit.

Fakt ist, dass jede Handlung, egal, welche Geschichte du drum herum aufbaust, ausgeführt wird, weil deine Instinkte glauben, dass sie dazu führt, dass positive Zustände zu- und negative abnehmen. Ein großer Teil deiner Selbstregulation wird vom autonomen Nervensystem gesteuert und liegt somit erst mal nicht in deiner bewussten Kontrolle.

Diese Wege können adaptiv oder maladaptiv sein. Also gesund oder ungesund.

Adaptiv und maladaptiv weisen beide auf Anpassung hin, jedoch mit unterschiedlicher Qualität.

Adaption ist eine selbst- und lebensdienliche Form der Anpassung: Sie unterstützt unser inneres Gleichgewicht, unsere Weiterentwicklung und unsere Fähigkeit, mit dem Leben in gesunder Beziehung zu bleiben.

Maladaption hingegen ist eine Form der Anpassung, die zwar kurzfristig Schutz bietet, langfristig jedoch unser inneres Wachstum hemmt und uns in Mustern festhält, die nicht mehr dem Leben dienen, sondern es einengen.

Wenn wir Selbstregulation nicht unseren Instinkten überlassen wollen, müssen wir uns zwangsweise mit bewusster Selbstregulation beschäftigen. Welche Handlungen regulieren uns nicht nur unmittelbar, sondern langfristig?

Der Atem stellt sich hier als überaus nützlich heraus, da wir mit ihm, wie wir bereits wissen, ganz direkt auf unsere autonomen Zustände eingreifen können.

Somit beginnt sich eine tiefere Dimension der Selbstregulation zu öffnen. Eine, die von innen heraus kommt. Von einem Bewusstsein, das seinen Zustand mit Dingen im Außen verändert, zu einem Bewusstsein, welches diese Veränderung ohne Abhängigkeit von äußeren Umständen bewältigen kann.

Wir können unseren Zustand jederzeit anpassen, indem wir unser Atemmuster anpassen.

Im vorherigen Kapitel haben wir bereits gesehen wie stark der Atem mit dem autonomen Nervensystem kommuniziert. An dieser Stelle hört es allerdings nicht auf, der Atem vermag es auch, emotionale Zustände zu modulieren.1

»Top Down – Bottom Up«-Regulation

Ein Basiskonzept in der Neurowissenschaft ist das der »Top Down – Bottom Up-Regulation«. Diese beschreibt den Einfluss, den höhere kognitive Prozessen (Top-Down) auf unseren Körper und unsere Emotionen haben, und dem Einfluss, den körperliche Signale oder Emotionen auf unseren Geist haben (Bottom-Up).

Top-Down-Prozesse gehen von höheren Hirnarealen aus – insbesondere von Regionen des präfrontalen Kortex (PFC) –, die an Planung, Entscheidungsfindung und Impulskontrolle beteiligt sind. Diese höheren Zentren regulieren oder modulieren die Verarbeitung von Informationen in tiefer gelegenen oder primitiveren Hirnarealen, etwa dem limbischen System. In einem »Top-Down«-Vorgang kann das Gehirn beispielsweise entscheiden, bestimmten Reizen besondere Aufmerksamkeit zu schenken und andere wiederum zu unterdrücken.

Stell dir vor, du sitzt in einem überfüllten, lauten Café und möchtest dich auf das Gespräch mit deiner Freundin konzentrieren. Während Teller klappern, die Espressomaschine pfeift und um dich herum lautes Stimmengewirr herrscht, blendet dein Gehirn dank Top-Down-Regulation diese Störgeräusche zu einem Großteil aus und hebt stattdessen die Stimme deines Gegenübers hervor.

Auch bei allen Prozessen, die auf Willenskraft oder bewusste Selbstkontrolle aufbauen, zeigt sich deutlich die Bedeutung der Top-Down-Regulation. Unser präfrontaler Kortex hilft uns, Versuchungen zu widerstehen, selbst wenn der spontane Impuls (etwa Hunger oder Lust auf Süßigkeiten) sehr stark ist.

Ganz gleich, ob es sich um das Vollenden einer schwierigen Arbeitsphase handelt, dem Ruhigbleiben in einer emotional geladenen Situation oder dem Durchhalten eines Trainingsplans im Fitnessstudio – immer wieder wird die Fähigkeit, automatische Ablenkungen zu unterdrücken und unsere Aufmerksamkeit konsequent auf das eigentliche Ziel zu lenken, relevant.

Hier wird deutlich: Obwohl unser Gehirn ständig von Sinnesreizen und spontanen Impulsen »bombardiert« wird, schafft es das Top-Down-System, unsere Aufmerksamkeit und unsere Energie so zu lenken, dass wir langfristige schwer zu erreichende Ziele verfolgen können.

Willenskraft ist nicht einfach eine mysteriöse »innere Stärke«, sondern beruht zu einem großen Teil auf aktiven Regulationsprozessen im präfrontalen Kortex, der Signale an andere Gehirnareale sendet und so den spontan auftretenden Impulsen entgegenwirkt.

Diese Areale können trainiert werden – lass uns aber zuerst die Bottomup-Kontrolle anschauen.

Bottom-Up-Prozesse entstehen durch körperliche Signale oder unmittelbare Sinnesreize, die ohne bewusste Vorfilterung ins Gehirn vordringen. Insbesondere das limbische System – eine evolutionär ältere Gehirnregion – spielt hierbei eine zentrale Rolle. In diesem System werden grundlegende emotionale Reaktionen und Antriebe verarbeitet, bevor du selbst überhaupt bewusst registrierst, was gerade passiert.

Stell dir vor, du hast einen heftigen Streit mit einem engen Freund oder deiner Partnerin. Plötzlich kochen deine Gefühle hoch: Dein Herz schlägt schneller, die Hände werden schwitzig und ein starker innerer Druck baut sich auf. Der Sympathikus und dein limbisches System, insbesondere Regionen wie die Amygdala, die für die Wahrnehmung und Bewertung potenzieller Gefahren verantwortlich ist, hat in diesem Moment die »Kontrolle« übernommen. Fast automatisch rutscht dir dann vielleicht ein verletzender Kommentar heraus – was du im Nachhinein bereust. Erst wenn sich die Situation beruhigt hat und dein präfrontaler Kortex (das Zentrum für überlegte Entscheidungen) wieder »das Ruder übernimmt«, wirst du dir bewusst, was du gesagt oder getan hast. Dieses Beispiel veranschaulicht eindrücklich, wie schnell Bottom-Up-Prozesse deine Reaktionen steuern können, noch bevor dein bewusster Verstand regulierend eingreifen kann.

Ein anderes Beispiel für die Bottom-Up-Regulation ist das plötzliche Zusammenzucken bei einem unerwarteten lauten Knall. Dein Körper reagiert reflexartig mit einem kurzen Adrenalinstoß, ohne dass du darüber nachdenkst. Oder wir nehmen das deutlich spürbare Hungergefühl als Beispiel: Sobald dein Magen laut knurrt, fällt es dir schwer, deine Konzentration bei der Arbeit oder beim Lernen aufrechtzuerhalten. Auch wenn diese automatischen Reaktionen manchmal unangenehm oder unangemessen erscheinen – sie erfüllen einen wichtigen Zweck. Denn sind wir ehrlich: Wenn ein Lkw mit 80 km/h auf dich zurast, bist du dankbar, dass der Neocortex nicht zuerst ausrechnet, wie weit er entfernt ist, und du einfach aus dem Weg springst.

Der Neokortex ist der evolutionär jüngste Teil des Gehirns und verantwortlich für höhere kognitive Funktionen wie Denken, Sprache, Planung und bewusste Wahrnehmung.

Was jedoch in manchen Kontexten Leben retten kann, macht uns das Leben an anderer Stelle schwer. Denn dieser »Hijack« der älteren Gehirnareale ist eben nicht immer dienlich. Dieser Mechanismus, der den Neokortex in Gefahrensituationen ausschaltet, um dir den Arsch zu retten, vermag es auch, die gesamte Tüte Gummibärchen zu essen, obwohl du auf Diät bist, einen Netflix-Marathon zu starten, obwohl du etwas Produktives machen wolltest, stundenlang auf Social Media zu scrollen, obwohl du den Medienkonsum herunterfahren wolltest, und in intimen Beziehungen Dinge zu sagen oder zu tun, die du später bereust. Die Liste kann endlos fortgeführt werden.

Interessanterweise schafft hier der Atem – oder vielmehr die Atemarbeit – Abhilfe. Wenn wir unseren Atem bewusst modulieren (Breathwork), nutzen wir einen Mechanismus, der normalerweise automatisch im Hintergrund läuft und Teil der Bottom-Up-Kontrolle ist. Das heißt, wir greifen »unterhalb« unserer rein rationalen Denkprozesse in das Geschehen ein und nehmen aktiv Einfluss auf körperliche und emotionale Zustände.

Die Atemzentren im Gehirn sind eng mit emotionalen und kognitiven Bereichen verknüpft. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Prä-Bötzinger-Komplex, der unseren Atemrhythmus steuert. Studien7 zeigen, dass dieser Komplex Signale an den Locus coeruleus sendet – an ein Hirnareal, das Wachheit, Aufmerksamkeit und emotionale Erregung reguliert.

Wenn wir unseren Atem verändern, beeinflussen wir deshalb direkt ein Netzwerk, das unsere Gefühlslage und unsere kognitiven Ressourcen steuert. Wie stark dieser Einfluss ist, zeigte ein Experiment mit Ratten, in dem genau die Neuronen »ausgeschaltet« wurden, die vom Prä-Bötzinger-Komplex zum Locus coeruleus projizieren. Die Versuchstiere atmeten zwar normal weiter, wirkten aber insgesamt ruhiger und zeigten eine geringere Hirnaktivität im EEG. Das zeigt: Rhythmische Signale des Atems geben dem Gehirn einen inneren Takt vor – und wenn sich der Atemrhythmus ändert, verändert sich gleichzeitig das Ausmaß an innerer Anspannung oder Ruhe.

Man kann sich das gut wie ein Orchester vorstellen: Der Atem ist der Dirigent, der den Takt vorgibt. Schlägt der Dirigent rasant und hektisch – etwa bei schneller, flacher Atmung –, wird das ganze Orchester lauter und wilder: Dein Körper wird unruhig, dein Geist angespannter. Schlägt der Dirigent hingegen langsam und ruhig – bei tiefer, entspannter Atmung –, wird auch das Orchester ruhiger und harmonischer: Dein Körper entspannt sich, dein Denken wird klarer.

Weil der Atem über den Prä-Bötzinger-Komplex direkt mit wichtigen Bereichen wie dem Locus coeruleus verbunden ist, kann er auf diese Weise bestimmen, wie wach, ruhig oder gestresst du dich fühlst. Indem du deinen Atem bewusst steuerst, dirigierst du also nicht nur dein Nervensystem, sondern nimmst ganz unmittelbar Einfluss auf die Aktivität deines Gehirns. Nutzen wir den Atem häufig, um unseren inneren Zustand zu verändern, ganz egal in welche Richtung, führt dies zu Neuroplastizität* in genau jenen Schaltkreisen, die bei Stress besonders aktiv sind.24

Das heißt konkret: Synaptische Verbindungen in Arealen wie der Amygdala und dem Hippocampus können sich neu organisieren oder verstärken, was zu einem resilienteren Stressverarbeitungsstil und einem adaptiveren Umgang mit emotionalen Belastungen führt.

Diese Form der bewussten Bottom-Up-Regulation führt wiederum zu einer verbesserten Top-Down-Regulation, weil atemzentrierte Techniken die Kommunikation zwischen dem präfrontalen Kortex und limbischen Strukturen wie der Amygdala und dem Hippocampus modulieren.

Wir bekommen also die Möglichkeit, ganz direkt Körper, Gehirn und Nervensystem mithilfe von Atemtechniken anzusprechen, und zwar auf einer Ebene, die sehr viel tiefer liegt als Sprache, oder tiefer als das, was man mit kognitiven Methoden erreichen kann.

Gerade in Situationen, in denen wir vor lauter Stress oder Sorgen keinen klaren Gedanken mehr fassen können und gut gemeinte Ratschläge (»Entspann dich mal!«) nichts bewirken, eröffnet uns die bewusste Steuerung des Atems einen Ausweg.

Der Atem ist also von der Natur her eine Bottom-Up-Methode der Veränderung. Interessanterweise aber führt die kontinuierliche Praxis dazu, dass die Top-Down-Kontrolle zunimmt, sprich wir in herausfordernden Situationen entspannter bleiben können.

Ein klassisches Dilemma, das aus diesem Zusammenspiel von Top-down-und Bottom-Up-Prozessen entsteht, ist der Umstand, dass wir manchmal Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen – und umgekehrt Dinge nicht tun, die uns eigentlich sehr wichtig wären.