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Wie auf einer Reise ins Innere eines fremden Kontinents folgen die Texte der Spur des Atems in Tiefenschichten des Organismus, wo Körper-Seele-Geist noch ungeschieden sind und als tragender Grund wahrgenommen und wirksam werden. Einblicke in die Lehrwerkstatt für tiefenpsychologische Atemarbeit zeigen, wie die Atemlehre von Cornelis Veening erforscht und ausgebildet wurde und wird. Mit Erinnerungen an Cornelis Veening, Herta Grun und Aniela Jaffe´.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dank sage ich
Vorwort
Meine Erinnerungen an Cornelis Veening
Heilende Berührung im Atem
Atem wahrnehmen – Atem erforschen
Eine tiefenpsychologisch orientierte Atemmethode
Meine Erinnerungen an Herta Grun
Ein Brief zur Methodendiskussion
Atem aus der Urbeziehung
Das Inbild finden und fassen
Meine Erinnerungen an Aniela Jaffé
Atemwege im Unbewussten
Erstveröffentlichung
Literaturverzeichnis
meinen Lehrern Cornelis Veening, Herta Grun und Aniela Jaffé, die mein Leben über viele Jahre begleitet und mir wesentliche Reifungsimpulse gegeben haben,
Gustav Richard Heyer für sein beteiligtes Gegenüber im therapeutischen Prozess, in dem die Schrecken der Kindheit unter politischer Verfolgung sich öffnen und heilen konnten,
den Gefährtinnen: Inge Werckmeister für das über Jahre gehende Gespräch, in dem persönliche Erfahrungen aus der Lehrzeit sich spiegeln und den Blick auf die Atemlehre freigeben konnten; Irmgard Lauscher-Koch und Bettina von Waldthausen für den fruchtbaren Austausch, in dem jede ihren eigenen Ausdruck fand,
Nina Wülfing, die mich auf den Spuren des Leiblichen Logos begleitete, die neuesten Texte zum Thema entdeckte und mich ermunterte, eigene zu verfassen,
Gisela Schmachtenberg, die meine Liebe zur archaischen Natur teilte und immer wusste, wo ein Bild, eine Skulptur, ein Zitat zu finden war,
Anne Müller-Pleuß, die sich in die Leitung der Lehrwerkstatt einarbeitete und mir damit Freiräume schuf,
allen, die mich lehrten, als sie kamen, um zu lernen.
Von Herzen Dank sage ich meinem Mann, Hanns Halstenbach, meinem strengsten Kritiker und zugleich liebevollsten Förderer, der mein Bewusstsein geweckt hat für die heilende Möglichkeit innerer Entwicklung und der diesen Weg gemeinsam mit mir gegangen ist; und unseren Kindern und Enkeln, die mich auf vielerlei Weise anregen, herausfordern und tatkräftig unterstützen.
Last not least danke ich Friederike Schmitz, die mit ihrem ebenso er frischen den wie sehr genauen Blick auf die Texte das Altvertraute neu belebt und präzisiert hat.
Im Namen der VAVE® geht ein besonderer Dank an Dieter und Si Rosenkranz für ihre großzügige Förderung der Veröffentlichungen zur Atem lehre von Cornelis Veening.
Irmela Halstenbach
Wuppertal, im Juni 2008
Eine Sprache für den Atem
Die vorliegende Textsammlung umfasst einen über neun Jahre gehenden Schreibprozess, in dem es mir darum ging, eine Sprache für den Atem zu finden. Eine Sprache, die den Inneren Atem auszudrücken vermag, ohne ihn aus seinem Milieu in den Tiefenschichten des Leibes herauszuziehen. So geht es hier weniger um ein Fachbuch für Atemtherapie, sondern eher um Erlebnisse und Erfahrungen beim Erforschen der Atembewegung in den Tiefenschichten des Körpers, soweit sie die Atemlehre von Cornelis Veening erläutern können.1 Zunehmend beschäftigte mich dabei die Frage: Gibt es ein mit der Atemnatur verbundenes Schreiben, das aus der Ganzheit der Person hervorgeht und primär an der Erfahrung orientiert ist? Kann Sprache da ansetzen, wo Bewusstsein beginnt? Kann sich der Atem aus dieser Schicht heraus äußern und auch unmittelbar wirken?
Zweierlei hat mich in dieser Zeit zum Schreiben motiviert.
Da war zunächst der kollegiale Austausch innerhalb der AFA2, das wachsende Interesse an der Zusammenarbeit in Bereichen, die uns gemeinsam betrafen. Dabei wurden die unterschiedlichen Zugänge zum Atem deutlicher und konnten sich gegenseitig belichten und ergänzen.
Dann gaben mir die Frauen vom Lachesis-Verband3 die Möglichkeit, mit einer Sprache zu experimentieren, die tief im Körper ansetzt und so den leiblichen Logos zu Wort kommen lässt. Vom Atem zu sprechen löst Atemresonanz im Leib aus. Wahrnehmungen, die der Kopf so leicht trennt, verbinden und ergänzen sich wieder, Denken und Einfühlung finden zusammen.
Die hier zusammengefassten (und teilweise überarbeiteten) Texte wurden zu unterschiedlichen Anlässen geschrieben. So ist ein Buch entstanden, das mal erzählend, mal erläuternd die Lesenden mitnehmen möchte zum Atemholen aus der Tiefe.
1 Alle Zitate von C. Veening stammen aus Briefen oder Mitschriften und liegen dem Waldmatterkreis/Vave vor: Vereinigung für Atemtherapie und Atempsychologie nach C. Veening ® e. V., www.veening-atem.de.
2 Arbeits- und Forschungsgemeinschaft für Atempflege e. V.
3 LACHESIS e. V. – Berufsverband für Heilpraktikerinnen.
Mein Interesse an Atemlehrfragen lässt mich heute aus einer neuen Perspektive auf meine eigene Lehrzeit schauen. Ich stelle andere Fragen, oder stelle sie anders als damals. Und so entsteht beim Schreiben eine neue, eine Jetzt-Begegnung mit dem Lehrer meiner Jugend, mit Cornelis Veening. Es fällt mir nicht leicht, über ihn zu schreiben. Er ist nah, wo er mein Leben heilend berührt hat. Weiter entfernt ist er, wo Fragen der Gegenwart sich neu und anders stellen. Ich brauche beides, Nähe und Distanz. Die Nähe weckt Erinnerung. Ich kann sie befragen zu dem, was damals klar geworden ist. Distanz brauche ich, um den Lehrer Veening in seiner schöpferischen Kraft in den Blick zu bekommen.
Obwohl Cornelis Veening eine eigene Atemlehre entwickelt hat, hat er keine Schule gegründet. Er hat seine Lehre auch nicht schriftlich niedergelegt. Für ihn war der Atem nicht vom Augenblick zu trennen, in dem er wahrgenommen wird. „Wenn der Atem sich zeigt, ist es klar. Es muss dem vom Ich her kaum etwas hinzugefügt werden“, konnte er sagen. Und so findet sich bei ihm auch kaum eine Definition des Atems. Seine Lehre war klar, denn er verkörperte sie in seiner Person, und das tat er auf eindrückliche Weise. In der Begegnung mit ihm konnte sich die Beziehung zum eigenen Atem entwickeln und ihren persönlichen Ausdruck bekommen. Ausbildungen bot er eigentlich nicht an. Aber wenn ich zurückschaue auf die Jahre der Arbeit mit ihm, sehe ich, wie gründlich und konsequent ich auf meinen Beruf vorbereitet wurde. Nicht in einem schulischen Sinn. Eher vielleicht wie in einem Handwerk. Aber auch dieser Vergleich passt nur bedingt. Es war ein anderes Lehren und Lernen.
Wenn ich den Spuren seiner Lehrschritte folge, hoffe ich, dass es gelingt, für Augenblicke in die Werkstatt des Lehrmeisters hineinzuschauen.
IN UNBEKANNTEN RÄUMEN
Cornelis Veening hatte einen ganz eigenen Zugang zum Atem. Er suchte ihn da, wo er noch reine Natur ist. Er führte in Bereiche hinein, in denen wir von keiner Erfahrungsmöglichkeit ausgehen können, weil sie tief im Unbewussten des Körpers liegen. Sein Weg glich einer Forschungsreise ins Innere. Und da ging es zuerst um die Gesetze der Annäherung.
Die Riten am Übergang zur Innenwelt sind sehr sorgfältig zu beachten. Die Atemnatur ist scheu. Sie verändert sich sofort, wenn das Ich zu direkt eindringt, oder sie bleibt unsichtbar.
So lernte man bei Veening erst einmal, zu warten, ob der Atem sich von selbst zeigt. Er näherte sich mit großer Behutsamkeit, ein Meister der Anpassung an das Milieu des Unbewussten. Er konnte den Atem finden, ohne seine Natur zu stören. Hier liegen die Gründe, warum Veening fast ganz auf Übungen verzichtete. Er wollte den Prozess einer Begegnung im Unbewussten nicht von der bewussten Seite her konstellieren. Immer blieb dieser kleine Zwischenraum offen, in dem etwas geschehen kann, das jenseits des Erwarteten liegt. Wie ein guter Forscher kannte er seine Grenzen und hatte Ehrfurcht vor dem Unerkennbaren. Das spürte man, wenn er vom Atem sprach. Und so begann die Lehre in einem Raum, der unter dem bewussten Wissen liegt.
IM RAUM DES FRÜHEN LERNENS
„Die Arbeit muss Hingabe sein, Hingabe an das Atemgeschehen. Eine Bewegung, so ursprünglich wie die Bewegungen der Frauen beim Waschen und Teigkneten. Man kann es nicht lernen. Es muss geschehen.“4
Veening sagt über seine Arbeit, sie sei so ursprünglich wie die Bewegungen der Frauen. Ein Mann vergleicht das Tun seiner Hände mit dem Waschen und Teigkneten der Frauen. Das berührt mich. Als sei in dieser Formulierung etwas Altes, Ehrwürdiges angesprochen. Etwas, das wir in unserer Kultur kaum noch kennen. Und während ich schreibe, kommt von weit her eine Erinnerung. Sie kommt wie aus dichtem Nebel herauf:
Es ist ein Waschtag im Haus der Kindheit. Weiße Schwaden liegen in der Luft. Die Stimmen der Frauen sind irgendwo im Dampf über dem Kessel. Die der Mutter anders als sonst. Ein Feuer brennt. Die Seife riecht und kitzelt in der Nase. Die Lauge am Finger ist weich und glitschig. Da wird Wäsche auf einem Brett gerieben. Es wird geschleudert und geschwungen, gepresst und gewrungen. Das Kind steht mittendrin. Es nimmt alles auf. Es nimmt rundherum alles auf.
Lange, bevor sie zur Mitarbeit taugten, haben meine Muskeln „die Bewegungen der Frauen beim Waschen“ einfach und verlässlich gelernt. Sie kennen sie heute noch, obwohl niemand mehr solche Fähigkeiten von ihnen erwartet. Die Wahrnehmung eines Kindes ist offen. Es gibt noch keine Unterteilung in wichtig/unwichtig. Das Andere in der Stimme der Mutter gehört genauso zum Waschen wie die Weichheit der Lauge, wie der weiße Dampf. Frühe Wahrnehmung blendet nicht aus. Sie kennt noch nicht das Gesetz des „Teile und herrsche“. Das Kind lässt auf sich wirken, lässt sich ganz ein. Es lernt dabei so viel auf einmal wie im späteren Leben nie wieder. Alle haben wir so gelernt. Ein großer Teil des Wissens kommt aus der Zeit, wo wir lernten, weil wir einbezogen waren in den Lebensraum der Mutter.
In frühen, weiblichen Kulturen wird Lehren und Lernen so gewesen sein – selbstverständlich und unmittelbar. Da lagen das Heilige und das Profane noch ungeschieden beieinander. Die Handlungen im Alltag, das Zubereiten der Nahrung, das Pflegen der Wohnstätten waren der Göttin geweiht. Sie hatten kultische Bedeutung. Funde aus dieser Epoche zeugen von einem naturbeseelten Wissen, das späteren Kulturen verloren ging, denen es nicht mehr heilig war.
Auch in uns gibt es ein Wissen von den Urerfahrungen. Es ist den Genen eingeprägt und liegt als archetypisches Potenzial auf dem Grund der Seele. Wenn wir diese Schicht im eigenen Körper finden, treten wir ein in den Kreis des frühen Lernens. Wir öffnen erstaunt die Augen, und das Verstehen kommt unmittelbar. Es ist verbunden mit Freude, mit einer ursprünglichen Lust am Erkennen. Auch wenn die Atemarbeit, so wie Cornelis Veening sie gelehrt hat, sich im Lauf der Jahre verändert hat und zur eigenen Methode geworden ist, bleibt sie in ihrem Kern doch, wie sie war – „so ursprünglich, wie die Bewegungen der Frauen beim Waschen und Teigkneten“.
SPONTAN
„Hier wohnen das Heilige und das Profane noch im gleichen Haus“, konnte Veening sagen, wenn er am Sacrum arbeitete. Er war ein Meister im Umgang mit den Schichten des Ursprünglichen. Wenn er sie berührte, war es, als hätte man dort schon auf ihn gewartet. Das konnte sehr spontane Atemerfahrungen auslösen. Wenn sie kommen, durchbrechen sie die gewohnten Strukturen und dringen mit ihrem unbewussten Wissen in den Raum des Bewusstseins ein.
Ich habe Cornelis Veening 1964 an einem Sommertag im Gebirge kennengelernt. Es war nur ein kurzes Gespräch, ein „Smalltalk“ übers Wetter, über die Familie, über die Geburt, die mir bald bevorstand. Über den Atem sprachen wir nicht. Drei Wochen später kam mit dem Kind die spontane Öffnung meines Atembewusstseins. Was in der Geburt reines Erleben war, ist bis heute eine Grunderkenntnis geblieben: Der Atem gleicht den Gezeiten im Meer. Auch unter heftigen Wellen bleiben die untersten Schichten still. Da ist noch ein Atem unter dem Atem. Das Ich kann eintauchen. Wach und dämmernd zugleich, ist es mitten im Geschehen und doch in der Stille geborgen. Alles, was zu tun ist, kommt aus einem Wissen, das älter ist als alles, was ich wissen kann. Sich dem zu überlassen, genügt.
Gibt es so einen Atem in meiner eigenen Natur und ich weiß nichts davon? Meinem Erstaunen bin ich nachgegangen. Und ich wusste, wohin ich mich wenden konnte.
UNTER DEN HÄNDEN
In Veenings Arbeitszimmer in Scheveningen hing ein Bild aus der Kathedrale von Autun. Es stellt den Traum der Könige dar. Sie liegen da alle drei übereinander, in eine schön gerundete Decke gehüllt. Ein Engel tippt dem obersten König ganz zart an die Hand. Er hat die Augen geöffnet. Der zweite König dämmert noch, während der unterste tief schläft.
So ist es, wenn der Atem aus dem Schlaf der Natur geweckt wird. „Nicht überfließen, wenn Sie arbeiten! Nur anstoßen und wecken.“
Veenings Hände konnten zart antippen oder handfest rütteln. Sie konnten weich umhüllen oder tief in den Schmerz eindringen. Sie orientierten sich daran – um im Bild der Könige zu bleiben – wer oben lag. Darum ließ sich seine Arbeit nicht auf eine Methode festlegen. Er nahm die jeweils naheliegende und fand sie in seinem Gegenüber.
Der Atem vereint in sich, was wir als verschiedene Aspekte erleben. Er ist leiblich, seelisch, geistig zugleich. Darum kann er in allen drei Ebenen wirken. „Was in einer Ebene angesprochen ist, weckt Resonanz auf allen Ebenen des Seins.“
Wenn es gelingt, die „Verklebungen im Gewebe“ zu lösen, reinigt der Atem. (Das Waschen.) Wenn die Hände an der Verdichtung arbeiten, um den so leicht flüchtenden Seelenstoff in den Körper einzubinden, ist es ein formgebendes Tun. (Das Teigkneten.)
Der Körper trägt in seinem Leibgedächtnis, was das Bewusstsein noch nicht tragen kann. Hier setzte Veenings Atemarbeit an. Eine Arbeit an der Lebensgeschichte, die in den Schichten des Körpers zu finden ist. „Der Atem kommt durch das Tor der Leiddurchdringung“, konnte er sagen. „Jeder muss sein Leiden selber auf sich nehmen. Die Leidüberwindung ist das Wichtigste im Leben. Denn daran reift der Mensch.“
Wenn es gelingt, Störungen anzunehmen, den Stachel wirken zu lassen, ihn noch tiefer dringen zu lassen, bis er einen Atem trifft, der weich und fließend Stachel und Störung löst – dann atmet für einen Augenblick alles, was lebt. Die Zellen öffnen sich der neuen Belebung. Sie prägt sich ihnen ein und kann als Erfahrung immer wieder erinnert werden. Im Körper wird nach und nach der Raum frei, der dem Inneren Atem von jeher gehört. Wenn er frei fließen kann, weckt er das Wissen, das dort seit Urzeiten wartet. Wir können es holen und mit ihm leben.
Cornelis Veening sagte zu seiner Arbeit: „Man kann es nicht lernen. Es muss geschehen.“ Aus dem Zusammenhang genommen, klingt das, als ob eine Türe vor einem zufällt, als ob man von vornherein ausgeschlossen wäre. Aber es war anders. Er konnte die Türen zum geheimnisvollen Wissen des Körpers öffnen, als seien sie nur angelehnt gewesen. Es lernte sich leicht und unmittelbar unter seinen Händen. Seine Worte regten den Geist an, die Erfahrungen auch zu erkennen und das, was klar geworden war, von Einbildungen zu unterscheiden.
IM GESPRÄCH
Die Einzelstunden endeten meist mit einem Gespräch. Vieles, was zu meinem heutigen Berufswissen gehört, verdanke ich diesem Austausch nach der Stunde. Da sprach der Erfahrene ganz partnerschaftlich mit der eben gewonnenen Erfahrung. Er ging nicht über sie hinaus. Das, was sich gezeigt hatte, war gemeint und wurde ernst genommen. Es musste nicht angepasst oder in ein anderes System übersetzt werden. Ich fühle noch heute, wie befreiend das auf mich wirkte. Am Verhalten des Lehrers konnte sich die Achtung vor dem eigenen inneren Wissen bilden. Und so lernte ich, meinem Körper Intelligenz und eigene Sprache zuzutrauen. Manches, was damals noch unverstanden blieb, wird mir jetzt erst klar. Aus dem Bündel, mit dem ich aus der Lehrzeit kam, lassen sich auch heute noch kostbare Inhalte entwickeln.
Das Bewusstsein vom Inneren Atem wächst langsam. Es wächst organisch. Wächst wie der Apfelbaum im Garten. Da lässt sich nichts beschleunigen. Der Reifeprozess braucht seine eigene Zeit. Was dann sichtbar wird, ist die Frucht am Baum einer persönlichen Atemerkenntnis.
IM SITZEN
Gibt es eine Übung?, habe ich Veening damals gefragt. „Sie würde Ihnen nicht viel nützen. Das Ich verkrampft sich so leicht dabei.“
Doch der Atem hatte schon begonnen, sich dem Bewusstsein zu nähern. „... es ist zwar ganz keimhaft, nur ein Anfang, eine Möglichkeit, aber als solche von allen Objekten deutlich unterschieden. Dieses Eine erkennen, heißt sich selbst erkennen in seiner Beziehung zu den kosmischen Kräften. Denn das Eine ist die aufsteigende Kraft in der Natur des Menschen.“5
Eines Tages ist sie da, diese erste kleine Regung. Man möchte innehalten und auf sie achten, möchte dieser keimhaften Bewegung ganz zugewandt sein. Und so beginnt vielleicht die Aufmerksamkeit im Sitzen, weil ein zarter, kleiner Atem danach verlangt.
Ist es gut, regelmäßig zu sitzen? „Fragen Sie sich lieber, ob Sie Lust haben.“ Wir sind es kaum gewohnt, einem Instinkt zu trauen, der sich auf so natürliche Weise meldet. Denn es ist schön, dem zarten Atem zu folgen. Der Weg zeigt sich von selbst. Wenn die Geduld mithilft, kann eine sehr persönliche Beziehung zwischen dem Ich und dem Atem beginnen. Wie in einer Liebesbeziehung ist es – und jeden Tag anders. Sie folgt ihren eigenen Gesetzen. Mit der Zeit bekommt sie einen Platz im alltäglichen Leben und vereinigt wieder Geist mit Natur. Was dazu geübt – und immer wieder geübt – werden muss, ist die Qualität einer Wahrnehmung, die den Atem im keimhaften Impuls schon erkennt. In der Begegnung mit dem aufsteigenden Atem bildet sie sich aus. Sie braucht alle Sinne und holt sie in den Prozess hinein. Empfindung oder Intuition allein genügt nicht. Wenn sie sich aber verbinden, ist es nicht mehr Annäherung – dann ist es ein Sprung. Das Ich steht mitten im Atemgeschehen, wie das Kind im Waschtag der Frauen. Es ist nicht mehr naiv. Wenn die Gegensätze sich vereinen, wird die Wahrnehmung rund. Sie wird zu einem Gefäß, mit dem der Mensch schöpfen kann.
VON INNEN WAHRNEHMEN
„Jetzt möchte ich Ihnen meine Arbeit zeigen“, sagte Veening eines Tages. Am anderen Morgen saß ich neben ihm und schaute zu, wie er behandelte. Ich fühlte mich unbehaglich, denn ich sah nicht, was er tat. Es wurde auch nicht besser, als ich mich bemühte, genauer hinzuschauen. Veenings Hände ruhten auf der Wirbelsäule eines Menschen. Ob sie nach innen horchten? Die Hand überm Sacrum schien der Hand überm Herzraum etwas mitzuteilen. Es sah aus, als wollte sie eine Bewegung in Gang bringen. Ich entspannte mich beim Zuschauen. Ich nahm mein Sitzen wahr und spürte den eigenen Atem. Er sammelte sich im Beckenboden und richtete meine Wirbelsäule auf. Die Nieren wurden wach. Damit veränderte sich meine Wahrnehmung. Die Arbeit vor mir hatte eine Resonanz in meinem Körper, die mich in das Geschehen einbezog. Ich konnte jetzt mehr sehen und das innere Bild erkennen, von dem Veenings Hände sich leiten ließen.
An diesem Tag verstand ich die Funktion der inneren Wahrnehmung beim Behandelnden. Sie nimmt das Bild der inneren Atembewegung im Behandelten auf und antwortet im Ausdruck der Hände. Ich verstand auch, dass diese Art zu arbeiten mir von innen her längst vertraut war. In diesem Augenblick ging mir auf, dass ich in all den Jahren bei Veening die Atemarbeit selbstverständlich und unmittelbar gelernt hatte, wie „die Bewegungen der Frauen beim Waschen und Teigkneten“ - lange, bevor ich daran dachte, das Erlernte eines Tages auch auszuüben.
VON AUßEN ERKUNDEN
Am nächsten Tag saß ich gelassener neben dem Lehrer. Diesmal forderte er mich auf, meine Hand auf seinen Rücken zu legen. Dahin, wo – in seiner Sprache – das Tor des hinteren Herzens liegt. „Achten Sie darauf, wie der Atem fließt, während ich arbeite!“, war die Anweisung. Meine Hand brauchte wieder eine Weile, um sich zu orientieren. Dann aber nahm sie deutlich einen Ausschnitt bewegter Linien wahr. Ich spürte, dass er in einen Kreislauf fließender Atembewegung hineingehörte. „Wenn der Therapeut einen fließenden Atem hat, kann er den Atemstrom lenken.“ Ich verstand, dass Atem an jedem Ort im Körper sich als ein Ganzes mitteilen kann. Wenn es im Behandelnden so ist, dachte ich, muss es auch im Behandelten zu finden sein. Darum, so begriff ich, ist es möglich, den Atem – von einer Stelle ausgehend – im ganzen Leib anzusprechen.
Ich erinnerte mich später oft an diese zweite Lehrstunde. In manchen Situationen, z. B. auf der Intensivstation, kann man den Körper des Kranken kaum erreichen. Es genügt aber die Berührung der Hand, der Schläfe, eines Fußes, um den fließenden Atem zu finden. Auch in der Bewusstlosigkeit kann eine Atemberührung auf der tiefen Ebene wahrgenommen und von dort her auch beantwortet werden. 6
