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Die Meditationen dieses Buches sind meist Begegnungsgeschichten aus dem Evangelium, die im Lauf der letzten Jahre entstanden sind zum persönlichen Gebrauch in der Seelsorge und vor allem in der geistlichen Begleitung von suchenden Menschen.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Einführung
Erlebnis in der Heiligen Nacht
Natanael: Er kennt mein Geheimnis
Der Freund des Jünglings von Nain
Bartimäus
Gleichnis vom verlorenen Sohn (1)
Selbstgespräch des jüngeren Sohnes
Der Vater zum jüngeren Sohn
Gleichnis vom verlorenen Sohn (2)
Der ältere Sohn
Der Vater zum älteren Sohn
Selbstgespräch des Vaters
Jesus – der ‚dritte Sohn’
Ich glaube – hilf meinem Unglauben!
Der aussätzige Samariter begegnet Jesus
Die Kanaanäische Frau
Rufus – Der Diener des Hauptmanns
Magdalena am Ostertag
Jesus und Thomas
Begegnung im Traum
Zwiegespräch an der Krippe
Was das Bild mit mir machte
Das Märchen vom Edelstein
Ein Geschenk der Liebe
‚Ich bin wie du!’ sagt der Adler
Nachdem mein erstes Buch („Ja, so hab ich IHN erfahren“ – Lebenshilfe aus der Bibel) so dankbar angenommen wurde und die darin niedergelegten Meditationen aufmunternde, ja manchmal heilende Wirkungen hatten, habe ich mich entschlossen, auch noch ein paar andere Meditationen in diesem zweiten Buch zu veröffentlichen.
Sie sind in den vergangenen Jahren meist im Anschluss an Begegnungen bei der ‚geistlichen Begleitung’ von suchenden Menschen entstanden.
Es geht in einem ersten Teil wieder um das Erleben von biblischen Personen, die leider oft leicht übersehen werden, da die Evangelien sie gleichsam – wenn überhaupt – nur so im ‚Nebensatz’ erwähnen.
Und doch, so meine ich, können wir Parallelen zu unseren eigenen Lebenserfahrungen darin entdecken. Ich habe beim Schreiben versucht, ein paar solch mögliche Aspekte sichtbar, sie nachvollziehbar zu machen.
Noch ein Tipp für die LeserInnen.
Es hat sich herausgestellt: Wenn man das Eigentliche der Meditationen erfassen will, ist es ratsam, sich mit der Person des Erzählers zu identifizieren, bei ihr zu verweilen. In einem zweiten Teil bringe ich Geschichten von Erlebnissen, die bei unterschiedlichen Anlässen entstanden sind.
Aus den Reaktionen derer, denen ich diese Texte vorgelesen habe, meine ich, schließen zu können, dass auch sie für LeserInnen anregend und hilfreich sein können.
Es ist mir nun ein echtes Anliegen, all jenen zu danken, die für mich durch die Begegnung mit ihnen Anlass für das Entstehen der Meditationen wurden.
Ein aufrichtiges und herzliches „Danke!“ möchte ich auch Frau Ursel Waibel sagen, die mir so vieles bei der Herausgabe dieses Buches abgenommen hat.
Hilmar Kneer
Erlebnis in der Heiligen Nacht(Lk 2,8-17)
In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie; und sie fürchteten sich sehr.
Der Engel sagte zu ihnen: „Fürchtet euch nicht; denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; es ist der Christus, der Herr.
Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens!“
Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: „Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat!“
So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war.
Erlebnis in der Heiligen Nacht
Ich heiße Tobias, und bin hier in Betlehem aufgewachsen. Meine erste Erfahrung mit dem Messias war so:
Ich war noch ein kleiner Junge und hatte allein draußen auf der Straße gespielt. Da hatte ich mitbekommen, wie die Nachbarin mit zwei anderen Frauen vom einem Mann sprach. Der heiße Jesus und stamme aus Nazareth.
Die Frauen waren ganz aufgeregt bei ihrem Gespräch. Sie meinten, er sei vielleicht der Messias, auf den alle schon so lange warteten.
Gerade da rief mich die Mutter ins Haus. Ich fragte sie, was das bedeuten soll, was die Frauen da gesprochen hatten.
Mutter schaute eine Weile versonnen vor sich hin.
Dann hob sie den Kopf und sagte: „Geh zu Großvater.
Er weiß mehr darüber, als wir alle. Vielleicht erzählt er dir von dem, was er erlebt hat.“
Großvater saß im Schatten vor dem Haus. Es war sein Lieblingsplatz. Wie so oft lehnte er mit dem Rücken an der Hauswand und schaute in die Ferne. Aber er sah nichts! Denn er war schon seit Jahren blind.
Doch es war oft, als würde er mit seinem inneren Auge etwas schauen und mit seinen Ohren ganz aufmerksam auf etwas horchen, was niemand außer ihm hören konnte. –
Ich trat zu ihm und setzte mich zu seinen Füßen auf den Boden. „Du, Großvater, Mutter hat gesagt, du wüsstest was über den Messias. Ist das wahr? Bitte, erzähl mir doch!“
Großvater wandte mir sein Gesicht zu und fragte: „Wie kommst du denn da drauf?“ – „Ach, weißt du, unsere Nachbarinnen haben vorhin von ihm geredet. Sie sprachen von einem Rabbi Jesus, der mit seinen Jüngern durch das Land ziehe und von Gott spreche. Und er würde auch Kranke heilen. Manche Leute würden ihn für den Messias halten.
Sag, Großvater, was meinen die damit? Mutter sagt, du wüsstest mehr von ihm, mehr als alle anderen. Hast du ihn schon einmal gesehen, oder gehört? Bist du ihm schon einmal begegnet?“
Großvater nickte bedächtig mit seinem greisen Haupt. „Ja, mein Enkelsohn, ich bin ihm begegnet.“ Dann schwieg er lange und schaute wieder mit weit geöffneten Augen in die Ferne, so als würde er von dort ein Erlebnis vor sein inneres Auge herholen.
Gebannt blickte ich in sein vom Wetter gegerbtes, faltenreiches Gesicht. „Großvater!“ bettelte ich ungeduldig.
„Ach, mein Junge, ich habe dich nicht vergessen. Ja, ich will dir erzählen, was ich mit ihm erlebt habe. Aber, weißt du, es packt mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich mich daran erinnere. Und ich muss oft daran denken.
Ich sehe alles noch so vor mir, als sei es erst gestern gewesen.“
Und nach einer kleinen Pause erzählte er: „Schau, es war damals, als ich noch draußen auf den Feldern vor der Stadt mit anderen die Schafe hütete. Ich war einige Jahre älter als du heute.
Und ich hatte mich gerade mit Susanna, deiner Großmutter, verlobt. Es war eine Nacht wie jede andere. Wir hatten uns um das Feuer gesetzt und miteinander geredet.
Meine Kameraden hatten mich gelobt, weil ich einen alten Wolf, einen gefährlichen Einzelgänger, im Kampf erschlagen hatte. Der hatte nämlich schon ein paar Mal ein Schaf gerissen.
Weil es mir gelungen war, das wilde Tier zu besiegen, hatte ich zum Dank vom Besitzer der Herde ein schönes, warmes Schaffell geschenkt bekommen. Du kannst dir denken, dass ich mächtig stolz darauf war.“
Großvater lächelte und fuhr dann fort.
„Schon hatten sich die meisten von uns zum Schlaf niedergelegt. Ich selbst konnte lange nicht einschlafen. Es war ganz still über den Weiden von Betlehem. Nur ab und zu knisterte das Holz im Feuer.
Da, auf einmal fuhr ich hoch. Ich wusste nicht, ob ich doch schon eingenickt war. Auf jeden Fall waren meine Kameraden auch wach. Und obwohl es mitten in der Nacht war, kam von einer bestimmten Stelle ein unglaublich helles Licht. Ganz geblendet hielt ich meine Hand vor die Augen. Als ich nach einer kleinen Weile wieder hinschaute, da erblickte ich eine leuchtende Gestalt. Glaub mir, mein Junge, das war gewiss ein Engel. Der schaute zu uns her. Und dann sprach er uns auch an.
Mit einer Stimme, die ich nie mehr vergessen werde, rief er uns zu: „Ihr Hirten, fürchtet euch nicht! Denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch der Retter geboren worden in der Stadt Davids. Er ist der Messias, der Herr. Und dies soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt.“
Wieder schwieg der Großvater und schaute in die Ferne.
„Und was war dann? Bitte, Großvater, erzähl doch weiter!“
„Komm, Tobias, setz dich neben mich!“ antwortete er. Ich stand auf und nahm neben ihm Platz. Er legte den Arm um mich und drückte mich sanft an sich. Ich mochte es gern, wenn er mich so seine Nähe spüren ließ; denn ich hatte ihn sehr lieb.
Diesmal fühlte ich, wie ein leises Zittern in seinem Arm war. Ich schaute auf zu seinem Gesicht.
Da begann er auch schon zu sprechen: „Wie der Engel das verkündet hatte, da waren auf einmal noch viele andere so helle Gestalten. Die ganze Luft war erfüllt mit einer wunderschönen Musik. Und die Engel sangen:
„Herrlichkeit, Gott, in den Höhen! Und auf Erden Friede den Menschen, die er liebt!“
„Und dann, Großvater?“ drängte ich.
„Ja, du kannst dir vielleicht denken, wie überrascht wir alle waren. Auf so etwas war keiner von uns gefasst gewesen. Wir hatten zwar immer wieder mal davon gehört, dass die Leute auf den Messias warteten. Sie sagten, er sei der von Gott gesandte Retter. Aber niemand wusste, wann er kommen würde.
Das Merkwürdige daran ist nun, dass Gott ausgerechnet uns, den armen Hirten, das Kommen seines Boten ausrichten ließ. Wir konnten es fast nicht glauben, dass das wahr sein sollte. Aber wir alle hatten es erlebt, das mit dem Engel.
Es war also kein Traum gewesen, keine Einbildung.
Und da haben wir uns eben auf den Weg gemacht. Weißt du, mein Kleiner, damals war draußen vor der Stadt, am Abhang, eine kleine Höhle. Dorthin trieben wir manchmal unsere Schafe, wenn schlechtes Wetter war.
Und als wir über das sprachen, was der Engel gesagt hatte, da erinnerte sich einer von uns an diesen Stall. Er meinte, dass das Kind vielleicht dort zu finden sei.
Und das war auch richtig so, denn als wir dorthin kamen und die Tür aufmachten, da sahen wir eine junge Mutter und ihren Mann und ein neugeborenes Kind, das sie in die Futterkrippe gelegt hatten; denn sie hatten ja kein Bettchen für das Kind.
Wir Hirten, wir waren alle gewiss auch nicht reich. Doch diese Armut, die wir da sahen, die Not dieser Leute ging uns doch sehr nahe.
Der Mann fragte uns, weshalb wir zu ihnen kämen. Wir merkten, dass er Sorge hatte, wir würden sie wieder vertreiben. Auch die Mutter des Kindes schaute uns furchtsam an.
Aber der Älteste von uns Hirten beruhigte sie.
Und er berichtete, was wir draußen auf den Weiden vor kurzem erlebt hatten; und was der Engel über das Kind gesagt hatte. Da hellten sich die Gesichter des jungen Paares auf.
Während meine Kameraden so mit den Fremden redeten, musste ich immer wieder auf das Kind schauen, das da still in der Krippe lag. Dieser Anblick rührte mich ganz tief in meinem Herzen an.
Und da kam mir plötzlich ein Gedanke. Eigentlich wollte ich ja das Schaffell, das ich als Belohnung erhalten hatte, meiner Susanna mitbringen. Doch als ich die armen Leute sah und das winzige Kind auf der Spreu, da ging ich einfach hin, reichte der jungen Mutter das Fell und sagte: „Das ist für das Kind. Ich möchte nicht, dass es friert.“
Die Frau und auch der Mann sahen mich zuerst erstaunt, mit großen Augen an und zögerten. Doch als ich ihnen zunickte, da nahmen sie es an und sagten: „Danke! Danke! Das ist aber lieb von dir! Du hast ein gutes Herz!“
Da überreichten auch meine Freunde die Dinge, die sie mitgebracht hatten.
Als meine Kameraden wieder aufbrechen wollten, waren sie einverstanden, dass ich nicht sofort mit ihnen zu den Herden zurückging. Ich eilte zu Susanna, meiner Verlobten, und erzählte ihr, was ich erlebt hatte.
Nicht wahr, Bub, du erinnerst dich noch an deine Großmutter? Sie war eine herzensgute Frau. – Schon damals. als ich ihr von dem Lammfell erzählte, sagte sie: „Recht hast du getan! Es hat mich gefreut, dass du es mir schenken wolltest. Wir haben gewiss auch nicht viel. Aber diese Leute brauchen es gewiss noch notwendiger. – Meinst du, wir könnten noch einmal zusammen zu dem Stall gehen?“ „Ich denke schon!“ sagte ich.
Und wir machten uns gemeinsam auf den Weg. Als wir dort ankamen und an die Brettertür klopften, da kam der Mann heraus. Als er mich erkannte, hellte sich sein Gesicht auf.
Und er sagte: „Schön, dass du noch einmal nach uns schaust. Das ist wohl deine Frau?“
„Sie wird es einmal sein. Wir wollen bald heiraten.“ –
„Kommt herein! Maria, meine Frau, hat eben das Kind gestillt. Schaut, wie zufrieden es ist!“
Deine Großmutter und ich standen vor der jungen Mutter, die das Kind auf dem Schoß hielt. Wir konnten uns nicht satt sehen an dem kleinen Geschöpf.
Weißt du, Tobias, wir wollten ja auch einmal ein paar Kinder haben.
Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, als der Mann berichtete, er sei Zimmermann. Sie hätten wegen der Volkszählung nach Betlehem kommen müssen. Er stamme aus dem Geschlecht Davids. Du weißt, mein Junge, der König David ist auch hier in Betlehem geboren und aufgewachsen – wie du und ich.
Auf einmal stand die junge Mutter auf und fragte mich: „Willst du das Kind ein bisschen halten?“ – Ich war ganz überrascht. „O ja!“ sagte ich und ließ mir das Kind in die Arme legen. Mein Enkelsohn, stell dir vor: Auf diesen meinen Armen habe ich das Messias-Kind gehalten!“
Und dabei streckte Großvater seine abgearbeiteten Arme aus und nahm – wohl wie damals – unsichtbar etwas auf und drückte es behutsam an seine Brust. Dabei ging ein glückliches Lächeln über sein Gesicht; und zugleich liefen ihm Tränen aus den erloschenen Augen.
„Großvater, warum lachst du und weinst du gleichzeitig?“ fragte ich erstaunt.
„Ach, mein Bub,“ erwiderte er, nachdem er sich wieder gefasst hatte. „Es war so seltsam. Ich wiegte das Kind in meinen Armen, und wollte ihm gerade ein Küsschen geben. Als ich es an mein Gesicht hob, da fühlte ich, wie sein winziges Händchen meine Wangen berührte.
Vielleicht hat mein Bart das Kind ein wenig gekitzelt. Auf jeden Fall, es lachte und strahlte mich mit großen Augen an. Und wir vier Großen mussten auch herzlich lachen.
Susanna, deine Großmutter, hat dann der jungen Frau noch ein paar Windeln gegeben und noch manches andere, was diese armen Leute, die hier so fremd waren, gut gebrauchen konnten. Und dann sind wir heimgegangen.
Ja, mein Junge, das war meine Begegnung mit dem Kind, von dem der Engel verkündet hatte, es sei der erwartete Messias, der Retter. Und das ist jetzt schon über dreißig Jahre her.
Ich habe nie mehr etwas von diesen Leuten gehört. Doch so lange Gott mich noch auf dieser Welt leben lässt… - ich werde es nie vergessen, was er mir damit geschenkt hat.“
Natanael: Er kennt mein Geheimnis(Joh 1,46-49)
Philippus sagte zu Natanael: „Komm und sieh!“ – Jesus sah Natanael auf sich zukommen und sagte über ihn: „Sieh, ein echter Israelit, an dem kein Falsch ist.“
Natanael fragte ihn: Woher kennst du mich?“ Jesus antwortete ihm: „Schon bevor Philippus dich rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.“
Natanael antwortete ihm: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes; du bist der König von Israel!“
Nathanael: Er kennt mein Geheimnis.
Mein Freund, es fällt mir zwar nicht leicht, darüber zu reden. Aber ich will dir doch erzählen, wie es damals war, als ich Jesus zum ersten Mal begegnet bin.
Philippus hatte einige Tage zuvor von ihm gesprochen; und das machte mich neugierig. Jetzt sagte er zu mir: „Der da in der Mitte, der ist es!“ Ich blieb unwillkürlich stehen. „Der, der soll der Messias sein...?“
In diesem Augenblick schaute Jesus auf. Unsere Blicke trafen sich. Ich kann dir nicht beschreiben, was da in mir vorging. Es war, als würde er zu mir sagen: „Ach, da bist du ja! Schon lange habe ich auf dich gewartet!“ –
„Du hast was...?“ – „Ja, du hast recht gehört. Ich habe dich erwartet. Ich brauche dich.“ – „Aber, Herr, du kennst mich doch gar nicht! Du kannst mich gar nicht kennen! Ich seh dich doch auch zum ersten Mal!“
Ja, mein Freund, das war unser erster Wortwechsel. Du musst wissen: Es regt mich jedes Mal auf, wenn Leute behaupten, sie würden mich kennen, mich verstehen. Na ja, vielleicht dass sie meine äußeren Daten wissen. Aber mich kennen? – Mich, so wie ich wirklich bin? – Mich, und nicht bloß gewisse Verhaltensweisen und Fähigkeiten, die sie bei mir beobachtet haben? –
War ich wirklich der, für den sie mich hielten? – Ich denke, ich bin eher ein Fremder für sie. Gewiss, oft habe ich mich den andern einfach angepasst, um nicht ständig anzuecken.
Aber oft stellte ich auch fest: Ich denke und empfinde in Vielem einfach ganz anders als sie. Und das stört sie; selbst solche, die mir nahe stehen. Ich konnte mich nicht verständlich machen, so sehr ich es anfangs auch versuchte.
Weißt du, ich bin nicht sehr redegewandt. Und wenn ich argumentiere, dann werde ich aufgeregt und komme leicht ins Stottern. Ich kann mich nicht so gut ausdrücken, wie viele andere. –
Und trotzdem, wenn ich auch im Gespräch oft unterlegen bin, ich habe es einfach gespürt, dass das wahr ist, wovon ich erfüllt bin; selbst wenn ich es nicht aus mir herausbringen und schon gar nicht rüber bringen konnte.
Diese Erfahrungen haben mich beschämt und still werden lassen; ich wurde schweigsam und misstrauisch, und vor allem einsam.
Ja, ich fühlte mich oft sehr allein mit jenem inneren Geschehen, das wie eine unbändige Sehnsucht ist, wie ein Lockruf, der mich zieht – mächtig und zugleich schmerzhaft, das mir die Tränen in die Augen trieb, wenn es da war, und ich lautlos und doch wie mit tausend Stimmen rief: „Ja, ich komme! Ich will zu dir!
Aber wo bist du? – Und, wer bist du? – Was soll ich denn tun, um dich zu finden? Ich bin so ratlos; und ich fühle mich so hilflos! Du – was willst du von mir?“
Ich merkte: Was ich da erlebte, musste irgendwie mit Jahwe zu tun haben. Doch wenn diese „Stimme“, die ich mehr fühlte, als dass ich sie hörte, wenn sie leiser wurde, oder ganz verstummte, dann gewannen die anderen Stimmen in mir die Oberhand.
