Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit - Johann Gottfried Herder - E-Book

Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit E-Book

JOHANN GOTTFRIED HERDER

0,0
5,49 €

Beschreibung

Herders berühmte, 1774 erschienene Schrift ist weniger eine philosophisch reflektierte Darstellung der Geschichte selbst als vielmehr ein synthetischer Entwurf über ihren Ursprung und ihr Ziel, ist eine Erörterung über die Prinzipien ihrer Erkenntnis, darüber hinaus ein fulminantes Pamphlet: "Es ist Feuer darin und glühende Kohlen auf die Schädel unseres Jahrhunderts."E-Book mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe: Buch und E-Book können parallel benutzt werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 221

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Johann Gottfried Herder

Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit

Herausgegeben von Hans-Dietrich Irmscher

Reclam

Gonthier-Louis Fink gewidmet

 

1990, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-961907-1

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014221-9

www.reclam.de

Inhalt

Titelseite des Erstdrucks

Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit

Erster Abschnitt

Zweiter Abschnitt

Dritter Abschnitt

Anhang

Zu dieser Ausgabe

Anmerkungen

Literaturhinweise

Nachwort

Titelseite des Erstdrucks

[7]Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit

Erster Abschnitt

Je weiter hin es sich in Untersuchung der ältsten Weltgeschichte, ihrer Völkerwandrungen, Sprachen, Sitten, Erfindungen und Traditionen aufklärt:a desto wahrscheinlicher wird mit jeder neuen Entdeckung auch der Ursprung des ganzen Geschlechts von Einem. Man nähert sich immer mehr dem glücklichen Klima, wo ein Menschenpaar unter den mildesten Einflüssen der schaffenden Vorsehung, unter Beistande der erleichterndsten Fügungen rings um sich her den Faden anspann, der sich nachher mit solchen Wirrungen weit und lang fortgezogen: wo also auch alle ersten Zufälle für Anstalten einer mütterlichen Vorsehung gelten können, einen zarten Doppelkeim des ganzen Geschlechts mit alle der Wahl und Vorsicht zu entwickeln, die wir immer dem Schöpfer einer so edeln Gattung und seinem Blick auf Jahrtausend und Ewigkeit hinaus zutrauen müssen.

Was waren diese Neigungen? Was sollten sie sein? Die natürlichsten, stärksten, einfachsten! für alle Jahrhunderte der Menschenbildung die ewige Grundlage: Weisheit statt Wissenschaft, Gottesfurcht statt Weisheit, Eltern-, Gatten-, Kindesliebe statt Artigkeit und Ausschweifung, Ordnung des Lebens, Herrschaft und Gottregentschaft eines Hauses, das Urbild aller bürgerlichen Ordnung und Einrichtung – in diesem allen der einfachste Genuss der Menschheit, aber zugleich der tiefste – wie konnte das alles, ich will nicht fragen, erbildet, nur angebildet, fortgebildet werden, als – durch jene stille ewige Macht des Vorbilds, und einer Reihe Vorbilde mit ihrer Herrschaft um sich her? Nach unserm Lebensmaße wäre jede Erfindung hundertfach verlorengegangen; wie Wahn entsprungen und wie Wahn entflohen – welcher Unmündige sollte sie annehmen? welcher zu bald wieder Unmündige sie anzunehmen zwingen? Es zerfielen also die ersten Bande der Menschheit im Ursprung oder vielmehr damals so dünne kurze Fäden, wie hätten sie je die starken Bande werden können, ohne die selbst nach Jahrtausenden der Bildung das menschliche Geschlecht durch bloße Schwächung noch immer zerfällt? – Nein! mit frohem Schauer stehe ich dort vor der heiligen Zeder eines Stammvaters der Welt! Ringsum schon hundert junge blühende Bäume, ein schöner Wald der Nachwelt und Verewigung! aber siehe! die alte Zeder blüht noch fort, hat ihre Wurzeln weit umher und trägt den ganzen jungen Wald mit Saft und Kraft aus der Wurzel. Wo der Altvater auch [10]seine Kenntnisse, Neigungen und Sitten herhabe? was und wie wenig diese auch sein mögen? ringsum hat sich schon eine Welt und Nachwelt zu diesen Neigungen und Sitten, bloß durch die stille, kräftige, ewige Anschauung seines Gottesbeispiels gebildet und festgebildet! zwei Jahrtausende waren nur zwo Generationen.

*

Indes auch von diesen heroischen Anfängen der Bildung menschlichen Geschlechts weggesehen: nach den bloßen Trümmern der weltlichen Geschichte und nach dem flüchtigsten Raisonnement über dieselbe à la Voltaire – welche Zustände können erdacht werden, erste Neigungen des menschlichen Herzens hervorzulocken, zu bilden, und festzubilden, als die wir schon in den Traditionen unsrer ältesten Geschichte würklich angewandt finden? Das Hirtenleben im schönsten Klima der Welt, wo die freiwillige Natur den einfachsten Bedürfnissen so zuvor oder zu Hülfe kommt, die ruhige und zugleich wandernde Lebensart der väterlichen Patriarchenhütte, mit allem, was sie gibt, und dem Auge entziehet, der damalige Kreis menschlicher Bedürfnisse, Beschäftigungen und Vergnügen, nebst allem, was nach Fabel oder Geschichte dazu kam, diese Beschäftigungen und Vergnügen zu lenken – man denke sich alles in sein natürliches, lebendiges Licht – welch ein erwählter Garten Gottes zur Erziehung der ersten, zartesten Menschengewächse! Siehe diesen Mann voll Kraft und Gefühl Gottes, aber so innig und ruhig fühlend, als hier der Saft im Baum treibt, als der Instinkt, der tausendartig dort unter Geschöpfe verteilt, der in [11]jedem Geschöpfe einzeln so gewaltig treibet, als dieser in ihn gesammlete stille, gesunde, Naturtrieb nur würken kann! Die ganze Welt ringsum, voll Segen Gottes: eine große, mutige Familie des Allvaters: diese Welt sein täglicher Anblick: an sie mit Bedürfnis und Genusse geheftet: gegen sie mit Arbeit, Vorsicht und mildem Schutze strebend unter diesem Himmel, in diesem Elemente Lebenskraft welche Gedankenform, welch ein Herz musste sich bilden! Groß und heiter wie die Natur! wie sie im ganzen Gange still und mutig! langes Leben, Genuss sein selbst auf die unzergliederlichste Weise, Einteilung der Tage durch Ruhe und Ermattung, Lernen und Behalten – siehe, das war der Patriarch für sich allein. – – Aber was für sich allein? Der Segen Gottes durch die ganze Natur, wo war er inniger als im Bilde der Menschheit, wie es sich fortfühlt und fortbildet: im Weibe für ihn geschaffen, im Sohn seinem Bilde ähnlich, im Gottesgeschlecht, das ringsum und nach ihm die Erde fülle. Da war Segen Gottes sein Segen: sein, die er regiert, sein, die er erzieht; sein die Kinder und Kindeskinder um ihn ins dritte und vierte Glied, die er alle mit Religion und Recht, Ordnung und Glückseligkeit leitet. – Dies das unausgezwungene Ideal einer Patriarchenwelt, auf welches alles in der Natur trieb: außer ihm kein Zweck des Lebens, kein Moment Behaglichkeit oder Kraftanwendung zu denken. – Gott! welch ein Zustand zu Bildung der Natur in den einfachsten, notwendigsten, angenehmsten Neigungen! – Mensch, Mann, Weib, Vater, Mutter, Sohn, Erbe, Priester Gottes, Regent und Hausvater, für alle Jahrtausende sollt’ er da gebildet werden! und ewig wird, außer dem tausendjährigen Reiche und [12]dem Hirngespinste der Dichter, ewig wird Patriarchengegend und Patriarchenzelt das goldne Zeitalter der kindlichen Menschheit bleiben.

*

Dass nun zu dieser Welt von Neigungen selbst Zustände gehören, die wir uns aus einem Betruge unsrer Zeit oft viel zu fremde und schrecklich dichten, dürfte eine Induktion nach der andern zeigen. – Wir haben uns einen Despotismus des Orients aus den übertriebensten, gewaltsamsten Erscheinungen meist verfallender Reiche abgesondert, die sich mit ihm nur in ihrer letzten Todesangst sträuben (eben dadurch aber auch Todesangst zeigen!) – und da man nun nach unsern europäischen Begriffen (und vielleicht Gefühlen) von nichts Schrecklicherm als Despotismus sprechen kann: so tröstet man sich, ihn von sich selbst ab, in Umstände zu bringen, wo er gewiss nicht das schreckliche Ding war, das wir uns aus unserm Zustande an ihm träumen.b Mag’s sein, dass im Zelte des Patriarchen allein Ansehen, Vorbild, Autorität herrschte, und dass also, nach der aufgefädelten Sprache unsrer Politik, Furcht die Triebfeder dieses Regiments war – lass dich doch, o Mensch, vom Worte des Fachphilosophenc nicht irren, sondern siehe erst, was es denn für ein Ansehen, was für eine Furcht sei? Gibt’s nicht in jedem Menschenleben ein Alter, wo wir durch trockne und kalte [13]Vernunft nichts, aber durch Neigung, Bildung nach Autorität alles lernen? wo wir für Grübelei und Raisonnement des Guten, Wahren und Schönen kein Ohr, keinen Sinn, keine Seele; aber für die sogenannten Vorurteile und Eindrücke der Erziehung alles haben – siehe! diese sogenannte Vorurteile, ohne Barbara celarent aufgefasst und von keiner Demonstration des Naturrechts begleitet, wie stark, wie tief, wie nützlich und ewig! – Grundsäulen alles dessen, was später über sie gebaut werden soll, oder vielmehr schon ganz und gar Keime, aus denen sich alles Spätere und Schwächere, es heiße so glorwürdig als es wolle (jeder vernünftelt doch nur nach seiner Empfindung), entwickelt – also die stärksten, ewigen, fast göttlichen Züge, die unser ganzes Leben beseligen oder verderben; mit denen, wenn sie uns verlassen, uns alles verlässt – – Und siehe, was jedem einzelnen Menschen in seiner Kindheit unumgänglich not ist: dem ganzen Menschengeschlecht in seiner Kindheit gewiss nicht weniger. Was du Despotismus in seinem zartesten Keime nennest, und eigentlich nur Vaterautorität war, Haus und Hütte zu regieren – siehe, wie’s Dinge ausrichtete, die du jetzt mit alle deiner kalten Philosophie des Jahrhunderts wohl unterlassen müsstest! wie’s das, was recht und gut war oder wenigstens so dünkte, zwar nicht demonstrierte, aber dafür in ewige Formen festschlug, mit einem Glanze von Gottheit und Vaterliebe, mit einer süßen Schlaube früher Gewohnheit, und allem Lebendigen der Kindesideen aus seiner Welt, mit allem ersten Genuss der Menschheit in ein Andenken zauberte, dem nichts, nichts auf der Welt zu gleichen. Wie notwendig! wie gut! fürs ganze Geschlecht wie [14]nützlich! da wurden Grundsteine gelegt, die auf andre Art nicht gelegt werden konnten, nicht so leicht und tief gelegt werden konnten – sie liegen! Jahrhunderte haben drüber gebaut, Stürme von Weltalter haben sie wie den Fuß der Pyramiden mit Sandwüsten überschwemmet, aber nicht zu erschüttern vermocht – sie liegen noch! und glücklich, da alles auf ihnen ruht.

Morgenland, du hiezu recht auserwählter Boden Gottes! Die zarte Empfindlichkeit dieser Gegenden, mit der raschen, fliegenden Einbildung, die so gern alles in göttlichen Glanz kleidet: Ehrfurcht vor allem, was Macht, Ansehn, Weisheit, Kraft, Fußstapfe Gottes ist, und sodann gleich kindliche Ergebung, die sich ihnen natürlich, uns Europäern unbegreiflich, mit dem Gefühl von Ehrfurcht mischet: der wehrlose, zerstreute, ruheliebende, herdenähnliche Zustand des Hirtenlebens, das sich auf einer Ebne Gottes milde und ohn Anstrengung ausleben will – alle das, mehr und weniger von Umständen unterstützt, freilich hat’s in der spätem Folge auch dem Despotismus der Eroberer volle Materialien geliefert, so volle Materialien, dass Despotismus vielleicht ewig in Orient sein wird, und noch kein Despotismus in Orient durch fremde äußere Kräfte gestürzt worden: er musste nur immer, weil ihm nichts entgegenstand, und er sich unermesslich ausbreitete, allein durch eigne Last zerfallen. Allerdings hat dieser Despotismus auch oft die schrecklichsten Würkungen hervorgebracht, und wie der Philosoph sagen wird, die schrecklichste von allen, dass kein Morgenländer, als solcher, noch kaum von einer menschlichen, bessern Verfassung, innigen Begriff haben kann. – Aber alle das später dahingestellt und [15]zugegeben: Anfangs unter der milden Vaterregierung war nicht eben der Morgenländer mit seinem zarten Kindessinne der glücklichste und folgsamste Lehrling? Alles ward als Muttermilch und väterlicher Wein gekostet! Alles in Kindesherzen aufbewahrt und da mit dem Siegel göttlicher Autorität versiegelt! der menschliche Geist bekam die ersten Formen von Weisheit und Tugend mit einer Einfalt, Stärke und Hoheit, die nun – geradeheraus gesagt – in unsrer philosophischen, kalten europäischen Welt wohl nichts, gar nichts ihresgleichen hat. Und eben weil wir so unfähig sind, sie mehr zu verstehen! zu fühlen! geschweige denn zu genießen – so spotten wir, leugnen und missdeuten! der beste Beweis!

Ohne Zweifel gehört hiezu auch Religion, oder vielmehr war Religion »das Element, in dem das alles lebt’ und webte«. Auch von allem göttlichen Eindruck bei Schöpfung und frühester Pflege des Menschengeschlechts, (dem Ganzen so nötig als jedem einzelnen Kinde nach seiner Geburt Pflege der Eltern), von alledem auch den Blick entfernt, wenn Greis, Vater, König so natürlich Gottes Stelle vertrat und sich ebenso natürlich der Gehorsam unter väterlichen Willen, das Ankleben an alte Gewohnheit, und die ehrfurchtvolle Ergebung in den Wink des Obern, der das Andenken alter Zeiten hatte,d mit einer Art von kindlichem Religionsgefühl mischet – musstens denn, wie wir aus dem Geist und Herzen unsrer Zeit so sicher wähnen,e nichts anders als Betrüger und Bösewichter sein, die dergleichen Ideen [16]aufdrangen, arglistig erdichtet hatten und argwüterisch missbrauchten? Mag’s sein, dass dergleichen Religionsgefühl, als Element unsrer Handlungen, für unsern philosophischen Weltteil, für unsere gebildete Zeit, für unsre freidenkende Verfassung von innen und außen äußerst schändlich und schädlich wäre (ich glaube, sie ist, was noch mehr ist, leider! für ihn gar unmöglich), lass es sein, dass die Boten Gottes, wenn sie jetzt erschienen, Betrüger und Bösewichter wären: siehst du nicht, dass es mit dem dortigen Geist der Zeit, des Landes, der Stufe des Menschengeschlechts ganz anders ist? Bloß schon die älteste Philosophie und Regierungsform hat so natürlich in allen Ländern ursprünglich Theologie sein müssen! – – Der Mensch staunt alles an, ehe er sieht: kommt nur durch Verwunderung zur hellen Idee des Wahren und Schönen; nur durch Ergebung und Gehorsam zum ersten Besitz des Guten – so gewiss auch das menschliche Geschlecht. Hast du je einem Kinde aus der philosophischen Grammatik Sprache beigebracht? aus der abgezogensten Theorie der Bewegung es gehn gelernt? hat ihm die leichteste oder schwerste Pflicht aus einer Demonstration der Sittenlehre begreiflich gemacht werden müssen? und dürfen? und können? Gottlob eben! dass sie’s nicht dürfen und können! Diese zarte Natur, unwissend und dadurch auf alles begierig, leichtgläubig und damit alles Eindrucks fähig, zutrauend-folgsam, und damit geneigt, auf alles Gute geführt zu werden, alles mit Einbildung, Staunen, Bewundrung erfassend, aber eben damit auch alles umso fester und wunderbarer sich zueignend – »Glaube, Liebe und Hoffnung in seinem zarten Herzen, die einzigen Samenkörner aller Kenntnisse, [17]Neigungen und Glückseligkeit« – tadelst du die Schöpfung Gottes? oder siehst du nicht in jedem deiner sogenannten Fehler Vehikulum, einziges Vehikulum alles Guten? Wie töricht, wenn du diese Unwissenheit und Bewundrung, diese Einbildung und Ehrfurcht, diesen Enthusiasmus und Kindessinn mit den schwärzesten Teufelsgestalten deines Jahrhunderts, Betrügerei und Dummheit, Aberglaub’ und Sklaverei brandmarken, dir ein Heer von Priesterteufeln und Tyrannengespenstern erdichten willt, die nur in deiner Seele existieren! Wie tausendmal mehr töricht, wenn du einem Kinde deinen philosophischen Deismus, deine ästhetische Tugend und Ehre, deine allgemeine Völkerliebe voll toleranter Unterjochung, Aussaugung und Aufklärung nach hohem Geschmack deiner Zeit großmütig gönnen wolltest! Einem Kinde? O du das ärgste, törichtste Kind! und raubtest ihm damit seine bessre Neigungen, die Seligkeit und Grundfeste seiner Natur; machtest es, wenn dir der unsinnige Plan gelänge, zum unerträglichsten Dinge in der Welt – einem Greise von drei Jahren.

Unser Jahrhundert hat sich den Namen: Philosophie! mit Scheidewasser vor die Stirn gezeichnet, das tief in den Kopf seine Kraft zu äußern scheint – ich habe also den Seitenblick dieser philosophischen Kritik der ältesten Zeiten, von der jetzt bekanntlich alle Philosophien der Geschichte, und Geschichten der Philosophie voll sind, mit einem Seitenblicke obwohl Unwillens und Ekels erwidern müssen, ohne dass ich mich um die Folgen des einen und des andern zu bekümmern nötig finde. Gehe hin, mein Leser, und fühle noch jetzt hinter Jahrtausenden die so lang erhaltne reine morgenländische Natur, [18]belebe sie dir aus der Geschichte der ältesten Zeiten, und du wirst »Neigungen antreffen, wie sie nur in dem Lande, auf die Art, zu den großen Zwecken der Vorsehung aufs Menschengeschlecht hinab gebildet werden konnten« – welch ein Gemälde, wenn ich’s dir liefern könnte, wie es war!

*

Die Vorsehung leitete den Faden der Entwicklung weiter – vom Euphrat, Oxus und Ganges herab, zum Nil und an die phönizischen Küsten – große Schritte!

Es ist selten ohne Ehrfurcht, dass ich mich vom alten Ägypten und von der Betrachtung entferne, was es in der Geschichte des menschlichen Geschlechts geworden! Land, wo ein Teil des Knabenalters der Menschheit an Neigungen und Kenntnissen gebildet werden sollte, wie in Orient die Kindheit! Ebenso leicht und unvermerkt als dort die Genese, war hier die Metamorphose.

Ägypten war ohne Viehweide und Hirtenleben: der Patriarchengeist der ersten Hütte ging also verloren. Aber aus Nilschlamm gebildet und von ihm befruchtet, gab’s, beinahe ebenso leicht, den vortrefflichsten Ackerbau: also ward die Schäferwelt von Sitten, Neigungen, Kenntnissen ein Bezirk von Ackermenschen. Das Wanderleben hörte auf: es wurden feste Sitze, Landeigentum. Länder mussten ausgemessen, jedem das Seine bestimmt, jeder bei dem Seinen beschützt werden: jeden konnte man also auch bei dem Seinen finden – es ward Landessicherheit, Pflege der Gerechtigkeit, Ordnung, Polizei, wie alles im Wanderleben des Orients nie möglich [19]gewesen: es ward neue Welt. Nun kam eine Industrie auf, wie sie der selige, müßige Hüttenwohner, der Pilger und Fremdling auf Erden, nicht gekannt hatte: Künste erfunden, die jener weder brauchte noch zu brauchen Lust fühlte. Bei dem Geist ägyptischer Genauigkeit und Ackerfleißes konnten diese Künste nicht anders, als zu einem hohen Grad mechanischer Vollkommenheit gelangen: der Sinn des strengen Fleißes, der Sicherheit und Ordnung ging durch alles: jeder war in der Kunde der Gesetzgebung, derselben mit Bedürfnis und Genuss verpflichtet: also ward auch der Mensch unter sie gefesselt: die Neigungen, die dort bloß väterlich, kindlich, schäfermäßig, patriarchisch gewesen waren, wurden hier bürgerlich, dörflich, städtisch. Das Kind war dem Flügelkleide entwachsen: der Knabe saß auf der Schulbank und lernte Ordnung, Fleiß, Bürgersitten.

Eine genaue Vergleichung des morgenländischen und ägyptischen Geistes müsste zeigen, dass meine Analogie, von menschlichen Lebensaltern hergenommen, nicht Spiel sei. Offenbar war allem, was beide Alter auch gemeinschaftlich hatten, der himmlische Anstrich genommen, und es mit Erdehaltung und Ackerleim versetzt: Ägyptens Kenntnisse waren nicht mehr väterliche Orakelsprüche der Gottheit, sondern schon Gesetze, politische Regeln der Sicherheit, und der Rest von jenen ward bloß als heiliges Bild an die Tafel gemalt, dass es nicht unterginge, dass der Knabe davor stehen, entwickeln und Weisheit lernen sollte. Ägyptens Neigungen nicht mehr so kindeszart als die in Orient: das Familiengefühl schwächte sich, und ward dafür Sorge für dieselbe, Stand, Künstlertalent, das sich mit dem Stande wie Haus und [20]Acker forterbte. Aus dem müßigen Zelte, wo der Mann herrschte, war eine Hütte der Arbeit geworden, wo auch das Weib schon Person war, wo der Patriarch jetzt als Künstler saß und sein Leben fristete. Die freie Aue Gottes voll Herden, ein Acker voll Dörfer und Städte: das Kind, was Milch und Honig aß, ein Knabe, der über seine Pflichten mit Kuchen belohnt wurde – – es webte neue Tugend durch alles, die wir ägyptischen Fleiß, Bürgertreue nennen wollen, die aber nicht orientalisches Gefühl war. Dem Morgenländer, wie ekelt ihm noch jetzt Ackerbau, Städteleben, Sklaverei in Kunstwerkstätten! wie wenig Anfänge hat er noch nach Jahrtausenden in alledem gemacht: er lebt und webt als ein freies Tier des Feldes. Der Ägypter im Gegenteil, wie hasste und ekelte er den Viehhirten, mit allem, was ihm anklebte! eben wie sich nachher der feinere Grieche wieder über den lastbaren Ägypter erhob – es hieß nichts, als dem Knaben ekelte das Kind in seinen Windeln, der Jüngling hasste den Schulkerker des Knaben; im Ganzen aber gehörten alle drei auf- und nacheinander. Der Ägypter ohne morgenländischen Kindesunterricht wäre nicht Ägypter, der Grieche ohne ägyptischen Schulfleiß nicht Grieche – eben ihr Hass zeigt Entwickelung, Fortgang, Stufen der Leiter!

Zum Erstaunen sind sie, die leichten Wege der Vorsehung: sie, die das Kind durch Religion lockte und erzog, entwickelte den Knaben durch nichts als Bedürfnisse und das liebe Muss der Schule. Ägypten hatte keine Weiden – der Einwohner musste also Ackerbau wohl lernen, wie sehr erleichterte sie ihm dies schwere Lernen durch den fruchtbringenden Nil. Ägypten hatte kein[21]Holz: man musste mit Stein bauen lernen: Steingruben gnug da: der Nil bequem da, sie fortzubringen – wie hoch ist die Kunst gestiegen! wie viel entwickelte sie andre Künste! Der Nil überschwemmte: man brauchte Ausmessungen, Ableitungen, Dämme, Kanäle, Städte, Dörfer – auf wie mancherlei Weise ward man am Erdkloß angeheftet! aber wie viel Einrichtung entwickelte auch der Erdkloß! Er ist mir auf der Karte nichts als Tafel voll Figuren, wo jeder Sinn entwickelt hat: so original dies Land und seine Produkte, so eine eigne Menschengattung! Der menschliche Verstand hat viel in ihm gelernt, und vielleicht ist keine Gegend der Erde, wo dies Lernen so offenbar Kultur des Bodens gewesen als hier. Sina ist noch sein Nachbild: man urteile und errate.

Auch hier wieder Torheit, eine einzige ägyptische Tugend aus dem Lande, der Zeit und dem Knabenalter des menschlichen Geistes herauszureißen und mit dem Maßstabe einer andern Zeit zu messen! Konnte, wie gezeigt, sich schon der Grieche so sehr am Ägypter irren und der Morgenländer den Ägypter hassen: so dünkt mich, sollt’s doch erster Gedanke sein, ihn bloß auf seiner Stelle zu sehen, oder man sieht, zumal aus Europa her, die verzogenste Fratze. Die Entwicklung geschah aus Orient und der Kindheit herüber – natürlich musste also noch immer Religion, Furcht, Autorität, Despotismus dasVehikulum der Bildung werden: denn auch mit dem Knaben von sieben Jahren lässt sich noch nicht, wie mit Greis und Manne, vernünfteln. Natürlich musste also auch, nach unserm Geschmack, dies Vehikulum der Bildung harte Schlaube, oft solche Ungemächlichkeiten, so viel Krankheiten verursachen, die man [22]Knabenstreitigkeiten und Kantonskriege nennt. Du kannst so viel Galle du willt über den ägyptischen Aberglauben und das Pfaffentum ausschütten, als z. B. jener liebenswürdige Plato Europens,f der nur alles zu sehr nach griechischem Urbilde modeln will, getan hat – alles wahr! alles gut, wenn das Ägyptentum für dein Land und deine Zeit sein sollte. Der Rock des Knaben ist allerdings für den Riesen zu kurz! und dem Jünglinge bei der Braut der Schulkerker anekelnd: aber siehe! dein Talar ist für jenen wieder zu lang, und siehst du nicht, wenn du etwas ägyptischen Geist kennest, wie deine bürgerliche Klugheit, philosophischer Deismus, leichte Tändelei, Umlauf in alle Welt, Toleranz, Artigkeit, Völkerrecht und wie der Kram weiter heiße, den Knaben wieder zum elenden Greisknaben würde gemacht haben. Er musste eingeschlossen sein; eine gewisse Privation von Kenntnissen, Neigungen und Tugenden musste da sein, um das zu entwickeln, was in ihm lag und jetzt in der Reihe der Weltbegebenheiten nur das Land, die Stelle entwickeln konnte! Also waren ihm diese Nachteile Vorteile oder unvermeidliche Übel, wie die Pflege mit fremden Ideen dem Kinde, Streifereien und Schulzucht dem Knaben – warum willt du ihn von seiner Stelle, aus seinem Lebensalter rücken – den armen Knaben töten? – – Welch eine große Bibliothek von solchen Büchern! bald die Ägypter zu alt gemacht, und aus ihren Hieroglyphen, Kunstanfängen, Polizeiverfassungen, welche Weisheit geklaubt!g bald sie wieder gegen die [23]Griechen, so tief verachteth – bloß weil sie Ägypter und nicht Griechen waren, wie meist die Liebhaber der Griechen, wenn sie aus ihrem Lieblingslande kamen. Offenbares Unrecht!

Der beste Geschichtschreiber der Kunst des Altertums, Winckelmann, hat über die Kunstwerke der Ägypter offenbar nur nach griechischem Maßstabe geurteilt, sie also verneinend sehr gut, aber nach eigner Natur und Art so wenig geschildert, dass fast bei jedem seiner Sätze in diesem Hauptstück das offenbar Einseitige und Schielende vorleuchtet. So Webb, wenn er ihre Literatur der griechischen entgegensetzt: so manche andre, die über ägyptische Sitten und Regierungsform gar mit europäischem Geist geschrieben haben. – Und da es den Ägyptern meistens so geht, dass man zu ihnen aus Griechenland und also mit bloß griechischem Auge kommt – wie kann’s ihnen schlechter gehen? Aber teurer Grieche! diese Bildsäulen sollten nun nichts weniger (wie du aus allem wahrnehmen könntest) als Muster der schönen Kunst nach deinem Ideal sein! voll Reiz, Handlung, Bewegung, wo von allem der Ägypter nichts wusste, oder was sein Zweck ihm gerade wegschnitt. Mumien sollten sie sein! Erinnerungen an verstorbne Ältern oder Vorfahren nach aller Genauigkeit ihrer Gesichtszüge, Größe nach hundert festgesetzten Regeln, an die der Knabe gebunden war also natürlich eben ohne Reiz, ohne Handlung, ohne Bewegung, eben in dieser Grabesstellung mit Händ und Füßen voll Ruhe und Tod – ewige Marmormumien! siehe, das sollten sie sein und sind’s auch! sind’s im höchsten [24]Mechanischen der Kunst! im Ideal ihrer Absicht! – wie geht nun dein schöner Tadeltraum verloren! Wenn du auf zehnfache Weise den Knaben durch ein Vergrößerungsglas zum Riesen erhöbest und ihn belichtetest, du kannst nichts mehr in ihm erklären; alle Knabenhaltung ist weg, und ist doch nichts minder, als Riese!

*

Die Phönizier waren, oder wurden, so verwandt sie den Ägyptern waren, gewissermaßen ihre Gegenseite von Bildung. Jene, wenigstens in den spätern Zeiten, Hasser des Meers und der Fremden, um einheimisch nur »alle Anlagen und Künste ihres Landes zu entwickeln«; diese zogen sich hinter Berg und Wüste an eine Küste, um eine neue Welt auf dem Meere zu stiften – und auf welchem Meere? auf einem Inselnsunde, einem Busen zwischen Ländern, das recht dahin geleitet, mit Küsten, Inseln und Landspitzen gebildet zu sein schien, um einer Nation die Mühe des Schwimmens und Landsuchens zu erleichtern – wie berühmt bist du, Archipelag und Mittelmeer, in der Geschichte des menschlichen Geistes! Ein erster handelnder Staat, ganz auf Handel gegründet, der die Welt zuerst über Asien hinaus recht ausbreitete, Völker pflanzte und Völker band – welch ein großer neuer Schritt zur Entwicklung! Nun musste freilich das morgenländische Hirtenleben mit diesem werdenden Staat fast schon unvergleichbar werden: Familiengefühl, Religion und stiller Landgenuss des Lebens schwand: die Regimentsform tat einen gewaltigen Schritt zur Freiheit der Republik,[25]von der weder Morgenländer noch Ägypter eigentlich Begriff gehabt. Auf einer handelnden Küste mussten bald wider Wissen und Willen gleichsam Aristokratien von Städten, Häusern und Familien werden – mit allem welch eine Veränderung in Form menschlicher Gesellschaft! Als also Hass gegen die Fremden und Verschlossenheit von andern Völkern schwand, ob der Phönizier gleich nicht aus Menschenliebe Nationen besuchte, es ward eine Art von Völkerliebe, Völkerbekanntschaft, Völkerrecht sichtbar, von dem denn nun wohl ganz natürlich ein eingeschlossner Stamm oder ein kolchisches Völkchen nichts wissen konnte. Die Welt wurde weiter: Menschengeschlechter verbundner und enger: mit dem Handel eine Menge Künste entwickelt, ein ganz neuer Kunsttrieb in Sonderheit, für Vorteil, Bequemlichkeit, Üppigkeit und Pracht! Auf einmal stieg der Fleiß der Menschen von der schweren Pyramidenindustrie und dem Ackerfleiße in ein »Niedliches kleinerer Beschäftigungen« hinunter. Statt jener unnützen, teillosen Obelisken wandte sich die Baukunst auf teilvolle und in jedem Teil nutzbare Schiffe. Aus der stummen, stehenden Pyramide ward der wandelnde, sprechende Mast. Hinter der Bildnerei und Werkarbeit der Ägypter ins Große und Ungeheure spielte man jetzt so vorteilhaft mit Glas, mit zerstücktem, gezeichnetem Metall, Purpur und Leinwand, Gerätschaft vom Libanon, Schmuck, Gefäßen, Zierrat – man spielt’s fremden Nationen in die Hände – welch andre Welt von Beschäftigung! von Zweck, Nutzen, Neigung, Seelenanwendung! Nun musste natürlich aus der schweren, geheimnisreichen Hieroglyphenschrift »leichte, abgekürzte, bräuchliche [26]Rechen- und Buchstabenkunst werden: nun musste der Bewohner des Schiffs und der Küste, der expatriierte Seestreicher und Völkerläufer dem Bewohner des Zelts und der Ackerhütte ein ganz anderes Geschöpf dünken: der Morgenländer musste ihm vorwerfen können, dass er Menschliches, der Ägypter, dass er Vaterlandsgefühl geschwächt, jener, dass er Liebe und Leben, dieser, dass er Treue und Fleiß verloren: jener, dass er vom heiligen Gefühl der Religion nichts wisse, dieser, dass er das Geheime der Wissenschaften, wenigstens in Resten auf seine Handelsmärkte zur Schau getragen.« Alles wahr. Nur entwickelte sich dagegen auch etwas ganz anderes, (was ich zwar keineswegs mit jenem zu vergleichen willens bin: denn ich mag gar nicht vergleichen!), phönizische Regsamkeit und Klugheit, eine neue Art Bequemlichkeit und Wohlleben, der Übergang zum griechischen Geschmack, und eine Art Völkerkunde, der Übergang zur griechischen Freiheit. Ägypter und Phönizier waren also bei allem Kontraste der Denkart Zwillinge einer Mutter des Morgenlands, die nachher gemeinschaftlich Griechenland und so die Welt weiter hinaus bildeten. Also beide Werkzeuge der Fortleitung in den Händen des Schicksals, und wenn ich in der Allegorie bleiben darf, der Phönizier, der erwachsenere Knabe, der umherlief und die Reste der uralten Weisheit und Geschicklichkeit mit leichterer Münze auf Märkte und Gassen brachte. Was ist die Bildung Europens den betrügerischen, gewinnsüchtigen Phöniziern schuldig! – Und nun der schöne griechische Jüngling.

*

[27]Wie wir uns vor allem der Jünglingszeit mit Lust und Freude erinnern, Kräfte und Glieder bis zur Blüte des Lebens ausgebildet: unsre Fähigkeiten bis zur angenehmen Schwatzhaftigkeit und Freundschaft entwickelt: alle Neigungen auf Freiheit und Liebe, Lust