Auf alles, was noch kommt - Joanne Fedler - E-Book

Auf alles, was noch kommt E-Book

Joanne Fedler

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12,99 €

Beschreibung

»Weiberabend« im Outback:
Joanne Fedlers Roman für Frauen ab 50 ist die Fortsetzung der Kult-Bestseller »Weiberabend« und »Endlich wieder Weiberabend«.
»Auf alles, was noch kommt« kann aber auch unabhängig gelesen werden.

Mit Anfang 50 steckt Jo plötzlich mitten in einer veritablen Lebenskrise: Wer ist sie eigentlich, außer Ehefrau und Mutter erwachsener Kinder – und vor allem: Was will sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen? Dazu kommt eine für Jo unerklärliche, kochend heiße Wut auf so ziemlich alles, die sogar Ehemann Frank dazu bringt, nur halb im Spaß die scharfen Messer wegzuräumen.
Als eine Freundin Jo zu einem spirituellen Wochenende im australischen Outback einlädt, sagt sie zu, obwohl sie wenig Lust verspürt, Fremden etwas von sich preiszugeben. Erst eine gemeinsame Nacht am Lagerfeuer ändert schließlich alles: Die intimen Gespräche, unerwartete Enthüllungen und ein tröstliches Gefühl von Verbundenheit lassen Jo einen neuen Blick auf ihr Leben gewinnen und voller Hoffnung durchstarten.

In ihrem Roman für Frauen ab 50 lässt Bestseller-Autorin Joanne Fedler am Lagerfeuer fünf ganz unterschiedliche Frauen zusammenkommen, um emotional, humorvoll und schonungslos offen Antworten auf Fragen zu suchen, die Frauen in den besten Jahren umtreiben.

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Seitenzahl: 416

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Joanne Fedler

Auf alles, was noch kommt

Roman

Aus dem Englischen von Maria Hochsieder

Knaur e-books

Über dieses Buch

Mit Anfang 50 steckt Jo plötzlich mitten in einer veritablen Lebenskrise: Wer ist sie eigentlich, außer Ehefrau und Mutter erwachsener Kinder – und vor allem: Was will sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen? Dazu kommt eine für Jo unerklärliche, kochend heiße Wut auf so ziemlich alles, die sogar Ehemann Frank dazu bringt, nur halb im Spaß die scharfen Messer wegzuräumen.

Als eine Freundin Jo zu einem spirituellen Wochenende im australischen Outback einlädt, sagt sie zu, obwohl sie wenig Lust verspürt, Fremden etwas von sich preiszugeben. Erst eine gemeinsame Nacht am Lagerfeuer ändert schließlich alles: Die intimen Gespräche, unerwartete Enthüllungen und ein tröstliches Gefühl von Verbundenheit lassen Jo einen neuen Blick auf ihr Leben gewinnen und voller Hoffnung durchstarten.

Inhaltsübersicht

WidmungMottoWarnhinweis der AutorinWas hast du denn [...]Zwei Gründe, weshalb ich nicht Nein sagteOhne TascheFionas FreundinnenEtwas UbuntuFlamingomilchVitamin GAlt genug, um zu sterbenEinmal Küchenhexe, immer KüchenhexeDie brennende FrauAktivierte MösenWie wir unseren Töchtern Angst einjagenDen Liebkosungen den Krieg erklärtDie TräneWozu Kinder gut sindWarum Bienen schwärmenDie Geschichte vom KuchenDie enkellose GenerationZurück zur ErdeDie SpeisenfolgeDanksagungLeseprobe »Weiberabend«
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Für

meine Mutter Dorrine,

die mich lehrte, geliebt zu werden,

 

und

Emma Steinfort

(10. Februar 1977–4. September 2012)

 

und

Dr. Carol Ann Thomas

(20. März 1961–12. April 2019)

 

 

Die Luft hat sich verändert, als ihr gegangen seid.

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Geh bis an deiner Sehnsucht Rand

 

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,

dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.

Aber die Worte, eh jeder beginnt,

diese wolkigen Worte, sind:

 

Von deinen Sinnen hinausgesandt,

geh bis an deiner Sehnsucht Rand;

gib mir Gewand.

 

Hinter den Dingen wachse als Brand,

daß ihre Schatten, ausgespannt,

immer mich ganz bedecken.

 

Laß dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.

Man muß nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.

Laß dich von mir nicht trennen.

Nah ist das Land,

das sie das Leben nennen.

 

Du wirst es erkennen

an seinem Ernste.

 

Gib mir die Hand.

 

Das Stunden-Buch, 1/59

Rainer Maria Rilke

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Warnhinweis der Autorin

Wir haben zwei Leben,

und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eines hast.

Mario de Andrade

 

Du bist drauf und dran, dich auf gefährliches Terrain zu begeben.

Immer mit der Ruhe, dagegen kommst du ohnehin nicht an.

Egal für welchen Weg du dich entscheidest, immer stolperst du hinein in das grimmige, furchterregende Bewusstsein: Scheiße, meine Zeit wird knapp. Schieb es nur auf die Wechseljahre, doch egal ob es die Kinder sind, die plötzlich ausgeflogen sind, oder der tiefgreifende Schock, wenn du einen Elternteil verlierst, den Ehemann, Freund oder deine Gesundheit – du kommst in jedem Fall an diesen Punkt.

Vielleicht wandelst du auf den Pfaden der Angst, des Burn-outs, der Depression, Freudlosigkeit, Treulosigkeit (deiner eigenen oder der deines Partners), Verbitterung über lange vergangene Ereignisse, Pfaden der Reue angesichts deiner Heterosexualität, der irrationalen Wut, Enttäuschung und Leere (wobei das nur die Pfade sind, auf denen am meisten Gedränge herrscht).

Schon gut, du wirst ein paar Fragen haben. Zum Beispiel, ob dein Ehepartner eher Gewohnheit denn Seelenverwandter ist und etwas Größerem im Weg steht, auch wenn du keinen blassen Schimmer hast, was das sein könnte. Du wirst den Drang spüren, dich aus deinem Allerweltsleben zu schälen, von dem du sicher dachtest, dass es dir auf den Leib geschneidert war, damals, als du jenes Gelöbnis über die guten und schlechten Tage abgelegt hast. Die Entwicklung von »ja, ich will« zu »du mich auch« kommt einer seismischen Erschütterung gleich.

Voller Verblüffung siehst du, was aus deinen erwachsenen Kindern geworden ist, und fragst dich, ob du deine Zeit nicht besser auf ______________ verwendet hättest (setze hier die Herzenssache ein, die du für deine Lieblinge geopfert hast).

Das, was du einmal gewollt hast, so verkündest du, ist dir nicht mehr genug; du hast es dir anders überlegt. Der Drang, dich mancher Freundschaft zu entledigen, sexueller Orientierungen, Erwartungen und Ziele, lässt in dir das Gefühl aufkommen, den Verstand verloren zu haben. In dem ganzen Durcheinander wirst du bedauern, dass du ein halbes Jahrhundert damit zugebracht hast, freundlich, verantwortungs- und pflichtbewusst zu sein (als Tochter, Ehefrau, Partnerin, Mutter, Fürsorgende), und du erkennst, dass du verdammt noch mal fertig damit bist.

Das ist der Punkt.

Hier beginnt dein zweites Leben, und an ebendiesem Punkt setzt das vorliegende Buch ein. Es handelt sich um reine Fiktion. Aber wie in Weiberabend und seiner Fortsetzung Endlich wieder Weiberabend, den beiden Büchern, die diesem hier vorangegangen sind, habe ich mich auf tatsächliche Begegnungen, Persönlichkeiten und Erfahrungen gestützt, um es mit Personal zu bestücken. Ich habe mit verschiedenen Frauen einige Nächte in der Wildnis verbracht (einschließlich des australischen Outback und einer Höhle in den Blue Mountains) und an einem Heilerzirkel, einer Schreibgruppe und einem Tanzritual bei Neumond teilgenommen. Lange, tiefgehende und freimütige Gespräche führten uns in die Wut, Wildheit und die Verzweiflung angesichts unseres Daseins in Zeiten wie diesen.

Dieses Buch konnte nur unter dem Eindruck des monumentalen Zusammenbruchs unseres natürlichen Lebensraums entstehen. Viele von uns ahnen schon lange, dass uns beunruhigende Zeiten bevorstehen, und nie schien es wichtiger, besonnen und lebensklug zu handeln.

Die beschwerliche Reise zu meinem fünfzigsten Geburtstag war von den Werken einiger der größten Denker geprägt, die sich mit dem Älterwerden, der Lebensmitte, dem Altsein und dem Sterben auseinandersetzen, unter anderem Carl Gustav Jung, James Hollis, Joanna Macy, Dawna Markova, James Hillman, Adam Phillips, Leonard Cohen, Mary Oliver, Maya Angelou, John O’Donohue, Ram Dass und Stephen Jenkinson. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, diesem Buch mithilfe der Protagonisten hier und da etwas von der Weisheit dieser Denker aufzutupfen.

Diese Geschichte trägt sich in der Zeit unmittelbar vor den zerstörerischen australischen Buschfeuern (im Sommer 2019–2020) und der anschließenden Coronapandemie zu, als unsere schlimmsten Ängste noch lediglich eine Ahnung waren, eine tief empfundene Furcht, die man mit einem Wechseljahressymptom verwechseln mochte.

Heute wissen wir es besser.

Meine inständige Hoffnung ist, dass jede und jeder Einzelne von uns den Weg in die unsichere Zukunft bewusst und mutig geht, als weise und unerschütterliche Beschützer der einzigen Mutter, die uns bisher nicht enttäuscht hat – der Erde.

Geht hinaus, ihr Lieben, und fordert euer zweites Leben ein.

 

Joanne Fedler

 

[home]

Was hast du denn da alles eingepackt? Das ist ja ganz schön schwer«, ächzte Frank, als er meine blau-weiße Trolleytasche aus dem Kofferraum hievte.

Glaubt mir, ich hatte ein Taxi nehmen wollen. Aber er hatte darauf bestanden, mich zum Flughafen zu fahren. In der Kurzparkzone hatten wir uns hastig umarmt.

Ich drückte auf den Knopf am Taschengriff, um ihn herauszuziehen, aber der Mechanismus klemmte.

»Komm, lass mich das machen«, sagte Frank.

»Ich schaff das schon«, erwiderte ich und drückte hektisch auf dem Knopf herum.

»Du machst das noch kaputt …«

»Ich hab’s schon.«

Plötzlich schnappte der Griff nach oben.

»Siehst du?« Ich beugte mich vor und wollte Frank auf die Wange küssen, doch im selben Moment trat er einen Schritt nach hinten, um einer Frau mit Kinderwagen Platz zu machen.

»Ruf an … schreib eine SMS, wenn du ankommst … okay? Oder … also … ich … wir …«

»Ich sage Bescheid, wenn ich gelandet bin.«

»Wir sehen uns, wenn du so weit bist«, sagte er und nahm mich in den Arm. »Ich liebe dich. Ich hoffe, du findest, wonach du suchst.«

Ich drückte seine Hand und kippte die Reisetasche auf die Räder in Richtung des Check-in-Automaten von Jetstar.

»Jo …«

Als ich mich zu ihm umdrehte, hatte sich seine Miene verändert, obwohl ich gerade mal ein paar Sekunden weg gewesen war.

»Ich will auf keinen Fall, dass du dich jemals …«

Ich wartete ab.

»… unfrei fühlst.«

Ich brachte es nicht über mich, ihm in die Augen sehen.

»Mag sein, dass ich nicht so genau weiß, was mir das Vatersein beigebracht hat, aber ich weiß, was ich daraus gelernt habe, verheiratet zu sein.«

Ich blickte auf meine unlackierten Zehennägel in dem einzigen Paar Sandalen, das ich mitgenommen hatte.

»Ich will nicht, dass du dich eingesperrt fühlst.«

Als ich aufsah, standen ihm Tränen in den Augen. Mein Herz machte einen Satz.

Wie lange schon kannte er mein Geheimnis?

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Kapitel 1

Zwei Gründe, weshalb ich nicht Nein sagte

Vermutlich hätte ich Frank heute Morgen eine SMS schicken sollen, um ihm zu sagen, dass ich die Nacht draußen in der Wildnis verbringen würde. Und dass ich ihn, na ja, trotz allem liebe. Man weiß ja nie, wann die letzte Gelegenheit ist, jemandem die Dinge zu sagen, die man ihm sagen will.

Ich kenne Frank. Postwendend würde er zurückschreiben: »Im Ernst? Denk dran, wie es beim letzten Mal ausgegangen ist.« Ich bin kein Abenteuertyp – zumindest ist das die Version von mir, die er kennt. Aber das ist mein Zwanzigstes-Jahrhundert-Ich, denn hier bin ich, mit einem Rucksack auf dem Rücken, der weitaus schwerer ist, als er aussieht, und gebe die Nachhut dieser Prozession ohne die geringste Ahnung, worauf ich mich eingelassen habe, außer dass ein »Ritual« stattfinden wird, wenn wir dort ankommen, wo auch immer »dort« ist.

Wenn ich es mir recht überlege, hätte er meine SMS wahrscheinlich als Aufforderung verstanden, mich anzurufen. Er würde genauer Bescheid wissen wollen. »Also, was sind das noch mal für Frauen?«

Was sollte ich darauf sagen? Dass ich zwei von ihnen aus der Zeit kenne, als die Kinder klein waren, mir die anderen aber unbekannt sind? Er würde schweigen und sich fragen, ob ich die gebührende Sorgfalt hatte walten lassen. Drohten nicht Buschfeuer nach der ganzen Dürre? Würde sich fragen, ob ich endgültig übergeschnappt sei und mich zum Sterben in die Wildnis aufgemacht hätte, oder was. Wobei das vielleicht gar kein so schlechter Tod ist, wenn man es genauer betrachtet.

Er würde wissen wollen, ob ich die Cortisonsalbe gegen den Juckreiz dabeihätte. Was er damit tatsächlich meinen würde, wäre: »Ist er noch da? Ist es schlimmer geworden?«

Drei Monate Landluft haben keine wundersame Heilung bewirkt, jedenfalls nicht, was den Hautausschlag angeht, der vermutlich nur ein weiteres unglamouröses, auswegloses Wechseljahressymptom ist. Ich würde es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen und antworten: »Ich habe mich kein einziges Mal gekratzt, bis es geblutet hat«, nur um ihn zu beruhigen.

Einer der Gründe, warum man die Menschen anlügt, die man liebt, ist, dass man ihnen Sorgen ersparen will, wobei ich feststellen musste, dass es sich hierbei um verdammt dünnes Eis handelt und man sich damit ein mordsmäßig unbefriedigendes Liebesleben einhandelt.

Danach würde er sich erkundigen, wie es dem Auge ginge, und in seiner Stimme könnte ich Erleichterung darüber hören, dass die migräneartige, Panik heraufbeschwörende minutenlange Sehstörung auf meinem linken Auge aufgehört hat (wir also davon ausgehen können, dass es kein Hirntumor ist). »Da siehst du, ich mache dich krank«, würde er witzeln, und ich müsste lachend erwidern: »So ein Quatsch.«

Dann erst würde er einfließen lassen, worum es ihm eigentlich ging, was er geduldig zurückgehalten hatte so wie Detektiv Colombo seine verhängnisvolle Frage. »Und wo genau seid ihr unterwegs? Ist das ein ausgewiesener Wanderweg? Hat er einen Namen?« Und noch bevor wir uns verabschiedet hätten, hätte er ihn auf Google Maps ausgekundschaftet.

Für seinen Geschmack gäbe es einfach zu viele »Weiß ich nicht«.

Und zu viele Merkwürdigkeiten wie die Tatsache, dass wir schweigend wandern. Aber das war Fionas Einfall, nicht meiner, und genau deshalb habe ich mich überhaupt darauf eingelassen. Man kann sich sein Leben lang darum bemühen, von anderen bemerkt zu werden, anderen das Ohr abzukauen, wie meine Mutter sinnlose Geschwätzigkeit oft nennt, aber letzten Endes lässt nur die Stille zu, dass du du selbst bist.

Das Schweigen nehme ich als Zeichen, dass es meine Bestimmung ist, hier zu sein, denn ich habe kein Gramm Selbst mehr für andere übrig. Mit Müh und Not habe ich die Reste, die mir nach zwei Jahrzehnten Muttersein geblieben sind, zu einem kleinen ordentlichen Haufen neben der Tür zusammengekehrt, und über den wache ich wie eine Elefantenmutter über ihr Kalb.

Vierundzwanzig Stunden lang nicht zu sprechen, würde bei Frank eine Panikattacke auslösen.

Ja, es ist besser, wenn er nicht alles weiß.

 

Meine Gedanken kreisen weniger um Schlangen als sonst, wenn ich draußen im Busch bin. Tatsache ist, dass ich seit dem Wochenende auf dem Land mit Helen vor sieben Jahren keine mehr gesehen habe. Vielleicht bin ich den müßigen, absurden Ängsten entwachsen, nachdem so viele echte ihren Platz eingenommen haben. Dieser Wanderstock leitet mich und kündigt mich an, bevor meine Füße den Boden berühren. Eine bedingungslosere Unterstützung habe ich schon lange nicht mehr gehabt, BHs und Rückenlehnen eingeschlossen; er ist ein aufrichtiger und robuster Freund. Er wiegt wenig und liegt so gut in meiner Hand, als wäre er eigens für sie gemacht, so wie ein steifer Schwanz sich mit behaglicher Vertrautheit in dir einpassen kann.

Nicht dass mich jemand danach gefragt hätte, aber tatsächlich habe ich in den vergangenen Monaten nicht viel an Schwänze gedacht. Zuneigung muss nicht unter allen Umständen an Abwesenheit geknüpft sein, auch wenn ich das Frank gegenüber niemals aussprechen würde. Ich bin nicht völlig dämlich, es käme nur wieder als Verletzung rüber.

Majestätisch überragen uns runzlige Bäume, mythische Titanen, die Stars der Natur, ganz ohne Paparazzi. Ohne jeden Zwang bringen sie einen zum Schweigen. Sie spielen ihre Autorität nicht aus, dennoch sollte man sich über die eigene untergeordnete Rolle im Klaren sein. Während der Morgen sich mehr und mehr durchsetzt, wickelt sich das Sonnenlicht wie Schleifen durch ihre Zweige. Immer wieder halte ich inne und beobachte, wie das Licht flattert und changiert. Es schlingt sich um die Stämme wie eine Pole-Tänzerin. Man muss einfach stehen bleiben. Immer wieder. Wirklich stehen bleiben. Das sollte man sich im Leben zur Regel machen.

Jetzt, da wir unsere schweigende Wanderung begonnen haben, bin ich froh, dass ich die SMS an Fiona mit der feigen Ausrede heute Morgen nicht abgeschickt habe. »Bin mit Kopfschmerzen aufgewacht.« Mit dem Cursor war ich vor das Wort »Kopfschmerzen« gewandert und hatte »lähmenden« eingefügt. Dann hatte ich beide Wörter gelöscht und »Migräne« getippt. Daraufhin hatte ich alles gelöscht. Eine Lüge riecht man von Weitem, und Fiona hat an ihrem ersten Geburtstag allein etwas Besseres verdient.

Ich verlangsame meinen Schritt, damit die Trittgeräusche der anderen meinen Rhythmus nicht beeinflussen.

Der Abstand vergrößert sich, sodass ich meine fünf Begleiterinnen im Blick habe, die im Gänsemarsch vor mir hergehen.

Früher war ich von meiner Menschenkenntnis überzeugt. Sie war meine Superkraft, war wie ein Drogenhund, der Schmuggelware erschnüffelt, egal wie abwegig das Versteck ist. An der Art und Weise, wie sich jemand das Essen auf den Teller häufte, konnte ich erkennen, ob sie in der Liebe großzügig oder knausrig war, eine, die Regeln befolgte oder rebellierte, eine Tigermutter oder eine Glucke.

Im Handumdrehen hatte ich jemanden durchschaut und anhand der Kleidung (mit oder ohne Ohrringe, ob herabbaumelnde oder Ohrstecker), anhand der Schweigsamkeit und der Bemerkungen, die sie zum Lachen brachten, erschlossen, ob ich sie zur Vertrauten, Bekannten oder zur Facebook-Freundin machen wollte.

Nach einer Stunde Wandern hätte ich alles über die anderen gewusst − in welchem Zustand ihre Ehen waren, die Beziehung zu ihren Müttern und ob sie in problematischen Zeiten bei Kentucky Fried Chicken, beim Wodka oder im Gebet Zuflucht suchten. Anhand von Cates Erklärung, nichts als einen kleinen Tagesrucksack und eine Ukulele mitzunehmen (wie uns Letztere bei einem Notfall helfen soll, ist mir noch nicht ganz klar), Kiris herrischem Rüffel vor unserem Start und Yasmins grell bemalten Lippen hätte ich die Lücken gefüllt, jede Einzelne mit einem Etikett versehen und in eine Schublade gesteckt. Zu jeder ihrer Geschichten hätte ich mir eine Meinung gebildet.

Doch ich würde mich täuschen. Wie schon so oft zuvor. Zweiundfünfzig Jahre lang bin ich durchs Leben gestolpert und von einer Gewissheit zur nächsten getaumelt. Und dann kommt der Punkt − wie bei den scheinbar unerschöpflichen Reserven an Klopapier im Wäscheschrank −, an dem einem die Gewissheiten ganz einfach ausgehen. Und lasst euch sagen, es ist verflucht noch mal großartig, wenn man sie los ist. Es ist beinahe so befreiend, wie wenn man seine Periode nicht mehr bekommt.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich meine Meinung zu den Plänen abgegeben, insbesondere zur Frage nach dem Essen. Heute aber bin ich die Nachzüglerin. Fragt mich nicht, wo wir schlafen und was wir essen werden. Ich habe keine Ahnung. Es ist eine erschütternde Erleichterung, derart nutzlos und ohne jede Autorität zu sein. Man sollte meinen, dass einem diese Erkenntnis schon viel früher hätte kommen können, wenn man bedenkt, wie sich die Dinge mit den Kindern entwickelt haben.

Ich spiele ein Spiel. Die Stille erlaubt es mir. Wie viele Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen braucht es? Hundert? Tausend? Zehntausende? Wie viele für jedes Kind? Der Vorname (die Hänseleien auf dem Schulhof in der Grundschule prägen das Leben). Der Nachname (Frank und ich haben erst nach der Geburt der Kinder geheiratet, also mussten wir die Sache ausdiskutieren). Stillen oder Flasche? Wann impfen. Zu welchem Zeitpunkt feste Nahrung füttern. Beschneiden? Paukenröhrchen? Operieren? Antibiotika oder Bachblütentherapie? Sind Joghurt/Johannisbrot/Nutella/Fruit Loops etwas zum Naschen? Ja oder Nein zu Softdrinks? Wann ist Schlafenszeit? Welche Schule? Tennis oder Karate? Geige oder Schlagzeug? Übernachtungspartys? Geburtstagsfeste? Gewalttätige Videospiele? Make-up? Wie viele Fahrstunden?

Annähernd hunderttausend, schlussfolgere ich.

Kein Wunder, dass ich zermürbt und schrumpelig bin vor lauter Entscheidungsmüdigkeit. Egal wozu, ich will ganz bestimmt nicht nach meiner Meinung gefragt werden. Nie mehr.

Der Rucksack wird leichter werden. Es ist nur eine Frage der Muskel- und Schwerkraft. Jemand anders wird sich ums Feuermachen kümmern müssen. In der Schule habe ich mich für Korbball entschieden, nicht für die Pfadfinder. Die Fähigkeit, in der Wildnis zu überleben, gehört zu den Dingen, die ich nie gelernt habe, ebenso wie das Radfahren, einen Reifen zu wechseln, eine Herz-Lungen-Massage durchzuführen und die Sache, die ich am meisten bedaure: multiple Orgasmen zu haben (obwohl mir CJ bei unserer letzten Begegnung versichert hat, dass das recht einfach erlernbar sei).

Ich sollte mir an einer auffälligen Stelle ein Tattoo stechen lassen: In der Wildnis hoffnungslos verloren. Überließe man mir die Sache, wäre nicht auszuschließen, dass wir verhungern oder an Unterkühlung sterben.

Fiona hat sich um die Logistik gekümmert, damit dieses Ritual unter dem Sternenhimmel mit ein paar ausgewählten Freundinnen auch reibungslos verläuft. Es war eine noble Geste von ihr, mir Zugang zu ihrem Hexenzirkel zu gewähren, denn verdient habe ich ihn mir ganz sicher nicht. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, waren unsere Kinder gemeinsam in der Vorschule. Es war die Zeit, in der ich vor dem Einschlafen vorgelesen habe. Aaron weinte, wenn ich ohne ihn das Haus verließ. Jamie fragte immer, wann ich wieder da sein würde, auch wenn ich nur schnell Milch und Brot holen ging.

Ich war einmal das Zentrum eines kleinen Universums.

Eine Sonne.

Trotzdem, ein schwarzes Loch zu werden, ist gar nicht so schlimm, wie man meinen würde.

 

Ich hätte mich rausreden können, als Fiona mich eingeladen hat.

Es gibt zwei Gründe, weshalb ich nicht Nein sagte.

Der erste ist ein semantischer Grund. Der zweite Grund ist, egal was man über mich denken mag, nach allem, was ich Frank angetan habe: Ich bin kein ganz schlechter Mensch.

»Mein Gott, Jo, bist du’s wirklich?«

Es hatte einen Augenblick gedauert, bis ich gemerkt hatte, dass mich jemand angesprochen hatte. Ich war beim Einkaufen und stand zwischen den Ständen mit Kerzen aus Sojawachs und handgefertigten Traumfängern auf dem wöchentlichen Bauernmarkt. Seit achtundsiebzig Tagen und Nächten hatte ich niemanden mehr meinen Namen laut aussprechen hören. So lange war ich schon allein. Tausend Kilometer weg von zu Hause, im Hinterland der Sunshine Coast, hütete ich ein Haus.

»Du bist es!«

Mir blieb keine Zeit, meine Enttäuschung darüber zu verbergen, dass das Fastendasein in der Anonymität gebrochen war. Es kommt einem Überfall gleich, wenn man willkürlich erkannt wird – wie ein Maulwurf im Zeugenschutzprogramm, dessen Deckung auffliegt. Doch es handelte sich um Fiona – und kaum hatte ich mich zu ihr umgedreht, überflutete mich warme Zuneigung. Wir hatten eine gemeinsame Vergangenheit, und so war es eine glückliche Fügung, egal wie unvermutet es mich traf.

Es war Wie lange? Fünfzehn Jahre? her, riefen wir im Chor, seit wir uns das letzte Mal auf der Mütter-ohne-Mann-und-Kind-Pyjamaparty gesehen hatten, die unsere Freundin Helen organisiert hatte. »Was für eine Nacht! All das Essen! Und dieser Eimer voll Erdbeer-Daiquiri!«

Wir hatten uns mit der Ungeniertheit jener, denen ein kurzzeitiger Strafaufschub gewährt worden war, einem Festmahl und Trinkgelage hingegeben. Es war nur ein Zeitfenster, doch es hatte genügt, dass eine nach der anderen sich geöffnet hatte, wir unsere dunkelsten Geheimnisse offenbart und die anderen gemurmelt hatten: »Ja, so ist es, mir geht es genauso.« In jener Nacht war mir klar geworden, dass das Muttersein eine seit Urzeiten bestehende #MeToo-Bewegung und jede von uns eine Undercoveragentin war.

Im Schatten der Roten Eukalyptusbäume und in der aufsteigenden Hitze des neuen Tages, umgeben von Bauern in breitkrempigen Hüten, mit rauen Händen und erdigem Geruch, fiel mir auf, dass Fionas Gesicht einen neuen Ausdruck angenommen hatte. Das Alter, ja, aber es war zerstörerischer als die vorangeschrittenen Jahre. Das einstmals rotbraune Haar hatte den Kupferton größtenteils verloren, wenngleich es das Sonnenlicht hie und da noch einfing wie eine rotgoldene Discokugel.

Das Erste, was sie mir erzählte, war, dass ihr Mann Ben acht Monate zuvor gestorben war. Es war ein langwieriger Kampf mit einer Herzerkrankung gewesen. »Wir haben auf eine Herztransplantation gewartet. Es hat sich kein Spender gefunden. Er starb mit offenem Mund und panisch um Luft ringend.«

In konzentrischen Ringen legte sich sein Sterben zwischen uns.

»Die Behandlungen haben all unsere Ersparnisse aufgebraucht. Und es hat ihm nichts als einen langsameren Tod beschert.«

»Ich musste earthtouch, mein Unternehmen, aufgeben. Es war unmöglich, es aufrechtzuerhalten und mich gleichzeitig rund um die Uhr um Ben zu kümmern.«

O Gott, es tut mir so leid.

»Nach seinem Tod musste ich unser Haus in Byron Bay verkaufen und zu einer Freundin ziehen. Ich helfe ihr mit den Bienenstöcken. Sie ist Imkerin. Wusstest du, dass die Umweltorganisation Earthwatch Bienen zu den wichtigsten Lebewesen der Erde erklärt hat?«

Das wusste ich nicht, aber ich würde Bienen jederzeit meine Stimme geben.

Ich zog sie in meine Arme. Ihr Körper wurde weich, und sie legte den Kopf auf meine Schulter. Sie duftete immer noch so wunderbar wie vor fünfzehn Jahren, nach Vanille, Ylang-Ylang und einem Hauch Kratzbeere. Auch wenn ihre Hingabe an Aromatherapieöle rätselhaft erscheinen mochte, so kam es allen zugute, die sie umarmten.

Als sie sich aus meinen Armen löste, waren ihre Augen feucht.

»Ich bin jetzt … Witwe.«

Ich hatte ihre Hand ergriffen und gedrückt.

Witwe. Die Schattenidentität, die in dem »Ja, ich will« und jedem blumenlastigen Jahrestag mitschwingt. Wenn wir uns für ein Leben zu zweit entscheiden, wissen wir, dass einer von beiden zuerst sterben wird. Unsere Einwilligung, getrennt zu werden, ist mit eingeschlossen. Aber wann hätte uns das Wissen um etwas jemals auf die Tatsache selbst vorbereitet? Frank und ich spielen ununterbrochen das Wer-stirbt-zuerst-Spiel, um uns mit Humor gegen das Unvorstellbare zu immunisieren. Als würde die halbe Million Dollar aus der Lebensversicherung die Trauer lindern. Frank versichert mir, dass es so sein wird. Wenn ich zuerst sterbe, erbt er meine Sammlung marokkanischer Laternen, wobei wir beide wissen, dass sie für die Mülldeponie ausersehen ist. Er neigt nicht zu Sentimentalitäten.

»Und bist du ganz geheilt?«

»Seit mehr als zehn Jahren. Ich bin ganz offiziell Brustkrebsüberlebende.« Fiona ballte die Faust und reckte sie in die Luft. Jetzt war sie die Fiona nach dem Brustkrebs. Ich hatte sie nur davor gekannt. Zwischen uns lag ein ganzer Kontinent von Dingen, die wir jeweils bei der anderen verpasst hatten. Ich wartete nicht mit Entschuldigungen auf, weshalb wir uns aus den Augen verloren hatten. Hin und wieder hatte ich auf Facebook nach ihr gesucht, ohne Erfolg, und damit hatte sich mein Einfallsreichtum erschöpft, wie ich mit jemandem Kontakt aufnehmen konnte.

Das Nächste, was sie sagte, war: »Ich bin kein großer Freund von Festen, aber kommende Woche habe ich Geburtstag und mache eine schweigende Wanderung durch den Regenwald zu einer kleinen Bucht. Mit einer Handvoll besonderer Freundinnen möchte ich ein heiliges Ritual unterm Sternenhimmel feiern. Es heißt Yatra, das ist Hindi. Könntest du dir vorstellen mitzukommen?«

Es gibt Menschen, die Wörter wie Zauberformeln verwenden, um etwas aufzubauschen oder zu überzeichnen. Auf diese Weise haben die Marketingleute die Intimität zerstört. Aber als Fiona »heilig« sagte, war sie ganz einfach da − die schlichte Strichzeichnung eines Worts, das nichts anderes bedeutete als es selbst, und nicht etwa ein Begriff, der sich verkleidete, um einen zu blenden. Das Wort landete sanft, wie damals der Falter im tasmanischen Regenwald mit schwirrenden Flügeln, auf meiner Handfläche.

Plötzlich spürte ich, wie ausgehungert ich nach dem war, was ich im Leben vermisste.

Wir müssten unser eigenes Wasser, Essen, die Beleuchtung, die Erste-Hilfe-Ausrüstung, Utensilien für unsere rituelle Waschung und Schlafsäcke mitschleppen. Es war eine Antiwerbung: Bequemlichkeit und Luxus nicht inbegriffen.

Wie die Kugeln in der Lotterietrommel balgten meine Ausreden um den ersten Platz: Hab Probleme mit dem Kreuz. War in letzter Zeit ein bisschen soziophob. Hab den Kopf nicht richtig frei, um neue Leute kennenzulernen. Ist das überhaupt sicher, einfach so in den Busch zu wandern?

Fionas wunderschöne grüne Augen blickten mir geradewegs ins Gesicht, ohne Erwartungshaltung, ohne jegliches Urteil. Es war eine Einladung. Sich aus der Komfortzone zu bewegen.

Ich hatte tief Luft geholt, drauf und dran, mich zu bedanken, aber das sei nichts für mich, als sie sagte: »Es ist mein erster Geburtstag … ohne Ben.«

 

Blätter wehen umher wie wohltuende Schrapnelle. Beim Gehen landet etwas auf meinem Kopf. Ich ziehe den Gummi aus dem Pferdeschwanz und schüttle das Haar aus. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass es springende Spinnen gibt. Das habe ich aus dem Film Planet Earth. Die Männchen verlieren sich in ausgeklügeltem Gesang und Tanz, um ein Weibchen anzulocken. Es geht um weit mehr als um enttäuschte Hoffnungen − wenn es einem talentlosen Männchen nicht gelingt, das Weibchen zu betören, ist es gut möglich, dass es gefressen wird. Eines der wenigen feministischen Statements der Natur.

Unsere Schritte knirschen auf der ausgedörrten Erde. Das Land ist eine ungeliebte Frau, deren Körper vor Verlangen spröde geworden ist. Die Abwesenheit von Nässe ist immer eine Mahnung, dass etwas kurz davor ist zu verschwinden.

Auf meiner linken Hand landet ein Marienkäfer. Er krabbelt von der Falte an meinem Handgelenk bis hinauf zu meinem unberingten Ringfinger. Um ihn nicht zu verlieren, habe ich meinen Ehering zu Hause in der Kommode zurückgelassen. Falls Frank meine Schubladen durchwühlt und irgendwelche voreiligen Schlussfolgerungen gezogen haben sollte, sei’s drum. Seine Neugier kann ich nicht kontrollieren.

Fiona aber hatte bemerkt, dass er fehlte.

»Sag mal, wie geht es Frank?«, fragte sie lächelnd. »Ihr seid doch noch verheiratet?«

»Ja, doch, klar. Es geht ihm … sehr gut«, brachte ich heraus.

Unvermeidlich fühlte ich mich wie eine verwöhnte Göre, weil ich mich mutwillig ohne Ehemann aufgemacht hatte, während er am Leben und bei guter Gesundheit war. »Und Gabriel? Was treibt er so?«, fragte ich.

»Er lebt in Alice Springs. Mit seinem Freund. Sie sind LGBTQ-Aktivisten und kümmern sich um psychologische Unterstützung Sicherheit. Man glaubt gar nicht, wie viele Selbstmorde und Selbstmordversuche es in der Schwulen- und Transgender-Community gibt. Es zerreißt einem das Herz. Sie retten Leben.«

»Wow. Er tut wirklich etwas Sinnvolles für die Welt.«

»Ich bin stolz auf ihn und Mark.« Sie lächelte. Dann hatte sie nach meinen Kindern gefragt. Hatte Jamie etwas aus ihrem künstlerischen Talent gemacht? War Aaron immer noch so heikel, was das Essen anbelangte?

Dass sie sich an diese Kleinigkeiten erinnerte, verstärkte mein Gefühl, eine schlechte Freundin zu sein. Es war lange her, dass ich über meine Kinder in einer Art und Weise geredet hatte, als hätte ich etwas mit ihnen zu tun. Schon vor Jahren hatten sie mir verboten, irgendetwas über sie auf Facebook zu posten. Es verletze ihre Privatsphäre, wenn ich sie fotografierte, pries oder womöglich gar taggte. Junge Erwachsene haben diese besondere Art, die eigenen Worte gegen einen zu verwenden, ebenso wie es die eigene Sicherheit ernsthaft gefährdet, in einem Gerangel eine Waffe zu tragen.

»Ich bereite mich seit zwei Jahren darauf vor, dass sie das Nest verlassen, warte auf den großen Aufbruch und die Stille nach dem lärmigen Familienleben. Bislang ist nichts davon eingetreten«, erzählte ich ihr. »Sie wohnen beide noch bei uns.«

Unser Zuhause, das Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder bot, wurde nun von vier Erwachsenen bewohnt. Man musste sich fürs Duschen anstellen. Den Stuhldrang unterdrücken. Eine Reservierung machen, wenn man im Wohnzimmer die Lieblingsserie sehen wollte. Das Esszimmer buchen, wenn man Freunde zum Essen einlud.

»Letztes Jahr hat Jamie den ersten Platz in einem internationalen Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen«, sagte ich. »Sie hat ein Stipendium für den Master-Studiengang in Kreativem Schreiben an der California State University bekommen. In ein paar Monaten zieht sie weg.«

»Sie kommt ganz offensichtlich nach dir.« Fiona wirkte ehrlich begeistert.

»Sie hat … einen sehr eigenen Kopf«, stellte ich richtig. »Und Aaron … durchläuft gerade die harte Bewerbung fürs Militär.« Ich fügte nicht hinzu: »Oder die Polizei, falls er es nicht schafft.« Und ich gab auch keine weiteren Erklärungen. Die Wahrheit ist, dass ich keine habe.

Vermutlich konnte man mir am Gesicht ablesen, dass ich keines meiner erwachsenen Kinder verstehe. Das Wort »Enttäuschung« würde ich dafür nie verwenden, weil es sowohl die beiden als auch mich beschämen würde und eindeutig ungerecht wäre. Natürlich gibt es kein Rezept fürs Muttersein oder auch nur einen Zusammenhang zwischen dem, was man hineinsteckt, und dem, was dabei herauskommt. Hier geht es nicht um einen Käsekuchen, bei dem man Zucker hinzufügt und garantiert Süße bekommt. Aber ehrlich gesagt kam es mir manchmal so vor, als hätten wir unsere Kinder auf Englisch erzogen und eines Tages wären sie in fließendes Mandarin verfallen.

Fiona hatte bewundernde Ahs und Ohs über Jamie verlauten lassen, dabei hatte ich sie hereingelegt mit meinem großkotzigen Täuschungsmanöver, indem ich die Trophäen, Medaillen und sechsstelligen Gehälter des Nachwuchses aufzählte, ausplauderte, wie der eine von Headhuntern angesprochen worden war und der andere die Managerposition ergattert hatte; die Hochzeit war umwerfend, das Baby ist perfekt, was wünscht man sich mehr als Eltern? Wieder hatte ich es getan, war rückfällig geworden und hatte das wohlschmeckende Muttermärchen kultiviert wie ein Raucher, der sich nach wochenlanger Abstinenz die erste Zigarette anzündet. Der Alkoholiker, der sich »ein einziges Glas« erlaubt, nur um wieder von vorn anzufangen. Es ist die reinste Sisyphusarbeit.

Bei der Erwähnung des Militärs hatte Fiona nicht mit der Wimper gezuckt, und ganz plötzlich fiel mir im Schatten unter diesen üppigen Bäumen wieder ein, wie sehr ich sie mochte. Sie war immer die unvoreingenommenste unter uns Müttern gewesen, ganz ohne Gehässigkeit oder den Drang, sich zu vergleichen.

An diesem Tag hatte sie mir eine Hand auf den Arm gelegt und gesagt: »Mein Vater war beim Militär. Man lernt dort eine ganze Menge Sachen, die im Leben nützlich sind.«

»Ich wollte niemanden schlechtmachen.«

»Glaub mir, es war nicht leicht für uns. Abgesehen davon, würde ich nicht wollen, dass Gabriel zur Armee geht, wenn man bedenkt, wer er ist und was in der Welt vor sich geht.«

»Ich habe keine Ahnung, wie es dazu gekommen ist, dass ich einen Sohn großgezogen habe, der diesen Weg einschlägt, wo es heutzutage so viele Möglichkeiten gibt, ein Mann zu sein …«

»Es ist eine ganz natürliche Gegenreaktion. Er muss herausfinden, wer er sein möchte …«

»Wann hat Gabriel angefangen, sich sozial zu engagieren?«

»Während seines Sozialpädagogikstudiums hat er ein Praktikum in Alice Springs gemacht und sich in die Gegend verliebt. Und er hat Mark kennengelernt. Er scheint den Ort gefunden zu haben, an den er gehört. Ich habe ihn nie zuvor so glücklich erlebt.«

»Wie schön.«

Sie nickte. »Nach Bens Tod hatte er allerdings einen psychischen Zusammenbruch. Sie hatten sich … einander entfremdet.«

Mit kummervollem Blick hatte sie sich erfolglos um ein Lächeln bemüht, und in diesem Versagen zeigte sie sich: die Doppelgesichtigkeit ihrer Trauer, sowohl um den Ehemann als auch um den Vater ihres Sohnes. Lieber würden wir uns unsere eigenen Sorgen tausendfach aufbürden, als unsere Kinder leiden zu sehen. Dieses Stellvertreterdasein hält uns gefangen.

»Und wie geht es … deiner Stieftochter … ich habe ihren Namen vergessen. Steht ihr euch immer noch so nah?«

Fiona stöhnte. »Kirsty. Seit jenen glorreichen Tagen haben sich die Dinge sehr verändert.« In ihre Stimme schlich sich das Bewusstsein der Niederlage.

Ich wartete ab. Die ersten Worte strömen reflexhaft heraus. Wenn man eine Leerstelle lässt, gehen die Leute in dem, was sie als Nächstes sagen, manchmal mehr in die Tiefe.

»Sie ist dabei, das Testament anzufechten. Ben hat alles mir vererbt, und erst wenn ich sterbe, bekommen es die Kinder. Sie ist davon überzeugt, dass ich sie um ihr Erbe betrogen habe. Also kommunizieren wir mittlerweile nur noch über unsere Anwälte.«

»Die Trauer macht seltsame Sachen mit uns, besonders dann, wenn es um Geld geht. Vielleicht braucht sie nur Zeit.«

»Ich weiß nicht. Sie hasst mich.« Hart an den Zähnen presste sie das Wort heraus.

Es war ein merkwürdiger Satz. Nie hatte ich Fiona für jemanden gehalten, den man nicht mögen könnte, geschweige denn hassen.

»Du hast es so lange so gut gemacht und alle Stereotype auf den Kopf gestellt«, meinte ich.

Sie lachte schwach. »Irgendwann hat es mich dann doch eingeholt. Jetzt bin ich trotzdem die böse Stiefmutter.«

»Töchter können ganz schön … grausam sein«, sagte ich, wobei ich hoffte, sie würde nicht nachhaken. Sie tat es nicht. Na also, sie war wirklich liebenswürdig.

Dann kam die Frage, die ich gefürchtet hatte.

»Und was machst du, so weit weg von zu Hause, ohne Frank?«

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Kapitel 2

Ohne Tasche

Die Augen sind größer gewesen als die Schultern.

Nach einer Stunde Wandern kann ich diese Fehleinschätzung nicht mehr leugnen. Mein Rucksack müsste infolge des Wassertrinkens eigentlich leichter werden, falls da nicht irgendeine quantenphysikalische Erklärung existiert, die mir entfallen ist.

Ich puste mir auf die Brust, um die Hitze zu lindern.

Die Sandsteinklippen glühen orange im Morgenlicht und scheinen zu pulsieren. Ohne das menschliche Geschnatter ist jeder Lufthauch, jeder rollende Stein, jedes Rutschen, jeder Schrei zu hören. Die Bäume sind bärtige Wikinger, die dringend zum Friseur müssten. Wie riesige Krusten schält sich die Rinde ab und hinterlässt weißes, rohes, frisches Fleisch. Ein Baum stützt sich auf dem Ellbogen ab, am Fuß ist er ausgefressen, von Ameisen oder Beutelmäusen zernagt. Ich bleibe stehen und starre auf sein ausgehöhltes Inneres. Es ist lächerlich, das Ganze als Metapher für mein eigenes Leben zu sehen, aber so funktioniert nun mal das Hirn von Schriftstellern. Selbst wenn man mitten in einer Schreibblockade steckt.

 

»Nimm nichts mit außer deiner Zahnbürste«, hatte Fiona gesagt.

Nur Helen hätte gewusst, wie sinnlos es war, mir eine solche Anweisung zu erteilen.

»Hier ist alles drin«, hatte sie lächelnd erklärt. »Schlafsack, Isomatte, Tasse, Teller, Besteck, Windjacke, Mütze, Handschuhe und drei Liter Wasser.«

Um Platz für meinen Kulturbeutel, ein paar Snacks und eine große Tupperdose zu machen, musste ich ein paar Gegenstände umsortieren. Ich hatte auch nicht den »Lauch« vergessen, um den Fiona mich gestern in einer kryptischen SMS gebeten hatte, und gehofft, dass es sich nicht um etwas Überlebenswichtigeres gehandelt hatte, das der Autokorrektur zum Opfer gefallen war. Der Lauch ist in einer Plastiktüte verpackt, damit er nicht muffig wird und ich einen Geruch verströme, als hätte ich seit einer Woche nicht geduscht.

Die Kleidungsstücke, die ich trage, habe ich heute Morgen erstmals aus der Reisetasche gezogen. Die Fluglinie brauchte drei Tage, um mein verlorenes Gepäck aufzuspüren. Bis dahin hatte ich mich bereits an weniger gewöhnt. Es ist ernüchternd, wie schnell man keinen Bedarf mehr an Dingen hat, die man für unverzichtbar gehalten hat.

 

Wie die letzte Idiotin hatte ich bis zum Schluss am Gepäckband gestanden, als es zum Stehen kam. Meine weiß-blaue Trolleytasche hatte sich nicht zwischen den Gummizähnen der Gepäckausgabe herausgeschoben.

Ich war zur unbesetzten Theke der Airline getrottet. »Hallo, ist da jemand?«

Schließlich war ein Mann, dessen Namensetikett ihn als »Brad« auswies, kauend aus der Tür mit dem Schild »Zutritt nur für Personal« gekommen.

»Ja, das passiert ständig«, meinte Brad, als ich ihm erklärte, dass meine Reisetasche fehlte. Ich musterte ihn auf Anzeichen einer Entschuldigung hin, konnte aber keinerlei entdecken. »Füllen Sie einfach dieses Formular aus, dann versucht die Fluglinie, Ihr Gepäckstück zu finden.«

»Sie machen Witze.« Ich hatte nicht die Absicht, mich wie eine verwöhnte Göre aufzuführen. Aber meines Wissens ist es jedermann lieber, wenn das Gepäck bei der Ankunft am Zielort da ist.

Dennoch war mir bewusst, dass meine Stimme lauter wurde. Wenn Brad nur gewusst hätte, dass mein Ärger das dünne Furnier war, unter dem sich verbarg, was Frank meinen »Blutrausch« nannte.

»Im Ernst, Ma’am, ich muss Sie bitten, sich zu beruhigen.« Frank verdrehte nur noch die Augen, wenn ich explodierte. Selbst ich konnte nicht mehr voraussagen, wovon meine Wutausbrüche ausgelöst wurden.

»ICH BIN VIEL RUHIGER ALS DU!«

»Ich will mich nicht streiten, aber vorsichtshalber entferne ich schon mal alle Messer und scharfen Gegenstände aus der Küche.«

Frank gelang es immer, die Sache mit Humor abzubiegen. Bis zu dem Punkt, als es sein Humor war, der mich in Rage brachte.

Brad in seiner Jetstar-Uniform hatte nicht die leiseste Ahnung, mit wem er sich gerade anlegte.

Trotzdem, ich bin nicht völlig unzivilisiert. Mir war bewusst, dass ich mich in der Öffentlichkeit befand. Und dass Brad nur ein unterbezahlter Sachbearbeiter war, der seinen Job machte und vermutlich angepisst war, dass er am Sonntag arbeiten musste, wo er doch viel lieber zu Hause im Garten beim Grillen wäre.

»Und was soll ich jetzt machen?« Mag sein, dass es als Jammern herauskam.

Vielleicht hätte Brad sich mehr Mühe geben können, nicht ganz so gelangweilt zu wirken. Vermutlich hatte er seine eigenen Sorgen und war schließlich kein Life-Coach. Irgendwie fand ich aber, dass er doch erkennen müsste, dass ich nicht aus Jux und Tollerei nach Queensland gekommen war, während er eine Wochenendschicht abarbeiten musste. Ich war auf einer höchst geheimen privaten Mission hier. Ich war hier, um … ja was? Zu trauern? Mich neu auszurichten? Neu zu orientieren? Ich hatte mich auf den Weg gemacht, um herauszufinden, was ich mit dem Leben anfangen wollte, das ich in Sydney zurückgelassen hatte – ganz offensichtlich gemeinsam mit meinem Gepäck. Ich war eine Frau, die an einer Weggabelung ihres Lebens stand, war ihm das nicht klar? Ich befand mich auf meiner ganz persönlichen Eat Pray Love-Suche.

Doch ein Blick auf Brad genügte, um zu erkennen, dass er nicht zu den Leuten gehörte, die sich für so etwas interessierten. Anders als Frank zum Beispiel.

»Ich gebe Ihre Daten ins System ein. Lesen Sie sich das Blatt durch, da wird alles erklärt«, schloss er die Sache ab, nur für den Fall, dass ich den Eindruck gewonnen hätte, er habe selbst vor, irgendetwas zu erklären.

Er verschwand durch die »Zutritt-nur-für-Personal«-Tür und ließ mich allein am Tresen zurück, ohne die Tasche, in der sich alles befand, was ich so liebevoll und gewissenhaft eingepackt hatte, all meine ganz besonderen, tröstlichen Besitztümer, das, was man mitnehmen würde, wenn das Haus abbrannte – oder wenn die Möglichkeit bestand, dass man gar nicht mehr zurückkehrte.

Wer auch immer sich an meinem Gepäck vergriffen hatte, durfte sich gern an meiner allerneuesten Anschaffung erfreuen, die sich noch in der Originalverpackung befand. Ich hatte mir den Womanizer nur besorgt, weil CJ behauptet hatte, dass es Orgasmen zu völlig neuen Höhen führte. Wer konnte schon einem klitoralen Stimulator widerstehen, der von Frauen für Frauen entwickelt worden war? Das knallige Lila hatte meiner persönlichen Vorliebe entsprochen. Ich hatte mir ausgemalt, dass drei allein verbrachte Monate die perfekte Gelegenheit boten herauszufinden, ob es in Fragen des Orgasmus tatsächlich völlig neue Höhen zu erreichen gab.

Im Übrigen befolgte ich außerdem Alyssas Empfehlung, die mir gegenüber am Tisch gesessen hatte und meine inneren Organe auf den Kopf gestellt zeichnete, sodass sie für mich richtig herum waren. Es braucht nicht allzu viele klägliche Zwischenfälle von Harninkontinenz, um einzusehen, dass man einen Beckenbodenspezialisten aufsuchen sollte. Vaginale Atrophie in den Wechseljahren – das existiert wirklich. Regelmäßige Orgasmen wirken wie vaginale Liegestütze. Was ich eigentlich sagen will, ist, dass es durchaus auch eine zweckmäßige Anschaffung gewesen war.

Frank hatte gesehen, wie ich es eingepackt hatte. »Was ist das?«

»Eine sympathische Maschine, die speziell dafür entwickelt wurde, in acht verschiedenen Stärken an der exakt richtigen Stelle der Klitoris einen Unterdruck zu erzeugen«, las ich vor, was auf der Schachtel stand.

»Ich werde von einem Roboter ersetzt.«

»Keine Maschine kann dich ersetzen.« Ich hatte die Hand nach seinem Gesicht ausgestreckt, um seine Sorge zu beschwichtigen. »Wirst du mich vermissen?« Ich weiß nicht, warum ich ihn das fragte.

»Natürlich.«

»Wie machst du es mit dem Sex, während ich weg bin?«

»Ich warte, bis du wieder da bist, und spare mir meine ganze Geilheit auf. Eine Sache, mit der du definitiv rechnen musst, wenn du zurückkommst, ist ein ordentlicher Fick. Kein normaler oder unterdurchschnittlicher Fick. Mann, ich werde schon ganz scharf beim bloßen Gedanken an den Sex, den wir nach deiner Rückkehr haben werden.«

»Das hört sich gut an«, sagte ich und mied Franks Blick. »Aber ich bin nicht beleidigt, wenn du während meiner Abwesenheit wie irre masturbierst.«

 

Als ich ohne Gepäck dastand, war mein erster Impuls, Frank eine Textnachricht zu schreiben. »Die haben meine Tasche verschlampt, ist das zu fassen!« Frank würde wissen, was zu tun ist. Er würde einen juristisch klingenden Brief schreiben. Er würde um meinetwillen den Kampf aufnehmen, so wie er es in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren getan hatte. Doch als ich nach dem Handy griff, fiel mir ein, dass ich aus eigenem Antrieb ohne Frank dastand. Ich hatte kein Recht, ihn in meine Notlage hineinzuziehen. Immerhin war er einer der Gründe, warum ich überhaupt hier war.

»Bin gut gelandet«, schrieb ich nur.

 

»Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich an dir finde.« Bevor ich darüber nachdenken konnte, wie gemein diese Worte geklungen hätten, wenn Frank sie zu mir gesagt hätte, waren sie mir schon selbst entschlüpft. Meine Fähigkeit, verletzende Dinge zu sagen, bildete sich immer mehr aus – die Art von Bemerkungen, die der Prüfung nicht standgehalten hätten, die ich den Kindern gegenüber immer ins Feld führte: Ist es die Wahrheit? Ist es nett? Ist es nötig? Für jemanden, der von sich behauptete, achtsam und dem Spirituellen zugeneigt zu sein, war es ein schreckliches neues Talent, das ich nicht mehr kontrollieren konnte.

So wie alle Katastrophen hatte es wieder ganz unschuldig begonnen.

Wir hatten am Strand unter dem Sonnenschirm gesessen, er mit seinem Radio, ich mit einem Buch.

»Was hat das Vatersein dir über dich selbst beigebracht?«

Er seufzte. »O Gott. Keine Ahnung, darüber denke ich nicht nach. Könnten wir einfach hier sitzen und den Augenblick genießen? Muss alles immer eine tiefere Bedeutung haben?«

Unter der Sonnenbrille brannten mir die Augen. Es war eine Einladung gewesen, Sprungbrett für ein Gespräch, in dem es nicht um organisatorische Fragen oder lästige Pflichten ging, sondern darum, mit der Sichtung dessen anzufangen, was wir mit Jamie gerade durchgestanden hatten. Im Schleudergang waren mir die Fragen durch den Kopf gewirbelt, wie nasse Wäsche lagerte die Unzufriedenheit in mir. Ich wollte sie herausholen, sortieren, die weißen von den bunten Stücken trennen und sie im grellen Sonnenlicht aufhängen, das mir alles offenbaren sollte. An welcher Stelle hatten wir versagt? Hatten wir überhaupt versagt? War das alles normal? Warum hatte sie uns nichts gesagt?

Aber es war ein Sonntagvormittag. Das Meer bestand aus silbern glitzernden Pailletten. Im Radio wurde ein Kricketspiel übertragen. Ort und Zeit. Ich hätte sie besser wählen können. Alle Beziehungsratgeber empfehlen das. Wenn aber doch Sex spontan geschehen sollte, warum dann nicht auch eine nachdenkliche Diskussion? Wann zwischen seiner Arbeit und den Fernsehabenden sollten wir unsere tief gehenden Gespräche führen? Es war unmöglich, unsere Intimität komplett auf das Gesprächsäquivalent des Womanizers auszulagern. Anders als sexuelle Vergnügungen, die man Apparaturen übertragen kann, ging es hier um einen Bereich der Beziehung, an dem Frank teilhaben musste, und zwar persönlich.

Untreue, Langeweile, Unvereinbarkeiten − geschenkt. Dies war die Interaktion, bei der meine Toleranz in Sachen Paarbeziehung auf Grund lief. Ich musste mich fragen, ob ich in unserer Ehe zu nachsichtig war, ob ich mich darin eingerichtet hatte und dabei einen Teil meines persönlichen Horizonts aus dem Auge verloren hatte.

Und deshalb hatte ich diese verletzende Bemerkung gemacht.

Er hatte meine niedergeschlagene Miene bemerkt und einen neuen Versuch unternommen.

»Was du an mir findest, ist ein Rätsel«, hatte er gesagt und den Lautstärkeregler am Radio justiert. »Wahrscheinlich ist es mein unübertroffener Witz und Charme. Und dann ist da natürlich noch die beachtliche Größe, die ich in der penilen Abteilung vorweisen kann.«

An diesem Tag war ich immun gegen seine pfiffigen Späße. Mit einem Knall klappte ich mein Buch zu. Ich zwickte mir in den Nasenrücken. Ruhig bleiben, ganz ruhig.

»Meinst du, wir können jemals über das übliche Geplänkel hinauskommen? Über das hier …?« Lahm deutete ich auf den Raum zwischen uns.

Widerwillig hatte Frank einen der Kopfhörer aus dem Ohr genommen. »Ich weiß wirklich nicht, worüber du dich so aufregst.«

Ich hatte Luft geholt. Wo sollte ich anfangen? Bei Frank durfte man sich nicht zu lange mit Einleitungen aufhalten, sonst schweifte seine Aufmerksamkeit ab. »Erstens bist du emotional unterbelichtet und verklemmt.«

»So war ich schon immer, seit wir uns kennen. Daran hat sich nichts geändert.«

»Ganz genau.«

»Und selbst wenn es stimmt, was macht das schon – ich bin glücklich.«

Dieses Wort »glücklich«, das alles entschuldigte, hatte ich erwürgen wollen. Die Leute werfen damit um sich, um den lächerlichsten Anflug von Zufriedenheit zu beschreiben.

»Diese Art, glücklich zu sein, ist so oberflächlich. Football. Golf. Bier. Kricket. Sex. Netflix. Möchtest du nicht auf eine tiefer gehende, bereicherndere Art glücklich sein? Wünschst du dir nicht etwas … Seelenvolleres?«

»Urteile nicht über mein Glück. Ich bin ein bodenständiger Typ. Du weißt, dass mein seichter Charakter tief gründet.«

Frank hält sich immer an die Einzeiler. Den pointierten Witz. Mit Gelächter will er alles richten. Vierundzwanzig Jahre lang hatte es funktioniert. Aber jetzt hatte es seine Wirkung auf mich verloren.

»Daraus spricht nichts als Faulheit. Du hast einfach keine Lust auf eine Weiterentwicklung deiner Persönlichkeit.« Ich fühlte mich einsam, wenn er solche Sachen sagte.

»Das ist halt dein Ding. Ich zwinge dich doch auch nicht, Sachen zu machen, die ich mag. Wir haben einander immer die Freiheit gelassen, wir selbst zu sein. Das ist eine Stärke unserer Beziehung, keine Schwäche.«

So war es gewesen. Aber konnte er es nicht selbst sehen? Unsere Teamaufgaben waren erledigt. Die Kinder waren ins Erwachsenenleben gestolpert. Wir hatten sie bis über die Ziellinie begleitet. Nach dem Krieg lösen sich die Bataillone auf, die Soldaten kehren heim zu ihren Ehefrauen und Kindern, für immer verbunden durch das, was sie überlebt haben, auch wenn sie einander wahrscheinlich nie wieder begegnen.

»Aber jetzt in diesem Augenblick reißt es uns entzwei.«

»Na, na«, meinte er und stopfte sich den Kopfhörer zurück ins Ohr. »Es wird alles gut, du wirst schon sehen.«

 

Es war alles ganz schnell gegangen, einfacher, als man denken mochte.

Ein zufällig entdeckter Facebook-Eintrag. »Suche Housesitter für drei Monate.« Penny war die Freundin einer Facebook-Freundin. Auf den Fotos ihres Gartens waren Wallabys und Perlhühner zu sehen. Ich schickte Penny eine Nachricht, und innerhalb von fünfzehn Minuten hatte ich versprochen, das Gemüsebeet zu gießen und im Haus keine Schuhe zu tragen. Mittags hatte ich bereits Flugticket und Mietauto gebucht. Zu meiner Überraschung machte Frank mir Mut, als ich ihm erzählte, dass ich in zwei Tagen aufbrechen würde. Es wird dir zumindest fürs Schreiben nützen.

Ich verschickte eine Whatsapp an die Familiengruppe: Jamie, Aaron, gehe für drei Monate zum Housesitting nach Queensland. Reise übermorgen ab. Meldet euch bei Dad, wenn ihr was braucht (Auto, Geld, Ratschlag). Bis dann. Alles Liebe, Mum.

Für Archie nahm ich mir mehr Zeit. Ich kraulte ihm die Nase und drückte die kühlen, weichen Täschchen an seinen Ohren zwischen den Fingern, bis seine Augen schmal wurden und die rosa Zunge herausschlüpfte. Sein Körper pulsierte. »Du stehst auf der Watchlist für Tierterrorismus, mein Freund. Sie wissen genau Bescheid über die ganzen Ratten, Eidechsen und Vögel, die verschwinden. Lass das Game-of-Thrones-Spiel im Garten sein, okay?«

Ich verabschiedete mich von meinen Topfpflanzen, besonders vom Basilikum, das ich aus Samen gezogen hatte, denn wir wussten beide, dass Franks Erfolgsbilanz bei Pflanzen unterirdisch und es ein Abschied auf immer war.

 

Pennys Haus lag so weit abseits, dass ich sicher sein konnte, dass niemand, den ich kannte, mich dort finden oder zufällig entdecken würde. Ganze fünf Minuten stand ich vor der kirschroten Haustür und bemühte mich um einen ruhigeren Atem. Innen nahm mich die Diele in ihre buttergelben Arme, die Küche wiegte mich in ozeanblauen und waldgrünen Tönen, und das Badezimmer in der Farbe von rosa Pfingstrosen drückte mich an seine Brust. Im Wäscheschrank lagen sieben Handtücher, die in den Farben des Regenbogens aufeinandergestapelt waren. Frank hätte von all dem Kopfschmerzen bekommen. Von der Veranda hatte ich einen weiten Blick über das Tal bis zu einer Baumreihe, und dahinter glitzerte das Wasser.

In dieser Nacht schlief ich, als sei es mir wirklich ernst damit, ganz anders als der mit Verirrungen durchsiebte Halbschlaf, an den ich mich mittlerweile gewöhnt hatte, mit halb geschlossenen Lidern, auf die Heimkehr der Kinder wartend, mit zähneknirschendem Bemühen, Ruhe vor dem Bewusstsein zu haben. Von den Fliegengittern gefiltert, strömte die Luft durch die offen stehenden Türen. Ich erwachte gereinigt, ausgelüftet, so wie sich die Wäsche fühlen muss, nachdem sie den ganzen Tag auf der Wäscheleine vom Wind umspielt wurde.

In den ersten vierzehn Tagen erforderte es eine ungeheure Willensstärke, den Impuls zu unterdrücken, jeden Nachmittag bei Frank anzurufen und zu fragen, wie sein Tag gewesen war. Es war merkwürdig, ihn nicht über die Straßenbahnarbeiten plappern zu hören, die zu Staus bis hinunter zur Alison Road führten, über den Schweißgeruch eines Mitarbeiters oder wie viele Fragen er bei Wer wird Millionär richtig beantwortet hatte.