1,99 €
InterRail ist mehr als nur ein Urlaub. Besser gesagt: Es ist gar kein Urlaub. Für vier Wochen tauscht man sein weiches Bett, warme Mahlzeiten und Minimalanforderungen an Körperhygiene gegen ein Leben auf Schienen. Die Landschaft zieht am Fenster vorbei und oft weiß man nicht, wo die Zugfahrt enden wird. Oder ob man das Zelt wieder eingepackt hat. Ein junges Paar beschloss im Sommer 2008 - nach einem knappen Jahr des Kennenlernens - gemeinsam in den Zug zu steigen und in nur vier Wochen von England nach Schottland und von Frankreich über Portugal nach Spanien zu reisen. Auf dem Zahnfleisch durch Europa - das ist ihre Geschichte.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2014
Mangelnde geographische Kenntnisse und Mut zum Risiko sind die Voraussetzung für einen gelungenen InterRail-Trip. Das Glück liegt auf der Straße, so wie man selbst auch zuweilen. Besonders nachts, wenn man mal wieder im Nirgendwo gestrandet ist. Doch das macht den Reiz dieser Art des Reisens aus! Man kommt vielleicht nicht dazu, all die Sehenswürdigkeiten abzuklappern, die man bei einer geplanten Reise sehen würde. Aber ganz ehrlich, diese sind total überbewertet. Beim InterRailen geht es um das Sich-treiben-Lassen, das Einfach-mal-im-Zug-sitzen-Bleiben, das Keine-Ahnung-Haben-wo-zur-Hölle-man-gerade-steckt.
Die Sonne hielt es noch nicht für nötig, etwas Licht durch die dunklen Vorhänge zu werfen, da rissen uns bereits drei Wecker aus unseren Träumen. Zwei Stunden Schlaf. Mehr war nicht drin. Erst mussten wir packen, dann kam die Aufregung und dann kamen meine Nachbarinnen und ihre Pyjama-Party. Man muss dazu sagen, dass meine Wände Schall nicht dämmten. Im Gegenteil. Ich wusste alles über meine Nachbarinnen. Ich kannte ihren Lieblingssender, ihre ewigen Streitgespräche und ihren sagenhaft langweiligen Sex. Im Moment diskutierten sie gerade darüber, ob ihr schrilles Gekicher wohl die Nachbarn störte. Im Gegenzug fragte ich mich, wie sie es wohl finden würden, jeden Morgen um halb sechs von meinem Radiowecker und den neuesten Cricket-Ergebnissen auf BBC geweckt zu werden. Doch davon wäre auch mein Nachbar Heiko betroffen gewesen und der war nicht nur unschuldig, sondern auch brutal. Eingepackt in mehrere Schichten Notfall-Klamotten, die wir nicht mehr in die Rucksäcke stopfen konnten, machten wir uns auf den Weg zur U-Bahn. Die mit Stahldraht verstärkte Bauchtasche hätte mich schwanger wirken lassen, wenn ich nicht ohnehin schon so fett ausgesehen hätte.
Der S-Bahnhof Warschauer Straße war um diese unchristliche Uhrzeit beinahe menschenleer. Nur die üblichen Obdachlosen und Säufer trieben sich unten an den Gleisen herum. Einer ließ gerade seinen gesamten Lebensfrust an einer abfahrenden Bahn aus. Doch irgendwie schafften wir es, längst verloren geglaubte Bereiche seines Herzens zu berühren und er schenkte uns ein Lächeln. Zwar hörte er nicht auf, zu randalieren, aber seine blinde Wut wirkte auf einmal freundlicher, ja, beinahe heiter. Er brüllte uns sogar noch seine besten Wünsche für einen glücklichen Urlaub in die Bahn, bevor er kräftig nach ihr trat. Mehr kann man sich doch gar nicht wünschen.
Die endlose Fahrzeit zum Flughafen Schönefeld nutzten wir zum Frühstücken. Ein paar Hafer-Riegel aus dem Veganerladen und eine Flasche Cola-Kaffee-Mischung zum Runterspülen. Denn selbst der geübteste Öko hat einfach nicht genügend Speichel, um einen von “Janosch-seiner-Mutter-ihr-Kuchen”-Hafer-Riegeln, wie wir sie liebevoll nannten, ohne Hilfsmittel herunterzuwürgen. Doch hat man den Klumpen Kleister endlich in den Magen befördert, bietet er ein lang anhaltendes Sättigungsgefühl. Nicht zuletzt, weil er nahezu unverdaulich ist.
Am Flughafen angekommen, suchten wir auf der Anzeigetafel nach dem 7:45 Flug nach London. Ohne Erfolg. Der einzige Flug nach London um diese Uhrzeit ging um 7:15, aber auch nicht wirklich, denn er war gestrichen. Eine genauere Untersuchung unserer Unterlagen ergab Folgendes: Ich bin nicht nur unfähig, rechts und links auseinander zu halten, nein, ich kann auch nicht zwischen den Öffnungszeiten des Schalters und den Check-In-Zeiten des Fluges unterscheiden, weswegen wir jetzt gute zwei Stunden zu früh dran waren. Zu müde, um mir den Hals umzudrehen, beließ Kathi es bei einem kleinen Wutausbruch und den magischen drei Worten “Ich. Hasse. Dich.” Um die gerade gewonnene Zeit nicht zu verschwenden und um sich einige Minuten möglichst weit von mir zu entfernen, ging sie ein paar Euros in britische Pfund eintauschen. Währenddessen erkaufte ich uns mit sauteurem Kaffee zwei Schlafplätze auf den Sitzbänken des Mövenpick-Restaurants. Uns gegenüber saß ein junges Mädchen und blätterte in ihrem London-Reiseführer. Das erinnerte mich daran, dass wir von London so gut wie keine Ahnung hatten. Ich war schon einmal dort gewesen, gar keine Frage. Sogar mehrmals. Aber beim ersten Mal war es zusammen mit meiner Mutter und dem Einsetzen der Pubertät und eigentlich erinnere ich mich nur daran, dass wir uns hassten und mich ein Schwarzer in einer Spielhalle ohne ersichtlichen Grund, außer natürlich meiner Herkunft, als Nazi beschimpfte. Das zweite Mal war dann ein 1 -Tage Trip mit meinen Freunden, den ich nur durch einen dichten Nebel aus Grippe-Medikamenten wahrnahm. Und beim dritten Mal war ich entweder betrunken oder zu Tode gelangweilt, häufig auch beides gleichzeitig, auf der wohl ödesten Klassenfahrt meines Lebens. In jedem Fall war mein Wissen veraltet und lückenhaft und die Lektüre des Mädchen erschien mir als genau das Richtige, um daran etwas zu ändern. Also bat ich sie freundlich darum. Es stellte sich heraus, dass sie und ihr Freund zu den Passagieren der 7:15 Maschine gehörten und jetzt ebenso wie wir auf die nächste zu warten hatten. Zusätzlich mussten sie jetzt noch uns ertragen, wir die wir mit zunehmender Müdigkeit auch immer alberner wurden. Wir kauften uns Mädchenzeitungen am Kiosk, zwangen sie zu allen möglichen Freundschafts- und Treuetests und klärten sie mit Hilfe der Doktor Sommer-Seite und detaillierten Beschreibungen aus unserem Schlafzimmer ein zweites Mal auf. Nicht, dass sie darum gebeten hätten, aber sie hatten sich eben auch nicht gründlich genug gewehrt.
Beim Check-In hatte Kathi dann die große Chance, sich für meinen kleinen Faux-Pas mit den Abflugzeiten zu revanchieren. Denn aus irgendwelchen Gründen nahm sie nicht an, dass Wasser in die Kategorie “Flüssigkeiten” falle. Eben jene Flüssigkeiten, die man auf keinem Fall mit an Bord mitnehmen durfte. Nachdem ich also gerade wieder alle meine Habseligkeiten an mich genommen, die Schuhe zugebunden und den Gürtel festgezogen hatte, musste ich die Flasche entsorgen gehen. Und zwar in einem Mülleimer etwa sieben Meter hinter dem Check-In Schalter. Damit befand ich mich außerhalb des Kontrollbereiches und wurde zu einer möglichen Bedrohung für die Sicherheit an Bord. Meine Bitte, man möge mir doch erklären, wie man in 15 Sekunden eine Bombe am Körper verstecken sollte, wurde ignoriert. Barfuß und wütend stapfte ich neben Kathi zu unserem Flieger.
Nach einem holprigen Flug, den ich abwechselnd schlafend und im Kampf gegen die einsetzende Thrombose in meinen Beinen verbrachte, hieß uns der malerische Flughafen von Luton willkommen. Malerisch, wenn man ein Faible für Militärbasen oder Gefängnisse hat. Die einzigen Anzeichen von Menschlichkeit waren die Verbotsschilder, die zwischen den Überwachungskameras hingen. Wir mussten uns in einer Schlange anstellen, wo noch einmal unsere Papiere geprüft wurden. Zwischen den Menschen wuselte ein kleiner Gnom herum, wahrscheinlich weiblich und gerade mal hüfthoch, der jeden Passagier mit strenger Stimme verwarnte, der es wagte, sein Handy einzuschalten. Doch kaum hatten wir diese wenig herzliche Begrüßungsprozedur überstanden, offenbarte sich uns ein völlig anderes England. Ein England der freundlichen Engländer, denen es wahrlich ein Vergnügen war, einem mit der größtmöglichen Höflichkeit jede Frage zu beantworten und denen man tatsächlich glauben mochte, dass es ihnen Leid tat, wenn sie einmal nicht helfen konnten. Ich war so begeistert, dass ich begann, wahllos Leute nach dem Weg irgendwohin zu fragen, nur um mit ihnen reden zu können. Der Wahrheitsgehalt ihrer Angaben interessierte mich nicht. Ich wollte nur ihren Stimmen lauschen. Irgendwann wurde es dann Kathi zu viel und sie zerrte mich zurück in das grelle Licht der Realität. Wir hatten zwei Probleme: Wir brauchten etwas zu essen und wir mussten hier weg. Bestimmt war Luton viel reizvoller, als der Flughafen vermuten ließ. Es gab eine gute Universität, die “University of Bedfordshire” und einmal jährlich im Mai sollte hier sogar der größte Jahrmarkts Großbritanniens stattfinden. Es war aber leider August und wir wollten schnellstmöglich weg. Doch wohin? London ist groß und wir hatten noch immer keine Ahnung, wo wir die Nacht verbringen sollten. Romantische Abenteuerlust sowie Faul- und Dummheit hatten mich von jeder Form von Vorbereitung abgehalten. Ich wollte mich auf mein Glück und die Hilfsbereitschaft der Angelsachsen verlassen. Als ich nach einer halben Stunde, in der ich äußerst höfliche, aber völlig nutzlose, wenn nicht gar falsche, Informationen erhalten hatte, endlich einsah, dass ich damit nicht allzu weit kommen würde, versuchten wir es mit dem Internet. Und siehe da: Irgendwo weit außerhalb Londons, in der Nähe der Metro-Station Walthamstow, sollte es einen Campingplatz namens “Lee Valley” geben, der eventuell noch Platz für uns hätte.
Der kostenlose Shuttlebus brachte uns vom Flughafen direkt zum Bahnhof, wo wir in den schlappe-£19-pro-Person-Zug umstiegen. Neben uns im Wagen saß ein Mensch, der dem von mir ohnehin verklärten Begriff “Engländer” neues Leben einhauchte: Lederne Aktentasche, Hut, Leinen-Sakko und Koteletten, als käme er geradewegs aus einem Monty-Python Sketch. Natürlich war auch er hilfsbereit und freundlich und erklärte uns mit sanfter Stimme unsere Reiseroute. Wir mussten bis Kings-Cross fahren, von dort aus mit der Metro weiter nach Walthamstow und dann wahrscheinlich mit dem Bus in die Pampa zu unserem Campingplatz. Wäre es auf seinem Weg gewesen, so hätte er uns bestimmt auf seinem Rücken dorthin getragen. So konnte er uns nur sein tiefstes Bedauern ausdrücken und uns zum Abschied noch einen wundervollen Aufenthalt in seinem bescheidenen Land wünschen.
