Auf der Flucht vor dem Augenblick - Hans Durrer - E-Book

Auf der Flucht vor dem Augenblick E-Book

Hans Durrer

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

An einer Fotoausstellung in Zürich treffen Sara, 43, Bankdirektorin in Südbünden, und Tim, 59, der sich seinen Lebensunterhalt als Englischlehrer an einer Privatschule in Südbrasilien. verdient, aufeinander. Beide sind neugierig, rastlos, viel herumgekommen, und setzen sich leidenschaftlich mit der Welt der Ideen auseinander. Tim war trockener Alkoholiker und hatte sich eingehend mit Sucht und Verhaltensänderungen auseinandergesetzt; Sara hatte zwei Borderline-Beziehungen hinter sich, die sie an Abgründe führten, von denen sie nicht gewusst hatte, dass sie existierten. Beide wollten nicht fühlen, was sie fühlten; ihre Angst, von der sie auch wussten, dass sie oft hilfreich war, lähmte sie – und liess sie die Flucht antreten: In den Alkohol, die Karriere, das Lösen von Problemen, das Lesen von Büchern, das Surfen im Internet, das Sich-Beweisen-Müssen im Wettbewerb um persönliche Eitelkeiten. Allmählich realisieren sie, dass sich das zwar nicht ändern lässt, doch das Leben leichter wird, wenn man alles, absolut alles, akzeptiert, genau so wie es ist. Erst auf dieser Grundlage lässt sich ändern, was geändert gehört – nicht weil wir es wollen, sondern weil es uns entspricht, uns auf die Realität, diesen Augenblick also, einzulassen. "Auf der Flucht vor dem Augenblick" liegt die Überzeugung zugrunde, dass ausgesprochene Gedanken (und nicht etwa Meinungen, die keinen Denkprozess voraussetzen), die auf ein interessiertes und teilnehmendes Gegenüber stossen, nicht nur klärend und befreiend sein können, sondern jeder üblichen Therapie weit überlegen sind, da ein solcher Austausch auf gleichwertigen Partnern beruht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hans Durrer

Auf der Flucht vor dem Augenblick

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

DON'T ASS U ME

FESTKLAMMERN

BEIM IKRK

DER TROTTEL DES MONATS

WAS MACHEN VÖGEL DEN GANZEN TAG?

BORDERLINE

MENS SANA IN CORPORE SANO

THERE IS A CRACK IN EVERYTHING

WENN ICH NOCH EINMAL LEBEN DÜRFTE

Impressum neobooks

DON'T ASS U ME

„Es ist immer der gleiche Scheiss. Leute, die sich sogenannt bewährt haben, werden bewundert von Leuten, die selber gerne bewundert würden.“

„Was soll denn daran falsch sein? Lob, wem Lob gebührt.“

„Ich finde die Vorstellung, dass man sich bewähren muss, absurd.“

„Das sehe ich ganz anders. Wer sich bewährt, verdient unsere Achtung.“

„Das ist mir zu allgemein. Lass mich konkret werden: Da boxt sich eine nach oben – es kann natürlich auch ein Mann sein – und verdient jetzt deswegen unsere Achtung?“

„Das muss ja kein Kampf sein, man kann schliesslich auch durch Kompetenz nach oben kommen.“

„Glaubst Du das wirklich?“

„Aber sicher.“

Tim lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete die attraktive, ehrgeizige Sara, die offenbar ernsthaft der Meinung war, sie habe es allein ihrer Kompetenz wegen zur Vizedirektorin der Regionalbank Graubünden-Süd gebracht. Es hatte ihn immer schon leicht irritiert, dass sie sich auf ihren HSG Abschluss so viel einbildete – das sei eine Elite-Hochschule, hatte sie einmal gemeint – , doch so lebensfremd, wie sie sich gerade gegeben hatte, konnte sie doch wirklich nicht sein.

Tim hatte selber einen Abschluss von einer sogenannten Elite-Anstalt; er war erstaunt und ernüchtert gewesen, dass es dazu so wenig brauchte. Unter Elite hatte er sich etwas anderes vorgestellt als seine Klassenkameraden, die er zwar nett, aber eben auch ziemlich durchschnittlich gefunden hatte. Sicher, die Inderin aus Fiji war eine Ausnahme – gescheit, zweifelnd und bescheiden – , auch der Engländer aus Liverpool war überdurchschnittlich clever, und das Schlitzohr aus New Delhi war eine Nummer für sich, doch die meisten ... Er erinnerte sich gar nicht mehr so recht, nur dass die Griechin aus Thessaloniki sehr schön gewesen war, doch während der Pressekonferenz im Rahmen des PR-Moduls ausgesprochen hölzern rüberkam, ganz im Gegensatz zu der sonst immer so unscheinbaren Japanerin aus Tokio, die auf dem Bildschirm eine Präsenz ausstrahlte (die Pressekonferenz wurde aufgezeichnet), die ihn regelrecht umgehauen hatte.

Das Bistro in der Churer Altstadt war an diesem frühen Nachmittag fast leer, die Bedienung mit ihrem Handy beschäftigt, so dass Tim und Sara das Lokal praktisch für sich hatten. Kennengelernt hatten sie sich anlässlich einer Fotoausstellung in Zürich, als beide ein grossformatiges Luftbild betrachteten, das einen Hochspannungsmast und einen Ipé-Baum auf einem Acker bei Piracicaba im brasilianischen Bundestaat São Paulo zeigte. Eindrückliche Farben, eine eigenwillige und ansprechende Komposition, dachte Tim, der es gleichzeitig begrüsste, dass dem Bild ein erläuternder Text beigegeben war. Der gelbe Ipé habe viele Namen, hiess es da, doch keiner sei angemessener als Goldener Trompetenbaum (automatisch gingen seine Augen zu dem leuchtend hellgelben, und in der Tat goldenen, Baum auf dem Foto), denn, 'er schmettert die Lebenslust der brasileirosheraus.'

„Das ist nicht nur trefflich gesagt, das ist wahr“, wandte er sich an die Frau neben ihm, die gebannt auf die Aufnahme starrte.

Ob er Brasilien kenne?, fragte Sara.

Er habe im Süden, nicht weit von Porto Alegre, im Landesinneren, Englisch unterrichtet, antwortete er. Und sie, ob sie Brasilien kenne?

Sie sei einmal drei Monate mit dem Bus durch den Nordosten gereist, erwiderte sie, von Recife bis São Luis. Das sei genial gewesen, vor allem die Dünen bei Camocim. Und das Delta do Parnaíba. Einen guten Monat habe sie sich zudem in Teresina aufgehalten.

„Teresina? Das liegt doch in Piaui, oder?“

„Stimmt, woher weisst du das?“

„Lonely Planet. Piaui sei der trockenste und ärmste Staat des Landes und Teresina ein regionales Gesundheitszentrum, an mehr erinnere ich mich nicht.“

„Das hatte ich auch gelesen. Und mir darunter einen Riesenslum und mittendrin ein grosses, doch ziemlich primitives Gesundheitszentrum vorgestellt. Es war dann aber ganz anders – eine moderne Stadt mit mindestens sechs Universitäten. Die suchte ich dann auf und fragte, ob sie Interesse an einem Workshop über Interkulturelle Kommunikation hätten. Drei von ihnen, zwei private und eine nationale, hatten.“

„Unterrichtest du Interkulturelle Kommunikation?“

„Nein, doch Interkulturelles interessiert mich schon lange. Und da ich viel gereist bin, viel über meine eigene und mir fremde Kulturen nachgedacht und Stapel einschlägiger Bücher gelesen habe, traute ich mir so einen Workshop ohne weiteres zu. Geholfen hat natürlich auch, dass mich in Brasilien niemand kannte.“

Tim strahlte, die Frau war ihm definitiv sympathisch. „Worauf kommt es denn bei der interkulturellen Kommunikation hauptsächlich an?“

„Das hängt wie bei allem davon ab, wen du fragst. Doch entscheidende Faktoren, das sagen so ziemlich alle, sind Klima und Topografie. In einem Lehrbuch habe ich einmal gelesen, es gebe nicht nur verbale und nonverbale, sondern auch paraverbale und extraverbale Kommunikation. Was das interkulturell Interessierten bringen soll, ist mir schleierhaft.“

„Typisch Pseudo-Wissenschaft würde ich sagen. Da wird unterschieden, was unterschieden werden kann, werden Begriffe erfunden, um dann wieder geklärt zu werden. Kreative Arbeitsplatzbeschaffung. Doch was findest du selber zentral?“

„Die Universalien. Also das, was allen Menschen gemeinsam ist. Viele Elemente und Strukturen lassen sich in allen Kulturen finden, womöglich in einigen Kulturen ausgeprägter als in anderen. Und in der einen Kultur früher und in der anderen später, schliesslich ist das Leben in ständiger Veränderung sowie im dauernden Austausch begriffen. Wusstest du, dass das Prinzip der Fairness in allen Kulturen vorkommt?“

„Das leuchtet mir ein, scheint mir aber auch ziemlich theoretisch. Doch was zählt praktisch?“

„Fairness theoretisch? Das ist doch das Leitprinzip jeder Rechtsordnung! Vor allem wesentlich ist jedoch, sich selber zu kennen. Zu wissen, wer du bist, wo du her kommst. Und Neugier ist natürlich wichtig sowie die It's better to assume nothing-Regel.“

„Was für eine Regel?“

„Don't assume als Don't ass u me ausgesprochen.“

„Alles klar“, schmunzelte Tim. „Doch lass mich anders fragen. Mal angenommen, ich will nach China. Soll ich mich denn da nicht vor allem über China kundig machen, über Sitten und Gebräuche und so?“

„Das ist das Übliche und sicher nicht falsch. Auch die Sprache zu lernen wird bestimmt helfen. Ich selber gehe ganz anders vor. Mir reicht eigentlich, mich übers Klima zu informieren, damit ich weiss, was für Kleider ich mitnehmen soll. Alles andere wird sowieso anders sein, als ich es mir vorstelle. Zugegeben, das ist schon ein wenig übertrieben, weil ... Also letzthin in Tirana. Ich hatte geplant während einer Woche Tagesausflüge in die nähere Umgebung zu machen. Mit dem Zug. Nur wusste ich nicht, dass in Albanien keine Züge verkehren. Das nächste Mal werde ich mich doch etwas besser vorbereiten.“

„Und was hast du dann gemacht?“

„Ich bin mit Bussen gereist.“ In ihrem Kopf tauchten Bilder von der Busstation auf, wo ohne Gebrüll gar nichts ging. Die Zielorte waren zwar an den Bussen angeschrieben, trotzdem wurden sie von einer Art Schlepper lauthals in die Gegend gebrüllt. Mit Erfolg, wie sie zu ihrer Verblüffung feststellte.

„Also ich selber finde die Sprache das Wichtigste“, sagte Tim.

„Klar, das hilft am ehesten. Obwohl: Der weitaus grösste Teil jeder Kommunikation geschieht nonverbal. In Brasilien habe ich einfach Spanisch gesprochen. Damit kam ich gut durch. Nicht wenige Brasilianer schienen mein Spanisch für Portugiesisch zu halten.“

„Echt?“

„Es lag wohl daran, dass sie nicht zuhörten, sie redeten lieber.“

„Das kann ich bestätigen, ich habe lange genug dort gelebt.“

Sara, von der Toilette zurück, hatte ihre Gedanken gesammelt.

„Ich bin ein Fan der Leistungsgesellschaft, finde es gut, dass Leute, die etwas leisten, dafür belohnt werden. Dass ich heute, mit dreiundvierzig, Vizedirektorin bin, hat allein mit meinem Können, meinem Einsatz, meiner Kompetenz zu tun und nicht etwa mit Ellenbogen oder Vitamin B.“

„Du warst also einfach besser als alle anderen, die sich für diesen Job interessierten?“

„Genau.“

„Ich habe das ironisch gemeint.“

„Das ist mir klar. Meine Antwort war es nicht.“

„Für mich ist deine Argumentation zu eindimensional. Denkst du wirklich so: Wer was kann, wird auch was?“

„Grundsätzlich ja. Dazu kommt natürlich, dass man es auch wollen muss. Nimm dich als Beispiel: du willst nicht, was die meisten wollen.“

„Stimmt, ich will nicht.“

„Was genau lehnst du eigentlich ab?“

„Die Vorstellung von Erfolg, die ja impliziert, dass besser zu sein als andere erstrebenswert sei.“

„Menschen sind nun einmal verschieden. Dass einige einiges besser als andere können, ist doch normal.“

„Sowieso, aber weshalb sollen sie dafür belohnt werden? Bruce Springsteen sells song catalogue to Sony for $500m las ich letzthin. Das ist doch absurd!“

„Angebot und Nachfrage.“

„Du scheinst das für ein Naturgesetz zu halten.“

„Du etwa nicht?“

„Natürlich nicht. Bei Tieren wurde das meines Wissens noch nie beobachtet.“

„Wir sind nun einmal keine Tiere.“

„Schopenhauer war der Auffassung, der Mensch sei ein Tier, bei dem die Intelligenz lediglich den Mangel an Instinkten und die mangelhafte organische Einpassung in die Lebenswelt kompensieren muss. Ich schliesse daraus, dass die Tiere uns überlegen sind.“

„Dir vielleicht, mir nicht“, strahlte Sara.

„Wo du recht hast, hast du recht“, erwiderte Tim. „Ich kann in der Tat nur für mich reden. Daraus abzuleiten, ich sei eine Ausnahme oder nicht mit anderen zu vergleichen, erachte ich jedoch als Humbug.“

***

Im Anschluss an die Fotoausstellung trafen sich Tim und Sara regelmässig, meistens auf einen Kaffee, manchmal auch zum Essen. Ihre Gespräche drehten sich immer um Existenzielles. Und obwohl sie sich sehr offen und persönlich austauschten, intim wurden sie nicht. Sie gefielen einander, mochten und schätzten sich gegenseitig. Die Momente, in denen sie sich darüber wunderten, dass da nicht mehr und anderes kam, das Sinnliche ausblieb, die gab es – in der Regel, wenn sie von Freunden darauf angesprochen wurden – , doch sie schienen auch zu wissen, dass ihr Verhältnis genau so zu sein hatte wie es nun einmal war.

Sara hatte nach ihrem Südamerika-Aufenthalt, der sie auch nach Argentinien und Uruguay geführt hatte, in Sankt Gallen ein Jurastudium aufgenommen, das sie nach vier Jahren mit dem Lizentiat abschloss. Anschliessend bewarb sie sich bei der Rechtsabteilung der Bündner Bank, die damals von ihrem Vater präsidiert wurde. Das war nicht nur von Vorteil, die Neider (und Neiderinnen) waren zahlreich, beirren liess Sara sich jedoch nicht. Sie wusste, was sie wollte: Sich mit kniffligen Rechtsfragen beschäftigen, intellektuell gefordert zu werden. Ihr Ziel war, gute Arbeit zu leisten – und das tat sie, inklusive vieler Überstunden.

Analysieren wie auch das gedankliche Gewichten und Einordnen lagen ihr. Wortgefechte mit Mitarbeitern, die sie als Fortsetzung der Mittagstisch-Debatten mit ihrem Vater empfand, bei denen sie als Gymnasiastin, trotz der häufig besseren Argumente, regelmässig den Kürzeren gezogen hatte, regten sie an. Nicht zuletzt hatte auch das Studium dazu beigetragen, den Kampf mit Worten zu perfektionieren.

Sie lebte alleine in einer geräumigen Dachwohnung in Soazza, zu Fuss eine halbe Stunde von ihrem Arbeitsplatz in Mendrisio; im Winter nahm sie das Postauto. Ausser Spaziergängen und Bäume-Umarmen (nichts, was sie sich mit der Natur verbundener fühlen liess), gab es für Zugezogene in dieser abgeschiedenen Gegend wenig zu tun. Sie schätzte es, keine sozialen Verpflichtungen zu haben, in Gesellschaft ihrer Bücher und Fotos sich dem Vergehen der Zeit hinzugeben. Ihr gefiel, mit und bei sich zu sein. Er wisse, es höre sich etwas eigenartig an, doch so recht eigentlich sei er selber sein bester Freund, hatte ihr Tim einmal gesagt. Und das traf auch auf sie selber zu. Nur an den Samstagen zog es sie fort, in die Stadt, nach Bellinzona, Lugano oder Locarno, der Cafés, der Buchhandlungen und der Fotoausstellungen wegen.

Das Leben sei nichts als ein Betätigungsfeld, hatte sie einmal gelesen. Und da ihr zusagte, womit sie sich betätigte, war sie einverstanden mit ihrem Dasein. Obwohl, gelegentlich fragte sie sich, ob sie aus ihrem Südamerika-Aufenthalt wirklich die richtigen Schlüsse gezogen hatte, ob sie nicht etwas ganz anderes hätte machen sollen.

Als sie nach zwei Semestern Ethnologie nach Brasilien aufgebrochen war, hatte sie keine Ahnung gehabt, was ihr Weg sein könnte. Sie wusste nur, dass es keinesfalls Medienwissenschaften, ihr Nebenfach, eine Null-Disziplin sondergleichen, in der sich ausschliesslich blasse Langweiler tummelten, sein konnte. Auch Ethnologie kam nicht infrage, da wimmelte es von eingebildeten Rechthabern in peruanischen Pullovern, die miteinander wetteiferten, einem noch unentdeckten Stamm am Amazonas Gewaltlosigkeit anzudichten. Dass Sara sich für das Fach eingeschrieben hatte, lag allein an einem unorthodoxen Dozenten mit viel Witz, der die Bemerkung einer Studentin „Würde ich hier zu weinen anfangen, würden vermutlich alle denken: Typisch Frau, so was von daneben“, trocken mit „Oder noch schlimmer, es würden dich alle verstehen“ kommentierte.

Sitten und Gebräuche in Papua Neuguinea und am Südpol interessierten sie genau so wenig wie die Fasnächtler in Basel oder die Maskenschnitzer im Wallis, und dass sich eine Feldforscherin dafür schämte, entgegen dem lokalen Brauch, ihren Teller leer gegessen zu haben, war ihr unbegreiflich. Nach und nach konstatierte sie, wie eigenartig Ethnologen tickten: Sie passten sich einer fremden Kultur in einem Masse an, das auf ein Persönlichkeitsdefizit schliessen liess, akzeptierten kritiklos Sitten und Hierarchien, die ihnen zu Hause absurd vorgekommen wären. Noch jedem Schwachsinn schienen sie etwas abgewinnen zu können.

„Die haben ganz einfach andere Wertvorstellungen. Mit diesen solltest du dich auseinandersetzen, anstatt sie zu verurteilen“, wurde sie einmal von einem Kommilitonen nach einer Vorlesung belehrt.

„Echt jetzt? Was hältst du davon: Ein Mann gerät beim Schwimmen in Not und läuft Gefahr zu ersaufen. Die Leute am Strand schauen zu, niemand eilt zu Hilfe. Der Grund? Er gehöre nicht zu ihrem Stamm. Ich finde das zum Kotzen, du etwa nicht?“

„Ich kann die nicht einfach so verurteilen, denn sie können nichts dafür, dass sie denken, wie sie denken, das wurde ihnen eben so beigebracht.“

„Mit solchen Leuten möchte ich nichts zu tun haben; ihre Werte und meine sind schlicht nicht kompatibel.“

„Sollen die denn nicht das Recht haben nach ihren Vorstellungen zu leben?“

„Nein. Sie haben die Pflicht, Mitmenschlichkeit zu praktizieren und nicht dem Stammesdünkel zu frönen. Wenn sie kein Unrechtsbewusstsein haben, muss man es ihnen beibringen. Genauso wie den kriminellen Schweizer Bankangestellten (wie kann man die nur 'Banker' nennen?), die es normal finden, Steuerbetrügern einen sicheren Hafen zu verkaufen“, ereiferte sich Sara und liess den Kommilitonen stehen.