14,99 €
Auf der Pirsch: Ein Buch, das Naturliebhabern, angehenden Jägern und Hundebesitzern das grüne Handwerk, die Welt der Wildtiere und die Natur näherbringt. Mit frischem Blick berichtet die junge Jägerin, Jagdredakteurin und "Exotin" in den immer noch männlich geprägten Jagdkreisen von ihren Erlebnissen: warum sie sich dazu entschloss, das grüne Abitur zu machen, von ihrer Jagdleidenschaft und wie ihr persönliches Umfeld und nicht zuletzt andere Jäger darauf reagierten. In diesem Buch legt sie offen, wie das jahrtausendealte Handwerk der Jagd in ein modernes Leben integrierbar ist und es bereichern kann, nicht nur durch den Gewinn von gesundem Wildfleisch. Schließlich stellt sie sich auch Themen, die jeden Jäger und jede Jägerin angehen: die Frage nach dem schlechten Gewissen beim Töten und was passiert, wenn einmal ein Schuss danebengeht. - Als Frau in einer Männerdomäne: Sophia Lorenzonis spannender Weg zur Jagd - Der Wald als Ausgleich: Jagen ist mehr als schießen – die Natur beobachten und zu sich selber finden - Jagen im Trend: Die nachhaltigste und ehrlichste Art, Fleisch zu gewinnen
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2020
Unsere eBooks werden auf kindle paperwhite, iBooks (iPad) und tolino vision 3 HD optimiert. Auf anderen Lesegeräten bzw. in anderen Lese-Softwares und -Apps kann es zu Verschiebungen in der Darstellung von Textelementen und Tabellen kommen, die leider nicht zu vermeiden sind. Wir bitten um Ihr Verständnis.
© eBook: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2020
© Printausgabe: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2020
Alle Rechte vorbehalten. Weiterverbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, auch auszugsweise, sowie die Verbreitung durch Film und Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Zustimmung des Verlags.
Projektleitung: Elena Gabler, Fabian Barthel
Lektorat: Angelika Glock
Bildredaktion: Petra Ender, Natascha Klebl (Cover)
Covergestaltung: independent Medien-Design, Horst Moser, München
eBook-Herstellung: Lena-Maria Stahl
ISBN 978-3-96747-015-4
1. Auflage 2020
Bildnachweis
Coverabbildung: Petra Ender
Illustrationen: Max Sattler
Fotos: Sophia Lorenzoni; Alamy; Petra Ender; F1online; Getty Images; Helena Manhartsberger; Claas Nowak; Shutterstock; stock.adobe.com; Tierfotoagentur; Svenja Wölfinger; Petra Ender
Syndication: www.seasons.agency
GuU 8-015-4 06_2020_01
Unser E-Book enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte wir keinen Einfluss haben. Deshalb können wir für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Im Laufe der Zeit können die Adressen vereinzelt ungültig werden und/oder deren Inhalte sich ändern.
Die BLV-Homepage finden Sie im Internet unter www.blv.de
www.facebook.com/blvVerlag
Liebe Leserin und lieber Leser,
wir freuen uns, dass Sie sich für ein BLV-Buch entschieden haben. Mit Ihrem Kauf setzen Sie auf die Qualität, Kompetenz und Aktualität unserer Bücher. Dafür sagen wir Danke! Ihre Meinung ist uns wichtig, daher senden Sie uns bitte Ihre Anregungen, Kritik oder Lob zu unseren Büchern.
Haben Sie Fragen oder benötigen Sie weiteren Rat zum Thema? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!
Wir sind für Sie da!Montag – Donnerstag: 9.00–17.00 Uhr Freitag: 9.00–16.00 Uhr
Telefon: 00800 / 72 37 33 33*Telefax: 00800 I 50 12 05 44*Mo–Do: 9.00–17.00 UhrFr: 9.00–16.00 Uhr(*gebührenfrei in D, A, CH)E-Mail: [email protected]
GRÄFE UND UNZER Verlag Leserservice Postfach 860313 81630 München
Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch vorgestellten Informationen resultieren, eine Haftung übernehmen.
Große Füße, kleine Pfoten – Emil und Sophia sind ein unschlagbares Team, nicht nur auf der Jagd!
Jagd verbinden die meisten Fachfremden mit dem Töten von Tieren. Richtig, das Erlegen eines Tieres ist Teil der Jagd, allerdings nur ein ganz geringer. Zur Jagd gehört noch sehr viel mehr dazu. Das Beobachten, Hegen und Pflegen von Wild, Wald und Natur, die Einschätzung und das entsprechende Handeln sind Bestandteil der Jagd. Das jahrhundertealte Handwerk wird von Tradition begleitet, die bis heute gepflegt wird.
Jährlich zum 3. November erschallt in vielen Kirchen der Klang der Jagdhörner. Die Hubertusmesse wird abgehalten, um den heiligen Hubertus, den Schutzpatron der Jäger, zu ehren. Doch auch unter dem Jahr ertönen Jagdhörnerklänge zu unterschiedlichsten Feierlichkeiten. Neben dem Jagdhornblasen gehört auch die Arbeit mit Jagdhunden zum jagdlichen Brauchtum. Hatten Sie schon einmal einen Wildunfall, bei dem das Tier verletzt und in Panik in den Wald rannte? Für solche Fälle gibt es anerkannte Nachsuchengespanne. Ein ausgebildetes Team aus Hund und Mensch wird hinzugerufen, um das verletzte Tier aufzuspüren und es zu erlösen, bevor es im Wald qualvoll verendet.
Mein Buch soll über alle Facetten der Jagd Klarheit schaffen und dem Jagd- und Naturinteressierten zeigen, womit sich das Waidwerk beschäftigt. Begonnen bei der Jägerprüfung, die nicht umsonst auch »grünes Abitur« genannt wird, über die ganz eigene Waidmannssprache bis hin zur Verwertung von Wild. Die Jagd dient dem Menschen seit jeher zum Überleben, und auch in der heutigen Zeit – obwohl sich vieles verändert hat – ist die Jagd wichtig, um einen gesunden Wildbestand im Einklang mit der Natur zu halten.
Die Natur ist unser wichtigstes Gut und muss deshalb von jedem einzelnen Menschen wertgeschätzt werden. Oftmals geht diese Wertschätzung im stressigen Alltag verloren. Ich hoffe und wünsche mir, dass ich dem einen oder anderen den Blick auf die Natur und ihre Nutzung an die Bewusstseinsoberfläche fördere. Denn es gibt so viel Schönes in ihr zu entdecken, der Mensch muss nur die Augen öffnen und sich auf sie einlassen.
»Wer bist du eigentlich, dass du dir herausnimmst, ein Lebewesen zu töten?«, frage ich mich selbst. Zitternd sitze ich mit der geladenen Waffe auf dem Hochsitz. Markus, ein erfahrener Jäger, sitzt neben mir. Vor uns ist gerade ein Rehbock aus dem Wald auf die Wiese getreten. Diesen soll ich erlegen. Die Gedanken schwirren in meinem Kopf und ich frage mich, ob ich nicht vielleicht doch besser Vegetarierin werden sollte.
Der gesamte Hochsitz scheint zu beben. Ich versuche mich zu konzentrieren und den Bock ins Fadenkreuz zu zirkeln, doch plötzlich scheint die Waffe viel zu groß zu sein. Hat sie sich nicht vorhin noch perfekt an Schulter und Wange geschmiegt? Ich versuche den Bock ins Sehfeld des Zielfernrohrs zu bekommen, aber ich sehe auf einmal nur noch eine schwarze runde Fläche. Ich bin einfach noch nicht bereit! Markus gibt mir ein Zeichen, dass sich der Bock im hohen Gras niederlegt. Für einen kurzen Moment fühle ich Erleichterung, denn auf ein liegendes Tier schießt der Jäger nicht. Dies ist eine der vielen fest definierten Verhaltensnormen waidgerechten Jagens, die ich in der Jagdschule gelernt habe und die das Jägerhandwerk so besonders machen. Es hat etwas mit Würde und Respekt vor der Kreatur zu tun und wird daher auch als Ehrenkodex der Jäger bezeichnet.
Doch die Erleichterung hält nicht lange an, denn mir wird bewusst, dass der Bock sicher nicht ewig liegen bleiben wird. Der passionierte Jäger Markus spürt meine Zweifel. Er redet mir gut zu: »Wenn der Bock wieder auf den Läufen ist, konzentrierst du dich nur auf den Schuss. Das schaffst du!«
Zwanzig Minuten später steht der Bock wieder. Jetzt liegt es an mir. Ich nehme die Waffe hoch und plötzlich ist die ganze Aufregung wie weggeblasen. Hoch konzentriert, die Waffe fest an der Schulter, das Auge am Zielfernrohr, nehme ich den Bock ins Visier. Ich sehe, wie das Fadenkreuz ruhig knapp hinter seinem Schulterblatt ruht. Trifft die Kugel den vitalen Bereich, in dem Herz und Lunge liegen, die sogenannte Kammer, ist der Schuss tödlich. Dies wird deshalb auch Kammer- oder Blattschuss genannt, weil die Kammer hinter dem Schulterblatt liegt. Ganz bewusst rufe ich mir die Bilder von Viehtransporten und Massentierhaltung vor mein inneres Auge. Dieses konventionell produzierte Fleisch will ich einfach nicht mehr essen. Selbst bei Bio-Fleisch bin ich skeptisch und habe kein Vertrauen darauf, dass die Haltung und der Transport der Tiere wirklich artgerecht und stressfrei verlaufen sind. Eine Ausnahme mache ich bei privaten Nutztierhaltern in meiner Umgebung, die im Jahr beispielsweise vier oder fünf Lämmer schlachten, die bei ihnen auf der Wiese vor dem Haus gelebt haben. Hier freue ich mich, wenn ich eine Lammkeule gegen eine Rehkeule tauschen kann.
Ich möchte diesen Bock mit einem sofort tödlichen Schuss treffen. So, dass er nicht leiden muss. Er hatte ein gutes Leben, wurde nicht mit Antibiotika und anderen Medikamenten behandelt und durfte frische Brombeerblätter, Kräuter und Gras äsen, wenn ihm danach war. Und er konnte sich durch die freie Natur bewegen, wann immer er Lust danach verspürte.
Ich hole zweimal tief Luft, lege den Finger an den Abzug, atme ruhig aus und drücke schließlich ab. Dann kommt es zurück, dieses Zittern. Diesmal fühlt es sich allerdings ganz anders an. Ich habe auf ein Tier geschossen, es getötet. Oder etwa nicht? Ich erschrecke zutiefst, denn ich sehe, wie der Bock in hohen Sätzen in den Wald abspringt. »Mist! Das gibt’s doch nicht!«, schießt es mir durch den Kopf. »Jetzt schießt du das erste Mal auf ein Lebewesen und triffst nicht richtig. Ich gebe den Jagdschein gleich wieder ab«, denke ich verzweifelt.
»Er hat gut gezeichnet«, höre ich plötzlich eine Stimme und erschrecke erneut. Markus sitzt ja noch neben mir! Den hatte ich schon beinahe vergessen. Mit Zeichnen meint er das Verhalten des Bockes direkt nach dem Schuss. Durch den Feuerball und den Rückstoß der Waffe konnte ich das nicht genau erkennen. Außerdem habe ich in meiner Aufregung gar nicht darauf geachtet. Markus ist sich als erfahrener Jäger sicher, dass die Kugel genau in den Brustraum des Bockes getroffen hat. Dort, wo sie hingehört. Ich möchte am liebsten gleich vom Hochsitz herunter und nachsehen, denn mein Gewissen plagt mich ungemein. Ich möchte nicht, dass ein Tier wegen mir leiden muss, doch ich muss mich noch eine Weile gedulden.
Eine Zigarettenlänge abwarten, heißt es immer. Zum einen, damit anderes Wild, das zum Zeitpunkt des Schusses möglicherweise in der Nähe war, den Knall nicht mit Gefahr verbindet und mit dieser auch den Hochsitz und den Jäger verknüpft, und zum anderen, damit das beschossene Tier, das sich meist in der Nähe im Wundbett niedergetan hat, nicht durch den zu früh herantretenden Menschen aufgemüdet, also aufgescheucht wird. Derart angerührtes Wild flieht oftmals noch weitere Strecken, selbst wenn es schwer verwundet ist. Dies ist auch eine solche Verhaltensregel des jagdlichen Ehrenkodex. Wirklich ruhig sitzen fällt mir jedoch sehr schwer. Meine Gedanken drehen sich um den Schuss. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich überhaupt geschossen habe.
Endlich ist es so weit. Nach einer gefühlten halben Ewigkeit sagt Markus: »Lass uns leise abbaumen und zum Anschuss gehen.« So nennt es der Jäger, wenn er Waffe und Rucksack packt und vom Hochsitz heruntersteigt. Als Anschuss wird genau die Stelle bezeichnet, an der sich das Tier zum Zeitpunkt der Schussabgabe befand. Diese wird sorgfältig untersucht. Meist sieht der Jäger recht schnell, ob und wenn ja, wo das Tier getroffen wurde. Er erkennt dies am Farbton und an der Beschaffenheit des Blutes – der Jäger nennt dies Schweiß –, am ausgetretenen Mageninhalt, wenn der Schuss zu weit hinten saß, an der Art und Anzahl von Knochensplittern und etlichem mehr.
Am Anschuss angekommen, fällt mir ein Stein vom Herzen: Wir finden rosafarbenes Blut, das lauter kleine Bläschen aufweist. Dies ist ein eindeutiges Zeichen für einen Lungenschuss und bedeutet, dass der Bock nicht weit geflohen sein kann. Doch zu früh gefreut. Wir gehen dort in den Wald hinein, wo der Bock ins Dickicht verschwunden ist. Kleine Blutspritzer verraten uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Doch was ist das? Plötzlich stehen wir vor einem Teich. Fünf Zentimeter bevor das Ufer beginnt, der letzte Tropfen Schweiß. Aber einen Bock sehen wir nicht.
»Das hättest du mir auch mal vorher sagen können, dass hier ein Teich ist. Jetzt schwimmt der da bestimmt irgendwo drin rum«, denke ich missmutig. Geändert hätte es vermutlich nichts, wenn ich das vorher gewusst hätte. Wahrscheinlich hätte ich trotzdem geschossen. Aber trotz allem bin ich etwas verärgert.
»Lass uns zum Auto gehen und Felino holen«, sagt Markus. Felino ist sein Jagdhund, ein Schweizer Niederlaufhund, der mit seiner guten Nase den beschossenen Rehbock sicher schnell und zuverlässig finden wird. Gesagt, getan. Ich gehe denselben Weg durch den Wald zurück, den wir auf dem Hinweg bis zum Teich genommen haben. Bis zum Anschuss sind es nur knapp fünfzig Meter. Markus dagegen sucht sich einen etwas einfacheren Rückweg mit weniger Gestrüpp. Ich bin kaum an der Wiese angekommen, als ich ihn plötzlich rufen höre: »Ich nehm dann mal den hier!« Ich bin mir sicher, mich verhört zu haben. Was meint er denn damit?
Ein Reh zieht über die Wiese. Jetzt gilt: ruhig bleiben, beobachten und erst dann entscheiden, ob es sich um ein jagbares Tier handelt.
»Wie? Was nimmst du?«, frage ich daher in den Wald hinein. Und da sehe ich auch schon, wie sich die Äste am Waldrand bewegen und Markus aus dem Wald auf die Wiese hinaustritt. Hinter sich her zieht er ein Reh. Meinen ersten Bock! Ein warmer Schauer läuft mir über den Rücken. Glücklich und erleichtert laufe ich ihm entgegen. »Der hat den Knall noch nicht einmal gehört, geschweige denn die Kugel gespürt«, sagt Markus. »Superschuss, mach weiter so, und du wirst eine erfolgreiche Jägerin!« Ein wenig stolz auf meinen Jagderfolg, beschließe ich, mir diese Worte ganz fest zu Herzen zu nehmen.
Die letzten Meter tragen wir den Bock gemeinsam auf die Wiese und legen ihn dort nieder. Natürlich auf seine rechte Körperseite, mit dem Herzen nach oben zeigend, denn so will es das jagdliche Brauchtum. Markus tritt kurz in den Wald zurück und holt drei Fichtenzweige. Einen Ast lege ich dem Bock als sogenannten letzten Bissen quer ins Maul, jagdsprachlich Äser genannt. Mit dem zweiten Fichtenzweig bedecke ich die Einschussstelle der Kugel – dies nennt sich in der Jägersprache Inbesitznahmebruch – und mit dem dritten Zweig tupft Markus etwas Schweiß von der Schusswunde, um ihn dann auf die rechte Seite meines Hutes, den ich bereits vom Kopf genommen und ihm gereicht habe, zu legen. Er überreicht mir nun meinen Hut zusammen mit dem darauf befindlichen Schützenbruch mit einem kräftigen Händedruck samt einem nachdrücklichen »Waidmannsheil!«, worauf ich ihm, von der Situation noch immer etwas überwältigt, mit »Waidmannsdank!« antworte. Den Bruch stecke ich an die rechte Seite meines Hutes und setze diesen wieder auf meinen Kopf.
Nach alter Tradition würden wir nun eigentlich den Bock mit dem entsprechenden Totsignal »Reh tot« auf dem Jagdhorn verblasen. So werden die Signale genannt, die nach dem Erlegen eines Wildtieres geblasen werden. Da Markus aber kein Jagdhorn spielt und ich zu der Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes, von Tuten und Blasen noch keine Ahnung habe, müssen wir darauf leider verzichten. Dafür knie ich neben dem toten Bock nieder, erweise dem Tier die letzte Ehre und lasse das Geschehene noch einmal Revue passieren.
Nach ein paar Minuten stehe ich auf. Gemeinsam tragen wir das Reh zum Auto. Bis zur Wildkammer ist es nicht weit. Die Organe müssen bis spätestens zwei Stunden nach dem Schuss aus dem Wildkörper entfernt werden und nach der ordnungsgemäßen Versorgung des Wildes muss es dann möglichst rasch abgekühlt werden. Wer Wild vermarktet, braucht eine Wildkammer, die unter anderem über fließendes warmes Wasser, leicht und effizient zu reinigende Edelstahlarbeitsflächen, entsprechende Arbeitsgeräte und eine Kühlzelle verfügt. Hygiene ist hierbei oberstes Gebot. Entweder hat der Jäger eine eigene Kühlkammer in seinem Keller oder in der Garage oder er darf gegen einen Obolus die Wildkammer des Jagdnachbarn mitnutzen. Nur wer ausschließlich für den Eigenbedarf jagt, muss keine diesbezüglichen Vorgaben einhalten – allerdings unterliegen auch Jäger, die das Wild nur zum Eigenbedarf jagen, der Pflicht zur Fleischuntersuchung beim amtlichen Veterinär, sollten sie bedenkliche Merkmale am verendeten Tier festgestellt haben. Ebenso gelten auch für sie die nationalen Hygienevorschriften in Form der amtlichen Untersuchungspflicht für Fleisch- und Allesfresser, wie es das Wildschwein ist, auf Trichinen.
Trichinen sind Fadenwürmer. Ihre Larven werden über den Verzehr von rohem oder ungenügend erhitztem kontaminiertem Fleisch aufgenommen. Im Darm des befallenen Tieres oder auch Menschen reifen sie zu Würmern heran. Im Dünndarm entwickeln sie sich dann innerhalb kurzer Zeit zum adulten Tier, paaren sich und produzieren Larven. Diese bohren sich durch den Dünndarm, gelangen so in die Lymphen und damit ins Blut. Sie strömen damit durch den gesamten Körper und lassen sich im gut durchbluteten Muskelgewebe nieder, aber auch im Zwerchfell, in den Augen und in der Zunge, weshalb für die Trichinenprobe vor allem Gewebeteile aus dem Zwerchfellpfeiler oder dem Lecker, der Zunge, entnommen werden. Für Sauen sind Trichinen ungefährlich. Beim Fehlwirt Mensch verursachen Trichinen jedoch die (meldepflichtige) Infektion Trichinellose, deren Symptome unter anderem Fieber, Schwindel, Schwäche, Bauchschmerzen und Muskelschmerzen sind. In Einzelfällen führt die Infektion zum Tod. Daher muss bei untersuchungspflichtigen Schlachttieren sowie bei Fleisch fressenden Wildtieren, wie unter anderem Schwarzwild, eine Trichinenuntersuchung vorgenommen werden.
Oftmals verfügen Jäger in ihrer Garage nur über einen großen Kühlschrank, der Platz für zwei Rehe bietet. Bevor das Wild küchenfertig zerlegt wird – oder zerwirkt wird, wie der Jäger sagt –, sollte es erst einmal ein paar Tage abhängen, damit das Fleisch entsprechend reifen kann.
Und nun bin ich an der Reihe. Etwas ungelenk versuche ich die Bauchdecke so zu öffnen, der Jäger nennt dies aufschärfen, dass ich dabei keine Innereien verletze. Magen- und Darminhalt verderben das Wildfleisch und dürfen deshalb auf keinen Fall austreten. Dann mache ich mich daran, das Schloss zu öffnen, so wird die faserknorplige, bei älteren Tieren verknöcherte Verbindung der beiden Beckenhälften beim Wild, die sogenannte Schambeinfuge, genannt. Es gibt eine bestimmte Stelle, an der das Messer angesetzt werden muss, dann lässt sich dieses knacken wie eine Muschel. Doch ohne Erfahrung ist das längst nicht so einfach, wie es klingt. Markus tritt näher und hilft mir dabei. Da es bei größerem und älterem Wild oft viel Kraft braucht, das Schloss zu öffnen, bin ich mit der Zeit zum Ringeln übergegangen. Dabei wird das Waidloch, also der After des Tieres, ausgelöst und mitsamt dem Darm nach außen gezogen. Dies hat nicht nur den Vorteil, dass ich weniger Kraft benötige, sondern ist auch wildbretschonender, da die wertvollen Keulen dabei nicht eröffnet werden und somit die Eintrittstelle für die für den Fleischverderb verantwortlichen Bakterien geringer ist. Zudem trocknet bei dieser moderneren Methode das wertvolle Wildbret der Keulen nicht so stark aus wie bei der Methode des Schlossaufbrechens.
Als Nächstes öffne ich den Brustkorb. Durch das Brustbein geht es etwas leichter, doch auch da tue ich mich schwer, und das, obwohl ich bereits einige Wildschweine aufgebrochen habe. Aber wie bei allem braucht es auch beim Aufbrechen Routine, bis alles reibungslos klappt. Irgendwann habe ich es dann doch geschafft und mein Schnitt reicht vom Waidloch – also dem After – bis hoch zum Schlund. Vorsichtig schärfe ich das Zwerchfell von den Rippen ab. Nun können Gescheide und Geräusch, also alle Innereien des Bauch- und Brustraums, entnommen werden. Bei dieser ganzen Arbeit hängt der Bock kopfunter an den Hinterläufen an einem sogenannten Wildgalgen. Das wird vor allem deshalb so gemacht, da durch die Schwerkraft die Innereien nicht über die Keulen fallen, sondern in Richtung Kammer. Das Risiko eines ungewollten Schnitts oder Stichs in die Verdauungsorgane und somit das Kontaminieren des wertvollen Wildfleisches mit Bakterien wird dadurch deutlich minimiert.
Als alle Organe entfernt sind, untersuche ich sie, um zu sehen, ob sie irgendwelche bedenklichen Merkmale aufweisen. Als Jäger bin ich eine sogenannte kundige Person, also entsprechend geschult, um selbst zu entscheiden, ob das Wildbret, also das Wildfleisch, zum Verzehr geeignet ist. Ein Amtstierarzt ist für eine Fleischuntersuchung nur nötig, wenn das Wild in größerem Umfang vermarktet werden soll beziehungsweise wenn bedenkliche Merkmale am Wildbret festgestellt werden. Für eine Jungjägerin, wie ich es zu diesem Zeitpunkt bin, ist es dennoch nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten, und ich bin daher froh, das mir Markus zur Seite steht. Angemerkt sei hier noch kurz, dass ein Jungjäger übrigens kein Jäger jungen Alters ist, wie die Bezeichnung vermuten lassen könnte, sondern ein Jäger, der den Jagdschein noch nicht lange innehat, also noch am Anfang seiner »Jägerlaufbahn« steht.
Form, Färbung und Größe der Milz sind so, wie sie sein sollten. Auch das Herz sieht von innen und außen gesund aus. Die Lunge ist unauffällig, so wie auch die Leber. Die Nieren schneiden wir, wie das Herz, ein wenig auf, um ins Innere sehen zu können. Auch hier ist alles unauffällig. Da der Bock sich auch vor dem Schuss normal verhalten hat, keinen Husten oder anderweitig auffällige Verhaltensweisen zeigte, ist somit alles in Ordnung und sein Wildbret kann ohne Bedenken verzehrt werden.
Leber, Herz und Nieren packen wir in eine Tüte. Die werde ich später zusammen mit Kirschtomaten, Zwiebeln, etwas Sahne und verschiedenen Gewürzen zubereiten. Den Bock spülen wir nun gründlich mit klarem Wasser aus und hängen ihn an einem Haken zum Abkühlen in den Kühlraum. Dort sollte er noch ein paar Tage abhängen, damit das Fleisch ausreichend reifen kann. Plötzlich hören wir ein Auto auf den Hof fahren und sehen Markus’ Vater aussteigen. Strahlend kommt er auf mich zu. Auf sein »Waidmannsheil!« antwortete ich ihm stolz »Waidmannsdank!«.
Während viele über die Familie jagdlich geprägt werden und sich deshalb zum Jagdkurs anmelden, läuft es bei mir völlig anders. Meine ersten Kontakte zur Jagd knüpfe ich während eines unserer Skiurlaube. Wir sind eine Gruppe von etwa fünfzig Stuttgartern, die sich jährlich im österreichischen Skigebiet Hochfügen zum Skifahren trifft. Ich bin in diesem Jahr dreizehn geworden. Verträumt stehe ich im Flur unserer Pension und starre die Trophäen an der Wand an. Plötzlich tritt einer aus unserer Gruppe neben mich. »Na, weißt du, was das ist?« Jäger Simi, siebenunddreißig Lenze jung, erzählt mir von Rehen, Hasen und Füchsen und natürlich auch von den Gämsen, die in den österreichischen Bergen nicht zu knapp vorkommen. Er erzählt mir viel über unser heimisches Wild und ich könnte stundenlang seinen Worten lauschen.
Die meisten der Trophäen stammen von Gämsen. Es sind schwarze, am Ende nach hinten gebogene stangenförmige Hörner, die die Jäger Krickel oder auch Krucken nennen. Simi erklärt mir, dass sich an den Hörnern der Gämsen, ähnlich wie bei einem Baum, jedes Jahr ein Ring mehr bildet. Bei einer zähle ich acht Ringe, bei einer anderen sechzehn. »Wieso wurde die Gams hier schon mit vier Jahren geschossen?«, frage ich Simi. »Vielleicht, weil sie krank war und den Winter nicht überlebt hätte. Die genaue Antwort kann dir nur der Jäger geben, der sie erlegt hat«, sagt er. »Aber wenn du gerne mehr über die Jagd erfahren möchtest, dann komm doch einfach einmal mit mir auf den Hochsitz.« Ohne zu überlegen, nehme ich das Angebot an. Da wir in der Regel während der jagdfreien Zeit – zwischen Februar und April – im Skiurlaub sind, muss ich mich jedoch noch etwas gedulden, bis ich das erste Mal mit auf die Jagd gehen kann. Trotzdem erzähle ich meinen Eltern von meinem Vorhaben.
Was meine Mutter, von Beruf Waldorf-Pädagogin und der Natur und den Tieren gegenüber sehr sanft und liebevoll eingestellt, darüber denkt, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sie mich den Jäger nur deshalb auf die Jagd begleiten lässt, weil sie weiß, dass ich mit meinem Dickschädel sowieso nicht zu bremsen wäre. Insgeheim hofft sie vielleicht sogar, dass ich weinend heimkomme und nie wieder etwas von der Jagd wissen möchte. Aber dieser Wunsch wird ihr nicht erfüllt. Als die Jagdzeit wieder beginnt, ziehe ich mit Simi los ins Revier.
Der Besuch eines Flintenparcours macht nicht nur sehr viel Spaß, sondern hilft auch, die Schießtechnik und Treffsicherheit zu verbessern.
Es ist ein kalter Morgen im Mai. Warm eingepackt, machen wir es uns noch in der Dunkelheit auf einem Hochsitz am Waldrand bequem. Langsam geht die Sonne auf und taucht die Natur in immer heller werdendes Licht. Der Morgengesang der Vögel setzt ein und nach und nach verzieht sich auch der letzte Fetzen Morgennebel. Ein Häschen hoppelt über die Wiese und beginnt fünf Meter vor unserem Sitz einen Löwenzahn zu mümmeln. Fasziniert beobachte ich den Hasen. »Den dürfen wir nicht erlegen, er hat Schonzeit«, flüstert Simi neben mir. Ich erschrecke, habe ganz vergessen, dass wir eigentlich hier sitzen, um Beute zu machen. Irgendwie bin ich beruhigt, dass das Häschen weiterleben darf.
»Was bedeutet eigentlich Schonzeit?«, frage ich Simi. »Es gibt für jede Wildart gesetzliche Vorgaben, wann der Jäger ein Tier schießen darf. Diese hängen unter anderem mit dem biologischen Rhythmus der Tiere zusammen. Vor allem im Frühjahr, wenn viele Wildtierarten ihren Nachwuchs bekommen, brauchen sie viel Ruhe. Deshalb dürfen sie in dieser Zeit auch nicht bejagt werden.« Da der Hase im Mai noch nicht bejagt wird, hat er wohl Glück gehabt.
Mehr sehen wir an diesem Morgen leider nicht. Trotzdem sitze ich auf der Heimfahrt zufrieden im Auto und weiß, dass dies nicht mein letzter Ansitz gewesen sein wird. Zwei oder drei weitere Male begleite ich Simi auf die Schwäbische Alb, immer wieder sind es sehr schöne Ansitze, doch obwohl wir einiges an Wild sehen, kehren wir jedes Mal ohne Beute heim. Entweder weil das Tier keine Jagdzeit hat oder weil es Simi nicht möglich ist, einen sicheren Schuss anzutragen. Meine Mutter scheint ganz froh über die Tatsache, dass ihre Tochter nicht miterlebt, wie ein Tier erlegt wird. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass es nicht auf ewig so bleiben sollte.
Nach meiner bestandenen Abiturprüfung sitze ich in einer Bar in Reutlingen und unterhalte mich mit zwei Männern. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es sich ergab, aber plötzlich kommen wir auf das Thema Jagd zu sprechen. Der eine wird schlagartig ziemlich aufgeregt. Ich merke, dass er ziemlich begeistert davon ist, dass ich den Jagdschein machen möchte. Interessiert fragt er mich aus, ob meine Eltern auch Jäger seien und wie ich zur Jagd gekommen sei. Ich erzähle die Geschichte aus dem Skiurlaub und dass ich sehr gerne Fleisch esse.
Kurz darauf begleite ich ihn auf den Ansitz. Vor uns tritt ein Reh auf die Wiese, wir beobachten es beim Äsen und keiner von uns beiden denkt in diesem Moment an Jagd. In unserem Rücken befindet sich Wald, vor uns die Wiese mit dem Reh, und die Sonne beginnt langsam unterzugehen, während sich der Himmel rot färbt. Keiner von uns spricht ein Wort, es ist auch gar nicht nötig. Wir genießen den Anblick und die Waffe bleibt auch an diesem Abend unberührt.
Zwei Jahre ist das nun her. Mehrfach war ich mit auf der Ansitzjagd, habe an Drückjagden teilgenommen und dabei auch erste Erfahrungen im Zusammenhang mit erlegtem Wild gemacht. Für mich steht fest: Ich möchte jetzt endlich den Jagdschein machen! Doch die Ausbildung zum Jäger beziehungsweise zur Jägerin kostet viel Zeit und Geld. Es heißt nicht umsonst, dass der Jäger ein grünes Abitur ablegen muss. Irgendetwas fehlt mir aber leider immer: entweder das Geld oder die Zeit oder beides. Doch dann, mit zweiundzwanzig Jahren, am Ende meines Studiums, nachdem ich alle Semesterferien durchgeackert habe, passt irgendwann alles zusammen und ich beginne meine Jagdausbildung.
Ein individuell angepasster Flintenschaft führt zu einem besseren Schieß-ergebnis!
Mit einem dicken Ordner unter dem Arm kehre ich im November 2014 von der Jagdschule zurück, bei der ich mich zum Kurs angemeldet habe. »Es schadet nicht, wenn du dir vor dem Kurs schon mal einen Überblick verschaffst und das Skript durchblätterst.« Das waren die Worte, die mir auf den Weg mitgegeben wurden. In dem mehrere Hundert Seiten umfassenden Skript werden alle fünf Prüfungsfächer von Haar- und Federwild, Waffentechnik und -recht über Jagd, Jagdhunde bis hin zu Wildkrankheiten und Behandlung von erlegtem Wild genauestens erläutert. Im ersten Moment klingt das alles recht übersichtlich, doch als ich die Seiten so durchblättere und dabei die Details in Augenschein nehme, wird mir doch etwas mulmig.
Hoch motiviert setze ich mich zu Hause auf Sofa. Den Teil rund um das Waffen- und Jagdrecht muss ich wohl auswendig lernen. Beim Thema Jagdhunde muss ich nicht nur die einzelnen Rassen genau kennen, sondern auch alles über deren Haltung und Pflege wissen, wie zum Beispiel die gesetzliche Mindestgröße eines Zwingers. Meinen Hund würde ich zwar in keinen Zwinger sperren, aber das wird den Prüfern als Antwort wohl nicht genügen. Ich beginne mich zu fragen, wie ich das alles neben dem Studium schaffen soll.
Da ich aus keinem Jägerhaushalt stamme, muss ich komplett bei null beginnen. Wie eine Waffe durch den Wald getragen wird und wie das erlegte Wild später versorgt werden muss, davon hat keiner in meiner Familie auch nur die leiseste Ahnung. Als Erste, die das wissen möchte, muss ich nun also wohl oder übel bei Adam und Eva beginnen.
Als ich den Ordner weiter durchsehe, stoße ich auf ein Thema, an das ich mich noch aus meiner Schulzeit erinnern kann. Es sind die vier Mägen der Wiederkäuer. Auch Hirsch und Reh haben Pansen, Netz-, Blätter- und Labmagen. Doch auch alle anderen Organe sind im Skript genau beschrieben. Also gehe ich davon aus, dass ich sie auch lernen muss. »Eigentlich könnte ich auch gleich Tiermedizin studieren«, denke ich mir.
Und es wird nicht besser: Bei den Wildkrankheiten kenne ich gerade noch den Fuchsbandwurm, viel mehr kommt mir aber nicht bekannt vor. Rachendasseln etwa, das sind kleine Fliegen, die ihre Larven in die Nasen von Huftieren spritzen. Dort wandern die Larven in die Nasenhöhlen und in den Rachenraum, um sich dort zu entwickeln. Vor allem junge Rehe sind davon befallen. Die etwa zwei bis zu vier Zentimeter langen, knapp einen Zentimeter Durchmesser fassenden fertig entwickelten Larven werden ausgeniest oder ausgehustet. Beim Blick auf das Foto, das im Skript mit abgebildet ist, bekomme ich eine Gänsehaut. Noch ahne ich nicht, dass ich diese ekelerregenden Tiere in nur weniger als einem Jahr hautnah selbst erleben werde.
