Auf der Suche nach dem Wunderbaren - Konstantin Wecker - E-Book

Auf der Suche nach dem Wunderbaren E-Book

Konstantin Wecker

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Beschreibung

»Poesie findet sich nicht ab mit dem Machbaren.« (Konstantin Wecker)

Poesie und Widerstand – auf den ersten Blick passen diese Worte nicht zusammen. Poesie gilt gemeinhin als etwas die Seele Aufbauendes, Tröstendes, ausschließlich der Schönheit Verpflichtetes. Widerstand hingegen wird gern im ausschließlich Politischen verortet, oftmals respektvoll wie bei den Widerständlern der Nazizeit, meist aber doch eher skeptisch beäugt, wenn es darum geht, das bestehende System zu verteidigen. Dabei ist Widerstehen eine unerlässliche, immer wieder neu aufzufrischende Lebenshaltung, um sich nicht einfach allem zu beugen, was einem als selbstverständlich aufgetischt wird.
Streitbar wie eh und je
Poesie und Politik gehören zusammen
Ein anarchischer Psalm des Poeten
Die Kunst des Widerstehens lernen
Träger des Göttinger Friedenspreises 2018

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Konstantin Wecker

Auf der Suchenach dem Wunderbaren

Poesie ist Widerstand

Mit einem Vorwort

von Gerald Hüther

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlaggestaltung: Reinhard Berlin

Umschlagmotiv: © customdesigner / Fotolia.com

ISBN 978-3-641-23439-3V002

www.gtvh.de

Für meine Söhne Valentin und Tamino

Inhalt

Vorwort

Eine Erklärung

Bleib erschütterbar – doch widersteh!

Singen, weil man ein Lied hat

Lieber naiv als korrupt

Mit dem Herzen denken

Der Club der toten DichterEin Zwischenspiel

Nein, ich hör nicht auf zu träumenvon der herrschaftsfreien Welt

Revolution der Zärtlichkeit

Gesang statt Zwang

Wir sind nicht zu trennen

Wenn jeder eine Blume pflanzte oderDas Hohelied der Anarchie

Ohne Berechnung

Ich hab ein zärtliches Gefühl

Ein Plädoyer für die Ohnmacht

Das macht mir Mut

Jeder Augenblick ist ewig

Es ist ein stilles Singen in den Dingen

Nachwort: Vom Maulbeerbaum

Konstantin Wecker: Die erste Elegie

Peter Rühmkorf: Bleib erschütterbar und widersteh

Konstantin Wecker: Worte

Konstantin Wecker: Wer nicht genießt, ist ungenießbar

Konstantin Wecker: Und das soll dann alles gewesen sein

Konstantin Wecker: Den Parolen keine Chance

Gottfried Benn: Wer allein ist

Konstantin Wecker:Ich danke dir Leben (Gracias a la Vida)

Peter Härtling: Wenn jeder eine Blume pflanzte

Konstantin Wecker: Ohne Warum

Rainer Maria Rilke: In meinem wilden Herzen

Mascha Kaléko: Memento

Konstantin Wecker: Die sechste Elegie

Konstantin Wecker: Die fünfte Elegie

Konstantin Wecker: Auf der Suche nach dem Wunderbaren

Poesie ist Dynamit für alle Ordnungen

dieser Welt.

Heinrich Böll

Es gibt nur zwei Arten zu leben.

Entweder so, als wäre nichts ein Wunder,

oder so, als wäre alles ein Wunder.

Albert Einstein

Die POESIE findet sich nicht ab (im Gegensatz zur Politik) mit dem Machbaren; sie kann nicht lassen von der Trauer, dass das Menschsein auf dieser Erde nicht anders ist.

Max Frisch

Wer dichtet, der widersetzt sich der Willkür und dem Chaos. Lyrik ist Lebensbejahung, eine Antwort auf Bedrohung und Gefährdung.

Marcel Reich-Ranicki

Vorwort

Wie eintönig und grau wäre das Leben, wenn es die Poesie nicht gäbe? Es wäre eine nur noch auf Zweckdienlichkeit und Effizienz ausgerichtete Welt. Überall asphaltierte Straßen, industriell bewirtschaftete Felder, zubetonierte Flächen, begradigte Flussläufe und in den Städten lauter mit irgendetwas Wichtigem beschäftigte Menschen. Es gäbe keine Schlüsselblumen und Margeriten mehr draußen auf den Wiesen, keine bunten Schmetterlinge, keine den Himmel mit ihrem Gesang erfüllenden Feldlerchen. Und Maikäfer auch nicht. Alles unprofitable, sagt der Homo oeconomicus und zieht unbeirrbar mit seiner Spritzmaschine durch die Felder.

Unsere Kinder sind unsere Zukunft, sagen sogar die Politiker und versprechen bessere Schulen und noch mehr naturwissenschaftlich-technischen Unterricht, um sie fit zu machen für die Welt von morgen.

Wie die Obstbauern, die ihr Spalierobst so behandeln, dass es ihnen größtmögliche Erträge liefert. Nach Bildungsstandards genormt und Pisa-geprüft.

Wenn wir dem Homo oeconomicus Einhalt gebieten wollen, brauchen wir dazu eine Waffe, über die er nicht verfügt und deren Wirkkraft er nicht gewachsen ist. Am besten eine, mit der er überhaupt nichts anzufangen weiß. Es gibt so eine Wunderwaffe. Sie heißt Kreativität und sie entfaltet sich immer dann, wenn wir zweckfrei zu spielen beginnen. Wir können das auch mit Gedanken, Worten und Begriffen machen. Dann nennen wir dieses Spiel Poesie. Aber nicht jedes Wortspiel ist Poesie. Um Poesie zu einer kreativen Kraft werden zu lassen, reicht es nicht, schöne Worte aneinanderzureihen.

Zu einer Waffe wird die Poesie erst dann, wenn sie unter die Haut geht und die Menschen tief in ihrem Inneren berührt. Sie wieder mit sich selbst, mit ihren ganz unten im Gehirn abgelegten Hoffnungen und Sehnsüchten verbindet. Dann kann es passieren, dass eine solche Person aufwacht und bemerkt, dass sie ihr Leben auf eine Weise eingerichtet hat, wie sie gar nicht Leben wollte. Sie ist dann wieder zur Besinnung gekommen. Ist wieder in der Lage, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden – und manchmal ändert sich allein dadurch schon das ganze Leben.

Nicht jeder, der Gedichte schreibt, versteht sich als Waffenschmied. Aber Konstantin Wecker ist einer, der mit dem Herzen die Kunst erlernt hat, die Poesie als Zauberschwert zu nutzen. Er ist ein widerständiger Poet und ein poetischer Widerständler.

Alle Menschen kann auch er mit seinen Texten und Liedern nicht berühren. Aber manche schon. So wie mich, zum Beispiel. Stecken Sie sich dieses kleine Buch in die Tasche. Und holen Sie es heraus, wenn Sie merken, dass es Zeit für Sie wird aufzustehen.

Göttingen, im Frühling 2018

Gerald Hüther

Eine Erklärung

Nichts ist erklärbar.

Nur im Unsichtbaren

lernen wir zu sehen.

Auch wenn ich mal etliche Semester in München Germanistik studiert habe und mich in ein paar Rilke-Seminaren als Enfant Terrible rumgetrieben habe – ich bin beileibe kein Germanist.

Und wenn ich hier über Poesie schreibe, dann als Poet und nicht als Poetologe.

Und wenn ich über Widerstand schreibe, dann weil ich die Kunst des Widerstehens im Laufe meines Lebens, ob aus freiem Willen oder unfreiwillig, lernen durfte.

Und immer noch, mit vielen Rückschlägen natürlich, zu lernen versuche.

Poesie und Widerstand – auf den ersten Blick passen diese Worte nicht zusammen.

Poesie gilt gemeinhin als etwas die Seele Aufbauendes, Tröstendes, ausschließlich der Schönheit Verpflichtetes.

(Auch wenn ein kurzer Blick in die Gedichtwelt der MeisterInnen das sofort widerlegen würde.)

Widerstand hingegen wird gern im ausschließlich Politischen verortet, oftmals respektvoll wie bei den Widerständlern der Nazizeit, meist aber doch eher skeptisch beäugt, wenn es darum geht, das bestehende System zu verteidigen.

Dabei ist Widerstehen erst einmal eine unerlässliche, immer wieder neu aufzufrischende Lebenshaltung, um sich nicht einfach allem zu beugen, was einem als selbstverständlich aufgetischt wird.

Ich hatte das Glück, einen antiautoritären Vater haben zu dürfen und eine äußerst kämpferische Mutter, eine für ihre Generation erstaunlich selbstbewusste Frau.

Widerstand ward mir in die Wiege gelegt durch antifaschistische Eltern und einen Vater, der im Zweiten Weltkrieg den Dienst mit der Waffe verweigerte. Und wie durch ein Wunder überlebte.

Und so durfte ich auch diesen Eltern immer wieder widerstehen. Das hab ich dann auch oftmals geradezu schamlos ausgenutzt.

Antiautoritäre Erziehung erfordert eben auch die Größe, den eigenen Kindern zu gestatten, sich gegen die väterliche oder mütterliche Autorität aufzulehnen.

Jede Erziehung, die zum unbedingten Gehorsam aufruft, ist eine Erziehung zum Unmenschlichen und führt in die totale Entfremdung des eigenen Seins.

Sie schafft ausschließlich Untertanen, denn auch die Anführer sind im Grunde ihres Herzens nur Untertanen ihrer Ideologie, ihres Wahns, ihrer dogmatischen Weltsicht.

Die meisten Diktatoren bezeichneten sich ja auch gern als Erfüllungsgehilfen des Weltenlaufs, des universalen Gesetzes oder irgendeines wie auch immer benannten Gottes.

Untertanen, Knechte – keiner ein Prometheus.

»Poesie und Widerstand« heißt mein jüngstes Konzertprogramm und ich bedanke mich jeden Abend am Ende des Konzertes für das Geschenk, ein Publikum haben zu dürfen, das über drei Stunden Gedichten zuhört.

Der große Cellist Pablo Casals soll einmal gesagt haben, es sei nicht der Applaus, es sei die Stille, die den Künstler ehrt.

Und genau eine solche Stille in manchen Momenten eines turbulenten Konzertabends kann auch der fruchtbare Nährboden des furchtlosen Widerstands sein.

In ihr ist die Poesie zu Hause und in ihr erst erkennen wir den lärmenden Unsinn einer sich selbst viel zu ernst nehmenden Welt.

Dieser Aufschrei, dieser anarchische Psalm ist nun mal keine wissenschaftliche Abhandlung und sehr subjektiv.

Er ist aus einer spontanen Empfindung geschrieben, um all das los zu werden, was seit langem in mir gärt.

Und ich denke, so allein stehe ich nicht mit der grundlegenden Richtung meines Pamphlets.

Immerhin geht es mir hier um die Umwortung aller Worte (vielleicht dadurch auch um die Umwertung aller Werte :) – ein sicher nicht unobszönes Unterfangen.

Und mir ist bewusst, dass ich mich angreifbar mache.

Aber ich kämpfe ja auch gegen ein Monstrum: gegen eine Weltanschauung, die als ewig gefestigt, in Stein gemeißelt und unverrückbar erklärt wird.

Da braucht man als David halt manchmal eine verbale Steinschleuder, um den Goliath wenigstens ein bisschen ins Grübeln zu bringen.

Bleib erschütterbar – doch widersteh!

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:

Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,

was ich, kaum erhoben, wanken seh,

gestern an und morgen abgeschaltet:

Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:

Bleib erschütterbar – doch widersteh!

Peter Rühmkorf

Widerstand ist ein Menschenrecht

und wir werden ohne Widerstand

dem Gehorsam

keine geeignete Antwort

entgegensetzen können.

Und je älter ich werde

desto sicherer bin ich mir

dass der Gehorsam

dieser bedingungslose Gehorsam

einem anderen Menschen gegenüber –

welche Rangordnung auch immer

er in der jeweilig anerkannten

Gesellschaftsordnung einnimmt –

ja, dass dieses Eichmann’sche Kopfeinziehen

diese »Banalität des Bösen«

dieses geduckte und stramme

Gehorchen wohl eines der Grundübel

unseres ausschließlich auf Macht basierenden

menschlichen Zusammenlebens ist.

Oh ja,

es gibt auch andere

anarchische

herrschaftsfreie Modelle

und sie werden auch immer noch gelebt.

Aber in unserem Universum

der ach so freien Welt

werden sie boykottiert

und systematisch schlecht gemacht.

Und was hat das nun alles

mit Poesie zu tun?

Mehr, als man anfänglich zu glauben

bereit wäre.

Poesie lehrt uns,

dass Worte nur Symbole sind.

Keine Wahrheit,

kein Dogma,

nichts Endgültiges, Unzerstörbares:

nur Symbole.

Das wollen uns auch die Buddhisten erklären,

wenn sie sagen:

»Der Finger, der auf den Mond zeigt,

ist nicht der Mond.«

Und das Wort Mond

ist natürlich genauso wenig der Mond.

Es ist ein Symbol

für ein scheinbar am Himmel sich bewegendes,

nachts manchmal bedrohlich,

manchmal beglückend scheinendes Licht.

Und jeder Mensch auf der Welt

assoziiert mit diesem Wort

eine eigene Geschichte,

eigenes Erleben,

eigene Sehnsüchte.

Wir können uns im Gespräch

mit Gleichgesinnten

schon nur vage einigen

auf eine Interpretation,

die allen gerecht wird.

Wie erst in einer Gesellschaft mit kulturell

und auch ideologisch völlig anders

geschulten, anders erzogenen,

anders gebildeten Menschen?

Die Poesie lehrt uns,

dass nichts zu Ende interpretierbar ist

und dass man die Interpretationshoheit

nicht den Herrschenden überlassen darf.

Ein Rilke-Gedicht,

das du mit 17 gelesen und geliebt hast,

wird dir auch noch nach Jahrzehnten

vertraut und lieb sein.

Dennoch liest es sich jetzt anders,

versteht man es anders,

je nachdem,

was man in diesen Jahren erlebt,

gelebt und erfahren hat.

Die gleichen Worte.

Und oft ein neuer Sinn.

Die Worte leben in dir weiter,

entwickeln sich, gestalten sich um.

Was für dich in der Jugend Liebe bedeutete,

wird sich im Alter

erhöhen und erweitern

und aus dem engen Kontext des persönlichen Begehrens befreien.

Und so geht es uns mit allen Worten:

Sie wandeln sich, wenn wir uns wandeln.

Sie erstarren zu Parolen,

wenn wir erstarren.

Singen, weil man ein Lied hat

Und die Worte streichen aus

was in ihnen ruhte.

Steigen über uns hinaus

heim ins Absolute.

In einer Welt, deren einziges Ziel

es zu sein scheint,

sich hemmungslos

und über alle Grenzen der Menschlichkeit

hinweg materiell zu bereichern,

in einer extrem sinnlosen Welt –

da ja materielle Bereicherung

kaum Sinn gebend sein kann –

ist Poesie ein Anker und ein Wegweiser.

Um es ganz deutlich zu sagen:

Die Poesie ist anarchisch!

Sie lässt sich nicht zwängen

in ein ideologisch starres Gebäude,

selbst wenn sie sich ab und an

sogar darin wiederfindet.

Die Poesie singt,

weil sie ein Lied hat,

nicht weil es gefällt.

Natürlich gibt es schlechte Gedichte,

emsig Bemühtes,

Gedichte, denen man sofort anmerkt,

dass sie geschrieben wurden, um zu gefallen.

Entweder irgendwelchen Geldgebern,

oder einfach nur dem Publikum,

oder gern auch den durchaus studierten

Herren und Damen Poetologen.

Deren Ansprüche setzen bekanntlich

stets Maßstäbe

und da kann man sich nicht einfach

seinen zutiefst aus dem Innersten

strömenden Reimen widmen,

da gilt es

intellektuelle Forderungen zu erfüllen:

Singen, weil es denen gefällt.

Aber das ist nicht wirklich das Wesen

der Poesie.

Poesie –

das sind nicht nur Verse, Reime

und Sprachbilder:

Poesie ist eine Lebensweise.

Die Heimat der Poesie ist eine geistige,

sie kommt aus der Welt des Namenlosen,

Unbenennbaren,

aus der Welt des Numinosen.

»Der Geist, den man erklären kann,

ist nicht der ewige Geist.

Der Name, den man nennen kann,

ist nicht der ewige Name« –

so liest man’s im Tao-Te-King

seit Jahrtausenden –

und nichts hat sich geändert.

Es gibt nichts wirklich zu erklären.

Es gilt zu lauschen.

Den Bäumen, den Felsen,

den Flüssen und Meeren,

den Winden, den Sternen, den Tieren

und der inneren Stimme der Menschen.

Und das, was sie uns sagen,

können Worte vermitteln.

Nicht erklären.

Wie Melodien in uns etwas zum Klingen

bringen:

die Schönheit, der wir alle entstammen,

die Schönheit,

die Neugeborene und kleine Kinder

noch auf ihren Gesichtszügen widerspiegeln.