Auf engstem Raum Thriller - Regina Nössler - E-Book

Auf engstem Raum Thriller E-Book

Regina Nössler

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Beschreibung

Ein Schreibwarenladen in Berlin. Der Laden ist vollgestopft und eng. Als Verkäufer werden studentische Aushilfskräfte beschäftigt. Manche, wie Marie und Odette, arbeiten schon sehr lange dort. Moderne Tagelöhner, die nur Geld bekommen, wenn sie tatsächlich zu ihrer Schicht erscheinen. Auch der Chef Heinz Wuttke steht hinter der Ladentheke, gemeinsam mit seiner Frau. Spannungen wachsen. Konflikte werden nicht ausgetragen. Die Geschäfte gehen immer schlechter. Wuttke ignoriert das. Unbezahlte Rechnungen türmen sich. Frau Wuttke erträgt ihren Mann von Tag zu Tag weniger. Schleichend kippt die Stimmung in dem von außen so liebenswert altmodisch wirkenden Geschäft. Eine langjährige Kundin empfindet ihre Besuche, auf die sie sich früher immer gefreut hat, inzwischen sogar als Mutprobe. Die Mitarbeiter giften sich offen an. Nicht nur das, sie und Frau Wuttke werden auch zu den Kunden zunehmend unfreundlicher. Abschalten geht nicht mehr. Marie redet zu Hause mit ihrer Freundin nur noch von der Arbeit und einer Kollegin, die sie nicht leiden kann. Eines Tages liegt ein Toter vor dem Laden. Aber das ist erst der Anfang.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Regina Nössler,

Auf engstem Raum

Thriller

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

www.konkursbuch.com

Zum Buch:

Ein Schreibwarenladen in Berlin. Der Laden ist vollgestopft und eng. Als Verkäufer werden studentische Aushilfskräfte beschäftigt. Manche, wie Marie und Odette, arbeiten schon sehr lange dort. Moderne Tagelöhner, die nur Geld bekommen, wenn sie tatsächlich zu ihrer Schicht erscheinen. Auch der Chef Heinz Wuttke steht hinter der Ladentheke, gemeinsam mit seiner Frau. Spannungen wachsen. Konflikte werden nicht ausgetragen. Die Geschäfte gehen immer schlechter. Wuttke ignoriert das. Unbezahlte Rechnungen türmen sich. Frau Wuttke erträgt ihren Mann von Tag zu Tag weniger. Schleichend kippt die Stimmung in dem von außen so liebenswert altmodisch wirkenden Geschäft. Eine langjährige Kundin empfindet ihre Besuche, auf die sie sich früher immer gefreut hat, inzwischen sogar als Mutprobe. Die Mitarbeiter giften sich offen an. Nicht nur das, sie und Frau Wuttke werden auch zu den Kunden zunehmend unfreundlicher. Abschalten geht nicht mehr. Marie redet zu Hause nur noch von der Arbeit und einer Kollegin, die sie nicht leiden kann. Eines Tages liegt ein Toter vor dem Laden. Aber das ist erst der Anfang ...

"Eine trügerische Idylle. Virtuos!" (Siegessäule)

Inhaltsverzeichnis

Titelseite & Klappentext

1 September, heute

2 September, heute

3 September, fünf Jahre zuvor

4 September, fünf Jahre zuvor

5 September, heute

6 September, fünf Jahre zuvor

7 September, fünf Jahre zuvor

8 September, heute

9 Oktober, fünf Jahre zuvor

10 Oktober, heute

11 Dezember, heute

12 Dezember, heute

13 Dezember, heute

14 Dezember, vier Jahre zuvor

15 Dezember, heute

16 Dezember, heute

17 Dezember, heute

18 Dezember, heute

19 Dezember, zwei Jahre zuvor

20 Dezember, heute

21 Januar, heute

22 Januar, zwei Jahre zuvor

23 Januar, heute

24 März, heute

25 April, heute

Zur Autorin Regina Nössler

Impressum

1 September, heute

Der massige Körper sank plötzlich zu Boden, direkt vor der geöffneten Tür, und versperrte den Eingang. Ein großes, unüberwindliches Hindernis. Niemand konnte den Laden mehr betreten oder ihn verlassen.

Im Inneren des Ladens war Marie Voss damit beschäftigt, neue Ware einzusortieren. Eine verhasste Aufgabe, vor der sie sich wenn möglich drückte. Sie hatte die schwankenden Bewegungen des Mannes, sein Taumeln, schon eine ganze Weile von drinnen beobachtet und jeden Augenblick damit gerechnet, dass er sich nicht mehr lange auf den Beinen würde halten können – doch als es dann tatsächlich geschah, war sie überrascht. Dass jemand vor der Tür stürzte und nicht mehr aufstand, passte nicht zu diesem schönen, heiteren Spätsommertag, an dem die Leute auf der Straße leichte Kleidung trugen und gut gelaunt wirkten.

Marie Voss hielt die Packung mit den Bleistiften, die sie in eine Schublade der Ladentheke räumen wollte, noch in der Hand. Ihr linkes Augenlid zuckte. Nur ganz leicht, aber trotzdem aufdringlich. Sie sah nach draußen. Tat sich dort etwas? Nein. Der Körper vor der Tür rührte sich nicht. Er lag mitten im Weg. Marie Voss fühlte sich eingesperrt.

Heinz Wuttke, der Inhaber des Ladens, kam von hinten aus dem Büro.

»Was ist denn da los?«, rief er, Empörung im Blick. »Wieso liegt der denn da?«

»Ich weiß auch nicht«, antwortete Marie, »es ist gerade erst passiert.«

Heinz Wuttke ging einen Schritt näher zur geöffneten Tür, blieb aber in gebührendem Abstand zu dem Mann draußen am Boden, als müsste er sich vor ihm in Acht nehmen.

»Wahrscheinlich betrunken«, sagte er angeekelt. »Das hat man gern. Am helllichten Tag!«

Er schüttelte den Kopf, der sich innerhalb weniger Sekunden merklich gerötet hatte. Marie Voss führte es nicht auf das Wetter zurück, sondern auf den Ärger ihres Chefs über diese ungeheuerliche Störung des Alltags.

Unterdessen war Helga Wuttke, die Ehefrau des Ladeninhabers, ihrem Mann nach vorne gefolgt.

»Ist etwas passiert?«, fragte sie.

Heinz Wuttke zeigte zur Tür. »Da liegt einer.«

»Der liegt ja genau vor dem Laden!«, sagte Helga Wuttke. »Das geht doch nicht! Du musst etwas tun!«

»Und was bitteschön soll ich tun?«, fragte Heinz Wuttke.

Draußen hatte sich eine Menschenmenge aus Neugierigen gebildet. In bunter, fröhlicher Sommerkleidung bevölkerten sie den Gehweg vor dem Schaufenster. Marie sah einige bekannte Gesichter darunter: Die Kundin, die alle paar Tage in den Laden kam und sich jedes Mal beschwerte – wenn nicht über die Preise, dann über die ihrer Ansicht nach unfreundliche Bedienung, das Wetter, den Zustand der Welt oder alles zusammen. Den Mann mittleren Alters, der immer den Abfall vom Bürgersteig klaubte und den sie im Laden insgeheim den »Müllmann« nannten. Er war nicht etwa bei der Stadtreinigung angestellt, sondern er fühlte sich durch den allgegenwärtigen Schmutz belästigt, was er allzu häufig kundtat. Im Laden befanden sich außer Marie Voss und dem Ehepaar Wuttke noch zwei Kundinnen, die ihren Einkauf längst erledigt hatten und gehen wollten.

»Wie soll ich denn jetzt hier rauskommen?«, fragte eine der Kundinnen. »Können Sie mir das sagen? Ich hab doch noch so viele Termine!«

Es konnte ihr niemand sagen.

»Ausgerechnet bei uns vor dem Laden«, bemerkte Helga Wuttke und stemmte angriffslustig ihre Hände in die Hüften. »Muss das denn sein? Warum nicht ein paar Meter weiter?«

Marie Voss dachte daran, dass sie gleich, wenn ihre Kollegin endlich zurückkehrte, Mittagspause machen wollte; sie war hungrig und wartete schon die ganze Zeit. Doch dazu müsste sie nach draußen. Sich nebenan etwas zu essen kaufen. Wie aber sollte sie jetzt den Laden verlassen? Und wie sollte ihre Kollegin von draußen hineingelangen?

Wenig später traf ein Rettungswagen mit Blaulicht ein. Zwei Notärzte sprangen heraus, eilten zu dem am Boden liegenden Mann und knieten sich neben ihn. Sie betasteten Hals, Wangen, Stirn, schoben nacheinander beide Augenlider nach oben und leuchteten mit einer schmalen Lampe hinein, öffneten die obersten Hemdknöpfe, bis eine erstaunlich bleiche Brust mit spärlichem Haarwuchs und der gelbliche Rand eines ehemals weißen Unterhemds freilagen. Kein appetitlicher Anblick. Marie fragte sich, was man wohl über sie dächte, wenn sie auf der Straße zusammenbrechen würde und jemand anschließend ihren Körper halb entblößte. Einer der Ärzte setzte ein Stethoskop an und lauschte dem Inneren des Brustkorbs. Der andere hantierte mit einer Spritze herum. In stillem Einvernehmen wussten die beiden genau, was als Nächstes zu tun war und wer welche Aufgabe zu übernehmen hatte. Einer begann mit der Herzmassage. Es sah brutal aus. Gewalttätig. Als würde er dem Mann auf dem Pflaster die Rippen brechen. Im Laden schienen alle die Luft anzuhalten – Marie Voss, das Ehepaar Wuttke, die beiden Kundinnen. Der Arzt arbeitete angestrengt, bald traten ihm Schweißperlen auf die Stirn. Marie bildete sich ein, jede einzelne davon erkennen zu können. Nach einigen Minuten löste ihn sein Kollege ab und ging ebenso kraftvoll zu Werke. Die Menschenmenge vor dem kleinen Schreibwarenladen wurde immer größer.

»Mein Gott, das ist ja schrecklich«, sagte eine der Kundinnen und blickte gebannt auf die Bemühungen vor dem Laden. Sie hielt ihre Handtasche so fest gegen die Brust gepresst, als wollte sie das Entweichen des Lebens verhindern.

»Sie werden ihn doch retten, oder?«, fragte die andere Kundin.

Niemand antwortete ihr.

»Aber sie werden ihn doch retten?«, wiederholte sie. »Bei uns stirbt man doch nicht einfach so, oder?«

Marie fragte sich, was sie wohl mit »bei uns« meinte. Bei uns in Europa? In Deutschland? In Berlin? Bei uns in Zehlendorf?

»Die tun, was sie können«, murmelte Heinz Wuttke und fasste sich über seinem hellblauen Hemd an die Brust.

Heinz Wuttke trug immer hellblaue Hemden, sommers wie winters. Obwohl sie seit fünf Jahren im Laden arbeitete und der Chef in dieser langen Zeit zu einem vertrauten Anblick geworden war – vertrauter sogar noch als Judith –, fiel Marie Voss diese Tatsache erst jetzt auf. Sie fragte sich, wie viele hellblaue Hemden Heinz Wuttke besaß. Sie fragte sich, wie viele Rippen ein Mensch eigentlich hatte und wie schnell sie wohl brachen.

Heinz Wuttke hielt noch immer die rechte Hand auf der linken Brustseite, als leistete er einen Schwur oder bangte um sein eigenes Herz. Die eine Kundin drückte unverändert ihre Handtasche an sich. Die andere hatte jetzt die Hand vor den Mund gelegt und die Augen weit aufgerissen. Helga Wuttke stand mit verschränkten Armen da, eine steile Falte zwischen den Augenbrauen, die Marie schon häufig an ihr bemerkt hatte. Marie umklammerte die Bleistiftpackung in ihrer Faust, bis sie ganz feucht wurde. Alle fünf starrten nach draußen. Wenn eine der Kundinnen in diesem Moment etwas ohne zu bezahlen eingesteckt hätte, wäre es niemandem aufgefallen. Alle waren mit sich selbst beschäftigt. Mit dem Anblick, der sich ihnen an diesem schönen Spätsommertag bot, und damit, was er in ihnen auslöste. Sie sahen auf der Zehlendorfer Einkaufsstraße, direkt vor der Tür des Schreibwarenladens Wuttke, die Zerbrechlichkeit des Lebens, nur wenige Schritte von ihnen entfernt.

Die Minuten verstrichen. Marie Voss fragte sich, wie lange das gut ging. In der Brust des Mannes schlug ohne Zweifel kein Herz mehr.

Plötzlich sagte einer der Notärzte etwas zu seinem Kollegen, sehr leise, und machte eine wegwerfende Handbewegung. Diese Geste, bei der er sich wahrscheinlich gar nichts dachte, erschreckte Marie – mehr noch als alles andere. Sie war so endgültig. Derjenige, der die Brust bearbeitete, hielt mittendrin inne und zog seine Hände zurück.

Sie horchten mit dem Stethoskop. Sahen sich über dem reglosen Körper hinweg an. Ihre Mienen verhießen nichts Gutes; sogar von hier drinnen konnte Marie die Botschaft darin lesen. Sie blickten auf die Uhr, fast gleichzeitig. Schüttelten die Köpfe.

Vorbei. Es war vorbei.

Im Laden sah Marie ebenfalls auf die Uhr. Knapp zwanzig Minuten hatte alles gedauert. Die Ärzte erhoben sich und verfrachteten den Mann mit geschickten Handgriffen in den Rettungswagen – jetzt ganz ohne Eile.

Als Erster sprach Heinz Wuttke wieder.

»Tja, da war wohl nichts mehr zu machen«, sagte er. »Gestorben wird überall.«

»Ist er denn tot?«, fragte seine Frau.

»Ja sicher, was denkst du denn?«

»Und woher willst du das so genau wissen?«

»Aber Helga, das hat man doch gesehen.«

»Ach, bist du neuerdings Arzt?« Helga Wuttke verdrehte die Augen und wandte sich von ihrem Mann ab. Aus ihrem Gesicht war jede Zuneigung verschwunden.

Nachdem der Rettungswagen davongefahren war, nun ohne Blaulicht, löste sich die Menschenmenge vor dem Laden allmählich auf. Der Weg nach draußen war wieder frei, doch die Kundin, die es vorhin noch so eilig gehabt hatte, blieb.

»Das muss man ja erst einmal verdauen«, sagte sie.

»Ausgerechnet bei uns vor dem Laden!«, sagte Helga Wuttke, schien ansonsten von allem ungerührt und ging wieder nach hinten ins Büro, um dort ihre begonnene Arbeit fortzusetzen: Das Auszeichnen der neu eingetroffenen Ansichtskarten mit Preisen. Auf den Karten waren Blumensträuße, Frühlingswiesen und liebliche Landschaften abgebildet, kombiniert mit Sprüchen in der Art von: Wer Gutes tut, empfängt auch Gutes. Helga Wuttke erwähnte gern, an passender oder unpassender Stelle, dass sie diese Karten allesamt hasse und wie sehr sie es verabscheue, den »grässlichen, alten Schachteln«, wie sie sich ausdrückte, jene Sprüche laut vorlesen zu müssen, bloß »weil sie ihre Brille nicht aufsetzen«. In letzter Zeit sagte sie auch oft: »Seit vier Jahrzehnten stehe ich hinter der Ladentheke. Seit vier Jahrzehnten! Es reicht mir.«

Meistens trat Heinz Wuttke dann an sie heran und berührte sie so vorsichtig, als wäre sie eine zu schonende Kranke, die man mit äußerster Behutsamkeit behandeln musste. In solchen Momenten entzog sie sich ihm – beinahe so, als könnte sie seine Berührungen nicht ertragen und müsste sie abschütteln. Daraufhin pflegte er verlegen zu lachen und kommentierte ihr Verhalten vor Mitarbeitern und Kunden damit, dass seine Frau heute einen schlechten Tag habe.

Marie dachte daran, dass sie Judith heute Abend etwas außerordentlich Spannendes zu erzählen hätte. Judith langweilten Geschichten aus dem Laden und sie konnte ihr Desinteresse in der Regel nur schlecht verbergen. Doch heute müsste sogar sie zugeben, dass Maries Bericht alles andere als langweilig war. Der Tod, und noch dazu ein überraschender, hatte etwas prickelnd Sensationelles. Etwas wohlig Schauriges.

Maries Kollegin Odette Grabert kam von draußen in den Laden.

»Was war denn hier los?«, fragte sie und lachte. Sie sah Heinz Wuttke, Marie und die beiden Kundinnen an. »Hier war ja alles voller Menschen! Ist was passiert? Da stand ja auch ein Krankenwagen. Oder gab’s hier was umsonst?«

»Vor dem Laden ist gerade jemand gestorben«, sagte Marie.

»Was? Im Laden ist jemand gestorben?« Odette Grabert lachte erneut, diesmal übertrieben laut.

»Vor dem Laden«, stellte Marie richtig, »nicht im Laden.« Als spielte dieser Unterschied eine Rolle.

»Das konnte man ja schließlich nicht wissen, dass er krank war«, sagte Heinz Wuttke. »Und selbst wenn, man hätte ja gar nichts tun können.«

Er folgte seiner Frau in das kleine Büro im hinteren Teil des Ladens, wo sich auch die Schreibtische befanden – seiner und der seiner Frau –, die Kaffeemaschine, das Fotokopiergerät, Telefon, Fax und ein kleiner Kühlschrank.

»Und wer ist gestorben?«, fragte Odette.

Marie war erstaunt, dass Odette mit ihr sprach, denn ihre Kollegin hatte den ganzen Tag noch kein einziges Mal das Wort an sie gerichtet, nicht einmal guten Morgen zu ihr gesagt. Seit etwa zwei Wochen herrschte eisige Kälte zwischen ihnen – wieder einmal.

»Keine Ahnung, irgendein Mann«, antwortete Marie und hörte selbst, wie gereizt ihre Stimme klang. »Vielleicht kannten die Chefs ihn ja. Bist du jetzt mit deiner Pause fertig?« Sie holte endlich die Bleistifte aus der Packung und räumte sie mit penibler Sorgfalt in die Schublade der wuchtigen Ladentheke. Um den Rest der Ware, die ausgepackt und einsortiert werden musste, sollte sich gefälligst ihre Kollegin kümmern.

»Was? Ja, ja, ich bin fertig.«

Odette Grabert bedachte Marie mit keinem Blick mehr und auch mit keinem weiteren Wort, als wäre die Annäherung vorhin bloß ein Versehen gewesen, und ging nach hinten ins Büro zu den Wuttkes. Die beiden Kundinnen verließen den Laden.

»Ist das wahr?«, hörte Marie ihre Kollegin sagen. »Im Laden ist jemand gestorben? Wer denn? Wer ist denn gestorben? Kenne ich ihn?«

Vor dem Laden, dachte Marie. Nicht im Laden. In der Stimme ihrer Kollegin schwang unverkennbar die Sensationslust mit. Es bestärkte sie in der Vermutung, dass ein Bericht über ihren heutigen Arbeitstag sogar Judith nicht kalt lassen würde.

Wenn Odette doch wenigstens aufhören würde zu lachen!

Marie ging ebenfalls nach hinten, trat in den schmalen Gang neben dem Büro, der zur Toilette führte und als Garderobe und Warenlager gleichermaßen diente. Alles hier war klein. Alles war zu klein und zu eng. Zu dicht. Zu nah. Manchmal hatte Marie das Gefühl, sie kannte den Laden besser als ihre eigene Wohnung, so vertraut war er ihr. Warum wurde man hier eigentlich nicht verrückt? Oder war sie es schon längst, verrückt geworden, und bemerkte es bloß nicht? Sie nahm ihre Tasche von der Garderobe und warf einen Blick ins Büro. Heinz Wuttke saß wieder an seinem Platz. Helga Wuttke und Odette Grabert standen voreinander, in ein Gespräch vertieft, die hässlichen Kaffeebecher, aus denen im Laden getrunken wurde, auf dem Kopiergerät.

»Ich mache jetzt Pause«, rief Marie ihnen zu.

Niemand reagierte. Niemand beachtete sie. Helga Wuttke und Odette Grabert unterhielten sich über den Tod vor dem Laden, Heinz Wuttke widmete sich seiner Rechenmaschine und seinen Zahlenkolonnen.

Na, dann nicht, dachte Marie. Sie werden schon merken, dass ich nicht mehr da bin. Spätestens dann, wenn Kunden hereinkamen und lautstark danach verlangten, bedient zu werden: Hallo! Hallo, ist denn hier keiner? Unverschämtheit!

Marie trat nach draußen in den gleißenden Sonnenschein, Odettes unpassendes Gelächter noch im Ohr. Ein wirklich schöner, sommerlicher Tag, mit dem dieses Jahr niemand mehr gerechnet hätte. Alle hatten sich bereits mit dem nahenden Herbst abgefunden. Ein so schöner Tag sollte nicht mit Arbeit im Laden verschwendet werden. Oder mit Sterben. Schon seit dem frühen Morgen zuckte Maries linkes Augenlid nervös. Wahrscheinlich würde sie dieses lästige Zucken den ganzen Tag nicht mehr los. Spürte sie es nur, sie ganz allein, oder konnten alle anderen es sehen? Auf dem Pflaster direkt hinter der Ladentür, dort, wo vor wenigen Minuten der Mann gestorben war, lag ein zusammengeknüllter Latexhandschuh, den die Notärzte vergessen hatten.

Mit dem Schreibwarenladen Wuttke stimmte etwas nicht. Und das schon seit längerer Zeit.

2 September, heute

Der Laden war klein, dunkel und stickig. Eine Gruft. Zwei schwere Holztheken standen im rechten Winkel zueinander und beherrschten den Verkaufsraum. Hinter ihnen ragten hohe Regale bis zur Decke empor. Es roch immer gleich – nach Staub und nach Alter. Einen Laden wie diesen gab es fast nirgendwo mehr. Nach und nach waren sie aus dem Stadtbild verschwunden, die kleinen Geschäfte, die Haushalts-, Kurz- und Eisenwaren verkauften und in denen man noch jedes Schräubchen einzeln erwerben konnte; sie hatten kurzlebigen Billigmärkten Platz gemacht. Nur Wuttke, Fachgeschäft für Büroartikel und Schreibwaren, hatte sich tapfer und den schlechten Zeiten zum Trotz bis heute in Berlin-Zehlendorf gehalten.

Odette Grabert war hungrig wie ein Wolf – das war sie nahezu ständig – und fühlte sich betrogen. Bei der Verteilung der Arbeitsschichten für die kommenden Wochen war sie übergangen worden, und das nicht zum ersten Mal. Die anderen hatten sich vor ihr im Plan eingetragen. Die Kollegentreffen waren kürzlich abgeschafft worden, nachdem beim letzten Mal ein Streit eskaliert war. Seitdem trug sich jeder, wie er wollte, in den neuen Plan ein und sie hatte fast immer das Nachsehen, weil ihr alle zuvorkamen und Odette nur der schäbige Rest blieb. Ihre Kollegen scherten sich einen Dreck um sie und ihre besonderen Lebensumstände als alleinerziehende Mutter und nicht mehr ganz junge Studentin. »Du bist ja eigentlich eher im Alter, in dem man habilitiert«, hatte Oliver neulich belustigt gesagt. Eigentlich bist du auch darüber hinaus, hatte er gedacht. Sie hatte es seinem Blick deutlich angesehen. Ihre Kollegen lachten hinter ihrem Rücken über sie und nahmen sich, was sie wollten. Odette konnte sich auf niemanden verlassen.

Sie saß im Büro des Schreibwarenladens Wuttke auf dem Stuhl des Chefs, hatte soeben das Gespräch mit ihrem Sohn Elias beendet, der unverkennbar tief in dem Sumpf namens Pubertät steckte, und hielt den Hörer des Telefons noch in der Hand. Ein beigefarbenes Modell, Relikt aus den achtziger Jahren.

Odette liebte Frankreich und alles Französische abgöttisch. Eigentlich hieß sie nicht Odette, sondern Ute, was jedoch keiner im Laden wusste und auch niemanden etwas anging. Seit sieben Jahren arbeitete sie im Schreibwarenladen. Sieben Jahre. Viel zu lange. Oder war es gar noch länger? Das beigefarbene, klobige Telefon mit dem schweren Hörer hatte schon damals im Büro gestanden.

Der Hörer war am oberen Ende von einem schmierigen Fettfilm überzogen. Als Odette es bemerkte, packte sie der Ekel. Aber sie würde den Teufel tun und in diesem heruntergekommenen Laden auch noch das widerwärtige Telefon putzen. Sie putzte ohnehin schon den ganzen Tag, ohne dass es jemand zur Kenntnis nahm – geschweige denn ihr Anerkennung schenkte. Die Putzerei war ein undankbares Geschäft. Einmal gesäubert, starrte im nächsten Moment alles wieder vor Dreck. Es war so, als zöge die kleine Klitsche magnetisch den Schmutz an. Für ihre Kollegen und auch für das Chef-Ehepaar war Odette Grabert die Putzmamsell, auf der man nach Belieben herumtrampeln konnte. Sie war es lange genug gewesen.

Der Mensch ist allein, dachte sie voll Bitterkeit. Der Mensch ist allein und er ist nicht zu retten. Sie drehte sich auf dem leise quietschenden Chefstuhl herum. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott – hieß es nicht so?

Wenigstens waren die Chefs jetzt nicht da. Wie an jedem Donnerstagnachmittag. Die Chefs. Was für ein albernes Wort. Odette musste plötzlich darüber lachen. Ihre Kollegen gebrauchten es tagtäglich mit großer Selbstverständlichkeit. »Das musst du mal den Chef fragen.« – »Der Chef hat neue Arbeitspläne gemacht.« – »Den Kaffee hat die Chefin spendiert.« Nur Odette brachte das Wort nicht über die Lippen. Sie weigerte sich beharrlich, Heinz und Helga Wuttke, diese lächerlichen Figuren, Chef und Chefin zu nennen.

Odettes Lachen war gehässig, voller Verachtung. »Die Chefs«, stieß sie hervor, ein krächzender Laut, der aus ihrer Kehle drang, ganz fremd, als stammte er von einer Krähe und nicht von ihr, und noch einmal: »Die Chefs.« Ein Spucketropfen wurde dabei aus ihrem Mund katapultiert und landete auf dem Rücken des Ordners mit der Aufschrift Rechnungen. Die kleinen, armseligen Chefs. Nichts Großes, nichts Erhabenes würden sie in ihren Krämerseelen je empfinden, denn dazu waren sie gar nicht fähig.

Ihre eigene Stimme erschreckte Odette. Ob ihre Kollegin Marie, die vorne im Laden stand, sie wohl gehört hatte und nun für übergeschnappt hielt? Und wenn schon. Ihr war gleichgültig, was Marie von ihr dachte. In letzter Zeit geschah es immer häufiger, dass Odette mit sich selbst sprach. Es beunruhigte sie. Zwar noch nicht übermäßig, aber doch so, dass sie neuerdings darauf zu achten begann, ob sie es schon wieder tat.

Sie beschloss, sich nebenan im Feinkostgeschäft Butter Lindner etwas zu essen zu kaufen. Eine Bulette. Jetzt sofort. Eine kalte Bulette mit viel Senf, dessen Schärfe all die ekelhaften, scheußlichen Gefühle, die ihr im Magen hockten, wegätzen würde. Nicht einmal ihr Sohn Elias achtete sie. Schon seit einer ganzen Zeit konnte sie seinen zunehmend respektlosen Bemerkungen nichts mehr entgegensetzen. Vorhin hatte er, wie so oft, einfach aufgelegt, ohne sich zu verabschieden. Odettes letzte Anweisung – sie betraf seine Hausaufgaben – war ins Leere gesprochen worden. Er hatte sie nicht mehr gehört.

Odette Grabert musste etwas essen, jetzt sofort. Doch dazu war es nötig, den Laden zu durchqueren – und vorne im Verkaufsraum stand Marie. Sie wollte Marie nicht begegnen. Sie wollte nicht das Wort an sie richten oder von ihr angesprochen werden. Sie wollte nicht an ihr vorbeigehen. Marie Voss sollte sich am besten in Luft auflösen. Im abgetretenen braunen Linoleumbelag des Fußbodens verschwinden. In den Keller hinabsteigen und für immer dort unten bleiben. Marie Voss war eine der schlimmsten Kolleginnen – wenn nicht die allerschlimmste. Sie tat mit allen schön und verschaffte sich gleichzeitig mit großer Zielstrebigkeit eigene Vorteile. Sie putzte nie und wusste alles besser. Sie war so unerträglich besserwisserisch, dass Odette ihr schon oft am liebsten an die Gurgel gegangen wäre. Als Marie vor einigen Jahren im Laden angefangen hatte, hatte Odette sich ein wenig um sie gekümmert. Marie war die Neue gewesen und Zuwendung konnte einer Neuen nur guttun, wenn sich ihrer sonst niemand annahm. Damals hatte Odette gedacht, sie könnten Freundinnen werden.

Hatte Marie es ihr jemals gedankt? Auf Odettes wiederholte Einladungen, sie zu Hause zu besuchen, war sie nie eingegangen. Eines Sommers nach der Arbeit, sie hatten zusammen in der Wannsee-S-Bahn gesessen, hatte Odette sie ein allerletztes Mal gefragt und sich dabei wie eine Bittstellerin gefühlt. Wann war das gewesen? Im vergangenen Sommer? In dem Sommer davor? Oder war es noch länger her? Nach einem wider Erwarten angenehmen, sogar heiteren Arbeitstag hatte sie Marie ein Glas Sekt auf ihrem sonnigen, mit prächtigen Blumen geschmückten Balkon angeboten. Für solche Fälle lag in Odettes Kühlschrank stets eine Flasche Sekt bereit.

Marie hatte die Einladung ausgeschlagen. Hatte es bedauert – wie verlogen von ihr – und vorgetäuscht, keine Zeit zu haben.

Was hat sie denn wohl so Dringendes zu tun?, hatte Odette sich gefragt. Zu Hause wartete bestimmt niemand auf sie.

Seitdem verzichtete Odette darauf, Einladungen wie diese auszusprechen. Noch heute trieb es ihr Tränen der Demütigung in die Augen, wenn sie daran zurückdachte. Wenn sie sich an Maries Blick in der S-Bahn erinnerte. Angewidert war er gewesen. Kalt. Ohne den leisesten Hauch Zuneigung. Tränen der Demütigung waren die schlimmsten, bittersten Tränen, denn man verachtete weniger die Person, die einem das antat, sondern vor allem sich selbst.

Vorne im Verkaufsraum herrschte Totenstille. Offenbar war kein Kunde im Laden. Von ihrer Kollegin hörte Odette auch keinen Laut. Ihre Anwesenheit spürte sie trotzdem, wie einen penetranten Geruch, einen störenden Ton, der nicht auszublenden war. Eine schlechte Schwingung, die Bösartigkeit ausstrahlte. Lauter kleine, unsichtbare Bösartigkeitspartikel schwirrten in der Luft herum. Odette nahm ein Heftgerät vom Schreibtisch und wog es in der Hand. Sie konnte diese Dinger nicht leiden. Dem ganzen Bürokram konnte sie nichts abgewinnen. Sie klappte es auseinander und blickte ohne Interesse in das Magazin, in dem sich die Heftklammern befanden. Heinz Wuttke behauptete immer, man müsse diese Geräte mit einer gewissen Vorsicht behandeln. Dürfe niemals ohne Papier heften. Das tat Odette nun. Sie heftete ohne Papier. Einmal, zweimal, dreimal. Passierte doch gar nichts. Wenigstens ein Geräusch in der Öde und Stille des Tages. Dann kramte sie, vom Hunger getrieben, ein verschrumpeltes Butterbrot aus ihrer Tasche. Elias’ Pausenbrot, das er heute Morgen vergessen hatte, wahrscheinlich, um sie zu bestrafen. Gierig biss sie hinein. Alte Salami zwischen trockenen Brotscheiben konnte sich nicht mit der ersehnten Bulette messen, aber der Weg zum Feinkostgeschäft Butter Lindner war durch Marie versperrt.

Odette blickte vor sich auf den Schreibtisch. Die Rechenmaschine des Chefs. Das Kassenbuch. Die grüne Schreibtischunterlage. Neulich, erst vor wenigen Tagen, war vor dem Laden sogar jemand gestorben. Auch diese Erinnerung ließ sie unbeherrscht loslachen, wenngleich sie natürlich wusste, dass am Tod nichts Komisches war. Aber sie konnte einfach nichts gegen das Lachen tun. Gestorben. Ausgerechnet vor dem Schreibwarenladen Wuttke! Wie trostlos.

Odette musste hier raus. Bald. Sie musste endlich ihr Studium zu Ende bringen. Finanzielle Absicherung, die nachts beruhigt schlafen ließ, Fortzahlung des Lohns auch im Krankheitsfall, davon träumte sie bei Tag und bei Nacht. Im Schreibwarenladen Wuttke war es üblich, auch krank zur Arbeit zu erscheinen, mit Erkältungen, Ischiasschmerzen, Mandelentzündungen, fiebriger Sinusitis – denn sonst winkte am Ende des Tages kein Lohn. Bei Wuttke arbeiteten ausschließlich Studenten; das sparte Heinz Wuttke enorme Kosten. Schon oft hatte Odette Grabert ihre Stimme gegen die Ausbeutung erheben wollen. Und was immer sie von Gerlinde Meisner auch hielt, eins musste sie ihr lassen: Sie war die Einzige gewesen, die den Mund aufgemacht und gesagt hatte, wenn ihr etwas nicht passte. Aber Gerlinde war jetzt Odettes Exkollegin. Sie hatte vor einem halben Jahr bei Wuttke aufgehört. Glückliche Gerlinde. Sie hatte wohl etwas Besseres gefunden. Konkret hatte sie sich dazu nicht geäußert, obwohl Odette mehrfach nachgefragt hatte – auch mit dem Hintergedanken, sich selbst zu verändern. Ganz sicher hatte Gerlinde etwas Besseres gefunden. Es gab ja solche Menschen. Menschen, die überall beliebt waren. Die mit dem Leben zurechtkamen. Gerlinde gehörte in diese Kategorie, Odette nicht. Menschen, die immer auf die Füße fielen und alles erreichten, was sie sich vornahmen. Die sich aus unliebsamen Situationen einfach befreiten – wohingegen andere, wie sie selbst, Gefangene blieben.

Eines Tages, das schwor sie sich, würde sie Heinz Wuttke, dem Chef, sagen, was sie von ihm hielt. Und nicht nur ihm. Ausnahmslos allen würde sie ihre Meinung ins Gesicht sagen.

Gregor war eine Ausnahme gewesen. Wieso dachte sie jetzt an Gregor? Seine Zeit lag schon lange zurück. Inzwischen hatten ihn alle vergessen. Was für eine grausame Welt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Niemand sprach mehr über ihn, obwohl er zehn Jahre im Laden gearbeitet hatte. Nur Odette Grabert dachte manchmal an Gregor und sie war die Einzige, die ihn vermisste. Zumindest hin und wieder. Gregor war eine einsame Seele gewesen wie sie selbst und vielleicht hätte damals ein Liebespaar aus ihnen werden können. Zumindest hatte Odette mit dem Gedanken gespielt. Hin und wieder. Doch dann hatte sie ihn jedes Mal als zu abstoßend empfunden mit seinen uralten, verwaschenen Sweatshirts, aus denen jede Farbe gewichen war, und den ungepflegten großen Pranken. Ein leicht säuerlicher Geruch nach Alkohol und sonstigen Ausdünstungen hatte ihn meistens umgeben und den ganzen Laden erfüllt. Darüber hinaus war Sex schon seit langer Zeit kein Bestandteil mehr ihres Lebens. Odette errötete, wenn sie nur daran dachte. Wenn ihr einfiel, wie sie Elias neulich beim Onanieren in der Badewanne ertappt hatte. Allein dieses Wort mit dem scharfen »S« konnte sie nicht aussprechen, ohne dass sich alles in ihr sträubte.

Gregor hatte den Schreibwarenladen von heute auf morgen verlassen. Eines Morgens war er nicht zu seiner Schicht erschienen, hatte niemandem Bescheid gesagt und nicht angerufen. Er war nie wieder aufgetaucht. In der Woche seines Verschwindens nicht und auch nicht in den Wochen und Monaten danach. Gregor war unauffindbar, niemand wusste etwas über ihn. Odette war sogar eines Abends nach Neukölln gefahren, wo er wohnte. Sie war in seine Straße gegangen, bis zu seinem Haus, aber sicherheitshalber auf der gegenüberliegenden Seite des Bürgersteigs stehen geblieben, weil der Mut sie plötzlich verlassen hatte. Wenn er gerade jetzt aus dem Haus käme? Sie blickte zu den erleuchteten Fenstern hoch. Doch er wohnte im Seitenflügel, Parterre, das hatte er ihr erzählt, und so war es nicht möglich zu erkennen, ob er daheim war. Vielleicht lebte er ja auch gar nicht mehr in Berlin? Sie sah nicht nach, ob sein Name noch auf dem Klingelbrett stand. Sie näherte sich nicht einmal seiner Haustür, sondern blieb auf der gegenüberliegenden Seite, verharrte dort einige Minuten – bis sie wieder kehrtmachte und zurück zur U-Bahn ging. Sie hatte genug zu tun, musste ein Kind versorgen. Das Studium. Die Arbeit. Sie hatte keine Zeit, sich um Gregor zu kümmern.

Seitdem war sein Name tabu. Wenn Odette Gregor erwähnte – die Einzige, die es manchmal tat –, wurde es mit Schweigen quittiert. Gregor gab es nicht mehr.

Als Odette Grabert sieben Jahre zuvor bei Wuttke begonnen hatte, hatte sie sich ein reges soziales Leben ausgemalt. Viele neue Kollegen. Nette Menschen. Gleichgesinnte. Feingeister wie sie selbst. Sie hatte es gar nicht erwarten können, sie kennenzulernen. Wie dumm sie doch gewesen war! An die Stelle der anfänglichen Freude war bald Ernüchterung getreten und danach ein anderes, wohlvertrautes Gefühl: das Gefühl, eine Außenseiterin zu sein. Ihr ganzes Leben hatte sie es mit sich herumgeschleppt. In jeder einzelnen unerfreulichen Phase des menschlichen Daseins war es präsent gewesen – und nun auch hier. Es war nicht schwer gewesen herauszufinden, dass keiner der Kollegen ihr wirklich zugetan war. Mehr noch, Odette war inzwischen davon überzeugt, dass im Schreibwarenladen Wuttke ein Komplott gegen sie im Gange war. Die anderen tuschelten oft miteinander und brachen dann mitten im Satz ab, wenn sie hinzukam. Die anderen trafen sich abends nach Ladenschluss, was ihr dank ihres feinen Gehörs und ihrer vortrefflichen Kombinationsgabe nicht entging. Doch niemand verabredete sich mit ihr.

Odette hasste sie alle. Sie war ein einziger Klumpen Hass. Sie hasste das Ehepaar Wuttke. Die unverschämten Kunden. Die ganz besonders. Und nicht zu vergessen: ihre Kollegen. Marie. Vera. Bertram. Oliver. Einer schlimmer als die andere. Bertram ging ja vielleicht noch. Als Kollege. Nein, das stimmte nicht. Denn steckte hinter seiner vermeintlichen Sanftheit nicht bloß eiskalter Egoismus? Wie oft war Odette schon für ihn eingesprungen, wenn er einen wichtigen Termin hatte. Und hatte er es ihr jemals gedankt? Andererseits war er Oliver, Marie, Vera oder Frau Wuttke auf jeden Fall vorzuziehen.

Die Zeit kroch dahin. Die elende Zeit. Warum verging sie im Laden so langsam? Es war noch nicht einmal ein Uhr mittags. Noch über fünf Stunden bis zum Ladenschluss. Odette liebte Wärme, mehr als alles andere, aber auch die plötzliche und ungewöhnliche Hitze des Spätsommers, die sie inständig herbeigesehnt hatte, vermochte sie an diesem Donnerstag nicht zu trösten. So konnte nur ein Tag im Schreibwarenladen Wuttke sein. Grau und ohne Hoffnung, trotz des Sonnenscheins. Das vergessene Pausenbrot ihres Sohnes reichte bei Weitem nicht aus, um die gigantische Lücke zu füllen, diesen unersättlichen, gierigen Schlund in ihr. Was Elias wohl aß, nachdem er sein Brot vergessen hatte? Irgendetwas Ungesundes, wofür sein Taschengeld draufgehen würde. Da Heinz und Helga Wuttke nicht anwesend waren, würde Odette sich jetzt eigenmächtig eine zweite Mittagspause genehmigen. Was sollte Marie schon dagegen tun? Etwas Besserwisserisches sagen? Sie festhalten? Bei dieser Vorstellung musste Odette wieder lachen.

Sie würde Marie vorne im Laden einfach nicht beachten, sondern so tun, als wäre sie gar nicht da. Sie würde jetzt aufstehen und dann wortlos an ihr vorbeigehen. Sie nicht einmal ansehen.

3 September, fünf Jahre zuvor

Marie Voss’ Füße taten höllisch weh. Acht Stunden am Stück hatte sie gestanden. Und ihre Schuhe waren viel zu eng. Darüber hatte sie vorher gar nicht nachgedacht und vorgewarnt hatte sie auch niemand. Am Morgen, bevor sie losgefahren war, schien gutes Aussehen das Einzige von Bedeutung und zu gutem Aussehen gehörten ihrer Meinung nach elegante, schmale Schuhe.

Sie war langes Stehen nicht gewohnt – und dann gleich acht Stunden. Manchmal war sie hin- und hergegangen, von einem Kunden zur Kasse, vom Verkaufsraum zu der kleinen Toilette, ins Büro zur Kaffeemaschine. Zum Kaffeetrinken war sie an diesem ersten Tag jedoch kaum gekommen, auch nicht dazu, sich hinzusetzen. Im Laden gab es fast nirgendwo eine Gelegenheit zum Sitzen, was den anderen erstaunlicherweise nicht das Geringste auszumachen schien.

Marie Voss schwirrte der Kopf. Sie wollte sich Mühe geben. Sie hatte sich vorgenommen, einen guten Eindruck zu machen und schon am ersten Tag unentbehrlich zu erscheinen. Wie machte man sich unentbehrlich? Marie brauchte diesen Job dringend. Ein Ende ihres Studiums war noch nicht abzusehen und ihre Eltern hatten ihr den Geldhahn zugedreht. Nicht von heute auf morgen, sondern mit Ankündigung, aber Marie hatte dieses bevorstehende existenzielle Problem einfach beiseitegeschoben – so lange, bis es schließlich nicht mehr zu verdrängen war.

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