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Ein Wanderurlaub auf der kanarischen Insel La Palma gerät außer Kontrolle. Sie reisen aus Berlin, dem Münsterland, Bayern und Niedersachsen an. Für die schönste Zeit des Jahres haben sie einen Wanderurlaub gebucht und begegnen sich das erste Mal im Hotel. Die Probleme reisen mit. Die Singlefrau bleibt weiterhin einsam, Paare streiten sich, darunter ein Frauenpaar, das sich nicht als Paar outet, Rebecca und Eva. Eva hatte keine Lust auf Wanderurlaub. Auch die Sorgen im Berufsleben lassen sich nicht ausblenden. Alle verbindet eins, ohne dass sie es wissen, denn über Berufliches soll in solchen Gruppen nicht gesprochen werden: die Angst vor Jobverlust, vor sozialem Abstieg. Rebecca und ein Mann aus der Gruppe sind sich bereits vorher begegnet, in einer den Mann blamierenden Situation. Unterschwellige Feindschaften entstehen. Die Wanderungen führen durch die berauschend schöne Natur der Insel, die als Wanderparadies gilt. Kiefern- und Lorbeerwälder, eine aufregende Vulkanlandschaft und die imposante Caldera, ein von Flüssen durchzogener bewaldeter riesiger Kessel. Doch das Wanderparadies birgt Gefahren. Steile Schluchten, Abgründe, plötzliche Wetterwechsel und Nebelbänke lauern auf die Wanderer. Immer wieder einmal sind Menschen in der Caldera verschollen. Der Wanderführer geht viel zu schnell. Die Stimmung in der Gruppe ist nicht gut. Auch die Natur zeigt sich von ihrer gefährlichsten Seite. Doch die eigentliche Gefahr lauert nicht in der Natur.
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Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2013
Regina Nössler Wanderurlaub Thriller
konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Zum Buch
Zur Autorin
Die Früchte der Opuntien
Donnerstag. Park am Gleisdreieck
Donnerstag. Ein Bild von Edward Hopper
Freitag. Gesunkenes Kulturgut
Freitag. Gespenster
Samstag. Mit Kopf
Sonntag. Hungrige Eidechsen
Montag. Ekelhafte Einsamkeit
Montag. Einfach verschwinden
Montag. Menschen mit Niveau
Montag. Am Swimmingpool
Montag. Noch ein Glas Rosé
Dienstag. Trittsicherheit
Dienstag. Jemand, der klassische Musik hört
Dienstag. Postkarte für Mutter
Mittwoch. Die Ersten werden die Letzten sein
Mittwoch. Präsentation ohne Publikum
Mittwoch. Orangenbäume
Donnerstag. Drachenbäume
Donnerstag. Niemals das Gesicht
Donnerstag. Da waren es nur noch zwölf
Donnerstag. Wir haben schließlich dafür bezahlt
Freitag. Das Cabinet der Carina
Freitag. Im Nebelwald
Freitag. Ohne die Weite des Blicks kann ich nicht leben
Freitag. Podenco Canario
Samstag. Unerwartete Freiheit
Samstag. Jemand, der die Natur liebt
Montag. Willkommen an Bord
Impressum
Sie haben einen Wanderurlaub gebucht, reisen aus Berlin, dem Münsterland, Bayern und Niedersachsen an und begegnen sich das erste Mal im Hotel. Ehepaare, ein Frauenpaar, eine von beiden wollte nicht wandern, Singles. Auch die Probleme reisen mit, Paare streiten sich, eine Singlefrau bleibt weiterhin einsam. Die Wanderungen führen durch die berauschend schöne Natur der Insel, Kiefern- und Lorbeerwälder, eine aufregende Vulkanlandschaft und die imposante Caldera, ein von Flüssen durchzogener bewaldeter riesiger Kessel. Doch das Wanderparadies birgt Gefahren. Steile Schluchten, Abgründe, plötzliche Wetterwechsel, Nebelbänke. Immer wieder einmal sind Menschen in der Caldera verschollen. Der Wanderführer geht viel zu schnell. Die Stimmung innerhalb der Gruppe wird von Tag zu Tag schlechter. Alle verbindet eins, ohne dass sie es wissen: die Angst vor Jobverlust, vor sozialem Abstieg. Unterschwellige Feindschaften entstehen. Auch die Natur zeigt sich von ihrer gefährlichen Seite. Doch die eigentliche Gefahr lauert nicht in der Natur.
Regina Nössler, geboren 1964, aufgewachsen in Herten, Studium der Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum, lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin. Sie veröffentlichte Romane und Erzählungen. Dieses ist ihr dreizehntes Buch. In Zusammenarbeit mit der Autorin Karen-Susan Fessel schrieb sie auch eine Folge der bekannten Jugendkrimiserie Die drei Fragezeichen. Mitherausgeberin der konkursbuch-Ausgaben Blut, Haare, Haut, Schreiben, Angst. Kriminalliteratur at its best … Fein und unaufdringlich erzählt. Kathrin Fischer im HR zu ihrem zuletzt erschienenen Thriller Auf engstem Raum
Ein großartiger Thriller, der ansteckende Angst verbreitet und kaum aus der Hand zu legen ist. SIEGESSÄULE zu ihrem Thriller Kleiner toter Vogel
Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Es ist so heiß. Ich habe meine Mütze verloren, und nun fühlt es sich so an, als würde die Sonne mein Gehirn frittieren. Wie diese kleinen Schnecken, die im Meer an den Felsen kleben, Lapas, und zusammen mit Knoblauch in einer Pfanne mit siedendem Öl serviert werden.
Die Luft ist erfüllt von dem Geruch überreifer Früchte, süß, üppig, schwer, leicht vergoren, mir wird davon fast schwindelig. Die Luft macht betrunken. Ich stecke in einer gigantischen Schüssel mit Bowle, die nicht nur mit Obst und billigem Sekt, sondern auch mit Schnaps angefüllt ist. Die Natur verschwendet sich. Als hätte sie zu viel von allem. Als gäbe es das immer, diesen Überfluss, als wäre es die pure Lust, all das zu produzieren, als ginge es ewig so weiter und das Leben würde niemals enden.
Hier müssen auch Gärten sein, obwohl wir lange Zeit an keinem vorbeigekommen sind und das Gelände sehr steil ist. Doch von irgendwoher muss dieser Geruch kommen, es können nicht allein die reifen Kaktusfeigen ringsherum sein. Sie sind so prall, dass sie allein durch ihr Gewicht vom Kaktus fallen, manchmal kann ich sogar das Geräusch hören, wenn sie auf den Boden plumpsen. Hier müssen Menschen sein. Es gibt doch gar keinen Ort ohne Menschen. Auch wenn hier nur 85.000 Einwohner leben. Auf der ganzen Insel nur 85.000 Bewohner – die Touristen nicht mitgezählt –, das muss man sich mal vorstellen. Das entspricht der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und die mir immer zu eng war. Zu provinziell. In dieser viel zu kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin, würde inzwischen längst irgendwo jemand stehen, hinter dem Gartenzaun, hinter den Gardinen, um zu gucken, wer da herumlungert. Hier ist das nicht der Fall. Oder es haben sich alle vor mir versteckt, sie sind da, aber ich kann sie nicht sehen.
Es muss an der Brechung in der Luft oder irgendeinem anderen physikalischen Zeug liegen, dass nichts von den anderen zu hören ist. Oder sind sie inzwischen schon kilometerweit von mir entfernt? Sind sie einfach ohne mich zurückgefahren und haben mich vergessen?
Es ist unheimlich still, abgesehen vom Geräusch der herunterfallenden Kaktusfeigen. Nicht mal ein Vogel ist zu hören – wahrscheinlich ist ihnen zum Singen zu heiß. Meine Füße sind auch heiß. Heiß und geschwollen. Meine Füße fühlen sich so geschwollen an, als würden sie gleich aus den Bergschuhen platzen. Vielleicht sitzen die Vögel gut verborgen in den Drachenbäumen und schlafen ihren Rausch aus, weil sie den ganzen Tag von den vergorenen Früchten gefressen haben. Es gibt hier eine bestimmte Sorte Krähen mit rotem Schnabel, die nur auf La Palma vorkommt, Buchfinken, die sich auch von unseren unterscheiden, und eine eigene Blaumeisenart. Blaumeisen mag ich. Ich stelle mir betrunkene kanarische Blaumeisen in den Zweigen der Drachenbäume vor.
Es ist so heiß. Zu Hause hat frühzeitig der Herbst eingesetzt, das habe ich gestern Abend in den Fernsehnachrichten gesehen. Deutsches Programm auch hier. Stürme, überraschend einsetzende Kälte und Regen. Deutschland. In ein paar Tagen bin ich wieder zu Hause. Das weiß ich zwar, im Hotelzimmer liegt ja das Flugticket eingeschlossen im Safe, aber gleichzeitig kommen mir Zweifel.
Ich bin durstig. Meine Wasserflasche ist aufgebraucht. Oder doch nicht? Rucksack absetzen, eine Wohltat, seine Last einen Moment nicht tragen zu müssen, und nachsehen. Ausgerechnet heute habe ich nur eine kleine Flasche mitgenommen. Ich ziehe sie aus dem Rucksack, sie ist leer, bis auf einen letzten Rest. Ich öffne die Flasche und trinke den Rest. Es ist nicht mehr als ein winziger Schluck, gerade mal genug, um den Mund zu befeuchten, und durch das Gehen in der Sonne warm wie Teewasser. Ich habe ein kleines Messer dabei und könnte damit eine Kaktusfeige zerteilen. Das würde den schlimmsten Durst löschen. Aber auf ihnen sitzen unzählige winzige Stacheln mit Widerhaken, und ich bräuchte Handschuhe, um sie zu schälen.
Wo sind denn die anderen nur, und warum warten sie nicht auf mich? Ich muss an den Bericht über einen Wanderer denken, der fünfzehn Stunden umherirrte. Fünfzehn Stunden! Er war in den österreichischen Alpen unterwegs und hatte den Anschluss an seine Gruppe verloren; die Gründe hierfür blieben unklar, ebenso, weshalb ihn eigentlich niemand vermisste. Da er weder Mobiltelefon noch Geld dabei hatte, war er gezwungen gewesen, sechzig Kilometer zu Fuß zu seiner Unterkunft zurückzulegen. Sechzig Kilometer! Fünfzehn Stunden! Würde ich das überhaupt schaffen?
Über den Verlust meiner Mütze könnte ich Tränen vergießen. Eine Eidechse sitzt auf einer zu Boden gefallenen und aufgeplatzten Kaktusfeige. Sie hockt mit allen vier Füßen mitten in ihrem roten, süßen, klebrigen Essen, wie im Schlaraffenland. Vor lauter Gier stört sie sich nicht an mir, was mich froh macht. Ein lebendes Wesen. Endlich ein lebendes Wesen. Hallo! Jetzt halte ich schon Zwiesprache mit Eidechsen. Ich habe die Orientierung verloren. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo ich bin. Eigentlich habe ich einen guten Orientierungssinn, und der Weg ist doch ganz einfach. Vielleicht hat die sengende Sonne meinen Orientierungssinn eintrocknen lassen. Und mit ihm meinen Verstand. Vielleicht sollte ich doch eine dieser verlockenden Früchte klein schneiden, den Stacheln zum Trotz. Ich bin so durstig.
Ich höre ein Geräusch und bleibe stehen. Es stammt eindeutig nicht von einer herabgefallenen Kaktusfeige, einer Blaumeise oder einer Eidechse. Auch nicht vom Meer. Plötzlich spüre ich, dass ich nicht mehr allein bin. Ich sehe es nicht, aber trotzdem weiß ich es. Als würde eine Wolke, die aus dem Nichts gekommen ist, die Sonne verdunkeln. Endlich hat jemand bemerkt, dass ich fehle. Doch warum bin ich darüber nicht erleichtert?
Als ich wieder zu der aufgeplatzten Kaktusfeige auf dem Boden sehe, ist die Eidechse verschwunden. Etwas muss sie vertrieben haben, und plötzlich weiß ich auch, was.
Hartmann war froh, dass er Berlin endlich verließ. Er hatte diese Stadt noch nie gemocht und verstand beim besten Willen nicht, wie man ihr etwas abgewinnen konnte und was die ganzen Touristen hier suchten. Sie war schmutzig. Roh. Grobschlächtig. Sie war viel zu groß, als hätte man sie an allen Ecken mit riesigen Händen gepackt und dann künstlich auseinandergezogen.
Hinter ihm lag ein vergeudeter Tag ohne Resultat. Hartmann hatte nichts in Berlin erreicht, obwohl seine Chefin ihm eingeschärft hatte, wie wichtig der Markt hier sei und insbesondere die Firma, die er gestern aufgesucht hatte. Mit dieser Stimme, die er an seiner Chefin nicht leiden konnte: nach außen sanft, fast wie eine Mutter oder wie eine verdammte Therapeutin, in Wirklichkeit aber grausam, hart, unerbittlich. Ein vergeudeter Tag, an dem er sich zum Idioten gemacht hatte, lag hinter ihm. Er hätte sich die Reise auch schenken können. Zu Hause in seiner Firma würden sie ihm demnächst wahrscheinlich mitteilen, dass der Vertrieb wohl doch nicht das Richtige für ihn sei. Und dann? Man würde ihn von den Kunden abziehen. Und bald darauf würde man ihm den Wechsel nahe legen, so hieß das. Die Kollegen würden schon mit sabbernden Mäulern Schlange stehen. Verfluchte Aasgeier. Das war es, was ihm unweigerlich blühte, wenn er realistisch war. Hartmann erreichte seine Zielvorgaben nicht. Versager, Versager, Versager, hämmerte es in seinem Kopf. Die Präsentation in Berlin war nicht die erste, die er in den Sand gesetzt hatte. Seine Kollegen tuschelten hinter seinem Rücken über ihn, er konnte es ihnen ansehen, ihre Blicke verrieten es. Er konnte es selbst dann hören, wenn sie nichts sagten.
Eine undurchdringliche Wolkendecke hing über der Stadt, die Stadt war grau, als hätte man alle Farben gelöscht. Hartmann fühlte sich aus der Welt gefallen, so sehr, dass es ihn fast überraschte, wirklich hier auf diesem Platz im Zug zu sitzen, den Tisch unter seinen Händen zu spüren. Nicht, dass es irgendjemanden interessierte, ob er in der Welt vorhanden war oder nicht. Wahrscheinlich interessierte das nicht einmal seine Frau. Seine Hände hinterließen feuchte Abdrücke auf dem Plastik des Tisches. Er lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Auf seiner Stirn stand der Schweiß, und auch unter seinen Achseln und am Rücken breitete er sich aus, obwohl es hier im Großraumwagen des ICE wie immer viel zu kalt war. Vielleicht stimmte etwas mit seinem Kreislauf nicht. Oder mit dem Herzen? Schließlich kam er jetzt in das Alter. Ein Herzinfarkt im Zug, das hätte ihm gerade noch gefehlt. Hartmann roch seinen eigenen Schweiß, mit geschlossenen Augen noch viel deutlicher, den alten, der in der Kleidung steckte, und den frischen, der aus seinen Poren strömte. Nahmen auch die Mitreisenden seinen Gestank wahr? Er war froh, ohne Reservierung noch einen Platz ergattert zu haben. Wenigstens ging nicht alles schief, obwohl die Gesetzmäßigkeit des Scheiterns es eigentlich verlangt hätte.
Versehentlich trat er gegen das Bein des Mannes, der ihm am Tisch gegenübersaß, entschuldigte sich leise, ohne ihn anzusehen, und setzte sich anschließend Kopfhörer auf. Opernarien von Händel. Händels Musik war erhebend, sogar jetzt, als Hartmann in das triste Grau eines neuen unseligen Tages blickte.
Der Zug war brechend voll. Im Mittelgang zwischen den Sitzreihen standen unzählige Koffer herum, sodass es kein Durchkommen gab, Kinder schrien, und orientierungslose Reisende suchten noch immer ihren Platz, obwohl sie den Hauptbahnhof längst hinter sich gelassen hatten. Hoffentlich erhob niemand Anspruch auf seinen. Hartmann saß auf einem Platz für Expressreservierungen, es war also möglich, dass sein unverhofftes Glück nicht von Dauer sein würde. Und wenn er sich gleich nach der Fahrkartenkontrolle einfach in die erste Klasse setzte? Er hätte die erste Klasse verdient. Wenn er eine souveräne, lässige Selbstverständlichkeit ausstrahlte und so wirkte, als gehörte er dorthin, fiele es dem Schaffner sicher gar nicht auf.
Der Mann gegenüber stieß nun gegen Hartmanns Bein und nickte ihm kurz zu, was wohl als Entschuldigung zu verstehen war. Die junge Frau neben ihm auf dem Fensterplatz telefonierte und schob ihren Arm auf die Lehne zwischen ihren Plätzen. Mit welchem Recht beanspruchte sie die Armlehne für sich allein? Es war Hartmann unangenehm, mit dem Ellbogen gegen ihren zu stoßen, er zuckte bei der Berührung zurück wie bei einem Stromschlag. Überall stank es. Nach Essen. Nach ungewaschener Kleidung und menschlichen Ausdünstungen. Oder waren es bloß seine eigenen?
Er hatte nicht einmal im Hotel gefrühstückt, so froh war er gewesen, als es endlich an der Zeit war, zum Bahnhof aufzubrechen. Er würde gleich hier im Zug etwas essen. Hartmanns nächstes Ziel war München. Ob er dort erfolgreicher sein würde, stand in den Sternen. Er glaubte es nicht, doch er wollte so gern daran glauben. Er wollte glauben, dass Berlin an allem schuld war. Oder die Wirtschaftslage. Egal, was – zumindest nicht er.
Jetzt blieb der Zug auch noch auf freier Strecke stehen, nur wenige Minuten, nachdem sie den Hauptbahnhof verlassen hatten. Was für ein grauenhaftes, überproportioniertes Gebäude, Hartmann hatte Mühe gehabt, sich darin nicht zu verirren und rechtzeitig das richtige Gleis zu finden. Er warf einen Blick auf das Faltblatt, das auf dem Tisch lag. Der Mann gegenüber hatte sich inzwischen mit seinem Notebook breitgemacht. Die junge Frau neben Hartmann hatte ihr Telefonat beendet und die Augen geschlossen, den Ellbogen immer noch auf der gemeinsamen Armlehne. Die alte Frau auf dem anderen Fensterplatz hielt ihre Handtasche krampfhaft auf dem Schoß fest. Der nächste Halt war Berlin-Südkreuz. Sie müssten schon längst dort sein, seit genau vier Minuten. In einem Zug zu sitzen, der nicht vorankam, machte Hartmann nervös, und selbst Händels Arien konnten seine aufkommende innere Unruhe nicht mildern. Er nahm die Kopfhörer ab. Keine Durchsage des Zugführers. Sie hielten einfach hier an, im Nirgendwo, ohne Erklärung und ohne erkennbaren Grund.
»Das ist doch in Ordnung, oder?«, fragte der Mann gegenüber und deutete auf sein Notebook.
»Ja, ja, sicher«, sagte Hartmann.
»Der Zug ist aber voll«, sagte die alte Frau. »Das hätte ich ja nicht gedacht. Gott sei Dank habe ich noch einen Sitzplatz bekommen.«
Hartmann nickte und lächelte sie an. Er setzte seine Kopfhörer wieder auf. Ein roter doppelstöckiger Regionalzug fuhr in entgegengesetzter Richtung an ihnen vorbei. Im Wagen quengelten mehrere Kinder lautstark, und der unangenehme Geruch hatte sich noch verstärkt. Hartmann sah die Mitreisenden an. Er hasste alles Schäbige, Ärmliche, und er erkannte es sofort, es war fast wie ein besonderer Instinkt. Er las die Überschrift auf einer Zeitungsseite, Abstiegsangst der Berliner, brauchte einen Moment, bis ihm aufging, dass es sich um den Sportteil handelte und nicht die Berliner Bevölkerung gemeint war, sondern Hertha BSC. Er blickte wieder aus dem Fenster. Rechts, weiter weg, standen Häuserzeilen. Links befand sich eine trostlose Grünfläche. Das musste ein ganz neu angelegter Park sein. Oder waren in Berlin alle Parks so kahl? Hier wuchs nichts. Der sogenannte Park am Gleisdreieck, jetzt erinnerte er sich, nach seiner katastrophalen Präsentation gestern hatte eine Frau erwähnt, dass dort ihre neue Joggingstrecke sei. Um Hartmann hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits niemand mehr gekümmert – als hätten sie ihn längst vergessen, obwohl er noch im Konferenzzimmer stand. »Sie hören von uns.« Hand geben. Lächeln. Sie waren höflich zu ihm gewesen. Sie hatten ihn höflich untergehen lassen. Wie das Von-ihnen-Hören aussehen würde, konnte er sich denken. Hartmann sah breite Wege, verkrüppelte Birken, weiter nichts. Kein einziger Mensch. Aber wer wollte bei diesem Wetter auch spazieren gehen, noch dazu an einem Vormittag mitten in der Woche, an dem die Leute für gewöhnlich arbeiteten. Allerdings fragte er sich, ob Letzteres auch auf Berlin zutraf. War Berlin nicht die Hauptstadt der Arbeitslosen, der Untätigen, der Schmarotzer?
Hartmann war hungrig, und er ärgerte sich jetzt, dass er das Hotel so übereilt verlassen und auf das Frühstück verzichtet hatte. Im Speisewagen des Zuges war es wahrscheinlich genauso voll wie hier. Er würde mit anderen Menschen am Tisch sitzen müssen. Er hasste das. Er hasste ihre Nähe, ihre Gerüche, die Haut ihrer Gesichter, ihre lärmenden Stimmen, die die Welt verpesteten. Es sollte ein Gesetz zum Schutz vor lärmenden Stimmen geben. War es empfehlenswert, so kurz vor dem nächsten Bahnhof den Platz zu verlassen? Plötzlich überkam ihn eine überwältigende Angst, seinen Sitzplatz zu verlieren – als verlöre er damit auch seinen ganzen Halt im Leben. Gleichzeitig hatte er bohrenden Hunger. Und er brauchte unbedingt einen zweiten Kaffee, sonst könnte er seine Unterlagen für München nicht durchsehen. Den ersten Kaffee des Tages hatte er im Berliner Hauptbahnhof im Stehen getrunken, angeekelt von den verwahrlosten Gestalten, die schon am frühen Morgen mit Bierflaschen herumstanden, und ängstlich darauf bedacht, dass im Gedränge niemand seine Brieftasche stahl.
Er sah zu den Birken. Verliefen dort hinten, zwischen den Bäumen hindurch, nicht verrostete Gleise? Hartmann hätte gerne ein Fernglas zur Hand gehabt. Ein Mann tauchte im ansonsten menschenleeren Park auf. Er trug grobe Arbeitskleidung und hielt eine Schaufel in der Hand. Bald darauf war er wieder verschwunden.
Hartmann war bemüht, seinem Gegenüber nicht zu nahe zu kommen. Hier war alles so eng, er wagte nicht einmal, normal zu atmen. Wie sollte er das bloß bis München aushalten? Sein Magen rumorte jetzt aufdringlich. Der Zug stand noch immer, inzwischen waren sie fast zehn Minuten verspätet. Hartmann sah draußen eine Frau. Eine Joggerin, ihrem Tempo nach zu schließen. Sie lief schnell, rannte sogar. Allerdings passte ihre Kleidung nicht dazu, soweit er es von hier erkennen konnte. Die Frau sah eher so aus, als würde sie gleich ins Büro gehen. Doch wer rannte zum Büro und noch dazu quer durch einen Park? Jetzt entdeckte Hartmann auch einen Mann, der ihr folgte. Ein anderer Mann, nicht der in Arbeitskleidung. Er holte die Frau rasch ein und hielt sie am Arm fest. Sein Griff schien äußerst grob zu sein, denn die Frau riss wie im Schmerz den Mund auf. Ihr stummer Schrei fiel mit der wehklagenden Passage des Soprans in der Händel-Oper zusammen. Vielleicht wurde Hartmann unfreiwillig Zeuge eines Streits unter Liebenden? Jetzt bedauerte er es fast, dass sich das Ganze so weit von ihm entfernt abspielte. Er dachte an seine eigene Ehe, die mittlerweile so verkümmert war, dass sie sich nicht einmal mehr stritten. Was würde seine Frau wohl zu seiner misslungenen Präsentation sagen, wenn er ihr morgen Abend davon erzählte? Sollte er ihr überhaupt davon erzählen? Besser nicht. Sie fragte sowieso nicht.
Hartmann erschrak, als der Mann die Joggerin, die keine Joggerin war, jetzt mit solcher Gewalt nach hinten stieß, dass sie stürzte. Gleichzeitig fühlte es sich so an, als sähe er nicht die Wirklichkeit, sondern einen Film. Wurden in Berlin nicht ständig Filme gedreht? Oder war das hier vielleicht eine Art Test, ein Experiment, um herauszufinden, wie er auf das Gesehene reagierte? Ob er Zivilcourage besaß oder etwas Ähnliches? Aber wieso ausgerechnet er? Außerdem saß er im Zug nach München, in ein paar Minuten hätte er Berlin verlassen. Und was für ein Experiment sollte das sein, alles war doch viel zu weit weg, und er konnte gar nichts richtig erkennen.
Er blickte sich um. Die anderen Reisenden waren mit sich selbst beschäftigt. Der Mann gegenüber starrte auf sein Notebook, die beiden Frauen am Tisch hatten die Augen geschlossen. Einer anderen Frau war mitten im Gang der Koffer aufgeplatzt, dessen halber Inhalt nun auf dem Boden verstreut lag. Angewidert sah Hartmann auf einen pinkfarbenen Kulturbeutel und schmutzige Unterhosen. Währenddessen ging der Mann draußen auf die Knie und schlug auf die Frau ein. Es gelang ihr jedoch, den meisten seiner Schläge auszuweichen oder sie mit den Armen abzuwehren. Sie rappelte sich auf, machte stolpernd ein paar Schritte und wurde von dem Mann sofort wieder eingeholt. Er ließ nicht von ihr ab. Erneut warf er sie zu Boden und schlug sie. Hartmann glaubte sogar das Geräusch hören zu können – obwohl das hier im Zug gar nicht möglich war –, wie zuerst die flache Hand und bald darauf die Faust mit voller Wucht auf das Gesicht traf. Sie waren jetzt fast zwischen den Birken verschwunden, sodass er sie nicht mehr richtig sehen konnte. Der Mann, so viel bekam er noch mit, kniete mit einem Bein auf ihrem Unterleib. Die Frau blutete am Kopf. Oder war es nur ein rotes Halstuch?
Mit einem Ruckeln fuhr der Zug wieder an.
Gedämpft durch die Opernarien hörte Hartmann den Zugführer: »In wenigen Minuten erreichen wir Berlin-Südkreuz.«
Er rieb sich die Augen. Am liebsten hätte er das soeben Gesehene von seinen Augen fortgewischt, es nachträglich von seiner Netzhaut radiert. Es war beinahe so, als hätte er etwas Verbotenes getan. Als hätte er in ein fremdes Fenster gesehen und dort etwas beobachtet, das nicht für seinen Blick bestimmt war. Was sollte er jetzt tun? Jemandem Bescheid sagen? Aber wem? Dem Schaffner? Bestimmt würde der denken, Hartmann wolle sich nur wichtigmachen. Und was hatte er dort draußen überhaupt gesehen? Er war viel zu weit entfernt gewesen, um wirklich etwas erkennen und die Situation richtig einschätzen zu können.
Hartmann beschloss, dass es ihn nichts anging. Er hasste Schwierigkeiten. Er beschloss, sich ein wenig zu entspannen, Händels Arien zu hören und nach dem nächsten Halt, wenn sich das größte Gedränge gelegt hätte, endlich zu frühstücken. Brötchen mit Wurst und Käse, dazu Rührei, Vollkornbrot. Das teuerste Frühstück, das im Speisewagen angeboten wurde. Das hatte er sich verdient.
Eva stand im Schlafzimmer neben dem Bett. Auf dem Bett lag ihr nagelneuer Koffer. Ihr nagelneuer Koffer war noch vollkommen leer, obwohl sie seit fast einer Stunde zu packen versuchte. Morgen früh ging ihr Flug, und die letzte Gelegenheit, die Reise noch abzusagen, war längst verstrichen.
Der Mann gegenüber beobachtete sie wieder. Draußen auf der Straße hätte Eva ihn wahrscheinlich gar nicht erkannt, er schien nur hier in der engen Architektur der Kreuzberger Hinterhöfe real. Hatte er nichts Besseres zu tun als in ihr Schlafzimmer zu starren? Er bewegte sich nicht von der Stelle, sondern glotzte sie unverfroren an und machte sich nicht einmal die Mühe, es vor ihr zu verbergen. Eva hätte ihn ignorieren können wie sonst auch, doch heute fühlten sich seine Blicke anders an. Intensiver. Bedrängender. Wie ein unsichtbares Gas, das auch die Barriere des doppelt verglasten Fensters überwinden konnte, schienen sie über den Hof direkt in ihr Schlafzimmer zu dringen.
Sie taxierten sich über die kurze Entfernung, die zwischen ihnen lag, als wollten sie testen, wer es länger aushielt.
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