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Der neue Krimi der krimipreisgekrönten Autorin Regina Nössler. Was will Jennifer? Wieso taucht sie nach über dreißig Jahren bei Evelyn in Berlin auf? Eine Heimsuchung aus der Vergangenheit, aus einer anderen sozialen Realität. Was war damals passiert? Weshalb empfindet Evelyn den Besuch zunehmend als bedrohlich? Wieso verhalten sich ihre Arbeitskollegen auf einmal seltsam Evelyn gegenüber? Gleichzeitig driftet Evelyns Nachhilfeschüler, der dreizehnjährige Noah, von allen unbemerkt in eine gefährliche Parallelwelt ab. Wie in allen Romanen der Autorin geht es um unterschiedliche Aspekte sozialer Realität und um die Abgründe des Alltags, in denen dramatische Kräfte brodeln und an die Oberfläche kommen. "Ganz sachte lässt Nössler die Geschichte eskalieren ... subtiler Noir vom Feinsten." (Hans Peter Eggenberger zu "Kellerassel") "... gehört zu den spannendsten deutschsprachigen Krimiautorinnen." (Sonja Hartl)
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2025
Regina Nössler
Ein widerliches kleines Gefühl
Konkursbuch
Verlag Claudia Gehrke
Zum Buch
Der neue Thriller der krimipreisgekrönten Autorin Regina Nössler.. Was will Jennifer? Wieso taucht sie nach über dreißig Jahren bei Evelyn in Berlin auf? Eine Heimsuchung aus der Vergangenheit, aus einer anderen sozialen Realität. Was war damals passiert? Weshalb empfindet Evelyn den Besuch zunehmend als bedrohlich? Wieso verhalten sich ihre Arbeitskollegen auf einmal seltsam Evelyn gegenüber? Gleichzeitig driftet Evelyns Nachhilfeschüler, der dreizehnjährige Noah, von allen unbemerkt in eine gefährliche Parallelwelt ab. Wie in allen Romanen der Autorin geht es um unterschiedliche Aspekte sozialer Realität und um die Abgründe des Alltags, in denen dramatische Kräfte brodeln und an die Oberfläche kommen. "Ganz sachte lässt Nössler die Geschichte eskalieren ... subtiler Noir vom Feinsten." (Hans Peter Eggenberger zu "Kellerassel") "... gehört zu den spannendsten deutschsprachigen Krimiautorinnen." (Sonja Hartl). "Nössler dreht an Albtraumspiralen." Die Printversion erschien im Oktober. Und gleich im November auf Platz 3 der Krimibestenliste von Deutschlandfunk! Kolja Mensing stellte das Buch in der Lesart begeistert vor: "... Ihre Krimis sind psychologisch ganz genau, ganz fein beobachtete Alltagsstudien, über ganz normale Reihenhäuser, Mietwohnungen, in denen beinahe unbemerkt Gewalt und Niedertracht einziehen und wo dann immer wieder auch diese kleinen widerlichen Gefühle aufploppen …“
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Am Sommerhimmel …
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Damals
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Damals
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Zur Autorin
Impressum
Am Sommerhimmel trieben ein paar flauschige Wolken träge dahin. Weiß und ungeheuer oben. Warum fielen mir jetzt Gedichte ein? Poetisch war die Angelegenheit ganz sicher nicht. Bald kam der Herbst. Ich musste das Problem lösen, bevor der Herbst kam. Ich hatte schon viel zu lange gewartet. Das, was mir vorschwebte, entsprach nicht der Art, wie ich normalerweise Probleme anging. Immerhin gestand ich mir endlich ein, dass es sich um ein Problem handelte – und zwar ein echtes und ernstes –, was ich lange geleugnet hatte. Es war weder mit Freundlichkeit zu lösen noch mit einem Gespräch, mit Gut-Zureden oder Argumenten. Für Argumente war diese Person sowieso nicht empfänglich. Diese Person suchte mich nicht der Freundschaft wegen auf. Ganz im Gegenteil. Sie wollte keine Zuneigung, sondern zerstören. Mich zerstören. Und deswegen musste ich sie loswerden. Bald. Bevor sie noch Schlimmeres anrichtete.
Von der Überlegung, auf finsteren Seiten im Internet nachzuforschen, ob es hierfür ein buchbares Dienstleistungsangebot gab, und was das kostete, hatte ich wieder Abstand genommen. Das war nichts für mich. Passte nicht zu mir. Ich musste mich selbst darum kümmern, was ich gewöhnlich gut beherrschte. Lösungsorientiert denken. Dinge zum Laufen bringen, die Schwachstellen erkennen. Doch ich hatte keine Idee. Und gleichzeitig so unendlich viele Ideen, die auf mich niederprasselten und nachts nicht schlafen ließen. Mitten in Berlin, in einer Altbauwohnung in der Kulmer Straße? Wohl kaum. Die Vorstellung an sich, grundsätzlich, war mir erstaunlicherweise nicht so zuwider, wie ich erwartet hatte. Schließlich befand ich mich gewissermaßen in einer Notlage. Doch ich sah mich mit den ganzen praktischen Fragen konfrontiert: Wo. Wie. Wann. Und was danach.
Diese Person war gerade im Begriff, mein Leben zu ruinieren. Darauf legte sie es an. Und sie war erfolgreich. Alles ging den Bach runter. Ich merkte es jeden Tag, den Strudel, in den ich geraten war und der mich immer weiter nach unten zog. Ich musste diese Person stoppen. Ich musste sie irgendwohin locken. Ein leeres Gelände, verdreckt, vermüllt, verlassen, ohne Menschen. Gab es so etwas heute überhaupt noch? Hier in der Stadt? Vielleicht irgendwo an der Spree. Dort war inzwischen aber alles zugebaut. Das Wie war mir völlig egal. Hauptsache, ich brachte es schnell hinter mich. Schnell und sicher. Messer. Kopf auf Stein. Stein auf Kopf. Ich hatte mich sogar informiert, mit welchen Griffen man jemandes Genick brechen konnte. Eigentlich ganz simpel. Den Arm von hinten so um den Hals legen und dann mit der anderen Hand den Kopf ruckartig –
Vor die U-Bahn stoßen. Es gab viele Möglichkeiten, die nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, meine Gedanken beherrschten. Nein, halt, nicht vor die U-Bahn stoßen. Schlechteste Variante. Dort hingen überall Kameras. Also doch ein freies Gelände ohne Menschen. Im Tegeler Forst zum Beispiel. Allerdings ganz schön weit weg. Ich konnte einen langen Spaziergang vorschlagen, unter schattigen Bäumen, die viel Sauerstoff spendeten, statt in der drückenden Steinwüste. Die Stadt war so groß, ich lebte schon so lange hier, so viele Möglichkeiten in der großen Stadt, doch mir fiel keine geeignete ein, und das machte mich ganz verrückt. Leider waren jetzt im Sommer draußen viel mehr Leute unterwegs. Das Südgelände am Priesterweg. Der ehemalige Friedhof Eisackstraße in der Nähe des Innsbrucker Platzes, direkt neben der Stadtautobahn. Diese Gegend in Kreuzberg beim Tempelhofer Feld, Jüterboger Straße. Schrebergärten und lauter Buden, in denen man Nummernschilder stanzen lassen konnte, nachdem man das Kennzeichen vorher bei der Kfz-Zulassungsstelle erhalten hatte. Keine Wohnhäuser. Spätabends war dort bestimmt nichts los. Allerdings lag es vielleicht ein bisschen zu nah an der Polizeidirektion. Also auch nicht günstig. Die DHL-Packstation neben dem Baumarkt an der Yorckstraße. Am einfachsten – nur ein kleiner Spaziergang von meiner Wohnung. Unbehaglich im Dunkeln und wenn der Baumarkt geschlossen hatte, wie ich wusste, weil ich dort schon einige Male abends ein Paket abgeholt hatte. Gab es an DHL-Packstationen Kameras? Zurzeit wurde es erst gegen acht, halb neun dunkel. Falsche Jahreszeit. Aber ich konnte nicht warten, hielt es nicht mehr lange aus. Es musste jetzt erledigt werden. Bald. Irgendwo an der Beusselstraße oder beim Westhafen, wo mein Kollege wohnte. An sich keine schlechte Idee, aber zu weit weg. Ich musste geordnet und logisch denken. Mich für eine Möglichkeit entscheiden. Und es dann durchziehen. Noch jetzt im Sommer, bevor der Herbst richtig begann.
Ich war höflich. Zivilisiert. Gut, ich hatte mich in letzter Zeit ein kleines bisschen gehenlassen, aber das war nichts, was ich nicht wieder in den Griff bekam. Ich konnte jetzt schon mal damit anfangen und endlich die Waschmaschine befüllen und einschalten. Einkaufen gehen. Kochen, etwas Gesundes essen. Auf dem Balkon stand ein Topf Basilikum. Musste mal gegossen werden. Ein guter Anfang zum Kochen. Hatte ich das Basilikum gekauft? Ich konnte mich nicht erinnern. In letzter Zeit entglitt mir so einiges.
Ich war höflich. Zivilisiert. Kultiviert. Freundlich zu meinen Mitmenschen. Ich vermied schlimme Umweltsünden, hatte ein Hochschulstudium abgeschlossen, ging zur Arbeit, beglich meine Rechnungen, zahlte Steuern und alles. Mit anderen Worten: Ich war nicht so. So war ich überhaupt nicht. Das entsprach mir nicht. Diese Person hatte mich so weit gebracht.
An diesem Tag lag etwas in der Luft. Etwas Dunkles, Ungutes. Das hatte sie von Anfang an gespürt, gleich, als sie wach wurde. Sie hatte dafür nämlich dieses besondere Sensorium.
Im Nachhinein wäre es schön gewesen, wenn sie das hätte behaupten können. Doch so war es nicht, und außerdem fehlte ihr ein solches Sensorium. Evelyn Beckmann wachte in ihrem Bett auf wie an jedem anderen Morgen auch. Sie erinnerte sich an keine schlechten Träume, die es ihr hätten vorhersagen können, eigentlich an gar keine Träume, und alles fühlte sich so an wie immer. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie verschlafen hatte. Das passierte Evelyn so gut wie nie. Zwar lag sie noch fast in der Zeit, musste sich aber mit ihren üblichen Morgenroutinen vor der Arbeit beeilen. Am Abend hatte sie darauf verzichtet, die Kleidung für den nächsten Tag rauszulegen, was sie jetzt bereute. Normalerweise legte sie abends immer die Kleidung für den nächsten Tag raus. Evelyn achtete auf sich. Normalerweise trank sie nach dem Duschen zwei Tassen Kaffee, las dabei in der Zeitung, zumindest das Wichtigste, um einigermaßen über die Welt informiert zu sein, und aß eine Schale Müsli. Heute blieb es bei einer Tasse Kaffee, im Stehen, das Müsli aß sie nur zur Hälfte, und die Zeitung fiel ganz weg. Mit halb nassen Haaren verließ sie das Haus. Nasse Haare Anfang Februar zogen bestimmt eine Erkältung nach sich, die sie jetzt gar nicht brauchen konnte. Doch wann konnte man die schon brauchen. War eine Erkältung allein wegen nasser Haare überhaupt möglich?
Ein absaufender Motor. Ein dröhnendes Straßenkehrfahrzeug der Berliner Stadtreinigung. Stickige, drückende Luft und schlecht gelaunte Leute in der U-Bahn. Immerhin trockneten Evelyns Haare dort allmählich. Auch in der U-Bahn meldete sich keine Vorahnung, die ihr verriet, dass heute etwas passieren und sich ihr Leben grundlegend ändern würde.
Zwanzig Minuten später betrat Evelyn das Büro in Moabit. »Nanu, so spät?« Ihr Kollege Rafael, mit dem sie es teilte, blickte von seinem Bildschirm auf. »Du bist doch sonst immer so überpünktlich.«
»Ich habe verschlafen …«, begann Evelyn, doch Rafael unterbrach sie: »Keine Sorge, ich werde dich schon nicht verpetzen. War bloß ein Scherz. Alle kommen mal zu spät. Und jetzt sogar du. Dass ich das noch mal erleben darf. Außerdem, falls du dich erinnerst, haben wir doch gar keine festgelegten Arbeitszeiten. Und eine Teamsitzung steht heute auch nicht an. Ich bin froh, dass du auch nur ein Mensch bist.«
Dass du auch nur ein Mensch bist. Evelyn fragte nicht weiter nach, was Rafael damit meinte, weil sie es sowieso wusste. Sie war der Typ morgens-die-Erste-und-abends-die-Letzte. So gut wie nie krank. Überkorrekt. Erledigte ihre Arbeit, ohne Ausnahme, gewissenhaft und gründlich. Evelyn war wie gemacht für den Bereich Qualitätssicherung. Sie war die Streberin. Alle dachten es, aber so direkt sprach es niemand aus.
Auch bei der Arbeit geschah nichts Ungewöhnliches, abgesehen davon, dass Rafael heute ausnahmsweise die meiste Zeit schweigsam war und tatsächlich zu arbeiten schien. Was für eine Wohltat. Allerdings meldete sich Evelyns Magen viel früher als sonst. Ihr Magen war genauso an Regelmäßigkeit gewöhnt wie sie selbst. Muss denn alles immer so sein, wie du es kennst?, hatte ihre Ex-Freundin Mona oft genörgelt. Jeden Tag das Gleiche, bloß keine Abweichung. Sei doch mal spontan! Sei doch mal locker!
Vielleicht galt das als erstrebenswert, aber es entsprach Evelyn nicht, woran die Beziehung mit Mona auch nach acht Jahren gescheitert war. Seit Monas Auszug vor einem Jahr lebte Evelyn allein in der ehemals gemeinsamen Wohnung. Sie musste jetzt die gesamte Miete tragen, konnte es sich mit ihrem Gehalt aber leisten. Sie genoss es, nicht mehr dazu aufgefordert zu werden, doch mal locker zu sein. Hatte alles auch seine Vorteile.
Nach der Arbeit fuhr sie mit der U-Bahn auf direktem Weg nach Hause. Draußen, kurz vor ihrer Straße, hörte Evelyn einen herumbrüllenden Mann: Ist doch scheiße, ist doch alles scheiße, ja, komm bloß her, los, komm schon, ich mach dich fertig. Sie hörte eine heulende Bodenschleifmaschine, die seit Tagen von früh bis spät in Betrieb war, auch am Wochenende. Aggressives Hupen. Stampfende Musik aus einem stehenden Auto. Eine Frau, die ihr Kind scharf zurechtwies. Das Kind verschluckte sein Heulen. Weiter weg Züge und S-Bahnen. Wenn der Wind entsprechend stand, so wie jetzt, war sogar das Warnsignal der sich schließenden S-Bahntüren zu hören. Ihr Abendessen würde Evelyn auf dem Sofa vor dem Fernseher einnehmen und sich dabei vorstellen, wie sehr Mona das hasste. Ein weiterer Vorteil des Allein-Lebens. Mona hatte vor einem Jahr eine andere kennengelernt. »Ich bin so verliebt, ich kann nichts dagegen machen.« Dann war alles ganz schnell gegangen und Mona bald ausgezogen.
Evelyns Eifersucht hatte sich längst gelegt. Erst war sie scharf und beißend gewesen, nach ein paar Monaten gedämpfter und dem Gekränktsein gewichen. Heute war auch vom Gekränktsein kaum noch etwas übrig. Heute war Evelyn froh, aufrichtig froh, dass es vorbei war.
Gerade als sie ihre Tür geschlossen, Schuhe und Jacke ausgezogen hatte, an irgendetwas von der Arbeit dachte, dass der Test der Anwendung immer noch nicht vollständig durchgelaufen war, in der Küche zwischen Pizza und schnellen Nudeln schwankte und sich nicht entscheiden konnte, klingelte es.
»Du bist alt geworden.«
Das war das Zweite, was Jennifer zu ihr sagte. Da hatte sie sich bereits in Evelyns Wohnung geschoben und ihren Mantel an die Garderobe im Flur gehängt, als wäre sie eingeladen worden. Unten am Saum des Mantels war ein Loch zu erkennen.
»Oh, sorry, das klang jetzt nicht so nett.« Jennifer lachte. »Ich habe das ganz anders gemeint, als es sich anhört. Sorry! Du siehst gut aus, echt, und ich habe dich auch sofort wiedererkannt.«
Sie lachte erneut. Was war so lustig? Das »alt geworden«? Oder das »sofort wiedererkannt«?
Umgekehrt war es übrigens nicht der Fall. Auf der Straße wäre Evelyn achtlos an Jennifer vorbeigegangen. Nichts hätte sich in ihr geregt, kein Wiedererkennen. Zuerst hatte sie gedacht: Warum steht eine fremde Frau vor der Tür? Sie ist sehr dünn. Ist das eine neue Nachbarin, von der ich nichts mitbekommen habe? Allerdings zog in Berlin inzwischen kaum noch jemand um. Zu teuer. Will sie mir einen Kabelanschluss verkaufen, zweihundert Fernsehsender inklusive? Einen neuen Stromvertrag? Für Weihnachtskarten, SOS-Kinderdorf oder so etwas, war es jetzt im Februar eindeutig zu spät. Warum sieht mich diese dünne Frau so herausfordernd an?
Als Erstes, vor dem »alt geworden« und noch im Treppenhaus, hatte Jennifer gesagt: »Hi, Elli. Überraschung!«
Elli. So hatte sie seit ewigen Zeiten niemand mehr genannt.
»Ich war gerade in der Gegend und dachte, ach, ich schaue mal vorbei. Lange her, was? Störe ich etwa?«
Etwas hatte sich in Jennifers Gesicht gegraben, oder fast eingemeißelt, das früher noch nicht da gewesen war. Oder doch? Hatte sich dieser Zug, leicht bitter, leicht böse, in Wahrheit bereits damals gezeigt und jetzt nur verfestigt? Evelyn wusste es nicht. Es war so lange her. Mehr als dreißig Jahre. Jennifers verfilzte Strickjacke war an den Ellbogen fadenscheinig und überall von Wollknubbeln übersät. Wie nannte man diese Knubbel noch gleich? Es gab dafür doch einen bestimmten Begriff. Evelyn kam nicht darauf, und das machte sie ganz verrückt. Als hinge ihr Leben von einer Vokabel ab, die ihr nicht einfiel. Das fehlende Wort war bloß ein Nebenschauplatz, das wusste sie. Um ihren Verstand abzulenken.
»Lass uns am besten in die Küche gehen«, sagte sie. »Da entlang.«
Wohnzimmer war zu einladend. Wohnzimmer war etwas für erwünschten Besuch, nicht für jemanden, der nach Jahrzehnten an einem dunklen Februarabend unangemeldet vor der Tür stand.
Evelyn ließ Jennifer den Vortritt und ging ein, zwei Schritte hinter ihr. Jennifers Jeans sah speckig aus. Schwer zu sagen, ob die Hose total verdreckt war oder uralt. Oder beides. Und die Absätze ihrer Schuhe waren schief getreten. Immerhin gleichmäßig schief, also wohl kein orthopädisches Problem, sondern ein finanzielles. Oder es kümmerte sie nicht.
»Ich bin einfach hier aufgekreuzt«, sagte Jennifer und lachte wieder, »ich wusste natürlich gar nicht, ob du überhaupt zu Hause bist.«
Woher hast du meine Adresse?, dachte Evelyn.
»Ich habe oft an dich gedacht in den ganzen Jahren«, sagte Jennifer.
Ich an dich gar nicht, dachte Evelyn.
»Wie lange ist das jetzt her? Ach, egal. Ganz schön lange jedenfalls, oder? Ich bin nur ein paar Tage in Berlin, war schon am Kudamm und in der Friedrichstraße und am Brandenburger Tor. Und am Reichstag. Leider nicht oben, die Aussicht soll ja toll sein, habe ich gehört, aber da muss man sich wohl erst anmelden oder ewig warten oder so. Dazu hatte ich keine Lust. Ich würde ja gern noch so eine Fahrt mit dem Schiff machen, ihr habt doch hier Kanäle, oder? Obwohl dafür jetzt natürlich nicht die beste Jahreszeit ist. Also verzichte ich darauf vielleicht. Du, ich kann auch morgen wiederkommen, wenn es dir jetzt nicht passt.«
Evelyn Beckmann war passiv. Sie sagte nicht, was sie wollte und auch nicht, was sie nicht wollte. Evelyn nahm alles klaglos hin und beschwerte sich erst viel später. Zumindest, wenn sie anderen Glauben schenkte, die das oft von ihr behauptet hatten. Daran musste sie denken, als sie neben Jennifer in ihrer Küche stand. Sie wusste genau, was sie jetzt wollte. Sie wollte, dass diese Gestalt aus der Vergangenheit in ihren schäbigen, abgewetzten Klamotten augenblicklich ihre Wohnung verließ.
Auf dem Tisch stand noch die Schale mit dem halb gegessenen, längst eingetrockneten Müsli vom Morgen. Es sah unappetitlich aus. Jennifer bemerkte es auch, noch ehe Evelyn die Schale wegräumen konnte.
»Isst du abends Müsli?«, fragte sie. »Oder hast du gerade erst gefrühstückt?« Sie lachte, als wäre das eine ungeheuer komische Frage. Hatte sie in der Schulzeit auch so oft gelacht? Eher nicht. In der Schulzeit war sie der Freak gewesen und hatte keinen Grund für ausgelassene Heiterkeit gehabt.
»Gefrühstückt? Ich komme von der Arbeit.« Evelyn fiel selbst auf, wie streng und empört sie diese beiden Worte betonte. Gefrühstückt? Arbeit!
»Klar, du kommst von der Arbeit. Was anderes habe ich auch nicht von dir erwartet. Du warst ja früher schon sehr fleißig.«
Das war Evelyn in der Schule keineswegs gewesen, sie hatte nur das Nötigste getan, aber sie korrigierte Jennifer nicht. Hatte Jennifer das vergessen? Erinnerte sie sich falsch? Aber welchen Erinnerungen war nach Jahrzehnten schon zu trauen.
Inzwischen hatte Jennifer am Tisch Platz genommen. Evelyn stellte die Müslischale auf die Arbeitsplatte, setzte sich auf den anderen Stuhl und stand sofort wieder auf. Der Tisch war klein, und Jennifer saß viel zu nah. Evelyn kehrte ihr den Rücken zu und schaufelte die Müslireste in den Müll. Willst du was trinken? Das hätte sie jetzt eigentlich sagen müssen. Besuch bot man etwas zu trinken an. Doch sie wollte Jennifer nichts anbieten. Sie wollte es ihr nicht auch noch gemütlich machen. Was sollte sie überhaupt mit ihr anfangen? Sie konnten ja schlecht über Lehrer oder Klassenkameraden lästern, an die die Erinnerung längst verblasst war, oder was man in der fünften, sechsten oder siebten Klasse so tat, während sie abwechselnd Süßigkeiten und Kartoffelchips in sich hineinstopften. Wobei es Süßigkeiten und Kartoffelchips eher nur bei Evelyn zu Hause gegeben hatte, nicht bei Jennifer. Evelyn verspürte plötzlich das unbändige Verlangen nach einem Glas Rotwein und nach Kartoffelchips, schließlich war sie noch gar nicht zum Essen gekommen, aber sie würde jetzt den Teufel tun und eine Flasche Wein auf den Tisch stellen.
»Hast du vielleicht was zu trinken?«, fragte Jennifer. »Einen Tee? Also nur, wenn es nicht zu viele Umstände macht.«
»Ja, sicher. Ich habe Kamille und Pfefferminz. Und irgendeinen Kräutertee, glaube ich.«
»Dann nehme ich den Kräutertee.«
Evelyn füllte den Wasserkocher, schaltete ihn ein, nahm die Teepackung und zwei Becher aus dem Schrank und hängte in jeden einen Beutel. Sie blieb die ganze Zeit mit dem Rücken zu Jennifer stehen, den Blick stur auf die Arbeitsplatte gerichtet, auf die Spüle, die Fliesen an der Wand und den Wasserkocher. Als wäre es total spannend, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Die Fliesen müssten mal wieder geputzt werden. Sie spürte Jennifers Anwesenheit hinter sich.
Anschließend blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit den beiden Bechern wieder auf den anderen Stuhl zu setzen. Statt in ihr Gesicht sah sie auf Jennifers verfilzte Strickjacke. Sie musste sich beherrschen, nicht den Arm auszustrecken und die Wollknötchen der Reihe nach abzuzupfen. Was sie davon abhielt, war nicht die Tatsache, Jennifer vor über dreißig Jahren das letzte Mal gesehen zu haben, sondern die Nähe, die es bedeutet hätte.
»Schöne Wohnung«, sagte Jennifer, und Evelyn fragte sich, woraus sie das schloss. Sie hatte nur den Flur hinter der Eingangstür gesehen und die Küche, in der sie jetzt saßen. »Ist bestimmt teuer in Berlin, oder? Was man so hört.«
»Geht so«, sagte Evelyn. Du könntest es dir sicher nicht leisten, dachte sie, so, wie du aussiehst. »Aber stimmt schon, billig ist es nicht. Die billigen Zeiten sind hier vorbei.«
»Du hast einen einträglichen Job, nehme ich an.«
»Ich kann mich nicht beklagen.«
»Und du hast eine Spülmaschine. Hätte ich auch gern.«
Hatte heute nicht jeder eine Spülmaschine?
Jennifers strähnige Haare, früher aschblond, wiesen einen breiten grauen Ansatz auf und hätten dringend Farbe und einen Schnitt gebraucht. Unter der Strickjacke trug sie ein verwaschenes blaues T-Shirt. Vorne auf der Brust prangte ein heller Fleck. Joghurt vielleicht. Pudding. Oder Soße. Der Kräutertee schmeckte widerlich. Evelyn wusste auch gar nicht mehr, wie alt er war und weshalb die Packung im Schrank stand. Wahrscheinlich noch ein Überbleibsel ihrer Ex Mona. Jennifer trank ihn ganz ungerührt, ohne eine Miene zu verziehen.
Eine Viertelstunde verging. Dreißig Minuten. Sie redeten und gleichzeitig nicht. Viel später, als sie im Bett lag, hätte Evelyn nicht mehr wiedergeben können, worüber. Berlin? Wohnungen? Das elende Nest, aus dem sie stammten? Essgewohnheiten? Sportliche Betätigungen, Yoga, Joggen? Welche Musik sie hörten? Gerade, als Evelyn überlege, wie sie Jennifer am besten zum Gehen auffordern sollte, ohne allzu unhöflich zu wirken, als sie sich innerlich wand und im Geist Formulierungen probte, eine präferierte und im nächsten Moment wieder verwarf, weil sie entweder zu unfreundlich oder zu durchschaubar war oder, noch schlimmer, sogar zu einladend hätte wirken können – sie musste zum einen dafür sorgen, dass Jennifer auf der Stelle ihre Wohnung verließ, und zum anderen unbedingt verhindern, sie am nächsten oder übernächsten Tag, oder wie lange auch immer sie noch in der Stadt blieb, wiederzusehen –, gerade, als sie all diese Überlegungen anstellte, stand Jennifer auf, richtete ihre ausgeleierte Strickjacke an den Schultern, stelle ihre Tasse auf die Spüle und sagte: »Ich glaube, es wird Zeit. Ich gehe jetzt besser. Du musst morgen bestimmt früh raus. Ich habe mich echt gefreut, dich wiederzusehen. Nach … wie lange ist das jetzt her? War eine ganz andere Zeit, oder?«
»Ich bringe dich zur Tür«, sagte Evelyn. Hoffentlich war ihr die Erleichterung nicht allzu deutlich anzusehen. Warum scherte sie sich überhaupt um Höflichkeit?
»Danke, aber den Weg hätte ich auch allein gefunden.« Jennifer lachte. »Na dann.«
»Mach’s gut. Und ich hoffe, dein Berlin-Aufenthalt war schön.« Statt in Jennifers Gesicht blickte Evelyn auf den Saum ihres Mantels, den sie wieder angezogen hatte. Im hellen Flurlicht war das Loch deutlich zu sehen.
»Er war total interessant. Großstadtflair und so. Habe ich nicht so oft. Bis irgendwann mal.«
Evelyn schloss die Tür. Blieb dahinter stehen, ohne sich zu rühren. Jennifers Schritte entfernten sich viel zu langsam, fand sie. Sie sah durch den Spion. Nichts. Leere. Gleich hatte Jennifer das Haus verlassen. Dann hörte Evelyn, vielleicht ein oder anderthalb Stockwerke tiefer, wieder dieses Lachen. Laut und übertrieben und künstlich, genauso wie am Küchentisch. Warum und worüber lachte Jennifer jetzt im Treppenhaus? Ganz mit sich allein? Evelyn wartete. So lange, bis das Licht hinter dem Türspion erlosch. Sie hatte Jennifer gar nicht danach gefragt, wo sie in Berlin untergekommen war. Konnte sie sich ein Hotel leisten? Doch sie verfiel automatisch in das Denken von früher, vor mehr als dreißig Jahren, als es bei Jennifer zu Hause keine Kartoffelchips gegeben hatte, zumindest nicht die bevorzugte teure Sorte, es sei denn, sie hatte welche gestohlen, wofür sie ein gewisses Geschick besessen hatte. Warum sollte sie sich kein Hotel leisten können? Wegen des Lochs in ihrem Mantel? Der schief getretenen Absätze? Der verfilzten, alten Strickjacke? Evelyn wusste gar nichts über Jennifer. Und sie wollte auch nichts wissen.
Pilling nannte man diese unschöne Knötchenbildung auf Wolle, jetzt fiel es ihr endlich ein.
Die Vorhänge im Wohnzimmer waren immer zugezogen, sommers wie winters. Im Wohnzimmer saß der Vater bei Kunstlicht am Tisch und beschäftigte sich mit Stift und Papier. Berge von Papier stapelten sich neben ihm. Worum genau es sich dabei handelte, erkannte ich nicht, weil ich nicht richtig hinzusehen wagte. Er durfte nicht gestört werden.
Den Vater anzusprechen oder auch nur zu beachten, war verboten. Trotzdem sah ich jedes Mal, wenn ich kam, verstohlen zum Tisch. Um in die Küche zu gelangen, musste man durch das höhlenartige Wohnzimmer gehen – staubig und düster und mit allem möglichen Kram vollgestopft –, ein Blick auf den Vater, und sei er auch noch so flüchtig, war also unvermeidlich. In der Küche waren die Vorhänge nicht zugezogen. Dort standen ein Tisch und Stühle, eine altmodische Anrichte und ein Käfig mit einem Kanarienvogel. Der Kanarienvogel hatte kleine schwarze Augen und trällerte manchmal. Oft blieb er aber auch stumm. Er durfte nie fliegen. Die Möbel, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hatten, waren abgewetzt und von Kratzern, Flecken und auch ein paar Brandlöchern übersät, die gepolsterten Sitzflächen der Stühle glänzten speckig.
Der Vater bewegte sich nur sehr wenig, wenn er mit Stift und Papier am Tisch saß. Er wirkte ein bisschen wie ausgestopft. Oder als wären seine Batterien zur Neige gegangen. Neben ihm standen eine Tasse und ein Glas mit einer klaren Flüssigkeit. Wasser, was sonst. Das Glas war ursprünglich ein Senfglas gewesen, der Aufdruck noch schwach zu erkennen. Der Vater saß in dem abgedunkelten, staubigen Raum bei Kunstlicht und schrieb etwas. Es sah ungeheuer wichtig aus. Es musste wichtig sein, da er ja nicht gestört werden durfte. Dass es Kreuzworträtsel waren, die leichte Sorte, und keine philosophischen Abhandlungen oder eine komplizierte Buchhaltung, erschloss sich mir erst viel später, kurz bevor ich gar nicht mehr zu Besuch kam, und ebenso, dass sich in seinem Senfglas kein Wasser befand.
Der Kanarienvogel in der Küche saß manchmal für längere Zeit vollkommen starr auf seiner Stange, sodass ich mich fragte, ob er möglicherweise ausgestopft war. Wie der Vater. Über den Vater wurde nicht gesprochen und eigentlich auch nicht über den Kanarienvogel. Es wurde verlangt, das benutzte Glas auf die Spüle zu stellen, das gehörte sich so und bewies gute Manieren. Gute Manieren hielten alles zusammen und adelten jede Person, auch diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen. So wurde das immer genannt: Es stehen nicht alle auf der Sonnenseite. Stand ich auf der Sonnenseite? Eher nicht. Aber vielleicht nicht ganz so im Schatten wie sie. Ich hielt mich stets an diese Anweisung und stellte mein Glas auf die Spüle, bevor ich ging. Beim Verlassen der Wohnung führte der Weg erneut am Vater vorbei, wieder begleitet von dem leisen – fast geflüsterten – Verbot, ihn anzusprechen oder sonst wie zu stören.
Später dann durfte ich gar nicht mehr in die Küche, sondern nur noch ins Jugendzimmer, das ein Stockwerk höher unter dem Dach lag. Über die Gründe dafür wurde nicht geredet – »Ist besser so« –, und ich hinterfragte es nicht. Im Winter war es unter dem Dach furchtbar kalt, sodass ich manchmal meine Jacke anbehielt.
»Wie schläfst du hier eigentlich?«, fragte ich. »Ist es nicht viel zu kalt?«
»Manchmal fühlt sich die Bettdecke wie gefroren an, wenn ich aufwache«, sagte sie. »Dann würde ich am liebsten gar nicht aufstehen. Nicht zur Schule gehen. Einfach liegen bleiben.«
Nicht, dass die Verbannung mich gestört hätte. Das benutzte Glas auf die Spüle zu stellen, fiel hiermit weg. Außerdem waren mir ihre Eltern ein bisschen unheimlich. Ich hatte den Verdacht, dass der Kanarienvogel nicht mehr lebte. Der Vater vielleicht auch nicht? Obwohl, wenn der Vater gestorben wäre, hätte man ihn ja auch nicht mehr im abgedunkelten Wohnzimmer bei seinem Papierkram stören können. Vielleicht hatte er irgendeine Lichtkrankheit. Es gab so viele Krankheiten. Dass das Herz nicht mehr mitmachte, dass irgendwo im Körper etwas wuchs, was nicht dorthin gehörte, und allerlei mehr. Auch Krankheiten im Kopf gab es. Wenn im Hirn etwas falsch geschaltet war. Die Mutter bekam ich noch zu Gesicht, weil sie Limonade und manchmal belegte Brote ins Jugendzimmer brachte. »Es ist besser«, sagte sie, »wenn ihr hier oben bleibt. Ist besser so. Ist doch auch viel gemütlicher. Hier seid ihr unter euch. Und ungestört.« Die Mutter arbeitete halbtags als Putzfrau. Der Vater arbeitete gar nicht.
Die Limonade war herrlich süß – nach Süße war ich als Kind geradezu süchtig, das Depot musste immer wieder aufgefüllt werden –, hatte aber meistens zu wenig Kohlensäure und schmeckte abgestanden und alt. Die belegten Brote mochte ich nicht, ekelte mich sogar ein wenig davor. Und irgendwie mochte ich sie doch. So wie alles, das Ganze, zugleich abstoßend und anziehend war. Die stets dunkle Wohnzimmerhöhle, das künstliche Licht, selbst wenn die Sonne schien, der Vater mit seinen Papieren am Tisch, der Kanarienvogel, seine kleinen schwarzen Augen, die ärmliche Küche. Schwer zu sagen, was davon überwog. Vermutlich das Anziehende. Eine Weile zumindest. Das Gras in Nachbars Garten. Es war in diesem Fall jedoch nicht grüner, kein bisschen. Aber es war eindeutig anders als alles, was ich zu diesem Zeitpunkt kannte.
Sie war immer traurig, wenn ich ging. Und auch ein bisschen wütend. Oft war das bei ihr schwer zu unterscheiden. »Ach, bleib doch noch. Meine Mutter hat nichts dagegen.« Ein flehender Ausdruck im Gesicht, kombiniert mit dem Anflug von Zorn.
»Ich muss nach Hause. Ich kriege Ärger, wenn ich zu spät komme.«
Das stimmte zwar, war aber nicht der einzige Grund, warum ich es nie wirklich lange dort aushielt, weder in der Küche mit Mutter und Vogel noch im Jugendzimmer unter dem Dach. Es war reizvoll, keine Frage, denn es war fremd, aber es stieß mich auch ab. Als könnte es auf mich abfärben und etwas davon an mir haften bleiben oder ich mich damit anstecken.
Eines Tages, unter dem Dach war es nicht kalt, sondern heiß und stickig, vielleicht gab es diesmal Cola statt Limonade, aber wenn, dann garantiert nicht die richtige Cola, sagte sie zu meiner Überraschung: »Mich mag keiner, das weiß ich.« Nichts weiter, nur das.
Nicht, dass es nicht zutraf, es war verblüffend scharfsichtig beobachtet, tatsächlich mochte sie keiner, aber so etwas gab man doch nicht zu.
Ich ging auf ihre Bemerkung nicht ein. Ich hätte auch nicht gewusst, wie. »Ich muss nach Hause«, sagte ich stattdessen auf eine Art, die ich für abgeklärt hielt, für erwachsen, und trank rasch meine Cola aus.
»Jetzt schon?«, sagte sie. »Ich dachte, du bleibst noch.«
Wieder dieser flehende Blick. Zeigten sich nicht auch Tränen in ihren Augen? Das wollte ich auf keinen Fall sehen. Ich mochte diesen Blick nicht, er bewirkte scheußliche Gefühle und erweckte in mir den Wunsch, ihm so schnell es ging zu entfliehen. Ich mochte ihn genauso wenig wie die abgestandene Limonade, die Brote mit billiger Wurst, den halb toten Kanarienvogel und das Abgenutzte, Schäbige, Armselige. Irgendwann fand das Reizvolle sein Ende.
»Ich muss jetzt wirklich gehen. Meine Mutter macht sonst echt Ärger.«
»Aber du kommst doch bald wieder, oder? Morgen?« Wut im Blick. Wut und Traurigkeit. »Oder am Freitag?«
»Klar.«
Doch ich kam nicht mehr wieder, was ich in diesem Moment jedoch noch nicht wusste. Sympathie und Abneigung wechselten in dem Alter schnell und wurden gleichermaßen intensiv und heiß empfunden. Der Nachmittag mit der schalen Cola sollte der letzte in der Wohnung gewesen sein. Mit dem Vater im abgedunkelten Raum, den anzusprechen verboten war. Mit dem Kanarienvogel. Dem Zimmer unter dem Dach, wahlweise viel zu kalt oder zu heiß. Mit all dem, was ein bisschen seltsam und auch eklig war. Und dann geschah ja auch noch etwas. In dem stacheligen Gestrüpp, in dem ich mir eine lästige Hautreizung einfing. Etwas geschah, das ich aber schnell wieder vergaß, abgesehen von der Hautreizung. Die Hautreizung blieb hartnäckig, und meine Mutter bestrich sie so lange mit einer stinkenden Salbe, bis sie endlich abklang und nichts mehr davon zu sehen war. Und bald darauf begannen die langen Sommerferien. Danach war sowieso alles anders.
Die nächsten Tage verliefen weitgehend ereignislos. Evelyn saß oft länger im Büro, wenn alle anderen längst gegangen waren, und widmete sich in ihrer gewohnten Gründlichkeit einem bestimmten kniffeligen Problem, das sie während der normalen Arbeitszeit nicht hatte lösen können. Ohne Rafael im selben Raum konnte sie sich viel besser konzentrieren. Sie mochte das. Die Stille. Rafaels Dauerfreundlichkeit und sein großes Kommunikationsbedürfnis strengten sie an. »Ich war ein Einzelkind«, sagte er gern. »Ich brauche das. Ich brauche Trubel und Leute um mich herum.« Eine wirklich blöde Idee, dass Evelyn sich ausgerechnet mit ihm das Büro teilte. Entscheidung von oben, obwohl es bei flachen Hierarchien genau genommen ja gar kein Oben und Unten mehr gab, sondern nur noch gleichberechtigtes Miteinander. Dass die anderen hinter ihrem Rücken über sie redeten – und zwar nicht immer freundlich –, wusste Evelyn. Streberin. Will sich unentbehrlich machen. Hat wohl kein Privatleben. Evelyns Bereich, die Qualitätssicherung, stand in ihrer Firma, die Software für Unternehmen entwickelte, alle paar Monate zur Disposition. Nicht grundsätzlich, aber zumindest in der derzeitigen Größenordnung. Vielleicht stimmte es und sie wollte sich unentbehrlich machen. So oft hintereinander war sie jedoch noch nie länger im Büro geblieben, und diesmal ging es in Wahrheit auch nicht um die Arbeit und die Stille abends allein. Evelyn fürchtete sich insgeheim davor, nach Hause zu fahren, aus Angst, dass nun jeden Abend ungebetener Besuch vor der Tür stehen könnte.
Das war natürlich Unsinn. Jennifer war längst wieder abgereist. Am übernächsten Tag, hatte sie zum Schluss im Hausflur gesagt, werde sie zurückfahren. Mit dem Zug. Oder hatte sie Flixbus gesagt? Egal, Hauptsache, sie war nicht mehr hier. Dieser übernächste Tag war inzwischen verstrichen. Es drohte keine Gefahr mehr. »Gefahr«, was für ein großes, übertriebenes Wort für eine ehemalige Klassenkameradin. Sie war nichts weiter als eine flüchtige Geistererscheinung an einem Abend im Februar, gar nicht real, die Evelyn jetzt schnell vergessen musste. Das sollte ihr eigentlich nicht schwerfallen, hatte sie doch seit dreißig Jahren keinen Gedanken mehr an Jennifer verschwendet. Februar, so hieß es, war in Berlin ein besonders trister Monat, der die Leute schwermütig machte, und nun hatte ihr der Februar zusätzlich einen üblen Streich gespielt. Aber irgendwann kam der März. Irgendwann kam immer der März.
Jennifer musste damals, in der achten oder neunten Klasse, so genau konnte Evelyn sich nicht mehr erinnern, von der Schule abgehen. Sie war dem Unterricht einfach nicht mehr gewachsen gewesen. Und andere Gründe hatte es auch noch gegeben. Schwerwiegende Gründe. Aber das war ein anderes Thema, und Evelyn hatte es längst vergessen. Seliges Vergessen. Es war tragisch mitanzusehen, wie alle an Jennifer vorbeizogen und die Versetzung schafften, sogar die simplen Geister mit den schlechten Noten, zumal es ihr sicher nicht an Grips gemangelt hatte. Oder doch? Wer wusste das schon. Von der Grundschule bis zu den ersten Jahren am Gymnasium hatte sie zu Evelyns gewohntem Alltag gehört. Sie hatte nicht groß über Jennifer nachgedacht. Jetzt im Nachhinein, drei Jahrzehnte später, erschien sie ihr reichlich seltsam. Ein seltsames Kind und eine nicht minder seltsame Jugendliche. Auf ungute Weise auffällig. Von den meisten gemieden. Sie war anders, und das sahen und spürten alle. Angefangen mit diesen ausgeleierten, zigmal geflickten Klamotten, die sie immer trug. Kein Wunder, ihre Eltern hatten kein Geld. Auch nicht für die Klassenfahrt, an der Jennifer folglich nicht teilnahm. War sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch an der Schule gewesen? Heute wusste Evelyn nicht mehr, ob sie Jennifers Scheitern damals tatsächlich tragisch fand – tragisch, schon wieder so ein großes Wort – oder nicht vielmehr erleichtert war. Manche blieben halt auf der Strecke. Hauptsache, nicht sie. Möglicherweise, das schloss sie nicht aus, hatte sie nach Jennifers Abgang mit den anderen schadenfroh über sie gelästert. Nein, stopp, das hatte sie bestimmt nicht getan, so war Evelyn Beckmann nicht. Und falls doch, dann auf freundliche Art.
Der dritte Tag in Folge, an dem sie lange im Büro geblieben war. Jetzt konnte Evelyn endlich aufatmen und ihr gewohntes Leben weiterführen. Das hieß, zu normalen Zeiten Feierabend machen und abends ohne die Sorge, dass eine unliebsame Überraschung in abgerissener Kleidung auf sie wartete, in die Kulmer Straße biegen. Jennifer war fort. So wie in den vergangenen dreißig Jahren.
Evelyns Leben verlief im Großen und Ganzen gut. Sie hatte ihr Auskommen, mochte ihre Arbeit, meistens zumindest, und dass sie seit einem Jahr allein war, störte sie – noch – nicht. Im Gegenteil. Sie genoss die damit verbundenen Freiheiten. Keine Rechenschaft ablegen müssen. Über gar nichts. Kochen und essen, wann und was sie wollte, auch ungesunden Fraß, wenn ihr danach war. Kein Hast du mir nicht zugehört. Kein Musst du wieder so rumhängen, lass uns doch irgendwas machen. Das Wort »Rechenschaft« hätte Mona empört. Sie wäre ausgerastet. Auf ihre Mona-Weise ausgerastet, ohne Herumbrüllen. Eine endlose Litanei wäre gefolgt, dass es in einer Beziehung um so etwas wie Rechenschaft doch nicht gehe. Und nach dem ersten Drittel der langen Belehrung hätte Evelyn gar nicht mehr gewusst, wovon Mona eigentlich sprach. Vielleicht war sie kein Beziehungsmensch. Oder die Beziehung war die falsche gewesen. Doch war es möglich, acht Jahre lang einem Irrtum erlegen zu sein und nichts davon zu bemerken?
Nach Monas Auszug vor einem Jahr war Evelyn sofort dazu übergegangen, abends auf dem Sofa vor der Glotze zu essen. Sie sah Fußball oder Dokumentationen über Wildtiere, ferne Planeten und schwarze Löcher so lange sie wollte. Oder alte, herzzerreißende Melodramen von Douglas Sirk, All that heaven allows, für die sie eine Schwäche hatte. Wobei die Naturdokus angesichts der gerodeten Wälder, ausgebleichten, toten Korallen, zerstörten Lebensräume und bedrohten Arten zunehmend deprimierten. Mona hatte das gehasst und als Untergang jedweder Zivilisiertheit betrachtet. Sie wollte in die Oper und in die Philharmonie, in angesagte Ausstellungen, und zwar am liebsten dann, wenn sie garantiert am vollsten waren und die Leute sich gegenseitig auf die Füße traten. Sie hatte auch immer auf einem gemeinsamen Frühstück bestanden, wenn die Jobs es zuließen. Da die Jobs es jedoch nicht immer zuließen, war gemeinsames Frühstück am Wochenende heilige Pflicht. Zuerst galt es, das ganze Zeug aus dem Kühlschrank zu holen. Dieses und jenes aufbacken, nicht vergessen! Das ganze Zeug aus dem Kühlschrank schön anrichten, das war wichtig, es auf Tellern und in kleinen, extra dafür vorgesehenen, farblich aufeinander abgestimmten Gefäßen drapieren. Die Teller und Schalen hatte Mona nach und nach angeschafft und war dann vor einem Jahr zusammen mit ihnen ausgezogen. Und wenn der Frühstücksgottesdienst ausreichend vorbereitet war, wurden noch die Kerzen angezündet, bevor es losging. Evelyn hatte meistens viel früher Hunger verspürt als Mona, und wenn es endlich so weit war, hing ihr längst der Magen durch. Gab es nicht diese Geschichte mit dem Ehepaar, das erst nach Jahrzehnten feststellte, dass einer der Partner in Wahrheit die untere Hälfte des Brötchens bevorzugte, vom anderen aber als Liebesgabe stets die obere gereicht bekam, jahrzehntelang, in der falschen Annahme, sie wäre ihm lieber? Und hatte in dieser Geschichte nicht einer den anderen aus heiterem Himmel wegen der falschen Brötchenhälfte am Frühstückstisch abgemurkst? Jahrzehnte hatten Mona und Evelyn nicht geschafft, nur acht Jahre, aber Züge davon hatten sich auch bei ihnen eingeschlichen. Evelyn hatte meistens gekuscht, damit Frieden herrschte. Das brachte ihr dann die häufig fallende Bemerkung ein, dass sie, laut Mona, so passiv sei. Du bist immer so passiv. Du musst mehr aus dir herausgehen. Sag doch, wenn dir was nicht gefällt.
Hätte sie Jennifer an dem Abend in der Küche nicht nach einem Partner fragen müssen? Nach Kindern? Ihrem Beruf? Danach, wie es Jennifers Eltern ging? Ob ihre Eltern überhaupt noch lebten? All diese Dinge, nach denen man sich erkundigte. Erst recht nach dreißig Jahren. Evelyn hatte nichts von all dem wissen wollen und Jennifer ihrerseits nicht so gewirkt, als erwartete sie solche Fragen oder wollte sie beantworten. Sie hatte auch kaum welche gestellt, abgesehen von: Lebst du hier allein. Hast du es weit zur Arbeit. Aber in Berlin ist das ja sicher kein Problem. Gefällt dir Berlin, Elli? Ich sollte mich vielleicht auch verändern. Umziehen oder so. Weg von zu Hause. – Mit zu Hause war der Ort gemeint, in dem sie beide aufgewachsen waren und Jennifer heute noch lebte. Rund fünfzigtausend Einwohner, zwischen Ruhrgebiet und Münsterland gelegen. Keine größere Stadt, aber auch kein Dorf. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Schlechte Nahverkehrsverbindungen, Autobahn ganz in der Nähe. Einige Zeit, sagte Jennifer, habe sie woanders gelebt. Sie nannte weder Ort noch Grund.
»Und dann bist du wieder zurück?«
»Ja, sicher. Ich brauchte was Vertrautes. Und wo sollte ich denn sonst hin?«
Den scheußlichen Kräutertee hatte Evelyn nicht ausgetrunken, Jennifer hingegen sichtlich genossen. Sie hatte sogar um eine zweite Tasse gebeten, woraufhin Evelyn wieder aufstehen musste, um den Wasserkocher neu zu befüllen und einzuschalten. Mit dem Rücken zu Jennifer. Das war ihr nur recht. Sie nicht ansehen müssen. Sie nicht und auch nicht die Knubbel auf der Strickjacke und den Soßenfleck auf der Brust. Durchatmen. Für die Zeit, die der Wasserkocher zum Aufheizen benötigte – hoffentlich brauchte er ewig –, nicht die eigenen Gesichtszüge unter Kontrolle halten müssen. Evelyns Gesicht war schon ganz verkrampft gewesen vor lauter geheuchelter Freundlichkeit.
Plötzlich hatte Jennifer neben ihr gestanden, viel zu nah, Evelyn hatte ihren Strickjackenarm an ihrem eigenen gespürt und sich beherrschen müssen, nicht zurückzuschrecken. Jennifer hatte die Teepackung in die Hand genommen und sie gründlich studiert. Auch sie war inzwischen Mitte vierzig und musste die Packung ein ganzes Stück von sich weghalten, um den Text entziffern zu können. »Ach, das ist Bio«, hatte sie anerkennend gesagt. »Das ist gut. Ich muss nämlich auf mich achten.« Anschließend hatte sie laut und unendlich langsam die Inhaltsstoffe des Kräutertees vorgelesen und Auskunft über ihre heilende Wirkung gegeben. Melisse: Beruhigend. Lavendel: Beruhigend, entkrampfend, schlaffördernd. »Ich schlafe seit einiger Zeit so schlecht.« Brennnessel. Schafgarbe. Lindenblüte: Krampflösend, schmerzstillend, entzündungshemmend. Sie sprach auch von Antioxidantien, was Evelyn kurz verblüffte. In der Schule war Jennifer in den naturwissenschaftlichen Fächern besonders schlecht gewesen und hatte sich keinen einzigen Begriff merken können.
Und gerade, als Evelyn sich fragte, Jennifers Arm immer noch viel zu dicht an ihrem eigenen, ob sie eine esoterische Öko geworden war, was gar nicht zu ihr passte – andererseits, woher sollte sie nach dreißig Jahren wissen, was zu ihr passte –, sagte Jennifer: »Mir geht’s nämlich nicht so gut, weißt du. Also gesundheitlich, meine ich.« Dabei verzog sie, nur ganz kurz, das Gesicht zu einer Grimasse, die alles hätte bedeuten können: Genervtsein. Widerwillen. Abscheu. Schmerzensreiche Pietà. Sie fasste sich erst auf den Bauch, dann seitlich auf den Rücken. Evelyn hätte sich erkundigen müssen. Wieso, was ist denn los, was hast du? Jeder hätte das getan. Auch sie. Normalerweise. Wenn es sich nicht gerade um Jennifer gehandelt hätte. Sie wollte Jennifer aus der Wohnung haben und nicht auch noch selbst dafür verantwortlich sein, die Dauer dieser Begegnung unnötig in die Länge zu ziehen – und hinter all dem, Grimasse, sich an Bauch und Rücken fassen, steckte vermutlich eine traurige Geschichte, die zu erzählen Zeitaufwand erforderte und am Schluss wiederum Reaktionen von Evelyn, angemessene Reaktionen –, und sie wollte es auch gar nicht wissen. Das war nicht nett von ihr. Wirklich nicht nett. Möglicherweise hatte Jennifer eine schlimme Krankheit. Unheilbar. Hatte sie krank ausgesehen? Vielleicht. Eigentlich nicht. Oder doch? Evelyn wusste es nicht.
