Auf heißer Erde - Sir John Retcliffe - E-Book

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Sir John Retcliffe

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Beschreibung

Der packender Roman 'Auf heißer Erde', der unter Briganten am Monte Vittore spielt, erzählt die italienischen Erlebnisse des griechischen Freiheitskämpfers Grimaldi – spannend und unterhaltend, vielschichtig und tiefgründig, informativ und faszinierend.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Zum Geleit
Auf heißer Erde
Ein Geächteter
In der Falle
Verlorenes Glück
Der Kampf um den Turm
Maritana
Banditenrecht
Beim Kreuz von Spoleto!
Gerichtet
Der kleine Verräter
Der Sprung in die Freiheit
Das Fest der schwarzen Liebe
Die Felsengrotten von Kantara
Das Blut Schamyls
Inhalt
Zum Geleit
Auf heißer Erde
Ein Geächteter
In der Falle
Verlorenes Glück
Der Kampf um den Turm
Maritana
Banditenrecht
Beim Kreuz von Spoleto!
Gerichtet
Der kleine Verräter
Der Sprung in die Freiheit
Das Fest der schwarzen Liebe
Die Felsengrotten von Kantara

Sir John Retcliffe

Auf heißer Erde

Der Roman »Auf heißer Erde« und die angefügten Novellen sind aus »Nena Sahib«, »Puebla« und »Sewastopol« herausgelöst. Der vorliegende Band bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Nach den Richtlinien, die wir im Vorwort zu dieser Gesamtausgabe – siehe »Volk in Folter«, Nena Sahib, I. Bd. – gezogen haben, wurden nunmehr sämtliche Werke Retcliffe's sorgfältig durchgearbeitet, von Unstimmigkeiten gereinigt, dem heutigen Geschmack angepaßt und – zum allerersten Mal – durch neuaufgefundene und neue Kapitel, zum Teil erheblich, ergänzt.

Barthel-Winkler

Zum Geleit

Der vorliegende Band bringt den Roman » Auf heißer Erde«, der wie die vorhergehenden aus den historisch-politischen Romanen Sir John Retcliffes herausgeschält, ergänzt und abgerundet worden ist.

In deren Stoffüberfülle sind außerdem oft nur halb angedeutete, fesselnde Skizzen, begonnene Einzelerzählungen unvollkommen geblieben und – bei der vorwärtsstürmenden Haupthandlung – vergessen worden.

Es war daher Sache der Bearbeitung, diese echten Retcliffe-Bruchstücke so herauszumeißeln, daß aus ihnen ein Ganzes wurde.

Der packende Roman »Auf heißer Erde«, der unter Briganten am Monte Vittore spielt, bringt die italienischen Erlebnisse des griechischen Freiheitskämpfers Grimaldi, dem wir später in den Bänden »Volk in Folter«, »Maharani Margarethe« und »Ram, Ram, Mahadeo« wieder begegnen. Er ist dem ersten Band der Nena-Sahib-Romane entnommen; desgleichen die Novelle »Das Fest der schwarzen Liebe«.

»Die Felsengrotten von Kantara« stammen aus dem ersten Band der ehemaligen »Puebla«-Romane, und die markante Gestalt des Grafen Aimé Raousset-Boulbon taucht hier zum erstenmal auf. Seine späteren Abenteuer bringen die Bände »Die Abenteurer der Sonora«, »Zu den Quellen des Bonaventura« und »Goldfieber«.

Aus den vier Krimkrieg-Werken ist die Novelle »Das Blut Schamyls« herausgezogen.

Diese vier Handlungen in den römischen Apenninen, im Buschwerk des Kaplands, auf den Bergen von Algier und in den polnischen Wäldern vereinigen all den romantischen Reiz und die niemals nachlassende Spannung, die auch die größeren Werke Retcliffes auszeichnen. Vielleicht ist gerade auch ihre knappe und dramatische Entwicklung ein Vorzug.

Barthel-Winkler

Auf heißer Erde

Ein Geächteter

Die sengende Glut der Junisonne war milder geworden; Zypressen und Pinien, Berge und Felsen warfen lange, verzerrte Schatten; das Tagesgestirn neigte sich zum Untergang in die blauen Wellen des Mittelländischen Meeres.

Sommer in Italien; aber noch hatte die Hitze nicht Zeit gehabt, aus Moor und Sumpf die giftige, verderbenbringende Malaria zu brauen. Der Duft der Blumen und Kräuter füllte würzig die Luft.

Auf den Höhen der Apenninen erschien die Natur noch kräftiger, frischer als im Tal, die Luft reiner. Aus den Klüften der Abruzzen strich der Seewind der Adria oft kalt herüber.

An einer einsamen, schlecht erhaltenen und nur selten von Reisenden benutzten Seitenstraße, die von Spoleto, der neapolitanischen Grenze, nach Ascoli geht und dort in den großen Küstenweg nach dem Wallfahrtsort Loretto mündet, lag auf dem westlichen Abhang des Gebirgs eine kleine, halb verfallene Osteria. Eine riesige Pinie streckte ihre Äste über das tiefgesenkte Dach. Das ärmliche Haus lehnte an die zerklüfteten Felsen, als finde es darunter einen Versteck; wilder Wein und Efeu wucherten an seinen Wänden und den morschen Holzpfeilern seiner Veranda; das ganze Aussehen der kleinen Herberge ließ darauf schließen, daß es mehr ein Schlupfwinkel der römischen und neapolitanischen Schmuggler oder noch gefährlicheren Gesindels sei, als eine Unterkunft für Reisende.

Der Fremde indes, der unter der Veranda des Hauses, den Kopf in die Hand gestützt, saß, gehörte nicht zu den gewöhnlichen Gästen der Osteria. Sein Äußeres war anziehend und besonders, obwohl er außer dem hohen griechischen Fez einfache französische Kleidung trug. Er war von hohem Wuchs, breiter Brust und breiten Schultern, und mochte ungefähr dreißig Jahre zählen. In der vollen Blüte männlicher Schönheit und Kraft, lag doch eine tiefe Trauer über seinem klassisch edlen Gesicht. Durchsichtige Bräune färbte gleichmäßig die Wangen. Seine tief dunklen, von langen Wimpern beschatteten und von fein gezeichneten, bogenartig nach der Nasenwurzel sich senkenden Brauen überwölbten Augen sannen in Träumerei und matter Ruhe, die sich mit Gedankenschnelle zum Blick kühner Entschlossenheit und unwiderstehlichen Befehls wandeln konnten. Ein dunkler Schnurrbart hing lang über die Mundwinkel herab. Im ganzen Wesen und der Gestalt des Mannes lag soldatischer Charakter, wenn ihm auch die geregelten Formen und Bewegungen der nordländischen Militärerziehung fehlten.

Die Aussicht über die Berghöhen von Fogliano und Norcia war köstlich. Bis nach Spoleto und Trevi hin schweifte der Blick, und durch die Öffnung der Sabinischen Berge ließ sich an den äußersten Grenzen des Horizonts das mit den Wolken verschwimmende Mittelländische Meer erkennen. Im Rücken erhoben sich die dunklen Wände der römischen Apenninen; der Monte Vittore, der Berg der Sybille und der Monte Gatto sperrten die Aussicht nach der adriatischen Küste. Weit hinein in die Felsenklüfte und Höhen der Abruzzen, jenseits der neapolitanischen Grenze, ließ sich der Lauf des hinter Amatrice entspringenden Tronto verfolgen.

Die Augen des Fremden waren auf den einzelnen leuchtenden Punkt des fast fünfzig Miglien entfernten Meeres gerichtet.

Der Wirt der armseligen Posada drückte sich schon lange um den Schweigsamen herum und haschte nach jeder Gelegenheit, um auf ihn einzusprechen. Nun füllte er aufs neue seinen Krug aus dem Ziegenschlauch mit dem Wein von Velletri und schob ihn ihm zu. Als der Gast jetzt wortlos den Krug zurückwies, setzte ihn der Wirt selber, unwillig den Kopf schüttelnd, an den Mund und tat einen langen Zug.

»Nichts für ungut, Signor Capitano! – Aber es ist eine Sünde, die edle Gottesgabe verkommen zu lassen. – Ich trinke auf das Wohl Eurer glücklichen Überfahrt.«

»Der Himmel wird mir nach so vielen Leiden und Gefahren doch endlich einen Weg öffnen!«

»Wahrlich, Kapitän, es war Zeit, daß Euch die guten Väter von St. Benedetto fortschafften, und Theodoros, Euer Diener, Euch zu mir, seinem alten Kameraden, brachte!«

Abermals wartete der Wirt vergeblich auf eine Antwort.

»Ihr wart freilich noch krank und schwach. Aber die österreichischen Spürhunde lungerten arg um das Kloster. An Eurer Stelle, Signor, hätte ich die Amnestie des Heiligen Vaters angenommen, und spazierte jetzt stolz über das Forum. Wenn Ihr's recht angefangen, hätte man Euch am Ende gar Eure alte Kompagnie wiedergegeben! Und ich will ein Schuft sein, wenn ich nicht selber wieder Handgeld genommen hätte!«

Der Capitano schüttelte trübe lächelnd den Kopf.

»Du weißt, Franzesco, daß ein doppelter Preis auf meinen Kopf gesetzt ist. Der Kaiser von Österreich und Seine Herrlichkeit, der König von Ionien, Sir Henry Ward, bemühen sich gemeinschaftlich.«

»Aber die verdammten Franzosen in Rom –«

»Den Franzosen tust du unrecht. General Gemeau hat mich auf meinen Brief wissen lassen, daß es ihm unmöglich sei, ohne seine strengen Befehle zu brechen, mir offen Schutz zu gewähren. Aber der Wink wegen der französischen Handelsbrigg, die in Ancona ankert, gleicht die Weigerung vollkommen aus. Wäre ich in die Hände der Schergen Neapels gefallen, hätte man mich, wenn auch nicht nach Korfu, doch sicher an die Österreicher ausgeliefert. – Ob Theodoros morgen abend in Ripatransone sein wird?«

»Unmöglich, Signor Capitano«, erklärte der Wirt. »So gewandt und verschlagen der Bursche ist, so sind es doch neunzig Miglien bis Ancona, und sechzig von dort zurück nach Ripatransone. Er braucht Zeit, um den französischen Schiffer zu finden und sich mit ihm zu verständigen.«

»Also dann erst übermorgen abend!«

»Seid unbesorgt, Signor! Euer Weg durch die Gebirge über Force und Montalto ist zwar länger als die Poststraße über Ascoli, aber wenig besucht. Und die Soldaten haben genug zu tun in den Scharmützeln mit den Räuberbanden, um auf einen einzelnen Reisenden zu achten; benutzen Sie nur meinen Rat und meine Kleidung. – Die Verwegenheit dieses Teufels, des Pepe Mamiami, wird alle Tage größer! Bei der Jungfrau, ich sage Ihnen, es sind tapfere Burschen unter seiner Bande, die sich auf den Mauern Roms gegen die französischen Kanonen verteidigten und unter Garibaldi sechs Wochen lang in den Apenninen gegen Österreicher, Franzosen und Neapolitaner gekämpft haben.«

»Ich glaubte, sie seien alle entkommen oder hätten die Amnestie angenommen?«

»Ah bah« – der Wirt warf mit einer verächtlichen Gebärde die Finger von sich – »Amnestie! Was braucht jemand Amnestie, der sein Stilett und seine Büchse hat und die Felsenpfade der Apenninen kennt! – Als General Garibaldi von der Fregatte Oreste – versenkt sei sie auf den Grund des Meeres! – bei der Flucht nach Venetia sich angegriffen sah und die Küste bei Volano wieder gewann, suchten seine Begleiter in den Gebirgen Schutz. Heilige Mutter von Loretto, was blieb ihnen übrig, als ehrliche Banditen zu werden? – Der Mensch will leben, Signor! Sie fechten für ihre Freiheit, wie sie vor zwei Jahren für die Freiheit Italiens fochten. Dennoch, glaube ich, würden Sie manchen Mann unter den Leuten der Berge finden, der Sie gern auf das französische Schiff begleiten möchte.«

Ein Peitschenknall, das Geklingel von Maultieren, das Wiehern von Pferden und Geschrei der Vetturins auf der durch Felsen verdeckten, sich aus der Tiefe emporwindenden Straße unterbrach das Gespräch.

Beide horchten auf das Geräusch. Dann warf der Kapitän einen Blick umher, als ob er sich vor neuen Ankömmlingen unbemerkt entfernen wolle; aber die Felsenspalten zu erreichen, war nicht mehr Zeit. Der Flüchtling hatte kaum das kleine Gemach der Osteria betreten, als einer der Reiter, den anderen voran, vor die Osteria sprengte und laut nach Bedienung rief.

Bestürzt blickte der Wirt auf seinen Gast.

»Gebenedeite Mutter der sieben Schmerzen,« jammerte er, »ich bin verloren, wenn man Sie hier findet! – Geschwind hinaus, Signor, durch das hintere Fenster! Der wilde Wein verbirgt Ihre Flucht und Sie sind schnell zwischen den Felsen in Sicherheit.«

Der Capitano schaute durch das Fenster und winkte abwehrend.

»Geh ruhig hinaus«, sagte er. »Nimm dem Herrn das Maultier ab. Wenn ich recht sehe, habe ich von ihm nichts zu fürchten. Und sollte es sein, je nun, so oder so muß es einmal zu Ende gehen.«

Er kreuzte die Arme, blieb ruhig, an das Fenster gelehnt, stehen und erwartete die Ankommenden. Der Reiter warf dem Wirt die Zügel zu, gab ihm einige Anweisungen und trat ins Haus.

Der Reisende war ein ernster Mann mit Anstand und ruhiger Würde, etwas älter als der Capitano. Helles Haar, durchsichtig blaue Augen und gemessene Haltung bezeichneten ihn als einen Sohn Englands. Aber seinem kräftigen selbstbewußten Gesicht fehlte nicht ein Zug von Milde und Wohlwollen. Er begrüßte den Anwesenden in italienischer Sprache. Kaum aber hatte er ihn näher betrachtet, als sein Fuß wie gebannt an der Schwelle haften blieb. Mit erstaunten, aber auch zugleich besorgten Blicken maß er den Offizier.

»Um Gott,« sagte er endlich, »Sie sind es wirklich, Kapitän Grimaldi? Sie sind noch hier in diesem unglücklichen Land? – Kaum traue ich meinen Augen! Ich glaubte Sie in Griechenland, längst in Sicherheit!«

Der Kapitän Grimaldi trat rasch auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

»Richard Hunter – so sind wir also noch immer Freunde – trotz dem Preise, den Ihr Oheim, Sir Henry Ward, auf meinen Kopf gesetzt?«

»Wie können Sie zweifeln? – Ich las jene traurige Ankündigung in den Zeitungen.«

»Sie kommen nicht von Korfu?«

»Nein, Freund – ich komme von London – über Rom. Schon vor zwei Jahren habe ich Korfu verlassen und von Ihnen nur gehört, daß Sie an dem Kampf in Venedig und später an dem Aufstand in Kephalonien teilgenommen haben. – Ich bitte Sie, erzählen Sie mir von Ihren Schicksalen«, bat Richard Hunter teilnahmsvoll.

Der Kapitän lächelte.

»Sie wissen, daß ich wegen meines Widerstandes im Senat und wegen der Unterzeichnung des Aufrufes für den Anschluß an Griechenland von Korfu verbannt wurde. Ich ging nach Rom zurück und trat in die päpstliche Leibgarde, in der ich schon früher gedient. Das war im Jahre achtundvierzig; drei Monate nachher wurde Graf Rossi ermordet und die römische Revolution brach aus.«

»Sie schlossen sich ihr an?«

»Nein, Sir! Ich hatte dem Heiligen Vater meinen Eid geleistet und schlug mich mit den Schweizer Kompagnien und meinen Albanesen drei Tage lang in den Straßen Roms. Sie wissen, daß das Volk gegen uns Partei nahm. Der Papst erkannte die provisorische Regierung an und floh. Die Leibwache wurde aufgelöst. Als ich, von einer Wunde genesen, mich nach Griechenland einschiffen wollte, traf die Nachricht von der Bedrohung Venedigs durch die Österreicher ein. Sie wissen, daß Venedig die alte Heimat meines Geschlechts ist – sein Name stand in den goldenen Büchern der Republik verzeichnet.«

»Wer kennt den Namen Grimaldi nicht aus der Geschichte?«

»Meine Familie wohnte seit hundertfünfzig Jahren auf ihren großen Besitzungen in Korfu und Zante. Aber die alte Heimat blieb uns so teuer wie die neue. Ich eilte nach Venedig, wie viele andere von den griechischen Inseln, und half, das Fort Sankt Secondo gegen die österreichischen Schergen verteidigen. Die Welt kennt unsern Kampf unter Manin. Auch Garibaldi stieß nach dem Fall von Rom zu uns. Als General Pepe am 22. August auf der Villa Papadopoli den Vertrag zur Übergabe Venedigs mit Radetzky schloß, flüchtete ich mit mehreren meiner Gefährten auf einem Handelsschiff – zurück in meine Heimat. Verbannt aus Korfu, wollte ich Zante nur betreten, um meine Verhältnisse zu ordnen und nach Griechenland zu gehen. Im Hafen von Korfu – an Bord des neutralen Schiffs – wurde ich verhaftet und in die Kerker der Zitadelle gebracht! In Kephalonien war am 27. August die Erhebung erfolgt, die Freiheit der Republik oder die Vereinigung mit Griechenland forderte. Mein älterer Bruder, Anastasio, stand an ihrer Spitze. Dreihundert Ionier, darunter Männer aus den edelsten Familien, wurden von Ihren Landsleuten, den Briten, hingerichtet – von Ihrer Nation, der Europa den Schutz des jungen Staates anvertraut – und die uns zu ihren Knechten gemacht hat! – Ich sah sie sterben, die Märtyrer ihrer Rechte, am Galgen – auf der Esplanada von Korfu. Neun Monate später öffnete sich die Tür meines Kerkers – ein Freund hatte an den Gefangenen gedacht und sich seiner angenommen. Mir wurde bedeutet, nach Zante zu gehen und dort unter strenger Aufsicht, fern von aller politischen Teilnahme, zu leben – widrigenfalls mich das Schicksal meines Bruders erwarte.«

Richard Hunter senkte den Blick vor den flammenden Augen Grimaldis.

»Es ist hart mit Ihnen von der Regierung verfahren, ich gestehe es.«

»Das sagen Sie, der Engländer«, lachte in bitterem Hohn der Kapitän. »Bedenken Sie, wie ich, wie jeder Ionier in seinem Herzen fühlt! – Englische Festungen und drohende Kanonen auf jeder Spitze unserer Felsen! Die Wappen Englands auf jedem unserer öffentlichen Gebäude; jedes Amt, jeder Posten, bis zu dem geringsten herab, in den Händen jüngerer Söhne und Müßiggänger, die England hier versorgt; die reichen Einkünfte unserer Ernten nicht zur Kultur unseres Landes, sondern zum Unterhalt eines vertragswidrigen Heeres, zum Bau neuer Zwingburgen, zur Bereicherung habsüchtiger Beamten verwendet! Unser Parlament – eine Spielerei ohne Bedeutung, die jede Laune Ihres Onkels auflöst, bis sie seinen Willen tut. Freie Presse, ein Wahn unter der liberalen Herrschaft Englands – außer der Regierungsdruckerei in Korfu duldet es ja doch keine Druckerei, keine Zeitung in dem ganzen Staat! Sagen Sie selber,« – er faßte den Arm des Briten – »habe ich mit einer Silbe übertrieben?«

Richard Hunter senkte abermals den Kopf. Ein düsteres Schweigen hing im Raum.

»Ich ging nach Zante, auf das kleine Eigentum, das bei der Beschlagnahme unserer Güter mir blieb«, fuhr beherrscht der Kapitän fort. »Das untätige Leben, das tägliche Schauspiel maßloser Unterdrückung fraß an meinem Herzen. Ich schrieb an meine Freunde in Athen, um in das griechische Heer zu treten – das arme Griechenland war geknechtet, gleich uns. England forderte, allem Völkerrecht zum Trotz, die Inseln Sapienza und Cervi für sein Ionien – und dreimalhunderttausend Drachmen für fremde Kaufleute, die von irgendeinem Räuber geplündert waren. Seine Flotte sperrte den Piräus. Seine Willkür hatte alle griechischen Schiffe beschlagnahmt, trotz dem Widerspruch Frankreichs und Rußlands. Kein Ionier durfte in Griechenland Zuflucht finden – meine Hoffnung war vereitelt. Ich lebte kümmerlich – nur der Schmerz in meinem Innern wuchs riesengroß. Da kam von den albanesischen Küsten und aus Montenegro die heimliche Nachricht zu uns, daß russische Agenten sich dort aufhielten. Ich konnte nicht hinüber, denn jeder meiner Schritte war bewacht, jeder Ausflug verboten. Heimlich kam ich mit getreuen Männern zusammen. Ich sandte einen vertrauten Diener mit Briefen ab nach Patras, in denen wir dem alten Freund Griechenlands, dem Zaren, unsere Dienste anboten und von ihm Hilfe für unser Elend forderten.«

Wieder unterbrach sich der Kapitän. Die Unruhe trieb ihn im Zimmer auf und ab.

»In einer Oktobernacht – das Meer stürmte – klopfte es an meine Haustür. Ein Unbekannter reichte ein Papier herein und verschwand. Mein alter Diener Theodoros, der mich nie verlassen hat, brachte mir den Zettel. Er enthielt die Worte:

›Fliehen Sie – die Briefe nach Petersburg sind aufgefangen und in den Händen Sir Henry Wards. Befehl zu Ihrer Verhaftung! Der Weg nach Griechenland gesperrt. – Italien!‹

Noch in der Nacht erreichte ich Vromi, und schiffte mich auf einer Barke ein. Nach zwei Tagen Umherkreuzen auf offenem Meer – jede Stunde konnte zehnmal den Tod bringen – trafen wir ein Messina-Schiff, das nach Tarent ging. So erreichte ich das Festland.«

»Doch wie kommen Sie aus Kalabrien hierher, nach so langer Zeit – warum suchten Sie nicht längst Schutz in einem anderen Land?«

»Fragen Sie die Motte, warum sie das Licht nicht flieht, das ihre Flügel versengt!« sagte mit trübem Spott der Capitano. »Es war nicht möglich! – In Neapel konnte ich nicht hoffen, mich einzuschiffen; durch den Aufstand in Sizilien war hier die Aufsicht streng und ausgedehnt. Ich glaubte im römischen Gebiet leichter die Küste des Mittelländischen Meeres zu erreichen und durchwanderte die Abruzzen. In Rieti, auf päpstlichem Gebiet, wurde ich erkannt – kaum entrann ich den Österreichern; denn mein Name stand von Venedig her auf ihrer Liste. Mein plötzliches Erscheinen galt als Beweis neuer revolutionärer Versuche; der englische Konsul in Rom, Ihr Gesandter in Neapel schlossen sich der Verfolgung an. Gehetzt wie der Eber der Abruzzen, floh ich zurück in die Gebirge.«

»Armer Freund!«

»Ein Preis stand auf meinen Kopf – meine Kraft war gebrochen; im Schnee der Apenninen sank ich fiebernd zusammen und wünschte mir den Tod. Mein treuer Diener Theodoros trug mich an die Pforten des Klosters St. Benedetto – hoch im Gebirg an der neapolitanischen Grenze. Dort lag ich monatelang krank, geborgen im Schutz der frommen Väter. Sie entließen mich nach meiner Genesung erst dann, als mir durch einen Zufall Verrat und Gefahr drohte. Seit zehn Tagen bin ich hier bei einem Mann, der vor Jahren in Rom unter mir gedient hat – dem Wirt dieser Schenke. Sein Dank gibt mir Obdach!«

Kapitän Grimaldi stützte sich auf den Tisch. Richard Hunter sah ihn mitfühlend an.

»Und was gedenken Sie zu tun? Wie kann ich Ihnm helfen? – Wenn ich auch ein Diener der Religion und des Friedens bin – ich scheue keine Gefahr, um dem Freund, dem Retter meines Lebens in den Schluchten des St. Salvador zu beweisen, daß die Verschiedenheit politischer Meinungen nicht die Pflichten der Dankbarkeit und der Freundschaft aufhebt.«

Kapitän Grimaldi reichte ihm die Hand.

»Ich weiß, es fehlt nicht an edlen Herzen in Ihrem Volk. An Herzen, so groß und schön, so stolz und edel, wie Gott sie nur schaffen konnte... Vielleicht ist Ihre Hilfe unnötig. – In Ancona ankert ein französischer Kauffahrer, der mich an der Küste aufnehmen soll. In Ripatransone erwarte ich Botschaft. Es gilt nur, diesen Ort ungefährdet zu erreichen.«

»Das träfe sich herrlich«, sagte Hunter lebhaft. »Wir gehen nach Ascoli und an die Küste. Niemand in unserer Reisegesellschaft kennt Sie – Sie werden uns begleiten.«

»Sie haben mir noch nicht erzählt, welcher Zufall Sie in diese Gebirge führt, und wer Ihre Begleiter sind?«

»Vier junge Landsleute, jüngere Söhne erster englischer Familien, die meiner Obhut anvertraut sind. Ich habe mit ihnen die Reise durch Frankreich, Deutschland und Italien gemacht. Ihre Bestimmung ruft sie in das Heer und die Verwaltung nach Ostindien. Und dorthin, Freund Grimaldi, führt auch mich mein Schicksal. Ich gehöre zur Mission von Bengalen. Wenn ich mein Lebensglück durch die Erfüllung meines teuersten Wunsches gesichert habe, reise ich nach Suez, um mich von dort nach Kalkutta mit meiner künftigen Gattin einzuschiffen. – Doch da kommen meine Begleiter – und wenn Sie auch keiner kennt, ist es doch nötig, Sie unter anderm Namen einzuführen.«

Während der Unterredung der Freunde im Innern der Osteria war vor der Tür die Gesellschaft angekommen und hatte haltgemacht. Mehrere Reiter stiegen von ihren Eseln und Maultieren. Ein leichter Karren mit Gepäck wurde an das Haus geschoben. Vier junge Männer, von denen noch keiner das zwanzigste Jahr erreicht hatte, riefen lachend und auf den schlechten Gebirgsweg scheltend nach ihrem Begleiter. Lärmend kamen die jungen Herren ins Haus. Der Vikar, dessen Ansehen und ruhiger Würde sich alle bereitwillig zu fügen schienen, trat ihnen entgegen und führte ihnen den Kapitän zu.

»Sehen Sie, wie glücklich ich gewesen bin, daß ich diesmal Ihrem Willen nachgegeben und statt der großen Straße den Weg durchs Gebirge eingeschlagen habe!« sagte er. »Ein Glück läßt mich in dieser Osteria einen alten Freund aus Neapel, den Conte di Griffeo treffen. Erlauben Sie mir, lieber Graf, Ihnen hier meine jungen Reisegefährten vorzustellen: Fähnrich Stuart Sanders, in Ihrer Majestät 84. Regiment in Ostindien; Kornett Pond, der Neffe des Generals Wheeler; Hugh Flinton und James Ward, mein Vetter, der Sohn meines Oheims in Korfu, der seither in England erzogen wurde.«

Kapitän Grimaldi verneigte sich höflich vor den jungen Männern. Seine stolze, edle Erscheinung gefiel ihnen, und da er englisch sprach, war die Unterhaltung bald im Gang. Die Diener gaben den ermüdeten Tieren Futter, und der Wirt schaffte für die Gäste einige Flaschen Wein von Montefiascone herbei, mit denen sein Felsenkeller durch Schmuggler reich versehen war.

Im Laufe des Gespräches fragte Grimaldi, weshalb sein Freund Hunter, den er vor drei Jahren in Korfu als Kaplan gekannt hatte, einen Posten in der indischen Mission angenommen habe und so weit von der Heimat sein Glück suchen wolle.

»Ich will wirken, schaffen in meinem Beruf – und dazu ist in England wenig Platz«, antwortete Richard Hunter. »Vielleicht ist es auch der Drang, der uns Briten so häufig nach fernen Zonen zieht. Sie werden sich erinnern, daß ich die Naturwissenschaften mit Vorliebe treibe und schon in Korfu jede freie Stunde dazu benutzte.« Er wandte sich an seine jungen Freunde. »Gerade diese Neigung hat auch unser Freundschaftsbündnis geschlossen, als mich der Conte mit Lebensgefahr aus der Felsenschlucht und der wütenden Brandung rettete, in die ich durch einen Sturz geriet.« Er drückte Grimaldi die Hand. »Dort, wohin ich gehe, will ich der Natur und den mächtigen Erinnerungen der Vorzeit leben. Indien ist noch immer ein jungfräuliches Land, das alle Herrschsucht, alle falschen Maßregeln der Ostindischen Kompagnie nicht zugrunde zu richten vermocht haben. Eine großartige Natur – die ganze, ursprüngliche Wissenschaft und Bildung des Menschengeschlechts – erwarten mich dort; der Charakter des Volkes ist weich und empfänglich; die Segnungen des Christentums haben ein weites, ergiebiges Feld und – es ist unnütz, es Ihnen zu verhehlen – auch der Gedanke zieht mich an, so manches Unrecht, das meine Landsleute den armen Hindus zufügen, durch Gottes Wort vergüten zu können. Darum nahm ich das Anerbieten des Erzbischofs von Canterbury an, zu dessen Diözese das Indische Reich gehört. Und – da die Frau, der meine Achtung und meine Liebe gehört, eingewilligt hat, mir dahin zu folgen – ja gewissermaßen die Anregung dazu gab – wollen wir beide mit dem Leben und für das Leben kämpfen.«

Er sah Grimaldi warm an und führte ihn auf die Seite.

»Eine liebe Erinnerung würde es für mich sein, wenn ich beim Verlassen Europas noch zur Sicherung Ihres Schicksals das Meine tun könnte. Nehmen Sie meinen Vorschlag an! Sie können ohne Gefährdung mit uns reisen. Wir haben genügende Papiere, die uns gegen alle Belästigungen, auch der österreichischen Militärwachen, schützen; überdies ist einer der kommandierenden Offiziere durch die Schwester meines Vaters, die nach Deutschland heiratete, mir verwandt. Wir wollen bald weiter; denn wir beabsichtigen noch vor Anbruch der Nacht Osole zu erreichen. Ich stehe für Ihre Sicherheit und habe die Freude, Ihnen ein klein wenig meine Schuld abzutragen.«

Der Kapitän schlug ein.

»Ich erkenne Ihre Güte,« sagte er, »und weiß, wem ich vertraue. Aber auf eins möchte ich Sie aufmerksam machen. Sie kennen diese Gebirge zu wenig, und die Sonne naht schon ihrem Untergang. Es ist selbst bei Tage auf diesen Nebenwegen, ja häufig auf der großen Landstraße, zu reisen gefährlich. Zahlreiche Banden lagern auf dem Monte Vittore und in den Abruzzen, und streifen oft hier herüber, ja bis an die große Straße von Foligno und an die Meeresküste. Es würde besser sein, während der Nacht hierzubleiben.«

»So besorgt, Freund?« erwiderte lachend der Vikar. »Sie haben doch schon so lange selber in dieser Wildnis zugebracht! Nein, wir müssen fort. Wir sind, außer dem Führer und den beiden Treibern der Maultiere, zehn gut bewaffnete Männer. Und wenn mein Amt auch friedlich ist, verstehe ich doch im Notfall sehr gut, mich der Waffen zu bedienen. Es fehlt mir nicht an Willen und Mut dazu. – Überdies« – ein Lächeln umspielte seinen Mund – »werde ich morgen erwartet, und denke, auch Ihnen eine kleine Überraschung zu bereiten. – Die Räuberbanden haben sich nach Berichten, die wir in Terni erhielten, gänzlich auf das neapolitanische Gebiet, in die unzugänglichsten Teile der Abruzzen zurückgezogen, da sie überall von den französischen und österreichischen Truppen bedrängt werden. Starke Streifkorps sind auf der ganzen Grenze verteilt. Ich hätte sonst sicherlich nicht diesen Weg gewählt. – Heda, Wirt, wie weit rechnet Ihr noch bis Osole?«

»Neun Miglien, Exzellenza zu dienen.«

»Werden wir noch vor Einbruch der Nacht den Ort erreichen?«

Der Wirt zuckte vielsagend die Achseln.

»Die Wege durchs Gebirge sind beschwerlich, Exzellenza«, sagte er. »Wenn ich's mir herausnehmen dürfte, einem so vornehmen Herrn zu raten, möchte ich ihn bitten, mit meiner geringen Osteria fürlieb zu nehmen, oder auch nach Norcia zurückzukehren. Es hält sich viel Gesindel in den Bergen auf. Sonst sind aber durch die schlechte Zeit ganz ehrliche Leute gezwungen, mit Büchse und Stiletto ihr Brot zu verdienen; die Bauern in den Tälern munkeln sogar, daß der glorreiche Pepe Mamiami« – er sah sich vorsichtig um – »ein so blutdürstiger und verwegener Schurke, wie Exzellenza nur einen denken können – wieder seine Streifzüge über die Grenze macht. Exzellenza könnte ein Unfall betreffen, und ich wäre untröstlich...«

»Schon gut, Herr Wirt«, unterbrach ihn Hunter. »Wir haben noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergang vor uns. Ich frage Euch, ob es möglich ist, in zwei Stunden Osole zu erreichen?«

»Möglich wohl, Exzellenza, indes – die Jahreszeit –«

»Lassen Sie die Tiere vorführen, James. Sie, lieber Pond, treiben unsere Führer zum Aufbruch; die Kerle besitzen eine großartige Faulheit. – Wie bringen wir Sie aber fort, mein Freund?« wandte er sich leise an den Kapitän. »Einer unserer Bedienten mag sich auf den Karren setzen und Ihnen sein Maultier abtreten.«

»Machen Sie sich keine Sorge deshalb«, erwiderte der angebliche Conte di Griffeo. »Ich besitze ein kleines Gebirgspferd; es befindet sich hier in der Nähe. – Wenn Sie erlauben, meine Herren, schließe ich mich Ihrer Gesellschaft an, bis unsere Wege sich trennen. – Holen Sie mein Pferd, Franzesco; und Sie, Freund Hunter, warten Sie nicht auf mich. Treten Sie den Weg nur an. Dort erheben sich schwere Wolken über dem Monte Cavallo. In wenigen Minuten hole ich Sie ein.«

Er reichte dem Geistlichen herzlich die Hand, winkte dem Wirt und verschwand mit ihm.

Die Dienerschaft legte den Tieren wieder Sättel und Zäume an. Die Führer und Träger, mit mürrischen, verdrossenen Mienen über den schleunigen Aufbruch, nahmen das Gepäck auf und schickten sich nach allerlei Zögern zum Weitergehen an. Endlich war alles bereit. Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran schritt ein starker und rauh aussehender Gebirgsbewohner als Führer. Er gab Richard Hunter auf seine Fragen nur kurze Antworten und erweckte wenig Zutrauen.

Die wilde Straße führte in die Berge hinein. Die sinkende Sonne warf auf die Hecken von wilden Feigen und Taxus und auf die bläulichen Schiefer des Gesteins rote Strahlen.

Franzesco, der Wirt, hatte inzwischen das kleine Gebirgspferd, das er für den Kapitän gekauft, aus der Felsenspalte geholt, die als Stall eingerichtet war. Markos Grimaldi teilte den spärlichen Inhalt seiner Börse und legte die Geldstücke heimlich auf den Fenstersims für den Getreuen. Dann gab er ihm die nötigen Anweisungen für den Fall, daß er seinen Diener und Fluchtgefährten in Ripatransone nicht treffen sollte, und bestimmte einen Ort an der Küste zum Stelldichein.

Der Capitano nahm die Zügel aus der Hand des alten Wirtes und legte ihm die Linke auf die Schulter.

»Lebe wohl, braver Mann«, sagte er. »Das Schicksal zwingt mich, zu gehen – ich glaube auf immer. Kann ich dir je vergelten, was du in deiner Treue für mich getan, so soll es, bei Gott, geschehen – wenn nicht, nimm fürlieb mit dem Dank eines Heimatlosen.«

Weinend, mit tausend Segenswünschen, beugte sich der Wirt der Osteria auf die Hand und küßte sie; Grimaldi drückte ihn an die Brust, dann sprang er in den Sattel.

Das kräftige Tier jagte davon. Franzesco, der Wirt, winkte noch lange dem Scheidenden nach.

In der Falle

Die Dämmerung nahte, als Grimaldi den Zug erreichte. Er schloß sich seinem Freund an. Eine kurze Strecke hinter den Dienern folgend, plauderte er mit ihm über die gemeinschaftlichen Erinnerungen und die Europa erschütternden Ereignisse der letzten zwei Jahre.

So achteten sie wenig darauf, daß drohende Gewitterwolken den Abendhimmel umzogen und den Weg verdunkelten, der sich, fast zur Unkenntlichkeit verlaufend, immer tiefer und wüster in die Berge hineinzog. Erst als das ferne Wetterleuchten zwischen den Berggipfeln aufblitzte, und der Diener des Geistlichen, ein Schotte von gesetzten Jahren, zu ihnen herankam, schreckte Grimaldi hoch.

Der Diener raunte ihnen zu, er fürchte, sie seien längst vom rechten Weg abgekommen. Der Führer flüstere fortwährend mit den beiden Maultiertreibern, und scheine ihm verdächtig. Da fiel es auch Hunter und Grimaldi auf, daß sie die von dem Wirt angegebene Entfernung schon zurückgelegt haben, oder wenigstens Osole sehr nahe sein mußten. Dennoch war im Dunkel keine Spur einer von Menschen bewohnten Gegend zu sehen.

Beide begannen die Besorgnisse des Dieners für begründet zu halten. Hunter wollte sofort den Führer rufen. Der Kapitän jedoch hielt ihn zurück und bat, ihm erst eine kurze, scheinbar absichtslose Prüfung des Mannes zu gestatten. Er trennte sich von ihm, und ritt nach der Spitze des Zuges. Dort stieg er ab und ging neben dem Führer her. Er bat um Feuer für seine Zigarette und knüpfte ein Gespräch mit ihm an.

Der Mann blieb jedoch, gegen die Gewohnheit der Italiener, sehr einsilbig. Sein Gesicht war von einem ergrauenden Bart umgeben und durch eine tiefe, über die Nase laufende und sie verunstaltende Narbe gezeichnet.

»Wie weit rechnet Ihr noch bis Osole, Amico?« fragte Grimaldi leicht.

»Drei Miglien, Exzellenza. Die Wege sind schlecht, und wir haben nur wenig über die Hälfte hinter uns.«

Grimaldi wußte, daß der Mann log; sie waren jetzt zwei volle Stunden unterwegs, und konnten, auch bei dem schlechtesten Weg, die Entfernung nach Osole recht gut zurückgelegt haben. Er unterdrückte jedoch alle weiteren kritischen Bemerkungen.

»Jedenfalls müssen wir über Gatto hinaus sein; und dennoch habe ich keine Spur davon gesehen.«

»Exzellenza müßten dazu Adleraugen haben – es liegt dort hinter jenen Bergen.

Er wies nach links. Doch war es dem Kapitän aufgefallen, daß sie von der Osteria, statt geradeaus, sich immer links gehalten hatten, so daß sie also auf den Weiler hätten stoßen müssen.

»Das Wetter scheint drohend zu werden«, fuhr Grimaldi fort. »Es wird Zeit, daß wir unser Nachtlager bald erreichen. – Ihr seid doch Eures Weges sicher, Freund? Wo seid Ihr her? Wie ist Euer Name?«

»Antonio Pescare – aus der Campagna, Signor. Ich mache den Weg jetzt fünfzehn Jahre und kenne jeden Stein.«

Der Mensch log wieder. Der Dialekt der italienischen Landschaften ist so verschieden, daß man leicht daraus die Heimat eines Mannes erkennen kann. Der des Führers war offenbar nicht der römische, sondern der des Bergbewohners von Kalabrien. Überdies hatte Franzesco, der Wirt, der jetzt

schon zwei Jahre die Osteria an der Straße hielt, geäußert, der Führer sei ihm unbekannt.

Unauffällig blieb der Kapitän langsam zurück, bis er sich wieder an der Seite des Freundes befand.

»Ich möchte Ihnen gern eine bessere Kunde geben«, sagte er zu Hunter. »Ich glaube, wir befinden uns in sehr schlechten Händen. Der Führer ist offenbar nicht das, für was er sich ausgibt. Er hat uns vom rechten Weg abgeführt. Ich bin überzeugt, daß wir weit links, in den wildesten Teil des Gebirges, geraten sind. Es wäre das beste, daß wir uns seiner versichern und dann unsern Weg zurückgehen. Ihn nicht aus den Augen und aus unserer Gewalt zu lassen, wird jedenfalls nötig sein.«

Der Vikar Hunter war bestürzt, doch kannte er Grimaldi genug, um sich auf ihn zu verlassen.

Nach kurzer Beratung beschlossen sie, daß Hunter sich zum Führer begeben und die Umkehr befehlen sollte. Der Kapitän blieb zurück, um die Leute im Auge zu behalten und die Flucht zu verhindern.

Hunter gab der kleinen Karawane das Zeichen zum Halten und ritt zum Führer hin. Antonio Pescare, auf seinen langen Gebirgsstock gestützt, erwartete ihn trotzig.

»Meine Begleiter und ich sind der Ansicht,« sagte er freundlich, »daß wir zuweit links in die Berge geraten sind. Was meint Ihr dazu, Freund?«

Pescare schaute ihn mißtrauisch von der Seite an.

»Wenn Exzellenza in diesen Bergen besser Bescheid zu wissen meinen als ich, so werden Sie am besten tun, sich selber zu führen.«

»Dazu habe ich Euch gemietet«, sagte der Geistliche ernst. »Ihr müßt uns dahin geleiten, wohin ich es Euch bestimme. Jetzt werden wir unsern Weg zurücknehmen nach der Osteria, die wir vor zwei Stunden verlassen haben. – Also laßt die Tiere und die Leute umwenden.«

Der Führer biß die Zähne zusammen und warf tückische Blicke auf den Sprechenden.

»Ich und meine Gefährten gehen keinen Schritt zurück; wir versprachen, Sie nach Osole zu bringen. Wir haben selber Geschäfte dort; unser Weg geht vorwärts!«

Damit steckte er den Finger in den Mund, tat einen schrillen Pfiff und schritt, unbekümmert um die Reisenden, voran. Die beiden Maultiertreiber blickten bei dem Laut aufmerksam nach ihm hin, wie ein Pferd die Ohren spitzt, wenn der Ton der Trompete zum Kampf ruft. Hunter aber, von seinem Verdacht jetzt überzeugt, war rasch an seiner Seite und packte ihn beim Kragen.

»Halt, Kerl!« rief er. »Wenn du nicht in Güte hörst, werden wir dich zum Gehorsam zwingen.«

»Laßt mich los, Signor, oder...«

»Henry – herbei!« schrie Hunter dem Bedienten zu, »Faßt mir den Halunken und bindet ihn!«

»Maladetta bestia!« knirschte der Italiener.

Er riß sich mit einem Ruck aus den Händen des Engländers. Hunter fühlte die Schneide eines Messers an seinem linken Arm hingleiten und leicht das Fleisch ritzen; durch eine rasche Bewegung aber entging er dem Stoß und versuchte aufs neue, den Burschen zu fassen; denn er war ein Mann von großem Mut und bedeutender Körperkraft. Aber mit der Gewandtheit einer Katze war Pescare an den Wegrand gesprungen, der sich abschüssig in dichtes Gebüsch senkte, und ließ einen zweiten Pfiff ertönen. Ein Gegenruf der beiden Maultiertreiber antwortete.

Ehe die Reisenden oder ihre Diener es verhindern konnten, waren sie aus der Reihe gesprungen, und kletterten an den Felsen hoch. Ein greller Blitz aus der Wolkenwand, die sich über den nördlichen und östlichen Himmel türmte, zeigte Antonio, den Führer, im Gebüsch, und sein höhnisches Lachen wurde vom Donner verschlungen. Dann erscholl der Knall eines Pistols. Ein zorniger italienischer Fluch – und der Verräter verschwand am Abhang.

Die Gesellschaft wußte kaum, was das alles zu bedeuten hatte. Die jungen Männer schrien und fragten bunt durcheinander. Nur Hunter und der Kapitän behaupteten ihre ruhige Entschlossenheit. Grimaldi, der den Schuß auf den Flüchtling getan, behauptete mit Bestimmtheit, er müsse ihn verwundet haben. Mit flüchtigen Worten wurde den anderen ihre gefährliche Lage klargemacht. Ein rascher Entschluß war um so nötiger, als plötzlich das Unwetter in voller Kraft losbrach.

Schlag auf Schlag entlud sich. Menschen und Tiere schienen minutenlang an dem hohen Abhang im Feuer zu stehen. Blitze kreuzten sich über den Köpfen und unter den Füßen der Reisenden. Der Donner durchdröhnte unaufhörlich die Luft in so gewaltigen, vom Echo hundertfach wiederholten Schlägen, daß die Maultiere zitternd, mit gesträubter Mähne an ihrem Platze hielten, und die Menschen fast betäubt wurden. Dennoch geschah kein Unglück.

Ebenso rasch, wie die Wolken im Sturm dahergebraust, flogen sie vorüber und senkten sich in die nahen Talkessel. Eine Hagelwolke wetterte ihre scharfen, eisigen Körner in dichten Massen nieder. Nur mit der größten Anstrengung gelang es den Herren und Dienern, die Tiere festzuhalten, daß sie nicht in blinder Tollheit, ohne Ziel und Pfad, davon rannten.

Die Reisenden befanden sich in einer trostlosen, durch die Ungewißheit um so gefährlicheren Lage. Wie in solchen Augenblicken sich die kräftigen, entschlossenen Menschen stets der Leitung bemächtigen, so geschah es auch hier: der angebliche neapolitanische Graf trat an ihre Spitze.

Den jungen Männern und den Dienern, unter denen sich nur zwei aus Rom befanden, deutete Grimaldi die Gefahr der Lage an. Auf sein Drängen beschloß man, nicht die Umkehr zu versuchen, sondern, trotz dem noch immer tobenden und sich in heftige Regengüsse auflösenden Wetter vorwärtszubringen. Grimaldi erklärte die Gründe, die ihn zu diesem Vorschlag bewogen.

Offenbar hatten die Entwichenen, die sich der Gesellschaft auf dem letzten Halt in der Nähe von Norcia als Führer aufgedrängt, von vornherein die Absicht gehabt, sie unterwegs irrezuleiten und in irgendeinen Hinterhalt zu locken. Es ließ sich mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß wenigstens der eine zu einer Bande gehörte, und die Vetturins die willigen Werkzeuge waren.

Da man nun den Entschluß geäußert hatte, nach der Osteria Franzescos zurückzukehren, so würden die Verräter sie gewiß mit ihren Genossen auf dem Weg dahin im Dunkel der Nacht überfallen. Selbst im glücklichsten Fall bot die einsam gelegene, von jeder Hilfe abgeschnittene Osteria keinen genügenden Schutz gegen einen Angriff.

Dagegen war es möglich, bei mutigem Vorwärtsdringen durch das Unerwartete den harrenden Feinden zu entgehen. Sie mußten durch das Unwetter ebenso behindert sein wie die Reisenden. Der strömende Regen verwischte jede Spur ihres Zuges. Auch wenn sie keine bewohnte Gegend erreichten, war es besser, in irgendeinem abgelegenen Dickicht den Tag zu erwarten und die etwaigen Verfolger so über ihren Weg zu täuschen.

Die Ansicht des Kapitäns entschied. Man sah ein, daß es unmöglich war, den Karren mit dem Gepäck weiter fortzubringen. Deshalb spannte man das Pferd, das ihn zog, aus, verteilte die Gepäckstücke auf die Tiere der Dienerschaft und stürzte den Karren den Felsenabhang hinunter. Dann setzte man die Waffen in Bereitschaft, und der ganze Trupp, dicht aneinanderhaltend und auf plötzlichen Überfall gefaßt, bewegte sich mitten in den Wolkenzug hinein.

Aber nur das tobende Wetter schien ihnen noch Ungemach bereiten zu wollen. Seit dem Verschwinden Antonio Pescares und seiner beiden Genossen hatte man nichts wieder von ihnen gesehen und gehört, als anfangs einzelne Zeichen durch schrilles Pfeifen. Sie verloren sich aber immer mehr in der Ferne oder wurden von dem Brüllen des Donners übertönt. Grimaldi schloß daraus, daß sie sich ganz entfernt oder in irgendeinem Zufluchtsort Schutz gegen das Wetter gefunden hatten. Um so dringender trieb er alle an, ihren Marsch zu beschleunigen.

Wohl eine halbe Stunde waren die Männer auf der Berghöhe vorgedrungen, als das Unwetter sich zu legen begann, und mit jenen schnellen Übergängen des Südens sich bald verlor und einer klaren, sternenhellen Nacht Platz machte.

Sie hatten die Hochebene, seit einiger Zeit bergabsteigend, verlassen, und waren immer tiefer ins Tal – quer durch einen Wald von italienischen Fichten – vorwärts gegangen. Plötzlich stieß einer der beiden römischen Bedienten, der sich gerade an der Spitze des Zuges befand, einen Ruf der Freude aus und wies auf einen fernen Lichtschimmer, der sich zwischen den Bäumen hindurch zeigte. Allgemeine Zufriedenheit erfaßte die Reisenden, als sie dies Zeichen menschlicher Nähe erblickten. Der Kapitän hielt jedoch die Voraneilenden zurück, um sich erst nähere Kunde zu verschaffen.

»Vor allen Dingen ist Vorsicht nötig«, sagte er. »Der Lichtschein dort unten kann ebensogut von einem Feuer der Banditen, wie aus der Wohnung eines ehrlichen Mannes kommen – obgleich zehn gegen eins zu wetten ist, daß von der Art nicht viel in dieser Wildnis leben. Ich erinnere mich übrigens, von einem Gehöft in der Tiefe des Gebirges gehört zu haben – einem alten Gemäuer, das in früheren Jahrhunderten zu einem Kastell oder sonst einem Zweck gedient hat. Es steht nicht im besten Ruf. Sollten wir dorthin geraten sein, so können die Möglichkeiten ebenso leicht günstig wie schlimm für uns ausfallen. Denn es wird darauf ankommen, von wem wir es bewohnt finden. Es kann jedoch unmöglich fern von der Straße nach Amandola liegen. Jedenfalls: ist es ein Gehöft, müssen wir versuchen, für die Nacht dort ein Unterkommen zu finden; denn unsere Tiere sind erschöpft. Und wir können auch kaum noch den Beschwerden widerstehen.«

Sie waren unterdessen an den Rand des Waldes gelangt. Vor ihnen lag ein weiter, vom Gehölz freier Talgrund. In seiner Mitte, die Vermutung Grimaldis bestätigend, zeichnete sich ein großes, dunkles Gebäude vom Nachthimmel ab. Von ihm kam der einsame Lichtstrahl.

»Lassen Sie mich vorausreiten«, bat Grimaldi. »Ich will zuerst allein um Einlaß ersuchen. Einem einzelnen werden die Leute, die dort hausen, weit eher öffnen. Ich kann mich dabei überzeugen, ob nicht vielleicht eine uns überlegene Zahl von Feinden dort Schutz vor dem Wetter gesucht hat. Hören Sie einen Schuß, so bin ich in Gefahr, und Sie tun am besten, sich wieder in die Berge zu werfen. Mein Ruf soll Sie benachrichtigen, wenn das Feld rein ist und wir eine Herberge finden. Bis dahin aber – halten Sie sich im Dunkel des Waldes.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, gab er seinem kleinen Pferd die Sporen, und ritt auf das Gebäude zu. Es war ein breiter, viereckiger Turm aus zwei niedrigen Stockwerken, und an der Frontseite von einer Mauer umgeben, die im Halbkreis einen Hofraum umschloß. Ein Tor von schweren Eichenbohlen öffnete den Zugang. Das Bauwerk mochte aus dem fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhundert stammen und schien in den Kämpfen der italienischen Edlen jener Zeit als fester Zufluchtsort oder verborgener Waffenplatz, vielleicht auch nur als sicherer Aufenthalt während der Jagdstreifen im Gebirge gedient zu haben. In einzelnen Teilen verfallen, schien es doch im ganzen noch gut imstande und von fester Bauart zu sein. Kapitän Grimaldi konnte sich nicht verhehlen, daß das Gebäude einen guten Schlupfwinkel für Räuber und anderes Gesindel abgab; zugleich aber erkannte sein militärischer Scharfblick auch: wenn seine Gesellschaft das Haus unbesetzt fand, und es ihr gelang, hier ein Unterkommen zu erhalten, war es der geeignetste Ort, sich gegen eine Gefahr zu verteidigen und einen Angriff mit geringen Kräften abzuschlagen.

Deshalb klopfte er ohne Zögern mit dem Kolben seines Pistols an das verschlossene Hoftor. Der Schall dröhnte laut durch die Nacht.

Noch hallte das Echo nach, als sich schon ein kleines Fenster im unteren Geschoß öffnete.

»Wer klopft? – Ist es einer von uns?«

»Ja«, antwortete der Kapitän unbedenklich, mit leiser und verstellter Stimme. Der Schatten des Tores, an das er dicht herangetreten war, deckte ihn. »Mach' auf, und sage, ob du allein bist.«

»Heilige Jungfrau von Loreto! – Niemand ist im Haus, als Mutter Therese und ich. Komm getrost herein, Freund. Ich wunderte mich schon, wo ihr in diesem Höllenwetter stecktet. Im Augenblick bin ich bei dir.«

Der Lichtschein verschwand und die innere Tür wurde geöffnet. Der hohle Husten des Mannes, der über den Hof kam und die schweren Riegel von dem Tor hob, und die matte Stimme überzeugten ihn, daß er alt sei. Als der Türflügel zurückwich, stand ein kleiner, zusammengeschrumpfter Greis vor ihm. Das volle Licht der Laterne, die der Alte in der Hand trug, fiel auf die kriegerische Erscheinung des Kapitäns und ließ ihn zu seinem Schreck einen Fremden erkennen.

»Heiliger Januario, mein Padrone!« rief er. »Wer seid Ihr und was wollt Ihr, daß Ihr einen armen, einsamen Mann so erschreckt?«

Er versuchte eilig das Tor wieder zu schließen. Aber Grimaldi trat dazwischen, und ohne lange zu fragen, führte er sein Pferd in den Hofraum.

»Nichts für ungut, Alter! Not kennt kein Gebot. Ich bin ein verirrter Reisender. Ihr könnt Christenleuten nach einem solchen Unwetter nicht einen Aufenthalt verweigern. Kriegsrecht gilt überall; ich habe einige Freunde bei mir, die draußen harren, und muß mich vergewissern, ob sie ohne Gefahr hier eintreten können. – Also voran, Alter! Zeigt mir Eure Spelunke.«

Er nahm seinen Säbel in den linken Arm, spannte das Pistol und bedeutete den Wirt, voranzugehen. Mit Schreck und Ärger betrachtete der Alte den Entschlossenen.

»Heiliger Jakob von Compostella!« rief er. »Meint Ihr denn, mein Haus sei eine Herberge für alle Leute, die in den Gebirgen umherstrolchen? Geht in Frieden, Signor, und laßt mich das Tor schließen. Ich kann so viele Leute nicht beherbergen. Und zu finden ist hier nichts in diesen öden Mauern.«

»Haltet Ihr uns für Räuber und Spitzbuben?« lachte Grimaldi. »Ihr sollt Eure Gastfreundschaft nicht umsonst geben. Es sind Engländer. Ihr wißt, die bezahlen reichlich.«

»Inglesi?« fragte der Alte. – » Veramente! Diese Herren Engländer haben gewöhnlich viel Gold. Mit Gottes und der heiligen Jungfrau Hilfe könnte da vielleicht auch ein Stück für den armen Jacopo abfallen.« Er schmatzte mit den Lippen. »Legt Euer Mißtrauen ab, Exzellenza. Ruft Eure Freunde! Im ganzen Haus ist keine Seele, als ich und der alte Drache, mein Weib, das mich das Fegefeuer schon hier auf Erden schmecken läßt. Und ein kleiner, armer Bube dazu. Ihr werdet hier so sicher aufgehoben sein wie im Schoß des Heiligen Vaters.«

»Ich pflege nur meinen eigenen Augen zu trauen«, erwiderte Kapitän Grimaldi trocken. »Also voran, zeigt mir den Weg. Meint Ihr es ehrlich, so wird sich das leicht bewähren und nicht zu Eurem Schaden sein.«

Der Alte sah ein, daß ihm nichts übrigblieb, als zu gehorchen. Unter verschwenderischen Beteuerungen seiner Redlichkeit und der Sicherheit seines Hauses, die er geläufig bei allen Heiligen des italienischen Kalenders beschwor, fügte er sich in den Willen seines Gastes und geleitete ihn die zerbröckelten Steinstufen zum Hause hinauf.

Das Erdgeschoß nahm fast ganz eine weite Halle ein, die zur Küche diente. Ein kleines Feuer brannte auf dem Herd. Ein altes, von Jahren und Gicht krumm gezogenes Weib saß mit mürrischer Miene dabei und spann. Von einem Mooslager daneben erhob sich beim Eintritt der Männer ein Knabe von etwa elf Jahren und betrachtete mit forschenden, verschlagenen Augen den Fremden. Zwei Türen, die der Wirt öffnete, zeigten nur zwei leere und wüste Kammern ohne weiteren Ausgang. Auch im oberen Stockwerk, das wieder eine große Halle und zwei anstoßende leere Zellen enthielt, fand sich nichts Verdächtiges.

Um so weniger Zutrauen flößte freilich der Wirt ein, den Grimaldi beim Schein des Feuers und der eisernen Lampe, die an einer Kette von der Decke hing, näher ins Auge fassen konnte. Der Mann war ein hinfälliger, schwacher Greis; aber in seinem faltigen, vom Alter vertrockneten einäugigen Spitzbubengesicht lag doch so viel Lauerndes, Boshaftes und – bei seinem Bestreben, sich angenehm zu machen – Heuchlerisches, daß es unwillkürlich den Kapitän anwiderte.

»Einstweilen scheint mir Euer Haus sicher«, sagte Grimaldi kurz. »Ich werde meine Freunde holen. Nur möchte ich vorher noch wissen, wen Ihr eigentlich erwartetet, als Ihr mir das Tor aufgemacht habt.«

»Santa Teresa – wen sollte ich erwartet haben?« fragte der Wirt. »Hier – des kleinen Peppo Eltern aus Arquata – meine Frau Muhme und meinen Vetter – wollten uns heute besuchen und den Burschen abholen. Wir glaubten sie verspätet durch das höllische Wetter im Gebirge. Aber Exzellenza wollen mir die Frage erlauben, wie Sie denn bei diesem schrecklichen Gewitter hierher geraten und mein armes Haus gefunden haben?«

»Ich sagte es Euch schon – wir kommen von Terni und haben uns im Gebirge verirrt. Der Führer und die Vetturins haben uns hintergangen und sind entflohen; ihre Tiere haben sie im Stich gelassen. Der Schurke, der sich in Terni meinen Freunden zum Führer anbot, hatte sicherlich Helfershelfer im Gebirge, denen er uns in die Hände spielen wollte.«

»Kennt Exzellenza den Namen des Mannes?«

»Antonio Pescare nannte er sich.«

Der Knabe am Feuer machte eine unbewachte Bewegung. Der Wirt und sein Weib blieben jedoch ruhig und unbefangen.

»Sorgt für ein gutes Feuer, und was Euer Haus sonst vermag«, sagte Grimaldi. »Ich bin sogleich mit meinen Freunden zurück.«

Der Wirt leuchtete ihm aus der Tür und kehrte dann in die Halle zurück.

»Der Vater hat es gewagt«, sagte der Knabe mit blitzenden Augen zu dem Mann. »Und bei Sankt Peter – die englischen Ketzer sollen ihm nicht entgehen!«

»Aber was sollen wir tun, kleine Ratte?« meinte der Alte. »Sie werden zahlreich sein; wer weiß, wo unsere Leute nach dem Wetter in den Bergen zerstreut liegen. Wir können vielleicht ohne Gefahr ein hübsches Stück Geld verdienen, wenn wir diesen Engländern weiterhelfen.«

»Che rinegato!« kreischte das Weib. »Hat der alte, feige Schuft nicht gehört, daß es Inglesi, Ketzer sind, die zu töten ein gutes Werk ist? – Höre nicht auf ihn, Peppo, mein Jüngelchen! – Ich möchte schwören, daß dein braver Vater in der Sankt-Lorenzo-Kapelle Schutz vor dem Wetter gefunden hat, und dort den Aufgang des Mondes erwartet, um die Teufelsbrut zu verfolgen. Er ist nicht der Mann, der seine schönen Maultiere im Stich läßt. Peppino, du bist ein flinker Bursche. Du kennst alle Stege des Gebirges. Du wirst ihn finden. Bring' Antonio Nachricht, wo er die Fremden trifft. Jacopo wird dafür sorgen, daß ihr das Tor unverschlossen findet.«

Der Knabe warf sich einen kurzen Mantel von Ziegenhaaren um und setzte seinen spitzen Filzhut auf. »Seid unbesorgt, Muhme«, sagte er. »Ich werde sie finden und sende euch Botschaft. Merkt nur auf, ob ihr den Rabenschrei hört.«

Der alte Banditenhehler kratzte sich hinter den Ohren.

»Es wird freilich das beste sein – wenn die Unsern nur so zahlreich beisammen sind, daß es keinen Kampf gibt. So im Schlaf, ein blankes Messer über die Kehle – und kein Laut mehr. – Hehe! – Die Inglesi sind Tiere; ich werde ihnen guten Wein vorsetzen, daß sie ihren Verstand darin lassen. Aber dem Kerl, der eben hier war, traue ich nicht. Er redet unsere Sprache wie ein Italiener. Der ist kein Fremder.«

»Bah,« lachte der Kleine, »mein Vater ist mit anderen fertig geworden! Addio, Mütterchen! Sorge nur, daß ich auch meinen Teil von der Beute bekomme!«

»Ein Teufelsjunge, der Peppino!« schmunzelte der Alte. Er folgte dem Knaben nach einer der Kammern. »Ich möchte zehn Skudi gegen einen Bajokko wetten, daß er, ehe zehn Jahre vergehen, das beste Stilett zwischen Spoleto und Terracina führt.«