Auf zu neuen Ufern! - Ben Bertram - E-Book
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Auf zu neuen Ufern! E-Book

Ben Bertram

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Beschreibung

Ich wollte Künstler werden und Menschen mit meiner Musik erfreuen. Diesen Kindheitstraum hatte ich mir längst erfüllt und inzwischen sogar gelernt, dass es wichtigere Dinge im Leben gab, als seinen Kindheitsträumen hinterherzujagen. Genau aus diesem Grund lebte ich jetzt auf Sylt und hatte mit dem Musikerleben nichts mehr am Hut. Die Zeit war reif. Reif dafür, mein eigenes Ding zu machen und glücklich zu werden. Leider hatte ich noch keine Ahnung, wohin mich mein Weg führte. Doch zu wissen, was ich nicht mehr wollte, empfand ich als einen guten Start. Als ich Hanna kennenlernen durfte, füllte sich mein Herz erneut mit Musik. Nicht mit Mainstreamgeschichten, wie ich sie vorher gespielt hatte, sondern mit Klassik, die ich allein am Klavier sitzend präsentieren wollte. Alles schien einfach, fast federleicht. Zumindest bis zu dem Augenblick, als ich glaubte, dem Sylter Serienmörder auf die Schliche gekommen zu sein. Die Spuren waren deutlich, die Hinweise klar, und mein Instinkt fühlte sich auf der sicheren Seite. Oder irrte ich? War ich durch die Zeitungsartikel über mich einfach nur paranoid geworden?

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Inhaltsverzeichnis

~ Bennets Reich ~

~ Geheimnisvolle Schritte ~

~ Licht an … ~

~ Tote Torten ~

~ Jannik und Joshua ~

~ Beruhigungsbier ~

~ Traumwelt ~

~ Nicht da ~

~ Gedanken an Chopin ~

~ Träume leben ~

~ Baum des Lebens ~

~ Ist da jemand? ~

~ Frau mit Cap ~

~ An die Arbeit ~

~ Komische Begegnung ~

~ Der Typ und die Blondine ~

~ Bewaffnete Knirpse ~

~ Fechten ~

~ Der zweitgrößte Baum ~

~ Bilder des Lebens ~

~ Mein Chopin ~

~ Wahrheiten ~

~ Manchmal werden Wünsche wahr ~

~ Geklärte Sachlage(n) ~

~ Geräusche am Morgen ~

~ Verbrechen aufgeklärt ~

~ Ich lebe ~

~ Hübsche Frau mit Lockenkopf ~

~ Fechtsport ~

~ Frauenstimmen ~

~ Kuckuck ~

~ Gestrandet am Strand ~

~ Mein Posting ~

~ Eins und Eins ~

~ Erleuchtung ~

~ Rosas Freundin ~

Heimathafen Sylt

Auf zu neuen Ufern! -

(Band 2)

Von Ben Bertram

Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors!

Im Buch vorkommende Personen und die Handlung dieser Geschichten sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Text Copyright © Ben Bertram, 2020

Impressum:

Text:

Ben Bertram

Stellauer Straße 30 B

25563 Wrist

E-Mail: [email protected]

Covergestaltung:

Ben Bertram

Motivbild:

© Ben Bertram

Foto:

Elina Bartel

Korrektorat / Lektorat:

M. Dress / D. Awiszus

~ Bennets Reich ~

Ich war auf Sylt gestrandet, fühlte mich hier wohl und war, um nicht gefunden zu werden, zu Jannik Werner geworden. Aber konnte alles so bleiben?

In diesem Augenblick zweifelte ich daran!

Geflohen war ich aus meiner Heimatstadt Hamburg.

Dort hatte ich vor einiger Zeit die große Bühne zur Flucht benutzt, ohne diesen Plan vorher in mir getragen zu haben.

Eigentlich hatte es dafür auch keinen Grund gegeben. Ich war ein Star der zweiten Reihe und durfte meinen Traum leben. Ich tat das, was ich mir von Kindesbeinen an gewünscht hatte und fühlte mich großartig dabei. Zumindest hatte ich dies bis zum Tag meiner Flucht geglaubt, vielleicht es mir aber auch lediglich nur eingeredet.

Zusammen mit Freunden hatte ich als Jugendlicher die Band Strandpiraten gegründet, und es gab diese Boygroup noch immer. Falsch, wir waren längst erwachsen geworden und durften Erfolge feiern. In den deutschen Charts waren wir Stammgäste, und mit einigen Liedern hatten wir sogar den Spitzenplatz errungen und über Wochen hinweg verteidigt.

Leider hießen wir nicht mehr Strandpiraten. Dafür besaßen wir einen Manager, der uns in Mitch and the Pirates umbenannt hatte.

Stopp!

Besaßen wir einen Manager? War es nicht vielmehr so, dass dieser geldgierige und lediglich erfolgsorientierte Mensch UNS besaß?

Ja, so passte es definitiv besser!

Das Abschlusskonzert unserer Jubiläumstour hatte in unserer Heimatstadt stattgefunden. In Hamburg, wo damals auch alles begann. Fünfundzwanzig Jahre gab es uns inzwischen, und obwohl ich vor dem Konzert wusste, dass dieser Gig mit einer Überraschung, nein, wohl eher mit einem Paukenschlag enden sollte, hatte ich keinen Schimmer, dass ich ungeplant die Hauptperson des Paukenschlags werden würde.

Während der Zugaben war ich von der Bühne geflüchtet.

Mein Weg führte mich aus der Arena heraus, und nachdem ich mich nochmals kurz umgesehen hatte, sprang ich in ein Taxi und ließ mich durch die von Leuchtschrift erhellte Weltstadt kutschieren. Mein Handy landete unterwegs in der Alster und ich selbst am nächsten Tag auf Sylt.

Warum es mich auf diese Insel gezogen hatte? Die Antwort war simpel. Ich suchte im Internet nach einem WG-Zimmer. Besser gesagt, nach einer Wohngemeinschaft, die sofort einen Unterschlupf für mich frei hatte und für die ich meine Miete bar bezahlen konnte. Ich wollte abtauchen und nicht gefunden werden. Genau deshalb musste ich vor meiner Abreise auch einen großen Batzen Bargeld am Bankschalter abheben. Dieser Moment war der letzte, in dem ich meinen Bekanntheitsgrad nutzte. Ein Normalo hätte niemals, ohne es vorher anzumelden, eine solche Summe in bar ausgezahlt bekommen.

Ich, der Keyboarder Joshua Richter, der oftmals einfach nur als „Der Richter“ betitelt wurde, verließ meine Heimatstadt und war als Jannik Werner am Bahnhof Westerland aus dem Zug gestiegen.

Meine Reise hatte begonnen. Mein neues Leben konnte starten, und ich war voller Neugier und Vorfreude darauf, was mich erwartete.

Ich hatte Glück.

Sylt war für mich das große Los, und Anschluss zu finden, fiel mir ebenfalls nicht schwer. Eine ältere Dame wurde zu einer Art Freundin von mir. Sie hätte locker meine Oma sein können, und doch gaben mir unsere Unterhaltungen sehr viel. Sie musste früher Pianistin gewesen sein, was deutlich an den gerahmten Bildern aus mehreren Jahrzehnten zu erkennen war. Ihr Name war Hanna.

Auch Joshua war irgendwie ein Freund. Allerdings eher ein tierischer - eine Möwe, und der freche Kerl kam sogar durchs Fenster hindurch in mein Zimmer, um dort nach Futter zu suchen. Den Namen hatte ich ihm gegeben. Wahrscheinlich, weil ich so zumindest einen klitzekleinen Teil aus der Vergangenheit behalten konnte.

Darüber hinaus waren meine Mitbewohner wirklich okay. Cleo und Oke konnte man als typische Insulaner bezeichnen, und ich schätzte ihren Humor und die Einstellung zum Leben.

Den dritten Mitbewohner hatte ich noch nicht kennengelernt. Er war ständig unterwegs, und wenn ich den Worten von Cleo und Oke Glauben schenken durfte, auch etwas mysteriös. Sein Zimmer war nur über eine Trittleiter zu erreichen. Durch eine Luke in der Küchendecke konnte er sein Reich erklimmen, und wenn ich die anderen richtig verstanden hatte, war es strengstens verboten, Bennets ausgebauten Dachboden zu betreten.

Nun gut, jeder hat seine Macke, und so hielt ich mich daran, auch wenn es mir natürlich nicht immer leichtfiel, da die Neugier eine der ausgeprägtesten Eigenschaften der Menschheit war.

Schon häufig hatte ich beim Kaffeekochen nach oben zur Decke geblinzelt und mir vorgestellt, wie leicht es wäre, einen kurzen Blick in Bennets Reich zu werfen. Vor allem, da ich viel Zeit allein in der Wohnung verbrachte und mich niemand hätte dabei erwischen können.

Doch so war ich noch nie gewesen.

Ich respektierte die Privatsphäre anderer Menschen. Mein Opa hatte es mir so beigebracht. Nein, nicht nur einfach beigebracht, sondern es mir auch vorgelebt. Leider war er im letzten Jahr viel zu früh von mir gegangen, was auch ein Grund dafür war, dass ich die Flucht aus Hamburg angetreten hatte. Niemals hätte ich den Menschen, dem ich unendlich viel verdankte, allein zurückgelassen. Gäbe es meinen Opi noch, wäre ich geblieben.

Wir hatten zusammen in einem Haus im Stadtteil Alsterdorf gelebt und uns in der sogenannten Gartenstadt sehr wohl gefühlt.

Das Haus stand jetzt leer, aber ich war dort noch gemeldet. Obwohl es über viele Jahre mein Heimathafen und Ankerplatz zugleich gewesen war, fehlte es mir derzeit nicht.

Auch jetzt befand ich mich allein in der WG, und doch war alles ganz anders als in den Tagen zuvor.

Meine Ängste waren in Hamburg geblieben. Besser gesagt, hatte ich sie am Bahnhof Westerland nicht mit aussteigen lassen. Bisher lief alles gut, und noch vorhin hatte ich bei Hanna gesessen und ein fantastisches Gespräch geführt. Zumindest so lange, bis sie uns ein Bier aus der Küche holte und ich währenddessen einen Blick in die heutige Tageszeitung geworfen hatte.

„Und nun?“ Während ich mir diese Frage stellte, saß ich ängstlich über der Küche unserer WG. Ich hockte dort, wo ich nicht hätte sein dürfen. Mein zitternder Körper befand sich in Bennets Reich, und ich fühlte mich schlecht dabei.

Es war dunkel, da ich die Leiter zu mir hinaufgezogen und die Luke verschlossen hatte.

Doch es war weder die Neugier, die mich hierverschlagen hatte noch war es die Dunkelheit, die mir Angst machte.

~ Geheimnisvolle Schritte ~

Meine Gedanken drehten sich immer wieder um den Zeitungsbericht, den ich vorhin bei Hanna gelesen hatte. Gelesen? Ich hatte ihn lediglich überflogen, und doch hatte ich dabei jedes Wort aufgesaugt. Die Sätze hatten sich in mein Gehirn eingebrannt, und ich hatte keinen Schimmer, wie ich sie wieder loswerden sollte.

In meinen Gedanken holte ich die vorhin gelesenen Worte aus der verkackten Zeitung zu mir zurück. Ja, ich tat es freiwillig, und da ich mit diesen dämlichen, prosaischen Ergüssen zu beschäftigt war, schaffte ich es nicht, sie durch schönere Dinge zu ersetzen.

Der Sylter Jannik war zurück in der Vergangenheit und fühlte sich wieder wie der Keyboarder, dessen Identität eigentlich auf dem Festland geblieben war.

Wir erwägen eine Klage gegen Herrn Joshua Richter einzureichen. Er hat sich wortlos und heimlich abgesetzt und die Band somit im Stich gelassen. Es können weder neue Songs eingespielt noch eine Tournee vorbereitet werden. Seine Kollegen und auch ich als Manager hängen in der Luft und wissen nicht, wie es weitergehen soll.

So stand es in der Zeitung. Dies war die Antwort unseres Managers auf die Frage, ob er sich Sorgen um mich machte.

Mal abgesehen davon, dass seine Worte nichts mit der eigentlichen Frage zu tun hatten, empfand ich den schlagartigen Stimmungswechsel des Blätterwaldes als fast grandios. Aus einem angeblichen Verbrechen, vielleicht sogar einem Mord, war inzwischen ein heimliches Absetzen geworden.

Noch viel schlimmer empfand ich aber den Umstand, dass in wenigen Tagen aus der angeblichen Angst um mich die Angst vor anstehenden Einnahmeverlusten geworden war.

Mein Panikgefühl war jedoch nicht einer eventuell anstehenden Klage geschuldet. Ebenso wenig war ich aus diesem Grund auf Bennets ausgebauten Dachboden geklettert.

Ich zitterte aus einem anderen Grund, der nur indirekt und doch auch irgendwie direkt mit dieser beschissenen Idee einer Klage zu tun hatte.

Wenn sie mich verklagen wollten, dann mussten sie mich finden. Schriftstücke in mein Haus zu schicken, machte keinen Sinn. Dort befand ich mich nicht, und ich war mir sicher, dass unser ekelerregend neugieriger Manager dies längst herausgefunden hatte. Wahrscheinlich mussten einige Roadies abwechselnd das Haus in der Hamburger Gartenstadt bewachen und durchgehend Meldung zum neuesten Stand abgeben. Nun ja, die Meldungen konnten sie sich gepflegt sparen. Aber ich war mir sicher, dass schon bald die nächsten Schritte folgten.

Wahrscheinlich würde ein Detektiv auf mich angesetzt werden. Wahrscheinlich? Nein, ganz bestimmt sogar, da unser Manager ebenso geil auf Geld und Macht war wie Mitch auf Groupies.

Oder gab es diesen Detektiv längst?

„Natürlich haben sie es gemacht“, flüsterte ich mir selbst zu. Wenn es nicht so wäre, würde ich nicht an diesem verbotenen Ort hocken und die Ohren spitzen.

Vorhin, als ich mich noch eine Etage tiefer befand und mich in der Gemeinschaftsküche aufgehalten hatte, waren sie plötzlich da. Gesehen hatte ich zwar niemanden, aber die Schrittgeräusche und der dazu passende knarrende Dielenboden hatten es mir verraten.

Vom Flur her waren die knirschenden Geräusche zu mir gedrungen.

Jemand hatte sich Zutritt zu unserer Wohnung verschafft. Ganz sicher war es jemand, der es auf mich abgesehen hatte. Jemand, der geschickt wurde, um mich zu finden.

Panisch hatte ich mich umgesehen und war zunächst zum Küchenfenster geschlichen. Ich wollte es öffnen und zur Flucht benutzen. Auch wenn die Idee nicht großartig war, da ich mir barfuß und nur mit Jogginghose und T-Shirt bekleidet ganz sicher innerhalb kürzester Zeit den Tod geholt hätte. Wir befanden uns schließlich noch immer im Februar, und die Temperaturen passten zu diesem Monat. Die Erderwärmung war noch nicht soweit fortgeschritten, dass ich in dieser Montur hätte über die Insel laufen können.

Lieber eine fette Erkältung in Kauf nehmen, als erwischt zu werden und mein neues Leben aufzugeben, bevor es richtig beginnt, hatte ich vorhin gedacht und anschließend meine Hand zum Fenstergriff ausgestreckt. Nur noch eine kurze Handbewegung, dann wäre es offen gewesen, und ich hätte flüchten können.

Doch bevor ich es tat, warf ich einen schnellen Blick über die Schulter. Während die knarrenden Geräusche noch immer vom Flur aus in meine Richtung kamen, erspähten meine Augen die Eingangsluke.

„Die Luke“, sagte ich und hielt mir prompt die Hand vor den Mund.

Wie konnte ich Vollpfosten nur losplappern? Mit schnellen, jedoch auch sehr leisen Schritten schlich ich in die Ecke, wo sich der Haken am Stiel befand. Ich griff nach ihm, drehte mich und reckte meinen Arm nach oben, um die Öse, die sich an der Luke befand, zu erreichen. Schnell war er eingehakt und die Luke zu Bennets Reich geöffnet.

Die schmale Trittleiter kam mir entgegen, und nachdem ich sie auf dem Boden abgestellt hatte, kletterte ich im Eiltempo hinauf. Ein Blick aus dem Dachgeschoß zeigte mir, dass noch immer niemand die Küche betreten hatte.

Erleichtert zog ich die Leiter zu mir rauf, verschloss anschließend die Luke, legte den Haken am Stiel aus der Hand und setzte mich auf den Boden.

Wie lange ich so da saß? Ich weiß es nicht, da ich damit beschäftigt war, meine Ohren zu spitzen. Intensiv horchte ich und konnte noch eine ganze Weile lang die knarrenden Schrittgeräusche vernehmen. Manchmal waren sie nur leise, dann aber auch wieder so laut, dass ich wusste, jemand befand sich direkt unter mir in der Küche.

Irgendwann knallte eine Tür, und die Geräusche verstummten. Erleichtert atmete ich durch.

Mein Plan hatte funktioniert. Ich konnte weiter auf Sylt bleiben. Dort, wo ich mehr oder weniger versehentlich gelandet war.

Leider hatte ich mir die Frage nach dem „Und nun?“ noch immer nicht beantwortet.

Eigentlich sprach nichts dagegen, diesen Ort, an dem ich nichts zu suchen hatte, zu verlassen. Die Angst war inzwischen fast komplett gewichen, und daher stand ich langsam auf, um die Luke zu öffnen und wieder hinunterzuklettern.

Doch ich hielt erneut inne.

Als ich in mich hineinhorchte, spürte ich ein Gefühl in mir, das mir nicht gefiel. Es war die Neugier, die mich erfasst hatte, und die meine Wenigkeit aufforderte, mich hier in Bennets Reich umzusehen.

~ Licht an … ~

Die Frage, die ich mir stellte, konnte ich nicht beantworten.

„Warum nur bin ich so interessiert an Bennets Reich?“ Einige Male hatte ich sie mir inzwischen gestellt und keine Antwort gefunden. Zumindest bis jetzt nicht, was vielleicht an meiner Angst lag.

„Na klar. Mich reizt das Verbotene“, flüsterte ich und nickte dabei. Plötzlich fiel mir noch etwas auf. Die Leiter, die mich hier hinaufgebracht hatte, war leise. Sie gab kein Trittgeräusch von sich. Sie war stumm, während ich sie betreten und erklommen hatte.

Sehr merkwürdig und außergewöhnlich, dachte ich, da alte Holzleitern normalerweise nicht stumm waren, sondern ein recht lautes Knatschen von sich gaben.

Auch beim Hinablassen und Hochziehen war es meiner Meinung nach still gewesen.

„Klar war es das, sonst hätten mich die Geräusche doch verraten“, sagte ich und sprach aus, worüber mein Gehirn grübelte.

„Dann war Bennet eventuell viel häufiger hier, als ich gedacht habe.“ Erneut sprach ich zu mir und versuchte, mich in der Dunkelheit zu orientieren. Ob es keine Dachfenster gab, oder diese einfach verdunkelt waren, konnte ich nicht beurteilen. Aber ich fasste in diesem Moment den Entschluss, es herausfinden zu wollen. Da ich nicht stolpern oder mich stoßen wollte, öffnete ich die Luke. Ein heller Strahl drang von unten herauf zu mir, und meine Suche nach dem Lichtschalter konnte beginnen.

Nachdem ich ihn nicht nur gefunden, sondern auch betätigt hatte, ging mir im wahrsten Sinne ein Licht auf. Ich erkannte, dass die Fenster durch Jalousien verdunkelt waren. Doch ich hatte nicht den Mut, dies zu ändern. Klar hätte ich mich dann besser umschauen können. Doch dieses Tun hätte mich auch verraten können. Ganz bestimmt wäre es von außen aufgefallen, und falls es nicht so gewesen wäre, bestand die Möglichkeit, dass ich später vergessen könnte, diese wieder zu schließen.

Auf keinen Fall wollte ich das Risiko eingehen, ertappt zu werden. Mich selbst zu verraten, wäre dämlich gewesen. Außerdem hatte ich auf einem Tisch eine Taschenlampe erspäht und war bereits auf dem Weg dorthin.

„Bitte funktioniere“, murmelte ich, als ich den Schalter nach oben schob.

Mein Flehen hatte Erfolg. Das Ding funktionierte, und so konnte ich das Deckenlicht wieder löschen und die Luke schließen. Es wäre mir peinlich gewesen, beim Schnüffeln erwischt zu werden, und ich wunderte mich darüber, dass ich es trotzdem tat.

„Josh hätte das nicht gemacht“, sprach ich leise und freute mich diebisch darüber, dass ich inzwischen zu Jannik geworden war. Da alle Fenster verschlossen waren, bestand auch nicht die Gefahr, dass mich mein Opa vom Himmel aus beobachten konnte.

Dann verschwanden meine Gedanken.

Ich hatte eben den Strahl der Taschenlampe in eine Ecke gerichtet und sah eine mit Fotos und Zeitungsartikeln bestückte Wand.

Langsam, bedächtig und fast etwas gehemmt, setzte ich einen Fuß vor den anderen und ging mit einem Kopf voller Fragen auf die Wand zu. Während ich mich meinem Ziel näherte, wurden die dort befestigten Bilder deutlicher, und kurz bevor ich die Wand erreichte, war es mir möglich, die ersten dicken Überschriften der Zeitungsartikel zu lesen.

Urlauberin auf Sylt vermisst, lautete eine Überschrift der Berichte.

„Junge Frau spurlos verschwunden. Handelt es sich um ein Verbrechen?“, las ich als nächstes, und meine Neugier stieg an.

Auch die anderen Zeitungsartikel waren ausschließlich den Frauen geschuldet, die hier auf Sylt zuletzt gesehen wurden.

Warum, um alles in der Welt, hatte dieser Bennet diese ganzen Berichte gesammelt? Die Wand wirkte, als sei sie aus einem Kriminalfilm. So sahen die Tafeln aus, auf denen die Kommissare ihre Recherchen notierten und auf diese Art versuchten, aus möglichst vielen Einzelheiten ein großes Ganzes zu erstellen.

War mein Mitbewohner eventuell ein verdeckter Ermittler? Gehörte er einer Sonderkommission an? Oder hatte ich einfach zu viele Filme geschaut?

Plötzlich musste ich an den Typen aus dem Café denken. An die Situation von neulich, als ich mit der Bedienung über den neuesten Bericht gesprochen hatte. Ich hatte in der Zeitung davon gelesen, dass in der Silvesternacht eine 24 Jahre alte Frau verschwunden war. Eine sportliche und schlanke Frau mit langen, blonden Haaren. Es war jedoch nicht die erste, die auf Sylt abgetaucht schien. Sie war bereits die vierte Frau, die in den letzten zwei Jahren verschwand. Alle schienen wie vom Erdboden verschluckt zu sein, und bis heute gab es keine Zeichen von ihnen.

Ich erinnerte mich daran, dass ich verwundert darüber war, dass erst jetzt eine SOKO gegründet wurde. So hatte ich es gelesen und war wenige Augenblicke später sprachlos über die Antwort der Bedienung. Seine Worte hatte ich noch immer im Kopf, sie schienen wie eingebrannt, da ich sie wirklich als extrem krass empfand.

„In einem Monat beginnt wieder die Saison. In Hamburg starten im März die Ferien, und da muss das Land Schleswig-Holstein der Öffentlichkeit doch was präsentieren. Die haben doch nur Schiss vor Urlaubsschwund. Weniger Touris würden auch weniger Einnahmen bedeuten. Die SOKO ist lediglich ein Alibi. Den fast identischen Bericht hat es heute vor ungefähr einem Jahr auch gegeben. Damals waren es allerdings erst zwei tote Torten.“ Genau diese Sätze hatte der Typ gesagt, und ich war erneut entsetzt über das Verhalten der Menschheit. Anstatt die vier Fälle vernünftig zu verfolgen, wurden Lügen in den Zeitungen verfasst. Es wurde gelogen, um die Urlauber nicht zu erschrecken. Die Touristen sollten sich sicher fühlen, damit neues Geld in die Kassen kam. In solchen Augenblicken hasste ich die Welt. Falsch, ich hasste die Menschen, die auf der eigentlich wundervollen Welt lebten.

Allerdings hatte mich noch etwas erschreckt. Nachdem ich die Bedienung gefragt hatte, ob er wirklich glaubte, dass der Bericht lediglich zur Beruhigung der Urlauber verfasst wurde, antwortete er:

„Logisch. Die toten Torten interessiert von den Bonzen doch niemand.“

Tatsächlich war dies seine Antwort, und ich fand, dass die Bezeichnung tote Torten ziemlich abwertend war. Er nannte die Frauen jetzt bereits zweimal so.

War so seine Meinung? Oder hatte er es gesagt, weil er sich über den Zeitungsartikel geärgert hatte? Ich wusste es nicht, da ich nicht nachgefragt hatte.

„Diese abwertenden Worte hätten auch von ihrem Mörder sein können“, murmelte ich in meinen Bart. Dann fuhr ich durch meine langen, blonden Haare und sah erneut zur Wand. Die Taschenlampe spendete noch immer die benötigte Helligkeit, und so konnte ich in Ruhe die Artikel studieren.

„Na ja, es ist ja nicht bewiesen, dass die Frauen tot sind. Vielleicht haben sie sich einfach abgesetzt, um ein neues Leben zu beginnen. So wie ich es auch getan habe. Über mich wird ja auch ständig gequirlter Dreck geschrieben.“ Nach diesen Worten schüttelte ich den Kopf.

---ENDE DER LESEPROBE---