Rettungshund - Ben Bertram - E-Book

Rettungshund E-Book

Ben Bertram

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Beschreibung

Seit ich auf Sylt lebte, hatten Ben und ich schon häufig anderen geholfen. Wir waren zur Stelle, wenn wir gebraucht wurden, und gaben dabei stets unser Bestes. Doch irgendwie war es immer mein Herrchen, das die erste Initiative ergriff. Klar war ich trotzdem über unser Tun glücklich, allerdings wünschte ich mir sehr, auch mal der Initiator zu sein. Ich war als junger Hund von den Straßen Zyperns gerettet worden und hatte mir vorgenommen, selbst irgendwann zu einem Rettungshund zu werden. Nach meiner ersten Begegnung mit Herrn Müller wusste ich sofort, was zu tun war. Ich musste dem armen Kerl helfen. Falsch, ich musste ihn retten! Leider hatte ich Ben nicht sofort auf meiner Seite, was die Situation noch um einiges schwieriger gestaltete. Als jedoch meine Freundin Hope auftauchte, nahm alles eine krasse Wendung. Ihr seid neugierig? Dann kommt mit und lasst euch überraschen, welches neue Abenteuer ich als Sylter Rettungshund erleben darf.

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Inhaltsverzeichnis

~ Abfahrt ~

~ Gegenverkehr ~

~ Bauernhof ~

~ Felder ~

~ Ungehorsam trifft Monster ~

~ Hilfe naht ~

~ Von Rettern und Rehen ~

~ Zimmer mit Aussicht ~

~ Herr Müller ~

~ Immer diese Arbeit ~

~ Begegnungen ~

~ Rosarot zur Badezeit ~

~ Entenjagd, aber anders! ~

~ Kopfsteinpflasterboden ~

~ Plan trifft Schmiede ~

~ Knallhart ehrlich ~

~ Caruso geht gar nicht! ~

~ Ausflugszeit ~

~ Nicht dein Ernst! ~

~ Von Hermann zu Herrn Müller ~

~ Begriffsstutzig kann auch niedlich sein ~

~ Schlüssel trifft Schloss ~

~ Freiheit und Angst ~

~ Von Hund zu Hund ~

~ Ab durch die Mitte ~

~ Unfreiwillige Entscheidung ~

~ Hühnerdieb on Tour ~

~ Von Räubern und Wachhunden ~

~ Von der Hoffnung zu Hope ~

~ Kleines Mädchen ~

~ Hütehund(e) und Herdentrieb ~

~ Sylt, wir kommen! ~

Rettungshund

Jake, Sylter Inselhund -

Von Ben Bertram

Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors!

Im Buch vorkommende Personen und die Handlung dieser Geschichten sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Text Copyright © Ben Bertram, 2019

Impressum:

Text:

Ben Bertram

Alsterdorfer Straße 514

22337 Hamburg

E-Mail: [email protected]

Covergestaltung:

Ben Bertram

Motivbild:

© Ben Bertram

Foto:

Ben Bertram

Korrektorat / Lektorat:

M. Dress / D. Awiszus

~ Abfahrt ~

Ich liebte die Fahrt mit dem Autozug. Immer wenn wir mit dem Wagen hinauffuhren, schlug mein Herz etwas schneller, und mein Puls stieg rasant an. Diese Vorfreude auf meine Insel war immer riesig, und ich war mir absolut sicher, dass es sich auch niemals ändern würde.

Wenn die Ampel unserer Spur auf Grün sprang und Ben den Wagen startete, begann mein Körper zu kribbeln. Ein wohliges und warmes Gefühl stieg in mir auf, und unter meinem kurzen Fell begann sich, eine Art Gänsehaut auszubreiten. Hibbelig und mit meinem herzallerliebsten Dackelblick sah ich dann immer aus dem Fenster und strahlte den Mann, der zu entscheiden hatte, ob wir auf dem Autozug nach oben durften, an. Was soll ich sagen? Es klappte fast immer.

Fast immer? Lasst mich kurz überlegen …

Nein, es funktionierte immer, und so hatte ich bisher jede unserer Fahrten von oben aus erleben dürfen. Hier war der Ausblick einfach schöner. Wir konnten das Meer viel besser sehen und auch die hohen Westerländer Häuser früher erkennen.

Ich könnte auch einfach sagen:

„Wir hatten unser Zuhause schneller vor der Nase.“

Ja, ich wollte immer nur oben auf dem Zug sein.

So wünschte ich es mir zumindest bis heute Morgen. Bis zum heutigen Tag, als sich alles schlagartig veränderte. Es war mir jetzt katzenpupsegal, dass wir auf der heutigen Fahrt unten standen. Auf einer Fahrt, die sich mein Herrchen gut und gerne hätte schenken können. Erstens, da wir von der Insel fuhren, und zweitens, weil wir nicht schon heute Abend wieder zurückkamen.

Bereits die letzten Tage hatte mein Herrchen immer mal wieder was von irgendwelchen Urlaubstagen gefaselt. Doch sollte ich das ernst nehmen? Natürlich nicht. Hey, wir lebten auf Sylt. Auf dem schönsten Fleckchen Erde der Welt. Da ist es doch wohl selbstverständlich, dass Bens Worte über irgendwelche Urlaubstage lediglich zwei Gründe haben konnten. Vielleicht wollte er einfach mal eine Schreibpause einlegen und mit mir die kompletten Tage am Strand genießen. Immerhin hatten wir Hochsommer, und das Wetter lud bereits am frühen Morgen zum Baden in der Nordsee ein. Ich hätte diesen Grund Weltklasse gefunden.

Na gut, auch die andere Möglichkeit wäre okay gewesen. Sie hätte zu Ben gepasst, da er mich schon häufiger mal aufs Kreuz gelegt hatte. Diese Urlaubstage, von denen er immer wieder faselte, hätten durchaus ein Witz sein können. Wie gesagt, wir lebten auf dieser einzigartigen Insel, und Urlaub war daher eigentlich mehr als flüssig.

Überflüssig sozusagen!

Ja, er hätte mich einfach verarschen können. Mich ärgern und gespannt darauf sein, wie ich auf die Verarsche reagierte.

Wisst ihr was?!

Ich hätte mich mehr darüber gefreut, von meinem Herrchen mal wieder gründlich veräppelt zu werden. Doch Ben hatte gestern tatsächlich unsere Sachen gepackt. Heute Morgen wurden sie dann ins Auto verfrachtet und jetzt …

Ja, jetzt lag ich auf der Rückbank unseres Wagens, war mies drauf und musste mich obendrein auch noch vom Autozug durchrütteln lassen. Wie gesagt, dass wir unten standen, war mir echt Wurst. Was mir hingegen gar nicht Wurst war, war die Erkenntnis, dass wir unseren Urlaub nicht auf Sylt genießen wollten.

Falsch! Ben wollte ihn nicht auf unserer Insel genießen. Ich hingegen schon!

Echt mal, wer will schon in Richtung Festland fahren? Ich nicht! Schon gar nicht, wenn man weiß, dass die Rückfahrt erst in einigen Tagen sein würde. Und ganz ehrlich, was sollte ich eigentlich in …

Hm? Wohin fahren wir eigentlich? Ich grübelte darüber nach, doch ich hatte keine Idee. Die Frage war: Hatte ich nicht zugehört? Oder wurde es mir nicht verraten?

„Scheiß drauf! Es ist mir auch total egal. Ich habe sowieso keinen Bock.“

„Was hast du gesagt?“ Ben drehte sich zu mir um und sah mich an, und erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich nicht gedacht, sondern gesprochen hatte.

Einen Moment herrschte Stille. Ich war mir nicht sicher, was ich antworten sollte. Konnte ich meine Sätze wiederholen? Oder würde ich meinem Herrchen damit doll weh tun? Auch wenn ich null Bock auf Urlaub im wo auch immer hatte, konnte ich meinen Lieblingsmenschen doch nicht mit meinen gemeinen Worten verletzen. Okay, sie waren zwar gemein. Allerdings auch wahr.

Welch blöde Zwickmühle! Immerhin hatten Ben und ich den Deal, dass wir uns immer die Wahrheit sagten. Doch galt diese Abmachung auch jetzt? Durfte ich in einer solchen Notsituation so mit ihm reden? Ich fühlte mich schlecht dabei und suchte daher noch immer nach einer Lösung.

„Schau mal, Jake, sieht der Himmel nicht bombastisch aus? Hey, welch geiles Urlaubswetter. Sieh doch mal hin und lieg nicht nur müde und faul auf der Rückbank.“ Da wir uns auf dem Zug befanden, konnte sich mein Herrchen zu mir umdrehen. Seine Augen waren auf mich gerichtet, und ich konnte nicht deuten, ob er sich Sorgen machte oder genervt von meinem Verhalten war.

„Ist ja gut. Ich schau es mir doch schon an.“ Viel langsamer aufzustehen, wäre nicht möglich gewesen. Natürlich behinderte mich dieser blöde Anschnallgurt etwas, allerdings brauchte ich sonst auch nicht so lange. Als ich es irgendwann geschafft hatte und mir durch die Fensterscheibe hindurch den farbenprächtigen Morgenhimmel ansehen wollte, kam mir eine Idee.

Wenn ich einfach einen auf Krank mache? Vielleicht drehen wir dann um und bleiben auf der Insel? Natürlich konnten wir nicht auf den Schienen umdrehen. Schließlich befanden wir uns auf dem Autozug. Aber in Niebüll war es möglich. Ja, dort mussten wir dieses Gefährt sowieso verlassen und hatten die Chance umzudrehen. Von dort aus konnten wir direkt mit dem nächsten Sylt Shuttle auf die Insel zurückkehren.

„Nein, so gemein bin ich nicht. Wir ziehen das Ding jetzt gemeinsam durch.“ Erneut war mir nicht klar, dass ich gesprochen hatte.

„Sag mal, Jake, was nuschelst du dir eigentlich die ganze Zeit in den Bart?“

„Ich? Äh … Also … Welchen Bart meinst du?“ Klar wusste ich, was Ben mit dem Bart gemeint hatte. Ich war ja kein Blödi und fragte nur nach, um auf Zeit zu spielen.

„Pass mal auf, kleiner Mann, zum Verkackeiern kannst du dir einen anderen suchen. Du weißt genau, was ich meine. Außerdem weiß ich genau, warum du eine solch miesepetrige Laune hast.“ Als Ben fertig gesprochen hatte, drehte er sich nach vorne, stellte die Musik lauter und sah in Richtung Festland.

Man könnte sagen, dass er mich ignorierte. Doch nicht nur das. Er hatte mir auch eine Denksportaufgabe verplättet. Wusste er wirklich, warum ich so blöd drauf war? Oder hatte er es nur einfach so rausgehauen?

Hm, du bist schon ganz schön clever, dachte ich und überlegte, wie ich aus der Gedankennummer wieder herauskam. Besser gesagt, wie ich herausfinden konnte, was mein Herrchen wirklich wusste.

~ Gegenverkehr ~

Jedes Mal, wenn ich eine Idee hatte, verwarf ich sie sofort wieder. Ben war zu clever, und so musste mein Plan ziemlich ausgefeilt und meine Worte gut gewählt sein.

Mit irgendeinem plumpen Doof-Versuch brauchte ich gar nicht erst zu kommen. Mein Herrchen hätte mich zunächst ausgelacht und anschließend damit aufgezogen. Nein, ich musste schon einen vernünftigen Geistesblitz haben. Einen, der beim ersten Versuch zu hundert Prozent erfolgreich war, und ebenfalls einer, der mir sofort die Antwort auf meine Frage präsentierte.

Wobei - worauf wollte ich eine Antwort haben? Um was ging es bei meinem Vorhaben noch gleich? Irgendetwas wollte ich wissen. Nein, ich wollte was herausfinden. Ach, verdammte Katzenkacke, ich weiß es nicht mehr. Stinksauer über meine Gedanken und natürlich auf mich selbst legte ich mich wieder hin und versuchte, mich zu konzentrieren.

Ich schloss die Augen. Sonst half es mir auch immer, und ich hoffte, auf diese Art eine schnelle Lösung zu finden. Eine Lösung? Musste ich eine finden? War es nicht vielmehr eine Antwort, die noch offen war?

Jake, reiß dich zusammen. Ob nun Lösung oder Antwort ist doch schnurzpiepegal. Schön, dass ich mir jetzt Gedanken darüber mache, was es überhaupt ist. Ich ärgerte mich tierisch über mich selbst und versuchte, die überflüssige Frage loszuwerden.

Dann wurde es laut. Sehr laut sogar, und als ich meine Augen vor Schreck öffnete, erkannte ich, dass es plötzlich dunkel war. Also nicht richtig dunkel, aber schon so, dass man es bemerkte.

„Was ist das?“ Ich bekam es mit der Angst zu tun und sah zu meinem Herrchen. Ben jedoch saß da, als wäre dieser Krach ganz normal. Auch die komische Halbdunkelheit schien ihn nicht zu stören, und Angst hatte er auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil, er sah aus dem Fenster und hatte seinen Blick noch immer stur Richtung Festland gerichtet.

„Gegenverkehr.“ Ohne eine weitere Reaktion zu zeigen, geschweige denn, sich umzudrehen, sagte mein Herrchen nur dieses eine Wort.

Na toll. Genauer geht’s wohl nicht. Wat biste für‘n Horst? Hey, dein kleiner, schüchterner Hund hat Schiss, und du bemitleidest ihn nicht. Tierquäler, dachte ich. Natürlich nur im Spaß, dennoch war ich froh darüber, dass Ben meinen Spaß nicht verstehen konnte. Immerhin machte man mit dem Wort Tierquäler keine Späße. Dafür waren diese Art Menschen einfach zu bescheuert!

„Gegenverkehr? Was soll das bedeuten? Und warum ist es so dunkel und laut?“ Ich fand meine Fragen durchaus berechtigt und wunderte mich, warum sich mein Herrchen zunächst umdrehte und mich erstaunt ansah.

„Echt jetzt? Denk nochmal über deine Fragen nach. Du bist doch schon häufig mit dem Autozug gefahren.“ Das fiese Grinsen hätte sich Ben echt schenken können. Ich hatte doch lediglich einfache Fragen gestellt. Und dann auch noch welche, die absolut berechtigt waren. Zumindest empfand ich es so.

Dann begann mein Herrchen erneut zu sprechen.

„Ach, Kleiner …“ Ich unterbrach Ben sofort, da ich wusste, was jetzt kam. Immer wenn er so begann, kam eine Erklärung. Leider eine, die für doofe Lebewesen gemacht war. Und ganz ehrlich, darauf hatte ich gerade überhaupt keine Lust.

„Sag es einfach. Los, hau raus. Und bitte ohne Umschweife.“ Ich sah Ben an und wartete. Tatsächlich kam eine kurze Antwort.

„Das war der Autozug zur Insel. Weil wir unten stehen, kommt es einem lauter als oben vor. Dunkler ist es hier dann natürlich auch, da er uns den Sonnenschein klaut.“

„Ach so“, sagte ich. Deshalb also Gegenverkehr. Jetzt hab ich es geschnallt.

Was ich dafür noch immer nicht kapiert hatte, war, warum Ben seinen Urlaub unbedingt auf dem Festland verbringen wollte. Es machte definitiv keinen Sinn für mich. Ich wollte nirgends hin, da es in diesem Nirgendwo ganz sicher keine schöneren Strände als die unseren gab.

Doch ich war mir auch sicher, dass es einen triftigen Grund für die Reise gab. Ben liebte Sylt und würde die Insel normalerweise nicht freiwillig für mehrere Tage verlassen. Da es nichts brachte, weiterhin die trotzige und beleidigte Leberwurst zu spielen, riss ich mich zusammen. Mit meinem Verhalten tat ich weder meinem Herrchen noch mir einen Gefallen, und so setzte ich mich endlich vernünftig hin, stupste Ben an und fragte:

„Sag mal, Ben, wohin fahren wir eigentlich? Ach, und warum wir fahren, kannst du mir auch gleich verraten.“ Mein Blick war neugierig und gespannt zugleich. Wobei, wo genau ist eigentlich der Unterschied zwischen diesen beiden Ausdrücken? Ist man nicht, wenn man gespannt ist, gleichzeitig auch neugierig? Manchmal ärgerte ich mich über meine Gedanken. Diese Fragen waren jetzt eher semi-wichtig, und daher sprach ich sie auch nicht aus.

„Ich muss arbeiten. Ja, nur du hast so richtig Urlaub, da ich für einen Zeitungsbericht recherchieren und auch schreiben muss.“ Mein Herrchen klang enttäuscht, und ich wusste auch genau, warum. Natürlich hätte er viel lieber zusammen mit mir die Gegend erkundet. Immerhin war er ebenso neugierig auf Neues wie ich. Oder war er genauso gespannt auf Neues wie ich? Da waren sie schon wieder, diese beiden total unterschiedlichen und doch gleichen Wörter. Klar hätte ich Ben bitten können, nach den Bedeutungen im Internet zu recherchieren. Aber musste das sein? Schließlich hatten sie mich bis zum heutigen Tag nicht interessiert, und ich ging davon aus, dass es in spätestens einer Stunde auch wieder so war.

Nein, mich interessierte im Moment etwas anderes. Normalerweise schrieb mein Lieblingsmensch Bücher über Sylt. Warum um alles in der Welt wollte er das ändern? Hatte er genug über diese wundervolle Insel verfasst? Gab es nichts mehr, über das er hätte schreiben können? Hey, ich war kein Schriftsteller und konnte diese Frage daher auch nicht beantworten. Aber es musste dringend geklärt werden. Ja, ich brauchte die Auflösung, da eine beklemmende Angst in mir aufstieg. Mussten wir jetzt häufiger von der Insel? Oder wollte Ben sogar ganz von Sylt flüchten? War dieser erste gemeinsame Urlaub gar kein Urlaub, sondern eine Reise in unsere neue Heimat? Machten wir uns auf den Weg zu unserem zukünftigen Zuhause?

Das durfte nicht so sein!

Es gab tatsächlich nur eine Möglichkeit, dies schnell herauszufinden. Ich musste mein Herrchen fragen, und genau das tat ich jetzt auch.

„Sag mal, Ben, wir bleiben doch aber auf Sylt wohnen oder? Die Insel wird doch unser Zuhause bleiben?“ Ich spürte meine zittrige Stimme ganz deutlich.

Hoffnungsvoll sah ich mein Herrchen an und erkannte seinen ernsten Gesichtsausdruck, der meine Angst noch größer werden ließ.

~ Bauernhof ~

Ich hatte wirklich schreckliche Angst vor Bens Antwort. Selbstverständlich wollte ich für immer bei meinem Herrchen bleiben. Allerdings auch auf Sylt. Natürlich befand ich mich in keiner Zwickmühle, da ich mit meinem Lieblingsmenschen so eng verbunden war, dass ich niemals wieder ohne ihn sein wollte. Aber ohne Sylt? Konnte ich das? Würde ich es hinbekommen, an einem anderen Ort zu leben? Vielleicht sogar irgendwo auf dem Lande? In einem kleinen Dorf, das von Feldern umgeben war, und in dem man ständig diesen ekligen Kuhgestank in der Schnüffelnase hatte? Hey, ich als Hund hatte immerhin eine noch empfindlichere Nase als mein Mensch.

Bitte … Bitte … Bitte, lieber Hundegott, lass mich mit Ben weiter auf Sylt leben dürfen. Ich verspreche, auch niemals wieder in irgendwelche dunklen Ecken zu kacken! Ob meine flehenden Gedanken erhört wurden? Ich wusste es natürlich nicht. Dafür erkannte ich, dass sich Bens Lippen langsam öffneten.

„Was ist das denn für eine Frage, Jake?! Natürlich bleiben wir auf Sylt wohnen, und ich hoffe, dass es auch immer so bleiben wird. Ohne das Meer könnte ich doch nicht leben.“ Jetzt war es sein Blick, der verständnislos auf mich gerichtet war. Mein Herrchen machte mir, allein durch seine Augen, deutlich, dass er ziemlich irritiert über meine Frage war.

„Schön.“ Ich atmete erleichtert auf und bemerkte nicht, dass mich mein Herrchen amüsiert ansah.

Erst einige Augenblicke später sprach Ben erneut zu mir.

„Sag mal, kleiner Mann, mehr hast du dazu nicht zu sagen? Ich dachte, dass du in einen Jubelschrei ausbrichst.“ Mein Herrchen lachte kurz auf und strich mir dabei sanft über den kleinen Hundekopf.

„Hä?“ Ich war mit meinen Gedanken längst woanders und hatte nicht richtig zugehört.

Da ich meine Angstgefühle, die Insel für immer verlassen zu müssen, beiseiteschieben konnte, überlegte ich bereits, wohin wir wohl in den Urlaub fuhren. Klar hatte ich längst eine Idee im Kopf. Ben konnte nicht ohne Wasser sein, und daher war ich mir absolut sicher, dass wir auf eine andere Insel fuhren. Okay, irgendwo an der Küste könnte es auch schön sein. Also an einer Küste auf dem Festland natürlich, da Inseln logischerweise Küsten besaßen. Außerdem liebte es mein Herrchen total, mit mir am Strand zu toben. Was blieb ihm daher anderes übrig, als den Urlaub an einem solchen Ort zu verbringen?

Dann fiel mir etwas ein. Hatte Ben nicht gesagt, dass … Hm, wie hatte er sich doch gleich ausgedrückt? Ich überlegte kurz, dann hatte ich seine Worte wieder parat.

Ich muss arbeiten. Ja, nur du hast so richtig Urlaub, da ich für einen Zeitungsbericht recherchieren und auch schreiben muss. Genau so hatte er es gesagt. Um ehrlich zu sein, passten Meer und Strand nicht wirklich zu seiner Aussage. Beides hatten wir auch auf Sylt.

Doch es gab auch die Möglichkeit, dass wir auf dem Weg an die Ostsee waren. Aus Bens Erzählungen kannte ich dieses Meer auch schon. Allerdings nicht wirklich gut, und viele positive Dinge hatte mein Herrchen nicht über dieses Meer von sich gegeben. Er liebte einfach die Nordsee und war der Meinung, dass die Ostsee einem Vergleich nicht standhalten konnte.

Nun ja, jeder hat halt seine Meinung.

Plötzlich fiel mir etwas ein.

Ich habe ja auch schon kurz an der Ostsee gelebt. Damals, als ich noch bei meiner Pflegefamilie war, hieß mein Zuhause Eckernförde. Ich grinste über das Wort Zuhause, da ich in meinem Leben erst in dem Moment ein Zuhause gefunden hatte, als ich mit Ben nach Sylt durfte.

Okay … So kam ich nicht weiter, und da wir gleich in Niebüll ankamen, stellte ich die Frage einfach klar und deutlich.

„Sag mal, Ben, an welches Meer fahren wir eigentlich? Sind die Strände dort so toll wie bei uns? Ist der Sand weich?“ Meine neugierigen Hundeaugen waren auf Ben gerichtet. Sie erkannten sein Grinsen, wussten nur leider noch nicht, was es damit auf sich hatte.

„Wir fahren nicht ans Meer.“ Seine Antwort war kurz, und ich wartete auf das Lachen. Mein Herrchen machte ganz bestimmt einen Spaß. Leider kam keins, und so war ich wieder an der Reihe.

„Ehrlich nicht? Wohin denn dann?“

„In ein kleines Dorf. Genauer gesagt, auf einen Bauernhof. Ich muss für eine Zeitung einen Bericht über Ferien auf dem Bauernhof schreiben. Falsch, Ferien mit Hund auf einem Bauernhof.“ Ben zuckte mit den Schultern, und ich erkannte deutlich, dass es sich um ein entschuldigendes Zucken handelte.

„Nicht dein Ernst?! Was soll ich denn da? Da gibt es bestimmt furchtbar viele Katzen, und die Luft wird man nicht einatmen können, da sie schrecklich nach Kuhscheiße stinkt. Ziegen wird es geben und nervige Hühner, die uns schon ganz früh aus dem Bett schreien …“ Dann wurde ich unterbrochen.

„Warte doch erst mal ab. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Übrigens, kleiner Jake, nicht die Hühner, sondern die Hähne werden uns wecken.

---ENDE DER LESEPROBE---