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Wohlbefinden im Alter ist kein Zufall! Auch nach der aktiven Berufslaufbahn können wir unser Leben erfüllt gestalten. Gesundheit und Lebensfreude im Alter fallen aber nicht vom Himmel. Life Coach Hans Niederkofler zeigt auf, dass es nie zu spät ist, Tag für Tag eine passende Beschäftigung zu finden und dabei selbstständig und vergnügt zu bleiben. » Tipps für mehr Lebensqualität im Alter » Plädoyer für die Selbstbestimmung alternder Menschen » Anregungen für selbstmächtiges Handeln
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Auch nach dem Ende des Berufslebens steht der Weg zu erfüllter Lebenszeit offen. Gutes Leben erfordert aber immer wieder neue Fähigkeiten, die besonders in der kritischen Übergangszeit ins Alter aufblühen statt verwelken wollen. Trotz abnehmender Ressourcen, beginnender Gebrechen und sich verengender Lebensbedingungen haben Senioren besondere Stärken, vor allem in den Bereichen Fach- und Orientierungswissen, Alltagsbewältigung, soziale Kompetenz, Lebenserfahrung und Lebenszufriedenheit. Lassen Sie sich einführen in die Kunst des aktiven Alterns und genießen Sie das gute Gefühl, das die Konzentration auf eine passende Beschäftigung auslöst, z. B. bei der täglichen Selbstsorge oder beim Einsatz für eine Sache, für andere und für das Wohnumfeld.
Hans Niederkofler (geboren 1941) war Lehrer für Betriebswirtschaft und Tourismusmanagement und hat nach der Pensionierung öffentliche und private Gremien in strategischen Projekten begleitet. Seit über zehn Jahren setzt er sich als Life Coach mit den Auswirkungen des aktiven Alterns auseinander.
Gedruckt mit Unterstützung der Südtiroler Landesregierung, Abteilung Deutsche Kultur und der Stiftung Sparkasse.
In Zusammenarbeit mit
„Das Leben leicht tragen und tief genießen ist ja doch die Summe aller Weisheiten.“
(Wilhelm von Humboldt, preußischer Schriftsteller und Staatsmann, 1767–1835)
1. Auflage
© Edition Raetia, Bozen 2023
Projektleitung: Eva Simeaner
Redaktion und Lektorat: Nina Schröder
Korrektur: Helene Dorner, Sabine Schmid
Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, Farbfabrik
Druckvorstufe: Typoplus
Druck: Printed in Europe
ISBN: 978-88-7283-867-9
ISBN E-Book: 978-88-7283-888-4
Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.
Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected].
Einleitung: Brauchen wir als Einzelne und als Gesellschaft neue Szenarien für aktives Altern?
Teil I
Die Selbst- und Weltbeziehungen erweitern und resonanzfähiger werden
1. Begegne deiner Mitte
2. Sag ja zum Fluss des Lebens
2.1 Das ganze Leben ist Veränderung
2.2 Aufs und Abs in der Lebensspanne
2.3 Die Übergänge
3. Vertraue dem inneren Kompass
3.1 Öffne neue Fenster nach innen und nach außen
3.2 Frage dein Herz
3.3 Hab Mut zur Angst
4. Erfinde dich neu
4.1 Behalte die Fähigkeit zur Selbstsorge im Auge und pflege deine Beziehungen
4.2 Engagiere dich bürgerschaftlich
4.3 Wachse über dich hinaus
5. Bleib aktiv
5.1 Herausforderung demografischer Wandel
5.2 Wie entsteht eine altersfreundliche Kultur?
5.3 Such dir passende Beschäftigungen und tu einfach etwas – für dich, für andere und für den Wohnort
5.4 Werde mit dem Tun eins
6. Lass in dir trotz Widrigkeiten versöhnte Zufriedenheit entstehen
7. Folge der Freude
7.1 Freude am selbst gestalteten und mitgestalteten Alltag
7.2 Freude an Sinn- und Lebensfragen
7.3 Freude an erweiterten Denkräumen und der eigenen Kreativität
7.4 Freude an neuen Kontakten und an Gleichgesinnten
Teil II
Einladung zum Nach-, Mit- und Weiterdenken
8. Wie entstehen neue politische Leitlinien und wie stoßen wir den Diskurs über aktives Altern an?
9. Wie kommen wir auf den Weg zu einer selbstverwirklichenden Beschäftigung?
10. „Die Zukunft hängt davon ab, was wir heute tun“ (Mahatma Ghandi)
Resümee
Anhang: Leitfaden für Interessierte
Fragebogen zur Lebensorientierung
Dank
Anmerkungen
Literatur
Nachwort
Das Alter ist noch immer dazu geeignet, uns Furcht einzuflößen. Trotz der besten Medizin und Altersversorgung aller Zeiten und obwohl wir im Durchschnitt deutlich älter werden als noch die Generation vor uns. In Europa wird die Bevölkerung alle fünf Jahre durchschnittlich um ein Jahr älter. Wir heutigen Hochsiebziger sind die erste Generation in der Geschichte, die nicht nur 10 bis 15 Jahre älter wird als unsere Großeltern, sondern auch über zehn Jahre länger jung und in guter körperlicher und geistiger Verfassung bleibt.
Laut Eurostat-Jahrbuch der Regionen haben Frauen in Europa im Durchschnitt eine Lebenserwartung von 83,5 Jahren, Männer von 81 Jahren.
Und doch können Slogans wie „60 ist das neue 40“ nicht über die Furcht vor dem Alter hinwegtäuschen – die Sprache verrät uns. Hat man erst einmal die Schwelle zur Rente überschritten, gehört man zu den Senioren. Keinesfalls wird man alter Mann oder alte Frau genannt. Dabei müsste allein das Erreichen eines gewissen Alters Respekt abverlangen. Obwohl unvermeidlich, ist Altsein für die meisten von uns nicht erstrebenswert.
Im Widerspruch dazu steht das gleichzeitige Herbeisehnen der Rente. Das Anheben des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre wird vielfach kritisiert. Viele möchten schon fünf Jahre früher in Rente gehen. Das zeigt eine Umfrage des Demographie Netzwerks, einer Kooperation von Unternehmen und Institutionen in Deutschland. Die Auswertung, die im Herbst 2022 veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass 54,2 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland gerne mit 62 Jahren oder früher mit der Erwerbsarbeit aufhören würden. Nur 10,7 Prozent wollen bis zum Alter von 67 oder sogar noch darüber hinaus arbeiten.
Dieser eklatante Widerspruch ist einer der wichtigen Impulsgeber für dieses Buch. Wie kann es sein, dass wir uns vor dem Alter fürchten und es gleichzeitig herbeisehnen? Und wie kommt es, dass sich so viele in der herbeigesehnten Rente gar nicht mehr zurechtfinden? Denn die größten Herausforderungen kommen in der Zeit nach dem Abschied aus dem Berufsleben auf jeden von uns zu. Plötzlich hat jeder Zeit für Erinnerungen, für Selbstfindung und für das letzte Drehbuch seines Lebens.
Dieses Buch will dazu anregen, allein oder in Resonanz1 mit einer co-kreativen Kleingruppe über sich, über die eigenen Stärken und über ein neues Lebenskonzept nachzudenken und Möglichkeiten zu finden, aktiv zu altern und die Lebensqualität und die gesellschaftliche Teilhabe zu erhalten und auszuweiten. Um selbstmächtig, gesund, aktiv und lebensfroh zu bleiben, braucht jeder spätestens ab 65 ein neues Lebenskonzept und neue Kompetenzen, die ihm nicht in den Schoß fallen. Denn das ist die andere Seite des Traumes vom Nichtstun: dass er zumeist nicht hält, was er verspricht, ein Dilemma, das es zu lösen gilt. Und zwar nicht nur von den Betroffenen selbst.
Denn gleichzeitig stehen unsere wohlhabenden Gesellschaften in einem gewaltigen demografischen Wandel. Die Vereinten Nationen gehen zwar noch davon aus, dass die Weltbevölkerung bis 2100 weiterwachsen wird, bevor es zu einer drastischen Reduzierung der Menschheit kommt. Es gibt aber auch andere Prognosen, und die erscheinen angesichts der sich umkehrenden Bevölkerungspyramiden aktuell realistischer. Das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME), University of Washington sieht den Höhepunkt des globalen Bevölkerungswachstums bereits im Jahr 2064 erreicht. Laut dieser Studie wird 2100 in 23 Ländern die Bevölkerung nur noch halb so groß sein wie heute. China zum Beispiel soll laut dieser Studie 2100 nur noch 732 Millionen Einwohner haben, statt 1,4 Milliarden wie derzeit – die chinesische Einkindpolitik sei der Anfang dieser Entwicklung gewesen. Und in den bevölkerungsstarken westeuropäischen Ländern wie Italien oder Deutschland sorgt die Generation der sogenannten Babyboomer samt dem Pillenknick ab Mitte der 1960er-Jahre für den tiefgreifenden Bevölkerungswandel. Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen anfangs die Geburtenzahlen stetig, dann brachen sie mit der Erfindung der Antibabypille ein. Die Folgen für unsere Gesellschaft sind dramatisch.
Die Berechnungen sind nicht einheitlich und unterscheiden sich stark von Region zu Region, von ländlichen zu urbanen Gebieten. Klar ist aber, dass in unseren Gesellschaften der Anteil an alten Menschen so stark anwachsen wird wie noch nie in unserer Geschichte. In etwa einem Vierteljahrhundert wird bei uns die Hälfte der Menschen älter als 50 sein. Und Statistiker rechnen damit, dass im Jahr 2040 zudem deutlich mehr als zehn Prozent der Bevölkerung älter als 80 sein werden. Zum Vergleich: Mitte des 19. Jahrhunderts lag der Anteil der über 80-Jährigen noch bei einem knappen halben Prozent. Mit anderen Worten: Unsere gesamten Produktionsprozesse müssen sich in atemberaubender Geschwindigkeit an die neuen Bedingungen anpassen, unsere Rentensysteme ebenso. Und wir als Mitglieder dieser Gesellschaften müssen mithalten. Das ist nicht als weit entferntes Schreckgespenst von sich wegzuschieben. Alle, die jetzt damit beginnen, über das Rentenalter nachzudenken, werden diesen tiefgreifenden Wandel miterleben.
Der Wandel des Gewohnten wird sich also eher noch beschleunigen. Schon heute erleben wir eine Welt, in der die Kommunikation, die Mobilität, die Produktion und der Austausch von Waren und Dienstleistungen immer schneller und unüberschaubarer wird. Finanzkrisen drohen sich zu wiederholen und die globale Wirtschaft zu erschüttern, die Klimakrise spitzt sich zu, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer und der soziale Zusammenhalt und das Vertrauen in die politischen und wirtschaftlichen Institutionen nehmen ab. Diese bedrohlichen Krisen stellen uns vor immer neue Herausforderungen. Wir werden umdenken müssen. Das „Weiter, Schneller, Größer“ funktioniert so nicht mehr. Um zu einer Wirtschaftsweise zu kommen, die nicht mehr den Wohlstand, die ökologische Zukunftsfähigkeit und den sozialen Zusammenhalt untergräbt, müssen wir uns von vielen bisherigen Vorstellungen verabschieden, neue Strategien finden und uns neue Kompetenzen aneignen. Kreativität und Innovation werden der wichtigste Schlüssel für Zukunftsfähigkeit. Der Wandel wirkt sich nicht nur auf die öffentlichen Strukturen aus, sondern auch auf das Privatleben. Beide Bereiche brauchen neue Kompetenzen und neue Verhaltensweisen.
Einen Anfang für dieses Umdenken möchte dieses Buch machen. Es ist zu fragen, was wir selbst tun können, um eine positive Entwicklung anzubahnen, und wie wir die Qualität des Lebens im Wohnumfeld trotz Bedrohungen erhalten und ausweiten können. Dabei sollten die Alten nicht einfach auf ein Abstellgleis geschoben werden. Ohne ihre Hilfe wird dieser tiefgreifende Wandel kaum zu bewältigen sein.
In diesem Buch wird darüber nachgedacht, wie sie sich in diese Prozesse einbringen können, wo es zurzeit hakt und wo bisher übersehenes Potenzial liegt. Denn noch nie sind so viele Kompetenzen von Pensionisten brachgelegen, obwohl gleichzeitig der Bedarf an passenden nachberuflichen Beschäftigten größer ist als jemals zuvor. Mit dem Begriff „aktives Altern“ haben die Altersforscher ursprünglich die Frage verbunden, wie Senioren nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben neue Beschäftigungen in sozialen und kulturellen Bereichen finden, um sich körperlich und geistig fit zu halten. Als später die Ökonomen von aktivem Altern zu reden begannen, meinten sie damit nicht mehr die nachberuflichen Tätigkeiten allgemein, sondern alle bezahlten Tätigkeiten älterer Arbeitnehmer vor der Pensionierung. Damit verbunden ist auch die Forderung, die Versicherungsjahre zu erhöhen, um die Finanzierungsprobleme der öffentlichen und privaten Altersvorsorge zu reduzieren.
In diesem Buch wird der Begriff nur im ursprünglichen Sinne der Altersforscher verwendet. Aktiv altern bedeutet, dass sich ältere Menschen ihrer kognitiven, lebenspraktischen und sozialkommunikativen Kompetenzen bewusst sind, sich mitverantwortlich bürgerschaftlich in Gemeinden, in Vereinen und in der Nachbarschaft engagieren und zu lokaler und regionaler Kreativität und Lebensqualität beitragen. Es geht um alltägliche Erfahrungen der Menschen, um die Freude am selbstmächtigen Mitentwickeln, um die Freude am Mitgestalten der Lebensqualität im Wohnumfeld und um die Hilfe zur Selbsthilfe in kleinen, altersgemischten, co-kreativen Basisgruppen für aktives Altern in jedem Ortsteil. Die bisher über Geld und Expertenwissen gesteuerten Sozial- und Gesundheitssysteme leisten viel, kommen aber in verschiedenen Bereichen, besonders in der Altenbetreuung, seit Jahren an ihre Grenzen. Brauchen wir JETZT eine Ergänzung durch Netzwerke kleiner Denkwerkstätten, in denen Pensionisten zusammenfinden und sich gegenseitig unterstützen, bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und durch passende Beschäftigung dafür sorgen, gesund und selbstmächtig bleiben?
Was verspricht das Buch?
Im ersten Teil will es die Leser dazu anregen, den roten Faden im Leben zu entdecken, aktiv zu altern, die Lebensoptionen auszuweiten, die Rahmenbedingungen für gelingendes Leben zu verbessern, sich neue Kompetenzen anzueignen, in gesunder, ausgeglichener Innen- und Außenorientierung ganz bei sich und anderen zugewandt zu sein, beim Tun und in der Stille ganz selbst zu werden und zu einer reifen Sinneserfahrung zu kommen. Es findet Antworten auf die Frage, wie wir in kleinen, co-kreativen Denkwerkstätten lernen können, resonanzfähiger zu werden, welche eigenen Kompetenzen wir erweitern müssen, um gut zu leben, wie wir im Team entspannt in erweiterte Denkräume vorstoßen, neuen Ideen begegnen und praktische Anregungen und Werkzeuge finden. Wir beginnen von einem besseren Alltag zu träumen und legen neue Ziele und Wege fest: für uns selbst und für jeden anderen in der Gruppe. Im zweiten Teil lädt das Buch zum Nach-, Mit- und Weiterdenken ein. Was soll sich in der Gesellschaft ändern, damit wir alle selbstverwirklichende Beschäftigungen und Rahmenbedingungen für ein gutes Leben2 finden? Nehmen Sie sich Zeit zu klären, wie Sie im Alter gesund, aktiv und lebensfroh bleiben können.
Gelingendes nachberufliches Leben ist ein selbstbestimmtes Leben mit der Aussicht, passende Beschäftigungen zu finden, die dem eigenen Sinnkonzept und Lebensmodell entsprechen und subjektiv und objektiv lohnenswert sind.3 So kann jeder Freude und Zufriedenheit entstehen lassen, sowohl in den aktiven Zeiten als auch in den Zeiten der Muße. Beim Ordnen des Lebens und bei der Ausrichtung auf das, was kommt, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern mit Rainer Maria Rilke: „Möge das Leben Ihnen aufgehen, Tür für Tür; mögen Sie in sich die Fähigkeit finden, ihm zu vertrauen, und den Mut, gerade dem Schweren das meiste Vertrauen zu geben.“
Hans Niederkofler
„Der Mensch ist ein Organismus, der sich und sein Gleichgewicht laufend in der wirklichen Welt erhält, indem er aktiv lebt, das heißt, indem er seine Zeit nutzt und in Harmonie mit seiner und mit der Natur, die ihn umgibt, lebt und handelt. Und dieser Gebrauch, den wir von uns selbst machen, hat auf jedes unserer Organe einen prägenden Einfluss.“4
(Adolf Meyer, schweizerisch-amerikanischer Psychiater, 1866–1950)
Das größte Missverständnis beim Übergang in den nachberuflichen Lebensabschnitt ist vermutlich die Vorstellung, die Qualität des Lebens hänge nur vom Wohlstand und der Höhe der Pension ab. Der Grund dafür liegt darin, dass mit der Rente nicht selten die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensbedingungen und mit den eigenen Zielen und Absichten vernachlässigt wird. Als wäre dies ein Teil der Arbeit im vorherigen Lebensabschnitt gewesen, der nun beendet ist. Mit dem Beruf hängt man auch die Arbeit an seinem zukünftigen Leben an den Nagel – man lässt mit sich geschehen, abwartend und passiv. Alle Übergänge von einem Lebensabschnitt in den anderen erfordern aber neues Wissen, Können und Wollen.
Laut dem deutschen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann5 (* 1944) erwerben wir unsere Lebenskompetenzen bei der Verarbeitung der eigenen inneren und äußeren Realität. Diese tägliche aktive Auseinandersetzung mit sich und den Lebensbedingungen kann uns niemand abnehmen. Die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit dauert ein ganzes Leben lang. Die eigene Entwicklung und Auseinandersetzung mit den körperlichen und psychischen Neigungen und Fähigkeiten und den neuen Lebensbedingungen wird nach dem Ausstieg aus dem Arbeitsleben oft vernachlässigt. Der beginnende, voraussichtlich sehr lange Lebensabschnitt ist eine gute Zeit, sich um die eigene Weiterentwicklung, um neue Einsatzmöglichkeiten und um Gesundheitsvorsorge durch Tätigsein zu bemühen. Tatsächlich ist das nicht immer einfach. Das Bedürfnis ist groß, die geregelten Bahnen des gerade abgeschlossenen Lebensabschnittes, die teils aufgezwungenen, viel zu ermüdenden Lebensrhythmen einfach abzuschütteln. Zudem haben viele Menschen über Jahre oder Jahrzehnte hinweg ihr eigenes Leben kaum noch geregelt. Das hatten andere für sie übernommen. Die Fäden des eigenen Lebens nun ganz aus der Hand zu geben, in einer falschen Vorstellung von einem Ausruhen und Genießen nach den Mühen des aktiven Arbeitslebens, führt nicht selten direkt in ein körperliches und geistiges Tief, aus dem wieder herauszukommen äußert schwierig ist.
Beim Übergang in die nachberufliche Lebensphase sind wir nun gezwungen, neue Optionen zu finden. Bei der Suche nach neuer Orientierung können ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch in kleinen Denkwerkstätten im Wohnumfeld und die Schützenhilfe von Gleichgesinnten hilfreich sein. Das gute Leben und die Gesundheit fallen nicht vom Himmel, sondern erfordern eigenes Bemühen und Anpassungsfähigkeit. Gesundheit ist laut Klaus Hurrelmann
„der Zustand des Wohlbefindens einer Person, der dann gegeben ist, wenn diese Person sich psychisch und sozial im Einklang mit den Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet.“
Der größten Krise begegnen wir, wenn wir in Richtung Lebensabend, Vergänglichkeit und Tod blicken. Dann wissen wir uns keinen Rat und sind einer wachsenden Angst ausgeliefert, die sich nicht verdrängen lässt.
Erst wenn wir uns darauf einlassen und mit dem unvermeidlichen Werden und Vergehen einverstanden sind, nimmt die Beklemmung ab und es gelingt uns, wieder nach vorn zu schauen, mit sich, mit anderen und mit Orten und Dingen in der Umgebung in Resonanz zu treten, die Veränderungen wahr- und anzunehmen und zu einer lebenspraktischen Besonnen- und Gelassenheit zurückzufinden.
„Das allgemeine Leiden ist die Entfremdung von sich selbst, von den Mitmenschen und von der Natur, das Bewusstsein, dass uns das Leben wie Sand durch die Finger läuft, dass wir sterben werden, ohne gelebt zu haben, dass wir im Überfluss leben und doch ohne Freude sind.“
(Erich Fromm, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker und Philosoph, 1900–1980)6
Die Erkenntnis der Entwicklungspsychologie, dass heute Altern nicht mehr gleich Abbau bedeutet, sondern dass es in der gesamten Lebensspanne Wachstum und Abbau gibt, ist leider weder in der Gesellschaft noch in der Politik angekommen.7 Früher oder später begegnet jedem die Vorstellung, Altern sei nichts anderes als ein abschüssiger Weg zum eigenen Ende. Diese existenzielle Angst trübt die Lebensfreude und führt zu innerer Zerrissenheit.
Zur eigenen Mitte, zu einem frohen Gemüt und zu gelingender Lebensplanung finden wir erst zurück, wenn wir über die im Alter unvermeidlichen physiologischen Störungen hinausschauen und das Sinnkonzept erneuern.
Jedem von uns wurde die Freude am gemeinsamen Entdecken in die Wiege gelegt. Manchmal geht sie im Laufe des Lebens verloren. In kleinen, altersgemischten Gruppen für aktives Altern, die einem ermutigenden Stimmigkeits- und Kohärenzgefühl Raum geben, lässt sie sich wahrscheinlich wiederfinden.
Unsere Lebensrhythmen sind der leiblichen, entwicklungspsychologischen, sozialen und kulturellen Veränderung unterworfen, und jeder Übergang von einer Lebensstufe zur anderen ist kritisch. In diesem Buch geht es um den Rückblick auf die Lebensgeschichte, die Lebensstufen, die Übergänge von einer in die andere, um die Risiken und Herausforderungen des Älterwerdens und um die Lebensbilanz. Von Kindesbeinen an entwickeln wir uns, altern wir, werden größer und vermeintlich klüger. In jedem Lebensabschnitt suchen wir ein angemessenes Selbstverständnis.
Wie kommt es, dass wir uns von uns selbst, von den Mitmenschen und von der Natur so entfremdet haben und dass zwar viele im Überfluss leben, aber ohne Freude, wie Erich Fromm anmerkt? Diese Entfremdung bezeichnet er als Krankheit des Jahrhunderts.
Um diese Krankheit zu heilen, gibt es viele Wege. Ein besonders einfacher und wirksamer ist der Weg nach innen (Meditation). Bei meditativen Übungen kommen Menschen seit Jahrtausenden sich selbst näher, gewinnen neue Einsichten, erkennen die eigenen Fähigkeiten und erweitern ihre Möglichkeiten, besinnen sich auf das Wesentliche, lernen Unvermeidliches besser auszuhalten und gelassener zu werden. Zu diesen Fähigkeiten kann jeder regelmäßig Übende selbst finden. Aufrichtig und achtsam bei sich sein ist seit jeher eine Voraussetzung für gelingendes Leben und das körperliche und geistige Wohlbefinden. Die Praxis der Meditation kommt vom Hinduismus, vom Buddhismus, vom Zen und vom Christentum.
Man kann sich aber auch einfach auf eine Bank setzen, in die Natur blicken und Stille und Schönheit auf sich wirken lassen. In der Stille beruhigen wir den Gedankenfluss und kommen zu innerer Ruhe.
Um in diesen unbeschwerten geistigen Zustand ohne einschränkende Meinungen und Bindungen zu kommen und sich auf das Wesentliche zu besinnen, konzentriert man sich einfach, ohne zu sprechen, allein oder mit anderen in einem ruhigen Raum oder auf einer Wanderung oder im Freien sitzend auf eine Empfindung, einen Gedanken, auf ein Bild oder auf Gerüche oder Geräusche. Zum Einstieg ist es vielleicht am einfachsten, sich bei einer täglichen kurzen Wanderung (etwa 30 Minuten) auf das Erspüren des Körpers zu konzentrieren: auf die Atmung (Zwerchfellatmung? Spannung? Entspannung?) und auf die Haltung (Wo fühle ich mich? Stehe ich fest und gelassen auf den Beinen? Spüre ich die Verbindung mit dem Boden? Ist mein Schwerpunkt im Kopf? In der Brust? Im Bauch? Die Japaner bezeichnen den Punkt zwei Fingerbreit unterhalb des Nabels als Erdmitte des Menschen, japanisch Hara). Oder man schaut jeden Tag etwa 20 Minuten mit offenen Augen ohne Erwartungen auf eine weiße Wand, lässt die Alltagsgedanken kommen und gehen und wartet, bis man nur noch den Atem spürt und im Hier und Jetzt einer gedankenfreien Bewusstheit näherkommt.
Wer regelmäßig länger meditiert, merkt bald, dass dieser Bewusstseinszustand die Gesundheit und das Immunsystem stärkt und zu mehr Selbstsicherheit, Anpassungsbereitschaft und Kreativität führt. Angst- und Stressreaktionen nehmen ab, man ist in der Lage, sich auf seine Beobachtungen zu konzentrieren, wie ein Regisseur Situationen von außen mit Gelassenheit zu betrachten, lästiges Grübeln zu durchbrechen, seine Sinneskanäle ganz zu öffnen und flexibel zu werden. Dabei lernt man seine Erfahrungen zu beschreiben, ohne sie zu bewerten, und schwierige Situationen wie einen Film noch einmal anzuschauen und vielleicht das eigene Verhalten zu ändern.
Der Theologe, Philosoph, Psychotherapeut und Managementberater Rupert Lay spricht von „in die Mitte gehen und aus der Mitte kommen“. Wie von selbst führen meditative Selbsterfahrungen zu innerer Klarheit. Wer seine innere Welt ordnet, kommt auch in der äußeren Welt besser zurecht. Der Prozess des Erlebens und Lernens wird dadurch produktiver und dynamischer (Klaus Hurrelmann) und die eigenen und sozialen Ressourcen können unbeschwerter und langfristig vorteilhafter eingesetzt werden.
Ein vorbildliches Lernfeld als Grundlage für gelingendes Leben und Lernen hat 1996 die Europäische Kommission der UNESCO empfohlen (Jacques Delors Report):8
