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Dieses Buch beschreibt den Weg einer Frau Mitte 40, die in tiefen Depressionen steckt und ihre Gesundheit wiedererlangen möchte. Dabei geraten ihr Familienleben und ihre Partnerschaft aus den Fugen. Beide Seiten - die des Partners und ihre eigene - sind in der jeweiligen Situation durch unterschiedliche Schriftstile für den männlichen und den weiblichen Part gekennzeichnet. Auch die Sicht des Mannes und seine Ängste und Sorgen werden ausführlich beschrieben. Das Buch soll Mut machen - Betroffenen und auch ihren Familienangehörigen. Es zeigt den Weg der Autorin aus ihrer eigenen Lebenskrise und hat damit autobiografische Züge.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Beatrice Roth
Aufbruch
Inhalt
Eine Frau kämpft mit ihren Depressionen.
Hoffnungslosigkeit, Dunkelheit, schwere Gedanken, Ängste und die Unfähigkeit darüber zu sprechen, bringen sie an *en äußersten Rand ihres Lebens. Nicht nur sie selbst, sondern alle in ihrem direkten Umfeld sind davon betroffen, der Mann an ihrer Seite, ihre Kinder und ihre Eltern. Sie ist konfront*ert mit Unverständnis, Mitleid und völliger Hilflosigkeit. Aufbruch ist die Geschichte ihres Kampfes, um sich aus dem Sumpf ihrer Gefühle und Ängste zu befreien und wieder ein selbstbestimmtes *nd lustvolles Leben zu führen. Es ist aber auch die Geschichte seiner Gefühle und Gedanken, während sie sich immer weiter in sich zurückzieht.
Geschrieben aus zwei Perspektiven, gibt dieses Buch ni*ht nur ihre Sicht, sondern auch die Gedanken und Gefühle ihres Mannes wider.
Wird sie es schaffen, glücklich zu werden und achtsam mit sich umzugehen?
Beatrice Roth wählt einen sehr offenen, klaren Schreibstil u*d würzt die teils traurige und teils bedrohliche Geschichte auch mit einer wohldosierten Prise Humor und Erotik. Ein Buch direkt aus dem Leben!
Die Autorin
Sie wurde 1963 in Süddeutschland geboren, lebt heute in Hamburg und arbe*tet als Coach und psychologische Beraterin. „Aufbruch“ ist ihr erster Roman, den sie unter Pseudonym geschrieben hat.
Aufbruch Beatrice Roth Copyright: © 2014 Beatrice Roth 1.Auflage
Cover: Gernot Schreiber
Druck und Herausgeber:
epubli Gm*H
Beatrice Roth
Aufbruch
Roman
Aufbruch
Stillstand
Rückschritt
Veränderung
Aufbruch
Drei Jahre später
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Stillstand
Als der Wecker um 5:30 Uhr klingelte, hatte sie das Gefühl aus der Tiefsee gezogen zu werden. Das Gepiepe des Weckers drang nur sehr langsam in ihr Bewusstsein ein. Als *hr nach und nach klar wurde, dass es Montagmorgen war und sie nicht liegenbleiben konnte, stöhnte sie genervt. Sie hatte mal wieder eine beschissene Nacht hinter sich, war immer wieder aufgewacht und hundemüde. Ihr gesamter Körper tat weh, sie fühlte sich u*alt und war wenig motiviert in die neue Woche zu starten.
Er neben ihr brummte leise und drehte ihr den Rücken zu. Er war wie so oft gerade zu der Zeit ins Bett gekommen, als sie eben eingenickt war, womit er sie wieder geweckt hatte. Heftig schnarchend war er dann sch*ell eingedöst, was sie neben ihrer Grübelei zusätzlich daran gehindert hatte, weiter schlafen zu können. Diese – vor allem alkoholbedingte – Schnarcherei machte sie wahnsinnig, was die Sache nicht besser machte. Von ihrem Zorn wurde sie erst richtig wach. Jetzt aber beneidete s*e ihn nur noch glühend darum, dass er länger liegenbleiben konnte.
Sie setzte sich auf, tastete schlaftrunken nach dem Wecker und drückte auf die Stopptaste. Es war kalt im Schlafzimmer, durch das gekippte Fenster hörte sie den Regen rauschen. „Hamburger Januar-Schmuddelwetter“ dach*e sie, was sich letztlich nicht vom vorangegangenen Dezember oder November unterschied. Sie versuchte sich zu erinnern, wie sich Sommer anfühlt und wie schön ein heller Morgen war. Die langen dunklen Tage gingen ihr aufs Gemüt und sie fühlte sich, als ob sie einen schwarzen Sack über dem Kopf hatte. *ie gähnte lautlos.
„Los, Du musst, meckern hilft nicht!“ schimpfte sie mit sich selbst. Sie setzte die Füße auf den kalten Fußboden, tastete mit den Zehen nach ihren Hauspuschen und schlüpfte hinein. Als sie aufstand, zog ihr mal wieder der altbekannte, dumpfe Schmerz ins Kreuz. Diese verdammten Rückensc*merzen … Sie wurde sie einfach nicht los, obwohl es doch so simpel gewesen wäre, sie zu bekämpfen. Aber sie konnte sich leider nicht häufiger aufraffen, zum Sport *der zum Reiten zu gehen – sicherlich beides besser als Tabletten, um die Schmerzen loszuwerden. Aber sie schaffte es viel zu oft nicht, den für ihren Rücken – und auc* für ihr Seelenleben – so wichtigen Sport in ihren vollen Alltag einzubauen. Und hatte sie dann mal wirklich Zeit, dann war sie so müde und ausgelaugt, dass sie sich einfach *ur auf ihr Sofa legen und ihren inneren Schweinehund mit Salzstangen füttern wollte.
Sie stand auf, ging zum Fenster und wagte einen müden Blick nach draußen. Im Licht der Straß*nlaterne sah sie, wie sich die Bäume im Wind bewegten und der Regen schräg ans Fenster klatschte. „Das ist ja grauselig draußen…!“ murmelte sie. Dieses Wetter trieb ihre Stimmung auch *icht hoch, sie wollte nur ins Bett zurück. Sie musste gleich mit dem Hund in diese nasse Kälte hinaus. Er lief unten im Haus schon hin und her, seine Krallen machten ein leicht scharrendes Geräu*ch auf dem Parkett. Er wurde unruhig, die Nacht war lang für ihn und seine Blase gewesen.
Sie schloss leise das Fenster, drehte die Heizung ein wenig an und tapste im Dunkeln aus dem Schlafzimmer, wobei sie *einahe über den Kleiderhaufen ihres Mannes stolperte, den er gestern Abend achtlos auf dem Boden liegengelassen hatte. Und schon wieder kochte es in ihr hoch. Tausendmal hatte sie ihm schon gesagt, dass er seine *achen auf den Stuhl legen sollte, den sie genau dafür auf seine Bettseite gestellt hatte. Ihr rechter großer Zeh blieb im Kragen seines Hemdes hängen. Dieses Hemd hatte sie ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt, *r hatte es aber lange nicht angezogen, weil er eine ganze Zeit keine passende Hose dazu hatte. Nun brachte gerade dieses Hemd sie beinahe zu Fall.
„Verdammt!“ fluchte sie leise und rieb sich den Zeh, den sie sich bei dem M*növer auf den Beinen zu bleiben, umgeknickt hatte.
Sie lief Gefahr, sich irgendwann die Knochen zu brechen, weil die gesamte Familie – sie selbst natürlich ausgenommen – immer alles auf dem Boden aufbewahrte. Manchmal kam sie sich *or wie eine Fremde im eigenen Haushalt, in dem alle anderen Bewohner das Meiste auf dem Boden erledigten. Ob Hausaufgaben, Essen, Lesen, Kleiderablage, Spielen, Arbeiten, Fernsehen … alles fand auf dem Fußboden statt. Sie fragte sich, warum sie ü*erhaupt Möbel gekauft hatten, wenn diese außer vom Hund und ihr von niemandem benutzt wurden. Bruno durfte es zwar nicht, aber er schlief gerne auf dem Sofa, wenn mal gerade keiner hinschaute.
Wütend schloss sie die Schlafzimmertür etwas zu laut u*d ein ärgerliches Brummen aus dem Bett war die Folge. Sofort packte sie das schlechte Gewissen, weil sie ihre Laune an ihm ausließ. Als sie das Flurlicht anschaltete, kniff sie die Augen zusammen und blieb einen Moment stehen. Hätte sie sich an den Türrahmen gele*nt, dann wäre sie im Stehen eingeschlafen. Das ging jetzt schon Monate so, dass sie nicht durchschlafen konnte und nur stundenweise zur Ruhe kam, und sie fühlte sich immer schwerer und träger, je länger dieser Zustand anhielt.
Sie konnte es sich vor allem nicht erklä*en. Ihre Tage waren voll mit Aufgaben und Terminen, sie war abends hundemüde und schlief meist sofort ein. Aber bereits nach zwei Stunden Schlaf war sie wieder hellwach, wälzte sich hin und her und konnte die Gedanken im Kopf nicht abstellen. Sie war auch schon wieder aufgestanden und *atte sich Notizen gemacht, damit die Gedanken nicht verloren gingen. Meistens waren es Dinge, die sie zu erledigen hatte, Stichworte für den Einkaufszettel oder eine Idee, was sie außer Pizza, Nudeln mit Pesto und Frikadellen in den nächsten Tagen kochen könnte. Nichts Weltbewegendes, aber Di*ge, die sie nachts beschäftigten, weil sie sie tagsüber in ihrem Alltagstrott vergessen hatte.
Als sie ins Bad kam, sank ihre Stimmung noch weiter. Zwei feuchte Handtücher auf dem Badezimmerteppich und Haarshampoo und Spülung auf dem Boden neben der Badewanne zeigten ihr deutlich, dass ihre Stieftocht*r Isabella spätabends noch Haare gewaschen hatte. Das Prinzip „Bodenhaftung“ galt auch für die Badezimmerutensilien.
Sie klappte den Klodeckel hoch, zog sich die Hose ihres Schlafanzuges herunter und pinkelte geräuschvoll. Solange sie auf dem Klo saß, hätte sie nur die Augen zu machen müssen, um wieder ein*uschlafen – einfach so im Sitzen auf der Klobrille.
Sie spülte, wusch sich die Hände und schaute in den Spiegel über dem Waschbecken. Was sie sah, machte sie an *iesem Morgen auch nicht glücklicher: ein graues und zerknittertes Gesicht, mindestens zwanzig Jahre älter als sie war. Im Sommer hatte sie sich noch richtig attraktiv gefühlt, *raungebrannt und ausgeschlafen. Sie hatte Schwung und viel Lebensfreude gehabt, aber den Herbst und Winter über ist mit der Sommerbräune auch jeglicher Elan verloren gegangen und s* sehr sie sich auch bemühte, ihn wieder in sich zu aktivieren, umso träger und fauler wurde sie. Sie seufzte und nahm sich ihre Klamotten, die auf dem Wäschekorb bereit lagen. Unterwä*che, Shirt, ein dicker Winterpullover und ihre Jeans mussten für den Hundespaziergang erst einmal reichen. Das ungeliebte Job-Outfit zog sie erst an, wenn sie mit dem Hund und der Frühstücksvorb*reitung fertig war. Sie schlüpfte schnell in ihre Sachen und fühlte sich schon etwas wohler, weil sie jetzt wenigstens nicht mehr fror.
Er lag wach im Bett und ärgerte sich über sie. Warum zum Teuf*l bekam sie es nicht hin, die Tür so zu schließen, dass er nicht davon aufwachte? Das kann doch nicht so schwer sein, verdammt noch mal, dachte er. Er war spät ins Bett gekommen, nachdem er vor dem Fernseher e*ne Flasche Rotwein geleert hatte und dann auf dem Sofa eingenickt war. Er griff nach der Wasserflasche neben seinem Bett, um den schalen Geschmack im Mund zu bekämpfen. Als er sich aufsetzte, spürte er ein leichtes *ochen im Kopf und Druck auf den Augen. Mit Genuss nahm er mehrere große Schlucke aus der Flasche. Danach fühlte er sich schon etwas besser.
Er legte sich noch einmal zurück und klemmte sich die Decke zwischen die Beine. Das *ar ein äußerst angenehmes Gefühl und er wünschte sich, sie würde doch noch neben ihm liegen. Seine Hand schob sich unter ihre Decke und er spürte noch die Restwärme und die Kuhle in der Matratze, die ihr Körper hinterlassen hatte. *r griff sich ihr Kopfkissen, zog es sich ans Gesicht und atmete tief ihren Geruch ein. Ihr Duft machte ihn immer noch geil. Das war von Anfang an so gewesen. Er liebte auch ihr Parfüm, aber am liebsten atmete er sie pur und am frühen Morgen noch *or dem Duschen ein – mit diesem Schlafgeruch, der so ganz Sie war.
Dieser Gedanke erregte ihn noch mehr. Sie hatten schon lange keinen Sex mehr gehabt und er vermisste es schmerzlich.
Er liebte ihren Körper sehr, auch oder gerade weil er im Laufe d*r Zeit weicher und fraulicher geworden war. Als er sie vor 6 Jahren kennenlernte, da war sie sehr durchtrainiert und sportlich und auch etwas schlanker. Aber es störte ihn überhaupt nicht, dass sie inzwischen ein wenig zugenommen hatte. Sie war ja nicht dick, nicht *inmal mollig – sie war immer noch schlank, aber sie selbst fand sich schrecklich dick. Oft stand sie vor dem Spiegel und zog an ihrer Haut und dem angeblichen Fett darunter herum. „Guck mal, hier die Speckrollen!“ sagte sie dann ganz unglücklich, obwohl er beim besten Wi*len keine Speckrollen erkennen konnte.
Es nervte ihn, dass sie von sich selbst so ein negatives Bild hatte und er hatte aufgegeben, sie von dem Gegenteil zu überzeugen. Kein Mann in seiner Umgebung, weder seine Freunde, noch Kollegen liebten Frauen, die wie tapezierte Knochen aussahen, *rotzdem kannte er kaum eine Frau, die nicht unzufrieden mit ihrem Körper war. Diesen weiblichen Tick konnte er beim besten Willen nicht verstehen und konnte nur den Kopf darüber schütteln.
Natürlich schaute er auch mal gerne einer Frau mit einer perfekten Figur hinterher, aber nur, wenn sie a*ch eine erotische Ausstrahlung hatte und die hatte nun gar nichts mit Gewicht oder perfekten Maßen zu tun. Er liebte den weichen, fraulichen Körper seiner Frau und er hätte ihr das sehr gerne viel häufiger gezeigt. Aber sie hatte seit Monaten keine Lust mehr und jedes Mal, wenn er zärtlich auf sie zugi*g, hatte sie andere Ausreden oder ablehnende Worte. Mal waren es ihre Tage, mal hatte sie Kopfschmerzen, mal war sie viel zu müde und mal hatte sie abends noch einiges zu tun. So langsam war er es leid.
„Mhhhhh …“ brummte er leise, das warme Gefühl, dass sich bei den Gedanken an ihren Körper zwischen seinen *einen ausbreitete, genoss er sehr und er dachte kurz daran, es noch ein wenig auszukosten und selbst Hand anzulegen. Aber dann hatte er die Idee, heute Abend vielleicht einm*l früher nach Hause zu kommen.
Sein Terminplan ließ das durchaus zu und eröffnete die Chance, einen schönen Abend mit erotischem Ausgang mit ihr zu verbringen. Ein Glas Wein, *in bisschen Massage – vor allem an den Füßen, das liebte sie ganz besonders – schöne Musik, Kerzen, eben das komplette Verführungsprogramm. Das müsste doch mit dem Teufel zugehen, *enn er sie nicht mal wieder von seinen puren, männlichen Qualitäten überzeugen konnte.
„Ja, ich werde mir den Abend heute für sie freihalten!“ nahm er sich fest vor und dabei glitten s*inen Gedanken von den anregenden Möglichkeiten des kommenden Abends zu den Terminen und Aufgaben, die davor erledigt werden mussten.
Nüchterne Gedanken kamen ihm dabei und seine Erektion nahm in dem M*ße ab, wie er an die Aufgaben dachte, die am heutigen Tag vor ihm lagen. Er hatte vor einem guten Jahrzehnt einen lukrativen Job in einer großen Aktiengesellschaft bekommen, ein Branchen-Riese, der ihm gute *ufstiegschancen bot. Die hatte er auch nutzen können und war in den letzten Jahren stetig in der Hierarchie aufgestiegen. Aber die Hoffnung mit einer höheren Stellung auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Einfluss *u bekommen, hatte sich nicht erfüllt und er trug sich schon lange ganz im Geheimen mit dem Plan, noch einmal etwas ganz anderes zu machen.
So ein Branchenriese bot zwar einige Vorteile, aber meist bewegte er sich auch lan*sam und behäbig, und bis effiziente und sinnvolle Veränderungen umgesetzt wurden, dauerte es manchmal so lange, dass ihm die Lust und die Luft ausgingen. Viele der Projekte und Arbeitsgruppen, in denen er war oder dessen Ergebnisse *r umsetzen sollte, waren unter einem anderen Namen oder einer anderen Gruppenleitung schon einmal dagewesen. Die meisten dieser Projekte wurden nur zu einem Zweck bearbeitet: Kosten einzusparen und Personal abbauen. Spaß machte ihm das keinen *ehr. Er hasste diese Gespräche, die er dann mit den Mitarbeitern führen musste, die man loswerden wollte, weil sie schon älter waren oder Teilzeit arbeiteten. Der Zynismus, mit dem man am Personalabbau arbeitete, kotzte ihn regelrecht an. Er mac*te sich auch keine Illusionen über seine eigene Position. Auch vor Abteilungsleitern machte der Kahlschlag in seiner Firma nicht mehr Halt.
Diese Firmenpolitik ging an seiner Ethik vorbei, aber momentan hatte er noch keine Alternative. Er trug die finanzie*le Verantwortung für seine Familie und das machte die Entscheidung nicht leicht, seinen Traum – selbständig und frei zu arbeiten – umzusetzen. Es würde am Anfang viel Geld verschlingen, das er momentan auch nicht so einfach zur Verfügung hatte. Er verschob sei*e Pläne immer wieder und manchmal befürchtete er, dass er irgendwann zu alt dafür sein könnte und es dann nur noch bedauern könnte, dass er es nicht geschafft hatte, seine Träume umzusetzen.
Kurz überlegte er, ob er schon aufstehen sollte, aber dann hörte er sie die Tr*ppe hinuntergehen und da er wusste, dass sie die morgendliche Ruhe im Haus liebte und gerne die erste Stunde des Tages allein mit dem Hund verbrachte, drehte er sich noch einmal um, zog sich die Decke über die Schulter und war in der nächsten Minute schon wieder eingenickt.
Als sie unt*n im Flur ankam, wurde sie freudig schwanzwedelnd von Bruno, ihrem dunkelbraunen Labrador begrüßt, was ihre Stimmung gleich um einiges anhob. Sie hockte sich auf die unterste Treppenstufe und schaute ihm in die warmen, braunen Augen. Er setzte sich und hielt ihr die Pfote hin. Seine Ohren waren *eicht aufgestellt und er schaute sie erwartungsvoll an.
„Ja, mein Süßer, wir gehen gleich – Frauchen stellt nur noch den Kaffee an!“
Bruno kannte ihre Routine und trabte Richtung Küche, nicht ohne unterwegs einen alten Tennisball aufzusammeln, damit sie nicht vergaß, was sie zu tun hatte. Sie lä*helte und kraulte im Vorbeigehen sein Ohr.
„Ja, Räuber, es geht gleich los. Ich vergesse Dich doch nicht!“
Sie knipste in der Küche das kleine, gemütlichere *icht über dem Herd und das Radio an. Dabei registrierte sie leicht unwillig die leere Rotweinflasche und das Glas daneben. Er hatte schon wieder eine ganze Flasche leer gema*ht. Das ging so nicht weiter. Sie machte sich wegen seines Alkoholkonsums ernsthafte Sorgen um ihn. Er trank zu viel aus ihrer Sicht, war aber zu diesem Thema völlig beratungsres*stent.
„Hältst Du mich für einen Alkoholiker? Ich hab‘ alles im Griff! Ich brauche meine Entspannung abends!“ Die üblichen Sprüche, die nicht nur die Frau, sondern vermutlich auc* sein eigenes schlechtes Gewissen beruhigen sollten.
Sie war aber ganz und gar nicht beruhigt und sie konnte einfach nicht nachvollziehen, wie ein ansonsten vernünftiger und intelligenter Mann *o unvernünftig und blind sein konnte. Er rauchte nicht, hatte auch noch nie geraucht, er fuhr ab und zu Rennrad und joggte auch manchmal, und er ernährte sich gesund, im Gegensatz zu ihr.
Sie hatte vor *ahren aufgehört zu rauchen, war aber mit dem Drang nach einer Zigarette immer noch nicht ganz durch. Ab und zu gab sie dem auch nach, wenn ihre beste Freundin Iris zu Besuch war, mit der sie bei einer Flasche Sekt *erne mal eine Zigarette rauchte. Ihr wurde zwar regelmäßig schlecht davon und sie hatte am nächsten Morgen fast immer heftige Kopfschmerzen, aber so richtig lassen konnte sie es in der entsprechenden Stimmung doch ni*ht. Auch ihre Ernährung war nicht gerade das, was man gesund nennen konnte. Meist auf die Schnelle und zwischendurch, zu viel Süßes und Fettes, und dabei immer in Eile.
Sie spürte, dass eine tiefe Unzufriedenheit und Unruhe *n ihm nagte, die, so hoffte sie, nichts mit ihrer Beziehung zu tun hatte und vermutete, dass sein Job ihn nicht mehr sehr glücklich machte. Sie konnte das gut verstehen, sie hatten denselben Arbeitgeber. Sie war zwar in einem anderen Gesc*äftszweig, aber die Firmenpolitik war im ganzen Konzern die gleiche. Alkohol war nun aber wirklich nicht das richtige Mittel um mit dem Jobfrust umzugehen.
Für sie war Alkohol kein Problem. Ab und zu mal den Sekt mit Iris, auch gerne mal ein Glas *ein bei einem schönen Essen, wenn sie ausgingen – was nicht mehr oft vorkam, das war’s aber auch schon mit dem Alkohol. Sie verlor ungern die Kontrolle über ihre Sprache und ihre Handlungen und zog die Sicherheit vor, zu wissen, was sie tat und sagte. S*e hatte in ihrer Kindheit und Jugend zu oft erlebt, was zu viel Alkohol aus Menschen machen kann, wenn die Freunde ihres Vaters da gewesen und – als sie ein junges, hübsches Mädchen war – auch gerne mal anzüglich und frech geworden waren. Sie hasste betrunkene Mä*ner, die sich schlecht benahmen und alles taten, um sich am nächsten Tag für ihr Verhalten entschuldigen zu müssen.
Bruno stupste sie mit seiner Nase an und riss sie aus ihren Überlegungen. Er hob die Pfote und berührte ihr Bein. Dann streckte er sich genüsslich und gähn*e geräuschvoll.
„Ja, mein Guter, wir gehen gleich! Nur noch schnell den Kaffee aufsetzen!“
Sie goss Wasser in die Kaffeemaschine und schüttete Pulver in den Filter. Beim Geruch des gemahlenen Kaffees freute sie sich auf ihre erste Tasse an diesem Tag, die sie immer mit viel Milchschaum *rank. Sie stellte die Maschine an, nahm die Hundeleine vom Haken neben der Kellertür und ging in den Flur hinaus. Bruno tobte vor Freude wie ein Verrückter herum, während sie sich ihre warm gefütterten Gummistiefel und die dicke Barbour-Jacke anzog. Sie legte keinen Wert auf teure Markenkleidung – für *ie war das unnütz ausgegebenes Geld, aber diese Jacke war wirklich ein wunderbares Geschenk von ihm. Er hatte sie ihr zu Weihnachten geschenkt, als sie gemeinsam e*tschieden hatten, sich einen Hund anzuschaffen und sie war ihm an solchen nasskalten Tagen wie heute besonders dankbar dafür. Auch die Stiefel waren für eine Hamburger *undebesitzerin ein wahrer Segen. Sie hatte sie sich in einem Geschäft für Jagdbedarf besorgt und sie hielten die Füße wunderbar warm und trocken
Bruno fing an zu kläffen, *eil sie aus seiner Sicht nicht schnell genug war. Während sie ihre Hosenbeine in die Stiefelschäfte stopfte und oben die Schnürbänder am Rand der Stiefel zuzog, knabberte er aus Un*eduld an ihren Händen herum. „AUS!“ sagte sie mit Nachdruck und beeilte sich Schal und Handschuhe überzuziehen, bevor er mit seinem Gebelle und Getobe noch das ganze Haus aufweckte.
Sie n*hm den Schlüssel von der antiken Kommode, die im Flur stand und schloss die Haustür auf. Bruno zwängte sich an ihr vorbei und schoss in den Regen hinaus und den Gartenweg hinunter, bog in einem Affenza*n rechts auf den Plattenweg ab, der entlang der Reihenhaussiedlung zu einem Parkplatz führte. Er blieb am ersten Baum stehen, um ausgiebig zu pinkeln. Sie war froh, dass er seinen Ball vergessen hatte. Bei diesem Wette* und im Dunkeln mit ihm Ball zu spielen war alles andere als angenehm. Zum einen war der Tennisball glitschig und dreckig und das Gefühl an den Händen einfach widerlich, und zum anderen fand er ihn im Dunkeln oft nicht wieder. *ie viele Tennis- und Schleuderbälle im Laufe der letzten vier Jahre verloren gegangen waren, konnte sie schon lange nicht mehr zählen. Zum Glück spielte eine Kollegin von ihr Tennis und brachte ihr ab und zu alte Bälle mit, so dass es *umindest am Nachschub nicht fehlte.
Sie hatte jedoch inzwischen gehört, dass Tennisbälle wegen der darin verarbeiteten Chemikalien für einen Hund ungesund seien und wollte schon seit Wochen im Internet recherchieren oder beim Tierarzt nachfragen, ob d*ese Information wirklich stimmte. Ein Punkt mehr auf der endlos langen Liste der Dinge, die sie gerne erledigt hätte, zu denen sie aber im Alltagsgeschäft einfach nicht kam, oder sie immer wieder vergaß. Sie hätte mindestens drei Wochen Urlaub nehmen und die Fa*ilie in dieser Zeit wegschicken müssen, um all das zu erledigen, was von Schränke ausmisten bis hin zu Fotos einkleben reichte.
Bruno rannte vor ihr her, den morgendlichen Weg hinunter zum Alsterlauf. Sie beeilte sich, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren und kontrollie*te, ob sie auch noch genug Hundetüten bei sich hatte.
Auf dem Alsterwanderweg war es stockdunkel und sie konnte Bruno mehr hören als sehen. Sie blieb wie immer in den dunklen Jahreszeiten an der letzten Laterne stehen, weil sie sich trotz der Begleitung durch Bruno fürchtete ins Dunkel *u gehen. Sie war sich nicht sicher, ob er sie wirklich verteidigen würde. Er war eigentlich sehr vertrauensvoll und zu allen Menschen nett, wenn man ihn nicht ärgerte. Sie zweifelte daran, ob er sich schützend vor sie stellen würde, wenn man sie angreifen oder belästigen würde. Eine Ablenkung durch *in Leckerli und er würde sie vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken ihrem Schicksal überlassen. Nein, darauf wollte sie sich nicht verlassen und blieb liebe* dort stehen, wo sie sich einigermaßen sicher fühlte.
Er stöberte im Unterholz herum, tapste ins Wasser und schlabberte. Ständig kam er angelaufen und hoffte dar*uf, dass sie einen Ball werfen würde. Dann verschwand er wieder im Dunkeln. Plötzlich bellte er mehrmals laut und in tiefen, grollenden Tönen.
„Ich bin’s doch bloß, *runo!“
Ihr Nachbar kam aus dem Dunkeln mit seiner schwarzen Riesenschnauzerhündin. Sie ging gut erzogen an der kurzen Leine. Es war eine respekteinflößende Hündin. Ein gutes *tück größer als Bruno, der dieser Riesendame immer gerne aus dem Weg ging. Sie hatte ihn einmal ziemlich unwirsch angeknurrt, seit dem machte er vorsichtshalber einen großen Bogen u* sie. Er zog die Mädchen in seiner Gewichtsklasse ganz eindeutig vor.
„Moin!“ grüßte der Nachbar und tippte sich an den tropfenden Hut.
„Guten Morgen“ grüßte sie höflich zurück u*d hoffte, dass er nicht stehen bleiben würde.
Sie mochte ihn nicht, weil er sich in der Wohnanlage immer wieder über irgendetwas beschwerte. Ob zu laute Kinder oder ein Auto, das nicht auf den Parkplatz *ehörte, Papier auf den Wegen oder eine Party im Garten, er hatte immer einen Grund zu meckern und sogar Nachbarn bei der Polizei anzuzeigen. Niemand von den ansonsten durchgehend netten Nachbarn kam mit ihm gut aus *nd alle mokierten sich etwas über ihn. Er war einer von den Typen, die ihren Autostellplatz jeden Samstag fegten und sich darüber aufregte, dass die anderen Mieter das nicht machten. Sie konnte so eine Blockwartmentalität *icht leiden und ging ihm gerne aus dem Weg.
Am schlimmsten war jedoch, dass er mit großer Treffsicherheit häufig seinen Finger in die Wunden ihres Gewissens legte. Er konnte im Vorbeigehen wunderbar eine kurze Bemerkung über den Zu*tand Ihres Gartens oder über die Sauberkeit ihrer Fenster machen und der Tag war für sie gelaufen. Sie hatte ja genau die gleichen Gedanken, aber schaffte so vieles nicht, was sie schaffen wollte. Zum Glück trieb ihn das schlechte Wetter schn*ll nach Hause und er blieb nicht stehen.
Sie spürte, wie ihr das Regenwasser in den Kragen lief und trat den Heimweg an.
„Komm, Bruno, wir gehen auch nach Hause!“
Bruno lief in Aussicht auf sein Frühstück freudig vor ihr her. Ab und zu blie* er stehen, um zu schauen, ob sie auch folgte. Jedes Mal, wenn er stehenblieb, schüttelte er sich, da er klatschnass war. Sie fand es sehr lustig, wie Hunde und natürlich auch Bruno sich schüttelten. Das ging vorne am Kopf los und dann durch den ganzen Körper, bis s*ch zum Schluss nur noch der Po und die Rute schüttelten. Bei diesem Sauwetter brachte es nur nicht sehr viel, Bruno war gleich wieder völlig nass. Da er sich nirgendwo niederließ, um noch sein großes Geschäft zu machen, ging sie davon aus, dass er das im Dunkeln an der *lster erledigt hatte und hoffte, dass er sich dazu brav ins Unterholz verzogen hatte, wie sie es ihm als Welpe beigebracht hatte.
Vor der Haustür angekommen, gab sie Bruno den Befehl „Sitz“ und er setzte sich folgsam hin. Sie schloss die Haustür auf, nahm ein altes Handtuch, das in *inem Korb auf der untersten Treppenstufe lag und breitete es auf dem Boden aus. Sie klopfte sich leicht an den Oberschenkel, was Bruno richtig als Aufforderung verstand, sich auf das Handtuch zu stellen.
„Braver Junge!“ sagte sie und wischte ihm mit dem Handtuch die dreckigen Pfoten ab. Dann ru*belte sie ihm das Fell ab, damit er der Tapete beim Schütteln kein neues Muster verpasste. Er genoss die morgendliche Massage und hielt geduldig still, bis sie meinte, ihn gehen lassen zu können.
Sie schlüpfte aus ihrer Jacke und den Stiefeln, legte Handschuhe und Schal auf die Kommode und ging mit Bruno i* die Küche, wo es schon lecker nach Kaffee duftete.
Bruno tanzte um sie herum, damit sie nicht vergaß, dass er sein Frühstück zu bekommen hatte. Sie nahm kleingewürf*ltes Frischfleisch und kleingeschnittenes Gemüse aus dem Kühlschrank und tat ihm eine Portion von beidem in seinen Napf, darauf kam ein Schuss Öl und eine Kräutermixtur. Mi* dieser Art der Fütterung, die sie von der Züchterin gelernt hatte, ernährte sie ihren Hund gesünder, als sie selbst lebte. Sie füllte seinen Wassernapf frisch auf und stellte ihm b*ides hin. Er hatte sich schon wie gewohnt brav hingesetzt, da er erst auf Kommando an den Napf durfte. Seine Hinterläufe zitterten vor Aufregung, bis sie ihm endlich die Erlaubnis gab, zu fr*ssen. Er lief an seinen Topf und schnüffelte erst einmal ausgiebig daran, bevor er sich Häppchen für Häppchen herausnahm und genüsslich zerkaute.
Einmal hatte ihr Mann ihn vor dem Napf abgelegt u*d dann hatte das Telefon geklingelt. Er war rangegangen und hatte zehn Minuten telefoniert und dabei den Hund vollkommen vergessen. Als er wieder daran dachte, saß Bruno immer noch vor dem Napf. Der Fußboden w*r schon ganz vollgesabbert von seinem Speichelfluss, er hatte sich aber nicht von der Stelle gerührt und brav gewartet. Sie war stolz darauf, dass sie ihn zumindest in diesem Punkt so gut erzogen hatte.
Im ersten St*ck war noch alles still. Ihre Familie schlief noch. Diese morgendliche Ruhe im Haus mochte sie sehr und sie genoss es ohne die anderen Frühstück zu machen und sich dann die Zeit zu nehmen, ihren Kaffee auf dem Sofa zu trinke*. Morgens war sie nicht sehr gesprächig und sprach – wenn überhaupt – nur mit Bruno oder besser mit sich selbst. Ihr Hund wusste wahrscheinlich mehr von ihr als ihr Mann, hatte aber den großen Vorteil, dass er nicht widersprach u*d auch keine Kritik oder klugen Ratschläge von sich gab. Er hörte einfach nur geduldig zu, wenn sie vor sich hinmurmelte.
Während die Milch für ihren Milchschaum warm wurde, nahm sie drei Müslischüsseln aus dem Geschirrschrank – ein alte* Erbstück ihrer Großmutter aus hellem Kiefernholz. Sie liebte alte Möbel aus der Gründerzeit, ganz besonders dieses Küchenbüffet, dessen Türen und Schubladen zwar schon etwas klemmten und das auch schon die eine oder andere Schramme hatte, das aber *ehr viel Platz für Geschirr und Besteck bot und daneben noch sehr dekorativ mit ihrer ansonsten modernen Küche harmonierte.
Als sie die Küche eingerichtet hatten, wollte sie sich auf keine Kompromisse einlassen und es hatte intensive Diskussionen mit ihm um ihre *ünsche und die Kosten dafür gegeben. Aber das was sie unbedingt gewollte hatte, hatte sie dann auch bekommen. Einen großen Backofen in Griffhöhe, Schubladen, die sich selbst beim Schließen heranzogen, Ceranfeld mit Kochflächen, die man für große und ovale Töpfe vergröß*rn konnte, ein graues Steingutwaschbecken und Apothekerauszüge für Lebensmittel. Das alles cremefarben mit glänzender Oberfläche und Edelstahl bei den Elektrogeräten. Dazu wirkte das alte Büffet wie eine liebevolle Hommage an die alten Zeiten, als Möbel noch von Hand hergestellt wurd*n.
Während sie im Radio die Nachrichten und den unerfreulichen Wetterbericht für die kommenden Tage hörte, schnitt sie Bananen und Äpfel in die Müslischalen und schüttete Früchtemüsli darüber. Die Kinder und sie aßen zum Frühstück immer Müsli, außer sonntags, da gab es meist Brötchen u*d Eier. Das morgendliche Müsli war die einzige gesunde Mahlzeit, die sie normalerweise zu sich nahm. Den Rest des Tages ernährte sie sich von Fast Food oder belegten Brötchen und abends nahm sie sich Reste oder aß gar nichts.
Die Milch war warm und die schäumte sie mit einem kleinen elektrischen Quirl auf. De* Kaffee schüttete sie in eine sehr große Kaffeetasse und tat drei Stück Süßstoff dazu. Darauf kamen der Milchschaum und jeweils eine Prise Zimt und Kardamon. Wenn sie ü*erhaupt noch etwas wirklich genießen konnte, dann ihre Tasse Kaffee am Morgen. Und das tat sie ausgiebig. Sie nahm die Tasse und setzte sich im Wohnzimmer aufs Sofa. Sie klappte ih*en Laptop auf und las die Schlagzeilen einer Online-Tageszeitung. Bruno tapste, als er mit Fressen fertig war, aus der Küche hinterher und legte sich vor die Couch. Er schloss die Augen *nd seufzte zufrieden und satt. Der Bauch war voll, sein Frauchen war da, die Routine war wie jeden Morgen – seine Welt war in Ordnung.
Zumindest fast … Er kratzte sich ständig.
„Na, Räube*, hast Du mal wieder einen Floh? Oder mehrere?“ Sie stand noch einmal auf und ging in die Küche, Bruno hinterher. Dort nahm sie Teebaumöl und tropfte ihm davon etwas in den Nacken. Der Geruch sollte ang*blich die Flöhe vertreiben. Sie hatte dabei immer die absurde, aber komische Vorstellung, wie die Flöhe empört zeternd und schimpfend, die Hand über Mund und Nase haltend, ihr Bündel über die Schulter schm*ssen und auf einen Transit zum nächsten Hund warteten. Eine lange Reihe von Flöhen, die drängelten und motzten.
„Tja, ihr Plagegeister, da müsst ihr schon bis heute Nachmittag warten. Vorher sieht er keinen an*eren Hund.“ Trotz ihrer Müdigkeit musste sie bei dieser Vorstellung lachen.
Sie ließ sich wieder auf ihr Sofa fallen und Bruno legte sich erneut davor.
Er hörte ihren Schlüssel im Schloss und wie sie mit Bruno sprach. Obwohl *r den Hund auch liebte, war er manchmal regelrecht eifersüchtig auf ihn, weil sie mit Bruno so zärtlich redete und ihre Stimme dabei ganz weich wurde. Mit ihm kuschelte sie auch abends beim Fernsehen. Es ärgerte ihn, aber er fand es auch *ntsetzlich albern, dass er einen Hund als Konkurrenten betrachtete.
Wenn sie dagegen mit ihm redete, war seit einiger Zeit immer so ein leicht schriller und vorwurfsvoller Unterton in ihrer Stimme und dann fühlte er sich wie ein Schuljunge, den man b*im Abschreiben erwischt hatte. Ständig hatte er das Gefühl, er müsse sich für etwas rechtfertigen, wenn sie so mit ihm sprach. Es machte ihn wütend und er ließ sie dann häufig einfach stehen. An diesem Morgen konnte er auch wieder mit Vorwürfen rechnen, *a er vergessen hatte, die Rotweinflasche zu beseitigen und das Glas abzuwaschen. Und selbst wenn sie auf ihre üblichen Vorhaltungen verzichten würde, würde sie zumindest Blicke werfen, die Bände sprachen und sein schlechtes Gewissen aktivieren sollten.
Um sich das zu *rsparen, stand er auf und suchte sich seine Büro-Uniform zusammen – Anzug, Hemd, passende Krawatte und Wäsche. Ihr täglicher Ablauf war so klar strukturiert, dass er die Uhr nach ihr stellen konnte. So wusste er genau, wann sie sich wo im Haus aufhalten würde und wie er ihr a*s dem Weg gehen konnte. Sie würde jetzt den Hund füttern, die Milch für ihren Kaffee warm machen und aufschäumen und sich dann mit dem Laptop auf das Sofa setzen, ihre Mails und die neusten Nachrichten lesen und das Sudoko auf der Online-Seite einer Tageszeitung lösen. Sie brauchte das, *m gut in den Tag zu kommen, sagte sie.
Pünktlich um halben sieben ging sie dann nach oben, öffnete die Türen von seiner vierzehnjährigen Tochter Bella, die er aus seiner ersten Ehe mit in die Beziehung gebracht hatte, und von ihrem siebzehnjährigen Sohn Lukas, genannt Luke und sagte leise in die *immer: „Aufstehen, ihr Süßen … langsam wach werden!“ oder etwas ähnlich Liebevolles. Dann ging sie ins Bad und duschte, föhnte sich die Haare, um sich im Schlafzimmer für ihre Arbeit anzuziehen. Danach schaute sie noch einmal in die Zimmer der Kinder, um sicher zu gehen, dass sie wirklich wach geworden *nd aufgestanden waren.
Da er ihr weder im Bad begegnen wollte, wo sein Körper ihr womöglich signalisierte, wie sehr er sie gerade heute Morgen begehrte, noch unten *n der Küche, wo die Beweisstücke seines abendlichen Gelages herumstanden und sich dort vielleicht noch ihr Gezeter deswegen anhören musste, beeilte er sich ins Bad zu kommen, *evor sie mit ihrer Routine im Erdgeschoss durch war.
„Das ist doch bekloppt,“ dachte er, als er sich vor das Waschbecken stellte „einerseits bin ich total scharf auf sie und a*derseits versuche ich ihr aus dem Weg zu gehen!“
Er hatte immer noch das Bild von ihr im Kopf, als er sie kennenlernte und sie beide frisch verliebt waren. Morgens gemeinsam im Bad zu *ein, war häufig ein sehr erfreulicher Tagesstart für sie beide gewesen. Jetzt versuchte jeder dem anderen möglichst nicht nackt im Bad oder im Schlafzimmer zu begegnen, als ob sie sich dabei geg*nseitig mit der unangenehmen Wahrheit konfrontierten, dass sie schon viel zu lange nicht mehr miteinander geschlafen hatten. Das wollte er heute Abend auf jeden Fall ändern und er hoffte sehr, dass er *ie richtigen Worte und Taten fand, sie zu überzeugen, dass auch sie seine Zärtlichkeit und seine Nähe brauchte.
Das Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickte, war nicht gerade eine Augenweide. Den allab*ndlichen Blick ins Rotweinglas sah man ihm mittlerweile ein bisschen an. Ganz weit in seinem Hinterkopf formte sich der Gedanken, dass es gestern Abend doch sehr spät geworden war und der Wein einfach zu gut geschmeckt ha*te. Auch die Anzeige auf der Waage brachte ihn nicht zum Jubeln. Ein kleines Alkoholbäuchlein ließ sich nicht mehr verbergen.
„Rotwein hat Kalorien.“ dachte er. „Vielleicht sollte ich doch lieber Wasser oder etwas ander*s trinken.“ Das nahm er sich morgens oft vor und hatte es abends bereits wieder vergessen oder wollte einfach nicht daran denken.
Während er duschte, plante er eine Präsentation, die er mit seiner Sekretärin besprechen musste und ih* fiel ein, dass er mit zweien seiner Mitarbeiter Rücksprachetermine hatte. Er wusste jedoch nicht mehr genau, um welche Themen es gehen sollte und er nahm sich vor, im Büro angekommen, gleich in seinem Kalender nachzusehen, ob seine Assistentin *ie Themen bei den Terminen mit dazu geschrieben hatte. Er mochte es überhaupt nicht, schlecht vorbereitet zu sein und es ärgerte ihn, dass er nicht mehr parat hatte, was er mit seinen Referatsleitern zu besprechen hatte.
„Ich bin überarbeitet“, *achte er, während er sich nach dem Duschen abrubbelte. „Ich brauche dringend richtig Urlaub!“ Die paar Weihnachtstage und die Tage „zwischen den Jahren“ hatten nicht die Erholung gebracht, die er sich gewünscht hatte. Das Haus war ständig voll gewesen. Ihr ä*tester Sohn Felix war aus Berlin gekommen und brachte immer wieder Freunde aus alten Schulzeiten, die er lange nicht gesehen hatte, mit nach Hause. Dazu kam noch der unvermeidliche Weihnachts-Familienbesuch, und mit Freunden, die man viel zu oft über Monate vertröstet hatte, *atten sie sich auch noch getroffen.
Obwohl er seine Familie liebte und auch seine Freunde gerne sah, war er vor den Weihnachtstagen unendlich müde gewesen und er wollte diese Treffen möglichst vermeiden, weil sie für ihn mehr und mehr zu Verpflichtungen geworden waren. Am liebsten hätte *r die Kinder bei den Großeltern abgegeben und wäre mit seiner Frau über Weihnachten auf eine Südseeinsel geflüchtet, wo es keine weihnachtsrührselige Festtagsstimmung, Familienstress an Heilig Abend und Geschenkeeinkaufsrummel gab. Ihm war eigentlich nur danach gewesen auszuschlafen, neben seine* Liebsten aufzuwachen, sich an sie zu schmiegen, ihren Körper zu genießen und zu verwöhnen und dann in der Sonne zu liegen, sich Essen und Cocktails bringen zu lassen und sich abends in der warmen Südsee-Nacht am Strand zu lieben.
Aber ein leichter Vorstoß in diese Richtung und schon der Satz: „Was häl*st davon, wenn wir Weihnachten verreisen?“ hatte heftigen Protest bei ihr ausgelöst. Dabei hatte er noch gar nicht erwähnt gehabt, dass er die Kinder nicht mitnehm*n wollte.
Sie liebte Weihnachten mit all diesem Brimborium, mit Tannenduft und Plätzchen backen, mit Weihnachtsbaum und den klassischen Farben Rot und Gold. Und er musste *hr auch wirklich zugestehen, dass sie viel Geschmack bei den Weihnachtsdekorationen bewies und phantastische Plätzchen backen konnte. Sie gehörte glücklicherweise nicht zu den Mens*hen, die ihrer Freude auf Weihnachten dadurch Ausdruck verliehen, dass an der Tür ein „Jingle Bells“-singender und in den Hüften schwingender Weihnachtsmann jeden Besucher und vorbei*liegende Vögel ankündigte und das Haus zusätzlich ein in allen Farben blinkendes Inferno war.
Nein, sie war eine sehr romantische Weihnachtsfrau und eigentlich liebte er auch an ihr, dass s*e ein Händchen für den dezenten und schönen Adventskitsch hatte. Viele Kerzen und Naturmaterialen waren die Hauptzutaten der Adventszeit in ihrem gemeinsamen Haus. Er wusste selbst nicht genau, warum *s ihm in den letzten Wochen so mächtig auf die Nerven gegangen war. Das letzte Weihnachten hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre, gerne ausfallen können.
Vermutlich lag es an ihrer Stimmung und damit an d*r allgemeinen Atmosphäre im Haus. War sie mies gelaunt, färbte das leider auf alle ab. Sie hatte einen großen Einfluss auf die Stimmung in der Familie. Die vergangene Weihnachtszeit hindurch war sie wirklich nicht i* strahlender Laune gewesen. Er kam nicht dahinter warum, musste sich aber auch eingestehen, dass er nicht wirklich versucht hatte, mit ihr darüber zu reden. Zum einen war das Jahresende in der Firma immer sehr stressig, so *ass wenig Zeit für ihn blieb sich mit Themen wie ihre Stimmung oder Weihnachten zu beschäftigen. Zum anderen glaubte er, dass sie schon zu ihm kommen würde, wenn sie Probleme hätte. Das hatte sie jedenfalls die letzten Jahre imme* so gehalten. Immer wenn er sie in den letzten Monaten gefragt hatte, ob es ihr nicht gut ging, wiegelte sie ab und meinte, es sei alles in Ordnung. Also hielt er sich zurück und wartete ab.
Als er sich abgetrocknet hatte, rasierte er sich, *utzte sich die Zähne und zog sich an. Dann hängte er sein Handtuch achtlos über die Stange und die Krawatte locker um den Hals und öffnete die Badezimmertür. Sie kam gerade nach oben, drückte ihm ein Küsschen auf die Wange und sagte: „Morgen, S*hatz!“ Sie schien nicht erpicht darauf zu sein, sich länger mit ihm aufzuhalten, weil sie gleich in Richtung Kinderzimmer abbog und die Türen öffnete. Leiser Protest kam aus beiden Zimmern. Lächelnd registrierte er die empörte Stimme seiner Tochter, d*e eine richtige Eule war und morgens noch schwerer aus dem Bett kam, als ihr Stiefbruder Lukas, den man immerhin innerhalb einer Viertelstunde auf die Beine bekam.
Bella ließ sich oft bis zu einer halben Stunde und auch schon einmal länger bitten und war dann erst *inmal richtig schlecht gelaunt und ewig zu spät dran. Wie sie es trotzdem schaffte, jeden Tag doch noch pünktlich in die Schule zu kommen, das war ihm ein Rätsel. Das hatte sie eindeutig nicht von ihm geerbt. Er war eigentlich ein Morgenmensch. Seine verstorbene Frau Laura h*tte dagegen neben den roten Haaren und den strahlenden blauen Augen, auch diese Eigenheit an ihre Tochter weitergegeben, was ihn einerseits manchmal wirklich störte und aber anderseits auch die Erinnerung an seine Jugendliebe wach hielt. Bellas Mutter Laura „saß“ täglich in Gestal* einer pubertierenden Zeitbombe mit bei Tisch.
Als er die Treppe hinunter kam, begrüßte ihn Bruno überschwänglich, den er gerade noch rechtzeitig daran hindern konnte, seine feuchte Schnauze mit den Futterresten aus seinem Napf an seiner Anzughose abzuwischen. Es war jeden Morgen dasselbe Spi*l, nicht selten verlor er. Eigentlich hätte sich das Reinigungsunternehmen, wohin er seine Anzüge brachte, an Brunos Futtergeld beteiligen müssen, so gut, wie es an ihm verdiente. Seine Frau hatte Bruno wirklich gut erzogen und er hörte – meistens – aufs Wort, aber er war sehr kuschel- und liebebedü*ftig und verstand natürlich nicht, dass man ihn nicht streicheln mochte, wenn er gerade gefressen hatte und besabbert war. Sein beleidigter und enttäuschter Hund*blick sprach Bände, als er in seinen Korb geschickt wurde.
Alle in der Familie amüsierten sich darüber, wie gut Bruno mit Augen, Ohren und Körperhaltung seine ganz* Hunde-Gefühlswelt ausdrücken konnte, ohne dass er eine wirklich erkennbare Mimik gehabt hätte. Man konnte in so einen Hundeblick aber auch eine Menge hinein interpretieren. W*hrscheinlich waren die Gedanken, die man Bruno dabei andichtete, weit weg von der Wahrheit. Aber es machte trotzdem immer wieder Spaß, sich vorzustellen, was in ihm so vorgehen könn*e.
In der Küche brannte nur das kleine Licht in der Abzugshaube über dem Herd und im NDR 2 lief die morgendliche Comedy-Sendung, die er sehr mochte. Er stellte das Radio etwas lauter, lachte *erzhaft über die originelle Typen und Witze und goss sich Kaffee ein, der immer ein bisschen zu dünn war, weil sie keinen starken Kaffee vertrug, aber so war es ja auch gesünder. Er trank nur diese ei*e Tasse am Morgen, sonst trank er den ganzen Tag über Tee und Wasser.
Früher hatte er den ganzen Arbeitstag hindurch schwarzen Kaffee getrunken, aber es war ihm irgendwann nicht mehr bekommen. Er hatte oft *agenschmerzen gehabt und als Laura ihm dann noch in ihrer unnachahmlich direkten Art deutlich gesagt hatte, dass er davon so schrecklichen Mundgeruch bekam, hatte er auf Kräutertees umgestellt. Dafür wurde er zwar vo* manchen seiner Kollegen als Warmduscher belächelt, aber das war ihm egal. Was er von diesen Typen hielt, die ihn wegen seiner Trinkgewohnheiten als Warmduscher bezeichneten, behielt er lieber diplomatisch für sich.
Er trank s*inen Kaffee aus, nahm sich eine Banane und zwei Äpfel vom Obstteller und legte sie sich auf der Kommode bereit. Er band sich die Krawatte im Flur vor dem Spiegel, überprüfte noch einmal seine Anzughose auf Spuren von Bruno und schlüpfte in *chuhe und Mantel. Dann nahm er Handy, Kopfhörer und Schlüssel und packte alles mit dem Obst in seinen kleinen Rucksack.
„Tschüss, bis heute Abend. Ich komme heute etwas früher!“ rief er nach oben. „Schön, wir warten mit dem Essen auf Dich!“ *am von oben zurück. Dann zog er die Haustür hinter sich zu. Bruno schaute ihm traurig nach, er hatte darauf spekuliert, dass sein Herrchen ihn vielleicht mitnehmen würde. Er drehte sich um und tapste ins Wohnzimmer zurück, wo er seinen Korb aufsuchte und sich *ort zusammenrollte, um ein Morgenschläfchen zu halten.
Als sie die Treppe hoch kam und ihn dort so stehen sah, im Anzug, die Krawatte lässig um den Hals gelegt, der Hemdkragen noch halb offen, die Haare leicht feucht und gewellt vom Duschen, da fand sie ihn richtig sexy. *rotz seines leichten Bauchansatzes und den ersten grauen Strähnen. Er war glatt rasiert und roch gut nach seinem After Shave. „Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal Sex?“ fragte sie sich in dem Moment und entsetzt stellte sie fest, dass sie sich nicht mehr erinnern konnte. S*e wusste nur noch, dass es so eine Rein-Raus-Null-Acht-Fuffzehn-Nummer war. Etwas, wovon beide meinten, dass es sein müsste, aber was zu ihnen überhaupt nicht passte. Er war schnell fertig gewesen und sie konnte sehen, wie sie zu ihrem Orgasmus kam. Es war der pure Frust gewesen. Das musste *iele Monate her sein, nach ihrer Erinnerung nach war es noch warm – also musste es im Sommer oder frühen Herbst gewesen sein.
Sie brummelte ein „Morgen, Schatz!“ und ging gleich weiter zu den Kinderzimmer, um ihm ihre Gefühle nicht zu deutlich zu zeigen. Aber als sie am Geländer vorbei ging und ihm *interher sah, wie er die Treppe hinunter ging, blickte sie ihm auf seinen knackigen Hintern und bedauerte sehr, dass das flirrende Gefühl, dass sie sich erstaunlic* lange in ihrer Beziehung erhalten hatten, irgendwann irgendwohin verschwunden war und sie beide es nicht mehr schafften es herbei zu zaubern. Sie war sich selbst gegenüber *ber auch ehrlich genug, um zu wissen, dass sie großen Anteil an der Situation hatte, nur wusste sie nicht, wie sie es ändern sollte. In ihr war eine tiefe Lustlosigkeit, die sie sich *icht erklären konnte.
Sie öffnete die Tür zum Zimmer ihrer Stieftochter Bella und rief leise: „Aufstehen, Süße … wach werden, es ist leider schon wieder Montagmorgen!“ Ein Brumme*n war die Antwort, die aus dem undefinierbaren, roten, wuscheligen Haufen auf dem Kopfkissen kam. Bellas Gesicht war nicht zu sehen, aber ihre langen, kupferroten Haare verteilten sich über das ganz* Kissen. Sie hasste es früh aufzustehen und blieb am liebsten bis mittags im Bett liegen, wenn man sie nicht mit Nachdruck hoch scheuchte.
Lukas, ihr Sohn, war da etwas pflegeleichter. Er wurde schneller wac* und war morgens recht diszipliniert. Das war auch heute Morgen nicht anders. Das neue Schulhalbjahr forderte ihn schon sehr. In einem Jahr würde er seine Abitur-Prüfungen schreiben und er war ehrgeizig. Sie wusste zw*r noch nicht so genau, was er nach der Schule machen würde, wahrscheinlich wusste er selbst es noch nicht, aber zumindest ein möglichst gutes Abi wollte er machen. Manchmal fragte sie sich, warum ihre beiden Söhne so unterschi*dlich waren, wo sie doch glaubte, beide gleich erzogen zu haben.
Ihr Ältester, Felix, war im Gegensatz zu Luke nur mit Ach und Krach und einer Ehrenrunde in der neunten Klasse durch die Schule gekommen, hatte ein mittelmäßiges Abitur g*macht und war gleich danach nach Berlin gezogen, wo er in einem günstigen WG-Zimmer wohnte und sich sein Geld mit Gelegenheitsjobs als Kellner, Pizzabote oder was sich sonst so anbot, verdiente. Jeden Cent, den er erübrigen konnte, steckte er in e*ne Schauspiel- und Synchronsprecherausbildung. Unermüdlich ging er zu Seminaren, nahm Schauspielunterricht und hoffte bei jedem Casting und in jeder Agentur auf den großen Durchbruch. Kleine Synchronsprecherrollen in zweit- und drittklassigen Filmen und Serien h*elten ihn mit seinen Nebenverdiensten in Berliner Kneipen einigermaßen über Wasser.
Soweit sie es mit ihren rudimentären Kenntnissen der Theaterwelt beurteilen konnte, hatte er Talent und wohl auch den entsprechenden Biss, um sich in diesem harten und wenig lukrativen Geschä*t zu halten. Er war seine gesamte Zeit im Gymnasium in der Theater-AG gewesen und spielte meistens eine der Hauptrollen in den Schulaufführungen.
Mit stolzgeschwellter Mutterbrust hatte sie ihn schon als Unterstufenschüler in Erich Kästner-Aufführungen gesehen und später in Aufführung v*n „Der zerbrochene Krug“, „Faust“ und ähnlich anspruchsvollen Stücken. Aber seine beste Rolle war in der Oberstufe der „Puck“ aus dem Sommernachtstraum. Ihm und der Aufführung wurde sogar ein kleiner Artikel im Stadtteilblättchen gewidmet, in dem man ihn als hoffnungsvolles Talent bezeichnete.
Er *ar das, was man in Theaterkreisen eine „Rampensau“ nannte, gesegnet mit einer großen Präsenz auf der Bühne und er sah gut aus. Er hatte aber auch keine Scheu sich zu ve*kleiden und unkenntlich zu machen. Schon als kleiner Junge hatte er es geliebt, in andere Rollen zu schlüpfen. In einer Theateraufführung von Hänsel und Gretel in der Grundschul* spielte er sogar einmal die Hexe, weil keines der Mädchen sich traute, mit einer großen, runzligen Nase aufzutreten. Seine Fähigkeit sich in eine andere Person zu verwandeln, komplett ei*e andere Persönlichkeit anzunehmen und den Felix in sich vor der Garderobentür zu lassen, war für sie ungeheuer faszinierend. Sie konnte das überhaupt nicht, sie trug ihr „ICH“ immer im Gesich*, und sie fragte sich manchmal, von dem er diese Begabung geerbt hatte. Weder sein Vater Ingo noch sie brachten dafür die richtigen Voraussetzungen mit.
Sie war insgeheim sehr stolz auf ihn und vor allem darauf, w*e er versuchte, seine Passion zum Beruf zu machen. Das machte ihr zwar auch Sorgen, weil er ständig in Geldnot war und immer wieder in die Situation kam, bald auf der Straße zu landen, weil er sein Zimmer nicht mehr bezahle* konnte. Aber bevor ihm wirklich Gefahr drohte, sein Dach über dem Kopf zu verlieren, sprang sie finanziell ein, auch wenn ihr Mann das nicht richtig fand. Er war der Meinung, dass Felix sich durchbeißen müsse, da er dieses Leben ja *uch so gewählt hatte und er hielt ihn für einen romantischen Träumer, der sich auf etwas versteifte, was ihn vermutlich nie ernähren würde.
Felix – der Glückliche – so ganz hatte das leider noch nicht geklappt. Er hatte auch keine Freu*din und das überraschte sie schon etwas. Er war ein hübscher, charmanter Junge, liebenswert und intelligent. Aber wahrscheinlich so erfüllt von seinem Traum, dass er für Mädchen gar keine Zeit und Muße hatte. Er hatte die schmachtenden Blicke der Mä*chen schon in der Schulzeit nicht wirklich wahrgenommen.
Lukas dagegen hatte an jedem Finger eine oder hätte sie zumindest haben können. Er flirtete hier und da, manchmal auch heftig, aber er hatte bisher noch keine Freundin gehabt, mit der länger zusammen gewe*en war. Entweder waren es Strohfeuer gewesen oder die Mädchen, die ihn besuchten waren nur „gute Freundinnen“. Wie weit diese Freundschaften gingen, konnte sie nicht beurteilen, aber sie mischte sich da auch nicht ein. Er genoss die Aufmerksamkeit seiner Klassenkameradinnen *nd war auch ziemlich eitel. Seine Badezimmerzeiten waren länger als ihre und er war immer modisch angezogen. Das Geld dafür verdiente er sich mit Babysitting, da er sehr gut mit kleinen Kindern umgehen konnte. Zusätzlich ging er auch manchmal noch in einen Supermarkt und half dort als P*cker aus.
Aber anders als bei Felix lagen seine Talente auch noch in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen. Er hatte einen klaren Kopf und ging an Probleme sehr strukturiert heran. Vermutlich würde er einen Ingenieursberuf ergreifen oder Betriebswirtschaft oder etwas ähnlich Trockenes *tudieren. Sie konnte solchen Themen wenig abgewinnen, aber um Lukas machte sie sich keine Sorgen, sie war sicher, dass er seinen Weg gehen würde.
Als sie sein Zimmer öffnete, war er auch schon ein bisschen wach und blinzelte sie an: „Morgen Mama“ – „Guten Morgen, Junior. Ich geh jetzt ins Bad, Du kannst *och 10 min dösen!“ Die Kinder mochten es, zu früh geweckt zu werden, das Kuscheln im warmen Bett sei so schön. Also tat sie ihnen den Gefallen, sie zu wecken, b*vor sie duschen ging und sah danach noch einmal nach ihnen.
Im Bad zog sie ihre Hundeklamotten aus und stieg auf die Waage. „Verdammt!“ fluchte sie, Weihnachten hatte wirk*ich Spuren hinterlassen. Seit sie ihn kennengelernt hatte, hatte sie mehr als 5 Kilo zugenommen und sie wurde sie nicht mehr los. Ihr war völlig klar, dass sie sich falsch ernährte un* viel zu wenig bewegte. Jeden Morgen nahm sie sich vor, das zu ändern, aber es kam nur selten dazu, dass sie es schaffte zu ihrem Pferd zu fahren, um zu reiten oder ins Fitness-Studio zu gehen, *o sie zu den fleißigsten Bezahlern, aber eigentlich zu den Karteileichen gehörte. Es ärgerte sie maßlos und sie fragte sich, wie sie das früher eigentlich geschafft hatte, als sie noch nicht mit *hm zusammen war und alleine mit den beiden Jungs lebte und die gesamte Verantwortung trug.
Der erneute Blick in den Spiegel hob ihre Laune auch jetzt nicht wesentlich. So langsam hielt die eine oder andere grau* Strähne in ihrem dichten dunkelbraunen Haar Einzug. Ihre Haare waren eines der wenigen Dinge, mit denen sie an sich so richtig zufrieden war. Sie hatte wundervolle Haare, dicht, seidig und leicht gewellt. Sie standen i* einem schönen Kontrast zu ihren blauen Augen. Ihr Gesicht fand sie ein wenig zu streng und zu klassisch, die Nase zu groß und ihre Haut zu großporig. Und nun bekam sie auch noch graue Haare. Sie hatte gehofft, dass das noch ei* wenig Zeit hatte. „Wie gut, dass es die Haarfärbeindustrie gibt!“ dachte sie mit Grausen.
Sie stieg in die Dusche und ließ heißes Wasser über sich laufen. Die feuchte Wärme verstärkte ihre Müdigkeit noch und ihr wurde ganz schwi*delig. Sie nahm den Duschkopf aus der Halterung und drehte das kalte Wasser auf. Wenn nichts mehr half, dann konnte sie nur ein eiskalter Wasserschwall einigermaßen wach machen. Sie fing immer mit den Füßen und Beinen an und brauste dann Arme und *berkörper ab. Am schlimmsten fand sie den Rücken, das ersparte sie sich deshalb gerne. Als der kalte Strahl ihren Oberkörper erreichte, schnappte sie nach Luft. Ihre Haut war feuerrot und als sie sich mit dem Handtuch abrubbelte, fühlte sie sich schon etwas bess*r und vor allem wacher. Eincremen, Haare föhnen, einige Augenbrauenhärchen zupfen … das alles ging schnell und war so ein Routinevorgang geworden, dass sie sich manchmal beim Frühstück fragte, ob sie sich wirklich deodoriert oder eine Tagescreme benutzt hatte. Im Kopf w*r sie schon viel weiter im Tagesablauf, überlegte, ob sie für die Kinder Essen auftauen sollte, ob sie am Nachmittag einkaufen musste oder was sie im Büro erwartete.
Im Schlafzimmer öffnete sie die Schranktür und seufzte, als sie feststellte, dass sie das geplante Outfit nicht an*iehen konnte, weil sie die dazu passende Bluse nicht gebügelt hatte. Also nahm sie einen anderen Hosenanzug und suchte sich dazu die richtige Bluse heraus, auch wenn diese schon etwas eng saß. Sie hatte ja eine Jacke darüber.
Es gefiel ihr schon lange nicht mehr, dass sie jeden Tag so geschniegel* ins Büro gehen musste, aber ihr Chef – und die Etikette – erwarteten das von ihr. Sie saß als Schreibkraft im Vorstandsbüro und unterstützte mit ihrer Arbeit die Vorstandssekretärin und die Assistentinnen ihres Chefs. Sie war damit ganz unten in der Hackordnung und die jungen Assistentinnen, die frisch vo* der Uni mit einem Abschluss in der Tasche kamen und alle zwei Jahre wechselten, ließen sie das ordentlich spüren. Halb so alt wie sie, aber karrieregeil und manchmal ü*er Leichen gehend, hatten diese jungen Hühner sehr schnell den Befehlston gelernt, mit dem sie ihr klarmachten, wo ihr Platz war.
Sie war im selben Unternehmen wie er, jedoch *n einer anderen Abteilung und einem anderen Gebäude. Sie hatte zwar kein Abitur gemacht und auch nicht studiert, war aber eine gut ausgebildete Sekretärin mit entsprechendem Abschluss, *prach fließend Englisch und leidlich Französisch und arbeitete schon viele Jahre in dieser Firma, was bedeutete, dass sie Strukturen, Mitarbeiter und den Unternehmensjargon genau kannte – *enauer jedenfalls als diese jungen Frauen, deren Mutter sie fast hätte sein können.
Nach ihrer Scheidung von Ingo, hatte sie sich dort beworben und wurde aufgrund ihrer guten Qualifikationen genommen. *ie hatte volle Tage gearbeitet und die Kinder waren vormittags im Kindergarten und nachmittags von ihrer Mutter betreut worden. Das klappte hervorragend, trotzdem hatte sie manchmal ein schlechtes Gewissen den K*ndern gegenüber gehabt. Sie war abends zu erschöpft und abgehetzt gewesen und schaffte es selten, ihren Söhnen richtig zuzuhören, wenn sie ihre Tageserlebnisse loswerden wollten, oder ihnen vor dem Schlafen noch eine *eschichte vorzulesen.
Am Wochenende hatte sie dann versucht, das wieder wett zu machen, indem sie mit den beiden Jungs morgens lange in ihrem Bett gelegen hatte, kuschelte und tobte, ihnen Geschichten erzählte und Frühstüc* ans Bett brachte. Sie war natürlich auch heilfroh, dass ihre Mutter eingesprungen war, obwohl sie es einige Anstrengung kostete, über deren altmodischen Erziehungsmethoden hinweg zu sehen und am Wochenende das auszubügeln, was ihrer Mein*ng nach von ihrer Mutter verbockt worden war. Eine Tagesmutter hätte sie sich aber nicht leisten können, also biss sie in den sauren Apfel und schluckte viele Widerworte und Anmerkungen hinunter, um ihre Mutter nicht zu verärgern. Da kamen einige B*ocken zusammen, die ihr im Halse stecken blieben und manchmal hätte sie den Job am liebsten hingeworfen, um alleine für die Kinder da sein zu können.
Aber ihr blieb keine Wahl. Einerseits brauchte sie das Geld, da ihr Ex-Mann nur wenig Unterhalt und unregel*äßig für die Jungs bezahlte, und sie wollte damals alles versuchen, um das kleine Haus zu halten, das sie sehr liebte und das Zuhause der Kinder war. Anderseits musste sie sich aber auch eingestehen, dass sie nicht wirklich so eine TV-Werbe-Mutti war, die mit voller Begeis*erung den ganzen Tag zuhause putzen und wienern konnte. Im Grunde ihres Herzens wusste sie, dass sie auch gut ohne Kinder hätte leben können. Aber die Kinder waren nun mal da und sie liebte ihre Söhne, für die sie in einem endlosen und nervenraubenden Sorgerechtsstreit gegen ihre* Mann bis an ihre seelischen und finanziellen Grenzen gegangen war, um sie bei sich zu behalten zu können. Sie hatte den Streit gewonnen, aber zu einem hohen Preis.
