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Der Astrophysiker Steve Hernandez entdeckt einen interstellaren Asteroiden, der sich auf Kollisionskurs mit der Erde befindet. Im Glauben, alleine von dieser Katastrophe Kenntnis zu haben, ist Steve froh, als er erfährt, nicht der Einzige zu sein, der die Last dieser Verantwortung tragen muss. Die Geschichte selbst hat jedoch keinen astronomisch wissenschaftlichen Anspruch und wird der schlimmen Katastrophe vielleicht auch nicht gerecht. Vielmehr ist die Erzählung spannend, satirisch, lustig, fantastisch. Die Geschichte eben von einem Geschichtenerzähler.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2019
Lothar Jakob Christ
Aufprall
22.November 15:18 PST
© 2019 Lothar Jakob Christ
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7482-2362-7
Hardcover:
978-3-7482-2363-4
e-Book:
978-3-7482-2364-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort
Ich bitte alle, die ein astronomisches Verständnis haben, um gnädige Milde. Diese Geschichte wurde nicht geschrieben, um wissenschaftliche Ansprüche zu erfüllen. Dieses Buch wurde geschrieben, weil es dem Schreiber Spaß machte, eine Geschichte zu erzählen. Spannend, lustig, satirisch, schelmisch, fantastisch, einfach nur so eine Geschichte von einem Geschichtenerzähler.
Ω
Die untergehende Sonne illuminierte den frühen Abend in ein angenehmes Licht und malte lange Schatten in die Landschaft, die in Rot- und Orangetönen reflektierte. Steve fuhr mit seinem uralten Jeep Willys die Serpentinen hinauf zum Observatorium und er zog dabei eine lange Staubwolke hinter sich her, den Berg hinauf. Es war Mitte August und eiskalt. Der Winter in Chile zeigte sich gerade hier oben in den Bergen noch von seiner unangenehmen Seite und obwohl Steve in seinem offenen Jeep in eine dicke lederne mit Fell gefütterte Fliegerjacke und in eine ebenfalls mit Fell gefütterte Fliegermütze eingepackt war, so war er doch froh, dass er nun gleich den Parkplatz und somit den Berggipfel auf dem das Observatorium stand, erreicht haben würde.
Steve Hernandez ist ein promovierter amerikanischer Physiker, der hier oben in den chilenischen Bergen einen Forschungsauftrag erfüllt. Seit nun schon fast sechs Monaten lebt er hier in der Abgeschiedenheit der Berge, während seine Frau Linda mit den Kindern Jerome und Christine in Kalifornien in der Nähe von Santa Monica leben. Linda ist zwar oft alleine mit den Kindern, hat als ebenfalls promovierte Physikerin jedoch großes Verständnis für Steves Arbeit. Zudem wird er, wenn er seinen Forschungsauftrag erfüllt hat, bestimmt mehr als ein Jahr wieder zu Hause in Kalifornien sein, um seine Arbeit zu dokumentieren und wohl auch in Form eines wissenschaftlichen Buches zu publizieren.
Das Haus in Kalifornien hat Steve von seinem Vater geerbt, der es von seinem Vater und dieser wiederum von Steves Urgroßvater vererbt bekam. Pedro Jesus Garcia Hernandez, der Urgroßvater von Steve, kam Mitte des 19. Jahrhunderts von Mexiko an die kalifornische Küste. Er erwarb ein großes Grundstück an der Pazifikküste und fristete sein Leben als Fischer, wie auch noch Steves Großvater und Vater. Das Haus selbst, das natürlich von jeder Hernandez Generation modernisiert worden war, stand auf einem Grundstück, auf dem man gut und gerne drei bis vier von diesen luxuriösen Villen, wie in Santa Monica üblich, hätte erstellen können. Und Steve könnte nach einem Verkauf dieses Grundstückes auch längst ausgesorgt haben. Hohe Millionen Dollar Summen wurden ihm von unterschiedlichsten Maklern geboten. Jedoch war ein Verkauf nicht möglich.
Worin der alte Pedro Jesus Garcia Hernandez in seinem Testament vorgesorgt hatte. Dem Erben des Anwesens war es nur gestattet auf diesem Grund zu leben, solange er selbst dort lebt, um das Grundstück dann an den nächsten erstgeborenen Sohn weiterzuvererben. In Steves Fall war das Jerome Hernandez, Steves Sohn. Sollte jemand vor dem eigenen Ableben das Grundstück verlassen wollen, dann musste er es an den nächsten in der Erbfolge der Familie Hernandez weitergeben. Da alleine Steves Urgroßvater 13 Kinder hatte, kann man sich vorstellen, wie lang die Liste der Erbfolge in der Familie Hernandez mittlerweile angewachsen ist. Somit waren das Haus und das Grundstück unverkäuflich und Steve und Linda Hernandez lebten auf ihrer Enklave wie auf einer Insel zwischen all den Millionären in ihren Luxus Villen hier in Santa Monica.
Steve hatte seinen Jeep abgestellt und sprach noch ein paar Worte mit den Leuten von der Instandhaltung, die in der Tagschicht dafür sorgten, dass das Observatorium der Checkliste folgend gewartet wurde. Dann passierte Steve die mehrfach gesicherte Zugangskontrolle, um an seinen Arbeitsplatz zu gehen. Er startete zunächst den Computer bevor er über eine stählerne Treppe an seinen eigentlichen Arbeitsplatz gelangte. Dort am Teleskop würde er den größten Teil seiner Nachtschicht verbringen und den Forschungsauftrag abarbeiten, indem er akribisch dem Projektplan folgte.
Bevor er jedoch mit seiner eigentlichen Arbeit anfing, genoss er sein Privileg, als einer der wenigen Menschen in die weiten des Universums hinaus schauen zu dürfen. Hinaus aus unserem Sonnensystem, hinaus aus unserer Galaxy und hinein in Millionen Lichtjahre entfernte Galaxien ganz, ganz weit hinaus in die Unendlichkeit des Weltraumes.
Genau das machte Steve auch heute, bevor er mit seiner Arbeit beginnen würde. Zwar hielt er das Teleskop in Richtung des Zielgebietes seines Forschungsprojektes, aber es war trotzdem ein Unterschied, ob man nun einfach Sinn verloren in die Weiten des Universums schaute, oder ob man an einem Projektplan orientiert ganz gezielt und bewusst ein Objekt fokussiert. Als Steve nun hinaus in die Unendlichkeit blickte, da erschien ihm auf einmal ein Lichtpunkt, der eben dort noch nicht zu sehen war. Gerade so als irgendetwas das aus einem Schatten herausgetreten war und nun von einer woher auch immer stammenden Lichtquelle angestrahlt und zum Leuchten gebracht wurde. Oder fiel Steve auf einen nicht wirklichen Lichtpunkt herein und es war einfach nur ein Blitz vor seinem geistigen Auge und nur ein Produkt wegen des durch das Teleskop starren. Steve hielt inne, lehnte sich zurück, um sein Auge in dem abgedunkelten Arbeitsraum zu beruhigen, bevor er erneut durch das Teleskop in Richtung des wahrgenommenen Punktes schaute. An gleicher Stelle war der Lichtpunkt noch immer zu sehen. Es konnte also keine Täuschung gewesen sein. Aber was war das, was sich da auf einmal aus dem Nichts heraus zeigte?
Steve merkte mit einem Blick auf die Uhr, dass ihm die Zeit davon gelaufen war und er nun mit seinem eigentlichen Arbeitsauftrag beginnen musste. Das lenkte ihn auch von der gemachten Entdeckung ab und er konnte sich gewohnt konzentriert auf seinen Forschungsauftrag fokussieren. Um 5:30 Uhr verließ er dann das Observatorium in die kalte Nacht. Auch dem Jeep Willys war es wohl zu kalt gewesen hier oben auf dem kalten Bergparkplatz und Steve benötigte einige (Geduld) bis das alte Aggregat willens war anzuspringen. Als Steve nun die Serpentinen Richtung Camp hinunterfuhr, wo er in einer kleinen aber komfortablen Hütte lebte, da kam ihm der am Abend zuvor gesehene Lichtpunkt wieder in den Sinn. Er hatte sich die Koordinaten des Lichtpunktes notiert und sollte diesen so auch schnell wieder finden. Aber was zum Teufel kann das sein. Steve war sich sicher, dass der Lichtpunkt in dem Moment aufgetreten ist, als er durch das Teleskop schaute. Der Lichtpunkt war nicht schon da.
„Der ist erschienen, als ich dort hingeschaut habe.“
Steve stellte den Jeep ab und ging in seine Behausung. Er hängte die dicke Jacke und die Fliegermütze im Flur an den Haken, um sich in der Schlafkammer auf das Bett zu legen. Nach einer langen arbeitsreichen Nacht schlief Steve meistens gut und schnell ein, um dann am frühen Nachmittag den Tag mit einem Frühstück zu beginnen. Heute war es ihm nicht möglich einzuschlafen. Immer und immer wieder erschien ihm der Lichtpunkt vor seinem geistigen Auge. Ohne sich erklären zu können, was das verdammt noch einmal ist, da draußen in den Weiten des Universums, ging ihm die Erscheinung einfach nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwann, die Sonne war schon aufgegangen an diesem Wintertag in den chilenischen Bergen, da gewann die Müdigkeit den Kampf gegen diese bohrenden Gedanken und Steve ist eingeschlafen.
Es war noch nicht 13:30 Uhr, als Steve schon wieder aufwachte. In seiner Hütte war es richtig kalt geworden und Steve war froh, dass er in seinem kleinen Duschbad den Heizkörper auf einer höheren Stufe hatte stehen lassen. Er genoss die Wärme in dem kleinen Raum während er seine Morgentoilette verrichtete und auf seinem iPad die aktuelle online Version der Los Angeles Times las. Dann nahm er eine Dusche, rasierte sich, putzte die Zähne und stieg in seine Levi’s 501, welche in der Nähe des Heizkörpers hing und angenehm warm war. Als er dann in der Wohnküche stand, an die Küchenzeile angelehnt, einen Kaffeebecher in der Hand und aus dem Fenster hinaus in das Camp schauend, da kam ihm der am gestrigen Abend entdeckte Lichtpunkt wieder in den Sinn. Am liebsten wäre Steve direkt hinauf zum Observatorium gefahren, um nachzusehen, ob der Lichtpunkt noch immer zu sehen wäre. Ob er sich bewegt hat? Ist er vielleicht gar nicht mehr zu sehen? Aber was war es dann? Ist der Lichtpunkt doch noch immer zu sehen? Vielleicht hat er wirklich seine Position verändert? Aber um welch ein Objekt handelt es sich dann? Fragen über Fragen, die Steve durch den Kopf gingen. Aber er musste sich gedulden. Die Zugangskontrolle zum Observatorium war so geschaltet, dass Steve mit seinen Zugangsdaten erst kurz vor Schichtbeginn um 18:00 Uhr Zugang erhielt. So lange musste er sich gedulden. Jedoch war Steve fest entschlossen, die kommende Nacht nur seiner Entdeckung zu widmen. Das konnte er sich erlauben. Immerhin war er mit seinem Forschungsauftrag schon drei Wochen weiter als es im Projektplan vorgesehen war. Das gab Steve eine gewisse Flexibilität. Zeit, die er nun für sein eigenes Projekt verwenden konnte. Es war kurz nach 14:00 Uhr. Also noch lange hin, bis die Zugangskontrolle für Steve freigeschaltet wird. Steve nutze die Zeit für ein Telefonat mit Linda. Danach schaute er in den Kühlschrank und machte im Geiste eine kleine Inventur. Nach einem Blick auch auf die Getränkevorräte fuhr Steve im Willys zum anderen Ende des Camps, wo sich ein kleiner Store befand. An anderer Stelle würde man vielleicht Kiosk dazu sagen, aber bei Bruno Santana bekam man alles was man hier im Camp benötigte und alles, was das Leben hier in der Abgeschiedenheit etwas angenehmer machte. Steve hatte seine Besorgungen schnell erledigt, stellte seine Einkauf-Kiste in den Jeep und lief zu Fuß hinüber in die kleine Kneipe im Camp. Dort bei Mateo Rodriquez traf man sich nicht nur gerne auf ein Bier um dabei über Gott und die Welt zu reden. Bei Mateo bekam man auch immer eine warme Mahlzeit. Vorzugsweise Eintöpfe, aber fast täglich abwechselnd. Heute stand Porotos granados auf der Tafel. Hauptbestandteil des Gerichts sind Bohnen und Mais, Kürbis, Zwiebeln und Knoblauch. Es war nun zwar schon fast 16:00 Uhr, bei Mateo konnte man aber zu jeder Tageszeit etwas Warmes zu essen bekommen. Immerhin arbeiteten die Camp-Bewohner fast alle in irgendeiner Weise für das Observatorium in unterschiedlichen Schichten rund um die Uhr. Steve saß mit dem Franzosen Pierre und Nanna einer Dänin zusammen am Stammtisch und genoss seinen Eintopf.
In Gesellschaft schmeckt es einfach besser.
Dann, es war schon fast 17:00 Uhr, brach er auf. Er verstaute seine Einkäufe im Kühlschrank und stellte das Bier und Coca Cola Büchsen hinter einen Vorhang im Flur neben der Garderobe. Nun belegte sich Steve noch ein Sandwich und packte zwei Dosen Coke in seine Umhängetasche, bevor er Fliegerjacke und Mütze anzog, um in der nun hereinbrechenden Abenddämmerung hinauf zum Observatorium zu fahren. Gemeinsam mit zwei anderen Wissenschaftlern wartete Steve nun darauf, dass die Zugangskontrolle für ihn freigeschaltet wurde. Es war 17:50 Uhr, als er seinen Ausweis an das Lesegerät hielt. Der Tür-Summer brummte und gab den Weg frei zu zwei weiteren Schleusen. Steve startete seinen Computer und stieg die stählerne Wendeltreppe hinauf zum Teleskop. Er kramte den Zettel, auf den er gestern die Koordinaten kritzelte, aus der Levi’s Tasche. Stellte das Teleskop entsprechend ein. Steve schaute hinaus in die weite unendliche Welt um uns herum und da war er, der Lichtpunkt. Steve war nun nur noch darauf fokussiert, er machte vielfältige Untersuchungen und Berechnungen. Die Nacht verging wie im Fluge.
„He Steve, es ist gleich sechs Uhr. Feierabend! Mach hin. Spätestens nach 12 Stunden musst du hier raus sein, sonst schlägt die Zugangskontrolle Alarm.“
Es war Stanley, einer der Briten, der Steve darauf aufmerksam machte, dass er das Observatorium nun verlassen musste. Steve war erstaunt, wie schnell die Nacht vergangen war. Nachdem er seinen Computer wieder heruntergefahren hatte, nahm er seine Umhängetasche und ging hinaus auf den Parkplatz. Obwohl es hier oben sehr frisch war, packte er auf der Motorhaube des Willys, sein am Vorabend geschmiertes Sandwich aus und öffnete sich eine Dose Coke. Erst jetzt merkte Steve, wie hungrig er war. Während er sein Sandwich aß und in Richtung der nun bald aufgehenden Sonne sah, gingen ihm noch einmal die in der Nacht gewonnenen Erkenntnisse durch den Kopf. Die letzten zwölf Stunden haben bei Steve eine sehr konkrete Vermutung entstehen lassen. Diese wollte er nun in den nächsten Tagen konkretisieren. Wie gesagt, sein eigentlicher Forschungsauftrag ließ ihm ja in etwa drei Wochen, die er im Voraus war.
Nach weiteren sieben Nächten, in denen Steve nichts anderes tat, als sich um seine Entdeckung zu kümmern, war sich Steve sicher, dass er einen interstellaren Asteroiden entdeckt hatte. Das war eine absolute Seltenheit. Zumal der Asteroid noch nicht in unser Sonnensystem eingedrungen war. Also eine astronomische Sensation, die Steve sehr viel Anerkennung bringen würde. Aber Steve glaubte auch, herausgefunden zu haben, dass der Asteroid Kurs auf unser Sonnensystem nahm. Nach dem Eintritt würde der Asteroid durch die Gravitation unserer Sonne eingefangen werden und würde auch durch die äußeren Planeten unseres Sonnensystems auf eine Umlaufbahn in unserem System gelenkt werden. Und dann offenbarten die komplizierten Formeln, die Steve in seinem Computer berechnen ließ, dass der Asteroid auf dieser nun berechneten Bahn auf Kollisionskurs mit unserer Erde war. Und als wäre das nicht schlimm genug, so war sich Steve sicher, dass der Asteroid einen Umfang von ca. 28 km maß. Somit war dieser Asteroid also größer als derjenige, der vor rund 60 Millionen Jahren das Schicksal der Dinosaurier besiegelte. Dieser Asteroid bedrohte also den Fortbestand unserer Zivilisation. Dieser Asteroid bedrohte die Menschheit und alles Leben, was nicht mikroskopisch klein tief in der Erde sein Dasein fristete. Und am Ende all dieser Erkenntnisse wurde Steve ein Ergebnis all seiner Berechnungen präsentiert.
Aufprall: 22. November um 15 Uhr18 Minuten in drei Jahren und etwas mehr als zwei Monaten.
Steve saß vor seinem Computer, starrte auf das ihm dort offenbarte Ergebnis. Er spürte Gänsehaut am ganzen Körper. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er wusste nicht, ob er fror oder ob ihm heiß war. Sein Blick war festgefroren auf seinem Bildschirm wo am Ende scheinbar unendlicher Formeln, ohne Absatz und wie selbstverständlich geschrieben stand.
Impact: novembre 22. at 15:18 PST.
„Steve …hey! Steve …alles OK mit dir?“ Nanna, der Wissenschaftlerin aus Dänemark war wohl aufgefallen, dass Steve vor seinem Computer sitzend um Fassung rang.
„Hast du da draußen in den weiten des Alls einen Geist oder vielleicht den lieben Gott gesehen? Oder ist es dir übel geworden? Kann ich dir helfen?“
„Danke, Nanna, alles OK! Ich habe meine Formeln überprüft. Bei mir ist alles in Ordnung.“
„Sicher Steve, von meinem Platz sieht es aus, als hättest du Schweißperlen auf der Stirn?“
„Nein, nein, alles OK. Mir ist nur etwas warm.“
„Wenn es dir warm ist, dann kann etwas nicht stimmen. Ich habe meinen Mantel angezogen und friere immer noch!“
„Nanna, glaube mir, es geht mir gut alles OK. Es ist 5:20 Uhr. Ich mache Feierabend für heute.“
Steve fuhr den Computer runter, zog sich Fliegerjacke und Mütze an und verließ das Observatorium. Ging über den Parkplatz und setzte sich in seinen Jeep.
„Hey Steve, du bist doch vor zwanzig Minuten schon gegangen. Springt dein Willys nicht an? Willst du mit mir ins Camp zurückfahren?“
„Ist schon gut Nanna. Ist halt nicht mehr der jüngste mein Jeep. Der wird jetzt anspringen.“
„Ist wirklich alles OK mit dir, Steve?“
„Ja, Nanna, alles OK glaube mir.“
„Na, dann komme gut nach Hause. Bis morgen Steve.“
„Bis morgen, Nanna.“
Steve hatte nicht gemerkt, dass er fast eine halbe Stunde lang im offenen Jeep auf dem kalten Parkplatz saß und wohl nur an den Asteroiden gedacht hatte. Er drehte den Schlüssel nach rechts und der Motor vom alten Jeep Willys sprang direkt an. Als er losfuhr, sah er, dass Nanna in ihrem Suzuki gewartet hatte und nun hinter ihm herfuhr. Steve konzentrierte sich wohl wissend, dass Nanna hinter ihm fuhr, auf die Straße und die Serpentinen. Auch fuhr er nicht so forsch wie üblich. Er wollte Nanna hinter sich nicht die Sicht nehmen und er vermied es, eine für den nachfolgenden Verkehr, unangenehme Staubwolke aufzuwirbeln.
Aufprall: 22. November um 15:18 Uhr!
Alle Gedanken endeten an diesem Punkt. Steve konnte an nichts anderes mehr denken als an seine Entdeckung da draußen im Weltall. Er begann sich bald zu fragen, warum er es denn ausgerechnet ist, der die Stecknadel im Heuhaufen gefunden hat. Zum jetzigen Zeitpunkt war es in der Tat eher unwahrscheinlich, dass ein anderer eine gleiche Entdeckung machen könnte, wie er sie gemacht hat. Selbst für Wissenschaftler, die im gleichen Zielgebiet forschen, wäre es ein Zufall zum jetzigen Zeitpunkt die gleiche Entdeckung zu machen. Gewiss: Mit jedem Tag kam der Asteroid unserem Sonnensystem und somit unserer Erde ein Stück näher. Damit nimmt die Wahrscheinlichkeit des entdeckt werden entsprechend zu und irgendwann in den nächsten Monaten werden andere den Asteroiden auch sehen. Dann werden auch andere den Reiseweg des Himmelskörpers berechnen, dann werden auch andere erkennen, wo und wann die Reise des Asteroiden enden wird. Dann stellt man vielleicht fest, dass es dann zu spät ist zu reagieren. Man sagt vielleicht, dass ein früheres Erkennen, ein Erkennen nur wenige Monate früher, eine Katastrophe hätte vermeiden lassen. Aber war ein Aufprall eines Asteroiden auf der Erde überhaupt zu vermeiden? Wie weit waren die Militärs mit ihren Erkenntnissen, mit denen Asteroiden auf Erdkurs von ihrem Ziel abgelenkt worden sein könnten? Gut, man ist bereits auf Asteroiden gelandet, man hat Gesteinsproben analysiert. Aber hat man auch versucht, Asteroiden von ihrer Bahn abzubringen? Steve wusste es nicht. Auch Recherchen, die er in der wissenschaftlichen Community anstellte, brachten ihm keine diesbezüglich neuen Erkenntnisse.
Er, Steve konnte doch aber das Wissen darüber, dass die Menschheit bald in einer Apokalypse enden wird, nicht ganz alleine für sich behalten. Zumal dieses exklusive Wissen ja auch nicht bis zum Tag des Aufpralls Bestand haben würde. Aber wem sollte sich Steve offenbaren? Wie konnte er sicher sein, dass derjenige, den er in sein Wissen einweiht, dieses Wissen nicht umgehend öffentlich machen würde. Steve hatte darüber, dass der Zeitpunkt eines Asteroiden Einschlages öffentlich wird, größte Bedenken. Gedanken daran machten ihn geradezu verrückt. Wenn Steve dann vor lauter Erschöpfung eingeschlafen war, dann rissen ihn Träume wieder aus dem Schlaf. Immer wieder sah er in seinen Träumen die Veröffentlichung seiner Entdeckung in Internet Foren.
Die Headline; Impact: November 22, at 15:18 PST.
Innerhalb von weniger als einer halben Stunde, nein, in weniger als 15 Minuten, war diese Information in allen Ecken der Welt verbreitet. Einmal reagierten die Menschen mit Depression und millionenfachem Suizid. Dann in einem neuen Traum reagierten die Menschen aggressiv und warfen all ihre Moral und Ethik über Bord und sie nahmen sich in Anbetracht der nahenden und endgültigen Katastrophe einfach alles, was sie bekommen konnten. Es kam zu millionenfachen sexuellen Übergriffen. Die Menschen plünderten und raubten, man schlug sich gegenseitig die Köpfe ein und es herrschte von jetzt auf gleich, Anarchie, überall auf der Welt. In anderen Träumen wiederum machte man sich über die Information eines bevorstehenden Unterganges der Menschheit nur lustig. Man reagierte damit, dass in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts schon einmal von der Sekte der Zeugen Jehovas der Weltuntergang proklamiert wurde …ha, ha, ha!
Nicht nur, dass Steve jedes Mal nass geschwitzt aus diesen Träumen erwachte. Nein es belastete ihn zunehmend. Er musste dringend ein Ventil finden, über das er Druck ablassen konnte, um nicht an der Last, die ihm mit seinem exklusiven Wissen aufgebürdet wurde zu kollabieren. Wenn Steve im Observatorium war, dann war er nur noch dort um seine Berechnungen wieder und wieder zu überprüfen. Wie sehr wünschte er sich, in seinen Formeln den entscheidenden Fehler zu finden. Er ging so weit, dass er die nun neuesten Koordinaten des Asteroiden als Grundlage völlig neuer Berechnungen annahm und er baute das komplizierte Rechenwerk von null noch einmal auf um aber auch danach, das bereits bekannte Ergebnis auf den Computer zu sehen.
RESULT--IMPACT--NOVEMBER 22 at 15:18 PST
Schon seit einiger Zeit viel den Kollegen im Observatorium die Wesensveränderung bei Steve auf. Es muss so deutlich gewesen sein, dass man ihn auch offen darauf ansprach. Steve wiegelte dann ab und nannte seine zunehmend anstrengende Arbeit als Grund. Auch hätte er schon lange keine Auszeit mehr gehabt und er wies darauf hin, dass ein geplanter dreiwöchiger Urlaub zu Hause in Kalifornien bevorstehen würde. Aber auch davor hatte Steve angst. Wird er vor Linda seine Sorgen und Gedanken verbergen können? Sehr wahrscheinlich nicht. Wird er ihr sein Geheimnis anvertrauen, um wenigstens in ihr einen Mitwisser zu haben? Auch diesen Gedanken verwarf er wieder. Wie würde Linda reagieren, wenn sie erfahren würde, dass ihr Leben und vor allem das von Jerome und Christine nur noch drei Jahre dauern würde?
Natürlich weiß keiner von uns, ob wir die nächste Stunde überleben werden. Aber es hat eine ganz andere Qualität, wenn man ein festes unverrückbares Datum für den Zeitpunkt des persönlichen Endes genannt bekommt.
Zwischenzeitlich hatte sich Steve durchgerungen seinen Präsidenten im Weißen Haus in Washington D.C., um eine Audienz zu bitten. Er schrieb einen Brief an das Weiße Haus mit dem Hinweis, dass er etwas Wichtiges mit diesem besprechen müsse. Steve, war die Aussichtslosigkeit seines Tuns im Grunde schon bewusst. Jedoch war es für ihn so etwas wie ein Strohhalm, der ihn davor bewahrte im Sumpf seiner Verzweiflung endgültig zu ertrinken. Bevor er dann am 12. Oktober seinen Heimaturlaub antreten sollte bekam er tatsächlich einen Brief aus Washington. Inhaltlich war dazu nicht viel zu sagen. Mit dem Brief wurde halt sein Strohhalm geknickt und man teilte ihm in einem weitestgehend vorgefertigten Schreiben mit, dass er doch bitte seine wichtige Information an den Präsidenten in einem Brief formulieren solle, man würde das dann prüfen.
Ω
Am 12. Oktober wartete Steve auf dem Aeropuerto international Comodoro Arturo Merino Benitez in Santiago de Chile auf sein Boarding für den Flug nach Los Angeles. Es waren nun fast schon acht Monate vergangen seitdem Steve zum letzten Mal bei Linda und den Kindern gewesen ist. Dieses Mal wurde nun jedoch seine Vorfreude auf Frau und Kinder von den nicht enden wollenden Gedanken an den Asteroiden überlagert. Und so war es eigentlich eine Zwangsläufigkeit das Linda wenige Tage nach Steves Ankunft in Santa Monica, das Gespräch zu Steve suchte.
„Steve, sei, bitte ehrlich, gibt es da vielleicht eine andere Frau zwischen dir und mir?“
„Sag Linda, wie kommst du darauf? Niemals kam es mir in den Sinn dich zu betrügen. Ich liebe dich und ich bin stolz eine so tolle Frau, wie dich mein Eigen nennen zu dürfen.“
„Wie erklärst du mir dann den Umstand, dass du nach acht Monaten in den Chilenischen Bergen nach Hause kommst und außer einem flüchtigen Kuss bei der Begrüßung in den letzten Tagen keine weiteren Kontakte zwischen uns stattfanden? Steve ich habe mich wirklich sehr auf dein Kommen gefreut. Ich habe in den letzten acht Monaten immer wieder einmal sehnsüchtig an dich gedacht. Habe mir dabei gewünscht, dass du mich in den Arm nehmen würdest, meinen nackten Körper berührst und mich streichelst. Wie sehr habe ich auf dich gewartet und wie schön habe ich mir in meinen Gedanken ausgemalt wie wir uns gegenseitig liebkosen. Uns dann gemeinsam auf dem Höhepunkt zu vereinen, um dann wach zu liegen, zu kuscheln und um es dann wieder und immer wieder zu tun. Steve, ich bin eine Frau und du bist ein Mann und ich sehne mich nach dir. Und nun bist du schon vier Tage hier in Santa Monica bei mir. Du sitzt den ganzen Tag auf der Veranda, schaust auf das Meer hinaus und grübelst über was auch immer. Sage mir bitte, was mit dir ist, sage mir bitte, sollte es da eine andere Frau geben.“
„Linda, glaube mir, du bist meine große und einzige Liebe. Entschuldige bitte. Ich verspreche dir nun abzuschalten. Auch verspreche ich die Gedanken an meine Arbeit nun ruhen zu lassen. Ich bestelle uns einen Tisch zum Candle-Light-Dinner als Entree für einen schönen Abend und eine wunderschöne Nacht, bist du dabei?“
