Erinnerungen eines Sonntagskindes - Lothar Jakob Christ - E-Book

Erinnerungen eines Sonntagskindes E-Book

Lothar Jakob Christ

0,0
4,00 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Das Buch erzählt den spannenden Verlauf eines ganz normalen westdeutschen Lebens. Die Geschichte beschreibt eine sehr freie und sorglose Kindheit, dokumentiert den Übergang zur Jugendzeit, die geprägt war vom Zeitgeist des 1968er gesellschaftlichen Wandels. Erzählt von der schwierigen Berufswahl und einem sehr erfüllten Arbeitsleben. Die Chronologie des Lebenslaufs erlaubt Einblicke in das berufliche Schaffen und das private Leben, im stetigem Bestreben objektiv zu schreiben und die Emotion in der Erinnerung spüren zu lassen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 424

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lothar Jakob Christ

Erinnerungen eines Sonntagskindes

Autobiografie

© 2018 Lothar Jakob Christ

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-2129-7

Hardcover:

978-3-7469-2130-3

e-Book:

978-3-7469-2131-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Es ist ein wunderschöner Sonntagmorgen im Wonnemonat Mai. Die Sonne scheint und die Temperaturen sind für so einen Frühlingsvormittag eigentlich etwas zu warm, zumindest ist das die Meinung der Meteorologen. Das Echo der Schlosskirchen Turmuhr reflektiert von den Schieferfelsen über den Glan herüber zur Schillerstraße und als der Klang nach dem zehnten Schlag verstummte, ertönt aus Haus Nummer 22 Babygeschrei. Es sind meine ersten Atemzüge, nachdem ich gerade das Licht der Welt erblickt hatte. Es ist eine heile Welt an diesem 16. Mai 1954, die Vögel zwitschern lauthals, Enten schnattern mit Gänsen um die Wette, man hört ganz leise aber stetig das Wasserrauschen vom Wehr, das das Flüsschen Glan aufstaut, um einen Bach durch eine Gerberei zu leiten. Das Wasser aus der Gerberei wird über diesen Bach, an der alten Stadtmauer vorbeigeleitet bis er nach ca. 500 m wieder in den Glan mündet. Und dort zwischen Glan und Gießen steht mein Geburtshaus.

Auch wenn ich daran keine eigene Erinnerung habe, so glaube ich fest daran, dass mich meine Mutter nun so gegen halb elf am Sonntagmorgen erschöpft, aber glücklich im Arm hielt, mir über die Wangen streichelte und die Hand meines Vaters berührte zum ersten Mal meine kleinen Finger. Ob meine Eltern nun Gelegenheit fanden, um sich von meiner Geburt zu erholen? Das glaube ich wiederum nicht. Denn dort in Meisenheim am Glan, wohin meine Mutter Lina (Lini) zu meiner Entbindung hingegangen war, lebten zu dieser Zeit neben ihren Eltern Maria und Emil auch noch neun ihrer einst zwölf Geschwister. Marianne, Josef und Ruth waren bereits im Kindes, beziehungsweise im Teenageralter gestorben, aber die Brüder Heinz, Jakob, Helmut und Eduard (Edi), sowie die Schwestern Charlotte (Lotti), Annie, Hanna, Maria und Emmi, waren eine große Familie. Dazu kamen noch Schwägerinnen und Schwäger: die Tanten Gretel, Regina, Emma und Hella sowie die Onkel Herbert und Klemens.

So ist anzunehmen, dass es an diesem Sonntag im Mai ein stetes Kommen und Gehen war, bis meine Oma dem Ganzen wohl Einhalt gebot. Auch ist anzunehmen, dass mein Opa Emil an diesem Sonntag den Frühschoppen etwas länger ausgedehnt hat und dann am Nachmittag ohnehin seine Ruhe verlangte.

Meine Eltern Helmut und Lini haben zu dieser Zeit nicht in Meisenheim gewohnt. Das junge Paar hatte in Gimbsheim am Rhein, wo mein Vater geboren wurde, geheiratet. Und dort auch eine für das Jahr 1954 moderne, weil neue Wohnung bezogen. Hannes hieß der Vermieter, das weiß ich noch sehr gut, dass er mit Nachnamen Belzer hieß, daran glaube ich mich zu erinnern. Auf jeden Fall war es eine für die Zeit moderne Wohnung. Was sich dadurch ausgezeichnet hat, dass das Klo im Haus war und man nicht wie zu dieser Zeit noch vieler Ort üblich, im Hof auf ein Plumpsklo gehen musste. Das war auf jeden Fall noch so bei meines Vaters Eltern Philipp und Elisabeth, die nicht weit von uns entfernt wohnten. Darüber hinaus lebten in Gimbsheim noch vier von fünf Brüdern meines Vaters. Der älteste, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, ist im Zweiten Weltkrieg gestorben. Die vier damals noch lebenden waren Fritz, Heinz, Jakob und Oskar. Oskar der Jüngste lebte zum Zeitpunkt meiner Geburt noch bei seinen Eltern. Die anderen, waren, verheiratetet und lebten zusammen mit ihren Frauen Helene, Renate und Anita.

Meine Eltern und vor allem meine Mutter hatten jedoch den Wunsch, das ich in Meisenheim im Kreise der Familie meiner Mutter zur Welt kommen sollte. Wofür ich auch meiner Mutter bis heute dankbar bin. Über meine Verbundenheit zu Meisenheim werde ich bestimmt noch des Öfteren zu sprechen kommen.

Wie lange meine Eltern nach meiner Geburt in Meisenheim blieben kann ich nicht genau sagen. Aber einige Wochen waren das schon. Eventuell war ich auch mit meiner Mutter alleine dort? Soweit man in Meisenheim von alleine sein reden kann. Aber bis Juli war ich bestimmt in meiner Geburtsstadt. Das kann ich so genau sagen, weil ich weiß, dass meine Eltern das Finale zur Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Ungarn und Deutschland in Meisenheim verfolgt haben. Und zwar am Fernseher, was 1954 noch gar nicht so selbstverständlich war. Man hat das Endspiel im Wohnzimmer der Eltern von Tante Hella geschaut. Diese hatten in Meisenheim eine gut gehende Metzgerei. Die Metzgerei Sottong war eine von drei Metzgereien in dem 3000 Seelen Städtchen und als Metzger oder Bäcker hatte man Anfang der 1950er Jahre noch ein sehr gutes Einkommen und einen angesehenen Platz in der Gemeinde. Aber wie gesagt, dort im Wohnzimmer haben meine Eltern das Wunder von Bern verfolgt, während ich in meinem Kinderwagen in ein Nachbarzimmer geschoben wurde, wo ich das sensationelle Ergebnis von 3:2 für Deutschland einfach zufrieden verschlafen habe.

Danach irgendwann Ende Juli ist die nun kleine Familie zurück nach Gimbsheim gegangen, wo mein Vater wie bereits erwähnt in der Rathenaustraße eine moderne Wohnung angemietet hatte. Natürlich fehlt mir an diese Zeit eine persönliche Erinnerung, aber von vielen Erzählungen und Bilddokumenten gibt es einiges in meiner Erinnerung so, als hätte ich es bewusst erlebt.

Der Krieg war noch nicht so lange vorbei und mein Vater, der als 17. jähriger Junge in den Krieg berufen wurde, war nach Kriegsende noch 3 Jahre in amerikanischer Gefangenschaft in Marseille in Südfrankreich kaserniert. Ob dieser Tatsache war es schon erstaunlich, nun da die Nachkriegsjahre gerade zu Ende und die Wirtschaftswunder Jahre am Beginn standen, eine kleine Wohnung und eine kleine Familie zu haben. Die Rollen waren 1954 in einer Familie noch klar geteilt und zugeordnet. Die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder und der Mann war in der Verantwortung für Frau und Kinder zu sorgen.

Mein Vater war gelernter Schlosser und hat dem zur Folge in einem großen stahlverarbeitenden Betrieb, bei MAN in Gustavsburg angeheuert. Er war als Brückenbauer auf der Eisenbahnbrücke Mainz-Süd eingesetzt. In schwindelerregender Höhe, mehr als 15 m hoch über dem Rhein. Bei Wind und Wetter hat er auf der Brücke geschweißt, Nieten geschlagen, Verbindungen verschraubt und und und, … das machte er solange, bis er eines Tages bei kaltem und schlechtem Wetter, den Halt verlor und durch das Brückengerippe stürzte. Gottlob konnte er sich als junger sportlicher Typ an einer Strebe abfangen und festhalten. Der Schreck dieses Unfalles war jedoch so groß, dass mein Vater diese extreme Arbeit fortan nicht mehr leisten wollte. So suchte er sich eine neue Arbeitsstätte und kam, was vielleicht in dieser Situation eine Konsequenz war, von einem Extrem in das Andere. Sein neuer Arbeitsplatz war ganz weit unten in dem markanten weit sichtbaren Wahrzeichen der Portland Zementwerke in Mainz-Weisenau. Unten im Industrie Schornstein, wo es seine Aufgabe war Schlacke und Asche aus dem Kamin zu befördern. Also kein schöner Platz zum Arbeiten. Wenig Tageslicht, viel Schmutz und Staub. So eine Arbeit macht man nur, um seiner Verantwortung gerecht zu werden und weil die Bezahlung fair war und das Familieneinkommen sicherte.

Aber mein Vater wollte zurück auf einen Arbeitsplatz mit Bezug zu seinem Schlosserhandwerk. Er hatte berufliche Ziele, auch um seine Familie in ein damals viel beschworenes besseres Leben zu führen. Was lag da näher, als einem in der Mitte der 50er Jahre immer lauter werdenden Ruf zu folgen. Dem Ruf der aufstrebenden Automobilindustrie. Zumal ganz in der Nähe zu Gimbsheim wo wir wohnten und ganz nahe zu Mainz-Weisenau wo mein Vater arbeitete, einer der damals bedeutendsten Deutschen Automobil Hersteller angesiedelt war. Die Adam Opel AG in Rüsselsheim. Und wie viele Tausend andere in dieser Zeit bekam mein Vater eine Anstellung bei Opel und arbeitete fortan dort als Arbeiter im Schichtbetrieb.

In den Frühschichten bedeutete das, dass mein Vater am Morgen um kurz nach drei Uhr aufstehen musste. Er ist dann mit dem Fahrrad ca. fünf Kilometer weit nach Guntersblum an den Bahnhof geradelt, fuhr von dort mit der Bahn nach Mainz-Süd musste, dann in einen anderen Zug umsteigen, der ihn zum Bahnhof Opelwerk brachte. Dort angekommenen ging es schnell in einen der vielen Waschräume im Kellergeschoss der Fabrik. Rein in den Blaumann um dann um 5:45 Uhr zu Schichtbeginn pünktlich am Fließband zu stehen. Schichtende war dann nach 8 Stunden um 14:15 Uhr bevor es auf dem gleichen Weg wie am frühen Morgen wieder zurück nach Gimbsheim ging. In den Spätschichten begann die Schicht um 14:15 Uhr und endete um 22:45 Uhr. Bis mein Vater dann von der Schicht nach Hause kam, war es oft nach 1:00 Uhr in der Nacht und um 11:00 Uhr am Morgen ging es schon wieder auf das Fahrrad in Richtung Bahnhof Guntersblum. Die Arbeitswoche in den 1950er Jahren dauerte 48 Stunden an 6 Arbeitstagen.

Das meine Eltern unter diesen Bedingungen den Wunsch entwickelten, Gimbsheim den Rücken zu kehren, um näher an den Arbeitsplatz meines Vaters zu ziehen ist in der Retrospektive nicht mehr als verständlich. Zudem fühlte sich meine Mutter in Gimbsheim auch nie so richtig zu Hause. Obwohl Gimbsheim nicht viel kleiner als Meisenheim war, so fühlte sich meine Mutter trotzdem nicht wohl auf dem Land, vielmehr sehnte sie sich nach dem kleinstädtischen Flair, das Meisenheim eben hatte. Meisenheim war der Mittelpunkt einer auch ländlichen Region, die dortigen Bürger waren jedoch weitestgehend Händler und Handwerker, Ärzte und Lehrer. Gimbsheim wiederum war ein Bauer und Winzerdorf. Das soll nicht abwertend klingen, es war halt so. Und meine Mutter fand nicht so richtig Bindung zu dieser Umgebung. Rüsselsheim war da schon viel städtischer. Auch lebten zu der Zeit immerhin schon ca. 30 tausend Menschen in Rüsselsheim und durch die Automobilproduktion war der Stadt eine blühende Zukunft prophezeit. Zudem erschloss Rüsselsheim viele Neubaugebiete Ende der 1950er Jahre und der Traum vom eigenen Haus war wie bei vielen jungen Familien auch ein Traum meiner Eltern. Ende 1958 war es dann so weit und meine Eltern hatten eine Bleibe in Rüsselsheim gefunden.

Meine ersten Lebensjahre in Gimbsheim

kann ich natürlich weitestgehend nur von Erzählungen und weniger aus eigener Erinnerung wiedergeben. Ein wesentliches und auch mein Leben beeinflussendes Erlebnis war am 17. Januar 1956 die Geburt meiner Schwester Ute. Ute wurde in Gimbsheim geboren. Warum meine Mutter zur Geburt meiner Schwester nicht nach Meisenheim ging, das kann ich nicht sagen. Vielleicht war einfach das Wetter schuld daran. Obwohl: Der Januar 1956 war im Durchschnitt 0,3 Grad warm und hatte viele Sonnentage, war also ein milder Wintermonat. Grund für die Hausgeburt in Gimbsheim war aber wahrscheinlich auch die Arbeit meines Vaters, von der Arbeit freigestellt zu werden war zu dieser Zeit nicht so einfach und ich glaube auch zu wissen, dass mein Vater erst nach der Schicht nachhause kam, als meine Schwester schon geboren war. Der 17. Januar 1956 war ein Dienstag in einer Spätschicht Woche. Von diesem Tag an musste ich meine Mama teilen. Ob mir das gefiel oder nicht. Damals war das nicht anders als heute und meine Schwester wurde bald, pflücke. Aber auch ich war ein kleiner Steppke, ich konnte zwar schon laufen, aber wenn meine Mutter Besorgungen machen musste, dann musste sie ja mich und meine Schwester mitnehmen und auch wenn Gimbsheim ein vergleichbar kleiner Ort war, so waren die Fußwege, Autos konnten sich Arbeiter zu dieser Zeit noch nicht leisten, doch beachtlich. Einkäufe mussten weitestgehend täglich gemacht werden. Ich weiß nicht, ob wir zu dieser Zeit schon einen Kühlschrank hatten, glaube aber ja. Trotzdem musste meine Mutter bei der Raiffeisen Obst und frisches Gemüse holen. Das war am Bahnhof in Gimbsheim. Zum Mauer Bäcker, wo meine Mutter Brot holte, war es dann schon ein guter Fußweg. Zwar ging sie auf diesem Weg bei anderen Bäckern vorbei, aber die Tochter vom Mauer Bäcker war Schwägerin von meinen Eltern. Es war aber trotzdem kein Umweg, denn der Metzger hatte seine Schlachterei hinter dem Rathaus und dafür lag der Mauer Bäcker auf dem Weg. Und vom Metzger musste meine Mutter quer durch den Ort, um wieder nach Hause in die Rathenaustrasse zu kommen. Um das alles zu bewältigen, setzte sie meine Schwester und mich gemeinsam in den Kinderwagen. Dadurch war sie schneller als, wenn sie mich hätte den ganzen Weg laufen lassen. Und sie konnte in der Schese auch ihre Einkäufe transportieren.

Die Schese das war der Kinderwagen. Es gab die Kinderschese für die Babys. Die wurde so geschoben, dass Mama dem Baby in das Gesicht schauen konnte. Und es gab die Sommerschese, da war der Schiebegriff hinten und die Kinder konnten nach vorne in Fahrtrichtung schauen. Das Gefährt war nun in der Regel so beladen, dass erst ich da hineingesetzt wurde, vor mir saß meine Schwester. Am Schiebegriff war ein Einkaufsnetz befestigt und schwere Dinge wie Kartoffeln oder Kohlköpfe konnte man unter der Sitzfläche zwischen den Rädern ablegen. So bepackt ist meine Mutter mehr als einmal durch das Dorf gelaufen. Die Straßen waren, wenn überhaupt mit Kopfsteinpflaster gepflastert. Ich glaube, ob dieser Beschreibung kann man sich gut vorstellen, wie das gewackelt hat.

An einem Tag im Sommer, wohl 1957, war meine Mutter mit diesem Gefährt und uns wieder unterwegs. Das Gemüselager der Raiffeisen war hinter dem Bahnhof und um zurück Richtung Dorfmitte zu kommen, musste sie den beschrankten Bahnübergang queren. Die schwere Dampflok mit zwei Personen- und einem Güterwagon, war gerade in den Bahnhof eingefahren und stand da nun dampfend und schnaubend darauf wartend, dass ein paar Leute aus und einstiegen. Meine Mutter hatte nun ihren Gang beschleunigt und wollte noch, bevor der Bahnübergang schließt, um den Zug aus dem Bahnhof wieder ausfahren zu lassen, den Bahnübergang schnellen Schrittes überqueren. In diesem Moment habe ich drei Käse hoch wohl die Chance erkannt, um meine Schwester wieder loszuwerden. Denn als meine Mutter den Bahnübergang passiert hatte und die Bahnschranken begannen sich zu schließen, riefen Passanten, dass ein Kind auf den Gleisen läge. Und tatsächlich: Meine Schwester lag, offensichtlich von mir aus der Schese gestoßen auf den Gleisen. Die Dampflok blies zum ersten Mal laut durch die Sirene. Und in dem Moment als der Schaffner die Kelle auf Grün drehte und laut und schrill durch seine Signalpfeife zur Abfahrt blies, da war meine Mutter bereits zwischen den geschlossenen Schranken und hat meine Schwester von den Gleisen geholt.

Kaum war sie mit Ute zurück am Kinderwagen, da dampfte laut und stinkend die Dampflok über den Bahnübergang um den Bahnhof Gimbsheim zu verlassen. Ob ich meine Schwester wirklich geschubst habe, dass weiß man nicht genau. Das wird auch immer mein Geheimnis bleiben, denn ich weiß es auch nicht zu sagen. Erzählt wird die Geschichte aber seitdem so, dass ich geschubst hätte. Aber vielleicht war es auch nur die unebene Straße und das zusätzliche Geholper über die Gleise was dazu führte, dass meine Schwester aus der Schese fiel. Wichtig ist, dass alles gut gegangen ist und meine Mutter sowie Ute mit dem Schrecken davongekommen sind.

In Gimbsheim auf dem Land war man zu dieser Zeit wie vieler anderen Orts auch, Mitte der 1950er Jahre, sehr sorglos. Auf den Straßen fuhren kaum Autos und man hatte keine Sorge das man an Leib und Seele von Verbrechen verletzt werden könnte. Auch lag der Gedanke fern, dass einem Kind in dieser heimeligen Atmosphäre irgendetwas passieren könnte. Insofern war es jetzt nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches, dass ich als gerade einmal vierjähriger Junge alleine zu meinen Großeltern lief. Meine Großeltern wohnten nur etwa 300 m von uns entfernt. Nur die Straße runter und einmal links abbiegen und ich war schon dort. Zwar lag der Hauseingang und die Adresse an der Alsheimer Straße, also einer Hauptstraße, aber das Grundstück hatte auch einen Hintereingang, der durch das sogenannte Gässel zu erreichen war. Somit stellte der Weg von unserem Zuhause zu dem Häuschen meiner Großeltern keine großen Gefahren dar.

Im Juli 1958, ich war nun schon ein großer Junge und vier Jahre alt, sagte ich einmal wieder zu meiner Mutter, dass ich zur Oma laufen möchte, um mir ein Spritzding zu holen. Es war halt Sommer und es war warm und ich wollte mit Wasser schmuddeln und für diesen Zweck hortete Oma für mich leere Spüli Flaschen und so eine wollte ich mir holen. Als ich dann die Rathenaustraße hinunterschlenderte, hörte ich von hinten kommend ein Pferdefuhrwerk. Neugierig drehte ich mich um und ich sah, dass ich das Pferd kannte. Es war der Ackergaul Bluna. Auf der alten Rolle saß der Mauer Bäcker, der Bluna mit einem BRRR zu stehen brachte. „Na, du bist doch der Lothar, wohin willst du denn alleine laufen?“ „Zur Oma ein Spritzding holen. Darf ich ein Stück auf der Rolle mitfahren?“ „Natürlich“, sagte der Mauer Bäcker. „Du darfst gerne auch mit mir raus aufs Gurkenfeld fahren und auf dem Rückweg setze ich dich bei der Oma ab“ oh ja gerne sagte ich. „Darf ich auch einmal die Zügel halten?“

„Wenn du keine Angst hast, dass dir der Gaul durchgeht“ lachte der Mauer Bäcker. Und so sind wir vor, bis zur Chaussee kutschiert, rechts abgebogen Richtung Alsheim. Und ganz vorne, schon an der B9, dort ging es links in einen Feldweg zum Gurkenacker. Der Mauer Bäcker wurde dort schon erwartet, denn er brachte den Gurken-Ernterinnen auf dem Feld eine Vesper. „Schaut einmal, wen ich euch mitgebracht habe“, rief der Mauer Bäcker und ich wurde freudig empfangen. Man teilte mit mir die Vesper und ich sprang lustig über den Acker, habe Gurken aufgelesen und hatte gar kein Gefühl für Zeit. Auch habe ich mir überhaupt keine Vorstellung davon gemacht was zwischenzeitlich zu Hause und im Ort los war. Als ich nach einer gewissen Zeit nicht wieder zu Hause im Hof erschien, um mit meinem Spritzding am Wasser zu spielen, ging meine Mutter zu meinen Großeltern, um zu schauen, wo ich bleibe. Erschrocken musste sie erfahren, dass ich dort überhaupt nicht angekommen war. Was kann passiert sein? Panik machte sich breit. Mein Vater war mittlerweile, von der Frühschicht nachhause gekommen. Sofort setzte er sich auf sein Fahrrad und fuhr Richtung Rhein. Dort war er immer wieder mit mir gewesen. In den Altrhein Sümpfen um Rohrkolben zu pflücken, aber wir waren auch gemeinsam bis vorne am Strom und haben den Rheinkähnen zugesehen und geschaut wie hoch die Wellen waren, die die Schiffe bei der Vorbeifahrt produzierten. Oder wir sind mit dem Willius in seinem Kahn rüber zum Kühkopf geschippert. Oder haben in der Willius Kneipe eine Sinalco getrunken und einen Salzweck gegessen. Nicht auszudenken, wenn der Kleine das Abenteuer in dieser Richtung gesucht hat. Mein Opa war derweil im Ort unterwegs. „Habt ihr den Lothar gesehen?“, fragte er aller Ortens. Wo kann denn so ein Knirps hingehen? Zum Scheller an die Eisbude? Zum Metzger um nach einem Stück Wurst zu fragen? Ist er vielleicht zu Marie, der Schwiegermutter einer seiner Onkels gegangen? Nein, keiner hat ihn gesehen! Mein Vater kam nach langer Fahrradfahrt durch die Altrhein Äcker und einem kurzen Aufenthalt draußen in Willius Kneipe müde und besorgt wieder nach Hause. Meine Mutter saß mit verheulten Augen am Küchentisch und machte sich Vorwürfe. Die Verzweiflung war groß. Man wusste wirklich nicht was man noch tun oder wo man noch suchen konnte. Blieb nur der Weg zur Polizei. Mein Vater wollte gerade aufbrechen, als er mich durch den Hausflur rufen hörte. „Hallo, ich bin wieder da!“

Meine Mutter kam mir die Treppe herunter entgegen, nahm mich in den Arm und drückte und herzte mich und weinte nun vor Glück. Mein Vater war auch den Tränen nahe und fragte mich, wo ich denn gewesen sei. „Ich war mit dem Mauer Bäcker auf dem Gurkenfeld und ich habe die Bluna kutschieren dürfen, ich konnte sogar mit der Peitsche knallen und ich habe zu Essen und Trinken bekommen und habe Gurken abgerissen und jetzt hat er mich wieder heimgefahren.“

Meine Mutter hat mich dann gewaschen, hat mir meinen Schlafanzug angezogen und mich zu Bett gebracht. Als ich in meinem Bett gelegen habe, hörte ich meinen Vater sagen: „Lini, ich fahre mit dem Rad noch mal zum Mauer Bäcker!“

An dieses Ereignis glaube ich meine erste bewusste Erinnerung zu haben. Was glaube, ich normal ist ab dem vierten Lebensjahr. Aber an das Spätjahr 1958 in Gimbsheim habe ich noch andere Erinnerungen. Der Umzug nach Rüsselsheim kam nun näher. Man merkte das an den Vorbereitungen, die meine Eltern trafen. Kisten packen.

Porzellan, das man nicht täglich gebraucht, bruchfest verwahren.

Wir Kinder bekamen, Teile unseres Spielzeuges bereits verpackt und man sprach auch immer wieder davon, dass nun bald ein ganz großes Auto kommen würde, um alle unsere Sachen, auch die großen Möbel, von Gimbsheim nach Rüsselsheim zu bringen. Eine der letzten Arbeiten war es den Keller auszuräumen.

Keller ausräumen und Unrat beseitigen das ging 1958 auf dem Land noch viel anders und unglaublich verglichen mit heute, dem Jahr 2017. Mein Vater besorgte sich bei meinem Opa einen Leiterwagen und nun wurden die Gegenstände aus dem Keller, die den Umzug nicht noch einmal mitmachen sollten, auf den Leiterwagen gepackt. Ich als kleiner Knirps durfte in den Füßen herumlaufen und das eine oder andere Teil nach oben tragen und auf den Leiterwagen werfen. Zugegeben, wenn die Entsorgung auch ganz anders als heute vonstattenging, muss man auch sagen, dass der Unrat eine andere Qualität hatte. Plastik oder andere Kunststoffe sowie Öle oder Lacke, Spraydosen etc. oder gar elektronische Geräte? Alles Fehlanzeige. Im Keller waren ein paar alte Zeitungen und abgegriffene Bücher, ein paar Modeschnitte von meiner Mutter, die leidenschaftlich schneiderte, ein altes Holzregal etwas Brennholz, ein paar Briketts und eine altersschwache Kartoffelkiste. Also Papier und Holz. Zeug, das brennt wie Zunder! Und genau das war es, was mein Vater an einem abgesenkten Feldweg entlang der Alsheimer Straße Orts auswärts tun wollte und ich freute mich auf ein tolles loderndes Feuer. Der Leiterwagen war geladen, nun wurde der Keller noch einmal durchgefegt und fertig. Ich wurde auf den Unrat auf dem Wagen gesetzt und nun ging es hinaus vor den Ort, wo der Scheiterhaufen angezündet werden sollte. Mein Vater zog den Wagen der mit seinen, mit Stahl bereiften Rädern, über die Pflastersteine hoppelte und die Reifen machten in der Stille einen Krach, wie es sonst nur bei dem von Pferden gezogenen Leichenwagen der Fall war. Wenn dieser durch die Straßen von Gimbsheim rumpelte, dann machte mir das immer Angst. Und ich kann mich erinnern, dass ich als Kind lange von Alpträumen geplagt war in denen ich versuchte dem Leichenwagen aus dem Weg zu gehen. Ich habe dann im Traum den schwarzen Wagen, gezogen von zwei mit schwarzen Decken bekleideten Pferden gehört, wie er immer näherkam. Ich selbst habe mich dann hinter Ecken versteckt, habe mich in Hauseingänge gestellt, bin durch kleine Gassen gelaufen und habe versucht dem Leichenwagen zu entkommen und dann ist er zum Ende des Traumes doch immer an mir schnell und laut vorbeigerast und noch heute habe ich das Geklapper der Pferde begleitet vom Scheppern der stählernen Reifen in meinen Ohren.

Doch nun auf dem Leiterwagen daran erinnert, habe ich auch daran gedacht, dass ich diesem Wagen nun bald nicht mehr begegnen muss. Auf dem Leiterwagen sitzend war es ein schöner und für mich sehr beruhigender Gedanke. Mein Vater, der wortlos den Leiterwagen zog, der hatte bestimmt andere Gedanken. Der dachte sicherlich daran, dass er, 1927 in Gimbsheim geboren, nun mit 31 Jahren seine Heimat verlässt. Eltern, Brüder und Freunde hinter sich lässt. Und von einer Umgebung in der er alles und jeden kannte und wo auch er von jedem gekannt wurde, weggeht. In eine Stadt mit mehr als dreißigtausend Menschen, von denen er niemanden kannte und zumindest sein soziales Leben völlig neu ordnen musste.

Zu sprechen begann er erst wieder, als wir die richtige Stelle zur Entsorgung unseres Unrates gefunden hatten. Ich zerknüllte nun einige Zeitungen und mein Vater zerkleinerte Holzteile der maroden Kartoffelkiste. Er platzierte meine Zeitungsknödel in einer kleinen Mulde und stapelte die Holzsplitter darüber, hielt ein Zündholz daran und schon begann ein kleines Feuer zu lodern. Und mit jedem Stück, das mein Vater auf das Feuer legte umso größer und höher loderten die Flammen. Und je höher die Flammen loderten, umso größer wurde meine Begeisterung. Doch so schnell wie das Feuer wuchs, genauso schnell verlor es seine Kraft und es blieb etwas glühende Asche zurück, die mein Vater mit Sand abdeckte und somit die Flammen endgültig erstickte. Ich durfte nun im leeren Leiterwagen sitzen, den wir auf dem Rückweg nach Hause bei meinem Opa wieder abgaben. Mein Vater verabschiedete sich von seinen Eltern und ich bin noch einmal zu den Hühnern in den Stall gegangen. Bin noch einmal die Holzleiter hinauf geklettert in den kleinen Heuschober über dem Misthaufen und dem Plumpsklo. Dort oben legten die Hühner ihre Eier ab und auch heute zum Abschied aus Gimbsheim haben sie mir ein paar Eier ins Nest gelegt. Ich habe die Eier eingesammelt und meinem Opa in die Küche gebracht. Meine Oma saß wie fast immer in der Stube am Fenster zur Straße hinaus. Dann gab es in dem Häuschen noch eine nicht beheizte gute Stube und dahinter war eine kleine Kammer. Diese Kammer war mir auch nicht geheuer und ich ging ungern dort hin. Aber heute blieb es mir nicht erspart, denn dort lag meine Urgroßmutter im Bett, die Oma von meinem Vater und von ihr mussten wir uns heute auch verabschieden. Dann war es soweit, mein Vater und ich gingen durch den Garten ins Gässel und von dort schlenderten wir nach Hause, in das Zuhause das wir am nächsten Tag mit einem großen Umzugslastwagen verlassen werden.

Der große Umzugstag war gekommen. Ich habe keine Erinnerung daran wann das genau war, nicht den Tag und nicht den Monat. Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 1958 eben. Für mich als Kind war das ein Abenteuer, über das ich mir damals nicht viele Gedanken machte. Heute als ein Mensch, der einen Großteil seines Lebens hinter sich hat, stellt sich beim Schreiben dieser Zeilen natürlich die Frage: wie wäre mein Leben verlaufen, wenn meine Eltern diesen Umzug nicht gewagt hätten und wären stattdessen in Gimbsheim geblieben? Wie wäre mein Leben dann verlaufen? Welche Familie hätte ich dann heute? Welchen beruflichen Werdegang hätte ich genommen?

Man weiß es nicht! Keiner kann das beantworten! Aber weil ich mit meinem Leben so wie es bis dato war, sehr glücklich und zufrieden bin, deshalb war dieser Umzugstag im Nachhinein einer der ganz wichtigen Ereignisse in meinem Leben.

Aber zurück zu dem kleinen vierjährigen Lothar, der es gar nicht abwarten konnte, bis der große Umzugswagen der Firma Grass endlich ankommt um die Möbel, die jetzt noch in der Wohnung standen, in seinem Ladecontainer aufzunehmen. Ich kann gar nicht sagen, ob wir noch andere Hilfe hatten, aber es ist anzunehmen, dass Brüder oder Schwestern meiner Mutter auch da waren. Vielleicht kamen die auch mit einem Auto aus Meisenheim. Mein Vater hatte zu dieser Zeit jedenfalls noch kein Auto, noch nicht einmal einen Führerschein hatte er zu dieser Zeit, obwohl er schon 31 Jahre alt war.

ER KOMMT! ER KOMMT! Der Lastwagen ist in unsere Straße gebogen. Laut und aufgeregt habe ich es gerufen und es jeden wissen lassen. Groß war der Umzugswagen und blau war er mit großen Lettern beschriftet. ‘Umzüge Grass‘ stand da drauf und nun stand er auch schon vor unserem Gartentor. Zwei große Männer stiegen aus dem Führerhaus. Der eine öffnete die großen Türen am Heck des Lastwagens, während der andere direkt ins Haus verschwand, um im nächsten Moment mit einem Nachtkasten bepackt wieder Richtung Lastwagen zu laufen. Aus dem Weg kleiner, hier musst du jetzt Platz machen, sonst packen wir dich mit ein!

Und das war, glaube ich sein Ernst. Denn ruckzuck haben die zwei ein Möbel Stück nach dem anderen aus der Wohnung geholt und in den Lastwagen verstaut. Mein Vater trug die Kartons aus der Wohnung und stellte diese neben den Lastwagen auf die Straße, den Lastwagen gepackt haben nämlich nur die zwei Dicken. Ich kann nicht sagen, wie lange das gedauert hat, aber es ging alles ziemlich schnell und schon bald war alles im Umzugswagen verstaut. Nun hieß es Abschied nehmen. Der Vermieter, der Hannes mit seiner Frau haben sich von meinen Eltern verabschiedet. Und von mir und meiner Schwester ebenfalls. „Pass auf dich auf, mein Knecht“, haben sie zu mir gesagt und „mach es gut meine Maad“ sagten sie zu meiner Schwester. Sie riefen uns noch alle, zu so einem Tag üblichen Floskeln hinterher, während meine Mutter zunächst meine Schwester und dann mich in das Führerhaus des Umzugswagens hievte. Dann stieg auch sie zu uns in das Führerhaus und wir fuhren los. Mein Vater und der andere Möbelpacker sind in einem anderen Auto gefahren. Aber ich durfte mit meiner Schwester und meiner Mutter im Führerhaus fahren und fühlte mich wie ein Kapitän der Landstraße. Um nicht in der Rathenaustraße wenden zu müssen fuhr der Fahrer den Umzugswagen noch einmal durch den Ort. Noch einmal vorbei an den mir mittlerweile vertrauten Ecken und Wegen, dann rechts in die Alsheimer Straße vorbei am Häuschen von Opa und Oma wo der Fahrer, ob des Hinweises meiner Mutter laut durch die Lastwagensirene hupte. Und schon waren wir über die Ortsgrenze hinaus. Am Ende der Alsheimer Straße mussten wir rechts auf die B9 abbiegen. Links lag das große abgeerntete Gurkenfeld vom Mauer Bäcker. Wir mussten über Guntersblum, Ludwigshöhe und Dienheim nach Oppenheim zur Fähre Kornsand. Die nächste Brücke wäre erst die Theodor-Heuss-Brücke in Mainz gewesen und in die andere Richtung die Rhein Querung in Worms. Also, noch ein Abenteuer mehr. Mit dem großen Umzugswagen sind wir auf die Fähre gefahren und aus dem Führerhaus hatte man einen guten Überblick. Nun noch nach Trebur und von dort nach Rüsselsheim in die Kastanienstraße 9. Unsere neue Adresse.

Was ich erst viele Jahre später erfahren habe. Hätten wir dort eigentlich gar nicht einziehen dürfen. Zu dieser Zeit im Jahr 1958 kamen so viele Menschen neu nach Rüsselsheim, dass dort richtig Wohnungsnot herrschte. Um dem entgegenzuwirken hatte die Stadt bereits einige Neubaugebiete ausgeschrieben. Die Hauseigentümer, die freien Wohnraum hatten, waren angehalten diesen der Stadtverwaltung zu melden. Dies hatten Liesel und Heiner Böhmann unsere neuen Vermieter jedoch nicht gemacht. Vielmehr hat Heiner, der ein Arbeitskollege meines Vaters bei Opel war, die Wohnung unter der Hand an meinen Vater gegeben. Ob das posthum noch einmal Ärger gab, weiß ich nicht aber ganz legal war es, eben nicht. Alternativ hätten sich meine Eltern als zuzugswillig bei der Stadtverwaltung anmelden müssen und hätten sehr wahrscheinlich in eine, der an den Stadträndern entstandenen, Behelfswohnungen ziehen müssen. Im Volksmund waren das die Baracken und die, die dort wohnten, waren die Barackler. Das wiederum hätte meine Mutter auf gar keinen Fall gewollt und wäre stattdessen vielleicht lieber in Gimbsheim geblieben. Zudem man auch erwähnen muss, dass viele die in den Behelfswohnungen untergebracht wurden, oft sehr lange zum Teil bis in die 1980er Jahre hinein dortgeblieben sind und oftmals nicht nur am Rande der Stadt, sondern auch in diesem ganz eigenen Milieu leben mussten. Wir waren nun erst einmal in der Kastanienstraße 9 bei Liesel und Heiner Böhmann untergekommen und das war gut so.

Kinderjahre in Rüsselsheim Kastanienstraße 9.

Der Einzug ging relativ schnell, zumal ein Teil der Möbel und des Hausrates ohnehin untergestellt werden musste, weil meine Eltern gar nicht alles Hab und Gut in der neuen Bleibe unterbrachten. Wo genau die nicht aufgestellten Gegenstände lagerten, das kann ich nicht sagen: Aber in die neue Wohnung ging wirklich nicht alles hinein. Unter heutigen Ansprüchen würde man vielleicht auch nicht von Wohnung reden. Meine Eltern wohnten mit Ute und mir in einer Küche und einem Schlafzimmer. Das Bad oder besser gesagt das Klo mit Waschgelegenheit teilten wir mit dem ältesten Sohn von Heiner Böhmann. Wolfgang hieß der und hatte auf unserer Etage ein Zimmer. Wie alt er war weiß ich nicht, aber er musste sich schon rasieren, das habe ich wohl erkannt.

Das Haus, in dem wir von nun an lebten, war typisch für die Zeit. Gebaut Anfang der 1950er Jahre. Zwei Vollgeschosse und ein Kniestock als Dachgeschoss. Die Häuser hatten einen großen Hof und meistens eine Garage. Die Grundstücke waren in der Regel 600 bis 700 qm groß. Wovon ca. ein Drittel mit Haus, Hof und Garage bebaut waren und die restlichen zwei Drittel wurden als Nutzgarten bewirtschaftet. Sehr oft hatten die Leute auch einen Hühnerstall oder Hasenställe im Garten, das war bei Heiner Böhmann soweit ich mich erinnern kann, nicht so. Lieschen seine Frau kümmerte sich um den Garten und hatte allerlei Gemüse, ein paar Reihen Kartoffeln aber auch Erdbeeren, Stachel- und Johannisbeeren angebaut und ganz hinten am Ende an der Gartenmauer zum Nachbargrundstück einen Komposthaufen. Alles gepflegt und vor allem nicht dazu gedacht, dass von nun an Kinder darin spielen sollten. Das wurde sehr schnell deutlich gemacht. Diskussionen zwecklos. Ende der 1950er wurde so etwas nicht diskutiert. Das wurde einmal gesagt und dann war gut. Aber wie jede Regel hatte auch diese Regel ihre Ausnahmen. Denn alles in allem war Lieschen Böhmann eine liebe nette Frau. Also meistens. Darüber hinaus gab es noch eine Tabu-Zone, das war im Keller die Waschküche. Vor allem, wenn aus diesem Raum heißer weißer Dampf quoll. Dazu später mehr.

Unsere Wohnung war im kniestöckigen Dachgeschoss, also im zweiten Stock. Dorthin gelangte man über eine dunkle immer glänzende nach Bohnerwachs riechende Treppe. Ein Duft der heute in meiner Erinnerung wie Parfüm riecht und ein warmes heimeliges Gefühl bereitet. Damals hat es, glaube ich nicht so gut gerochen wie jetzt in der Erinnerung. Vor allem, wenn der Geruch ganz frisch und intensiv war, dann war das ein ganz klares Stoppsignal. Wehe es hätte sich jemand erlaubt nun über die frisch gebohnerte Treppe durch das Treppenhaus zu laufen. Dann wäre Lieschen zum Kinderfressenden-Ungeheuer geworden. Aber auch Erwachsene hatten da keine Chance und mussten, entweder oben oder unten, wo sie gerade waren und in welche Richtung sie nun wollten warten, ob das nun gerade passte oder nicht. Meine Mutter war, glaube ich einmal im Monat zum Bohnerdienst verpflichtet. Auch dann mussten wir natürlich, auch wenn es meistens Samstagsnachmittags war, entweder hoch oder runter. Jedoch war meine Mutter nachsichtiger und wir durften meisten auf dem Treppengeländer an ihr vorbeibalancieren. Natürlich hat sie sich stets vorher davon vergewissert, dass Lieschen nicht in der Nähe war.

Die Treppe endete wie bemerkt im zweiten Stock. Dort war eine kleine Empore. Von der man von der Treppe aus gesehen, grade aus in das Zimmer von Wolfgang Böhmann gelangte. Rechts neben der Treppe befand sich die Toilette mit Waschgelegenheit. Also ein Waschbecken. Und links neben dieser Tür ging es in unser Reich. Hinter der Tür war ein Raum den wir als Küche und Wohnzimmer nutzten. Gleich rechts an der Wand entlang stand ein Küchenherd. Kombiniert in einen Elektroteil mit vier Platten zum Kochen und ein Kohleofen hauptsächlich zum Heizen. Daran schloss sich ein Waschbecken an, dies war unsere Wasserstelle und Abwaschbecken. Stand man an dem Waschbecken konnte man linker Hand aus einem Fenster in den Garten schauen. Neben dem Fenster bis unter die Schräge stand unser Kanapee. Ich sage mal die Komfort- und Wellness Zone. An der darüber liegenden Wand stand der Küchenschrank. Ein Schrank wie in den 1950er Jahren modern. Ein Unterbau mit Türen rechts und links, darüber eine Schublade, vielleicht auch zwei, und unter den Schubladen war noch eine Tür. Darauf stand ein Aufsatz. Auch hier rechts und links Türen, der Mittelteil war mit einem Schrank überbaut, sodass eine offene Ablage darunter gegeben war. Die Türen des Mittelteils waren aus Glas. Neben dem Schrank fand dann unser modernstes Haushaltsgerät Platz. Ein Opel Frigidaire Kühlschrank und darauf ein Röhrenradio. In der Mitte des Raumes stand unser Küchentisch mit vier Stühlen. Das Besondere daran war, dass er einen Untertisch zum Ausziehen hatte, worin zwei Emaille Waschschüsseln untergebracht werden konnten, um darin zum Beispiel den Abwasch zu erledigen. Das war meiner Mutter aber wohl zu unbequem und die Schüsseln waren stets herausgenommen, was das Platzangebot unter dem Tisch deutlich erhöhte.

Links neben dem Küchenschrank war eine Tür, die in unser vier Personen Schlafzimmer führte. Dort war das Ehebett meiner Eltern, in dem wir alle vier schliefen, rechts und links davon je ein Nachttisch. An der Wand zur Küche hin stand unser Wohnzimmersofa, auf dem auch schon einmal ein Besucher schlafen konnte. Gegenüber am Fußende des Bettes stand der Schlafzimmerschrank. Und stand man nun vor dem Schrank, war rechter Hand ein Fenster mit Blick auf die Kastanienstraße. So das war es. Wie groß diese Räume waren, kann ich nicht sagen. Ich schätze aus heutiger Sicht einmal, dass die Räume je ca. vier mal vier Meter groß waren. Natürlich wollten meine Eltern hier nicht für immer leben. Aber nun waren wir erst einmal auf unbestimmte Zeit da. Am Ende sollten wir ca., vier Jahre in diesen Umständen leben. Ich weiß nicht wie meine Eltern oder meine Schwester diese Wohnsituation empfanden? Ich für mich kann feststellen, dass das bei mir keinen traumatischen Schaden hinterlassen hat.

Jetzt nachdem wir angekommen waren, galt es die nähere und weitere Gegend zu erkunden. Für mich alleine bedeutete das zu erforschen, wer in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt. Bald habe ich gewusst, wer rechts und links der Kastanienstraße 9 wohnte und einige davon sind mir noch heute aus unterschiedlichen Gründen in Erinnerung. Eine der ersten, die ich kennen gelernt habe war Monika. Ein gleichaltriges Mädchen, das uns gegenüber wohnte. Links neben uns wohnte einer der späteren Fußballer des SC Opel 1909 der Gerd Mösinger. Aber es war nicht Mösingers Fußballtalent was mich an ihn erinnert, sondern sein Hund, dem ich regelmäßig Knochen verfüttern durfte. Auf der anderen Gartenseite hat Marlis Fetz mit ihrer Familie gewohnt. Sie war schon älter als ich. Aber was mir vielmehr in Erinnerung geblieben ist, das war die Kriegsverletzung von Marlis’s Vater, dem ein Bein fehlte und je nachdem wie das Wetter gewesen ist, so ist er entweder mit einem Bein an Krücken oder mit zwei Beinen am Stock gelaufen. Auf die Frage warum er wetterabhängig einmal zwei und dann wieder nur ein Bein hätte, erzählte man mir etwas von Phantomschmerzen. Verstanden habe ich das nicht. Was ich schon verstand, waren die Erzählungen davon, dass ein schrecklicher Krieg war. Und das hat man Ende der 1950er noch überall in den Städten und an den Leuten, die dort lebten, sehen können. So auch zwei Häuser weiter neben Familie Fetz. Dort lebte ein Mann, den Namen weiß ich nicht mehr, der hatte eine Hand im Krieg verloren und trug als Ersatz eine braune Lederhand. Andere, so wie ein Onkel meines Vaters trugen eine Augenklappe. Dem Onkel Theo hatten sie im Krieg ein Auge rausgeschossen.

Am Ende der Kastanienstraße schon in der Ahornallee lebte die Familie Arras. Die hatten einen Sohn namens Klaus, ich erinnere mich jedoch mehr an seinen Vater, der schon 1959 ein Auto besaß, einen türkisfarbenen VW Käfer. In der anderen Querstraße zur Kastanienstraße war die Lindenallee. Dort wohnte Familie Kress. Frau Kress verkaufte Bier und Limonade und wir kauften dort immer wieder unsere Getränke ein. Auch, wenn es meistens Krahnheimer direkt aus der Trinkwasserleitung gab. Einkaufen konnten wir in zwei Richtungen. Bald wusste ich, wenn es rechts herum in die Kastanienstraße ging, dann sind wir zum Bäcker oder Metzger gelaufen. Von der Kastanienstraße in den Fliederweg, wo ein Chef von meinem Vater wohnte: Das war der Martin Lipp. Vom Fliederweg gab es dann einen kleinen Durchgang zum Eichgrund. Da war der Metzger und daneben auf der Ecke die Bäckerei Schmidt und dort bekam ich, manchmal, für 10 Pfennige Sahne. Die Sahne wurde in eine Waffelmuschel gespritzt und war so lecker wie keine andere Sahne, die ich in meinem Leben gegessen habe.

Sind wir links die Kastanienstraße hinuntergelaufen, dann sind wir in das neu eröffnete Lebensmittelgeschäft in der Friedhofstraße gegangen. Das war schon ein Selbstbedienungsladen, was in den 1950er Jahren in Mode kam. Auch kann ich mich erinnern, dass die ein Mädchen meines Alters hatten. Das war die Freya gewesen. Die Kastanienstraße setzte sich dann auf der anderen Seite der Friedhofstraße als Beethovenstraße fort. Folgte man dieser, bis zur Haßlocher Straße so kam man an eine Trinkhalle. Dort kaufte sich mein Vater seinen Pfeifen Tabak. „Puerto Rico“ so hieß der Tabak, keinen anderen wollte mein Vater schmauchen.

So, das war die nähere Umgebung. Erwähnenswert ist vielleicht noch, das ganz in der Nähe, vielleicht 10 Gehminuten von unsrer Wohnung entfernt der Ostpark begann. Ein zum Teil als Wald belassener Park, indem es viele Kiefernbäume gab, wilde große Brombeerhecken und große Wiesen, aber auch eine große Voliere und einen Entenund Karpfenteich.

Nun ging es darum auch die weitere Umgebung zu erkunden. Weitere Umgebung? Das war in Rüsselsheim die

„Stadt“. So nannte man den Innenstadtbereich zwischen Bahnhof, Markt- und Friedensplatz. Wenn wir dort hingingen, dann sind wir meistens mit dem Bus gefahren. Haltestellen waren in direkter Nähe zu unserer Wohnung in der Platanenstraße oder Friedhofstraße. Meistens stiegen wir in der Friedhofstraße in die Linie 3 Eichgrund. Über dem hinteren Radkasten war der Sitz erhöht und ich war stets traurig, wenn dieser Platz besetzt war. Aber meistens war er frei, weil ein Erwachsener nicht so gut auf diesem Hochsitz sitzen konnte. Für mich war das jedoch ideal um einen schönen Blick aus dem Fenster zu haben. Der Fahrer sagte über ein Mikrofon die jeweiligen Haltestellen an. Nächster Halt Waldfriedhof, danach Walter-Flex-Straße, weiter in die Berliner Straße, dann zum Berliner Platz, Haltestelle Schillereiche, Frankfurter Straße Stadtpark, Friedensplatz und Bahnhof Endstation. Alternativ hätten wir über die Friedhofstraße weiter zur Haßlocher Straße laufen können, um dort die Linie 5 zu nehmen. Das war für mich insofern stets interessant, weil auf der Linie 5 meistens ein großer Gelenkbus eingesetzt war. Wir Kinder haben uns dann immer in das Gelenk, auf das von uns sogenannte Karussell, gestellt. Was besonders toll war, wenn der Bus um enge Kurven fahren musste. Was uns Kinder an der Linie 5 auch begeisterte war der Fahrweg durch die Stadtunterführung, wir nannte diese immer Tunnel. Die Stadtunterführung endete am Friedensplatz von wo der Bus, dann in enger Kurve in die Bahnhofstraße bog. Um auch zur Endstation Bahnhof zu gelangen. Der Bahnhofsplatz sah zu dieser Zeit noch ganz anders aus als heute. Vor allem war das keine Fußgängerzone, sondern dort pulsierte das Rüsselsheimer Leben und es war reger Straßenverkehr. Auf der Mitte des Platzes waren zwei Parkplätze. Der vordere war bewacht von der Opel Polizei, so hieß der Opel Werkschutz im Volksmund. Der Parkplatz war so geschützt, weil die Adam Opel AG diesen Parkplatz als Besucherparkplatz nutzte. Geteilt durch einen Fußweg war dann im hinteren Teil ein gleich großer Parkplatz zur öffentlichen Nutzung. Parkuhren reduzierten die Parkzeit auf 2 Stunden um Dauerparker fernzuhalten. Begrenzt war der Bahnhofsplatz im Süden vom Bahnhof, die Nordflanke war von Geschäften begrenzt. Ein Bekleidungshaus, das in meinem Leben noch eine besondere Rolle spielen sollte, die RheinElektra ein Elektro-Geschäft, dann kam der Durchgang zu einer Passage bevor das erste Café am Platz, das Café Menne seine Eingangstür hatte und daneben war eine Filiale von Tabak Kraft, dort konnte der Raucher bekommen was das Raucherherz begehrt. Und geraucht haben zu der Zeit eigentlich alle Männer, die sich rasieren mussten. Bei Frauen war das Rauchen zu dieser Zeit noch nicht so stark in Mode. Unterhalb und oberhalb der Parkplätze verlief eine Straße. Wobei die untere Straße direkt an der Geschäftszeile nur von den Bussen als Haltestelle genutzt wurde. Die obere Straße, welche direkt am Bahnhof verlief, war für den öffentlichen Durchgangsverkehr als Einbahnstraße geregelt. So musste man den Bahnhof in westliche Richtung verlassen. Man fuhr rechts in die Darmstädter Straße. Linker Hand war das große Opel-Hauptportal und dann ging es bis zum Marktplatz. Diesen ließ man auch linker Hand liegen und bog rechts in die Frankfurter Straße um nach ca. 400 m wieder rechts in die Bahnhofstraße abzubiegen, bis man wieder am Bahnhof landete. Und weil man diesen Weg, wenn man wollte, vielmals durchfahren konnte, was manche auch gerne taten, war das die sogenannte Idioten Bahn. Aber auch darauf werde ich noch einmal zurückkommen. Ansonsten herrschte in der Rüsselsheimer Innenstadt ein reges Treiben. Dort fand man alle Geschäfte die man benötigte um sich mit Nützlichem oder Luxus einzudecken. Darüber hinaus war zweimal in der Woche, jeweils am Dienstag und Samstag Markt. Es gab mehrere Kinos, Kneipen und Tanzlokale. Und besonders zu den Zeiten, an denen bei Opel Schichtwechsel war, um 14:15 Uhr endete die Frühschicht und die Spätschicht begann. Um 16:30 Uhr Ende der Normalschicht, da war was los in der Stadt. Vor allem hunderte Radfahrer strömten dann über die Straßen der Innenstadt, um sich in die einzelnen Stadtteile zu verteilen. Für uns Kinder war die Stadt auch und vor allem in der Adventszeit ein Anziehungspunkt. Dann waren die zuvor genannten Straßen der Idioten Bahn wunderschön geschmückt. Im Abstand von vielleicht 50 m wurden Girlanden über die Straßen dekoriert, an jeder Girlande waren unzählige Lichter befestigt und über der Straßenmitte war an jeder Girlande ein Tannenkranz, indem weiße Glocken hingen. Und wenn die Lichter nach dem letzten Sonntag im November erleuchtet wurden, dann mussten wir Kinder unbedingt in die Stadt. Denn ab dann waren auch die Geschäfte weihnachtlich geschmückt und in den Bäckereien und Süßwaren Geschäften sah man rote Nikoläuse in allen Größen und all das Süßzeug und Backwerk das zu Weihnachten eben dazugehört. So etwas hatten meine Schwester und ich zuvor in Gimbsheim noch nicht gesehen. Und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass mir das so stark und bewusst im Gedächtnis verankert ist. Aber es war auch wirklich immer so, dass Advent mit allem was dazu gehörte, inklusive der Düfte die dieser besonderen Zeit zuzuordnen waren, erst nach Totensonntag in den Geschäften dekoriert wurde. Undenkbar, dass man bereits Anfang Oktober in irgendeinem Geschäft einen Nikolaus entdeckt hätte. Nein, das gab es zu der Zeit Ende der 1950er Jahre, so wie das heute ist, nicht. Und das ist wahrscheinlich ein Grund dafür, dass Weihnachten zu dieser Zeit viel mehr etwas ganz Besonderes war.

Aber nochmal zurück zu den Besonderheiten der Stadt. Was uns anzog, war auch der Stadtpark, wo man im Sommer Minigolf spielen konnte oder die Rüsselsheimer Festung in deren Festungsgraben ein großer Spielplatz angelegt war. Mit einer großen Drachenschaukel auf der acht Kinder auf einmal Platz fanden. Und noch ein Stück weiter war, dann das Rüsselsheimer Stadion in dem alle zwei Wochen hochklassige Fußballspiele des SC Opel 1906 stattfanden. Anfang der 1960er Jahre spielten dort in der zweithöchsten Deutschen Spielklasse, der SC Opel 1906 gegen Vereine wie Kickers Offenbach, Bayern Hof, Bayreuth, Fürth und gegen den FC Bayern München oder auch im DFB Pokal gegen Borussia Mönchengladbach.

Neben dem Stadion war das Opel-Bad. Rüsselsheims großes Schwimmbad mit einem zehn Meter hohen Sprungturm, einem 50 m Schwimmerbecken, in dem auch Wettkämpfe ausgetragen wurden, einem sehr großen Nichtschwimmer Becken mit großer Rutsche und ein Baby Becken. Eine große Anlage, die unter anderem unterstrich, wie reich Rüsselsheim zu dieser Zeit war. Und wir waren nun ein Teil dieser Stadt. Ich war sehr froh darüber und meine Eltern haben es glaube ich auch nie bereut diesen Schritt von Gimbsheim nach Rüsselsheim gemacht zu haben. Und wenn wir nach Gimbsheim zu Besuch kamen, zu Opa und Oma, oder zu Onkel und Tanten, dann hieß es von nun an:

„Die Städter kommen!“

Jedoch war Rüsselsheim bei weitem nicht zu vergleichen mit den noch größeren Städten in der näheren Umgebung, die da waren: Frankfurt, Wiesbaden, Mainz und Darmstadt. Nein, Rüsselsheim war da beschaulicher und auch wenn Rüsselsheim 1959 schon die Autostadt war, so waren die Straßen weiß Gott nicht mit Autos überfüllt. Auch in der Kastanienstraße hielt sich der Autoverkehr in Grenzen. Da kam am Morgen halt der türkisfarbenen VW Käfer von Herrn Arras aus der einen Richtung, um am Abend aus der anderen Richtung wieder zurückzukommen. Hier und da ein Gemüselaster oder das Postauto und das war es schon. Ansonsten gehörte die Straße uns Kindern. Und auch wenn es keine Schilder mit Hinweisen auf Kinder oder gar eine Spielstraße gab, so haben wir doch an allen Tagen, an denen es nicht regnete draußen auf der Straße gespielt. Alleine war man da nie, wenn einer nach Draußen ging, dann hat das andere direkt angezogen und wir waren bestimmt immer so um die zehn Strolche unterschiedlichen Alters. Langeweile kam da nicht auf. Einmal in der Woche war dann bei meiner Mutter Waschtag. Auch an diesen Tagen mussten wir raus. Alleine in der Wohnung sollten und wollten wir nicht bleiben und in die Waschküche durften wir schon gar nicht. Also raus auf die Straße oder vom Hof in die Waschküche schauen. Das haben wir gerne gemacht. Dann hingen wir kniend mit beiden Armen über dem Kellergeländer und haben von oben durch die offene Tür in die Waschküche geschaut. Am imposantesten war das in den Spätsommer- oder Herbstmonaten, wenn es draußen schon etwas kühler war. Wir hatten dann Jacke und Mütze an und aus der Waschküchentür quoll der heiße Dampf aus dem Waschbottich so, wie ich es heute nur aus dem Dampfbad kenne. Und auch die Waschküche war voll mit heißem Nebel, in dem ich meine Mutter nur schemenhaft erkennen konnte, wie sie mit einem Kanupaddel ähnlichen Holz die weiße Wäsche immer wieder in den schäumenden Kessel tauchte. Dann wieder ging sie mit dem Paddel unter die Wäschestücke und hob diese komplett hoch über den Kessel um die Wäsche gewendet wiederholt in das brodelnde Kesselwasser zu stoßen. Dann musste sie das Feuer unter dem Waschkessel neu füttern und schob ein paar Stücke Holz oder manchmal sogar einen Kohle Brikett in die lodernde Glut. War die Wäsche dann gekocht ließ meine Mutter das Kesselwasser über einen Schlauch auf den Waschküchenboden ablaufen, wo es dann gurgelnd in ein Loch in der Mitte des Raumes ablief und zu diesem Finale kamen noch einmal dicke Dampfschwaden aus der Waschküchentür in den Hof gequollen! So stark als würde das ganze Haus brennen. Nun galt es die Wäsche im Kessel mithilfe des Paddels von der Nässe zu befreien, indem meine Mutter immer und immer wieder die Wäsche im Kessel geschickt mit dem Paddel faltete und dabei auf den Kesselboden drückte, bis kein Wasser mehr aus dem Schlauch in die Waschküche lief. Final wurden die Wäscheteile nun per Hand gewrungen und anschließend in einen Weidenkorb geworfen. Nun endlich kam meine Mutter auch in den Hof und wir wussten, dass wir nun bald nach oben gehen würden. Mit Wäscheklammern hat sie die Wäscheteile nun auf der Wäscheleine aufgehängt und befestigt. In der Hoffnung, dass die Tauben und Petrus gnädig sind. Ja: hoffen, dass Petrus es nicht regnen lässt und hoffen, dass die Tauben nicht … es auch nicht regnen lassen. Denn meine Mutter war, glaube ich stets froh, wenn der Waschtag erledigt war, denn so einfach wie heute, war das, Ende der 1950er Jahre, nicht.