Sehnsucht.. - Lothar Jakob Christ - E-Book

Sehnsucht.. E-Book

Lothar Jakob Christ

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Beschreibung

Sebastian Heinrich Van der Velden lebt in Berlin und sehnt sich danach ein Hofgut in Brandenburg zu besitzen um der Großstadt zu entfliehen. Kaum in das neue alte Gemäuer eingezogen trifft er dort auf einen Menschen, der vor Krieg und Not auf der Flucht ist und auf dem Weg in die Freiheit seine Familie verloren hat. Ein alter Mann, der bei der Renovierung des Hofgutes beratend behilflich ist, begibt sich auf die Suche nach den Verlorenen und wird dabei selbst zum Flüchtling mit der Sehnsucht nach der eigenen Jugend. Unterstützt wird der Alte von einem, der in seinem Leben an den rechten Rand abgerutscht ist und Sehnsucht nach einem zurück in die Mitte der Gesellschaft spürt und damit eine Flucht zurück wagt. Letztendlich eine Fiktion geschrieben unter dem Eindruck der aktuellen Zeit. Eine Fiktion, die dem Autor vielleicht ein Ventil war.

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EPUB
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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dieses Buch gehört:

Lothar Jakob Christ

Sehnsucht..

..das Ziel der Flucht

© 2022 Lothar Jakob Christ

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

ISBN Softcover: 978-3-347-56989-8

ISBN Hardcover: 978-3-347-56990-4

ISBN E-Book: 978-3-347-56991-1

ISBN Großschrift: 978-3-347-56992-8

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Vorwort

Wenn ich damit beginne eine Geschichte zu schreiben, dann weiß ich beim Schreiben des ersten Satzes nicht, welche Geschichte ich schreiben werde.

Vielmehr bin ich selbst gespannt darauf, was mir die Geschichte erzählen wird. Und wenn ich dann ein Kapitel abgeschlossen habe, dann bin ich gespannt darauf, wie es weitergehen wird. Gespannt darauf, was der gerade eben von mir erfundene Protagonist im nächsten Kapitel wohl erleben wird. Und manchmal ist es schon erstaunlich, was so alles passiert.

Auch der Titel einer von mir geschriebenen Geschichte ergibt relativ spät und erst dann, wenn sich die Geschichte mir langsam erschließt. Oftmals erst dann, wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist.

So wie bei dieser Geschichte geschehen. Erst ganz zum Schluss wurde mir bewusst, dass sich eigentlich die meisten der hier erfundenen Protagonisten auf der Flucht befanden.

Jeder einzelne aber völlig anders motiviert und einer völlig unterschiedlichen Sehnsucht folgend.

Da ist Sebastian Heinrich Van der Velden, dessen Sehnsucht ein Hofgut in Brandenburg ist und der aus der Stadt auf das Land flüchtet.

Da ist Berthold John, genannt Boje, der Sehnsucht nach seiner Jugend hat und versucht dem Alter zu entfliehen.

Oder Bruno Neuenburg, den alle nur Dolfi nennen. Der sich an den rechten Rand der Gesellschaft manövriert hat und wohl Sehnsucht empfindet, von dort die Flucht zurück anzutreten. Und dann ist da Adil Khaled, der mit seiner Familie aus einem Kriegsgebiet flüchtet, getrieben von der Sehnsucht nach Friede und Freiheit.

All das war nicht mein Plan als ich begann diese Geschichte zu schreiben. Aber nun, da die Geschichte erzählt ist, interpretiere ich das so als den tieferen Sinn daraus.

Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen und überlasse es euch, ein eigenes Urteil zu bilden.

„So, Herr Van der Velden, wenn sie nun bitte hier noch unterschreiben, dann sind sie der rechtmäßige Eigentümer von Hofgut Lachnitz und den 8733 Quadratmetern Grund und Boden, der sich um das Gebäude herum verteilt.“

Mit den Worten: „Sie können sich nicht vorstellen, wie ich diesem Tag entgegengefiebert habe, Herr Notar Müller“ unterschrieb Sebastian Heinrich Van der Velden den Kaufvertrag.

„Das war es dann, Herr Van der Velden. Den Vertrag gemeinsam mit den Grundbuchblättern werden wir ihnen im Laufe der nächsten Woche zustellen. An welche Adresse sollen wir ihnen die Unterlagen zukommen lassen?“

„Nach Berlin bitte, bis ich hier an der neuen Adresse einen Briefkasten anbringen kann, das wird bestimmt noch ein paar Wochen dauern. An Weihnachten hoffe ich ein Zimmer und Sanitär soweit zu haben, dass ich meinen Lebensmittelpunkt hier in die Uckermark verlegen kann.“

Ob der sich die Ruine schon einmal vor Ort angesehen hat? Fragte sich Notar Müller im Geiste, als er bereits auf dem Weg zum nächsten Klienten war. Er legte die Akte ’Lachnitz’ einer der Sachbearbeiterinnen auf den Schreibtisch und bat darum, dass man Herrn Van der Velden verabschieden möge.

Die Kanzlei von Notar Müller lag nahe der See-Promenade und gerade jetzt Mitte Oktober war Nebel nicht unüblich, aber heute war mal so eine richtige Suppe.

Sebastians Mercedes stand alleine auf dem kleinen Parkplatz.

Im Nebel kaum auszumachen.

Sebastian hatte das G-Klasse Modell vor einigen Wochen bei einer Auktion erworben. Baujahr 1995, 177 PS in uckerm-arcknebelgrau. Die schwarzen Ledersitze waren saukalt und auch sonst hat der Benz wohl kalte Füße bekommen. Es dauerte, bis der Diesel endlich losnagelte. Außerhalb von Prenzlau wurde der Nebel nicht weniger, das Gegenteil war der Fall und zu allem Überfluss hatte sich Sebastian vorgestern Abend im Parkhaus am Alex die Nebelschlussleuchte abgefahren. Es war absolut die richtige Entscheidung den G-Klassen Benz mit zwei dicken gelben und reflektierenden Streifen etwas auffälliger zu dekorieren. Nur schade, dass der Termin erst in der nächsten Woche sein wird. Mustafa hatte früher keine Zeit, oder Lust, aber für Mittwoch hat er es fest versprochen. Was an dem Benz super funktioniert, das ist die Heizung, merkte Sebastian, hatte ich bei der Probefahrt gar nicht getestet, fiel ihm nun auf. 35 Grad waren es damals. Draußen. Gefühlt die gleiche Temperatur spürte Sebastian mittlerweile im Innenraum des G Benz.

Regulieren ließ sich die Heizung nicht. Hätte es bei der Probefahrt halt doch beachten müssen, sinnierte er und öffnete das Seitenfenster einen kleinen Spalt weit.

Ein rostiges Schild wies darauf hin, dass landwirtschaftlicher Verkehr von rechts erfolgen kann. So wie das Schild aussah, kam da aber schon lange kein Traktor mehr von rechts. Hofgut Lachnitz wurde zu Zeiten der DDR als landwirtschaftlicher Betrieb bewirtschaftet, aber schon seit 1993 überlässt man Hofgut Lachnitz sich selbst und spätestens seit dem befindet sich Hofgut Lachnitz im Dornröschenschlaf und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das eigentlich stattliche Gebäude ist fast vollständig zu gewuchert. Am meisten hat der Blauregen Besitz ergriffen. Aber auch Brombeeren reichen bis in den ersten Stock hinauf und das Efeu liefert sich mit dem Blauregen ein Wettrennen hinauf zum Giebel des Daches.

Schemenhaft erkennt Sebastian Van der Velden einen großen Findling im Nebel. Einer von zweien, die gleichermaßen die Einfahrt zu Hofgut Lachnitz bilden. Als Erstes führt der Weg nun rechts über eine zwar breite, aber uralte Steinbrücke, die einen Abwassergraben quert. Der Weg hin zum Hauptgebäude ist imposant. Rechts und links des Weges bilden je sieben mächtige und alte Bäume eine Allee. Diese öffnet sich dann wie ein Trichter nach oben und man steht auf einem recht großen Platz vor dem Gebäude. Zum Hauptportal führt eine mächtige, von zwei Seiten begehbare Treppe. Der einzige Teil des Gebäudes, der von dem Immobilien Vermarkter freigeschnitten wurde. Fast könnte man glauben, es wäre eine Pforte in einen großen Busch.

Seit nunmehr etwa eineinhalb Stunden ist Sebastian Eigentümer von Hofgut Lachnitz, so richtig glauben mag er es noch nicht und wo er hier anfangen soll, das weiß er noch viel weniger.

Ein Grund dafür, dass er für 13:00 Uhr mit Berthold John verabredet ist. Berthold John ist Architekt und seit Jahrzehnten mit der Renovierung von Denkmal geschützten Gebäuden vertraut. Mittlerweile schon Mitte achtzig und hauptsächlich beratend unterwegs, er erstellt Gutachten und meistens ist er als Seelenröster gefragt. Und zwar deswegen, weil man ihn, Berthold John, meistens erst dann beauftragt, wenn es zu spät ist und die Kaufverträge bereits unterschrieben sind.

Sebastian blieb im Benz sitzen, der die Wärme erstaunlich gut konservierte. Draußen, der Nebel nahm auch jetzt kurz vor 13:00 Uhr nicht wirklich ab und es war nach wie vor so richtig ungemütlich kalt. Als Sebastian plötzlich von einer Gänsehaut überzogen wurde. Seine Sensibilität für Automobile war wohl der Grund dafür, ein Sound so schön wie bedrohlich ließ ihn aus seinem Mercedes in die Kälte aussteigen. Ein richtig geiles röhren wurde in der Allee und im Nebel irgendwie zusätzlich verstärkt, Sebastian hatte eine Vermutung, konnte aber nicht erkennen, ob es wirklich ein Ur911er war. Zu grell waren die Nebelleuchten, die offensichtlich mittig auf der vorderen Stoßstange angebracht waren und die eigentlichen Fahrlichter zu Statisten degradierten. Eine kleine Bremsspur auf dem Schotter hinterlassend, hielt das Gefährt neben dem Benz und Sebastians Vermutung wurde bestätigt. Ein Grasgrüner 911er-Baujahr 1983 parkte nun neben dem Mercedes.

Die Nebellampen waren auf der Fronthaube angebracht. Und beide Türen waren mit einer großen Nummer 37 foliert. Schwarz auf weißem Grund.

Die Fahrertür wurde bis zum Anschlag aufgestoßen. Aus dem Wagen heraus tönte eine recht starke Stimme: „Moin, sind sie Sebastian Van der Velden? Ich bin Berthold John, aber hier sagen alle nur Boje zu mir. Darf ich Seb zu ihnen sagen?“

„Hat noch keiner so zu mir gesagt, aber gerne. Kann ich ihnen aus dem Porsche helfen?”

„Nee lass mal. Ich habe da mit der Zeit eine gute Technik entwickelt und habe zudem eine spezielle Ausstiegshilfe, die ich benutze.“

Boje nestelte neben dem Fahrersitz im Porsche nach einem schwarzen Stock mit einem silbernen Löwenkopf als Knauf. Zunächst stellte Boje nun seine Beine seitlich aus dem Porsche heraus, bevor er sich ächzend erhob. Einen Arm auf dem Porschedach liegend und gestützt auf seinen Stock, sagte Boje noch einmal.

„Moin! Da bin ich. Was kann ich für dich tun. Wahrscheinlich geht es um dieses herrliche Altertum. Hast du Interesse, diese Ruine zu kaufen?“

„Ich bin bereits Besitzer von Hofgut Lachnitz.“

„Na dann herzlichen Glückwunsch, da kann ich ja direkt wieder fahren. Ich mache seit Jahren nur noch Kaufgutachten und Kaufberatungen. Hier komme ich ganz offensichtlich zu spät. Dich, mein lieber Seb, kann ich vor einer großen Dummheit nicht mehr bewahren. Sorry.“

Sebastian stand ziemlich bedröppelt da und wusste gar nicht so recht wie er sich nun verhalten soll.

„Ich muss mal pinkeln, in meinem Alter bin ich nicht mehr so muskulös, dass ich das lange einhalten kann.“

„Ich weiß nicht, ob die Toilette funktioniert.“

„Funktioniert nicht, ich gehe da drüben an den Busch.“

Boje schien trotz Stock noch relativ gut beisammenzusein. Irgendwie sah er schon gut aus. Enge Jeans, Lederjacke, Boots, alles in Schwarz. Eine knallrote Dogger Cap als farblichen Kontrast. Und nun, da er Richtung Busch ging, erkannte Sebastian den schlohweißen Zopf, der aus der Dogger Cap heraus wuchs und am Ende mit einem Haargummi ebenfalls in Rot zusammengehalten wurde.

Nach vollbrachtem Geschäft zippte sich Boje im Zurücklaufen den Reißverschluss seiner Jeans hoch. Bei Sebastian angekommen, schaute er auf seine Boots und rieb sie abwechselnd über die jeweils gegenüberliegende Wade.

„Da kannste machen, was du willst, ein paar Tropfen landen immer auf den Boots.“

„Sag mal, warum nennt man dich eigentlich Boje? Vielleicht wegen der roten Dogger Cap?“

„Wärst du nur mal so schlau gewesen, als du den Kaufvertrag für diese Ruine unterschrieben hast. Ich mach mich dann mal wieder. Viel Spaß.“

„Nun warte doch bitte einmal, auch wenn das Hofgut mir bereits gehört, so kannst du mir doch ein Gutachten erstellen. Deine Arbeit ist doch die gleiche, ob ich nun plane zu kaufen oder ob ich schon gekauft habe.

„OK, da hast du eigentlich recht.“ Boje reichte Sebastian die rechte Hand entgegen und sagte: „Lass uns einen Vertrag machen.“

„Einen Vertrag? Wann?Wo?“

„Mensch Seb, komm schlag ein, das ist mir Vertrag genug.“

Boje war mittlerweile 84 Jahre alt. Die Nummer 37 war ein Hinweis auf sein Geburtsjahr. Geboren wurde er in Bremen, wo er aufwuchs, Abitur machte und Bau Ingenieurwesen studierte. Dann zog es ihn hinaus in die Welt, wo er auf allen Kontinenten Brücken baute, bis er vor rund 30 Jahren das Elternhaus in Bremen verkaufte und an der Ostsee Wurzeln schlug. Nun, mit 84 war er jedoch leichter und kleiner als damals als er hier im Nordosten seine Firma gegründet hat. Den Rauschebart stutzt er mittlerweile einmal in der Woche auf die Länge eines vier Tage Bartes. An sein zum Zopf geflochtenes Haar wird einmal im Jahr die Schere angelegt. Dafür fährt er, meistens kurz vor Weihnachten, nach Schwerin zu Ali Baba, sonst darf keiner an das Schwänzchen dran. Ob Ali Baba wirklich so heißt oder ob das nur der Name des Barber Shops ist? Man weiß es nicht und Boje interessiert es nicht wirklich.

Da standen Sebastian und Boje nun im kalten Nebel. Wie gesagt, Boje befand sich im altersbedingten Schrumpfprozess und leicht nach vorne gebeugt auf seinen Stock gestützt maß er mit großem Wohlwollen vielleicht noch 1,70 cm eher weniger.

Sebastian, Mitte 50, blickte von ganz oben auf Boje herunter, 1,95 mindestens war der groß und sehr athletisch gebaut. Ein schönes Bild also, was man sich nun ausmalen kann. Pat und Patachon im Nebel vor diesem im dichten Nebel liegenden Hofgut am Ende einer Allee.

„Zuerst musst du das Gestrüpp beseitigen lassen. Vorher kann man zum äußeren Zustand des Hauses gar nichts sagen. Kann aber sein, dass das Gemüse die Bausubstanz vielleicht sogar vor Schlimmerem bewahrt hat.“ So startete Boje seine Begutachtung.

„Lass uns einmal um das Haus herum laufen, nicht dass auf der Rückseite eine Überraschung auf uns wartet.“

Der Regen der letzten Tage hatte die Erde ziemlich morastig werden lassen. Boje ging vorneweg und bewegte sich so, als würde er hier jeden Stein und jede Baumwurzel persönlich kennen. Sebastian für seinen Teil trat, obwohl hinter Boje laufend in jede zweite Pfütze und traf zielsicher jedes Morastloch.

„Schöne weiße Schuhe trägst du zu deinem Anzug, war bestimmt teuer das Outfit. Kannste hier aber vergessen,“ lachte Boje als sie zurück am Parkplatz waren.

„Das Haus ist wirklich rundum zugewachsen. Auf den ersten Blick aber keine offenen Wunden zu erkennen. Wie gesagt: Als Erstes musst du das Gestrüpp entfernen, danach schauen wir uns das noch einmal an. Wenn du also im nächsten Jahr am und im Haus irgendetwas arbeiten möchtest, dann musst du das Grünzeug bis Ende Februar beseitigen lassen. Dann beginnt die Brut- und Setzzeit, danach darfst du hier keinen Grashalm mehr heraus reisen. Lass uns nun einmal schauen, wie das Nest von drinnen aussieht?”

Sebastian fragte: „Möchtest du vorgehen?“ „Nö“, antwortete Boje.

„Geh du einmal voran, Seb, ich warte hier in angemessener Entfernung. Wer weiß, ob der Träger über der Pforte auch wirklich trägt und Gott weiß, was da noch passiert, wenn du die Pforte öffnest.“

Sebastian ging voran. Er genoss es geradezu, die Treppe hinauf zur Pforte zu steigen. Auf dem Podest vor der großen Eingangstür stehend, schaute er hinunter zu Boje, er steckte denn großen Bartschlüssel in das Schloss, zweimal drehte er den Schlüssel, dann drückte er den Türgriff nach unten und öffnete die schwere Eichentür.

„AAAHHHHH“ entfuhr ihm ein lauter Schrei. Erschrocken und angst geschwängert. In seiner Rückwärtsbewegung wäre Sebastian beinahe über die Brüstung des Podestes auf den Parkplatz gestürzt, wo sich Boje vor Lachen fast in die Hose gemacht hätte und froh war, seine Notdurft bereits erledigt gehabt zu haben.

„Na Seb, da haste wohl ein paar Untermieter beim Mittagsschlaf gestört. Sei froh, dass es nur ein paar Ratten und keine Wildschweine waren. Ich komme jetzt zu dir hinauf, dann schauen wir einmal, was wir noch so entdecken in deinem Schloss, mein Prinz.“

Einmal davon abgesehen, dass hier in den letzten geschätzt fünfzig oder noch mehr Jahren, keiner mehr sauber gemacht hat, dafür sah es recht passabel aus. Durch die Eingangspforte betrat man zunächst eine geräumige Halle, von der aus eine Treppe im 90 Grad Winkel in den ersten Stock führt. Direkt hinter dem Eingang waren links und rechts eine Tür, die jeweils in einen kleineren Raum nach rechts und einen größeren nach links führte. Geradeaus blickte man auf einen großen verglasten Durchgang, welcher offensichtlich in das große Wohnzimmer führte. Dominiert wurde der Raum von einem runden Erker mit verglasten Türen, die auf eine Terrasse führten. Der Raum war nach rechts offen, führte in ein weiteres großes Zimmer, von wo man wieder in die Halle gelangte. In der Halle zur linken befand sich ein geräumiger Essbereich und offensichtlich befand sich hier auch die Küche. Auffallend war, dass das gesamte Untergeschoss mit Linoleum ausgelegt war.

Boje begann in einer Ecke der Halle den Belag anzuheben.

„Schau einmal Sebastian, was sich unter dem Belag herrliche Fliesen verstecken. Warum auch immer man dieses Linoleum Zeug hier ausgelegt hat, so hat es doch die darunter liegenden Beläge gut konserviert.“

Dies bestätigte sich auch im Küchenbereich, wo ebenfalls Fliesen verlegt waren und auch die Holzböden in Wohnzimmer und Salon erwiesen sich als restaurativ würdig.

Im ersten Stock war der Grundriss, der gleiche. Eine großzügige Halle, von der man in insgesamt sechs Zimmer gelangen konnte. Ein Zimmer war jedoch verschlossen. Es lag offensichtlich über dem Wohnzimmer, also sehr mittig im Haus.

„Seb, hast du einen Schlüssel zu dieser Tür? Ich würde da gerne auch einmal hineinschauen,“ fragte Boje.

„Nein, sorry, ich habe nur einen Schlüssel für die Eingangspforte bekommen. Warte, ich komme zu dir und trete einmal fest dagegen, dann geht die schon auf die Tür.“

„Bist du wahnsinnig˛“ echauffierte sich Boje. „Schau dir diese herrlichen Türen einmal an, die sollst du renovieren, nicht ramponieren. Gehe bitte einmal zu meinem Porsche, im Handschuhfach liegt ein Bund mit Dietrichen. Würdest du die mir bitte einmal holen.“

Kurze Zeit später war Sebastian zurück bei Boje. Zielsicher nestelte dieser einen Dietrich aus der Auswahl von mindestens zwanzig Stück, bohrte damit im Schlüsselloch der antiken Tür und klack, klack, klack war das Schloss besiegt und Boje konnte die Tür öffnen. Sebastian und Boje standen in einem Arbeitszimmer und Bibliothek. Auf den Mahagonimöbeln lag dicker Staub. Auch in den Regalen mit den geschätzt mehrere hundert Büchern. Auch hier oben ging eine Tür zur Gartenseite. Aber was im Erdgeschoss als runder Erker diente, war hier im ersten Stock ein runder, mit steinernen Balustraden gesicherter Balkon.

„Verdammt, hat sich das denn keiner einmal angesehen? Hast du von diesem Schatz gewusst. Welche Banausen haben dir denn dieses Juwel verkauft?“

Bojes Begeisterung war geradezu überschwänglich.

„Diese Bibliothek musst du erhalten, das musst du wieder eins A instand setzen, kannst du mir das versprechen.“

„Versprochen, wenn du mir sagst, wo ich anfangen soll. Ehrlich gesagt, habe ich noch keinen Plan.“

„Was heißt, wo du anfangen sollst. Willst du mir etwa sagen, dass du planst, das alles hier alleine wieder in Ordnung zu bringen.“

„Ja, so habe ich mir das vorgestellt. Ich habe ja Zeit.“

Boje drehte sich um, ging die Treppe hinunter und rief: „Hätte ich mir eigentlich denken können. Schon wieder so ein Fantast, der glaubt, man bekäme so ein Hofgut mit Schaufel und Handfeger wieder auf Vordermann. Viel Spaß, mein Freund. Ich verfasse wie vereinbart mein Gutachten und werfe es dir in den Briefkasten.“

„Jetzt sei doch nicht beleidigt, warte doch bitte einen Moment, nun lauf doch nicht weg“

in der Halle hatte Sebastian Boje wieder eingeholt und sich ihm in den Weg gestellt.

„Warum soll ich denn nicht in der Lage sein, hier alleine zu arbeiten? Zumindest Vorbereitungen kann ich doch machen? Warum torpedierst du meinen Traum so sehr?“

„Weil ich nicht will, dass er zum Alptraum wird, dein Traum.

Alleine der Wildwuchs da draußen, wenn du an der zweiten Ecke fertig bist, dann ist die erste schon wieder zugewachsen. Du brauchst eine permanente Hilfe und Unterstützung von professionellen Firmen. Nicht ständig, aber für bestimmte Themen. Wasser und Sanitär, für Strom, Abwasser, das Dach. Du musst die Fenster ausbauen und renovieren lassen. Du musst die Türen von einem Restaurator bearbeiten lassen und so weiter. Kurzum, du brauchst einen Plan.“

„Nun mal bitte ehrlich, Boje, ist das wirklich so desolat und marode?“

„Das habe ich so nicht gesagt. Desolat und marode war vor ca. 25 Jahren eine Fischerhütte in Giebelwitz. Dafür hätte ich keinen Pfifferling mehr gegeben. Der Besitzer wollte damals auch alles alleine machen, obwohl er hinreichend Kohle hatte. Am Ende hat der gerade mal einen Hühnerstall hinbekommen, nachdem ich ihm den mehrmals hab, wieder einreisen lassen. Und am Ende war die Fischerhütte ein Schmuckstück, das war so schön, das glaubst du nicht.“

„Boje, hilfst du mir einen Plan zu machen? Und würdest du mich dabei unterstützen, die richtigen Leute zu finden.“

„Wenn du das möchtest, dann helfe ich dir gerne. Du bist mir sympathisch und das Gebäude hätte es wirklich verdient wieder zum Leben erweckt zu werden. Sag einmal Seb: hast du eine Frau, einen Mann oder Freunde, welche dir helfen können?“

„Nicht wirklich!

Gibt es hier in der Nähe ein Gasthaus? Wo man etwas essen kann und vielleicht ein Bett für die Nacht bekommt? Ich würde dich gerne zum Abendessen einladen.“

„Ungefähr eine halbe Stunde von hier. Nicht vier Sterne, aber sauber. Kochen gut bürgerlich. Und Hunger habe ich nun auch bekommen.“

Sebastian schloss die Pforte mit zwei Schlüsselumdrehungen.

Boje hatte den Porsche mittlerweile gestartet, bis der Diesel lief, das dauerte eine gewisse Zeit, noch immer war dichter Nebel und bissige Kälte.

Dann fuhren die zwei los, vorne Boje mit seinem Porsche mit den überdimensionierten Nebelleuchten, dahinter der Benz. Nach ca. dreißig Minuten dann ein Dorf und in dessen Mitte ein kleiner Platz. Boje parkte den Porsche und Sebastian den Benz daneben.

Sebastian sprang aus dem Geländewagen und wartete bis Boje den Gehstock so positioniert hatte, dass er sich gut daran aufrichten konnte.

„Hier, 'Zum Grünen Baum', das ist die Kneipe.“

„Moin, Sprotte. Wie gehen die Geschäfte? Gibt es, was Gutes zu Essen und hast du Herberge für ein oder zwei Nächte?“

„Sehe ich richtig, dass du das bist, Boje. Habe mich schon gefragt, ob du überhaupt noch am Leben bist.“

„Sprotte, du weißt doch, Unkraut vergeht nicht. Darf ich vorstellen: Das ist Seb. Der hat die Lachnitz Ruine gekauft und will sie wieder zum Leben erwecken.“

„Das Spuck Schloss? Na dann viel Spaß dabei. Wollt Ihr ein oder zwei Zimmer?“

„Zwei!

Wo können wir Platz nehmen?“

„Am besten dort hinten im Erker, hier vorne im Saal wird es gleich laut, da treffen sich heute einige Leute zur Monatssitzung. Außerdem wollen die eigentlich die Kneipe für sich alleine haben. Jedoch dort im Erker, da ist gut. Eintopf kann ich anbieten. Mit Rindswurst und Brot. Oder kalte Platte mit Schinken und Käse oder Dosenwurst.“

„Deine Speisekarte war auch schon attraktiver,” war Bojes Bemerkung.

„Ich will dir mal was sagen, wo warst du denn in den letzten zwei Jahren? Seit Ausbruch dieser scheiß Pandemie, war hier mehr geschlossen als offen. Und wenn offen, dann kommt keiner. In diesen Zeiten eine Kneipe offenzuhalten, das frisst dir fast mehr Geld als wenn du geschlossen hast. Stammtische finden nun in den wieder hergestellten Partykellern statt. Das ist im übrigen auch dort, wo sich die Leute am häufigsten anstecken mit dem scheiß Virus. Touristen siehst du hier überhaupt keine mehr.“

„Du hast ja recht Sprotte, entschuldige bitte, ich nehme Eintopf und du Seb?“

„Was gibt es denn?“

„Linseneintopf hat sich die heutige Gesellschaft gewünscht.“

„Lecker, das nehme ich auch. Bitte mit Rindswurst und Brot.“

„Gut, zweimal Linseneintopf mit Rindswurst und Brot. Darf es dazu ein kühles Blondes sein?“

„Oh ja, ein schönes Pils dazu.“

„Groß oder klein, das Blonde.“

„He Sprotte, war ich wirklich so lange nicht mehr hier.“

„Ist ja gut, zwei Große.“

Unterdessen kamen die ersten Teilnehmer der Monatsveranstaltung. Unterschiedlichste Typen. Jüngere. ältere, die meisten in schwarzen Klamotten gekleidet, aber auch sehr seriös wirkende Leute. Männer waren in der Überzahl, aber auch Frauen dabei. Es war noch nicht viertel nach sechs, da waren in dem kleinen Saal bestimmt fünfzig Leute.

„Hier euer Eintopf und das Bier. ich muss mich nun zuerst einmal um die Truppe da vorne kümmern, wenn ich die versorgt habe, schau ich wieder nach euch.“

Boje und Seb löffelten ihren Eintopf und stießen auf Seb's Projekt an. Gemeinsam erstellten die beiden Männer eine Liste, um die nächsten Schritte festzulegen. Als Erstes musste das Efeu und der Blauregen weg, dann müssen wir checken ob Wasser und Abwasser funktionieren, die Stromversorgung scheint zwar zu funktionieren, aber auch das sollten wir überprüfen lassen. Die zwei Holzställe hinter dem Haus sollen abgerissen werden, den Pferdestall und das Gesindehaus muss man erhalten. Boje notierte hinter jedem Punkt einen Namen der Firmen, die bei der Umsetzung des Renovierung-Projektes eingebunden werden sollten.

„Billig wird das nicht, das sage ich dir gleich. Entschuldige, wenn ich so direkt frage: Kannst Du Dir das denn eigentlich alles leisten?“

„Darum mache Du Dir bitte keine Sorgen. Das, was mir noch fehlte, das habe ich gerade geerbt. Mein Vater hatte in der Nähe von Aachen ein recht großes Unternehmen. Ich selbst habe mich mit ihm schon vor Jahren überworfen, weil ich nicht in seine Fußstapfen treten wollte. Als er vor einigen Monaten gestorben ist, war es wohl ein letzter Versuch mich in das Unternehmen einzubinden und er hat mir den Laden vererbt. Ich sah aber für mich die große Chance nun endgültig zu privatisieren. Ich habe den Laden verkauft und kann von dem Erlös gut leben, auch dann noch, wenn wir Gut Lachnitz wieder im alten Glanz erstrahlen lassen.“

„Na dann ist ja alles in der Senkrechten. Und du hast niemanden, mit dem du hier einziehen möchtest.“

„Nein niemand! Da waren einfach zu viele, um sich an eine Person zu binden.“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Na ja, wie gesagt, mit meinem alten Herrn hatte ich mich überworfen. Er wollte stets, dass ich Unternehmer werde. Und so hat er mein Leben bestimmen wollen. Ich war zwölf, als er mich in ein Internat in der Schweiz steckte. Dort machte ich mein Abitur, um danach von meinem alten Herrn nach