Themse Krokodile.... - Lothar Jakob Christ - E-Book

Themse Krokodile.... E-Book

Lothar Jakob Christ

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Beschreibung

Themse Krokodile … Das ist eine fiktionale Geschichte über Peggy McCartney, eine Frau, die 1969 in Luton geboren wurde und bereits im Teenager-Alter nach London siedelte. Dort jahrelang eine Fish&Chips Bude betrieb und 2020 wie viele ihrer Zeitgenossen*innen neue Erfahrungen machen musste.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lothar Jakob Christ

Themse Krokodile…

…mögen Sahne im Tee

© 2021 Lothar Jakob Christ

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-26552-3

Hardcover:

978-3-347-26553-0

e-Book:

978-3-347-26554-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Es ist der 13. Juni, ein Samstag. Schon seit den frühen Morgenstunden regnet es. Regen in London ist nichts Besonderes, aber an einem 13. Juni erwartet man selbst hier in London ein anderes Wetter! Kalt ist es geworden. Gestern hatten wir noch über 20 Grad und Sonnenschein und heute gerade etwas über 10 Grad, Dauerregen und trist und trüb.

Bei diesem Wetter ist es selbst an den Hotspots eklig. London Eye, Tower Bridge, Westminster Tower und so weiter, alles traurig und trüb. Selbst Big Ben die große Glocke klang heute irgendwie trauriger als sonst.

Wahrscheinlich deswegen, weil ich hier allein sitze. Ich? Vielleicht sollte ich mich zunächst einmal vorstellen: Mein Name ist Peggy McCartney. Heute ist mein Geburtstag, mein Einundfünfzigster.

Um ehrlich zu sein, habe ich nun ein ganzes Jahr gebraucht um die fünf vor der Null zu akzeptieren. Ich bin froh, dass nun die Eins hinter der Fünf steht. Einundfünfzig also, mein Alter fühlt sich so richtig passend zum Wetter an.

Ich schaue aus dem Fenster hinaus auf die Backsteinbauten hier in Whitechapel. Das London East End ist weiß Gott nicht die erste Adresse, Arbeiterviertel sagt man landläufig. Über viele Jahre hinweg sind hier sehr viele Migranten aus aller Welt im East End heimisch geworden. Viele Inder und Bengalen. Aber auch Menschen aus dem Arabischen. Es gibt hier im East End jedoch nicht nur Moscheen, auch Synagogen gibt es hier. Juden siedelten in London seit dem 17. Jahrhundert bis in die Mitte der Zwanzigerjahre hier im East End. Die fünf größten jüdischen Friedhöfe befinden sich dem zu Folge ebenfalls hier. Ich selbst lebe seit 1984 in Whitechapel. Nicht weit von der Brick Lane entfernt. Ich war gerade fünfzehn, als ich hier in diese Zweizimmer Wohnung gemeinsam mit einer sechs Jahre älteren Freundin eingezogen bin. Geboren wurde ich 1969 in Luton. Mein Vater war dort Hutmacher, Luton war bekannt für seine Hutmacher Industrie. Als angestellter Hutmacher genügte der Wochenlohn aber auch gerade, um in bescheidenen Verhältnissen nicht zu verhungern. Meine Stiefmutter arbeitete bei Vauxhall am Fließband.

Mit zwei Verdiensten war es meinen Eltern möglich ein einigermaßen auskömmliches Leben zu führen. Meine leibliche Mutter starb, da war ich zwei ein halb Jahre alt. Eine bewusste Erinnerung an sie habe ich nicht. Nur ein altes verblasstes Bild aus den 1960er-Jahren erinnert mich an sie. Das Bild steht in meinem Schlafzimmer. Sie ist das Letzte, was ich vor dem Schlafengehen anschaue und das Erste was mich am Morgen beim Aufwachen in den Tag begrüßt. Freunde, die das Bild zum ersten Mal sehen, fragen mich immer wieder, warum ich ein Bild von Jennis Joplin auf meinem Nachtkasten stehen hätte und sind sehr erstaunt, wenn ich ihnen sage, dass auf dem Bild meine Mama abgelichtet ist. Woran sie starb weiß ich nicht. Mein Vater hat mit mir nie darüber gesprochen und meine Stiefmutter, mit der ich eigentlich ein gutes Verhältnis hatte, die wollte mit mir darüber nicht sprechen. Mittlerweile leben sie beide nicht mehr. Mein Vater hat sich nach der Jahrtausendwende das Leben genommen. Warum? Auch das ist ein Geheimnis, das man mit mir nicht geteilt hat. Vielleicht hat er nicht verkraftet, dass meine Stiefmutter, nachdem sie bei Vauxhall ihren Job verloren hatte, im Alkohol einen neuen Freund fand.

An ihrem Alkoholismus ist sie dann zwei Jahre nach meinem Vater auch gestorben. Ich musste dann als einzige Hinterbliebene die Wohnung der beiden ausräumen. Ich war erstaunt, wie wenig persönliche Dinge ich gefunden habe.

Das hat mich seinerzeit sehr betroffen gemacht, aber auch im Nachhinein bestätigt, dass es richtig war, bereits im Teenageralter nach London zu gehen. Gut, aufgehalten haben meine Eltern mich damals nicht, im Gegenteil, die waren glaube ich froh, als ich weg war und damit ein Kostenfaktor die Familie verlassen hatte.

Wie gesagt, fünfzehn war ich als meine Freundin Ruby anrief.

Sie wäre in London und hätte im East End eine Zweizimmerwohnung bekommen. Ob ich nicht Lust hätte zu ihr zu ziehen, fragte sie. Zunächst zögerte ich. Aber ich hatte die Primary School gerade abgeschlossen und eine weitere Schule zu finanzieren, sah sich mein Vater nicht in der Lage. Die Autoindustrie passte ihre Fertigungsmethoden immer mehr den Toyota Fertigungsmethoden an, was auch mit einem Personalabbau daher ging. Und die Hutmacher Industrie geriet auch immer stärker unter den Wettbewerbsdruck aus Asien. Also was sollte ich in Luton machen? Vielleicht in einem der vielen Pubs Downtown anheuern und versuchen wie ich freitagabends den Arbeitern den Wochenlohn aus der Tasche ziehen kann, wenn die sich Pint um Pint volllaufen lassen.

Als Ruby dann ein weiters mal anrief und mir den Job bei Beigel Bake in der Brick Lane anbot, da war meine Entscheidung getroffen.

Ich kaufte mir von meinem letzten Geld eine Fahrkarte nach London und Ruby wartete auf meine Ankunft in Whitechapel Station. Das war am 25. August 1984 und am 1. September startete ich meinen Job in Beigel Bake in der Brick Lane Bakery. Ich arbeitete im Schichtdienst. Der Laden hatte rund um die Uhr geöffnet und die Menschen haben wirklich auch rund um die Uhr gegessen. Da kamen morgens die Büroangestellten, die nach London City pendelten, bereits um fünf die Docker die sich ein Pausenbrot für auf die Schicht mitnahmen. Abends oft Touristen und nach Mitternacht die Nachtschwärmer, Prostituierte, Zuhälter und sonstige dubiose Gestalten. Für mich war es immer schlimm, wenn ich mitten in der Nacht Feierabend hatte und ich musste allein durch die East End Gassen nach Hause laufen. Wenn dann die Pflastersteine nass und glitschig waren, der Smog vom Westwind zu Nebelschwarten zerrissen um die fahlen Straßenlaternen hing, wenn ich dann vielleicht auch noch Schritte hinter mir hörte, dann verdammte ich Ruby, die mir die Geschichten von Jack the Ripper erzählt hat, der hier im East End im 19. Jahrhundert bis heute ungesühnt Frauen mit dem Messer geschlitzt und umgebracht hat. Noch heute denke ich daran, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit allein woher auch immer kommend nach Hause laufen muss.

Ruby hat dann Ende der 1980er-Jahre einen Docker kennengelernt. Als die zwei geheiratet haben ist Ruby hier ausgezogen.

Ich habe den Mietvertrag übernommen und wohne seitdem allein hier in der Zweizimmerwohnung. Meistens allein. Das eine oder andere Mal konnte auch ich den schönen Augen eines Mannsbilds nicht widerstehen und ich habe mich auf ein Abenteuer eingelassen. Glück hatte ich dabei nie. Ich habe an der ‘Losbude Mister Right′ jedes Mal die Niete gezogen. Den letzten den ich hatte, der hat sich Tags an meinem Imbiss den Wanst voll gehauen um dann am Abend, in Jogginghose und Trägerunterhemd vor dem Fernseher zu liegen und Fußball zu schauen. An der Miete hat der sich auch fast nie beteiligt. Meistens war der Wochenlohn bereits versoffen, wenn er Samstag früh aus einer der Kneipen nach Hause kam, um sich bis Montagmorgen zu Schichtbeginn seinen Rausch auszuschlafen. Irgendwann habe ich ihm seine Siebensachen in den großen Seesack gepackt, habe das Schloss an der Wohnungstür austauschen lassen, den Seesack in das Treppenhaus gestellt und bin eine Woche ins Grüne gefahren. Ich war heilfroh, dass der Typ verstanden hat und als ich von meinem Trip zurückkam, da war der Seesack mit Besitzer verschwunden und ward nie mehr wieder gesehen. Seitdem lebe ich hier allein und bin gegen schöne Augen nun immunisiert.

Meinen Imbiss, den habe ich nun seit fast zwanzig Jahren schon.

P. McCartney --- Fish&Chips

Direkt unterhalb der Tower Bridge, dort wo es hinüber zum Jachthafen geht.

Das war, als ich wirklich einmal Glück hatte im Leben. Oft bin ich an der Bude gewesen um ein preiswertes Abendessen zu mir zu nehmen. Marys Imbiss hieß der Laden. Immer gab es Bohnen, Eier und Speck. Manchmal Cheeseburger, selten Hamburger oder Würstchen. Mein Abendessen war zum Monatsende oft Bohnen ohne Speck und ich war froh, wenn mir Oma Mary einen Tee dazu spendierte. Eines Tags erzählte mir Mary, dass sie ihr Landen nun bald schließen werde. Sie sei Ende siebzig und hätte sich so viel zusammen sparen können, dass es für einen bescheidenen Lebensabend genügt. Sie hätte eine für das Alter schöne Bleibe auf der Insel White bei einer Cousine gefunden.

„O. K.! Und wo bekomme ich dann mein Abendessen Granny Mary?“ Fragte ich wohl sehr erschrocken.

„Darüber wollte ich mit dir sprechen Peggy“, sagte Mary.

Und fuhr ohne eine Pause zu machen fort: „Du könntest den Laden doch weiter führen, dann musst du bei Beigel Bake nicht länger in der Nacht arbeiten. Ich habe den Laden von 10 bis 20 Uhr offen und wenn schlechtes Wetter ist, dann hänge ich auch schon einmal das Schild ‘closed‘ an die Bude.

Und wie gesagt, wenn du das geschickt anstellst, dann kannst du dir jeden Monat ein paar Pfund zur Seite legen, um dich deinerseits vielleicht irgendwann einmal auf das Ruheteil zurückzuziehen.“

Ich habe die Bude dann wirklich von Mary übernommen. Zunächst habe ich die Hütte renoviert, habe die dunkelbraune Farbe übertüncht und der Bude einen weiß blauen Anstrich verpasst. Die Speisekarte bestand von nun an nur noch aus Fish&Chips und die Kundschaft das waren Touristen aus aller Welt. Bald hatte ich aber auch eine Reihe von Stammkunden, die mir am Abend ihre London Times überlassen haben, woraus ich dann am nächsten Tag Tüten faltete, um darin die Fish&Chips standesgemäß zu veräußern. Viele haben das Zeug, so glaube ich, nur gekauft, um dies in der alten Zeitung serviert zu bekommen, um dann ein paar Meter weiter an die Möwen zu verfüttern. Mir ist es egal. Der Laden läuft gut und ich habe ein auskömmliches Einkommen. Und wie mir Mary einst empfohlen hat, konnte ich auch, dass eine oder andere Pfund in den Sparstrumpf stecken.

Einundzwanzig Jahre! So lange habe ich die Bude nun schon. Immer im Frühjahr habe ich die Bude neu gestrichen. Immer wieder auch in die Küche investiert. P. McCartney Fish&Chips. Das ist mein Leben geworden. Sieben Tage in der Woche habe ich geöffnet.

Nie war ich krank und nur ganz wenige Tage an denen ich mir einmal freigenommen habe. Seit 1999 habe ich alle meine Geburtstage in der Imbissbude verbracht. Auch meinen Fünfzigsten. Nie war ich an meinen Geburtstagen allein. Immer war dann am Abend Party, wenn die Stammkunden zum Gratulieren kamen. Und jetzt? Jetzt sitze ich allein hier in meiner Zweizimmer Wohnung. Einige haben mir per Smartphone Geburtstagsgrüße geschickt. Immer mit dem Vermerk.

#Bleib gesund, #Bleib Zuhause, #Bleib Negativ.

Mit manchen habe ich über WhatsApp telefoniert.

„Schau wie ich aussehe. Schau mein Haaransatz, ganz grau. Hoffentlich macht der Friseur bald wieder auf?“

„Oh, Peggy! Ich bin nun schon seit acht Wochen im Home-Office, deshalb habe ich die Kamera ausgeschaltet. Ich möchte nicht, dass du mich so wie ich hier herumhänge, siehst.“

„Hallo Peggy! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Ich bekomme nun schon drei Monate keinen Lohn gezahlt. So langsam geht mir die Luft aus.“

Und so weiter.

Und auch Peggy hatte nun schon seit drei Monaten keinen Umsatz mehr. Das Gesparte hat sie fast zur Hälfte bereits aufgezehrt. So langsam bekommt Peggy Existenzängste. Übermorgen hat sie einen Termin wegen der Pacht für die Imbissbude und hofft inständig, dass ihr die Pacht bis auf Weiteres gestundet wird.

„Mr. Stanley, wie meinen sie das? Ich hätte die Bude ja geöffnet halten können. Natürlich kauft man bei mir Fish&Chips auf die Hand. Ja, ich habe eine Gastronomie to go. Ich habe nach dem Lockdown ende März die Bude auch offen gehabt. Aber von 5 Tüten Chips am Tag kann man eben nicht leben. Das Fett für die Chips und die Bratpfannen war teurer als das, was ich an Umsatz gemacht habe.

Gewinn? Vergessen Sie es! Draufgelegt habe ich vom ersten Tag an. Meine Ersparnisse schrumpfen für meinen Lebensunterhalt und die Miete zum Wohnen wie Butter in der Sonne.“

„Ms. McCartney, ich muss aber auch an mich denken. An meine Familie, meine Frau und die zwei Kinder. Auch ich habe seit zwei Monaten keine Einnahmen mehr. So wie sie um Stundung der Miete bitten, so bitten mich die anderen Budenbesitzer auch um Stundung der Mieten. Und nicht nur an der Tower Bridge. Mühsam habe ich mir in den letzten Jahren mein Geschäft aufgebaut und überall an den Hotspots, Buden installiert und vermietet. Nicht nur Imbisse, nein, auch Souvenir Buden und Blumenstände. Alle dicht seit acht Wochen und keiner sieht sich in der Lage seine Miete zu zahlen. Glauben Sie mir: Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Ms. McCartney, wenn sie nicht zahlen können, dann muss ich an einen anderen vermieten. Verstehen sie?“

„Mr. Stanley! Ich freue mich für sie, dass sie sich Ihren Humor bewahrt haben.“

„Wie meinen sie das Ms. McCartney?“

„Wie ich das meine? Wem wollen sie denn die Bude vermieten? Glauben Sie wirklich sie finden einen Optimisten, der ihnen heute die Bude mietet in der Hoffnung, dass er in zwei Jahren an der Tower Bridge das Geschäft seines Lebens macht. Wovon träumen sie in der Nacht? In England sind mittlerweile 150 Tausende Menschen an CoVid19 infiziert und fast 20 Tausende sind an den Folgen gestorben.

Und London East End ist einer der Hotspots. Wenn sie mir die Bude kündigen, dann werden sie dafür auf absehbare Zeit auch keine Miete dafür bekommen Mr. Stanley. So ist das.“

„Ms. McCartney, wahrscheinlich haben sie sogar recht. Was schlagen sie denn vor? Jetzt, da man mit Lockerungen der Kontaktsperre rechnet. Wie planen sie damit umzugehen? Planen sie die Bude wieder aufzumachen?“

„Ich würde schon gerne wieder öffnen. Ich befürchte aber, dass sich das Geschäft kaum lohnen wird. Mehr als 90 % meines Geschäftes machen die Touristen aus. Welcher Londoner isst schon Fish&Chips, das sind die Touristen, die das essen und sich eimerweise Essig darüber gießen. Touristen gibt es im Moment aber so gut wie keine. Wenn überhaupt, ein paar Engländer aus dem Norden.

Aber wenn die Gastronomie nun wieder öffnet, dann mache ich auch auf und werde versuchen, meinen Fish zu verkaufen.

Mr. Stanley, mein Vorschlag ist, dass sie mir für April und Mai die Miete erlassen, für Juni zahle ich ein Viertel und ab Juli die Hälfte der Miete.“

„Ms. McCartney, wie stellen sie sich das vor?“

„So wie ich es gesagt habe.“

„Ich stunde Ihnen die Miete für April und Mai. Ab Juni zahlen sie die Hälfte und am 1. September treffen wir uns und schauen wie wir weiter machen können.“

Peggy stand auf, streckte die Hand aus und sagte:

„Hand darauf, ich wusste, dass wir uns einigen würden. Sie sind ein guter Kaufmann Mr. Stanley.“

„Schon gut Ms. McCartney. Aber verzeihen Sie, wenn ich ihnen den Handschlag verweigere. Sie wissen doch: die neuen Hygieneregeln.“

Mr. Stanley faltete stattdessen die Hände vor der Brust und verneigte sich so wie man es von Asiaten kennt. Peggy tat ihm gleich und bat darum, dass man die Vereinbarung noch schriftlich fixieren solle. Mr. Stanley versprach die Vereinbarung per Mail zu schicken.

Es war schon befremdlich, London City am Montag kurz vor zwölf. Wo sonst das Leben pulsiert, Autos und Busse durch die Straße kriechen. Wo überall Menschen waren und von Kaufhaus zum Kaufhaus rannten. Die vielen Angestellten, die um diese Zeit in den Restaurants und Imbiss Buden in der Mittagspause eine Mahlzeit zu sich nahmen. Taxis, die um Touristen buhlten.

Menschen, Menschen, Menschen. Und heute pickten Tauben wonach auch immer in der Mitte der Straße. Um dem Verkehr auszuweichen, dafür sind manche Tauben noch nicht einmal hochgeflogen, sondern zur Seite gegangen. An den Geschäften überall Schilder in den Schaufenstern.

‘CLOSED cause CoVid-19′.

Polizisten liefen Streife und hin und wieder mussten sie einen der wenigen Passanten ansprechen, weil diese nicht den angeordneten Mundschutz trugen.

In so einer Situation soll ich meine Bude wieder aufmachen, ging es Peggy durch den Kopf. Aber immerhin musste sie die zurückgehaltene Miete für April und Mai nicht zahlen. Aber die halbe Miete für Juni tat gerade genug weh. Und wenn sie wirklich Ende der Woche die Bude wieder aufmachen will, dann muss sie Ware einkaufen. Sie überlegte, anstatt frischem nun gefrorenen Fisch zu kaufen. Wie groß war eigentlich das Frostfach in ihrem Kühlschrank. Außer Eiswürfel hatte sie darin eigentlich nie viel gelagert.

Peggy entschied die U-Bahn bis Tower Hill Station zu nehmen, um an der Imbissbude vorbeizugehen und nach dem Rechten zu schauen.

Schon von Weitem sah Peggy, als sie den Saint Kathrine’s Way in Richtung Tower Bridge lief, dass ein Mann ganz offensichtlich Interesse an ihrer Bude hatte. Mehrmals war der Typ nun schon um die Bude gelaufen. Schaute durch die Spalten am Fensterladen und auch durch den Türspalt. Als Peggy näher kam, zog sich der Mann etwas zurück und lehnte nun am Geländer an der Themse. Peggy war die Situation schon etwas unangenehm. Es war zwar gerade einmal 13:30 Uhr und normal war hier um diese Zeit die Hölle los, aber nun in der Krise, fühlte sie sich mit diesem Fremden im Schatten der Tower Bridge ziemlich allein. Das äußere Erscheinungsbild des Fremden gab nicht Anlass beunruhigt zu sein. Der Mann sah sehr seriös aus. Er trug einen dunkelblauen Blazer mit goldenen Knöpfen eine Kupferfarbene Feincord Hose ein weißes Hemd und passend zur Farbe der Hose eine selbst gebundene Fliege und dazu passend ein Einstecktuch. Obwohl die Friseurläden seit Wochen geschlossen sind, war er gut frisiert. Oder besser gesagt, war seine Glatze blank rasiert, von der Sonne gebräunt und so wie sie glänzte zudem mit Sonnenschutz eingerieben. In der Hand hielt er eine Lederne Hülle, in der sich wohl ein iPad befand.

Peggy fühlte sich beobachtet als sie die Bude aufgeschlossen hat. Sie öffnete den Fensterladen, um das Sonnenlicht in die Imbissbude hineinzulassen. Ach, wie sehr hatte sie diesen Geruch vermisst.

Fish und Chips und Oil und Fett und Essig und das alles wie ein Parfüm komponiert zu einem einzigartigen Aroma. Wobei heiße Fritteusen, dieses Aroma noch einen Ticken verfeinert haben.

„Guten Tag Madame!“, rief eine sonore Stimme in die Bude hinein.

„Mensch haben sie mich erschreckt, was wollen sie denn? Ich habe sie bereits beobachtet als ich den Saint Kathrine’s Way herunterkam. Hier ist zu, das sehen sie doch.“

„Entschuldigen sie bitte. Ich wollte sie nicht erschrecken. Wissen sie, wem die Bude gehört? Ich bin von der Kanzlei Morris&Henderson, mein Name ist Peter Ball.“

„Von dem Besitzer komme ich gerade, das ist Marc Stanley. Dem gehören hier eigentlich alle Buden und die Souvenir- und Blumenstände an anderen Londoner Sehenswürdigkeiten gehören dem auch fast alle. Was wollen sie denn von dem? Sie sehen nicht aus als wollten sie eine dieser Buden mieten?“

„Und wer ist P. McCartney? Eigentlich suche ich seit mehreren Wochen nach einer Peggy McCartney. Deren Name steht doch da oben auf dem Schild, das wird doch nicht der Name von einem der Fab Four sein?“

„Ich bin Peggy McCartney, ich habe die Bude und deren Mietvertrag von Mary Hopkins übernommen, das war im Sommer 1999. Warum suchen sie nach mir?“

„Sagen sie, Ihre Mutter? War das Daniela McCartney geborene Smith.“

„Das war meine Mutter, ja! Allerdings ist meine Mutter gestorben als ich zweieinhalb Jahre alt war. Das ist nun schon fast 50 Jahre her. Ich habe keine Erinnerung an sie.“

„Haben sie eine Abstammungsurkunde, mit der sie das belegen können?“

„Warum sollte ich ihnen das belegen? Was geht sie das denn an? Was wollen sie denn von mir?“

„Wie gesagt, ich arbeite für die Anwalts-Kanzlei Morris&Henderson. Mein Arbeitgeber wurde von einem Nachlassgericht beauftragt nach einem Erben zu suchen. Hatte Ihre Mutter Verwandte in England?“

„Das weiß ich nicht. Ob sie Geschwister hatte. Ja, mein Vater erzählte mir von einer Tante Mandy, gesehen habe ich die jedoch nie. Geboren wurde sie wie meine Mutter, soweit ich weiß, im Süd Osten in Headcorn, das ist in der Nähe von Ashford. Ich selbst war dort nie gewesen.

Ich habe auch keinen Kontakt zu meiner Oma mütterlicherseits gehabt. Die Eltern von meinem Vater die lebten in Coventry und die meiner Stiefmutter in Birmingham, dort war ich des Öfteren in den Schulferien. In Headcorn war ich in meinem Leben noch nicht.“

„Dann können sie mir auch nicht sagen, ob Ihre Großmutter in Headcorn eine weitere Tochter hatte?“

„Nein, das weiß ich nicht. Im Übrigen möchte ich hier jetzt abschließen. Wenn sie mir etwas Gutes tun wollen, dann klappen sie mir bitte die Läden vor das Fenster, damit ich diesen von innen verriegeln kann. Und dann lassen sie mich bitte nach Hause gehen.“

„Kann ich sie nach Hause bringen Ms. McCartney? Ich habe meinen Wagen um die Ecke geparkt.“

„Nein Danke, ich habe nicht weit. Ich wohne in Whitechapel nicht weit entfernt von der Brick Lane. Außerdem können wir in Ihrem Auto nicht den vorgeschriebenen Abstand halten.“

„Abstand halten, Mundschutz, Ansteckungsgefahr, ich kann es bald nicht mehr hören. Nehmen Sie wenigstens eine Visitenkarte von mir an. Aber waschen Sie sich gut die Hände, wenn sie zu Hause angekommen sind.

Rufen Sie mich bitte im Laufe der Woche einmal an. Ich muss mich nun zuerst mit Mr. Morris besprechen. Danach kann ich ihnen gegenüber deutlicher werden. Bitte haben Sie Verständnis dafür.“

„Ist schon O.K., ich bin mir keiner Schuld bewusst und insgesamt wird das alles nicht so schlimm sein. Ich rufe sie an. Auf Wiedersehen.“

„Aus Wiedersehen Mrs. McCartney, vergessen Sie bitte nicht anzurufen.“

Peggy entschied sich den Weg nach Hause zu laufen. So konnte sie noch beim Discounter und beim Bäcker vorbeigehen, um den Wocheneinkauf zu erledigen.

Sie trug, obwohl die Straßen fast leer waren ihre Gesichtsmaske, die sie aus einer Stoffserviette genäht hat. Die Grundfarbe der Maske ist hellblau und mit weißer Schrift steht darauf: P. McCartney Fish&Chips.

„Hallo Peggy!“ Rief eine Frauenstimme. „Dich kennt man wenigstens unter der Maske, ich sollte auch meinen Namen auf meine Maske schreiben.“

„Das musst du nicht machen Ruby, dich erkennt man auch so. Mit deinen wunderschönen roten Haaren und diesem tollen Dekolleté, wenn ich das anmerken darf“, erwiderte Peggy.

„Wenn man schon das Gesicht zuhängen muss, dann sollte man wenigstens andere vorteilhafte Stellen in den Vordergrund rücken dürfen.“

Peggy lachte laut „mit meinen zwei Erbsen ist da nicht viel Staat zu machen, aber ich kann doch nicht meinen Arsch zur Schau stellen. Schön dich zu treffen. Wie geht es dir Ruby.“

„Wie es eben so geht im Moment, Jerome ist in Liverpool in Quarantäne. Dort ist in einer Arbeiterunterkunft im Dock, Corona ausgebrochen. Ich sitze zu Hause allein. Ich bin aber froh, dass ich weiterhin aus dem Home-Office arbeiten kann und somit mein Gehalt weiter beziehe. Und du Peggy? Hast du die Bude noch geöffnet?“

„Ich könnte, aber es rentiert sich einfach nicht. Am Anfang des Lockdown hatte ich noch offen. Aber von fünf verkauften Portionen Fish&Chips kann man nicht leben. Die Kosten waren höher als der Umsatz.“

„Musst du trotzdem die volle Miete zahlen?“

„Heute Vormittag habe ich erreicht, dass mir Mr. Stanley die Miete für April und May erlassen hat. Nachher zahle ich ihm eine halbe Miete für Juni und ab September wollen wir neu verhandeln. Wenn ich bis dahin nicht pleite bin! Ich habe wirklich Angst Ruby. Ich weiß auch nicht wie lange ich die Miete für meine Wohnung noch aufbringen kann. Du kennst ja Steve Fletcher noch, der hätte mich lieber heute als morgen aus dem Haus raus um die Wohnung Luxus zu sanieren, da bekommt er heute locker die doppelte Miete.“

„Ja Peggy, das sind keine schönen Zeiten. Da hatten wir zunächst diese Brexit-Scheiße und nun diese Pandemie. Und am meisten betroffen sind immer die kleinen Leute.“

„Du sagst es Ruby! Obwohl, die Queen sitzt auch in Quarantäne.“

„Manche Situationen hältst du aber im goldenen Käfig relativ gut aus. Du, ich muss weiter, ich hoffe wir können uns einmal wieder zu einem Kaffee treffen. Tschüss meine Liebe.“

„Tschüss Ruby, bleib gesund. Ich muss noch zum Discounter und zum Bäcker.“

Als Peggy zu Hause ankam, da war es schon nach fünf. Sie räumte Ihre Einkäufe in den Kühlschrank und setzte sich an ihren Computer um die halbe Juni-Miete an Mr. Stanley zu überweisen.

Danach kam Peggy wieder dieser Peter Ball in den Sinn. Das war schon komisch heute Mittag. Irgendwie war der Typ trotz seines angenehmen Äußerlichen doch seltsam und merkwürdig, dachte sich Peggy nun mit einem gewissen Abstand zu der Szene am Mittag. Warum hat der mir nicht direkt gesagt, was er von mir will? Und ich habe ihm bereitwillig alle seine Fragen beantwortet. Wie konnte ich nur so leichtfertig sein? Was geht so einen Fremden an, wo meine Mutter geboren wurde und wo meine Großeltern wohnten? Warum interessiert der sich eigentlich dafür und für mich und überhaupt. Peggy griff in die Gesäßtasche ihrer Jeans, wo sie die Business Card von dem Typen stecken, hatte. Kanzlei Morris&Henderson tippte sie in den Computer und schob die Visitenkarte unter die Schreibtischablage.

Hier! Anwälte Morris&Henderson, das muss die Kanzlei sein. Über 80 Leute beschäftigen die, Geschäftsführer sind Robert Morris und James Henderson. Unter der Rubrik unser Service, konnte Peggy lesen, dass Morris&Henderson in allen Rechtsfragen helfen können,

Strafrecht, Familienrecht, Steuerrecht, Erbschaftsangelegenheiten, Notariat, etc.

Die Gallery offenbarte einen Eindruck von der Kanzlei. Traditionell im englischen Stil waren die Chefbüros und Besprechungszimmer eingerichtet. Modern und technisch bestens ausgestattet präsentierten sie die Büros der einzelnen Fachanwälte. Die Kanzlei befand sich Downtown London an bester Adresse. Wer sich dort vertreten ließ der musste wirklich solvent sein. Was will eine solche Kanzlei von einer Fish&Chips Verkäuferin, deren Bude obendrein nur gemietet ist? Peggy klickte auf Kontakt. Dort waren mehrere Telefonnummern angegeben. Rufen sie kostenfrei an, stand da und Peggy überlegte, warum sie denn eigentlich bis Ende der Woche warten soll dort bei Morris&Henderson anzurufen? Sie klickte auf eine Telefonnummer und hörte direkt das Freizeichen über den PC-Lautsprecher.

„Kanzlei Morris&Henderson, sie sprechen mit Choe Min, was kann ich für sie tun?“

„Guten Tag, hier spricht Peggy McCartney, ich möchte gerne mit Mister Peter Ball verbunden werden.“