Aufrecht mit Bechterew - Muna Strobl - E-Book

Aufrecht mit Bechterew E-Book

Muna Strobl

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Beschreibung

Morbus Bechterew ist so vielschichtig, dass selbst die Wissenschaft noch nicht alle Aspekte der Erkrankung verstanden hat. In ihremRatgeber liefert die Autorin einen fundierten und verständlichen Überblick über den aktuellen Wissensstand – von den Ursachen und Symptomen bis hin zu Behandlungsmöglichkeiten und Begleiterkrankungen. Sie zeigt, wie Ärzte und Physiotherapie, aber auch Freunde, Familie und alternative Medizin bei der Krankheitsbewältigung helfen können. Und sie gibt Ratschläge zu praktischen Selbsthilfemaßnahmen, die Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern können. Anhand ihrer eigenen Geschichte zeigt sie anschaulich, wie Betroffene gut mit Morbus Bechterew klarkommen und ihre Lebensfreude wiederfinden können.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Diagnose Morbus Bechterew: So hilft dir dieses Buch

Wer mit der Diagnose Morbus Bechterew konfrontiert wird, steht oft erst einmal ratlos da: Was ist das für eine Erkrankung? Welche Auswirkungen wird sie auf mein Leben haben, und vor allem: Was kann ich tun? In diesem Ratgeber habe ich dir die wissenschaftlichen Fakten in verständlichen Worten zusammengestellt. Außerdem erfährst du, wie du die Erkrankung gut bewältigen und in dein Leben integrieren kannst – für mehr Lebensfreude und weniger Schmerzen.

Verstehen: Was ist Morbus Bechterew?

• Der aktuelle Stand der Wissenschaft

• Wie Bechterew entsteht

• Symptome und individueller Krankheitsverlauf

• Mögliche Begleiterkrankungen

• Die Behandlung durch deinen Arzt

• Behandlungsziele kennen und festlegen

Bewältigen: Alles, was dir hilft

• So helfen Ärzte, Physio und Co.

• So helfen Familie und Freunde

• Coaching und Therapie

• Die entzündungshemmende Ernährung

• Mit Bewegung den Bechterew aufhalten

• Der Zusammenhang zwischen Stress und Bechterew

• Mentale Bewältigungsstrategien

Aktiv werden: Viele Tipps für deinen Alltag

• Tipps für die Arztsuche

• Mit Schmerzen umgehen lernen

• Eine geeignete Sportart finden und sich dazu motivieren

• Übungsempfehlungen für mehr Beweglichkeit

• Ernährungstipps und leckere Rezepte

• Übungen zur Stressprävention und -bewältigung

GELEITWORT

DAS ERWARTET DICH IN DIESEM BUCH

VERSTEHEN: WAS IST MORBUS BECHTEREW?

Das weiß man heute über die Erkrankung

Was ist Bechterew?

Was führt zu den Schäden der Wirbelsäule?

Eine Statistik, die Mut macht

Wie entsteht Morbus Bechterew?

Ursachen für Morbus Bechterew

Symptome und Krankheitsverlauf

Die häufigsten Symptome

Der typische Krankheitsverlauf

Jeder Bechterew verläuft anders

Verlaufsformen

Begleiterkrankungen

Heilung ist bislang nicht möglich – Besserung sehr wohl

Die weibliche Sexualität bei Morbus Bechterew

Die Behandlung durch den Arzt

Ziel der Behandlung festlegen

Grundzüge der Behandlung

Gut vorbereitet zum Arzt

Morbus Bechterew – eine Behinderung?

Begleiterkrankungen kennen

Depression

Fatigue

Entzündliche Darmerkrankungen

Entzündungen der Regenbogenhaut des Auges

Schuppenflechte (Psoriasis)

Weitere Begleiterkrankungen

BEWÄLTIGEN: ALLES, WAS DIR HILFT

So helfen Ärzte, Physio und Co.

Eine gute ärztliche Begleitung

Physiotherapeuten begleiten die Bewegungsangebote

Psychotherapeuten helfen bei der Krankheitsbewältigung

Selbsthilfegruppen – du bist nicht allein

Was sonst noch hilft

Familie und Freunde

Coaching

Hilfen aus dem Internet

Bewegung – werde aktiv!

Darum ist Sport so wichtig

Einen Antrieb finden

Geeignete Sportarten

Die Heilkraft der Ernährung

Die entzündungshemmende Ernährung

Die London-AS-Diät

Die Rolle von Stress verstehen

So entsteht Stress

Unser emotionales Gedächtnis

Stressoren bewusst entschärfen

Mindset – mentale Bewältigungsstrategien

Bewertungen von Situationen ändern

Negative Verhaltensmuster überwinden

Eine positive Haltung entwickeln – Benefit-Finding

Dankbarkeit üben

Den Handlungsspielraum erweitern

Ein gutes Zeitmanagement

Den Leistungsanspruch runterschrauben

Entspannungsmethoden

Umgang mit chronischen Schmerzen

Akzeptanz und Commitment

Den Morbus zu deinem Freund machen

Die Macht der Gedanken

Stressfrei leben

Gut auf sich aufpassen

EINE WAHRE MUTMACHER-GESCHICHTE

Abkürzungen

Quellen

GELEITWORT

Von Rüdiger Schmidt, Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e.V. (DVMB)

Liebe Leserinnen und Leser,

ich war gerade 23 Jahre alt, mitten im Leben, da begannen die Schmerzen. Zuerst ignorierte ich sie und dachte, die gehen schon wieder weg – mit dem Bechterew lebe ich nun seit über vierzig Jahren.

Aber der Reihe nach: Während meiner Zeit bei der Bundeswehr litt ich häufiger unter Rückenschmerzen, die mal heftiger und mal weniger stark waren. Die Ärzte sprachen von Hexenschuss und behandelten mich dementsprechend. Einige Zeit später hatte ich einen Unfall, bei dem drei Dornvorsätze an der Wirbelsäule brachen. Im Krankenhaus wurde zu ersten Mal der Verdacht auf Morbus Bechterew geäußert – aber im Blut befanden sich keine Entzündungshinweise. In der Reha wurde mir zwar angeraten, einen Rheumatologen aufzusuchen, doch ich war jung und verdrängte alle Gedanken an die Krankheit.

Erst Jahre später kam ich zu einem Spezialisten, der glücklicherweise Morbus Bechterew diagnostizierte. So wie mir ergeht es leider vielen Patientinnen und Patienten: Sie legen bis zum richtigen Befund einen weiten Leidensweg zurück.

Für mich war die Diagnose erst einmal ein Schock, denn eine chronische Erkrankung betrifft einen existentiell, man muss das ganze Leben mit ihr leben. Ich wusste nicht, was sich hinter der Erkrankung verbirgt und wie ich mit den Folgen umgehen sollte. Mir und meinen Lieben stellten sich plötzlich viele Fragen:

• Wie verändert der Bechterew mein Leben?

• Steift die Wirbelsäule auch bei mir ein?

• Wie werden meine Familie und Freunde mit der Krankheit zurechtkommen?

Jahre später entdeckte ich zufällig beim Tag der Niedersachsen einen Infostand der DVMB. Als an meinem Wohnort eine Selbsthilfegruppe entstand, wurde ich Gruppensprecher und drei Jahre später Landesvorsitzender. Dieses Amt übe ich seit über 17 Jahren aus. Ich möchte Ihnen ans Herz legen, sich die Arbeit der DVMB einmal anzuschauen, denn ich kann nur sagen: Neben meiner Familie waren es die Selbsthilfegruppe und die Vereinigung, die mich darin bestärkten, mit der Krankheit Morbus Bechterew zu leben.

Selbsthilfe bedeutet, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sich mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen und aktiv zu werden. Bei uns sind Sie richtig, wenn Sie Fragen zur Alltagsbewältigung haben, und Sie profitieren von Begegnungen und dem Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen – ob bei Tagesund Wochenend-Seminare, Vorträge, Schulungen oder gemeinsame Unternehmungen.

Gerade in der Zeit nach der Diagnosestellung hätte ich mir ein Buch wie „Aufrecht mit Bechterew“ gewünscht. Einen Ratgeber, der mir die Erkrankung evidenzbasiert in verständlichen Worten erklärt, der Behandlungsmöglichkeiten aufzeigt und Hilfestellung gibt, wie man positiv und alltagstauglich mit dem Bechterew lebt.

Ich kann dieses Buch jedem Menschen mit Bechterew empfehlen, denn es klärt nicht nur über die Krankheit auf, sondern es bestärkt uns Betroffene darin, mit dieser Erkrankung positiv umzugehen.

Ihr

Das erwartet dich in diesem Buch

Ich habe Morbus Bechterew – und jetzt? Dieser oder ein ähnlicher Gedanke könnte dir nach der Diagnose durch den Kopf gegangen sein. Ich bin selbst von Morbus Bechterew betroffen und möchte dir Hilfen an die Hand geben, die es dir ermöglichen, dich im Dschungel der zahlreichen Berichte und Informationen, die vor allem im Internet zu finden sind, zurechtzufinden.

Die Erkrankung ist so vielschichtig, dass dieser Ratgeber dir zwar einen differenzierten Überblick bietet, jedoch keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Er richtet sich in erster Linie an Betroffene, aber auch an Freunde und Familienmitglieder sowie an Berufsgruppen, die uns Erkrankte mit einem vertieften Wissen rund um Morbus Bechterew unterstützen möchten.

Viele meiner Ausführungen werden durch Studien und wissenschaftliche Befunde gestützt. Doch dieses Buch ist in erster Linie ein Erfahrungsratgeber mit dem Fokus auf der Bewältigung der Erkrankung. Ich habe viel Fachwissen zusammengetragen und mit meinen eigenen Erfahrungen und Kompetenzen ergänzt. Herausgekommen ist eine Empfehlung, wie man mit Lebensfreude und weniger Schmerzen aufrecht mit Morbus Bechterew durchs Leben gehen kann. Heute geht es mir viel besser als in der Zeit rund um die Diagnose, und ich möchte an andere Betroffene weitergeben, wie mir dies gelungen ist.

Die Erscheinungsformen von Morbus Bechterew sind sehr unterschiedlich, auch wegen der zahlreichen möglichen Erkrankungen, die mit oder durch die Krankheit auftreten können.

Als bei mir im Jahr 2017 die Diagnose gestellt wurde, litt ich bereits mehr als die Hälfte meines Lebens unter starken Rückenschmerzen und unter diversen anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Rückblickend kann ich sagen, dass mir in der Zeit direkt nach der Diagnose am meisten die persönliche Unterstützung durch einen betroffenen Menschen geholfen hätte. Jemand, der mir gezeigt hätte, wie ich positiv mit Bechterew umgehe, der mir Mut macht, der selbst die Erkrankung aushält und in sein Leben integriert. Jemand, der weiß, wovon er spricht.

Fakten zur Krankheit konnte ich nachlesen, doch mit ihnen blieb ich dann allein.

Fakten und wissenschaftliche Belege geben Sicherheit. Deshalb führe ich auch hier einige auf, meine Ausführungen richten sich nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Doch das Buch bietet viel mehr. Dich erwartet eine gute Mischung aus evidenzbasiertem Wissen und praxisnahen Beispielen, du wirst viel über Morbus Bechterew und einen guten Umgang damit erfahren.

Wir werden uns die Erkrankung genauer ansehen, uns mit Definitionen und den Behandlungsmöglichkeiten der modernen Medizin beschäftigen. Ich werde dir auch sinnvolle Alternativen und Ergänzungen zeigen. Vor allem aber findest du in diesem Buch zahlreiche alltagstaugliche Tipps zur Bewältigung dieser Erkrankung.

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Reinhold Niebuhr

Reinhold Niebuhr

Dieses bekannte Gebet des amerikanischen Theologen Niebuhr passt sehr gut zu uns Bechtis! Zur Krankheitsbewältigung ist es wichtig, die Grundeinstellung zu betrachten, die man seiner Erkrankung gegenüber einnimmt.

Ich kann nicht ändern, dass ich an Morbus Bechterew erkrankt bin. Und es wäre verschwendete Energie, immer wieder damit zu hadern. Es ist meine Entscheidung, diese Energie in eine sinnvolle Richtung zu lenken. Wie z. B. mich auf eine gesunde Lebensführung zu konzentrieren, die sich den Symptomen wirkungsvoll entgegenstellt.

Ändern hingegen kann ich auch meine innere Haltung. Ich kann mich dazu entscheiden, die Kraft der positiven Gedanken zu nutzen. Es kommt dir vielleicht schwierig vor, doch es kann gut gelingen, Morbus Bechterew so in dein Leben zu integrieren, dass du wieder Lebensfreude hast, bei weniger Schmerzen und vielleicht völliger Symptomfreiheit.

Dieser Erfahrungsratgeber kann die Behandlung durch einen Arzt oder eine Ärztin nicht ersetzen. Auch ich bin weiterhin in engmaschige Kontrolluntersuchungen eingebunden, so kann ich die Erkrankung bis zur Symptomfreiheit eindämmen, ohne regelmäßige Medikation.

Bitte verstehe dieses Buch daher als ergänzende Informationsquelle, die deinen Handlungsspielraum erweitert – für ein glückliches, symptomfreies Leben.

Sei neugierig, lasse dir bestätigen, was du vielleicht schon weißt, und finde neue Erkenntnisse, die dir bei dem aufrechten Leben mit Morbus Bechterew helfen werden.

Und nun viel Spaß beim Lesen!

VERSTEHEN: WAS IST MORBUS BECHTEREW?

Es ist wichtig, eine Erkrankung zu verstehen und zu erkennen, wie sie funktioniert. Erst dann haben wir einen Ansatzpunkt, etwas zu verändern. In diesem Kapitel erfährst du, was Morbus Bechterew ist, mit welchen Symptomen die Krankheit einhergeht, wie sie verläuft, wie sie vom Arzt behandelt wird und welche Begleiterkrankungen es gibt.

Das weiß man heute über die Erkrankung

Als meine Ärztin mir mitteilte, dass ich unter Morbus Bechterew leide, wusste ich noch nicht viel über diese Krankheit. Um mehr darüber zu erfahren, recherchierte ich im Internet und erhielt unterschiedliche Ergebnisse:

• Auf einer Website wurde die Erkrankung der Gruppe der Autoimmunerkrankungen zugeordnet und der Fokus lag auf den dazugehörigen Symptomen.

• Auf der nächsten Seite beschrieb man Morbus Bechterew als eine rheumatische Erkrankung und gab Rat zum Umgang mit Rheuma.

• Auf einer weiteren Seite wurde Morbus Bechterew zu den Wirbelsäulenerkrankungen gezählt.

Heute weiß ich, dass alle Beschreibungen teilweise richtig waren. Morbus Bechterew ist eine Wirbelsäulenerkrankung, eine rheumatische Erkrankung und auch eine Autoimmunerkrankung.

Namensgeber der Krankheit ist der russische Neurologe und Psychiater Wladimir Michailowitsch Bechterew (1857–1927), der sich als Erster näher mit den Symptomen dieser Krankheit befasste. In der Medizin gibt der Begriff „Morbus“ (lat. für „Krankheit“) zusammen mit dem Namen des „Entdeckers“ einer Krankheit den Namen, hier also Morbus Bechterew.

Was ist Bechterew?

Morbus Bechterew hat unterschiedliche Formen und verläuft meist in Schüben. Die Erkrankung kann mit milden Symptomen einhergehen, aber auch mit starken Schmerzen.

Wie beschreibt nun die Schulmedizin diese Erkrankungsgruppe? Klären wir zunächst einmal die Klassifikationen etwas übergeordneter:

• Wirbelsäulenerkrankung: Krankhafte Veränderungen der oder die Wirbelsäule betreffend.

• Rheuma: Chronisch-entzündliche und schmerzhafte Beschwerden am Haltungs- und Bewegungsapparat, die mit funktioneller Einschränkung einhergehen können.

• Autoimmunerkrankung: Fehlsteuerung des Immunsystems, durch die körpereigene Zellen angegriffen werden.

Morbus Bechterew ist zunächst einmal eine Wirbelsäulenerkrankung. Zu der Gruppe der Wirbelsäulenerkrankungen zählt er, weil die Schäden bzw. Beeinträchtigungen vorwiegend im Bereich der Wirbelsäule auftreten und zu den Symptomen führen, die meist als Erstes zu beobachten sind.

Morbus Bechterew ist zunächst einmal eine Wirbelsäulenerkrankung.

Unter dem Sammelbegriff „Axiale Spondylarthropathie“ (häufig als AS abgekürzt) werden eine Reihe von entzündlichrheumatischen Erkrankungen zusammengefasst, die sich durch gemeinsame klinische und genetische Merkmale auszeichnen. Im internationalen Sprachgebrauch ist die Bezeichnung Axiale Spondylarthropathie häufiger zu finden, während sich im deutschen Sprachraum der Begriff Morbus Bechterew durchgesetzt hat. Beide Begriffe beschreiben den gleichen Symptomkreis.

Was führt zu den Schäden der Wirbelsäule?

In der S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh)1 werden Spondyloarthritiden (abgekürzt SpA) bzw. Morbus Bechterew definiert als „entzündlich rheumatische Erkrankungen, die durch Entzündungen im Bereich der Wirbelsäule gekennzeichnet sind, welche häufig zu Rückenschmerzen führen“.

Die Erkrankungen dieser Gruppe weisen trotz zahlreicher Unterschiedlichkeiten auch viele Gemeinsamkeiten auf. So sind in den meisten Fällen das Achsenskelett und die Sehnenansätze beteiligt und/oder man kann genetische Veränderungen nachweisen (HLA-B27 Antigen).

Axiale Spondylarthropathie ist eine andere Bezeichnung für Morbus Bechterew.

Spondyloarthritiden lassen sich folgendermaßen unterteilen:

• Bei der prädominant peripheren Form zeigen sich die entzündlichen Beschwerden vorwiegend an anderen Gelenken bzw. Weichteilen des Körpers.

Patienten mit einer Spondyloarthritis können zusätzlich unter einer Schuppenpflechte (Psoriasis), einer Augenentzündung der Regenbogenhaut oder einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED) leiden.

So. Nun wissen wir erst einmal, dass die rheumatischen Beschwerden – also chronische Entzündungen im Körper – zu Beschwerden an der Wirbelsäule führen. Schauen wir uns nun noch die Entzündungen selbst etwas genauer an. Was passiert da in unserem Körper?

Die Wissenschaft nimmt an, dass es sich bei Morbus Bechterew auch um eine Autoimmunerkrankung handelt. Das heißt, dass sich die körpereigenen Abwehrmechanismen – die ja eigentlich nützlich sind, um uns vor Fremdstoffen oder/und Krankheitserregern zu schützen – gegen gesundes körpereigenes Gewebe richten. Bei Erkrankten können oft sogar erhöhte Werte des TNF-Alpha – Tumornekrosefaktor, ein Signalbotenstoff – laborgestützt nachgewiesen werden. Es kommt zu überschießenden Reaktionen und somit zu schmerzhaften entzündlichen Vorgängen. Diese Entzündungen ziehen dann Verknöcherungen und somit Versteifungen der betroffenen Gelenke bzw. Weichteile nach sich. Das sind z. B. auch die zuvor beschriebenen Schädigungen der Wirbelsäule.

Zusammenfassend ist Morbus Bechterew für die meisten Verläufe eine Autoimmunerkrankung, die zu chronischen rheumatischen Beschwerden führt und die durch daraus resultierende Schäden an Gelenken und Weichteilen auch dem Bereich der Wirbelsäulenerkrankungen zugeordnet werden kann.

Eine Statistik, die Mut macht

Die Lebenserwartung von Morbus-Bechterew-Patienten unterscheidet sich kaum von der der Gesamtbevölkerung. Ein Risiko sind die Nebenwirkungen der entzündungshemmenden Medikamente, die über einen langen Zeitraum hinweg genommen werden. Daher sind regelmäßige Kontrollen durch den Arzt wichtig.

Zwar ist Morbus Bechterew nicht heilbar, doch die richtige Behandlung kann den Krankheitsverlauf sehr positiv beeinflussen. Neun von zehn an Morbus Bechterew Erkrankte brauchen selbst 40 Jahre nach der Diagnose keine fremde Hilfe im Alltag! Viele Betroffene berichten außerdem, dass sie deutlich weniger Schmerzen haben, seit sie ihre Ernährung umgestellt haben und regelmäßig Mobilisationsübungen machen.

Wie entsteht Morbus Bechterew?

Seit Tausenden von Jahren leiden Menschen unter Morbus Bechterew – bereits an Mumien ägyptischer Pharaonen waren Anzeichen der Erkrankung zu finden.

Lange Zeit galt Morbus Bechterew als eine „Männerkrankheit“, inzwischen konnte dank besserer Untersuchungsmethoden belegt werden, dass von der Frühform nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis (abgekürzt nr-axSpA) Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sind. Jedoch verläuft die Erkrankung bei Frauen scheinbar oft milder und die Symptome werden häufig nicht der Grunderkrankung Morbus Bechterew zugeordnet. Bei der Spondyloarthritis geht man laut Deutschem Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) von einem Verhältnis Männer zu Frauen von 2:1 aus.

Die Dunkelziffer bei Frauen mit Morbus Bechterew ist sehr hoch. Experten schätzen, dass etwa jede dritte oder gar jede zweite betroffene Frau von der Erkrankung nichts weiß.

Bei 95 Prozent aller Morbus-Bechterew-Betroffenen lässt sich das Erbmerkmal HLA-B27 nachweisen. Doch die Krankheit kann auch bei Menschen ohne HLA-B27 ausbrechen. Und nicht bei allen HLA-B27-Trägern bricht die Erkrankung aus.

Schätzungen zufolge erkrankt rund 0,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Europa an Morbus Bechterew, einschließlich der unerkannten Fälle. Diagnostiziert sind etwa 0,1 bis 0,2 Prozent. In Deutschland sind also etwa 350.000 Menschen mehr oder weniger stark von Bechterew betroffen, bei 100.000 bis 150.000 wurde die Erkrankung diagnostiziert.

Ursachen für Morbus Bechterew

Genetische Vulnerabilität bezeichnet die angeborene Anfälligkeit für Krankheiten. Ob es zu einer Erkrankung kommt, hängt von vielen weiteren Faktoren ab.

Morbus Bechterew ist bisher noch nicht besonders umfassend erforscht. Was die Wissenschaft allerdings bereits herausgefunden hat, ist, dass diese Erkrankung familiär gehäuft auftritt. Daher geht man davon aus, dass eine Neigung zu Morbus Bechterew vererbt wird. Man spricht dann von einer erhöhten genetischen Vulnerabilität bzw. Verletzlichkeit.

Die Krankheit selbst wird nicht vererbt. Vielmehr kann man die erhöhte Anfälligkeit, im Laufe des Lebens an Morbus Bechterew zu erkranken, erben. Es braucht dann verschiedene auslösende Faktoren, sogenannte Trigger, die dazu führen, dass die Erkrankung ausbricht.

Das lässt sich gut in Anlehnung an das Diathese-Stress-Modell von Rosenberg erklären. Zwar wurde hier ursprünglich die Entstehung psychischer Erkrankungen beschrieben, die Grundannahmen sind jedoch die gleichen.

• So findet man bei Betroffenen eine genetisch veranlagte erhöhte Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer bestimmten Erkrankung (hier Morbus Bechterew) zu erkranken (wie z. B. durch HLA-B27-Nachweis).

• Ist die Person gesundheitsförderlichen Lebensumständen und moderatem bis minimalem Stress ausgesetzt, kann es sein, dass die Erkrankung überhaupt nicht ausbricht. So sind manche sportliche und gesund lebende Menschen mitunter sehr überrascht, dass HLA-B27 – meist durch Zufallsbefunde – bei ihnen nachgewiesen wird, da sie vollkommen beschwerdefrei durchs Leben gehen.

• Ist die Person jedoch hohem Stress ausgesetzt (z. B. eine schwierige Situation, für die es keine Lösung zu geben scheint, oder dauerhafter großer Stress), so erhöht das die Wahrscheinlichkeit für einen Ausbruch der Erkrankung. Stresshormone spielen eine tragende Rolle.

Diathese-Stress-Modell von Rosenberg übertragen auf Morbus Bechterew

Stress als Trigger

Stress gilt als wichtiger Auslöser für Morbus Bechterew. Im Kapitel „Die Rolle von Stress verstehen“ ab Seite 81 gehe ich ausführlich darauf ein. Hier fasse ich die wichtigsten Fakten nur kurz zusammen.

Ärzte empfehlen uns Bechtis, Stress zu vermeiden. Zum einen, um die muskuläre Anspannung und damit verbundene Schmerzen zu reduzieren. Zum anderen, weil Stresshormone im Verdacht stehen, Entzündungen im Körper auszulösen oder aufrechtzuerhalten. Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass die vermehrte Anzahl an Stresshormonen im Blut zu einer erhöhten Krankheitsaktivität führen kann. Die verstärkte Krankheitsaktivität in den frühen Morgenstunden scheint diese These zu bestätigen, denn morgens steigt unser Cortisolspiegel.

Abgesehen davon, dass ein hoher Stresshormonspiegel Morbus Bechterew aktivieren kann, braucht es immer auch ein außerordentliches Ereignis, das mit einem starken Anstieg von Stresshormonen einhergeht, damit die Erkrankung überhaupt erst ausbricht.

Stress ist nicht nur eine emotionale, sondern auch eine körperliche Reaktion auf ein solches außergewöhnliches Ereignis. Nimmt unser Organismus einen äußeren Reiz (z. B. eine Flamme) oder einen inneren Reiz (z. B. wenn Lebensgefahr droht) wahr, der mit einer außergewöhnlichen Belastung einhergeht, wird unser „Alarmsystem“ aktiviert: Der Körper reagiert mit einer Reihe von Maßnahmen, die ihn bei der Bewältigung dieses Ereignisses unterstützen sollen. Eine davon ist die vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen.

Wenn wir uns nun vor Augen führen, dass die Wissenschaft enge Zusammenhänge zwischen unserem Immunsystem und den damit verbundenen Vorgängen im Nerven- und Hormonsystem finden konnte, wird plausibel, dass ein besonders starker Anstieg von Stresshormonen unser Immunsystem zu besonderer Aktivität anregt und es zu überschießenden Reaktionen kommt, die bei Morbus Bechterew zu der Autoimmunreaktion führen können.

Infektion als Trigger

Wie erläutert, zählt Morbus Bechterew zu den Autoimmunerkrankungen, das heißt, das Immunsystem richtet sich gegen gesundes körpereigenes Gewebe. Vor einiger Zeit hat meine Rheumatologin mir im Rahmen einer Impfaufklärung erklärt, dass grundsätzlich jede Infektion für den Körper auch eine Art „Stress“ bedeutet. Dieser „Stressor“ versetzt den Körper in erhöhte Alarmbereitschaft und es gilt ihn abzuwehren. Bei Menschen mit Morbus Bechterew reagiert das Immunsystem mitunter mit einer überschießenden Immunantwort und greift auch körpereigene Zellen an. Es ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt, warum dies bei einigen Erregern, wie z. B. den Herpesviren, häufiger der Fall ist, andere Infektionen hingegen kaum oder nur eine moderate Immunantwort produzieren.

Klebsiella als Trigger

Morbus Bechterew wird meist durch starke Rückenschmerzen auffällig, vor allem im unteren Rücken. Das lässt sich gut nachvollziehen, wenn man den Wirkmechanismus eines der vermeintlichen Entzündungsauslöser betrachtet. Ich beziehe mich auf die Ergebnisse von Forschungen, die am King’s College London durchgeführt wurden.2 Hier konnten Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein der Klebsiella-Bakterien im Darm und der Autoimmunreaktion aufzeigen.

In unserem Darm befinden sich verschiedene Bakterienstämme, die dort einen guten und wichtigen Dienst tun. Bei uns Menschen gehören üblicherweise auch Klebsiella-Bakterien dazu. Wenn diese in überschießend großer Zahl im Darm vorhanden sind, schaltet sich unser Immunsystem zur Regulation ein und schickt Antikörper in die Zielregion. Die Antikörper gelangen in den Bereich des Dickdarms, wo die Klebsiella-Bakterien üblicherweise anzutreffen sind, aber auch in das umliegende Gewebe.

Die Autoimmunreaktion mit Klebesiella als Trigger ist nur eine von mehreren entzündungsauslösenden Faktoren. Sie erklärt noch nicht alle Verlaufsformen.

Nun kommt bei vielen von Bechterew Betroffenen eine genetische Besonderheit hinzu. Sie besitzen das HLA-B27-Gen, das durch Labortests nachweisbar ist. Auf der Oberfläche dieses Gens befinden sich kleine Bereiche, auf die Antikörper, die gegen Klebsiella gerichtet sind, reagieren. Die Antikörper docken an, um die vermeintlichen Störenfriede zu beseitigen. Dieser Irrtum des Immunsystems führt dazu, dass der Körper körpereigenes Gewebe angreift. Die Folge sind Entzündungen, in diesem Fall insbesondere des Gewebes um den Dickdarm herum, also im Bereich der Kreuzbein-Darmbein-Gelenke (Iliosakralgelenke).