Verlag: EDITION digital Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Auftrag für eine Nacht - Klaus Möckel

Kreys zweiter Fall ergibt sich aus einem Auftrag für die Schönen und Reichen. Eine Nacht lang soll der Detektiv dem Unternehmer Kellenhorst, der in großer Gesellschaft ein Firmenjubiläum feiert, den oft betrunkenen und randalierenden Schwager vom Hals halten. Doch der Versuch misslingt, und nach einigen Turbulenzen kommt der Schwager unerwartet zu Tode. Krey gerät unter Mordverdacht, er muss Kopf und Kragen riskieren, um seine Unschuld zu beweisen. Auftrag für eine Nacht ist ein Kriminalroman voller überraschender Wendungen. Grundstücksspekulanten und Mädchenhändler kreuzen den Weg des Detektivs, der sich in unruhiger Zeit mit Energie und List gegen alle Gefahren zu behaupten weiß. LESEPROBE: Die Scheune gehörte zu einem Gehöft, niedrige alte Häuser schlossen sich seitlich an, weiter hinten lag der Friedhof. Ich trat aus der Backofenhitze in den Schatten, wo es etwas kühler war, und fingerte nach den Autoschlüsseln. Zuletzt hatte ich in die Sonne geschaut und war noch geblendet, sonst hätte ich vielleicht eher bemerkt, dass mit dem Trabant etwas nicht stimmte. Als ich das zerbrochene Fenster entdeckte, war es zu spät, mir bohrte sich bereits ein Stück Metall in den Rücken, das ich durchaus für die Mündung eines Schießeisens halten durfte. Eine fast freundliche Stimme befahl: »Keinen Laut, und eine halbe Drehung nach links! Wir marschieren ganz friedlich dort um die Ecke.« Ich gehorchte, was blieb mir anderes übrig. Aus einem Häuschen weiter vorn trat eine jüngere Frau mit ihrem Pudel. Ein niedliches rabenschwarzes Hundchen. Ich stieß einen Ruf aus, der aber schon im Ansatz abbrach, denn der Pistolenlauf presste sich mir prompt tiefer ins Fleisch. Er brachte mir schmerzhaft zu Bewusstsein, dass ich mir keine Mätzchen erlauben durfte. Die Frau und der Hund entfernten sich, ohne mich und meinen Begleiter zu beachten. »Vorwärts«, knurrte die Stimme hinter mir nun ärgerlicher, und ich setzte mich in Bewegung. Allerlei Gedanken wirbelten mir durch den Kopf, die Frage etwa, wer sich da zu welchem Zweck meiner Person bemächtigen wollte, aber auch die Überlegung, nach hinten auszuschlagen, mich zur Seite zu werfen, wegzurennen. Doch mit versengter oder gar durchlöcherter Haut herumzulaufen, erschien mir unangenehm. So siegte die Vernunft, wenn es Vernunft war.

Meinungen über das E-Book Auftrag für eine Nacht - Klaus Möckel

E-Book-Leseprobe Auftrag für eine Nacht - Klaus Möckel

Impressum

Klaus Möckel

Auftrag für eine Nacht

Kriminalroman

ISBN 978-3-86394-724-8 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1992 in der DIE-Reihe (Delikte, Indizien, Ermittlungen) bei: Eulenspiegel Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH.

Die kriminellen Sprüche wurden dem Buch "Wer zu Mörders essen geht..." von Klaus Möckel, erschienen 1993 bei Frieling & Partner GmbH Berlin, entnommen.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: verlag@edition-digital.com Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

»Na«, sagte der Mann und griff sich ein Glas »Alten Weinbrand« vom Tablett, das gerade vorbeigetragen wurde, »hat Sie mein holdes Schwesterchen auf mich angesetzt? Ich seh doch, wie Sie mich beobachten, hinter mir herschleichen. Warten Sie nur ab, was passiert, wenn ich erst so richtig besoffen bin. Dann werde ich aufsässig und gefährlich, dann müssen Sie mich schon zusammenschlagen, wenn ich Ruhe geben soll.« Er bleckte die Zähne, die gelb von Nikotin und lückenhaft waren, hob das Glas und kippte sich den Inhalt in den Rachen. »Ah, das heizt die Wut im Bauch an«, fügte er hinzu.

Ich fühlte mich durchschaut, klug hatte ich es offenbar nicht angestellt. Obwohl ich mich doch im Hintergrund gehalten und alles getan hatte, um nicht aufzufallen. »Gehn wir nach draußen an die frische Luft«, schlug ich vor, »reden wir ein paar Worte miteinander. Vielleicht finden wir eine Basis, auf der wir uns verständigen können.«

»Mit Ihnen verständigen, warum denn? Sie gehören zu denen hier, mehr noch, Sie sind ihr Lakai. Ein Spitzel, ein Aufpasser, mit solchen rede ich nicht. Glauben Sie bloß nicht, dass Sie der erste sind, den ich enttarne.«

Er machte eine Geste, als würde er mich fotografieren, griente und schritt zur Tür. Er hatte einen schmalen Rücken, dünnes Haar, trug ein zerknittertes Jackett. Sein Gesicht war bleich und kantig; das fiel mir besonders auf, als er sich noch einmal umwandte, mich verächtlich musterte. Dann verließ er den Raum.

Er hieß Uwe Knef und war der Bruder von Isabelle Kellenhorst, der Dame des Hauses. Ende der Zwanzig, aber noch Student, ein ewiger Student, wie sie erklärt hatte, als sie mich engagierte. »Er ist leider schwierig, doch im Grunde ein guter Kerl. Als Kinder hatten wir es beide nicht leicht, deshalb hänge ich trotz all seiner Kapriolen an ihm und kann ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen.«

Sie hatte meinen Namen von einem Bekannten, wie sie mir sagte, einem Besitzer mehrerer Videoshops, er hieß Müller. Die Sache entbehrte nicht einer gewissen Komik, denn diesem Mann, einem Westberliner, war ich bei früherer Gelegenheit einigermaßen auf die Füße getreten. Ich hatte ihm ein Geschäft vermasselt, ihn daran gehindert, gewaltsam Geld einzutreiben, das ihm - zugegebenermaßen - gehörte. Bloß seine Methoden gefielen mir nicht. Ich, der Ossi, der damals gerade erst eine Detektei aufgemacht und sich mit den Nöten einer aufs Geld versessenen dicken Dame herumgeschlagen hatte, musste ihm dennoch imponiert haben. Am Ende hatte ich ja auch gegenüber der Kripo für ihn gutgesagt.

Müller hin, Müller her, den Auftrag von Frau Kellenhorst aus Charlottenburg hatte ich angenommen, weil er nur für eine Nacht galt und anständig bezahlt wurde. Außerdem reizte es mich, eine Atmosphäre kennen zu lernen, die im Realsozialismus nicht existiert hatte und die ich mir wie in Hollywoodfilmen vorstellte, handelte es sich doch um eine Party in Unternehmerkreisen. Ich durfte getrost annehmen, dass Kellenhorst ein beträchtliches Vermögen besaß, schon seine Villa übertraf in ihrer Ausstattung alles, was ich in dieser Hinsicht bisher gesehen hatte. Das Foyer mit seinen silbergrau schimmernden Tapeten, mit dem Intarsienmobiliar und den teuren Holographien an den Wänden, der Wintergarten, die Sauna, das Schwimmbassin, das vom Keller nach draußen in den Garten führte, die Treppen mit den wuchtigen geschnitzten Geländern, die tiefen Teppiche, die Räume oben, soweit ich einen Blick hineinwerfen durfte, all das passte zu dem Bild, das ich mir vom Wohnsitz eines Millionärs machte. An Personal gab es freilich nur eine Haushälterin und einen Gärtner, lediglich für diesen Abend waren zwei weitere Frauen engagiert worden, die beim Servieren halfen.

Kellenhorst feierte sein zwanzigjähriges Firmenjubiläum, und soweit ich von seiner Frau gehört hatte, florierte der Betrieb. Nicht zuletzt des Ostgeschäfts wegen - man war auf den Abriss alter Gebäude spezialisiert, sanierte das jeweilige Gelände und bereitete alles für den Neubau vor.

Mein Auftrag hatte mit den Geschäften des Unternehmers allerdings nichts zu tun, ich sollte mich lediglich um den »Studenten« kümmern. Oder nicht einmal kümmern, nur aufpassen, dass er keine Dummheiten machte. »Das Problem besteht darin«, hatte seine Schwester gesagt, als sie in meinem bescheidenen Büro nahe der so genannten Weißenseeer Spitze im Besuchersessel saß und mir ihren Wunsch vortrug, »dass Uwe meinen Mann hasst, sich uns aber ständig aufdrängt. Er lässt keine Gesellschaft aus, die wir geben, kreuzt auch sonst auf, um zu streiten. Früher war es noch schlimmer, da wohnte er im Haus, und es verging fast kein Tag ohne Auseinandersetzungen. Dann habe ich ihm eine Wohnung besorgt, für die natürlich wir die Miete bezahlen, und seither geht es einigermaßen. Aber von Zeit zu Zeit glaubt er, den Rebellen spielen zu müssen. Festlichkeiten mit unseren Freunden hält er für am besten geeignet.«

»Weshalb laden Sie ihn immer wieder ein? Sie können sich ja anderweitig mit ihm treffen.«

Sie zupfte an ihren Handschuhen. Sie war klein, dunkelhaarig und schmal, den wuchtigen Sessel füllte sie kaum zur Hälfte aus. Elegant gekleidet... »Ich deutete doch schon an«, sagte sie, »dass er Gelegenheiten zum Streiten sucht. Anfangs haben wir ihn bei den Einladungen übergangen, aber er kriegte es immer irgendwie mit, wenn bei uns etwas los war. Mein Mann hat ihn ausgeladen, er kam trotzdem. Wenn man ihn hinauswirft, wird der Skandal noch größer, er schreit dann sonst was in die Gegend, und es fällt auf uns zurück. Manchmal kriegen wir ihn ja auch ganz gut über den Abend; hauptsächlich wenn er zuviel trinkt, spielt er verrückt. Wichtig ist, dass ihn jemand im Auge behält, der sich nicht um die Gäste kümmern muss. Falls er durchdreht, wenden Sie ein bisschen Gewalt an, er wird sich nicht groß wehren, er prahlt bloß. Sie setzen ihn in sein Auto und fahren ihn nach Hause. Das ist alles, was Sie zu tun haben.«

Es klang wirklich nicht besonders schwierig, und ich stimmte zu. Ich hatte sie noch gefragt, weshalb der Bruder ihren Mann hasse, und sie erklärte es psychologisch. »Wir sind beide ohne Vater aufgewachsen, nicht gerade wohlhabend, und dann habe ich meinen Mann kennen gelernt. Uwe mochte ihn von Beginn an nicht, er war eifersüchtig, was er natürlich nie zugeben würde. Er behauptet, Christian sei ein Protz, für den nur der Profit zähle. Aber das stimmt nicht. Uwe hat so verschwommene Gleichheitsideale. Und seit im Osten alles zusammengebrochen ist, betont er das erst recht.«

Ich erwiderte nichts, in diesem Punkt konnte ich mich gewiss besser in ihn hineinversetzen als sie. Ein bisschen war ich deshalb auch darauf gespannt gewesen, ihn kennen zu lernen. Vielleicht lag es an meinem Mitfühlen, dass ich ihm jetzt, trotz aller Vorsicht, zu nahe auf den Pelz gerückt war, ihn zu auffällig gemustert hatte. Wie auch immer, er hatte mich als Aufpasser erkannt. Falls er nun tatsächlich ausflippen sollte, würde ich es schwer haben, ihn zu besänftigen.

Jedenfalls schien es momentan besser, den Studenten in Ruhe zu lassen und mich in der Nähe des Hausherrn aufzuhalten. Solange sich die beiden an verschiedenen Orten befinden, dachte ich, kann nicht viel passieren. Ich nahm mir also ein Glas Orangensaft vom Büffet und ging hinüber in die Bibliothek. Dort ertönte über eine Stereoanlage Musik der siebziger Jahre. Zwei Pärchen tanzten in der Mitte des hohen Raumes, ein paar Männer und Frauen saßen in Sesseln um einen Tisch und unterhielten sich. Was bei dem Lärm nicht ganz leicht war. Aus Eichenholzregalen, die bis hoch zur Decke reichten, blickte das Wissen ganzer Jahrhunderte auf sie herab.

Die Tür stand offen, man ging ein und aus, trotzdem herrschte hier nicht Hollywood, sondern eher der steife Charme altbürgerlicher Tradition, in die sich ein sehr moderner marktwirtschaftlicher Zug mischte. Die Herren rauchten Zigarillos und debattierten über Baupläne, die Damen über die Mode und die Ausgestaltung von Ferienhäusern. Die Kosten spielten dabei eine große Rolle, die Frage der Finanzierung. Aber es fanden sich auch Grüppchen, die über Kunst, Politik und die Folgen der schnellen Einigung diskutierten.

Insgesamt mochten dreißig bis vierzig Gäste im Haus sein, doch nicht alle hielten sich in der Bibliothek auf, einige waren nebenan, einige draußen im Garten. Vielleicht vergnügten sich ein paar der jüngeren Leute sogar unten im Schwimmbad.

Frau Kellenhorst war Übersetzerin, sie hatte es jedoch nicht nötig, von diesem Beruf zu leben, betrachtete das Ganze mehr als Hobby. Am Vortag hatte sie mir zur Information zwei Kochbücher und einen Roman gezeigt, von ihr aus dem Italienischen ins Deutsche gebracht, denn ich sollte der illustren Gesellschaft als Verleger vorgestellt werden. Von meiner wahren Tätigkeit hatten nur sie und ihr Mann eine Ahnung.

Ich selbst wusste von den Leuten, die eingeladen waren, herzlich wenig. Einige gehörten zu Kellenhorsts Firma, waren Abteilungsleiter, irgendwelche mehr oder weniger verantwortlichen Mitarbeiter, andere vertraten Unternehmen, mit denen Kellenhorst zusammenarbeitete. Es gab ein paar Freunde und Verwandte der Familie, zum Beispiel die Schwester des Chefs mit ihrem Mann, und es gab sogar Abgesandte des Senats. Mich brauchte das alles nicht zu interessieren, es war eine Welt, in der ich mich für diese eine Nacht bewegte, ohne direkten Kontakt mit ihr aufzunehmen. Einen Tag später würde ich bereits wieder andere Schafe scheren.

Kellenhorst, ein großer, schon etwas grauhaariger, agiler Mann, unterhielt sich lebhaft mit einer korpulenten Dame, deren Bedeutung oder Nichtbedeutung ich nicht einzuschätzen vermochte. Als er mich in der Tür auftauchen sah, prostete er mir zu: »Ich hoffe, Sie unterhalten sich gut.« Und eingedenk der Rollen, die wir beide spielten, fügte er, an seine Gesprächspartnerin gewandt, hinzu: »Dr. Krey« - zum ersten Mal besaß ich einen akademischen Grad - »möchte unbedingt, dass meine Frau ein Büchlein über neapolitanische Gerichte in unsere Sprache überträgt. Er verspricht sich einen guten Erfolg davon.«

»Ich bewundere Ihre Frau«, sagte die Dame, »leider werde ich mit meiner Figur diese schönen Gerichte nicht ausprobieren können. Aber falls Sie einmal ein Büchlein mit Diätrezepten herausbringen, denken Sie an mich.«

Isabelle Kellenhorst war nicht in der Bibliothek. Ich murmelte, dass bei uns auch eine Sammlung in Vorbereitung sei, die zum Schlankwerden beitrüge, und nickte den beiden freundlich zu. Nachdem ich ein paar Minuten den Tanzenden zugeschaut, in einem Buch über die Sitten der Kelten geblättert und eine kleine Statue bewundert hatte - eine Minerva, die das Treiben hier gelassen betrachtete -, zog ich mich langsam wieder aus dem Raum zurück.

Ich trat ans Fenster. Es war ein schwüler Sommertag fast ohne jeden Lufthauch gewesen, und nun kündigte sich ein Gewitter an. Gelblich umrandete Wolken standen am Himmel, erste Blitze zuckten, Wind rauschte auf, zauste die Bäume und Büsche im Garten. Die Gäste, die sich draußen aufgehalten hatten, strebten der Villa zu.

»Wo ist mein Bruder, was macht er?«, fragte in diesem Augenblick die Frau des Hauses, die, von der Küche her kommend, auf mich zugetreten war.

»Er ist nach unten gegangen. Ihm ist leider aufgefallen, dass ich etwas anderes bin, als ich zu sein vorgegeben habe. Ich halte mich besser auf Distanz zu ihm, solange er Ihren Mann nicht behelligt.«

Sie zeigte sich, wie nicht anders zu erwarten, unzufrieden. »Es gefällt mir gar nicht, dass Uwe Sie durchschaut hat«, erklärte sie, »ich sagte Ihnen ja, dass er gewitzt und misstrauisch ist. Er wird das zum Anlass nehmen, uns neue Vorwürfe zu machen. Aber es ist nun wohl nicht mehr zu ändern. Hat er viel getrunken?«

»Einiges. Doch soviel ich sehen konnte, hält es sich in Grenzen.«

»Trotzdem, man muss aufpassen. Ich werde mal nach ihm sehen. Warten Sie hier auf mich.«

Sie ließ mich stehen und schritt die Treppe zum Foyer hinunter. Durch ihre zierliche Statur wirkte sie wie dreißig, obwohl sie bestimmt nur wenig jünger war als ihr Mann, den ich auf Mitte Vierzig schätzte. Sie schien nervös.

Eines der Paare, die in der Bibliothek getanzt hatten, kam heraus. Die Frau, kräftig geschminkt und energisch, steuerte sofort auf mich zu, als sie meiner ansichtig wurde. »Ich hab vorhin gehört, dass Sie Bücher herausgeben«, sagte sie. »Wissen Sie, dass mein Mann ein heimlicher Schriftsteller ist?«

»Aber so kannst du das doch nicht nennen, Barbara«, murmelte der Mann. Sein rundes, von einem gepflegten Bart umrahmtes Gesicht bekam einen verlegenen Ausdruck.

»Doch, doch, warum sollst du dein Licht unter den Scheffel stellen. Er schreibt kurze lustige Geschichten und hat schon mal was in einer Zeitschrift veröffentlicht. Nur mit den Verlagen klappte es bisher noch nicht.«

»Mein Verlag ist sehr klein, ich gebe vor allem Kochbücher heraus«, wandte ich ein.

»Na und? Robert ist vielseitig, er liebt die Küche und hat auch übers Essen geschrieben. Über Essen in Deutschland, stimmt's?« Sie stukte ihn aufmunternd in die Seite.

»Ach, mein Beruf lässt mir gar keine Zeit zum Schreiben«, wehrte sich der Mann, der spürte, dass ich nicht scharf auf seine literarischen Produkte war.

»Arbeiten Sie in der Firma von Herrn Kellenhorst?«, erkundigte ich mich, um höflich zu erscheinen.

»Aber nein, wir haben ein eigenes Unternehmen«, erwiderte an seiner Stelle die Frau. »Außerdem ist mein Mann in der Politik tätig. Das nimmt eine Menge Zeit in Anspruch.«

»Und was für ein Unternehmen haben Sie, wenn man fragen darf?«

Der Mann sagte: »Es ist nur ein kleiner Betrieb. Nicht hier, sondern im Brandenburgischen. Wir stellen Gartenmöbel her.«

Ich war ein bisschen erstaunt, wie er als Gartenmöbelproduzent aus dem Brandenburgischen hierher auf diese Party kam, doch wir wurden abgelenkt. Plötzlich zuckte vorm Fenster grell ein Blitz, und ein Donnerschlag ertönte. »Es gewittert ja«, rief die Frau.

Die Gäste, die draußen gewesen waren, kamen die Treppe herauf, man trat ans Fenster. Ich nutzte die Gelegenheit und löste mich von dem Ehepaar.

Klappernde Absätze näherten sich unten. Isabelle Kellenhorst tauchte auf; sie war im hinteren Teil des Gebäudes gewesen, wo sich die Sauna und das Schwimmbad befanden. Als sie mich sah, winkte sie mich ins Foyer. »Kommen Sie schnell, ich brauche Sie jetzt.«

Ich lief die Treppe hinab; die Gäste, noch in der Bibliothek oder vom Schauspiel vor den Fenstern gefesselt, achteten nicht auf uns. »Ist etwas passiert?«

»Uwe hat sich mit einem guten Bekannten von uns angelegt. Und mit einem anderen Herrn. Ich wusste doch, dass es nicht glatt geht. Zum Glück hat es nur eine kleine Auseinandersetzung gegeben. Wir müssen ihn wegbringen.«

Ich folgte ihr zum Swimmingpool. Ein ovales Becken, rötlich gefliest, wie der Fußboden und die Wände des Raumes. Ein paar Liegen gab es, Plasttische und Stühle, an Haken hingen Handtücher. Durch eine Öffnung, die im Augenblick mit einer Klappe verschlossen war, konnte man nach draußen schwimmen. Hier war es wärmer als oben, und gern hätte ich mich aus meinem zu engen Jackett geschält, das mir von der Hausherrin eigens für diese Feier zur Verfügung gestellt worden war, oder überhaupt aus meinen Kleidern. Aber es war nicht der Zeitpunkt, Badefreuden nachzugehen.

Am Beckenrand, in der Nähe des Durchschlupfes nach draußen, hockten zwei Männer, die im Begriff waren, einen dritten aus dem Wasser zu ziehen. Sie hatten dabei einige Mühe. Die dritte Person nämlich gurgelte, spuckte und wehrte sich. Es war der »ewige Student«.

Uwe Knef war in voller Kluft, in Anzug, Hemd und Schlips, so wie ich ihn oben gesehen hatte, nur dass ihm die Haare triefend ins Gesicht hingen. Die beiden anderen Männer trugen lediglich Badehosen. Nass waren sie allesamt, aber ich konnte mir gut vorstellen, wem von den dreien der feuchte Zustand am wenigsten gefiel.

»Ich habe Uwe zuerst vorm Haus und im Garten gesucht«, sagte Isabelle Kellenhorst, »konnte ihn aber nirgends entdecken. Als ich hierher kam, ging er gerade auf diese beiden Herren los. Ich hab nicht erst abgewartet, wie sich die Sache entwickeln könnte, sondern bin sofort losgerannt, um Sie zu holen.«

»Wir wären auch allein mit ihm fertig geworden, Frau Kellenhorst«, murmelte der eine der Männer, ein schlanker, sportlicher Typ mit kurz geschnittenem Kraushaar, und der zweite, ein Hüne, bestätigte das durch Kopfnicken.

Sie hatten es inzwischen geschafft, den Studenten aus dem Bassin zu ziehen und auf den Boden zu legen. Er atmete schwer, wehrte sich aber nicht mehr. Er hatte die Augen offen und schien in einer Art Dämmerzustand.

»Er muss weit mehr Alkohol getrunken haben, als Sie annahmen«, sagte die Frau tadelnd zu mir.

Ich hatte nun doch das Jackett und den Binder abgelegt, warf beides auf eine der Liegen. Ich kniete mich nieder und begann, ihrem Bruder die nassen Sachen auszuziehen. »Vielleicht hat er im Foyer noch einiges zu sich genommen«, erwiderte ich.

Der Kraushaarige stimmte mir zu. »So wie er sich benahm, ist das durchaus möglich. Entschuldigen Sie, wenn ich das so direkt ausspreche, Frau Kellenhorst.«

»Schon gut, ich kenne meinen Bruder. Am besten, wir bringen ihn jetzt hier weg und nach Hause. Dort kann er sich ausschlafen. Ich hol ihm einen Bademantel.« Sie verschwand in einem Nebenraum.

»Weshalb hat er sich eigentlich mit Ihnen gestritten?«, fragte ich die beiden Männer.

»Es war kein Streit.« Diesmal antwortete der Hüne. Er trug einen breiten Goldring am Mittelfinger der rechten Hand mit einem blitzenden Stein, und ich fragte mich unwillkürlich, was das Schmuckstück wert sein mochte. »Wir schwammen ein paar Runden, da kam er herein und beschimpfte uns. Als Lakaien Kellenhorsts, die anderen Ausdrücke will ich nicht wiedergeben. Na, wir sind das schon gewöhnt, er ist bisweilen so, eine schöne Tracht Prügel täte ihm gut, doch um des lieben Friedens und seiner Schwester willen...«

»Ah ja, Lakaien, das Wort hab ich auch schon von ihm gehört«, sagte ich.

»Wir kümmerten uns nicht weiter um ihn. aber er gab keine Ruhe«, erklärte nun wieder der Kraushaarige. »Als wir aus dem Wasser stiegen, beschimpfte er uns jedenfalls erneut. Er packte mich bei der Badehose und fuchtelte mir mit den Fäusten vor der Nase herum. Ich hab ihm einen Schubs gegeben. Er fiel ins Becken, und wir haben ihn ein bisschen getaucht, das Vergnügen wollten wir uns nicht nehmen lassen. Das war bereits alles.«

Frau Kellenhorst kam mit einem Bademantel wieder, wir richteten ihren Bruder auf, streiften ihm die restlichen Hüllen ab und die neue, flauschig warme, über. Sie drückte mir irgendwelche Auto- und Wohnungsschlüssel in die Hand und sagte: »Der rote Ford mit dem aufgemalten Tiger vorn auf der Motorhaube ist seiner. Kommen Sie zur Hintertür, dort laden wir Uwe ein.«

2. Kapitel

Das Gewitter dauerte an, wenn es auch schwächer geworden war. Von Windböen gehetzt, strich der Regen herab, und da ich einige Minuten brauchte, bis ich den Ford gefunden hatte, bekam ich jetzt ebenfalls mein Bad ab. Dennoch war es mir lieber so, als wenn alle möglichen Gäste im Garten herumspaziert wären. Wie vorhin, bei trockenem Wetter. Außerdem war nun das Ende meines Nachtdienstes abzusehen.

Ich fuhr den Wagen, einen flotten Zweitürer, der allerdings schon etwas verbeult war, zum Hintereingang, wo mich die anderen bereits erwarteten. Das heißt, der Kraushaarige war nicht mehr dabei, er hatte sich wieder zu den übrigen Gästen gesellt. Wir brauchten ihn auch nicht. Der Hüne - auch er trug jetzt einen der flauschigen Bademäntel, die anscheinend in größerer Menge bereitlagen - hielt Uwe Knef im Arm wie eine große Puppe. Die Hausherrin hatte mein Jackett mit, ich sollte es in den nächsten Tagen bei ihr abliefern.

Ich klemmte mich erneut hinter das Lenkrad, und sie schoben den Studenten auf den Nebensitz. In sich zusammengesunken, gab er leise Schnarchtöne von sich; der Bademantel klaffte oben auseinander und ließ ein Stück dünn behaarter Brust sehen. »Rufen Sie mich an, sobald Sie ihn zu Hause abgeliefert haben«, sagte Frau Kellenhorst, bevor sie die Tür des Wagens schloss. »Damit ich weiß, dass alles in Ordnung geht.«

Ich fuhr los, denn die Adresse war mir bekannt, wir hatten diese Variante als eine von verschiedenen Möglichkeiten vorher besprochen. Zwar musste ich den Weg erst suchen - bei Regen und nächtlicher Laternenbeleuchtung gab es dabei zunächst ein paar Schwierigkeiten -, aber als ich das Gebiet um die Villa herum verlassen hatte, wurde es besser. Ich bog in eine breite Allee ein, die Charlottenburger Chaussee, die in den Spandauer Damm übergeht, beschleunigte und rollte eine Weile dahin, ganz auf den Verkehr konzentriert. Dann musste ich an die Szene im Schwimmbad zurückdenken und fand die Sache eher amüsant als aufregend. Plötzlich jedoch begann der Mann neben mir zu stöhnen und zu schlucken. Erst murmelte er etwas, kurz darauf sagte er ziemlich verständlich: »Was ist... was wollt ihr von mir... wo bin ich?«

»Sie sitzen in Ihrem Wagen«, erwiderte ich. »Niemand will etwas von Ihnen. Ich bringe Sie nur nach Hause.«

Es war nicht klar, ob er meine Worte begriff. »Mir ist schlecht«, murrte er, »ich will raus.«

»In einer Viertelstunde sind wir da. Dann können Sie sich ausschlafen.«

Er schnarchte schon wieder, schniefte zwischendurch heftig. Doch nach zwei Minuten erwachte er erneut, diesmal mit einem Gurgeln. »Halt an, Mann, ich muss kotzen.«

Es war nicht mein Auto, das er beschmutzen würde, und vielleicht hätten wir es bis zu seiner Wohnung geschafft. Es konnte nicht mehr weit sein. Ich fuhr trotzdem an den Straßenrand und hielt an einem Ahornbaum. »Geht's wirklich nicht mehr?«

»Wer bist du? Was habt ihr mit mir gemacht?«

Er schien sich an nichts mehr zu erinnern, war wohl auch noch immer nicht ganz da. Ich erwiderte: »Ich selbst hab gar nichts gemacht, ich fahr Sie bloß. Sie sind in der Villa Ihrer Schwester ins Wasser gefallen. Haben sich mit den Gästen angelegt. Hatten wohl zuviel getrunken.«

Er stierte mich an, als würde er nicht das Geringste begreifen. Dann fasste er nach der Türverriegelung. »Ich muss kotzen«, wiederholte er.

Ich löste seinen Gurt und sprang aus dem Wagen. Lief ums Auto herum und riss die Tür auf. Halb rutschte er heraus, halb zog ich ihn. Es gelang ihm, allein zu stehen. Er stützte sich mit den Händen gegen den Baumstamm und übergab sich. Ich stand neben ihm. Es regnete immer noch. Wir werden uns beide erkälten, dachte ich.

Erst jetzt bemerkte er anscheinend, dass er nur den Bademantel anhatte. »Wo sind meine Sachen?«

»Im Haus Ihrer Schwester. Zum Trocknen, nehme ich an. Ich sagte Ihnen doch, dass Sie ins Schwimmbecken gefallen sind.«

Endlich schien ihm etwas zu dämmern. »Diese Stinker«, knurrte er, »Banditen. Haben manipuliert, Leute bestochen, sich die Unterlagen verschafft. Denken, sie können jeden kaufen...« Er übergab sich erneut.

»Was für Unterlagen? Was meinen Sie?«

Er winkte ab. »Ach, Scheiße.«

Autos brausten in beiden Richtungen vorbei, ihre Scheinwerfer tanzten über uns hinweg. Da wir ungünstig neben einer Pfütze gehalten hatten, bekam ich einen Schwall Wasser auf die Hose. Ich fluchte.

Der Student brachte ein hämisches Grinsen zustande. »Geschieht dem Lakaien ganz recht«, sagte er. Also wusste er mich doch einzuordnen.

»Wenn Sie wieder bei Laune sind, können wir vielleicht weiterfahren. Oder wollen Sie im Regen und in diesem Schlamm Wurzeln schlagen?«

Er ließ den Baum los und hätte sich fast hingesetzt. Es gelang mir, ihn aufzufangen.

»Das ist nicht der Schnaps und nicht das Wasser. Die haben mir was ins Glas getan.«

»Blödsinn«, sagte ich, »Sie sollten die Schuld nicht bei anderen suchen, sondern bei sich.« Mit einiger Mühe bugsierte ich ihn zurück auf seinen Platz.

Ich stieg gleichfalls wieder ein und ließ den Motor an. Der Student hatte sich beruhigt, schien weiterschlafen zu wollen. Doch noch bevor ich losfahren konnte, zuckte er jäh auf. »Verdammt, wo ist das Foto?« Er griff hastig in die Tasche des Bademantels, natürlich ohne etwas zu finden.

»Wenn Sie ein Foto bei sich trugen, als Sie ins Becken tauchten«, bemerkte ich trocken, »wird es kaum in diesem Bademantel stecken. Außerdem dürfte darauf nicht mehr viel zu erkennen sein.«

Er glotzte mich einen Augenblick lang an, versuchte sich offenbar zu konzentrieren. »Du hast es kassiert, du steckst mit denen unter einer Decke.«

Mir ging sein Gerede langsam auf die Nerven. »Damit das mal klar ist«, sagte ich. »Es stimmt zwar, ich habe von Ihrer Schwester den Auftrag erhalten, ein bisschen auf Sie aufzupassen, damit die Feier friedlich über die Bühne geht, immerhin handelt es sich ja um ein Jubiläum, aber ich vergreife mich deshalb noch lange nicht an Ihren Sachen. Ich bin ein Privatdetektiv aus dem Osten und werde nicht gerade mit Aufträgen überhäuft. Da nimmt man so eine Arbeit schon mal mit. Das ist aber auch alles. Nichts von wegen Lakai und unter einer Decke stecken. Und dass man auf Sie aufpassen muss, haben Sie sich selbst zuzuschreiben.«

Er murmelte etwas Unverständliches, war gar nicht in der Lage, mir zuzuhören. Nun ja, ich hatte das wohl auch mehr zur eigenen Rechtfertigung gesagt.

Auf einmal griff er nach unten auf den Boden des Wagens, was ihm nicht gerade leicht fiel. Er tastete herum und hob tatsächlich ein Foto auf. Bei der schummrigen Beleuchtung im Auto konnte ich darauf lediglich eine weibliche Gestalt erkennen, eine junge Frau in einer bergigen Landschaft.

»Es steckte nicht im Jackett, es lag im Handschuhfach und ist runtergefallen«, brummte der Student zufrieden, »sie haben es mir nicht abgenommen.« Er stopfte die Aufnahme in die Tasche seines Bademantels. Dann schlief er wieder ein. Ich zuckte die Achseln und fuhr los.

Zehn Minuten später hielten wir in der Nähe des Richard-Wagner-Platzes in einer Seitenstraße. Ein Appartementhaus, fünf oder sechs Stockwerke hoch, mit einer neu verputzten Fassade und breiten Balkonen - die Miete musste beträchtlich sein. Schlecht hatte Frau Kellenhorst ihren aufmüpfigen Bruder nicht untergebracht.

Der Student schnarchte vor sich hin, ihn wachzurütteln und zum Aussteigen zu bewegen, gelang nur mit einiger Mühe. »Wir sind da, Sie dürfen endlich ins Heiabett«, sagte ich. Er gab keine Antwort, wankte zum Eingang, setzte sich auf die niedrige Schwelle. Das kam mir entgegen, denn so hatte ich Zeit, sein Auto abzuschließen.

Es ging auf elf, war also noch früh am Tag, ich hatte mit einer viel späteren Heimkehr gerechnet. Uwe Knef schien das genauso zu empfinden. Als er sich mit meiner Unterstützung wieder von seiner Stufe hochgestemmt hatte, sagte er: »Was soll ich jetzt schon zu Hause, wir gehn in die Kneipe dort vorn. Ich erzähl dir was...«

»Erzähl es mir oben. Für die Kneipe hast du ein bisschen zu wenig an.«