Aufwachsen in Geborgenheit - Kent Hoffman - E-Book

Aufwachsen in Geborgenheit E-Book

Kent Hoffman

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Beschreibung

Kinder sicher ins Leben begleiten Viele Eltern fühlen sich heute sehr unter Druck, alles richtig zu machen. Doch Kinder brauchen keine perfekte Umgebung; das, was sie wirklich brauchen, ist Geborgenheit und emotionale Sicherheit. Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell haben das erfolgreiche pädagogische Konzept Der Kreis der Sicherheit entwickelt, das bereits Tausenden Familien geholfen hat, eine stabile Bindung zwischen Eltern und Kindern aufzubauen. Nun liegt ihr Ratgeber erstmals auf Deutsch vor. Mit ihm können Sie als Eltern lernen, wie Sie Ihrem Kind gleichermaßen Geborgenheit und Schutz geben und seine Eigenständigkeit fördern, welche emotionalen Bedürfnisse ein Kleinkind oder ein älteres Kind durch problematisches Verhalten zum Ausdruck bringt und wie Ihre eigene Kindheit sich auf Ihren Erziehungsstil auswirkt - und wie Sie etwas daran ändern können. Mit eindrücklichen Geschichten und praktischen Anregungen erfahren Sie, wie Sie einen verständnisvollen Umgang mit sich selbst entwickeln sowie Flexibilität und die Bereitschaft, Fehler zu machen und daraus zu lernen - für ein achtsames Familienleben und ein geborgenes Aufwachsen Ihres Kindes.

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Seitenzahl: 559

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell, unter Mitarbeit von Christine M. Benton

Aufwachsen in Geborgenheit

Wie der Kreis der Sicherheit Bindung, emotionale Resilienz und den Forscherdrang Ihres Kindes unterstützt

Vorwort von Daniel Siegel Aus dem amerikanischen Englisch von Lisa Baumann

Arbor Verlag Freiburg im Breisgau

© 2019 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag GmbH, Freiburg

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:

Raising A Secure Child. How Circle of Security Parenting can help you nurture your child‘s attachment, emotional resilience, and freedom to explore

Copyright © 2017 The Guilford Press

A Division of Guilford Publications, Inc.

Published by arrangement with The Guilford Press

Titelfoto: © 2019 David-W- / photocase.de

Lektorat: Richard Reschika

Hergestellt von mediengenossen.de

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

E-Book 2020

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978-3-86781-357-0

Wichtiger Hinweis: Die Ratschläge und Übungen in diesem Buch sind von den Autoren sowie dem Verlag sorgfältig geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Bei ernsthafteren oder länger anhaltenden Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall eine Ärztin, einen Psychotherapeuten, eine Psychologin oder einen Heilpraktiker Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung der Autoren oder des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Mit Respekt und Dankbarkeit für Jude Cassidy, Mentorin, Kollegin und Freundin

Inhalt

Geleitwort

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Vorwort

Vorbemerkung der Autoren

Einleitung

TEIL 1

Einmal im Kreis herum: Bindung und die Bedeutung von Sicherheit verstehen

1. Bindung: Warum sie wichtig ist

2. Sicherheit: Mit der Unvollkommenheit Freundschaft schließen

3. Eine Landkarte der Bindung: Der Kreis der Sicherheit

4. Die Hände auf dem Kreis sein

5. Haifischmusik: Wie unsere Kindheit in unserem eigenen Elternsein widerhallt.

6. Verhalten als Kommunikation verstehen: Signale und falsche Signale

TEIL 2

Den Kreis bilden und erhalten: Größer, stärker, weiser und gütig – und ausreichend gut

7. Haifischknochen: Unsere zentralen Sensitivitäten erkunden

8. Neue Gewässer erforschen: Sich für Sicherheit entscheiden

9. Über Wasser bleiben: Sich immer wieder für Sicherheit entscheiden, während Ihr Kind größer wird

Literatur

Danksagungen

Über die Autoren

Geleitwort

Dieses Buch richtet sich an Eltern und alle Menschen, die an Kindern, Bindung und Entwicklung interessiert sind und sich selbst in Beziehung zu anderen betrachten mögen. Es ist ein wegweisendes Buch, weil es den Wunsch nach einer besseren Welt teilt. In ihr kann es Eltern gelingen, eine liebevolle und sichere Bindung zu ihrem Kind aufzubauen und es darin zu bestärken, sich neugierig und vertrauensvoll der Welt zuzuwenden.

Die Autoren Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell führen den Lesenden mühelos in die Bausteine des Elternseins und deren Anwendung anhand ihres „Kreises der Sicherheit“ ein. Sie erläutern anhand von theoretischen und praktischen Beispielen, Übungen und Checklisten, wie mit Hilfe der Landkarte „Kreis der Sicherheit“ und der Erkundung eigener „Haifischmusik“ mehr Orientierung, Schutz und Freude in der Beziehung zum Kind möglich wird. „Haifischmusik“ steht für eigene Gefühle von Unlust, Unbehagen, Entfremdung, Angst, Wut oder für spezifische Gedanken, die in der Beziehung zum Kind auftreten können. Das Erkennen der „Haifischmusik“ auf dem „Kreis der Sicherheit“ schafft eine Verbindung zu eigenen Erfahrungen mit Bindungsfiguren der Kindheit. Dies ermutigt zum bewussten Dialog mit anderen und dem Kind.

Nach dem „Kreis der Sicherheit“ ermöglicht das Elternsein einen Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozess, der emotional aufwühlend, schmerzhaft, aber auch befreiend sein kann. Es kann Verständnis und Akzeptanz für die eigenen elterlichen Schwierigkeiten und die des Kindes anregen und dazu beitragen, einen sicheren Mutter/Vater-Kind-Kreis zu stärken. Dieses Buch zum Elternsein nach dem „Kreis der Sicherheit“ fördert in ansprechender Weise die Entwicklung von Familie und seelischer Gesundheit.

PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Brigitte Ramsauer,

Circle of Security International Provider; Universitätsklinikum Münster; [email protected]

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Dieses Buch spricht für sich selbst. Ich will mich deshalb kurz fassen. Endlich liegt nun auch für die Eltern im deutschen Sprachraum eine spannend geschriebene Beschreibung des „Kreises der Sicherheit“ vor, mit dem sich bindungs- und beziehungsorientierte Erziehung besser verstehen – und „bestaunen“ – lässt!

Warum Bestaunen? Weil Menschenkinder in ihrer Entwicklung in Wirklichkeit einen schier irrwitzigen Spagat bewältigen müssen:

… einerseits sind sie die unreifsten, entwicklungsbedürftigsten und die „sozialsten“ Lebewesen, die es auf der ganzen Erde gibt – und damit auf Gedeih und Verderb auf Schutz, Nähe, Versorgung, Pflege und feinfühlige Begleitung angewiessen. Und wie!

… andererseits sind sie die einzigen Lebewesen, die sich auf eine komplett ungewisse Zukunft vorbereiten müssen. Das liegt an der einmaligen Anpassungsstrategie des Homo sapiens: Anders als die Tiere passt er sich der Umwelt an, indem er sie verändert. Menschenkinder müssen sich deshalb immer in dem Neuland zurechtfinden, das unter ihren Füßen gerade entsteht. Was für eine Herausforderung!

Und schon sind wir bei der menschlichen Bindung, bei den Beziehungen zwischen den Kindern und den sie begleitenden Erwachsenen. Dieses System muss schützen, absichern und behüten. Es muss aber gleichzeitig auf eine unscharfe, ungewisse Zukunft vorbereiten, auf eine Zukunft, die weder die Eltern eines Kindes kennen noch seine Erzieherinnen oder Erzieher. Ja, die Bindung, die das Kind erfährt, muss schützen, und wie! Sie muss aber gleichzeitig die Plattform zu „eigensinnigem“ Lernen und Handeln sein. Sie muss „binden“, aber auch befreien.

Der „Kreis der Sicherheit“ erklärt, wie Kinder diese Quadratur des Kreises schaffen. Je besser Eltern diesen Kreis verstehen, desto besser können sie Kinder auf ihrem Entwicklungsweg begleiten. Ich wünsche diesem Buch deshalb alle Aufmerksamkeit der Welt.

Herbert Renz-Polster

Autor der Bücher Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung und Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen, Co-Autor von Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen

Vorwort

Wenn Sie nach einem praktischen, klugen, wissenschaftlich fundierten und verständlichen Handbuch suchen, das Ihnen hilft, zu Ihrem Kind die Art von Bindung aufzubauen, die es optimal in seiner Entwicklung unterstützt, dann halten Sie es gerade in der Hand! Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell sind ausgesprochen begabte und erfahrene Therapeuten. Ihr Kreis der Sicherheit (Circle of Security®) bietet Eltern praktische und effektive Hilfe, ihre Kinder gut zu unterstützen, was inzwischen auch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen.

Als ich diesen drei Meistern menschlicher Beziehung vor einigen Jahren zum ersten Mal begegnete, war ich augenblicklich von ihrer Feinfühligkeit, Liebenswürdigkeit und Menschlichkeit eingenommen. Die Entwicklung ihres Ansatzes beruhte von Anfang an auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Bindungsforschung, die sich dem Kontakt zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen widmet, sodass die theoretischen Fundamente des Ansatzes auf solidem Boden stehen. Zudem wurde überprüft, ob sich das Modell auch in der Praxis bewährt, und zwar nicht nur in den eigenen Kursen der Autoren, sondern auch bei den Menschen auf der ganzen Welt, die den Ansatz inzwischen anwenden. Da er auch auf den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften basiert, vermittelt er das aktuellste und derzeit wohl beste Wissen zum Thema „Kindererziehung“.

Der Begriff Bindung bezieht sich darauf, dass wir als Säugetiere darauf angewiesen sind, von anderen umsorgt zu werden, während wir heranwachsen. Unsere Entwicklung wird maßgeblich dadurch geprägt, wie unsere Bezugspersonen von unseren ersten Lebenstagen an mit uns kommunizieren. Die Bindungsforschung hat gezeigt, dass Kinder, die das Glück haben, eine sogenannte „sichere“ Bindung zu entwickeln, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu fürsorglichen, rücksichtsvollen, emotional und sozial intelligenten, resilienten und erfolgreichen Menschen heranwachsen.

Wenn auch Sie sich diese lebensbejahenden Eigenschaften für Ihr Kind wünschen, wird Ihnen der Kreis der Sicherheit zeigen, wie Sie deren Entwicklung begünstigen können. Nun fragen Sie sich vielleicht, wieso man ein Buch über etwas lesen sollte, das doch die natürlichste Sache der Welt zu sein scheint. Warum haben nicht einfach alle Menschen eine sichere Bindung?

Forschungsergebnissen zufolge spielen beim Aufziehen von Kindern viele Faktoren eine Rolle, und damit es den Kindern gut geht, ist es wichtig, dass sie sich gesehen, geborgen und sicher fühlen. Allerdings gibt es viele mögliche Störfaktoren. Einer dieser Faktoren ist die Kindheit der Eltern. Doch die Forschung hat auch dazu starke und klare Fakten geliefert: Nicht die Ereignisse unserer Kindheit an sich sagen als entscheidender Faktor die Bindung zwischen uns und unseren eigenen Kindern voraus, sondern die Bedeutung, die wir den uns prägenden Kindheitserfahrungen geben. Detaillierte Studien an über zehntausend Menschen haben gezeigt, dass das Entscheidende ist, wie wir die weniger guten Dinge verarbeitet haben, ob wir verstehen, wie sie unsere Entwicklung geprägt haben, und ob wir sehen können, wie sie sich auf unser heutiges Elternsein auswirken (eine Zusammenfassung dieser Erkenntnisse finden Sie in meinem Buch Wie wir werden, die wir sind: Neurobiologische Grundlagen subjektiven Erlebens (Siegel, 2012). Aber selbst dann, wenn wir eine sichere Bindung an unsere eigenen Eltern oder andere Bezugspersonen hatten, können wir davon profitieren, mehr Bewusstheit in die Art und Weise zu bringen, auf die wir für unsere Kinder sorgen. Schließlich ist es immer möglich, etwas dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln! Die wirklich gute Neuigkeit ist, dass es nie zu spät ist, die eigene Lebensgeschichte zu verstehen und die Beziehungen zu den Menschen, die Sie lieben, zu verbessern.

Wenn Sie nun eine neue Weise kennenlernen, über die Beziehung zu Ihrem Kind zu reflektieren, werden Sie klarer sehen, dass in der Kommunikation mit ihm eine wunderbare Möglichkeit liegt, auf sehr erfüllende Art und Weise „mit Ihrem Kind zu sein“, wie die Autoren es nennen. Bei der Lektüre dieses großartigen Buches werden Sie unter anderem erfahren, wie die sogenannte „Haifischmusik“ (der brillante und sinnträchtige Name, den die Autoren dem Echo unserer eigenen Bindungserfahrungen verliehen haben) aus impliziten Erinnerungen aufsteigen kann. Wir alle verfügen über eine ganze Lagerhalle voller Emotionen, Bilder, Körperempfindungen und Überzeugungen, von denen uns vielleicht noch nicht einmal klar ist, dass sie der Vergangenheit angehören, und die unsere Fähigkeit einschränken können, uns mit unserem Kind auf diese wichtige (und erlernbare) Art und Weise zu verbinden, die eine sichere Bindung fördert. Üblicherweise bemerken wir es noch nicht einmal, wenn Haifischmusik den Kontakt zu unseren Kindern stört. Dieses Buch wird Ihnen zeigen, wie man mit solchen Erfahrungen umgehen und dafür sorgen kann, dass sie sich nicht länger negativ auf die Begleitung der Kinder auswirken.

Keine Beziehung ist je perfekt. Falls Sie Perfektionismus anstreben, erzeugen Sie womöglich bereits dadurch, dass Sie zu streng mit sich selbst sind, Spannungen in der Beziehung zu ihrem Kind. Dieses Buch steckt voller praktischer Anregungen dazu, wie Sie gütiger mit sich selbst umgehen und dadurch auch Ihrem Kind eine aufgeschlossene Haltung vorleben können. Und wenn in diesen eingespielten Beziehungen die unvermeidlichen Brüche passieren, dann können Sie bestimmte Absichten fassen und heilsame Wiedergutmachungen anbieten – eine weitere gute Nachricht aus der Bindungsforschung. Dieses Buch wird Ihnen anhand beeindruckender Beispiele und einer klaren Schilderung des wichtigen Wiedergutmachungsprozesses zeigen, wie sich solche Brüche erkennen und heilen lassen.

Während ich diese weisen Worte las, war ich immer wieder beeindruckt von der außerordentlichen Feinfühligkeit, Klarheit und Brillanz dieser bescheidenen und engagierten Experten. Aufwachsen in Geborgenheit ist ein großes Geschenk an uns, unsere Kinder und die ganze Welt. Ich möchte Kent, Glen, Bert und ihrer Kollegin Christine Benton von Herzen dafür danken, dass sie ein solches Meisterwerk zusammengestellt haben. Und Ihnen, liebe Leser, danke ich dafür, dass Sie die Einsicht, den Mut und die Liebe haben, diese Seiten auf sich wirken zu lassen und Sicherheit in das Leben Ihres Kindes zu bringen. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf dem Weg!

Daniel J. Siegel, MD

Autor der Bücher Wie wir werden, die wir sind, Aufruhr im Kopf, Die Alchemie der Gefühle und Mind: Eine Reise ins Herz des Menschseins; Co-Autor von Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen, Achtsame Kommunikation mit Kindern und Disziplin ohne Drama

Vorbemerkung der Autoren

Wir freuen uns sehr, dass Sie auf unseren Ansatz für Eltern gestoßen sind. Wir hoffen, dass Sie dieses Material mit anderen Eltern und Experten teilen werden. Jedoch sind wir uns auch darüber im Klaren, dass das schriftliche Wort kein Ersatz für Ausbildungen und Supervisionen sein kann, und wir sind der Meinung, dass das Lesen des Materials keine angemessene Vorbereitung darstellt, um Circle of Security® („Kreis der Sicherheit“) Interventionen in irgendeiner Form anzubieten.

Es ist uns ein äußerst wichtiges Anliegen, dass die Qualität der Circle of Security Protokolle erhalten bleibt. Aus diesem Grund unterliegt der Name Circle of Security dem Markenschutz und die Grafiken in diesem Buch unterliegen dem Copyright. Weitergehende Informationen zu dieser Arbeit in einem professionellen Kontext finden Sie in unserem Buch Der Kreis der Sicherheit: Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. Um die Erlaubnis zu erhalten, den Namen Circle of Security® oder Circle of Security Parenting für Werbematerial oder zu Forschungszwecken zu verwenden, besuchen Sie bitte unsere Webseite: www.circleofsecurity.com. Vielen Dank für Ihre Mithilfe dabei, die Qualität des Circle of Security® zu bewahren.

Dieses Buch ist durch die großzügigen Beiträge zahlreicher Menschen bereichert worden, die unsere Trainings auf der ganzen Welt besucht haben. Zitate dieser Menschen ziehen sich durch das ganze Buch, und ihre Beiträge sind in den Text eingegangen.

Anekdoten und Schilderungen von Interaktionen in diesem Buch stammen von Familien, die wir sowohl aus privaten als auch aus professionellen Kontexten kennen. Sie sind entweder deutlich verändert worden, um die Privatsphäre der Menschen zu schützen, oder es handelt sich um zusammengestellte oder repräsentative Darstellungen von weit verbreiteten bindungsrelevanten Themen.

Einleitung

Als Eltern oder werdende Eltern wollen wir natürlich alle das Beste für unsere Kinder. Wir lesen Bücher über die neuesten Theorien und Praktiken der Pädagogik, suchen nach den besten Kinderärzten und Lehrern, finden heraus, welche Nahrungsmittel gesundes Wachstum fördern, und wir schwören, dass wir niemals die gleichen Fehler begehen werden, die wir andere Eltern machen sehen – und erst recht nicht die, die unsere eigenen Eltern gemacht haben.

Wie sich allerdings zeigt, gibt es einen großen Irrtum, den man als wohlmeinende Eltern begehen kann, und zwar ist es der Versuch, perfekte Eltern zu sein oder zumindest möglichst keine Fehler zu machen.

Die wichtigste Botschaft dieses Buches ist die, dass wir bereits alles haben, was wir brauchen, um gute Eltern zu sein. Als menschliche Wesen sind wir mit positiven Absichten für unsere Söhne und Töchter ausgestattet sowie mit dem Instinkt, eine enge und dauerhafte Bindung zu ihnen zu entwickeln. Wir können diese natürlichen Anlagen dazu nutzen, unseren Kindern beizubringen, was es heißt, Mensch zu sein – beizeiten verwirrende Bedürfnisse und unangenehme Gefühle zu haben, unglücklich und angeschlagen zu sein und in einem Zustand glorreicher Unvollkommenheit, in dem es stets etwas dazuzulernen gibt, durchs Leben zu stolpern. Mit einer sicheren Bindung können unsere Kinder sich auch in den schwierigen inneren Erfahrungen, die wir alle durchmachen, sicher und geborgen fühlen. Durch das Vertrauen, dass jemand ihnen helfen wird, den unvermeidlichen Schwierigkeiten im Leben die Spitze zu nehmen, entwickeln sie das Selbstvertrauen, das sie brauchen, um in die große weite Welt hinauszugehen und herauszufinden, wer sie sind – und wer sie werden können.

Im Verlauf der letzten dreißig Jahre sind wir immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass eine sichere Bindung die allerwichtigste Basis ist, die wir unseren Kindern geben können. Sie ist von ebenso großer Bedeutung wie Ernährung, Gesundheitsfürsorge und Bildung. Tatsächlich könnte diese Basis sogar weitreichendere Auswirkungen haben als alle anderen Notwendigkeiten, weil ein Kind, dessen früheste Erfahrungen sich um eine sichere Bindung drehen, herausfinden kann, was es nicht nur zum Überleben, sondern auch für eine gute Entwicklung braucht, und weil es sich traut, darum zu bitten, und darauf vertraut, dass es die passende Unterstützung bekommen wird.

Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder, die eine sichere Bindung zu zumindest einem Erwachsenen haben, in der Schule erfolgreicher sind, stabilere Freundschaften pflegen, sich einer besseren körperlichen Gesundheit erfreuen und in ihrem weiteren Leben mehr intime, erfüllende und dauerhafte Beziehungen eingehen. In unserer Arbeit als Therapeuten, in der wir Menschen mit allen möglichen Problemen begegnen, haben wir allmählich erkannt, dass die Wurzel vieler Schwierigkeiten das Fehlen einer sicheren Bindung in der Kindheit ist. Wenn in der Kindheit nicht oft genug jemand für sie da war, bleiben diesen Menschen als Erwachsenen befriedigende intime Beziehungen versagt. Sie kämpfen mit Selbstzweifeln und sind in ihrer Arbeit nicht erfolgreich, oder aber sie sind überambitioniert. Sie leiden unter stressbedingten Gesundheitsproblemen oder fühlen sich chronisch unzufrieden mit ihrem Leben und ihren nahen Beziehungen. Es ist schwer, den eigenen Durst nach Erfolg zu regulieren, zu wissen, was man will, und entspannt verschiedene Optionen zu erkunden, wenn in der Kindheit niemand da war, der einem geholfen hätte, mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen und sie zu verstehen. Und wenn diese Klienten dann selbst Kinder bekommen? Sie ahnen es bestimmt: Sie wünschen sich sehnlichst, als Eltern ihr Bestes zu geben, und sie verspüren einen tiefen instinktiven Drang, eine starke Bindung zu ihrem Baby zu entwickeln. Aber sie wissen einfach nicht, wie sie das anstellen sollen. Oder sie denken, sie wüssten es (schließlich haben sie ja all diese Bücher gelesen), aber dann treten in der Beziehung zu ihrem geliebten Kind Probleme auf, die jene widerspiegeln, die sie in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben.

Wir wollen mit diesem Buch eine Landkarte auf dem Weg zu einer sicheren Bindung anbieten. Vor dreißig Jahren sind wir zu dem Abenteuer aufgebrochen, Familien die positiven Auswirkungen einer gesunden Bindung zu vermitteln und jene wegweisende Theorie leicht verständlich und zugänglich zu machen, die der Psychiater John Bowlby und die Psychologin Mary Ainsworth in den fünfziger Jahren formulierten und im Laufe der nächsten Jahrzehnte weiter ausarbeiteten. Diese Theorie, die besagt, dass eine sichere, vertrauensvolle emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind der Schlüssel zu einer gesunden Entwicklung ist, wird schon seit Langem als gültig und bedeutsam anerkannt, allerdings musste sie bisher noch auf eine praktische und elternfreundliche Anwendung warten. Einige Wissenschaftler jubelten zwar sogar, dass eine sichere Bindung den sich entwickelnden Kindern und späteren Erwachsenen „psychische Immunität“ verleihe, doch die bemerkenswerte Klarheit Tausender Studien, die die Notwendigkeit und die positiven Auswirkungen von Bindungssicherheit belegten, blieb in Fachzeitschriften verborgen und fand keinen Weg in die Welt der Eltern. Wir waren also fasziniert von dem Potenzial, diese Erkenntnisse jenen zu vermitteln, die sie am allermeisten gebrauchen können: Eltern und anderen Menschen, die sich um Kinder kümmern.

So begann die Geschichte der Intervention, die wir den Kreis der Sicherheit nennen. Sie nahm die Gestalt eines zwanzigwöchigen Gruppenkurses für Eltern an, die in den Beziehungen zu ihren Klein- und Vorschulkindern Schwierigkeiten hatten, und sie wurde seitdem für die Einzeltherapie und andere Zwecke adaptiert – in Schulen, sozialen Einrichtungen und Pflegeheimen auf der ganzen Welt. Sie wurde sorgfältig überarbeitet, und während wir die Tiefen dieser grundlegenden und ursprünglichen Beziehung ausloten, entwickelt sie sich Tag für Tag in raschem Tempo weiter.

In Forschungsarbeiten konnte gezeigt werden, dass der Kreis der Sicherheit selbst jenen Eltern hilft, die unter den denkbar schwierigsten Umständen leben – Armut, Inhaftierung, mangelnde Bildung, Missbrauch in der eigenen Vergangenheit und des Weiteren mehr –, eine sichere Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Viele dieser Eltern hatten keinerlei Vorbild dafür, wie gesunde Elternschaft aussehen kann. Als Therapeuten und Wissenschaftler sind wir natürlich hocherfreut über diese Ergebnisse. Aber sie werden sogar noch übertroffen von der Bereicherung, die wir in unseren eigenen Beziehungen erleben, von den persönlichen Erkenntnissen, von denen die Therapeuten berichteten, die wir im Kreis der Sicherheit ausbildeten, oder von dem, was wir nahezu jedes Mal erlebten, wenn jemand die Landkarte und die Geschichte des Kreises der Sicherheit kennenlernte. Die Landkarte des Kreises der Sicherheit scheint alle Menschen anzusprechen, egal, aus welcher Kultur sie stammen, und zwar auf der zutiefst instinktiven Ebene, auf der wir als Menschen miteinander in Beziehung treten und die uns als Spezies ausmacht. Wir alle drei können sagen, dass die Perspektive des Kreises der Sicherheit unser Verständnis für unsere Ehepartner, unsere Kinder und unsere Kollegen erweitert und vertieft hat. Sie hat uns geprägt, ob als Pflegeeltern oder in unseren Freundschaften, in der Beratungsarbeit oder in unseren ehrenamtlichen Tätigkeiten. Für uns und für viele andere Menschen hat sie den Glauben an und die Hoffnung auf eine wohlwollende und positivere Welt neu belebt.

Eltern zu erleben, die in der Lage waren, äußerst entmutigende Schwierigkeiten zu überwinden und eine Bindung zu ihren Kindern zu entwickeln, hat uns immer wieder aufs Neue in der Überzeugung bestärkt, dass wir alle das haben, was wir brauchen, um gute Eltern zu sein. Manchmal muss man uns einfach nur eine Landkarte geben, um dahin zurückzufinden. Vielleicht hat unsere eigene Geschichte Leerstellen in unserem emotionalen Fluss hinterlassen. Oder die Nichtanwesenheit von Bezugspersonen – oftmals nicht von ihnen selbst verschuldet –, die uns in unseren grundlegenden Bedürfnissen hätten unterstützen können, hat dazu geführt, dass es uns an Vertrauen mangelt. Oder aber die Wechselfälle unseres eigenen Erwachsenenlebens haben uns aus der Verbundenheit mit unseren Kindern herausgeführt, die wir uns jetzt aus tiefstem Herzen wünschen. Dieses Buch ist unser bescheidener Versuch, Sie in den Kreis der Sicherheit zurückzuführen – beziehungsweise, Sie darin zu unterstützen, ihn gar nicht erst zu verlassen. Wir vertrauen darauf, dass Sie das Übrige tun.

Und in den meisten Fällen werden Sie das auch. Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa sechzig Prozent der Eltern eine sichere Bindung zu ihrem Kind entwickeln. Bindungssicherheit lässt sich nicht völlig präzise messen, daher bezeichnet man eine Bindung mit Einschränkungen oft als „überwiegend“ oder „einigermaßen“ sicher. Wie wir in unseren eigenen Forschungsarbeiten herausfanden, kann man Sicherheit auch erlernen. Und es ist wichtig zu wissen, dass selbst sichere Bindungen nicht immer nur schön sind. Auch wenn die Dinge gut laufen, machen Eltern, deren Kinder sicher gebunden sind, Fehler, und sie reagieren nur die meiste Zeit sensibel auf die Bedürfnisse ihrer Kinder, jedoch nicht die ganze Zeit.

„Ausreichend gute Eltern sein“ lautet unser Auftrag.

Das Vertrauen eines Kindes, dass ein geliebter Mensch versuchen wird, für es da zu sein, ist entscheidend dafür, dass es zukünftig gute Beziehungen führen kann. Beziehungen sind der eigentliche Ort, an dem unser Leben stattfindet, und diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch. Beziehungen sind der Stoff, aus dem unsere Familien, unsere Freundeskreise und unser Berufsleben gemacht sind. Falls Sie es schon einmal mit einem fordernden, perfektionistischen Chef zu tun hatten oder von Ihrem Partner erwartet haben, dass er all Ihre Bedürfnisse exakt vorausahnt, dann wissen Sie wahrscheinlich bereits, dass „perfekt“ in Beziehungen nicht funktioniert. Was hingegen funktioniert, sind flexible, empfängliche Sensibilität und Erreichbarkeit. Was funktioniert, ist die Anerkennung von Versäumnissen und Fehltritten und der Versuch, sie wiedergutzumachen, so gut man kann – und auf jeden Fall daraus zu lernen.

Im Schmelztiegel einer engen Beziehung erleben wir nicht nur, dass wir anderen Menschen unsere tiefsten Bedürfnisse anvertrauen können, sondern auch, dass sogar den empathischsten Menschen Fehltritte und Versäumnisse unterlaufen – sogar ziemlich oft – und dass diese alltäglichen Brüche wiedergutgemacht werden können. Wenn wir eine fehlerlose, „perfekte“ Elternschaft anstreben, vermitteln wir unseren Kindern die Botschaft, dass es dabei mehr um unsere eigene Leistung als um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse geht. Außerdem legen wir in ihnen den Grundstein für unrealistische Erwartungen. Niemand ist vollkommen, insofern ist eine Beziehung, in der Perfektion erwartet wird, zum Scheitern verurteilt. Eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die verstehen, dass sie menschliche Bedürfnisse haben und dass Schwierigkeiten unvermeidlich sind, und die dies dazu nutzen, etwas über ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erfahren, birgt ein unbegrenztes Potenzial für Wachstum und Erfüllung. Wünschen wir uns solche Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, Partnerschaften und Ehen nicht auch für unsere Kinder?

Alles fängt bei uns selbst an. Stellen Sie sich vor, ihr sechsjähriger Sohn kommt niedergeschlagen von der Schule nach Hause. Würden Sie ihm einfach eine Kleinigkeit zu essen geben und hoffen, dass er sich dadurch besser fühlt? (Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie die erhoffte Beförderung doch nicht bekommen haben oder wenn Sie von einem engen Freund abgewiesen wurden, und Ihr Partner Ihnen zu helfen versucht, indem er Ihnen einen Keks anbietet?) Man muss kein Psychologe und kein erfahrener Elter sein, um zu wissen, dass dieses Kind mehr braucht als eine Leckerei, die es wieder aufmuntern soll. Aber manchmal vergessen wir, dass ein kleines Kind unsere Bestätigung braucht, dass es sich durchaus sehr traurig und verwirrend anfühlen kann, wenn der Klassenkamerad, der gestern noch der „beste Freund“ war, sich heute jemand anderen zum Spielen gesucht hat. In einer solchen Situationen braucht ein Kind eine Umarmung oder eine Berührung und vielleicht ein wenig Zeit und Ruhe mit Ihnen, um sich innerlich zu sortieren. Es braucht Ihre Hilfe dabei, herauszufinden, wie es sich genau fühlt, und Ihre Bestätigung, dass seine schwierigen Gefühle ein Teil von ihm sind und in Ihrer Beziehung zueinander Platz haben.

Eine solche Reaktion mag für Sie als Elter etwas ganz Natürliches sein. Aber vielleicht ist Ihnen gar nicht klar, wie absolut wichtig diese Reaktion für Ihr Kind ist. Sie sorgen nicht nur dafür, dass es sich wieder besser fühlt und schon wenig später zum Spielen rausgehen oder sich auf die Hausaufgaben konzentrieren kann (obwohl Sie auch das tun). Sie bringen ihm zudem bei, was es gerade fühlt, wenn vielleicht alles, was es identifizieren kann, „Autsch“ ist. Sie sagen ihm, dass es in Ordnung ist, Gefühle wie Traurigkeit zu haben, auch wenn es schmerzt, und dass diese Gefühle wichtige Botschaften in sich tragen. Sie bringen ihm bei, dass man Schmerz mit Hilfe einer anderen Person verarbeiten kann. Sie helfen ihm, etwas mehr über sich selbst zu erfahren – zum Beispiel, dass es ein Mensch ist, dem Freundschaft wichtig ist und der Loyalität schätzt. Mit anderen Worten, Sie unterstützen es in seinem Wachstum. Sie fördern die Entwicklung eines gesunden Selbst, und Sie helfen ihm herauszufinden, wie man durch die bewegten Gewässer von Beziehungen navigiert.

Aber was passiert, wenn Sie nicht mit Verständnis, Zuneigung und Geduld auf Ihr Kind reagieren? Nehmen wir einmal an, Sie sind gerade mit den Finanzen der Familie beschäftigt, als Ihr Sohn schlecht gelaunt nach Hause kommt. Er kommt auf Sie zu und zieht Sie am Ärmel, um Ihre Aufmerksamkeit vom Computerbildschirm wegzulenken. Sie halten Ihren Blick auf den Bildschirm geheftet und sagen ungeduldig: „Jetzt nicht, Schatz. Ich muss das hier fertig machen.“ Ihr Sohn geht ins Wohnzimmer, und erst eine halbe Stunde später finden Sie ihn zusammengerollt auf dem Sofa, leise schluchzend.

Jetzt haben Sie die Chance, eine vielleicht sogar noch wichtigere Botschaft zu vermitteln: Sie schütteln Ihre Erschöpfung und Ihre Ungeduld ab (Rechnungen und Steuern machen schließlich den wenigsten Menschen Spaß), setzen sich zu Ihrem Sohn auf das Sofa, und während Sie ihm sanft den Rücken streicheln, fragen Sie, was los ist. Es ist nicht ganz leicht, es aus ihm herauszubringen, und er reagiert nicht sofort auf Ihre Entschuldigung und Ihr etwas verspätetes Trostangebot, aber schließlich lässt er sich doch darauf ein. Ein einfaches Happy End mit einer sehr ernsthaften Konsequenz: Sie haben Ihrem Kind beigebracht, dass man sogar als Erwachsener Fehler macht, dann aber einen neuen Anlauf nehmen kann. Sie haben ihm gezeigt, dass er immer noch darauf vertrauen kann, dass Sie für ihn da sind und er manchmal eben geduldig mit Ihnen sein muss. Sie haben für sein weiteres Leben die Grundlage für eine gesunde Beziehung geschaffen – eine, die Schwierigkeiten und Lösungen, Brüche und Wiedergutmachungen beinhaltet.

Wie Sie dieses Buch nutzen können

Dieses Buch wurde in der Absicht geschrieben, die Ihnen als Eltern innewohnenden Fähigkeiten und die tief in Ihnen angelegten positiven Intentionen zu würdigen. Es soll außerdem klare, einprägsame und wissenschaftlich fundierte Inhalte vermitteln, die Ihnen Tag für Tag zur Verfügung stehen und Ihnen Unterstützung bieten können, wenn Sie verwirrt sind oder Orientierung brauchen. Wir wollen das, was wir zu sagen haben, möglichst einfach halten, weil Elternschaft in der Hitze des Gefechts nach einer Art Einfachheit à la „Was soll ich jetzt bloß tun?“ verlangt, nicht nach einer Komplexität nach dem Motto: „Was stand da gleich noch auf Seite 217?“. Wir hoffen, dass unser Buch Ihnen ein unterstützender, sachlicher und leicht verständlicher Ratgeber ist, während Sie weiterhin die Eltern bleiben, die Sie zum Glück sind.

Das Buch ist in zwei Abschnitte unterteilt. Einigen Lesern wird Teil 1 schon vollkommen ausreichen, um eine neue Perspektive auf das Elternsein zu gewinnen. Wir erklären darin, warum Bindung so wichtig ist – beruhend auf den Erkenntnissen jahrzehntelanger Forschung – und weshalb Sicherheit zwar schwer definierbar, aber doch relativ leicht wiederherzustellen ist. Wir alle verlieren manchmal die Verbindung zu unseren Kindern (und anderen geliebten Menschen). Das Leben fordert uns heraus. Wir geraten in eine Krise. Andere Notwendigkeiten verlangen nach unserer Aufmerksamkeit. In solchen Zeiten kann es passieren, dass wir die Bedürfnisse unserer Kinder aus dem Blick verlieren und die Verbindung zu ihnen geschwächt wird. Doch wenn wir die Landkarte des Kreises der Sicherheit fest in uns verankert haben, ist es leicht, wieder zu der schlichten Schönheit unserer wichtigsten Beziehungen zurückzukehren.

Der Kreis der Sicherheit zeigt uns, dass ein kleines Kind zwei Arten von Bedürfnissen hat: Bedürfnisse nach Geborgenheit und Sicherheit auf der einen Seite und Bedürfnisse, etwas zu erkunden, auf der anderen. Kinder bewegen sich im Verlauf eines Tages viele, viele Male zwischen diesen Bedürfnissen hin und her, doch wir verstehen nicht immer, was sie gerade wollen. Was wir sehen, sind ihre Verhaltensweisen, und wenn wir es mit diesen Verhaltensweisen schwer haben, dann reagieren wir auf sie. Es gibt Etliches, was uns für diese Bedürfnisse blind machen kann, und mithilfe der Landkarte, die Ihnen der Kreis der Sicherheit zur Verfügung stellt, ist es möglich zu erkennen, was hinter den Verhaltensweisen der Kinder steht und was sie von uns brauchen. In Kapitel 3 finden Sie eine Illustration des Kreises und einprägsame Beschreibungen dieser grundlegenden Bedürfnisse, die bei Eltern auf der ganzen Welt auf Resonanz gestoßen sind.

In unserer leistungsorientierten Zeit ist es sehr viel schwieriger, mit einer emotionalen Erfahrung einfach bloß zu sein (sei es unsere eigene oder die eines anderen Menschen), als zu versuchen, eine Antwort und eine schnelle Lösung für das Problem zu finden, das uns Unbehagen bereitet. Für uns als Eltern trifft das allemal zu. (Eine Google-Suche nach „helicopter parents“ („Helikopter-Eltern“ – überfürsorgliche Eltern, deren Erziehungsstil geprägt ist von Überbehütung und Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes, A. d. Ü.) ergab im Jahr 2015 fast sechs Millionen Resultate.) Doch entscheidend für die Entstehung einer sicheren Bindung zu unseren Kindern ist das, was wir „Mit-Sein mit dem Kind“ nennen. Das bedeutet nicht nur, ausreichend physisch anwesend zu sein und zum Beispiel zustimmend da zu sitzen und „Qualitätszeit“ mit unserem Kind zu verbringen, während es in seinem Lieblingsvideospiel Monster vaporisiert oder uns einen lange eingeübten Fußballtrick vorführt. Es bedeutet, eine gemeinsame emotionale Erfahrung zu schaffen, in der das Kind lernt, dass allen Menschen bestimmte wesentliche Gefühle gemeinsam sind (und zugleich auch, dass jeder Mensch seine Gefühle auf ganz einzigartige Art und Weise erlebt). Wenn der Schwerpunkt auf dem „Mit-Sein“ mit ihrem Kind liegt, wird es leichter, denjenigen Bedürfnissen Priorität zu geben, die vor den Augen aller verborgen liegen. Wenn Sie „mit Ihrem Kind sind“, dann unterstützen Sie es dabei, Empathie und zugleich Selbstvertrauen in seine eigene emotionale Kompetenz zu entwickeln, außerdem lernt es mit Ihnen, seine Emotionen zu regulieren und mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Kapitel 4 ist dem Thema „Mit-Sein“ gewidmet.

Wenn wir schreiben, Sie hätten bereits alles, was Sie brauchen, um gute Eltern zu sein, wollen wir damit natürlich nicht behaupten, dass Ihre Instinkte immun gegen negative Einflüsse wären oder es keine Störfaktoren in der äußeren Welt gäbe. Wie Ihre Eltern oder andere Bezugspersonen Sie aufzogen hat Ihren eigenen Bindungsstil genauso geprägt, wie Ihre Erziehung den Bindungsstil Ihrer Kinder prägen wird. Das gilt für uns alle, und wir alle haben, je nach Bindungsstil, ein Quäntchen Unsicherheit in Bezug auf bestimmte emotionale Bedürfnisse. Zwar sind Sie sich dieser Einflüsse nicht unbedingt bewusst, da sie in Erinnerungen abgespeichert sind, die in das vorsprachliche Alter zurückreichen, aber erstaunlicherweise hat Ihr Baby ein angeborenes Gespür dafür und versucht möglicherweise, Sie vor unangenehmen Gefühlen zu schützen, indem es so tut, als hätte es bestimmte Bedürfnisse nicht. In diesen Bereichen werden Sie wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, und diese übertragen sich oft auf die nächste Generation. Wenn Sie diese Tendenzen mit Hilfe von Kapitel 5 und 6 an die Oberfläche bringen, können Sie Ihre Kinder und Enkelkinder davor bewahren, dass sie mit den gleichen Aspekten des Elternseins Schwierigkeiten haben werden. Wenn Sie wissen, wie hinter Ihren eigenen Kulissen die Fäden gezogen werden, können Sie sich aktiv dafür entscheiden, Ihrem Kind Sicherheit zu geben.

Viele Menschen, die den Kreis der Sicherheit kennenlernen, stellen fest, dass Ihr neu gewonnenes Verständnis über die wichtige Bindung zwischen Eltern und Kindern bereits das Wesentlichste ist, was sie brauchen, um sich für Sicherheit zu entscheiden. Wenn Stress oder Verwirrung entstehen, ziehen sie einfach ihre mentale Karte des Kreises hervor (oder schauen auf den Ausdruck, den sie sich an den Kühlschrank geheftet haben). Doch manchen Menschen fällt dieser Prozess auch weniger leicht (und wir alle finden ihn zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Situationen schwierig). Diese Menschen sind sich meist bewusst, dass Sicherheit in ihrer eigenen Vergangenheit nicht immer gegeben war. Für sie ist es wichtig, genauer herauszufinden, was ihnen im Wege steht – wobei herauszufinden, was uns im Wege steht, natürlich für uns alle enorm erhellend sein kann. Dieses Interesse zu entwickeln und die verborgenen Alarmglocken zu entdecken, die durch Erfahrungen in unserer eigenen Kindheit ausgelöst werden, ist etwas, worin Sie der zweite Teil des Buches unterstützt. Sie finden darin Fragebögen zur Selbsterkundung und weitere Beschreibungen, wie Bindung in ihren zahlreichen Variationen aussehen kann. Wir stellen Ihnen verschiedene Eltern und Kinder vor, die den so wichtigen Prozess der Bindung von der frühesten Kindheit an bis ins Jugendalter durchlaufen. Sie werden sehen, dass wir alle unsere Schwierigkeiten haben und Fehler machen, und Sie werden sehen, wie wir unsere Fehler wiedergutmachen und unsere Kinder darin unterstützen können, sich gesund zu entwickeln.

Willkommen im Club!

Einmal im Kreis herum

Bindung und die Bedeutung von Sicherheit verstehen

Du glaubst, weil eins und eins zwei ergeben, verstehst du zwei. Aber um das Wesen von zwei wirklich zu begreifen, musst du zuerst das „und“ verstehen.

JALALUDDIN RUMI,

Dichter und Gelehrter aus dem dreizehnten Jahrhundert

Bindung:

Warum sie wichtig ist

In ganz gewöhnlichen Momenten zwischen Eltern und Kindern geschieht etwas durchaus Bemerkenswertes:

Danny wartet auf das aufmunternde Lächeln und Nicken seiner Mutter, bevor er zu den anderen Kindern in den Sandkasten klettert.

Die einjährige Emma beruhigt sich augenblicklich, als ihr Vater sie auf seinen Schoß hebt, obwohl er weiter auf seinem Telefon herumtippt und das kleine Mädchen kaum ansieht.

Jake hört auf, auf seine Spielzeugtrommel einzuschlagen, nachdem seine Mutter nicht länger von ihm verlangt, sie wegzulegen, sondern stattdessen ausruft: „Wow, du hast ja ein tolles Rhythmusgefühl, mein Lieber!“

Momente wie diese sind ebenso alltäglich wie schnell vergessen, meist bleiben sie sogar unbemerkt. Doch was sich den Kindern durch viele solcher kleiner Momente einprägt, ist ausgesprochen tief greifend. Jedes Mal, wenn Sie auf das Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit oder nach Ermutigung eingehen, knüpfen Sie ein Band des Vertrauens. Jedes Mal, wenn Sie dem Kind zeigen, dass Sie verstehen, wie es sich fühlt und was es will, demonstrieren Sie die Kraft einer ursprünglichen Verbundenheit, nach der wir alle uns unserem Wesen nach sehnen. Jedes Mal, wenn Sie Ihr Baby oder Kleinkind darin unterstützen, mit all den unangenehmen Gefühlen und der Frustration umzugehen, die ein neues Menschenkind erlebt, lehren Sie es, seine eigenen Gefühle sowie auch die anderer Menschen zu akzeptieren (sogar die „unschönen“).

Das sind die Geschenke einer sicheren Bindung. Eine sichere Bindung entsteht in einem Kind von selbst, wenn ein Elternteil oder eine andere primäre Bezugsperson in der Lage ist

• dem Kind zu helfen, sich sicher zu fühlen, wenn es Angst hat oder sich unwohlfühlt

• dem Kind zu helfen, sich sicher genug zu fühlen, um die Welt zu erkunden, was essenziell für sein Wachstum und seine Entwicklung ist

• dem Kind zu helfen, seine emotionale Erfahrung zu akzeptieren und damit umzugehen

Sowohl Eltern als auch Kinder haben die Veranlagung, sich zu binden. Die Entwicklung dieser besonderen Verbundenheit beginnt schon vor der Geburt, und wunderbarerweise kommt Ihr Baby mit dem starken Instinkt auf die Welt, Ihnen nahe sein zu wollen. Dazu reicht ihm nicht einfach irgendein Erwachsener, auch wenn theoretisch viele Erwachsene die Nahrung, die Wärme und den Schutz bieten könnten, die zum physischen Überleben des Babys notwendig sind. Aus jahrzehntelanger Forschung lässt sich schlussfolgern, dass ganz kleine Babys sich augenblicklich in das Gesicht der Mutter oder des Vaters verlieben, denn obwohl sie es noch kaum scharf sehen können, können sie doch bereits die Liebe und die Hingabe der Eltern spüren. Das ist der Mensch, so ahnt das Baby, der für mich da sein wird. Das ist jemand, der mir helfen wird, diese verwirrende neue Welt zu verstehen und das Gute darin zu finden.

Was uns als Eltern verbindet, ist, dass wir alle Gutes für unsere Kinder wollen – Liebe und Mitgefühl, Verständnis und Akzeptanz, Sinn und Erfüllung. Und die Kinder wollen und brauchen Gutes von uns, wenn sie auf die Welt kommen. Eine unserer wichtigsten Mentorinnen, die Entwicklungspsychologin Jude Cassidy definierte (gemeinsam mit dem Sozialpsychologen Phillip Shaver) Bindungssicherheit als „Vertrauen in die Möglichkeit des Guten“. Unserer Meinung nach geht es genau darum. Wir wollen für unsere Kinder das, was gut, wirklich notwendig und erfüllend ist. Und mit genau diesem Wunsch kommen sie auch auf uns zu – auf ihre einzigartige, wunderbare, immer frische und oft auch fordernde Art und Weise. „Bitte hilf mir, in das Gute in dir, das Gute in mir und das Gute in uns zu vertrauen.“ Und dazu sind wir ja schließlich da.

Die große Bedeutung des kleinen Wörtchens „Und“

Wir alle beginnen unser Leben in tiefer Verbundenheit mit einem anderen Menschen, nicht allein. Das heißt nicht nur, dass das gemeinsame Bewohnen eines Körpers vor der Geburt eine Bindung zwischen Müttern und Babys schafft, die zumeist auch danach bestehen bleibt. Babys entwickeln ebenso eine Bindung an ihre Väter, ihre Großeltern oder jede andere Person, deren Blick sagt „Ich bin für dich da“, und die dieses Versprechen dann überwiegend auch hält. Schon ganz kleine Babys scheinen diese Hingabe zu erkennen und beginnen, in den ersten Lebenstagen mit ihrem Verhalten darauf zu reagieren. Sie folgen uns mit den Augen, wedeln aufgeregt mit den Armen, wenn wir von der Arbeit nach Hause kommen, und ihr erstes Lächeln erscheint als Antwort auf unser Lächeln – ein Geschenk, das die meisten Eltern niemals vergessen. Wenn wir den Eltern im Training zum Kreis der Sicherheit vermitteln wollen, wie unglaublich wichtig sie für ihre Kinder sind, spielen wir Joe Cockers Song „You Are So Beautiful“ und zeigen dazu Videoclips von Bindungsmomenten zwischen Eltern und Kindern.

Wie der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott einst sagte: „Wenn man ein Baby beschreiben will, wird man feststellen, dass man ein Baby und zugleich eine andere Person beschreibt.“ Damit brachte er zum Ausdruck, wie unentbehrlich wir für unsere Kinder sind. Baby Gino oder Sasha oder Hiroto haben vielleicht eigene Arme, Beine und Gesichter, aber in Wirklichkeit existieren Sie noch nicht vollständig als Individuen. Wir neigen dazu, Babys als komplett ausgeformte kleine Kreaturen zu sehen, die tief im Inneren wissen, was sie fühlen und brauchen und wer sie sind, nur einfach noch nicht über die sprachlichen Fähigkeiten verfügen, um es auszudrücken. In Wirklichkeit aber haben neugeborene Babys keine Ahnung, was sie fühlen, außer dass ganz oft irgendetwas Unbekanntes und Schwieriges mit ihnen geschieht (sie brauchen irgendetwas) – ein ungeformtes Verlangen beginnt, sich zu entwickeln. Wenn Mama oder Papa dem gestressten Baby dann in die Augen schauen, „ja, ja“ gurren und magischerweise verstehen, was das Baby braucht – und es ihm sogar geben! –, sagen die Eltern dem Baby damit: „Ich bin bei dir. Wir fühlen ähnlich und wir kriegen das zusammen hin.“ Wenn dieser Austausch wieder und wieder stattfindet, lernt das Baby, dass menschliche Gefühle normal, akzeptabel und mitteilbar sind. Es lernt, dass dieser besondere Erwachsene seine Gefühle für es ordnen und ihm nach und nach beibringen kann, sie selbst zu regulieren – ein Vorgang, den man „Co-Regulation von Gefühlen“ nennt. Es lernt, dass es mit Mutter oder Vater viele wichtige Dinge gemeinsam hat, jeder für sich aber auch ganz einzigartig ist. Es erfährt, dass die Beziehung – das „und“ – wesentlich für die Formung des Selbst ist.

Bis zur Mitte des 20 Jahrhunderts stand das Selbst als ein von den anderen Menschen getrenntes Wesen im Fokus der Entwicklungspsychologie. In der westlichen Gesellschaft hat diese Annahme viele Ansichten und Erwartungen darüber geprägt, wie wir unser Leben führen sollten. Sobald wir dazu in der Lage waren, wurde von uns erwartetet, dass wir für uns selbst sorgen, und die Sozialpolitik begünstigte, zumindest in den Vereinigten Staaten, individuelle Bedürfnisse vor kollektiven. In unserer Arbeit mit dem Kreis der Sicherheit sind wir zu der gegensätzlichen Ansicht gelangt: Es ist das „Und“, das wichtig ist. Wir würden sogar so weit gehen zu behaupten, dass Unabhängigkeit ein Mythos ist. Von der Geburt an bis ins hohe Alter steht unsere Fähigkeit, einigermaßen autonom zu handeln, in direktem Zusammenhang mit unserer Fähigkeit zur Verbundenheit. Was bedeutet das für Eltern mit kleinen Kindern? Wenn wir möchten, dass unsere Kinder selbstständig werden, hinausgehen und es mit der Welt aufnehmen, müssen wir ihnen das volle Vertrauen ermöglichen, dass sie zu uns zurückkommen können, wenn sie das brauchen. Autonomie und Verbundenheit: Das ist sichere Bindung.

Und das kann zum Beispiel so aussehen:

Lei ist drei Jahre alt. Sie ist lebendig, verspielt und voller Neugier. Sie und ihr Vater sind gerade in den Park spaziert, der zwei Blocks von ihrem Zuhause entfernt liegt, und während sie auf das Klettergerüst zusteuern, wirft Lei, wie es typisch für sie ist, ihrem Vater lediglich einen flüchtigen Blick zu (kaum länger als eine Millisekunde) und rast davon, um ihre Version des Mount Everest zu besteigen. Was einem beiläufigen Beobachter vielleicht nicht auffällt, ist, dass Lei in dieser Millisekunde, in der sie mit ihrem Vater Kontakt aufnimmt, genau die Erlaubnis und die Unterstützung bekommt, die sie braucht – ist es ein kurzer Blick, ist es etwas in seinen Augen? –, um zu wissen, dass es absolut in Ordnung ist, dieses neue Abenteuer zu wagen.

Vierzehn Sekunden später ist sie bereits auf der Spitze des Gerüsts, schaut zu ihrem Vater zurück, mit jeder Faser ihres Körpers Stolz verströmend, und verkündet ihren Triumph: „Ich bin ein großes Mädchen.“

„Ja, das bist du, Lei“, antwortet ihr Vater, „ja, das bist du!“ (Was Lei nicht weiß, ist, dass ihr Vater sehr an sich halten muss, um nicht einzugreifen und da zu bleiben, wo er ist, weil ein Teil von ihm Angst hat, dass sie herunterfallen könnte. Doch aufgrund ihrer früheren Erfahrungen mit diesem Gerüst, bei denen er das Bedürfnis hatte, nahe bei seiner Tochter zu bleiben und auf sie aufzupassen, weiß er nun, dass sie über die Kraft, den Gleichgewichtssinn und die Begeisterung verfügt, um diesen Teil des Spielplatzes auf eigene Faust zu erkunden.)

Nach weiteren zwanzig Sekunden klettert Lei wieder herunter. Sie hat noch immer Spaß, freut sich noch immer an ihrem wachsenden Kompetenzgefühl, doch sie rennt zurück zu ihrem Vater, strahlend und sichtbar stolz auf ihre Leistung. Sie ist entzückt. Er ist entzückt. Sie schaut ihm in die Augen, sie berühren sich kurz, und dann – zack! – rennt sie wieder los, dieses Mal auf die Rutsche zu, bereit für eine weitere aufregende Runde.

Das ist also sichere Bindung. In diesem einfachen Augenblick ist Leis Vater einfach bei ihr und reagiert auf die sich verändernden Bedürfnisse seiner Tochter, während sie die mitunter angsteinflößende Aufgabe in Angriff nimmt, ihre Welt zu erkunden. Wichtig ist dabei auch, dass Lei deswegen weiß, dass ihr Vater auf sie reagieren wird, weil er das in der Vergangenheit bereits viele Male getan hat. Das ist einer der Gründe, aus denen die ganze Abfolge so glatt abzulaufen scheint, so ungeplant. Leis Ausdruck ihrer grundlegenden psychischen Bedürfnisse und die Reaktionen ihres Vaters haben sich zu dem Gewebe ihrer Beziehung verflochten.

Bindung: Ein bleibendes Vermächtnis

Lei und ihr Vater mussten wohl kaum bewusst über ihre Verhaltensweisen nachdenken, doch wie bei allen Menschen haben die positiven Effekte ihrer sicheren Bindung eine bleibende Wirkung. Diese erste Beziehung, die so nah ist, dass „zwei“ darin fast nicht von „einem“ zu unterscheiden ist, können wir nicht einfach abschütteln, wie ein Schmetterling seinen Kokon abstreift, auf und davon fliegt und vergnügt bis ans Ende seiner Tage lebt. Wir tragen sie mit uns in all unsere Beziehungen, all unsere Arbeit, all unsere Interaktionen, und falls es sich um eine sichere Bindung handelt, dann könnte sie unter Umständen zu einem vergnüglichen „bis ans Ende unserer Tage“ führen.

Fünfzig Jahre Forschung haben gezeigt, dass Kinder mit einer sicheren Bindung:

• mehr Freude mit ihren Eltern erleben

• weniger wütend auf ihre Eltern sind

• sich besser mit ihren Freunden verstehen

• stabilere Freundschaften haben

• in der Lage sind, Probleme mit Freunden zu lösen

• bessere Beziehungen zu ihren Geschwistern haben

• über ein stärkeres Selbstvertrauen verfügen

• wissen, dass sich für die meisten Probleme eine Lösung finden wird

• darauf vertrauen, dass gute Dinge auf sie zukommen

• den Menschen vertrauen, die sie lieben

• freundlich zu den Menschen um sie herum sind

Jahrzehntelange Forschungen haben inzwischen belegt, dass eine sichere Bindung an eine primäre Bezugsperson dafür sorgt, dass die Kinder gesünder und glücklicher sind, in praktisch jeder Hinsicht, in der wir diese Dinge messen können – in Bezug auf Kompetenz und Selbstvertrauen, Empathie und Mitgefühl, Resilienz und Durchhaltevermögen… in Bezug auf die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, intellektuelle Fähigkeiten zu entwickeln und die körperliche Gesundheit zu erhalten… in Bezug auf die Arbeit und ein erfülltes Privatleben. Vielleicht noch wichtiger ist, dass eine sichere Bindung in der ersten Beziehung eines Kindes die Grundlage für gute Beziehungen im weiteren Leben legt. Und inzwischen wissen wir ohne Zweifel, dass Beziehungen der Motor und das Gerüst für Zufriedenheit und Erfolg in allen Lebensbereichen sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass soziale Beziehungen die geistige und körperliche Gesundheit fördern und sogar das Sterberisiko senken: Analysen zu Studien in zahlreichen Ländern haben wiederholt ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit eines vorzeitigen Todes umso kleiner ist, je mehr ein Mensch in soziale Beziehungen eingebettet ist, und dabei hatten die am stärksten isolierten Menschen sogar ein zweifach erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu den am stärksten sozial eingebetteten. In den westlichen Gesellschaften scheint man die Bedeutung des „Und“ langsam zu verstehen, wie die wachsende Beliebtheit von Büchern und TED-Talks zu Themen wie dem Wert von Verletzlichkeit vermuten lässt. Langsam wird uns klar, dass unsere Beziehungen nicht einfach nur nette „Extras“ sind. Die Menschen, die sich mit ihren Kollegen am besten verstehen, bekommen oft als erste eine Beförderung – und zwar nicht nur, weil sie kluge Allianzen gebildet haben, sondern oft auch, weil sie am produktivsten sind. Uns ist klar, dass es nicht hilfreich ist, wenn wir ständig wie besessen über unsere Kinder wachen wie der besagte sprichwörtliche Helikopter, doch wissen wir inzwischen auch, dass es etwas anderes ist als diese Art der Überwachung, wenn wir das Baby immer wieder beruhigen, und dass es dadurch nicht lebensuntauglich wird. Die Beziehungen, die wir eingehen, geben uns Kraft und machen uns sogar aus, denn in jedem „Und“ werden wir zu etwas, das über uns allein hinaus geht.

„Ich beruhigte mich damit, dass er schon immer einfallsreich, robust und selbstsicher war. Zwei Tage später… rief er mich an, überschwänglich und beglückt über seinen Triumph. Ich sagte zu ihm: ‚Viel Glück bei deinem Abenteuer‘, und wusste, dass es genau das war, was er von mir hören musste. Ich konnte ihn aus der Ferne in die Arme nehmen, in dem Wissen, dass er über all die Möglichkeiten, die Liebe, die Bindung und die Ressourcen verfügte, die aus seiner jahrelangen Erfahrung einer sicheren Bindung stammten. Seine sichere Bindung ermöglichte ihm, seine Erkundungen weiter und weiter auszudehnen.“

HEIDI S. ROIBAL, Albuquerque, New Mexico, nachdem ihr dreiundzwanzigjähriger Sohn allein auf eine Reise quer durchs Land aufgebrochen war

Auf die Bindung kommt es an

Intuitiv kennen Sie die Bedeutung des „Und“ bereits. Wenn wir anderen Menschen vertrauen und uns mit ihnen sicher fühlen, können sich Beziehungen weiterentwickeln – Freundschaften können sich vertiefen, wenn man ein beschämendes Kindheitsgeheimnis preisgibt, intime Beziehungen können sich festigen, wenn man es wagt, dem anderen einen Heiratsantrag zu machen, Kollegialität und gegenseitiger Respekt können entstehen, wenn man um die Beförderung bittet, die man verdient hat. Sogar ganz große Errungenschaften – das beste Bild, das man je gemalt hat, der Einfall für eine ebenso großartige wie radikale Innovation, die fantastische Rede, die man geschrieben hat –, die auf den ersten Blick nichts mit anderen Menschen zu tun haben, werden oft nur durch die Erfahrung von Sicherheit möglich. Wenn wir im Allgemeinen in die Offenheit und die Akzeptanz anderer vertrauen, sind uns Kreativität, Kompetenz, umsichtige Risikobereitschaft und geistige Klarheit möglich, da wir davon ausgehen, dass unsere Ideen in einer sicheren Umgebung auf Verständnis treffen und willkommen geheißen werden. Wenn das der Fall ist und wir Erfolg haben, wird die Bedeutung von Bindung noch bestärkt durch die Erfüllung, die wir erleben, wenn wir unsere Freude mit anderen teilen.

Eine sichere Bindung ist ein wenig wie der geliebte Teddybär aus Kindertagen. Hat man Zuversicht und Vertrauen in das Gute in mir, in dir und in uns, nimmt man dieses Vertrauen während wichtiger Übergänge und Veränderungen im Alltag mit. Wie es in unserem Leben läuft, bemessen wir Erwachsenen im Allgemeinen daran, wie es in unseren Beziehungen läuft. Wenn die Beziehungen gut laufen, läuft das Leben gut. Wenn wir lieben und geliebt werden, geht es uns gut.

Eine sichere Bindung zu haben bedeutet zu wissen, dass jemand einem dem Rücken stärkt,1 und zu wissen, dass jemand einem den Rücken stärkt, eröffnet eine ganze Welt voller neuer Möglichkeiten.

Falls Sie selbst die positiven Auswirkungen einer sicheren Bindung erlebt haben, wird es Sie nicht überraschen, wie verheerend das Fehlen von jeglicher Bindung sein kann. Im dreizehnten Jahrhundert ließ der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. ein Experiment durchführen, um herauszufinden, ob Neugeborene irgendwann die Sprache von Adam und Eva sprechen würden, wenn sie von den Erwachsenen um sie herum keinerlei Sprache zu hören bekämen. Er wies die Pflegekräfte an, mit den Babys weder zu sprechen noch zu gestikulieren, und letztlich verstarben sie alle. Siebenhundert Jahre später, in den 1930er-Jahren und 1940er-Jahren, zeigte sich derselbe Zusammenhang an Kindern in Waisenhäusern, bei denen die Sterberate bei alarmierenden 30 % lag. Obwohl mit den offensichtlichen Notwendigkeiten des Lebens versorgt – Essen, Obdach, Kleidung –, überlebten viele Kinder nicht ohne eine Bindung an eine primäre Bezugsperson.

Wie konnte es, angesichts dieser Beweislage, dennoch so lange dauern, bis der Wert von Bindung verstanden wurde? Diese Dinge brauchen ihre Zeit, und damit eine neue Theorie akzeptiert werden kann, müssen oft andere, etablierte Theorien verworfen werden. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert beruhten die zwei vorherrschenden Denkschulen in Bezug auf kindliche Entwicklung einerseits auf den psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud und seinen Kollegen und andererseits auf den behavioristischen Theorien von John B. Watson und später B.F. Skinner und anderen:

• Freud kam zu dem Schluss, dass die psychischen Probleme, die er bei seinen Patienten sah, ihre Wurzeln in verschiedenen unbewussten, gedanklichen Prozessen hätten, die in der frühen Kindheit einsetzten und ihre Wirkungen während der Entwicklung des Kindes weiter entfalteten. Diese Prozesse bestimmten seiner Ansicht nach, wie ein Baby mit seinen Eltern interagiert und was ein Baby neben Essen und anderweitiger Fürsorge noch zu brauchen scheint. Freuds Theorien sorgten dafür, dass der Fokus mancher Entwicklungspsychologen (und der Psychoanalytiker, die Erwachsene behandelten) auf undurchsichtigen Konzepten über das Unbewusste blieb, die bei den Menschen in der echten Welt auf wenig Resonanz stießen.

• Das andere Lager war das der Behavioristen, die glaubten, Babys verfolgten eine bestimmte Absicht, wenn sie für ihre Mama ein ganz besonderes Lächeln hervorzauberten, weinten, wenn diese aus ihrem Blickfeld verschwand, obwohl andere ihnen zugetane Bezugspersonen in der Nähe waren, oder sich in den Armen der Mutter wundersamerweise beruhigten. Ihre Absicht bestünde darin, belohnt zu werden: Wenn sie lächelten, wirkte die Mutter glücklich und kam näher. Wenn sie weinten, kam die Mutter meist zurück. Wenn sie sich in die Arme der Mutter kuschelten, durften sie dort bleiben. Watsons Ansicht nach diente der Bindungstrieb eines Babys dazu, dass die Mutter in der Nähe blieb, so dass sie ihm die Nahrung, die Wärme oder die trockene Windel geben konnte, die es brauchte. Heutzutage würde wohl kaum jemand noch leugnen, dass wir Menschen positiv auf Belohnungen reagieren. Das Besorgniserregende am strikten Festhalten an diesen frühen Formen des Behaviorismus bestand jedoch darin, dass Watson den Müttern riet, ihren Kindern nicht zu viel liebende Fürsorge zuzugestehen, denn sonst würden die Kinder später von der Welt erwarten, auf die gleiche Weise behandelt zu werden, was sie unweigerlich zu Invaliden machen würde.

Hier betritt die Stimme der Vernunft die Bühne: der britische Psychologe John Bowlby. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Bowlby an Forschungsarbeiten für die Weltgesundheitsorganisation beteiligt, unter anderem in Einrichtungen für Kriegswaisen und hospitalisierte Kinder. Die Kinder waren alle optimal versorgt: Sie wurden gut ernährt und gekleidet, hatten warme Betten und wurden medizinisch betreut, genau wie die Waisen vor dem Krieg. Was sie hingegen nicht hatten, waren Mutter und Vater. Und genau wie die Waisen aus früheren Jahrzehnten litten sie schrecklich unter dem Fehlen der Geborgenheit, Liebe und Nähe einer primären Bezugsperson. In den 1950er-Jahren filmten Bowlby und sein Kollege John Robertson eine Zweijährige, die zehn Tage im Krankenhaus verbringen musste und ihre Eltern jeweils nur eine halbe Stunde am Tag sehen durfte. In dieser Zeit verwandelte sie sich von einem aufgeweckten kleinen Mädchen in ein vollkommen niedergeschlagenes Kind.

Bowlbys Beobachtungen haben seitdem eine Veränderung der Besuchsregeln in Krankenhäusern bewirkt und auch auf die professionelle Kinderbetreuung Einfluss genommen. Und sie befruchteten seine Bemühungen, die Eine-Millionen-Dollar-Frage zu beantworten, die von Anbeginn der Menschheit an hätte gestellt werden sollen: Warum macht die Abwesenheit der Eltern oder anderer Bezugspersonen einen so gewaltigen Unterschied, wenn das Kind doch ansonsten alles hat, was es für seine Entwicklung braucht?

Wie es bei wissenschaftlichen Fortschritten so oft der Fall ist, kamen die Antworten aus einem Zusammenfluss von Ergebnissen verschiedener Forschungsgebiete, die ab Seite 46 zusammengefasst sind.

Bowlby vermutete, dass Babys aufgrund eines zutiefst instinktiven evolutionären Triebes, der dem Überleben der Spezies dient, eine Bindung an ihre primären Bezugspersonen entwickeln. Auf einer nonverbalen Ebene verstehen Babys vielleicht viel besser als wir Erwachsenen, wie wichtig Bindung ist und warum sie mit solcher Entschlossenheit danach streben. Bowlby und Ainsworth hatten bereits jede Menge Hinweise darauf, dass das Fehlen von Bindung in den ersten Lebensjahren einem Kind schaden kann, daher widmeten sie sich während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der Erforschung der Bindungsthematik. Sie identifizierten drei Untersysteme, die im Bindungsprozess eine Rolle spielen:

• das Bedürfnis nach Zuwendung: der Instinkt, in jemandes Nähe zu bleiben, der Geborgenheit und Schutz bieten und die eigenen Gefühle ordnen kann

• Erkundung: der Instinkt, der eigenen Neugier zu folgen und etwas zu meistern

• das Gewähren von Zuwendung: der Instinkt, die benötigte Zuwendung zu geben und eine Bindung zu dem Baby zu entwickeln

Wie Sie in Kapitel 3 sehen werden, bilden diese drei Instinkte die Landschaft für den Kreis der Sicherheit. Diese Instinkte erklären, warum Babys eine sichere Bindung brauchen, damit sie weiterleben, sich entwickeln und zu Individuen werden, und warum sie am besten in Beziehungen gedeihen. Ironischerweise konzentrieren sich viele Menschen in der Pädagogik heutzutage noch immer auf das Verhalten, vielleicht, weil es etwas ist, das wir von außen sehen können, und wenn wir es verändern können, denken wir, dass wir damit die Probleme gelöst hätten. Doch Verhaltensweisen sind lediglich Ausdruck der Bedürfnisse eines Kindes. Verhalten ist eine Botschaft – eine Botschaft bezüglich der Bindungsbedürfnisse, die vor den Augen aller verborgen liegen.

Vor den Augen aller verborgen: Warum Verhaltensmanagement nicht ausreicht

Mal ehrlich: Als Eltern oder werdende Eltern haben wir viel dringendere Sorgen als die Aufwertung der Spezies für eine ungewisse Zukunft. Wir alle haben mehr als genug zu tun, und der Versuch, unseren eigenen Kindern eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen, ist schon überfordernd genug. Das ist natürlich auch der Grund, warum so viele Eltern und andere Betreuer von Kindern auf Verhaltensmanagement zurückgreifen, um die Kinder dazu anzutreiben, in Bezug auf ihre Gefühle, ihr Verhalten und ihr ganzes Sein ihr Bestes zu geben. Wie wir bereits sagten, haben Belohnungen durchaus ihren Platz im Leben mit Kindern. Doch wenn wir lediglich auf die sichtbaren Verhaltensweisen abzielen, können wir uns auch gleich an den Gedanken gewöhnen, für immer und ewig mit „Sternchentabellen“ und „Auszeiten“ zu arbeiten. (Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten Ihrer dreißigjährigen Tochter jede Woche zehn Euro schicken, damit sie Sie anruft.) Wenn man nur das Verhalten adressiert, dann ist das in etwa so, wie wenn man zwar die Symptome einer Erkrankung behandelt, deren Ursachen jedoch ignoriert.

Die Entstehung der Bindungstheorie

Wenn Babys mit allen offensichtlichen Notwendigkeiten des Lebens versorgt wurden, aber dennoch nicht gediehen, so spekulierte John Bowlby, lag dem Drang zur Bindung möglicherweise ein tieferer Instinkt zugrunde: Steckte ein evolutionärer Trieb dahinter? Konnte etwas, das Eltern ihren Kindern über die körperlichen, lebensnotwendigen Bedürfnisse hinaus gaben, zum Erhalt der Spezies notwendig sein?

Untersuchungen an Tieren bestätigten dies. Konrad Lorenz, Pionier und Experte auf dem Gebiet der Tierverhaltensforschung, fand heraus, dass kleine Gänschen aufgrund eines Phänomens namens „Prägung“ demjenigen Tier oder Objekt folgen, das sie als Erstes sehen. Später erforschte der Psychologe Harry Harlow die Mutter-Kind-Bindung, indem er das Verhalten von Babyaffen beobachtete. Zunächst stellte er fest, dass die Affen, die im Labor und isoliert von anderen Affen aufgezogen wurden, sich zurückzogen, kein normales Sozialverhalten mit anderen Affen, dafür aber ein ungewöhnliches Ausmaß an Angst und Aggression zeigten. Als er in einer zweiten Studie jungen Affen die Wahl gab zwischen einem Affen aus Draht, der Futter ausgab, und einem Affen aus Stoff, der das nicht tat, wählte die überwältigende Mehrheit der Babys einen Affen, der sich eher wie das Fell der Mutter anfühlte, selbst wenn er kein Futter anbieten konnte. Nachdem sie mit diesen Ersatzmüttern bekannt gemacht wurden, kehrten sie wieder und wieder zu der gleichen Attrappe zurück und zeigten klare Anzeichen dessen, was inzwischen als „Bindung“ bekannt ist.

In den darauffolgenden Jahrzehnten formulierte Bowlby die Bindungstheorie, eine Perspektive, die erklärt, auf welche Art und Weise die Suche nach Verbundenheit mit einer primären Bezugsperson nicht nur dem Überleben des Individuums dient, sondern auch dem Erhalt der Spezies. Prägung als eine Art primitives Bindungsverhalten kann somit als Weg betrachtet werden, auf dem das neugeborene Tier in seine Spezies eingeführt wird – nicht nur, damit das Junge von einem Tier mit denselben Bedürfnissen und dem Wissen, wie sie befriedigt werden können, Überlebensstrategien lernt, sondern auch, damit es später weiß, nach welchen anderen Tieren es zur Paarung und Fortpflanzung suchen soll.

Doch in welchem Maß ähneln wir Menschen den Tieren? Wie wird der Erhalt der menschlichen Spezies durch Bindung gefördert? Die einfachste Antwort ist die: Wenn menschliche Babys in der Nähe eines sie beschützenden, fürsorglichen Erwachsenen bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit des langfristigen Überlebens höher, und je mehr Kinder das Erwachsenenalter erreichen, desto eher bleibt die Spezies bestehen. Allerdings wissen wir inzwischen, dass Bindung sich positiv auf die Entwicklung auswirkt und nicht nur für mehr erwachsene Menschen sorgt, sondern auch für bessere.Durch sichere Bindungen überlebt die Spezies nicht nur, sie entwickelt sich auch weiter. Wenn der Bindung also ein solch enormes Potenzial innewohnt, wie lässt sich dann ihre Entstehung begreifen, und wie kann man dafür sorgen, dass sie sich so oft wie möglich entwickelt?

Zurück ins Labor der Menschheit. Die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, Mitarbeiterin in Bowlbys Forschungsteam in London, spielte eine entscheidende Rolle dabei, die Muster bei der Entstehung von Bindung aufzuzeigen. Basierend auf ihren Beobachtungen bei einer bahnbrechenden Feldstudie in Uganda und später in Baltimore in den Vereinigten Staaten legte Ainsworth verschiedene Bindungsstile fest, die zwischen der Mutter (oder einer anderen primären Bezugsperson) und dem Baby entstehen. Später entwickelte Ainsworth außerdem ein sehr nützliches Forschungsinstrument zur Identifikation des Bindungsstils einzelner Eltern-Kind-Paare. Ainsworths sogenannter Fremde-Situations-Test (FST, auf Englisch: Strange Situation Test, SST), der in Kapitel 4 beschrieben wird, ist heute der Maßstab zur Erfassung des Bindungsstils und ein zentraler Bestandteil unserer eigenen Arbeit mit Familien. Er hilft uns und anderen, die mit der Bindungsthematik arbeiten, zu verstehen, wo Bindung möglicherweise nicht sicher ist und wie man Eltern und Kindern helfen kann, eine Bindung zu entwickeln.

Wenn wir es mit einem Kind zu tun haben, das „sich danebenbenimmt“ oder bekümmert wirkt, ist es hilfreich zu überlegen, was möglicherweise vor aller Augen verborgen liegen könnte: Ist das Kind frustriert, weil es das Gefühl hat, uns sein Bedürfnis nach Geborgenheit nicht verständlich machen zu können? Ist dieses kleine Mädchen „so emotional“, weil es nicht gelernt hat, seine Gefühle mithilfe des liebevollen Verständnisses und der souveränen Begrenzungen eines Erwachsenen zu regulieren? Tut dieser kleine Junge sich so schwer damit, das Alphabet zu lernen, weil er innerlich ständig versucht, sein Bedürfnis auszudrücken, selbst der Architekt seiner eigenen Abenteuer zu sein? Hat dieses Kind vielleicht deswegen Schwierigkeiten damit, Freunde zu finden, weil es nicht gelernt hat, auf das Wohlwollen anderer zu vertrauen?