AUGUSTINUS - Wilhelm Berndl - E-Book

AUGUSTINUS E-Book

Wilhelm Berndl

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Beschreibung

Augustinus war Kirchenvater, Bischof, Philosoph, Rhetoriker und Schriftsteller im ausgehenden griechisch-römischen Altertum - was könnte von ihm noch gesagt und gerühmt werden, das nicht schon auf alle erdenkliche Weise gesagt und gerühmt wurde? Der Autor lädt mit seinem Buch zu dem Versuch ein, uns Augustinus einmal von Mensch zu Mensch zu nähern, ein wenig abseits vom analysierenden und forschenden Blick und Interesse der Wissenschaft. Der Versuch ist gelungen. Professor Dr. Dr. Christof Müller, Leiter des Zentrums für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg schrieb dem Autor: "... möchte ich die Arbeit ob ihres Kenntnisreichtums und ihrer Detailfülle loben, und zwar in vielerlei Hinsicht: theologisch und philosophisch, aber vor allem auch philologisch und historisch. Sodann fällt positiv ins Auge, dass das reichhaltige Material konsistent und in sich harmonisch arrangiert und durchdrungen sowie geistreich interpretiert und zu einem stimmigen Gesamtgefüge gestaltet wurde."

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Wilhelm Berndl

AUGUSTINUS

Vordenker des Christentums

Ein Lebensbild

Wilhelm Berndl

AUGUSTINUS

Vordenker des Christentums

Ein Lebensbild

Impressum:

© 2016 Wilhelm Berndl

Korrektorat, Satz u. Umschlaggestaltung:

Angelika Fleckenstein, spotsrock.de

Die Fotografie auf dem Buchumschlag ist ein Bildausschnitt: © Peter Haas

Bildoriginal unter WIKIMEDIA COMMONS https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rochuskirche_Wien_Augustinus_Statue_DSC_0680w.jpg#file)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-7345-4482-8 (Paperback)

978-3-7345-4483-5 (Hardcover)

978-3-7345-4484-2 (e-Book

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Meiner Frau

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Augustin

Prototyp des abendländischen Geistes von schöpferischer Universalität

Quellensituation

Prolog

Rom und Christentum

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Erstes Kapitel

Herkunft und frühe Kindheit

Menschwerdung im Widerschein der „Bekenntnisse“

Augustinische Religiosität

Selbstfindungs- und Selbstbindungsbedürfnisse

Sprechen lernen – hochkomplexe Angelegenheit

„Bekenntnisse“ – Werk eines umfassend gebildeten Geistes

Feindliche Grundstimmung gegenüber allem Schulischem.

Zweites Kapitel

Knabenzeit

Geistig-emotionale Autonomie durch qualifizierten Lateinunterricht

Tatendrang und Führungsanspruch unter Gleichaltrigen

Das Phänomen Augustin. Mutter Monnica. Einstellung zur Taufe

Drittes Kapitel

Adoleszenz

Beginn der Rhetorikausbildung. Unterbrechung aus Geldmangel

Last des Nichtstuns und der Sexualität

Gruppendynamisches Exzellenzbedürfnis

Obsessiv-sexuelle Gestimmtheit. Augustin und die Frauen.

Birnendiebstahl

Viertes Kapitel

Wiederaufnahme der Rhetorikstudien

Karthago – Stadt der Amouren. Intellektueller Ehrgeiz.

Theaterleidenschaft.

Neues Welt- und Selbstverständnis durch Cicero

Partnerschaftliches Verhältnis zu einem Mädchen

Fünftes Kapitel

Wahrheitssuche

Die Heilige Schrift – abschreckend sprachliche Dürftigkeit

Zuflucht im Manichäismus. Proselytenmacherei

Mutter-Sohn-Konflikt. Neigung zu Okkultismus und Astrologie

Sechstes Kapitel

Rhetorik-Lehrer in Thagaste

Geburt eines Sohnes

Unbegreifliches Geschehen um einen todkranken Glaubensgefährten. Tod des Freundes. Exzessiv gelebte Trauer

Rückkehr nach Karthago

Erstlingswerk: „Über das Schöne und Passende“

Neufassung der manichäischen Lehre vom Guten und Bösen

Siebtes Kapitel

Die gespaltene Seele

Rivalität zwischen Geistigem und Weltlich-Sinnlichem

Streben nach Ruhm und Anerkennung

Ungenügen am Manichäismus

Diskussion mit einem führenden Manichäer

Innere Abkehr vom Manichäismus

Achtes Kapitel

In Rom

Frust am karthagischen Vorlesungsbetrieb

Übersiedlung nach Rom gegen den Willen der Mutter

In der Obhut der manichäischen Glaubensgenossen

Kampf um Hörgelder. Dem Tode nahe

Christologie: Manichäisches und Christliches im Widerstreit

Harmonie zwischen jüdischem Gesetz und Christi Botschaft:Wahrheit oder Trug?

Neuntes Kapitel

In Mailand

In kaiserlichen Diensten: Beruflich-gesellschaftlicher Höhepunkt

Bischof Ambrosius – Helfer in Glaubensnöten

Seinswahrheiten im Lichte der griechischen Philosophie

Die Nebel lichten sich. Der Manichäismus – eine Irrlehre

Zehntes Kapitel

Christ im Werden

Monnica in Mailand. Dankbarkeit Monnicas gegenüber Ambrosius.

Existentielle Glaubens- und Erkenntniskrise. „MailänderPlatonismus“ – die Finsternis weicht

Weltlich-diesseitige Grundhaltung unverändert

Kurzzeitige Phasen des Leidens an der Sinnenwelt

Streben nach wahrem Glück

Elftes Kapitel

Mailänder Lebensprofil

Enge Geistesgemeinschaft mit Freunden

Liebe und Sexualität – pro und contra. Auf Freiersfüßen

Entlassung der „Lebensabschnittspartnerin“

Zwölftes Kapitel

Transzendenz- und „Aussteiger“-Tendenzen

Männerkommune – Ideal oder Utopie?

Lust – einziges Lebens- und Glücksprinzip?

„Bekenntnisse“ – Dokument unvergleichlicher Jenseitigkeit

Ringen um katholischen Gottesbegriff.

Gotteserfahrung in Paulinischer Entgrenzung.

Dreizehntes Kapitel

Erlösung

Herrschaft des Sexus ungebrochen

Unvermittelter Übergang zweier Hofbeamter in ein mönchischesLeben

Entrückungsszene im Garten

Vierzehntes Kapitel

Cassiciacum

Ohne „Tolle-Lege“ keine Wiedergeburt im Geiste?

Neuanfang in Cassiciacum

Glaube an die eigene göttliche Erwählung

Vorbereitung auf die Taufe. Adeodatus: Stolz des Vaters. Taufe. ......

Fünfzehntes Kapitel

Zurück nach Thagaste

Aufenthalt in Ostia. Sohn und Mutter im philosophischen Diskurs

Ende des biographischen Teils der „Konfessionen“

Hommage an Mutter Monnica. Tod der Mutter. Trauerbewältigung.

Aufenthalt in Rom. Literarischer Kampf für die Einheit der Kirche. ..

Monastische Gemeinschaft im Elternhaus

Im Blickfeld der Öffentlichkeit

Sechzehntes Kapitel

Kirchlich-hierarchischer Aufstieg

Priesterweihe. Erste Meriten

Unermüdlicher Streiter für die katholische Wahrheit

Öffentliche Glaubensdisputation. Donatismus

Kunst der Bibelauslegung. Bischofsweihe

Siebzehntes Kapitel

Seelsorger und Kirchenlehrer

Richteramt. Verbale Überreaktion gegenüber Donatisten

Staatsgewalt im Häresiestreit unentbehrlich

Kaiserliches schiedsgerichtliches Verfahren

Decivitate Dei („Der Gottesstaat“)

Achtzehntes Kapitel

Häresie des Pelagius

Antipelagianische Publizistik

Bischofssynoden: Schriftlicher Appell an den Papst.

Antwortschreiben des Papstes Innozenz

„Zoff“ mit Nachfolger Zosimus. Prädestinationslehre: Gegenstandheftiger Anfeindung

Semipelagianismus

Neunzehntes Kapitel

Bischof und Mensch

Äußerer Lebenszuschnitt: Kleidung, Speise, Trank.Verhaltensnormen

Geld und Finanzen. Problemfall Schenkung

Vandaleneinfall. Tod

Zwanzigstes Kapitel

Nachleben

Augustins Sorge um sein literarisches Vermächtnis

Philosophische Bedeutung

Epilog

Abschließende Würdigung

BIBLIOGRAPHIE

I. Quellen

II. Literatur

Einleitung

Augustin

Prototyp des abendländischen Geistes vonschöpferischer Universalität.

Quellensituation.

Augustin, Kirchenvater, Bischof, Philosoph, Rhetoriker und Schriftsteller im ausgehenden griechisch-römischen Altertum – was könnte von ihm noch gesagt und gerühmt werden, das nicht schon auf alle erdenkliche Weise gesagt und gerühmt wurde? Nicht darum geht es, dem vielen, was in zahllosen Abhandlungen, Einzel- und Gesamtdarstellungen Kluges und Gescheites niedergelegt wurde, Neues hinzuzufügen. Die Geistestiefe des Mannes auszuloten – gewiß ein vergebliches Unterfangen. All die Jahrhunderte haben sich seither daran versucht. Auch in Zukunft wird es nicht an großen Geistern fehlen, die, von der Mannigfaltigkeit seines Talents bezaubert, mit wahrhaft Augustinischem Impetus darangehen, es zu begreifen, ja, unter Umständen als echte Augustinisten nicht zögern, darin ihre Lebensaufgabe zu sehen.

Nein, nicht Augustins Geistesschaffen soll uns beschäftigen. Sein Leben und Wirken, das biographische Substrat, auf dem ein solcher Geist sich zu solcher Größe erhoben hat, ist wahrlich bedeutend genug und verdient es, in seinem chronologischen Verlauf im einzelnen verfolgt zu werden. Daß dabei auch die intellektuelle Seite des Mannes, kristallisiert in seinen schriftstellerischen Großtaten, in unser Blickfeld tritt und nicht unbeachtet bleibt – nur recht und billig, soweit sich eben darin jeweils seine Lebenswelt in sinnfällig-bedeutsamer Weise ausspricht und abbildet. Und es ist ja wahrlich ein Leben, dessen geistig-seelischen Bestandteile die physisch-materiellen weit überwiegen.

Der Riesenbau seines denkerischen Werkes1, wenn denn einleitend noch ein Wort darauf verwendet werden soll, spricht fraglos für sich selber, allein schon kraft seiner schieren Größe. Noch jede Zeit steht staunend davor, ist wohl bemüht, ihr eigenes geistiges Vermögen daran zu erproben und neu zu vermessen. Unbedingte Wahrheitssuche und leidenschaftlicher Erkenntnisdrang – was ist kennzeichnender für ihn? Was befähigt ihn mehr, in seiner geistigen Leistung Geistesheroen wie Sokrates und Platon an die Seite gestellt zu werden, ja wie diese als Pioniere und Inbilder abendländischer Geisteskultur über die Zeiten hin machtvoll Bedeutung zu gewinnen?

Dem konkreten Lebensvollzug großer Gestalten aus griechischrömischer Zeit nachzuspüren ist mangels eindeutig verifizierbarer Fakten nicht immer leicht. Nicht selten wetteifert, wie bei Sokrates, Fiktives, Legendarisch-Skurriles in elementarer Weise mit der historischen Wahrheit. Und nicht eben selten gerät dabei – wer hätte anderes erwartet – das rein Faktische ins Hintertreffen. Nicht so bei Augustin. Sein eigenes Schrifttum ist es, das in der Fülle biographisch relevanter Aussagen jeder Legendenbildung zuvorkommt. Die förmliche Lebensbeschreibung seines Schülers und Freundes Possidius2, ein Jahr nach Augustins Tod verfaßt, tut bei aller verehrenden Darstellung des Meisters ein übriges, um uns davor zu bewahren, ihn selbst in seinem ganz realen Dasein und Befinden aus dem Blick zu verlieren.

Wollen wir also den Versuch machen, uns Augustin von Mensch zu Mensch zu nähern, ihn nicht allein dem analysierenden und forschenden Blick und Interesse der Wissenschaft zu überlassen. Sollte es dabei geschehen, daß sich die Studie mehr Engagement erlaubt, als es die historische Objektivität verträgt und gutheißt, so mag man es nicht der Sache entgelten lassen. Denn es ist ja wohl so, daß nüchtern-unbefangene Zurückhaltung nicht in jedem Fall von Vorteil ist, vor allem dort nicht, wo der Außergewöhnlichkeit einer Person auch Außergewöhnliches in ihrer Darstellung geschuldet erscheint.

Prolog

Rom und Christentum

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Aufstieg des christlichen Glaubens zur Staatsreligion. Sekten und Schismen: Das Christentum, im Widerstreit mit sich selbst, auf der Suche nach seiner Identität.

Wir befinden uns in der Mitte des 4. Jhs. n. Chr. Nach wie vor wird die Welt von Rom beherrscht. Die Innenansicht ist im Wesentlichen noch die gleiche wie zur Zeit Caesars im 1. Jh. v. Chr. Üppiger Handel und Wandel, großartige Bauten und Kunstwerke, Rhetorik und Philosophie: nichts fehlt, womit eine Weltstadt Ehre einlegen und ihren Ruf rechtfertigen kann. Den Rang einer Reichshauptstadt freilich hat die Stadt am Tiber am 8. November 324 n. Chr. an das griechische Byzantion abgeben müssen. Strategische Gründe waren es, die Konstantin den Großen3 bestimmten, mit der Verlegung des Regierungssitzes den neuen imperialen Gegebenheiten zu entsprechen. Nicht zu verkennen, persönliche Eitelkeit war es, die mit der Umbenennung von Byzantion in Constantinópolis sich ein Denkmal von überzeitlicher Größe schaffen wollte.

Fakt ist auch, das römische Weltreich, das imperium Romanum, von Kaisern regiert, ist in die Jahre gekommen. Ja, einen langen Weg hat es zurückgelegt, seit im Jahre 27 v. Chr. Augustus gelang, worüber Caesar noch stolperte: Rom macht seinen Frieden mit der Monarchie, dem so leidenschaftlich bekämpften und gehaßtenHerrschaftsmodell. Prinzipát4, Dominát5, Caesares 6, Augusti – welche Namen und Titel sich Herrschaft und Herrscher seither auch geben, immer ist es der Geist Caesars, der unbedingte und unwandelbare Wille zu Macht und Machtentfaltung, der Pate steht. Die Jahrhunderte haben daran nichts geändert. Im Gegenteil: Seit Diokletian hat Herrscherstolz das unabdingbare und unstillbare Bedürfnis, auch äußerlich, zeichenhaft gewürdigt und anerkannt zu sehen, was Sacheist. Der Beiname Iovius7, Proskynese8, persisch-orientalisches Hofzeremoniell, Diadem9 und Purpurgewand – was ist all dies, wenn nicht ein ästhetisches Steuerungsmittel, um der vermeintlich defizitären herrscherlichen Optik aufzuhelfen?

Was Diokletian recht ist, ist Konstantin dem Großen billig. Die Lektion Diokletians in Sachen praktischer Alltagsabsolutismus fruchtet. Wo es die kaiserliche Majestät Diokletians nach dem Purpurgewand verlangte, beansprucht die Heiligkeit Kaiser Konstantins die prunkende Erhabenheit des Goldornats. Die zeitgenössischen Christen haben sie ihm gewiß nicht mißgönnt. Wissen sie doch, was sie vermissen würden, wenn Macht und ordnender Wille Konstantins der Christenheit fehlten. Ist er nicht redlicher Sachwalter, wahrer Stellvertreter Christi auf Erden? Wie stünde das Christentum ohne ihn da? Wohlfahrt und Gedeihen des christlichen Glaubens nach außen und innen, Tolerierung10 und Aufstieg zur alleinigen Staatsreligion, Wahrung der Glaubenseinheit gegen das Schisma des Arianismus11 und Donatismus12, der fünfschiffige Prachtbau der Peterskirche über dem Grab des Apostelfürsten – alles sein Werk. Staat und Kirche – eine prächtige Symbiose allemal ist es, worin die beiden Lebensmächte schließlich schiedlich-friedlich vereint sind. Ja, es ist schon so: Das Christentum ist auf dem besten Weg, Wesen und Struktur eines veritablen Staatskirchentums anzunehmen. Die Christen und ihr Glaube, vor einem halben Jahrhundert noch verfolgt13, verboten, verfemt, jetzt unentbehrliche oder besser: für unentbehrlich gehaltene Stützen der Reichseinheit – wahrlich, der Durchbruch ist gelungen, die Emanzipation vom Heidentum vollendet. Das goldene Zeitalter der Christenheit hat begonnen. So der äußere Schein.

Einem halben Wunder käme es gleich, wenn die Geschichte alles reibungslos akzeptiert hätte. Es mag mit dem üblichen Aufbegehren, dem jugendstolzen Selbstgefühl des Sohnes gegen einen übermächtigen Vater zu tun haben, wenn Konstantins Sohn, Constantius II.14, andere kirchenpolitische Akzente zu setzen versucht. Freund des Arianismus, will er nichts weniger als entgegen der Intention des Vaters und des Konzils von Nikaia neue Fakten schaffen. Die Lehre des Arius, im Osten, seiner Heimat, schon immer vital und mächtig, soll auch im Westen eine neue Chance bekommen. Die Arianer sind dazu ausersehen, politisch und religiös dort den Ton anzugeben, wo sich bis dahin die Katholiken einer ungefährdeten Vormachtstellung erfreuen durften.

Nein, gewiß kein Zeugnis besonderer Weitsicht und Weisheit ist dies. Der Katholizismus des Nicäanischen Glaubensbekenntnisses ist weiß Gott nicht so hilf- und wehrlos, um für seinen Bestand fürchten zu müssen. Wer einen Bischof Hilárius15 auf seiner Seite hat, dessen Sache ist wahrlich in guten Händen. In einem richtiggehenden Kreuzzug gegen die Arianer sichern seine Kampfschriften das Terrain der Athanasianer oder gewinnen verlorengegangenes zurück. Da istweiter ein Marius Victorinus16, auch er ein Verteidiger von besonderer Gelehrsamkeit und Sprachmächtigkeit. Und ist es nicht, als fühlte sich das Heidentum selbst in dem Mann, ehemals einem seiner gewichtigsten Vertreter, jetzt aufgefordert, die Seiten zu wechseln und seine machtvolle Stimme der besseren Sache zu widmen? Seine antiarianischen Schriften tun nicht wenig, um weiterhin lebensmächtig zu bewahren, was die Tradition für gut befunden hat.

Neben den geistigen Speerspitzen des Hilarius und Marius Victorinus formiert sich unter den Christen breiter Widerstand gegen die Bevorzugung des Arianismus als Staatsreligion. Ausbrechende religiöse Unruhen zwingen Constantius, unterstützt von gemäßigten Arianern, einzulenken und eine vermittelnde Position einzunehmen. Im innerkirchlichen Glaubensstreit über die Göttlichkeit Christi und die Trinität ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Der Aufschwung des Arianischen Bekenntnisses unter Constantius bleibt Episode. Das Christentum als solches fährt unter ihm nicht schlecht: Wo bisher noch die Rivalität zwischen Heiden und Christen um die kaiserliche Gunst und die größeren Anteile am öffentlichen Leben die Tagesaktualität bestimmte, herrscht nun Eindeutigkeit. Das Heidentum hört kraft Gesetz auf zu existieren. Schließung der Tempel und Kultverbot bei Todesstrafe lassen nach außen hin keinen Spielraum.

Das ist in Kürze, was Zeit und Geschichte des 4. Jhs. im Wesentlichen ausmacht, eines Jahrhunderts, dessen geistig-religiöses Profil noch starke Züge des Unfertigen, im Werden Begriffenen trägt. Eine rechte Zeit des Auf- und Umbruchs ist es, des Neuanfangs in jeder Hinsicht. Das Christentum, immer mehr prägendes Element des Zeitgeschehens17, hat sich noch vieles von dem inbrünstig-ekstatischen Bekennertum der ersten Jahrzehnte bewahrt18. Zum Sammelbecken der antiken paganen Geistesströmungen geworden, scheint es nun in einen recht unchristlichen Clinch mit sich selbst geraten zu sein. Die Suche nach dem Letztverbindlichen, dem substantiell Endgültigen wird eine unendliche Geschichte, eine Geschichte von intransigenten Häresien einerseits und ebenso kompromißlosen und glaubensstarken Bekennerschriften andererseits. Anklage und Verteidigung, Vorwürfe und Gegenvorwürfe, Anfechtung und Widerlegung lösen einander in schöner Regelmäßigkeit ab.

Das Schifflein Petri treibt in schwerer See. Kaum manövrier- und orientierungsfähig scheint es. Welches Glück! Eben in dieser Zeit tritt mit Augustin ein Mann hervor, machtvoll in seiner unverbogenen Religiosität, ursprünglichen Autorität und unvergleichlichen Geistesund Willenskraft, ein Mann, so eigentlich geschaffen, der tradierten Kirche in ihrer Verunsicherung und Schieflage wegweisend neuen Halt und Zuversicht zu geben. Wahrer Leuchtturm in stürmischer Zeit sollte er werden, ein treusorgender Vater der Kirche, ein „Kirchenvater“. Wenn einer, dann trägt er den Ehrentitel mit Fug und Recht.

Erstes Kapitel

Herkunft und frühe Kindheit

Menschwerdung im Widerschein der „Bekenntnisse“

Augustinische Religiosität.

Selbstfindungs- und Selbstbindungsbedürfnisse.

Sprechen lernen – hochkomplexe Angelegenheit

„Bekenntnisse“ – Werk eines umfassend gebildeten Geistes

Feindliche Grundstimmung gegenüber allem Schulischem.

Das Jahr 354 geht dem Ende zu. Es ist das zweite Jahr der Alleinherrschaft Constantius’ II., des Sohnes Constantins des Großen. Der 13. November dieses Jahres – wahrlich kein Tag wie jeder andere. Bedeutsames tut sich im Hause des Patricius, des angesehenen, aber nicht eben wohlhabenden Gemeinderats von Thagaste19. Monnica, seine dreiundzwanzigjährige Frau, kommt mit einem gesunden Knaben nieder. Ob es die Erstgeburt ist, darüber läßt uns die Überlieferung im unklaren. Sicher ist, Liebe und Fürsorge der Eltern gehören zu gleichen Teilen auch einem Bruder und einer Schwester. Der kleine Ankömmling erhält den Namen Aurelius Augustinus.

Was dann folgt, das, was jeden neuen Erdenbürger immer mit gleicher Intensität beschäftigt, die zeitlich möglichst unbegrenzte Verfügbarkeit der Mutterbrust, im Grunde etwas Banales, Erbe der animalischen Seite der Menschennatur, letztlich nicht wert, viel Aufhebens davon zu machen – für Augustin immer noch bedeutsam genug, um es in seinen „Bekenntnissen“20 zu thematisieren. Er tut es auf seine ganz eigene Weise.

Voller Demut tritt er vor den Richterstuhl Gottes, um sich der Sündhaftigkeit anzuklagen, der sündhaften Fehlbarkeit vom ersten Atemzug an. Das winzige Wesen – die Unschuld selbst scheint es. Wenn aber die neue ins Leben getretene Unschuld mit dem süßen Charme ihrer gänzlichen Wehr- und Hilflosigkeit zu schreien beginnt, unduldsam und rücksichtslos schreit und schreit und schreit, bis die Milchquelle wieder fließt, wenn sie gar den Stillvorgang des Milchbruders mit „bitterbösem“ Blick verfolgt, wo bleibt da die Unschuld? Voll ungläubigen Staunens und nicht ohne Bitterkeit eines von der Existenz des Bösen in der Schöpfung höchst Irritierten stellt sich Augustin diese Frage, eine Frage, die ihn in ihrer grundsätzlichen theologischen Bedeutung noch mannigfach beschäftigen sollte.

Hier ist es angebracht, kurz innezuhalten und sich zu vergewissern, was da eigentlich geschieht. Ist es Augustins übersensibles, um nicht zu sagen: skrupulöses Sündenbewußtsein, was uns so unerwartet und überwältigend entgegentritt? Unsere Sache ist es gewiß nicht, mit ihm darüber zu rechten. Bemerkenswert jedoch dies: Es ist die so eigene Augustinische Religiosität, deren innerster Kern sich hier offenbart. Vorherrschend ist der Eindruck, als fühlte sich Augustin allein durch die Tatsache seiner physischen Existenz in der Schuld Gottes, auf sein liebendes Erbarmen angewiesen wie auf das tägliche Brot, ein Erbarmen und eine Gnade, die in hymnisch übersteigerten Tönen zu loben und zu preisen ihm offenbar höchste Lust und Befriedigung ist. Gottes Huld, Güte und Gerechtigkeit unablässig zu rühmen und zu verherrlichen genauso wie seine unfaßbare, „alles erfüllende und umfassende“ Gegenwart, Größe und Herrlichkeit, dazu scheint er angetreten. Darin sieht er Sinn und Zweck seines Lebens wie auch seiner „Bekenntnisse“. Magnus es, Domine, et laudabilisvalde. Magna virtus tua et sapientiae tuae non est numerus. Et laudare te vult homo, aliqua portio creaturae tuae, et homo circúmferens mortalitatem suam, circumferens testimonium peccati sui et testimonium, quia superbis resistis, et tamen laudare te vult homo, aliqua portio creaturae tuae („Groß bist du, Herr, und lobenswert über die Maßen. Groß ist deine Kraft und für deine Weisheit gibt es kein Maß. Und da will dich loben ein Mensch, ein beliebiger Teil deiner Schöpfung, ein Mensch zudem, der an sich trägt seine Sterblichkeit, an sich trägt das Zeugnis seiner Sünde und das Zeugnis, daß du ‘den Stolzen widerstehst’, und dennoch will der Mensch dich loben, ein beliebiger Teil deiner Schöpfung“).

So beginnt Augustin seine „Konfessionen“. Was für ein Anfang! Wahrlich, ein Bekenntnis ist es, wie es so die Welt noch nicht vernommen hat. Er, Augustin, der kleine Mensch, unternimmt und wagt in demutsvollem Aufblick zu seinem Herrn das schier Unfaßliche. Das Zeugnis der kreatürlichen Armseligkeit seines Lebens soll zum Lobpreis der Größe Gottes werden. Tatsächlich wird es dies, nicht nur dies: Ein Glaubensbekenntnis von unvergleichlicher Innigkeit, von Kraft und Wucht der Gottesliebe ist es zugleich geworden.

Das ist nur die eine Seite der „Bekenntnisse“. Nicht zu übersehen ist daneben, welch immenser Geist sich hier aufmacht, in den tiefsten Seelengrund einzutauchen, ihn mit den Mitteln des (tiefen-)psychologischen Sachverstandes zu durchdringen, zu durchleuchten, allein um in klaren, stimmigen Einsichten sich der unendlichen Fragwürdigkeit des Menschseins zu versichern – und sie letztlich zu bemeistern. Nein, es versteht sich nicht von selbst, aber es so. Und es verdient wahrlich, betont und gerühmt zu werden: Hier ist ein ganz Großer der Wissenschaft von den seelischen Dingen am Werk.

Nicht zu verkennen: Des Merk- und Lobenswürdigen an der Autobiographie der „Bekenntnisse“ gibt es viel. Was daran autobiographisch ist – beeindruckend ganz gewiß ist es in seiner Tiefgründigkeit und Kompromißlosigkeit. Ja, erschreckend oft Wille und Lust, „in den eigenen Eingeweiden zu wüten“. Goethes Bildhaftigkeit, dem sich der vorliegende Sachverhalt in thematisch anderem Zusammenhang in dieser Weise darstellt, trifft wohl am besten, was gesagt sein soll. Aber was den Bekenntnischarakter über die Trivialität des modernen Genres weit hinaushebt, ihm letzte Bedeutung und Größe gibt, ist etwas wesentlich Verschiedenes. Man mag es Sinnsuche nennen, Sinngebung des Sinnlosen, Ungenügen am bloß Kreatürlichen, religiöses Selbstfindungs- oder Selbstbindungsbedürfnis, existentielle Heils- und Erlösungssehnsucht – was immer davon zutreffend ist, etwas dergleichen subjektiv Zwingendes, extrem Zwingendes, muß es sein, was hier zu sprachlicher Form drängt und so magisch ergreifend zutage tritt. Der Verzicht auf Zwischentöne hat, wohin man blickt, Hochkonjunktur. Vorherrschend in jedem Fall ist das eindeutige Bestreben und auch die Fähigkeit, alles Tun und Wollen irdischer Lebensidentität seiner Selbstherrlichkeit zu entkleiden und an Adel, Aura und Schwerkraft des Transzendent-Eschatologischen Maß zu nehmen. Immer ist es das Göttliche, worin der Mensch in all seiner Menschlichkeit verzahnt erscheint. Soviel zunächst zu Tendenz und Charakter der biographischen Hauptquelle.

Zurück zum kleinen Augustin. Es ist die Zeit des erwachenden Verstandes. Der Geist beginnt seiner innezuwerden und sich des Mittels der Sprache zu versichern, um seine Schwingen zu erproben, in ersten Kontaktversuchen mit seiner Umwelt Kraft und Selbstvertrauen zu gewinnen. Auch dies ist für Augustin in der Rückschau nichts rein Physisch-Humanbiologisches, dem Automatismus der menschlichen Entwicklung Verdanktes. Gott ist es, in dessen tiefer Schuld wir stehen. Ausfluß seiner Güte und Liebe sind die Gaben des Gedächtnisses und die sonstigen Talente des Menschen.

Konkret: Augustin, das Kleinkind, – beachtet sein will es. Ja, sein Leben konturiert sich zusehends. Die Zeit ist reif. Die Weichen sind gestellt. Die Welt des Intellekts, der konkret und bewußt artikulierten Regungen und Strebungen nimmt ihn in ihre Obhut und voll in Beschlag. Alsbald formen sich lallende Laute zu tapsenden Worten und ungefügen Sätzchen. Und nochmals sei es vermerkt: Wieder das gleiche Verfahren, die gleiche extrem verengte Sicht. Was die Natur in ihrer Weisheit schlicht und anspruchslos gewollt und keimhaft grundgelegt hat, wird in der Darstellung Augustins zu einer Sache ganz eigener Art, nimmt Züge des Außergewöhnlichen, ja Abenteuerlichen an: Sprechen lernen – ein höchst komplexer Prozeß, so lassen wir uns belehren, ist es, gewichtig, psycho-soziologisch feinziseliert. Was jetzt auf Gemüt und Geist des Kleinen zukommt, zu einem regelrechten Abenteuer scheint es auszuarten. Und was es da nicht alles zu beachten gibt, damit das einmalige Vermögen der Sprache voll zu seinem Recht kommt. „Wenn sie irgendeinen Gegenstand benannten und gleichzeitig eine entsprechende Körperbewegung machten, dann sah und erfaßte ich, daß mit solchem Wort ein bestimmtes Ding gemeint sei, das sie mir zeigen wollten. ... So sammelte ich mir allmählich einen Schatz von Wörtern, deren mancherlei Bedeutung und Stellung im Satzgefüge ich durch häufiges Hören erlernte, gewöhnte meine Zunge an sie und brachte durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.“

Wir müssen gestehen, es hat viel für sich, die ersten ursprünglichen Manifestationen der Geistbegabung des Menschen in ihrer Abfolge analytisch so kundig wie hier erfaßt und minutiös vor Augen geführt zu sehen. Das Endprodukt in jedem Fall etwas Großes, im Sinne Augustins gewiß ein kleines Wunderwerk, wert, darin der Größe seines Schöpfers zu huldigen. Vor allem ist nicht zu verkennen: Das Kind tritt aus dem Stadium der vegetativen Unmündigkeit heraus. Ein bewußtes Ego steht vor uns. Die erste Hürde auf dem Weg zu einem denkenden, sozialisationsfähigen Wesen ist genommen.

Um nicht mißverstanden zu werden: Manches an der Art der Darstellung Augustins könnte ungewohnt, manches in der Diktion da und dort nicht frei erscheinen von geschwätzig-umständlicher Betulichkeit. Sie zu goutieren ist ja wohl nicht jedermann in gleichem Maße gegeben. Auf jeden Fall aber sollten wir uns so viel innere Freiheit bewahren, die nötig ist, um nicht den Blick für die innere Ästhetik zu verlieren. Sache eines Kritikasters ist es doch wohl, nicht unumwunden zuzugeben, daß alles in seiner Art jeweils am angemessenen Platz mit angemessener Gewichtung figuriert und seinen Teil zu dem großartigen Bildnis einer Lebenswirklichkeit beiträgt, die ihresgleichen sucht. Und das ist nicht alles. Art und Grundtendenz der „Bekenntnisse“ sind zwar einmalig, von unvergleichlichem Zauber, nach Form und Inhalt aber lassen sie durchaus verschiedene Perspektiven zu. Sie sind nicht nur das Werk Augustins, des begnadeten Gottsuchers, ja Gottbegeisterten. Auch Augustin, der Hochintellektuelle, der Professor für Rhetorik, der Sprachkünstler und ebenso der Menschenkenner und Philosoph, der es liebt, den Dingen auf den Grund zu gehen, jeweils nach dem Wie und Warum zu fragen, und das möglichst explizit – auch er will sich darin wiedererkennen und seine Belange gehörig berücksichtigt finden. Genug jetzt des Grundsätzlichen.

Augustin hat bereits die Mühen und Mühlen des Kleinkinderstadiums hinter sich gebracht. Die nächste Grausamkeit folgt auf dem Fuß, diesmal teils dem unvermeidlichen Kultur- und Zivilisationsterror, teils der grenzenlos umsichtigen Sorge der lieben Mitmenschen zu verdanken. Die Schule – ein Kapitel für sich, ein düsteres, auch für Augustin. „Gott, mein Gott, wie hat man mich da unglücklich gemacht und betrogen!“ Ein Stoßseufzer, aus tiefster Seele kommend, gibt leitmotivisch umfassend dem Lebensabschnitt die Tonalität vor. Die bloße Erinnerung daran – das blanke Entsetzen. „Vor die Wahl gestellt, entweder zu sterben oder noch einmal Kind zu werden, wer würde nicht lieber den Tod erwählen?“ Schule schlimmer als der Tod – so sein Urteil in De civitate dei („Der Gottesstaat“). Offenbar reichen auch mehr als sechzig Jahre nicht aus, um der monströsen Empfindung und Erfahrung ihren Schrecken zu nehmen.

Die Schule hat es ihm wahrhaft „angetan“, hat das Zeug, sich für den Schüler Augustin ins Traumatische auszuwachsen. Lernen oder spielen: das ist die große Frage, jeden Tag aufs neue sich stellend, unweigerlich, schicksalhaft. Nein, eben hier liegt das Dilemma. Keine Frage ist es für den Knaben, keine ernsthafte. Buchstaben lernen – wozu soll das gut sein? Die Antwort fällt ihm leicht, zu leicht. Umgekehrt gilt auch: Augustin wäre nicht Augustin, wenn er sich nicht in diesem Moment wieder mit dem Bruder Leichtfuß in ihm konfrontiert sähe, dem es gilt, seine Schandtaten vorzuhalten. „Wenn ich im Lernen träge war ...“, so diagnostiziert nach Jahren der Geheilte schonungslos seine Krankheit. Doch jetzt, noch ganz Kind, das nichts so sehr liebt wie das Spielerisch-Unverbindliche, kann er an seinem Zustand durchaus nichts Krankhaftes, der Heilung Bedürftiges finden. Wollen auch wir Nachsicht üben und ihm eine prinzipielle didaktische Antriebsschwäche diagnostizieren, bei Schülern zumal ein gar nicht so selten anzutreffendes Phänomen.

Die Schule kennt keine Gnade, auch nicht die Schule im Zeichen des Christentums, oder gerade sie nicht. Sie sieht es als ihre heilige Pflicht an, verstockte Sünder und Faulenzer auf den rechten Pfad der Tugend, der Tugend und Kultur des Lernens und Gehorchens, heranoder zurückzuführen – mit allen Mitteln, auch den härtesten, an Folter grenzenden21. „... bekam ich Schläge“, so das bittere Fazit des Hauptsatzes, mit dem seine „Bekenntnisse“ schlußfolgernd oben zitierten Konditional- oder auch Temporalsatz abschließen. Der Schulalltag damals ist rauh, wenig kuschelig, übersät mit den Tretminen und Fallstricken physisch äußerst spürbarer Strafen. Zwei Schulmeister walten an der damaligen Elementarschule mit absoluter Autorität, der Litterator22 und der Kalkulator23, der eine zuständig für Lesen und Schreiben, der andere für Rechnen. Von beiden droht jeweils Gefahr. Mag ja sein, daß sie etwas allzu wörtlich nehmen, was einst Griechenweisheit mehr als sechshundert Jahre vor Augustin zum obersten Erziehungsgrundsatz erkor: „Ein nicht geschundener Mensch ist nicht erzogen24.“ Nein, sensible Schüler wie Augustin haben einer solchen Pädagogik nichts entgegenzusetzen.

Wie auch immer, die ganze Antike scheint von der heilsamen Wirkung einer sehr handgreiflichen Erziehung überzeugt. „Die Hand für die Rute hinhalten“ kennt schon die Zeit Caesars als sprichwörtliche Umschreibung für Schule und schulische Härte. Was tun? Elterninitiativen gegen barbarische Züchtigungsmethoden und Erziehungsgrundsätze? Der Zeit völlig fremd. Die Not des Kleinen schreit zum Himmel. „So begann ich, dich kindlich zu bitten, du meine Hilfe und Zuflucht, klein wie ich war, aber mit großer Inbrunst, du möchtest mich vor Schlägen in der Schule bewahren.“ Doch der Himmel hat kein Einsehen, „weil es mir nicht heilsam gewesen wäre“. So urteilen Einsicht, Dankbarkeit und vertiefte Glaubensstärke des Erwachsenen, der seine Sache dort oben in besten Händen weiß. „Ohne Zwang hätte ich nicht gelernt.“ Leicht versteht er sich jetzt zu solch heilsamer Pädagogik der Nötigung. Nicht weiter verwunderlich: Typisches Bekenntnis eines typischen Schülers bzw. Erwachsenen vor der Wahrheit des Rückspiegels, könnte der Vorwitz leichten Herzens abwiegeln, wenn der Fall Augustin nicht in so hohen Graden ein Fall für sich wäre, der sich gern von der menschlichen Norm entfernt.

Augustin ein Musterschüler, Streber gar – von der nachmaligen Geistesgröße auf eine entsprechende Schülerkarriere zu schließen: Nichts wäre falscher. Unrecht würden wir ihm tun. „Musterschüler“ ja – wenn wir den Begriff ironisieren und als Terminus gelten lassen für eine mehr oder minder ausgeprägte Feindschaft gegen alles, was Schule heißt. Ganz unumwunden sagt er ja auch, daß er „die griechische Sprache haßte“. Da hat er es freilich übel getroffen. Griechisch, jene Hochsprache, in der Wissenschaft und Dichtung auf europäischem Boden zuerst laufen und sprechen lernen, ist für einen Gebildeten oder einen, der es werden und dafür gelten will, ein schlichtes Muß, vergleichbar dem heutigen Englisch. Höhere Bildung ohne Homér – undenkbar. Bei Griechen und Römern wird der erste europäische Epiker zum Schulbuch schlechthin. Auch Schüler im Knabenalter bekommen ihn zum Erlernen des Griechischen in die Hand gedrückt. Warum dann Augustins Frustration bis hin zu offener Ablehung, zu Haß und Feindschaft? Griechisch zu lernen ist für einen, dem Latein Muttersprache ist, gewiß keine besondere Zumutung, auf keinen Fall eine besonders strapaziöse Klettertour am Rande der Überforderung. Vielfach läßt sich an Bekanntes anknüpfen. Sprachstrukturen, an die er hier gewöhnt ist, begegnen ihm zum großen Teil auch dort.

Das Problem liegt woanders. Wir kennen es. Dem Kleinen ist nun mal alles, was auf Anstrengung oder Verkürzung und Störung der Freizeit hinausläuft, zuwider, unendlich zuwider. Wenn es doch die griechischen Wörter ebenso gut meinten mit ihm wie die lateinischen! Warum können sie ihm nicht auch nur mal so zufliegen? Nein, mit Spiel und Spaß haben sie nichts im Sinn, aber auch gar nichts. Und wozu das Ganze? Homérs trojanischer Krieg, die Irrfahrten des Odysseus, die Perlen von Sinnsprüchen und Lebensweisheiten, kunstvoll darin verwoben, wiegt das all die Mühen auf, die Qualen, die Strafen? Vergíl25 sollte doch eigentlich genügen. Kann er es nicht ebenso gut wie Homér? Was hat dieser, was jener nicht hat? Und so fort.

Wir vermeinen kompakte Abneigung und solide Lernverweigerung in eigener Sache zu vernehmen. Argumente und Ausflüchte – schon in diesem Alter scheinen sie schnell zur Hand und leichtfüßig von der Zunge zu gehen, um der eigenen Verfehlung und Straffälligkeit nicht ins Auge sehen zu müssen. Andererseits hören wir: Die Poesie „formte schon den stammelnden Mund des Kindes“. So das Wort eines großen Kenners26, ein großes Wort gewiß, aber für Wünsche und Einsicht Zehnjähriger sicher eine Nummer zu groß. Augustin wenigstens hat zeitlebens ein gebrochenes Verhältnis zu der altehrwürdigen Sprache der Griechen, in der das Abendland ja zuerst seiner geistig-sittlichen Kräfte bewußt werden sollte. Ursprüngliche Geistesheimat sollte sie ihm nie werden. Immerhin, zum Zweck der Denk- und Geistesschulung wurde sie auch für ihn zum notwendigen Werkzeug, das seinem Lebenswerk Breite und Tiefe zu geben vermochte.

Zweites Kapitel

Knabenzeit

Geistig-emotionale Autonomie durch qualifizierten Lateinunterricht.

Tatendrang und Führungsanspruch unter Gleichaltrigen.

Das Phänomen Augustin. Mutter Monnica. Einstellung zur Taufe.

Zu seiner Muttersprache, dem Lateinischen, fühlt Augustin naturgemäß eine besondere Affinität. Jedenfalls vermag ihn der Lateinunterricht auf einer höheren Stufe des Spracherwerbs in der Literaturschule, dem Pendant zu unserer höheren Schule, einigermaßen mit all dem Unaussprechlichen auszusöhnen, was Schule ist und will. Das weite Feld seiner geistig-emotionalen Bedürfnisse braucht nicht mehr brach zu liegen. „Die Irrfahrten eines gewissen Aeneas“ finden bereitwillig Aufnahme in seinem empfänglichen Gemüt, so sehr, „daß ich die Dido beweinte, die ‘hingestreckt durch den Stahl, zu Boden gesunken’“27. Schule scheint ihren Schrecken zu verlieren. Sie wird zur Rennbahn, auf der sein unermüdlich vorwärtsdrängender Geist von Sieg zu Sieg strebt.

Angeleitet und geführt von der kundigen Hand eines grammaticus28 lernt er, sich im Bildungsszenario der griechischen undlateinischen Literatur immer sicherer zu bewegen. Was dabei Poetik, Literaturgeschichte, Metrik, Musik, Philosophie29, Geographie und Astronomie, Mythologie und Geschichte zu bestimmten Fragenkomplexen verdichten, will interpretatorisch bewältigt sein, um den jugendlich-forschen Verstand zu einem würdigen Sachwalter all jener Güter und Werte zu perfektionieren, die die damals erreichbare Bildung30 für ihre Adepten bereithält. Mit dem, was ihm früher „lästig und peinvoll“ war, hat er seinen Frieden gemacht, mehr noch: er hat Spaß daran und genießt den vollkommenen Wandel der Dinge. Wo vorher Tadel und Strafe ihn niederdrückten, ist er nun obenauf und Herr seiner selbst und der Umwelt. „Gut, gut so!“ tönt es ihm von allen Seiten entgegen. Anerkennung und Lob stellen sich pünktlich ein und werden seine ständigen Begleiter und Anreger.

Soweit, so gut. Nichts ist gut, schlimm ist es, ganz schlimm, fährt uns Augustin energisch in die Parade. Der späte Augustin wohlgemerkt ist es wieder, Augustin der „Bekenntnisse“, dem Gott und größtmögliche Gottesnähe höchstes Gut, Weltlich-Irdisches, noch so harmlos scheinend, größtes Übel ist, nichts als verwerfliche Kapitulation vor dem Bösen. „Wie kann es auch Elenderes geben, als einen Elenden, der sein Elend selbst nicht sieht, den Tod der Dido beweint, die aus Liebe starb zu Äneas, aber nicht weint über seinen eigenen Tod, den er sterben muß, weil er dich nicht liebt, dich, Gott, du meines Herzens Licht, du Brot, von dem meiner Seele Mund sich nährt, du Kraft, die meinen Geist und meines Denkens Schoß fruchtbar macht?“

Was für eine Glaubenskraft und Glaubenstiefe, die sich mit solcher Dichte und Intensität des Ausdrucks kundtut! Sprachlos stehen wir davor. Nicht der Verstand, nur das Herz mag in der Lage sein, ihm tastend und zögernd zu folgen – auf solch durchglühte Höhen der Anbetung und Verehrung göttlicher Größe und Weisheit. Nicht dies allein macht staunen. Noch mehr ist es der Anlaß, die „Sünde“, die ihn so martert. Was ist das Furchtbare, das die verbale Selbstentblößung und -kasteiung auslöst und in manisch-expressiven Glaubens- und Liebesergüssen Vergessen, Sicherheit und Ruhe zu suchen zwingt? So möchte man wieder und wieder fragen. Die Antwort in diesem Fall, so schlicht wie naheliegend: Es ist das fühlende Herz eines kleinen Jungen, das, gebannt im Zauberkreis Vergílscher Versund Sprachvirtuosität, zu Tränen gerührt ist, Tränen über Dido vergießt, über das ihr vom treulosen Geliebten angetane Leid und ihren verzweifelten letzten Schritt in den Untergang von eigener Hand.

Es würde zu weit führen, im Innenleben des Knaben Augustin das Unterste zu oberst zu kehren. Was sollte damit auch gewonnen sein? Knabe ist Knabe, Augustin ist es so gut wie seine Spielkameraden und Schulgefährten. Das Selbstverständliche braucht keine besondere Betonung. Ebenso selbstverständlich wohl, daß auch der Griff zur Lüge zum Repertoire der kindlichen Selbstbehauptung gehört. Die Unersättlichkeit des kindlichen Spieltriebs kann und will gelegentlich darauf nicht verzichten. Auch Augustins Psyche gibt sich da sehr konventionell. Eine Notwehrmaßnahme freilich ist es ihr, ein äußerstes Mittel gegen „Erziehungsterror“ mit der schmerzhaften Einengung des Entfaltungsspielraums, nichts weiter. Hat der Ehrgeiz einer typischen Kinderseele je nach Rechtschaffenheit und guter Sitte gefragt? Ob gut, ob schlecht – was allein zählt, ist das süße Gift der Herrschaft über das Spielgeschehen, sind Drang und Leidenschaft, immer und überall der Erste zu sein. Kameraden sich gefügig machen, den elterlichen Keller plündern, heimlich in seinen Besitz bringen, was der Gaumen der Spielkumpane begehrt und eine überfürsorgliche Vorratshaltung neidisch wehrt, schelten, wüten, toben, tricksen, übervorteilen: alles wie im Zwang der Trance, beherrscht von Hitze und Erregung des Spieleifers – Augustins überbrodelndes Temperament und ebenso hochfahrender wie hochstrebender Sinn suchen und finden darin Genugtuung oder – wie sollte es anders sein? – gefallen sich in solchem Tun, vielleicht mehr als üblich und erträglich.

Nein, Wohlverhalten, gar etwas wie Heiligkeit ist Augustin nicht in die Wiege gelegt. Wild und ungebärdig ist er, ein übermütiges Füllen. Für ihn später allerdings Grund, sich einen „elenden Knaben“ zu schimpfen, aufs schärfste zu schelten und zu verabscheuen, was Natur und Alter einst gewollt. Bewundernswerter Kennerblick und Eifer, der darangeht, Wildwuchs als Wildwuchs zu denunzieren und dingfest zu machen. Ist das „kindliche Unschuld“? fragt ungläubig der Unmut des Seelentherapeuten, um sogleich selbst die Antwort zu geben und des Übels Übel zu beklagen. Das kindliche Alter allein macht noch keine Heiligen, gibt er zu bedenken. Knabe und Erwachsener: Wo ist der Unterschied? Hier wie dort das gleiche von innerer Distanzierung und Ablehnung gesteuerte Unbehagen gegenüber jedweder Lebensbeeinträchtigung von seiten der jeweils gegebenen obrigkeitlichen Machtansprüche. Bei beiden der gleiche abscheuliche Wahn, dem es ausgemacht ist, daß die Anhäufung von möglichst viel Besitz und Gut mit entsprechendem Ruf und persönlichem Glück korreliert.

Unsere umschreibende Wiedergabe dessen, was Augustin in den „Bekenntnissen“ dazu vorbringt, bleibt eines vor allem schuldig: Sie läßt ein wesentliches Moment außer Acht, eben das für Augustins Darstellung so unverzichtbare Moment des Religiösen. Gleich Jeremias bringt er seine Klage in lebendiger Zwiesprache vor seinen Herrn und Gott. Hier also der volle Wortlaut seiner stilistisch kunstvoll austarierten Antwort: „Nein, Herr, ach nein, ganz gewiß nicht, mein Gott. Denn dreht sich auch des Knaben Leben um Erzieher, Lehrer, Nüsse, Bälle und Sperlinge, das der Erwachsenen um Statthalter, Könige, Gold, Beute, Sklaven, im Grunde genommen ist’s doch das gleiche. ... Nur die Kleinheit und Schwäche des Kindes hattest du als Sinnbild der Demut im Auge, als du anerkennend sprachst: ‘Solcher ist das Himmelreich.’“

Müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen: Warum solche Härte, warum das masochistische Rasen und Wüten gegen sich selbst, warum die dauernde Selbstverleugnung, die halbpathologische Selbstinfragestellung? Ist es der Ekel vor der Körperlichkeit des Menschen, die Sehnsucht nach reiner Geistigkeit, eine Sehnsucht, der Nicht-Leben, äußerste Lebensverneinung und Weltflucht erst wahres Leben ist? Hat der Neuplatonismus eines Plotín noch solche Gewalt über ihn, den Mönch und Bischof31? Wie sagte Plotíns antiker Biograph? „Er [Plotín] sah aus, als ob er sich schämte, daß er in einem Körper stecke.“

Weiß Gott, es ist zu billig, sich mit lockeren Sprüchen dem Phänomen Augustin zu nähern. Überflüssig, besonders darauf hinzuweisen, was in der Natur der Sache respektive Augustins liegt: Hätte Augustin nicht gedacht und gefühlt, wie er dachte und fühlte, wäre aus dem weinenden und ungestümen Jungen nicht der geworden, der er geworden ist, Augustinus, der ebenso große wie streitbare Gottesund Kirchenmann. Wessen Sicht nicht im Tiefenpsychologischen steckenbleibt, sondern sich mit Augustin ins Christlich-Religiöse weitet, wird nicht anders können als zuzugeben: Der erreichte Höchststand an Glaubensüberzeugung, an Gottesnähe und Gotteshingabe ist fortan das für Augustin alles entscheidende Faktum.

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, weiß der Volksmund. Wie sollte Augustin im Blick auf Irdisches einschließlich des eigenen Lebens anders reden als im Ton eifernden Bekennertums, um nicht zu sagen: der Proselytenmacherei? Das Böse, gleich wo und in welcher Qualität, zu bekämpfen, vor allem, was in die Kälte, in die Gottferne führt, zu warnen – dazu fühlt er sich berufen und in die Pflicht genommen: Predigt wollen seine „Bekenntnisse“ sein, unentwegte Mahnung, ihm auf dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Darüber die Stirne zu runzeln – jeder mag es halten wie er will, je nach religiösem Sensus. Nur hüten wir uns, unser Unverständnis, besser: Nichtverstehen als Meßlatte zu nehmen. Wie leicht werden daraus Nichtverstehenwollen, Vorurteil und wohlgenährte Ressentiments!

Augustin und das Christentum – man könnte meinen: eine reine Tautologie, austauschbare Größen. In der Tat sollte dem Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt zuteil werden, was ihn als Christ ausweist und prädestiniert. Das Zeichen des Kreuzes und die Gabe geweihten Salzes, beides aus der Hand seiner frommen Mutter Monnica, wollen als Vorentscheidung verstanden sein. Die Symbole stehen für die förmliche Willensbekundung, dem christlichen Glauben und ihrer organisatorischen Gemeinschaft anzugehören. In der offiziellen Sprachregelung ist dies der erste Schritt zum Katechumenat32. Auch sonst versäumen Erziehung und Umsicht der Mutter nichts, was gut und günstig ist, eben dazu da, Herz, Gemüt und Verstand ihres Lieblings Augustin mit christlichem Glaubensgut zu durchtränken und zu durchformen. Die christliche Sozialisation ist in vollem Gang. Auch der heidnische Vater ist daran nicht ganz unbeteiligt. Er läßt geschehen, was geschieht, und macht keinen Gebrauch von seiner absoluten väterlichen Gewalt.

Der Samen, mit liebender, sorgender Hand ausgestreut, trägt bald reiche Frucht. Den Knaben verlangt es nach der Taufe, besonders, als schwere Magenkrämpfe zu tödlicher Gefahr werden und ihn aufs Krankenlager zwingen. Gesundung und der Brauch der Zeit33 wollen es anders. Dem Kleinen und Wiedergenesenen will es nicht eingehen. Warum keine Taufe? Warum die Verschiebung? Auch dem Erwachsenen ist, was damals geschah oder vielmehr nicht geschah, genauso fragwürdig und Anlaß zu schmerzvollem Gram wie die Begründung selbst: „Laß ihn nur, mag er’s ruhig tun – er ist ja noch nicht getauft.34“ Solches Standardgerede der Leute signalisiert zur Genüge, warum man für richtig findet, die Taufe möglichst lange hinauszuzögern.

Wir sind nicht wenig erstaunt, nein: befremdet. Wer kann es begreifen: Eine Pädagogik des „Laissez-faire“ im 4. Jh., noch dazu christlich motiviert? Wer möchte da nicht seinem Unverständnis in sarkastisch überspitzter Kommentierung freie Hand lassen? Herrliche Zeiten sind es doch wohl für jugendliche, meinetwegen auch für noch mehr oder weniger kindhafte Stürmer und Draufgänger. Verzicht und Selbstbeherrschung – wer fragt danach? Ein Schelm, wer Böses denkt – und sich nicht von allem, was Gesetz und gute Sitte verboten haben, freigestellt, wenn nicht gar eingeladen glaubt, es zu tun. Verständlich, daß Augustin später nichts wissen will von solcherart Freibrief der Amoralität, gleich welcher Quantität und Qualität, einem Freibrief, so wie er damals allgemein in christlichen Kreisen zu kursieren scheint. Sein liebes Mütterchen – ihrer aufopfernden Liebe sei’s verziehen! – ist ja nun leider auch in derselben Wahnvorstellung befangen: Taufe statt Erziehung, Zucht und Strenge. Warum nicht? Die Begegnung des Täuflings mit der göttlichen Kraft und Gnade des heiligen Wassers sollte doch zur segensvollen Stunde der Erleuchtung, der radikalen Umkehr werden: Böses und Finsteres wird sich in funkelnden Glanz und hehre Lauterkeit des Guten wandeln, ganz von selbst, von einer Minute auf die andere. Das volkstümliche, allgemeine Verständnis der Erwachsenentaufe geht gar seltsame Wege, ohne Sinn und Blick für das moralisch Bedenkliche, dem solch pädagogisch krauses Denken die Bahn freimacht. Augustin bleibt es vorbehalten, vielmehr seine lichte Theologie sollte dazu berufen sein, hier gründlich Wandel zu schaffen.

Damit ist Wesentliches gesagt zur religiös-ethischen Fundierung der Persönlichkeitsstruktur des Heranwachsenden. Welches Glück für uns, hierbei die Jahre des Kindseins, des Lernens und Reifens, des Suchens und Trachtens jeweils von Geist und Weisheit dessen hinterfragt zu sehen, dem es nach Jahrzehnten schließlich vergönnt ist, zu seinen Wurzeln, den christkatholischen, zurückzufinden. Kann es also sein, daß diese Zeit der Kindheit und frühen Jugend sich für Augustin gleichermaßen „fruchtbar“, von besonderer Prägekraft erweist – im Guten wie im Schlechten? Ein gewagter Gedanke? Nicht, wenn wir die Klage Augustins selbst beim Wort nehmen dürfen. Überhaupt scheint er ein besonderes Bewußtsein davon gehabt zu haben, daß die eigene Individualität großenteils ein Abbild der elterlichen ist. „Der Anfang geht immer mit.“ So schlicht und einprägsam stellt sich die alte Wahrheit der Entwicklungspsychologie in seinen eigenen Worten dar.

Drittes Kapitel

Adoleszenz

Beginn der Rhetorikausbildung. Unterbrechung aus Geldmangel.

Last des Nichtstuns und der Sexualität.

Gruppendynamisches Exzellenzbedürfnis.

Obsessiv-sexuelle Gestimmtheit. Augustin und die Frauen.

Birnendiebstahl.

Die Literaturschule hat inzwischen das Ihre getan. Was vom äußeren Bildungsgang noch fehlt, ist nicht unwesentlich. Die entscheidende Bewährungsprobe steht der denkerischen Willenskraft noch bevor. Es ist richtig, schon bisher hatte sie jede Gelegenheit, sich zu beweisen und auszuzeichnen. Erörterungen, Charakterschilderungen, Begriffsbestimmungen wollten ja nichts unversucht lassen, daß „die Knaben nicht ganz ausgetrocknet und dürr den Redelehrern übergeben werden“, wie uns Suetón in De grammaticis et rhetoribus („Die Sprachlehrer und Redner“) wissen läßt35. Tatsächlich ist das, was nun die geistige Ausbildung vollenden soll, von ganz neuer Art, vorbehalten einem kleinen Kreis besonders befähigter, ehrgeiziger Schüler. Von nun an ist es in die Hand des Rhetors, des Redelehrers, gegeben, dem Talent seiner Schüler und dem Ehrgeiz der Eltern Genüge zu tun. Wenn je Eltern mit ihren Söhnen Großes vorhatten, dann gilt dies ohne Einschränkung im Falle Augustins. Beide Elternteile, der Vater und nicht weniger die Mutter Monnica, sind „nur darauf bedacht, daß ich lerne, in Redekünsten zu glänzen und der Hörer Beifall zu gewinnen“.

So sieht sich denn der jetzt sechzehnjährige Filius aus der Vertrautheit Thagastes, wo er bisher seine Kreise zog, herausgerissen und zur Rhetorikausbildung nach Madaura versetzt. Wie sich in der Nachbarstadt Leben und Studium im Alltag anlassen, wissen wir nicht näher. Zwei Briefe aus späterer Zeit, geschrieben an einen gewissen Máximus Grammáticus36 Madaurensis,geben uns immerhin in einer Hinsicht Gewißheit: Augustin hat sich in der neuen Umgebung eingelebt. Persönlichkeit und rhetorisches Können des Sprachund Redelehrers Maximus machen Eindruck auf den kritischen Geist, werden zu Stimuli seines eigenen Talents. Er sieht sich in guten Händen und sein Studium auf dem besten Weg.

Bald sollte es damit ein Ende haben. Von heute auf morgen muß der Student der Rhetorik seine Zelte in Madaura abbrechen und mit Thagaste vorliebnehmen. Im Hause seines Vaters ist es von jeher so wie überall und zu allen Zeiten: Für die Kinder nur das Beste. Wenn es um die bestmögliche Ausbildung seiner Söhne geht, wird nicht gekleckert. Auch ein Hauslehrer darf es sein. Die Aufwendungen dafür – wenn schon. Wieder einmal muß das Budget seine Leistungsfähigkeit beweisen. Doch die Einkünfte der Familie sind, fern vom Niveau eines reichen Senators oder Latifundienbesitzers, nicht üppig bemessen. Die Gemeinderatsdotation des Vaters und die Erträge aus den fünfzig Morgen Landbesitz, darunter einem Weinberg, können je länger, je weniger mit den Ausgaben Schritt halten. Das Ergebnis – für Augustin die schiere Katastrophe. Er hat sich völlig neu zu orientieren, muß sich einer Zeit und Verhältnissen stellen, so zuvor nie gesehen, nie gekannt. Der geläuterte Christ und Gottsucher der Confessiones erträgt sie nicht leicht, sähe sie am liebsten aus seinem Leben gestrichen. Ein Jahr lang sollte sie dauern, die schreckliche Zeit des Müßiggangs – die Verwirrung der Gefühle und Verkümmerung der Maßstäbe.

Müßiggang und Pubertät – eine wahrhaft unheilvolle Konstellation. Ungehindert brechen Stürme und Unwetter der vollerwachten Geschlechtlichkeit über ihn herein. Nein, der Pubertierende ist wahrlich nicht zu beneiden. Ganz auf sich gestellt, ganz zurückgeworfen auf seine eigene aus den Fugen geratene Existenz, ist es seine einzige ihm verbleibende Aufgabe, sich irgendwie über Wasser zu halten. Keine Pflichten, keine Anstrengungen, weder physisch noch geistig fordern seine Kräfte, verkürzen den Tag, vermindern die Qual der Langeweile, mindern seine physisch-psychischen Unbilden und Nöte: Nichts steht den Einflüsterungen fordernd-unnachgiebiger Triebhaftigkeit entgegen. Keine Sekunde schweigen die hämmernden Ansprüche sexuellen Begehrens. Sie bemächtigen sich seiner Sinne, überziehen und überschatten Denken, Tun und Wollen mit der Totalität ihrer Herrschaft. Vergeblich, dem „Sumpf fleischlicher Begierde“ zu entkommen.

Eines Tages überrascht ihn der Vater im Bad: Augustin im Rausch strotzender Manneskraft. Der Vater sieht’s, sieht’s wohl, schon in Gedanken bei den zu erwartenden Enkeln, nicht ungern. Anders die Mutter Monnica. Vom Vater sogleich eingeweiht in das so offenkundige Geheimnis der Mannbarkeit des Sohnes, ist es ihre einzige Sorge, was daraus in der jetzigen Situation des Sohnes werden soll. Sie wartet eine günstige Stunde für ein Privatissimum ab. Was die Gute für nötig hält, ihm zu sagen: er solle vor Unzucht auf der Hut sein, vor allem von Ehefrauen die Finger lassen – nein, der so in die Pflicht Genommene will nichts davon wissen, nimmt solche Belehrung übel auf, hält sie, weiß der Himmel, ganz und gar nicht für nötig. Alles, was pralle Jugendlichkeit an Abgrenzungs- und Verselbständigungsfanatismus aufbringt, reagiert sofort und ungehemmt. Sämtliche Federn stellen sich auf, mächtig schwillt der Kamm. „Weibisch“ erscheinen ihm die besorgt mahnenden Worte der Mutter. Grund zu Scham und Schande wär’s gar, den folgsamen Sohn zu geben. Die Altersgenossen – wie stünde er vor ihnen da? Gewiß, ihr abscheuliches Treiben – wer wollte und könnte es mit ihnen an Lasterhaftigkeit, Verkommenheit, Schändlichkeit aufnehmen? Ihr frivol-zynisches Renommieren, Sichbrüsten – ungeheuerlich, widerlich. Aber zurückstehen, auf ihren Beifall verzichten? Nein, der Rudelinstinkt schläft nicht, tut das Seine, um Bemutterungsbedürfnissen zuvorzukommen. Wenn’s denn sein muß, an ihm soll’s nicht liegen. Er ist entschlossen, seinen Mann zu stellen. Was an ihm ist – sehen sollen es seine Freunde, in geselliger Runde bewundernd darüber schwadronieren.

Augustin – ein typischer Fall von gruppendynamischer Verführbarkeit? Nicht auszuschließen. Er selbst fragt sich im Nachhinein, wie er so tief sinken konnte. Seine Tüchtigkeit sogar im Lasterhaften ad oculos demonstrieren zu müssen – Dynamik und Kodex der Gruppensolidarität reichen dazu als Antriebselemente kaum aus. Im letzten bleibt der schwarze Peter doch seiner unbändigen Natur. Mit Höchstleistungen aufzuwarten, gleich wann, wo, wie, das ist seiner Seele höchstes Anliegen, höchste Freude. Unverständlich ist ihm auch die Haltung der Eltern: Die glaubensstarke, gottesfürchtige Mutter, der Vater, eben erst in den Katechumenat eingetreten – von elterlicher Strenge und Zurechtweisung keine Spur. Der christliche Glaube – was ist damit? Vermag er so wenig über Geist und Herz? Wie es um ihren Sohn bestellt ist – sie sehen und wissen es. Die Zeichen sind offensichtlich. Doch nirgends Hilfe, nicht einmal der Versuch. Kein Vorwurf, kein Wort der Mißbilligung. Nein, um Himmels willen, alle Freiheiten der Welt geben sie ihm, viel mehr, als er ertragen kann. Wissen sie nicht, daß sie an ihm und Gottes Erbarmen schuldig werden müssen, sie, die Förderer seiner Zügellosigkeit, die freiwillig-unfreiwilligen Helfer seiner sexuellen Willkür und Verwilderung?

Nein, dieser Vorwurf kommt nicht über seine Lippen, nicht in solcher Direktheit. Aber ernsthaft fragt der Autor der „Konfessionen“, warum seine Mutter in all ihrer Besorgnis nicht versucht hat, in sein Triebleben Ordnung zu bringen, in feste, geregelte Bahnen zu lenken, was schrankenlos und unstet schweifend in so unstillbarem Drang dem lockenden Ruf des Weiblichen folgt – und erliegt. Zweimal bringt er in diesem Zusammenhang die Rede darauf: Ob eine eheliche Verbindung tatsächlich ein Thema ist zwischen Vater37 und Sohn oder Mutter und Sohn, wissen wir nicht. Die Darstellung ist zu unbestimmt. Nur dies Eine läßt sich sagen: Seine Mutter will von einer Heirat nichts wissen, nicht zu diesem Zeitpunkt, nicht als Heilmittel gegen all das Bedrückende, womit der Sohn sich augenblicklich herumschlägt. Was sollte denn auch gegebenenfalls aus ihren Hoffnungen werden, all den schönen, was aus dem hoffnungsvollen Jüngling, der hohen Stellung in Gesellschaft und Wissenschaft, die sein Talent anstrebt und verheißt?

So bleibt alles beim Alten. Kein Schimmer von Licht gibt Hoffnung, das Ende des Tunnels in weiter Ferne. „Ehrgeiz sucht nichts als Ehren und Ruhm, während du vor allem andern ehrwürdig bist und ruhmreich in Ewigkeit“, so klagt er später, in Gottes Erbarmen Trost suchend, nicht minder sich selbst wie seine Eltern als typische Vertreter eines gottvergessenen Zeitgeistes an. Noch drastischer an anderer Stelle: „Wie armselig ist doch das Leben, eine häßliche Prahlerei!“ Ist es nicht ein Aufschrei der Verzweiflung und des unsäglichen Leidens an sich, der eigenen Existenz und der moralischen und geistigen Unbedarftheit seiner Mitmenschen, was hier, aus tiefverletztem Herzen kommend, mit einem so vernichtenden Urteil den Finger auf die schwärende Wunde der Menschheit legt?

Muß es noch betont werden? So spricht der nachmalige Augustin der „Konfessionen“, der bekehrte und in sich gefestigte Geist. Gefestigt ist er, ganz ohne Zweifel, und nur noch kopfschüttelnd vermag er auf jene sexualitätsgesteuerte und -versessene Zeit der Mannbarwerdung zurückzublicken. Doch sein Verhältnis zum anderen Geschlecht ist auch jetzt keineswegs entspannt und zwanglos. Er selbst ist es, der sich auch jetzt noch, nachdem die großen Schlachten geschlagen sind und ruhigeres Fahrwasser ihm das seelische Fortkommen wesentlich erleichtert, sehr offenherzig zeigt, gerade auch in geschlechtlichen Dingen.

Thematisch-sachlich zusammengehörig und darstellungstechnisch geboten, sei, abweichend vom streng biographischen Fortgang, hier eingerückt, was die Jahre der physischen und geistigen Reife von den einstmaligen sexuellen Bedürfnissen und Fährnissen noch übriggelassen haben. Nein, Augustin macht kein Geheimnis daraus. Frei von libidinösen Empfindungen und Vorstellungen ist er auch jetzt nicht, beileibe nicht. Wie denn auch? Die Natur ist eine Macht sui generis, hat allemal den längeren Atem. Doch eines ist nicht zu bestreiten: Das Verlangen in diesem Punkt, früher ein wilder Sturzbach, jederzeit willens, ihn haltlos mit sich fortzureißen – nein, es ist nicht mehr, was es war. Was einmal, ganz ungezähmte Natur, nach eigenem Recht leben und wirken wollte, fügt sich nun, kräftig zurückgeschnitten, dem harten Gesetz einer überlegenen Willensenergie und innigen Glaubensbereitschaft unterworfen, wohl oder übel ins Unvermeidliche. Seiner Explosivkraft ist der wuchernde Trieb beraubt, nicht seiner Vitalität. Gebändigt ist er, nicht gemindert. Auch jetzt noch behauptet er sich nachhaltig, dringt mit der Raffinesse seiner Anwandlungen selbst in das hochrationale System von Gedanken und Ausdrucksweise ein und vermag es latent zu durch- und zu überwuchern. Und das auch dort, wo man es am wenigsten erwartet, in Augenblicken extrem religiöser Befindlichkeit.

„‘Wer ledig ist, der sorgt, was dem Herrn angehört, wie er dem Herrn gefalle. Wer aber freit, der sorgt, was der Welt angehört, wie er dem Weibe gefalle.’“ Dieses Bibelzitat ist ihm Anlaß, seine damalige Geisteshaltung im Lichte der göttlichen Wahrheit reuevoll Revue passieren zu lassen – und energisch als Fehlhaltung zu verwerfen: Wo das jugendliche Dasein eine Quelle des Glücks hätte sein sollen und können, da war nichts als abgründige Finsternis, ein schauriger Schlund elender Trostlosigkeit und schwärzester Seelenpein. „Hätte ich nur diesen Worten aufmerksamer Gehör geschenkt.“ Das ist es also, was bleibt. Weniger als nichts, lediglich der fromme Wunsch, deutlich gezeichnet mit dem Brandmal der Irrealität. Doch dies schmerzt nicht, nicht mehr. Denn gleich darauf die erlösende Einsicht: „Wie viel glücklicher wäre ich gewesen, ‘ein Verschnittener um des Himmelsreiches willen’, in Erwartung deiner seligenUmarmung