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Wilhelm Berndl

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Beschreibung

"Brauche ich stärkende Gedanken, hole ich sie mir bei Seneca." Montaigne (französischer Politiker, Philosoph und Essayist, 16. Jh.). "Daß Leben und Sterben, Denken und Dichten des Seneca ein heute wieder aktuelles Thema sein kann, beweisen das Seneca-Stück 'Senecas Tod' und der dazugehörige Essay von Peter Hacks." ("Ästhetik der Kunst", Kap. 3, 'Die Erhabenheit des Widerstandes') "Es spricht für Seneca, daß er nicht dauernd maßvoll war ... ich kann Seneca sehr gut leiden." (Peter Hacks, Dramatiker, Essayist und Lyriker)

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Wilhelm Berndl

SENECA

Ein Leben für und gegen Kaiser Nero

Es ist mein Herzenswunsch, Frau Dr. Marion Giebel, die, selbst versierte, anerkannte Autorin und gründliche Kennerin in allen altphilologischen Disziplinen, mit mannigfachen Publikationen hervorgetreten ist, für ihre vielfältige Förderung und Unterstützung bei der Erstellung dieser Studie, für profunde Anregungen und kundige Ratschläge auch auf diesem Wege meinen tiefempfundenen Dank auszusprechen.

Der Autor

Wilhelm Berndl

SENECA

Ein Leben für und gegen Kaiser Nero

Impressum:

© 2016 Wilhelm Berndl

Korrektorat, Satz u. Umschlaggestaltung:

Angelika Fleckenstein, spotsrock.de

Titelbild: Rafaelij at wikicommons http://t1p.de/kvv4

Original-Upload Rafaelij Wikipedia Spanien

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-7345-7932-5 (Paperback)

978-3-7345-7933-2 (Hardcover)

978-3-7345-7934-9 (e-Book

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Meiner Frau

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Römertum

Griechen und Römer – kultur- und zivilisationsgeschichtlicher Vergleich. Philosophie – griechisch, römisch. Seneca – Geistesphänomen der Nachklassik. Quellenkundliches.

1. Kapitel

Lehrjahre

Bedeutung des Griechischen. Elementarunterricht. Väterliche Pädagogik. Höhere Schule. Hochschule. Studium der Rhetorik und Philosophie.

2. Kapitel

Literarisch-philosophische Bewegung

Griechisches – Vorbild im Guten wie im Schlechten. Philosophie – Erziehungs- und Lebensmacht Roms. Sokrates – Philosoph der Philosophen. Sokratisches in Stoa und Schule Epikurs. Senecas Stoizismus.

3. Kapitel

Philosophische Anfänge

Der wiederauferstandene Sokrates. Begeisterung für philosophische Fragestellungen und Lebensformen. Vorliebe für die „vita activa“ im Stil des Sokrates.

4. Kapitel

Politischer Aufstieg

Juristerei. Ägyptisches Intermezzo. Quästor und Senator.

5. Kapitel

Augustus bis Claudius

Augustus. Tiberius. Calígula-Seneca. Claudius-Seneca. Verbannung.

6. Kapitel

Höchster politischer Sachwalter

Erzieher Neros. Philosophisch-moralische Schriftstellerei. Nero – ein Fall von Schwererziehbarkeit

7. Kapitel

Neros erste Herrscherjahre

Missverhältnis Agrippina-Nero. Politisch-pädagogisch philosophisch optimierte Schulung Neros. Laudator des jungen Nero. Neros Extravaganz. Staatsdienst

8. Kapitel

Seelenheiler und Seelenkenner?

„Über die Kürze des Lebens“. Tragödiendichter. Nero – psychisch-pädagogisches Desaster.

9. Kapitel

Gegner und Neider

Neros feindselige Gesinnung. Reichtum – philosophisch betrachtet. Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit.

10. Kapitel

Die letzten Lebensjahre

Rückzug aus der Öffentlichkeit. Epístulae ad Lucílium. Quaestiónes naturales („Physikalische Untersuchungen“). Stoa und Mantik. Cicero – der Ungeliebte

11. Kapitel

Der missratene Kaiser

Der Unerzogene. Unheilige Allianz mit Petrón. Würdigunwürdiges Ende.

12. Kapitel

Höchste Gefahr

Leben in philosophischer Muße. Neros Mordanschlag. Paetus Thráseas Mannhaftigkeit.

13. Kapitel

Tod Senecas

Tötung des Tyrannen moralische Pflicht? Pisonische Verschwörung. Seneca – führendes Mitglied? Sokrates’ Tod – Inbild des Philosophen-Todes

Nachwort

Seneca – Mann der Tugend?

Vertreter und Lehrer edlen Menschentums. Ehrendes Gedenken der Nachwelt.

BIBLIOGRAPHIE

I. Quellen

II. Literatur

Einleitung

Römertum

Griechen und Römer – kultur- und zivilisationsgeschichtlicher Vergleich. Philosophie – griechisch, römisch. Seneca – Geistesphänomen der Nachklassik. Quellenkundliches.

Es ist wahrlich ein erstaunliches Phänomen. Die Römer, Schöpfer des Imperium Romanum, eines Weltreiches, das ungeachtet aller moralischen Defizite seiner Väter Jahrhunderte überdauern, letztlich mit gewandeltem Selbstverständnis als Heiliges Römisches Reich bis 1806 bestehen sollte, ja sie, die Begründer der Jurisprudenz, mit ihren kodifizierten Rechtssatzungen im Zivil-, Straf- und Fremdenrecht bis heute vielfach Vorbild und Muster der modernen Rechtslehre, nicht zu vergessen die römische Baukunst, deren Schöpfungen in der Großartigkeit ihrer Architektonik und Monumentalität über die Zeiten hin Bestand haben und allenthalben der Bewunderung und Hochschätzung sicher sein können, dieselben Römer sind es, die sich trotz aller praktisch-zivilisatorischen Großtaten dort, wo rein Geistig-Spekulatives, künstlerische Fantasie und Intuition gefordert sind, vom Schicksal recht stiefmütterlich behandelt finden.1

Tatsächlich ist es ihr Los, in der dünnen Luft höchster Kreativität den Griechen den absoluten Vortritt lassen zu müssen. Wo hätte es in der klassischen Epoche je einen Römer gegeben, der mit dem unbedingten Erkenntnisdrang eines Platon, Sokrates oder Aristoteles über Gott und die Welt, Mensch, Leben und Tod philosophierte? Äschylos, Sophokles, Euripides, die Protagonisten der theatralischen Kunst Europas – nicht Rom, Athen hat das leuchtende Dreigestirn hervor- und zur höchsten Reife gebracht. Und wer stünde nicht ehrfurchtsvoll vor der Gold- und Elfenbeinstatue des sitzenden Zeus im Zeustempel von Olympia, in dem das künstlerische Genie des Phidias und seiner griechischen Geistigkeit, Sensibilität und Anschauungskraft eine so unvergleichliche Ausprägung gefunden haben?2

Zugegeben, in dieser Art, sich Fremdes voll und ganz anzuverwandeln, hat es das römische Naturell zu großer Meisterschaft gebracht. In der Rhetorik gebührt der Lorbeer der originalen Kunstfertigkeit und Raffinesse gewiss dem bewunderungswürdigen Können von Männern griechischer Sprache wie Demosthenes und Lysias. Doch wie herrlich ist ihre Saat auf römischem Boden aufgegangen, um schließlich tausendfache Frucht zu bringen. Nehmen wir Cicero. Geschult an Beispielen griechischer Sprachgenies, war es offensichtlich sein Ehrgeiz, die Kunst der Beredsamkeit in großen Werken theoretisch-analytischer Fundierung und Bildung gewissermaßen neu zu erfinden und in einer Vielzahl exemplarisch gestalteter Reden zum Vater einer lateinischen Spracheleganz zu werden, die den verehrten Vorbildern griechischer Provenienz durchaus das Wasser reichen konnte.

Die Philosophie hat es da vergleichsweise viel weniger gut getroffen. Steht sie doch schon von Haus aus, auch bei den Griechen selbst, im Rufe einer Wissenschaft ohne praktischen Nutz- und Nährwert, einer Sache, einer exotischen Kost, keineswegs etwas für Normalverbraucher, sondern eher für welt- und lebensfremde, abgehobenfragile Gemüter und Geister. Verachtung und Vorurteile ließen sie nur mühsam hochkommen. So war es auch in Rom, auch noch, als sich die Tiberstadt schon manch geistiger Hervorbringung von einigem Rang rühmen durfte.

Erst in der Zeit Ciceros sollte sich das ändern – oberflächlichpunktuell, nicht grundsätzlich. Cicero selbst ist es, der es unternimmt, den Römern die Philosophie, das Streben nach Weisheit3, so die Übersetzung des griechischen Begriffs, schmackhaft zu machen, wenigstens stilistisch-formal. Aber auch seinem Bemühen ist es nicht gelungen, mehr zu sein als Sammler, Anreger, Vermittler, Nachahmer, eben Epigone. Es ist auch kaum anzunehmen, dass er mehr sein wollte und konnte, mag es noch so verdienstvoll sein, die lateinische Sprache befähigt zu haben, in der philosophischen Begriffswelt ruhmvoll zu bestehen und das Notwendige mit großem Einfühlungsvermögen und sprachlicher Feinheit zu leisten.

Ihn als Denker von eigenem Vermögen und eigener Einsicht mit dem berechtigten Anspruch philosophischer Authentizität und Autorität herausheben zu wollen hieße seine philosophische Leistung gröblich verkennen oder überschätzen. Andererseits mag man sich genauso davor hüten, Abwertend-Ehrenrühriges damit verbunden zu sehen. Nur einem einzigen Mann römischer Denkart und lateinischer Sprache ist es schließlich vergönnt, zu solcher Höhe und Erhabenheit philosophischen Daseins und denkerischer Größe und Substanz aufzusteigen wie die größten griechischen Geister – Augustinus, dem Lehrmeister des Christentums.

Aber sein Wirken repräsentiert bereits eine Epoche des nachchristlichen 4. und 5. Jhs., in der die Hochzeit des klassischen Römertums sich mehr und mehr einer Zeit des Stillstands, ja Niedergangs und Verfalls erwehren muss. Doch noch im 1. Jahrhundert vor der neuen Zeitrechnung, dem Jahrhundert Ciceros und Caesars, sehen wir in Seneca einen Mann am Beginn seines Lebensweges, dessen Person und Natur so geartet scheint, dass es ihn reizt und drängt, der Welt, Dingen und Menschen, von der höheren Warte einer genuin philosophischen Anschauung und Bewertung zu begegnen.

Im Folgenden soll es unsere Aufgabe sein, untersuchend und prüfend darzustellen, wie es sich damit verhält. Auf diese Weise mögen sich Person, Leben, Wesen, Denken und Wirken Senecas synoptisch in einem biographischen Gesamtgefüge sinnvoll und schlüssig zusammenfinden. Nicht abschrecken soll es uns, wenn die geschichtliche Quellenlage zum Teil nicht nur recht dürftig ist, sondern uns mitunter zwingt, etwas abseits der geschichtlichen Norm dort unser Heil zu suchen, wo nur Vermutung und Spekulation weiterhelfen und einiges zur Erhellung beizutragen versprechen.

Die wesentlichen antiken Texte, die uns gestatten, irgendwie Aufschlussreiches und vor allem Authentisches über Senecas Personalität und Dasein auszusagen, seien, nach dem Grad ihrer Gewichtigkeit geordnet, wie folgt, aufgeführt.

Seneca steht zeitlich am nächsten Cornelius Tacitus, dem Großmeister der römischen Geschichtsschreibung. Er lebte von 55 bis 116 n. Chr. Relevant sind die Bücher 12-15 seines Hauptwerkes, der „Jahrbücher vom Tode des göttlichen Augustus an“ (lat.: Annales ab excessu divi Augusti), die die Geschehnisse in der Zeit der Kaiser Caligula, Claudius und Nero von 37-66 zum Gegenstand haben. Vielfach in Leben und Treiben am Kaiserhof involviert, stehen naturgemäß immer wieder einmal Person und Verhalten Senecas im Zentrum der Darstellung.

Der nach Tacitus für unser Vorhaben bedeutsamste Autor ist Cassius Dio, auch Dio Cassius genannt. Seine Lebensdaten (150-235 n. Chr.) liegen schon verhältnismäßig weit ab von den sieben Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts n. Chr., der Blütezeit Senecas. Grieche und griechisch schreibender Verfasser einer römischen Geschichte von den ersten Anfängen Roms bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr., hinterließ er ein riesiges Werk in 80 Büchern, von denen das meiste verloren ist. Im Staatsdienst unter Kaiser Severus Alexander (222-235) brachte er es, wie seinerzeit auch Tacitus, bis zum Konsulat (229 n. Chr.). Auch die für unsere Zwecke wichtigen Bücher 6163 sind nur aus späteren Auszügen, etwa eines Xiphilinos, eines griechischen Mönchs in Konstantinopel aus der zweiten Hälfte des 11. Jhs., kenntlich. Bereits weit entfernt von Idee und Tradition der republikanischen Staatsform, scheint ihm, anders als Tacitus, die Monarchie durchaus nichts Hassenswürdiges, vielmehr wert, sie mit einigen Sympathien zu begleiten. Von der grundsätzlichen promonarchischen Einstellung abgesehen, kann wohl gelten, dass er überlieferungstechnisch vieles Tacitus’ Kenntnissen und Erkenntnissen verdankt.

Gegenüber diesen beiden Autoren fehlt es den „Attischen Nächten“ (Noctes Atticae) des Aulus Gellius aus dem 2. Jh. n. Chr. schlicht an Historizität. Die bunte Sammlung von Lesefrüchten aus Texten älterer lateinischer und griechischer Autoren möchte uns, in Buch XII, Kapitel 2, mit Seneca als Literat, mit seinem Ruf und seiner Einschätzung in der Mit- und Nachwelt bekanntmachen.

Auch Quintilián (Marcus Fabius Quintilianus), etwa 35 bis um 100 n. Chr., gefeierter Lehrer der Beredsamkeit in Rom, Prinzenerzieher am Hof Kaiser Domitiáns (81-96), steht mit seiner Schrift De institutione oratoria („Die Schule der Redekunst“) in unserer Quellenliste ein fester Platz zu. Das 10. Buch, eine Art Abriss der griechischen und lateinischen Literaturgeschichte, nimmt in kritischer Würdigung auch Stellung zu Stil und Inhalt von Senecas philosophischem Schrifttum (10, 1, 125 ff.).

Der quellentechnische Überblick wäre unvollständig, ohne dass Suetón (zu sprechen: Swetón: Gaius Suetonius Tranquillus, 75 bis ca. 150 n. Chr., Sekretär Kaiser Hadrians 117-138), wenigstens mit ein paar kurzen Worten Erwähnung fände. Sein „Leben der Caesaren“ (De vita Caesarum), anscheinend um Objektivität bemüht, reiht eine unendliche Fülle von Einzelheiten aneinander, aber nur vier knappe Stellen sind es insgesamt, eine im „Caligula“ und drei zu „Nero“, die auf Seneca Bezug nehmen, und das mit Fakten, die schon (besser) aus Tacitus bekannt sind.

Bleibt noch Senecas eigenes reiches literarisches Schaffen, als da sind seine philosophische Prosa (Dialoge in 12 Büchern, dann sein Hauptwerk, die 124 Epistulae morales, „Lehrbriefe“ in 20 Büchern, die Naturales quaestiones „Naturwissenschaftliche Untersuchungen“ in 12 Büchern), die Dramendichtung (9 Tragödien) und eine Schmähschrift im Satirenstil auf den verstorbenen Kaiser Claudius (Regierungszeit: 37-41).4 Es versteht sich von selbst, dass es besonders dieses Schrifttum ist, das wie ein Spiegel bestimmte Seiten seiner geschichtlichen Existenz, vor allem Geist, Gemüt und Charakter getreulich abzubilden vermag.

Unsere biographische Darstellung wird also bemüht sein, dem vielseitigen Mann in den wesentlichen Zügen gerecht zu werden, sodass sich uns ein möglichst wirklichkeitsnahes, lebensvolles Bild mitteilt, und das in einer Darstellung, die nicht Gefahr läuft, sich in Fragen zu verlieren, die höchstens spezifischen philologischen, philosophischen oder auch historischen Interessen zugute kommen, im Übrigen leicht den Gang der Dinge unnötig zu belasten, wenn nicht zu verdunkeln geneigt sind. So, zum Zweck größtmöglicher Vergegenwärtigung und Verlebendigung, mag es sich auch empfehlen, durchgehend dem Präsens vor der Vergangenheitsform den Vorzug zu geben, in der Erwartung, dass sich damit die äußere und innere Welt des Seneca umso leichter dem unmittelbaren Anschauen eröffnet.

1. Kapitel

Lehrjahre

Bedeutung des Griechischen. Elementarunterricht. Väterliche Pädagogik. Höhere Schule. Hochschule. Studium der Rhetorik und Philosophie.

Gehen wir zurück in die Zeit der großen Wende, die durch die Geburt Christi gekennzeichnet ist. In dem Zeitraum vom 4. Jahr v. bis zum 1. Jahr n. Chr. muss es gewesen sein, sagt uns die neuere Wissenschaft, dass Helvia, die Frau des Redners Lúcius Annaeus Séneca5, im Unterschied zum Sohn Seneca pater (Vater), Seneca der Ältere oder Seneca Rhetor6 genannt, in Corduba7 den zweiten von drei Söhnen gebiert8. Die Namensgebung entspricht dem umstandslos-praktischen Sinn des Römers. Ohne großes Kopfzerbrechen zu verursachen, geht der Name des Vaters kurzerhand auch auf den Sohn über. Gut möglich, dass solche Identität eine gewisse Vorbedeutung, ein gutes Omen also für den Lebensweg des Filius sein sollte. Das Schicksal hat sich offenbar ja auch bestechen lassen und kräftig mitgespielt. Der Sohn tritt mehr oder minder in die großen Fußstapfen des Vaters und sollte ihn dabei noch ein gutes Stück an Bedeutung, Ruhm und öffentlicher Wirksamkeit hinter sich lassen.

Bis dahin ist es einstweilen noch ein weiter Weg. Über Erziehung und Ausbildung des kleinen Seneca und später in der Zeit des Heranwachsens wird man in einem antiken Text vergeblich irgendetwas finden, was aufhorchen lässt und weiterführt. Für uns ein Indiz, dass sich alles im Rahmen des Üblichen hält.

Hierzu das Nötigste, nicht immer speziell auf Senecas Person abgestellt. Domäne der mütterlichen Fürsorge ist naturgemäß die frühkindliche Betreuungs- und Erziehungsarbeit, in vornehmen Häusern meist unterstützt von einer griechischen Amme, die zugleich fähig sein sollte, schon im Kleinkind propädeutisch den Erwerb der griechischen Sprache zu befördern. Die Kenntnis des Griechischen, der ersten europäischen Kultursprache, einer Art Lingua franca, ist ja nach wie vor unabdingbar, um im Bildungskosmos der damaligen Zeit: in Poesie, Metrik, Literaturgeschichte, Musik, Philosophie, gegliedert in die Teilbereiche Logik, Ethik und Physik, dazu in Geographie und Astronomie, Mythologie und Geschichte einigermaßen ersprießlich und mit Genuss verweilen und sich bewegen zu können.

In den elementa doctrinae (Anfangsgründe der Bildung), den geistigen Grundfertigkeiten Rechnen, Schreiben und Lesen, dürfen sich Geduld, Geschick und pädagogischer Eifer des Vaters oder eines Hauslehrers, meist eines griechischen Sklaven, oder auch, der Nachhaltigkeit und dem schnellen Erfolg zuliebe, der ludi magister,der Lehrer der Elementarschule9, genauer: der litterator (litterae Buchstaben) für Schreiben und Lesen, der calculator (von cálculus Stein, Rechenstein) als Rechenfachlehrer, bewähren und auszeichnen.

Es ist durchaus selbstverständlich, wenn wir Seneca ab dem 7. Lebensjahr, begleitet von einem paedagogus10, „am linken Arm behängt mit dem Kästchen für die Rechensteine und der Tafel“ der Schule zustreben sehen, „wohin die stolzen Söhne der stolzen Hauptleute gingen, acht As Gebühr11 im Monat entrichtend“. So die anschauliche Schilderung des Dichters Horáz12, voller Dankbarkeit gegenüber seinem Vater, der sich zwar die Grundschule sparte, aber dann nach Rom übersiedelte, um dem Sohn vom 12. bis zum 17. Jahr trotz der Niedrigkeit seiner Herkunft aus dem Stand der Freigelassenen und der Beschränktheit seiner Mittel die gleiche höhere Bildung zu ermöglichen, wie sie Ritter und Senator gern ihren Sprösslingen angedeihen lassen.

Wichtig für uns zu sehen, dass der Schulbesuch, auch der Grundschule, anscheinend mehr oder minder etwas für Betuchte ist, ja bei so manchen von ihnen offenbar durchaus auch eine Sache des gesellschaftlichen Ansehens, des hochnäsigen Dünkels „dazuzugehören“. Und, wie ersichtlich, sind davon auch schon die Kleinen („die stolzen Söhne“) in gewisser Weise infiziert.

Keine Frage: Auch Senecas Vater ist bei seinem Status als „Ritter“13 nicht unvermögend, bei seiner Lebenseinstellung und Grundhaltung aber sicher weit entfernt von einer „Bildungsbeflissenheit“ von der Art „stolzer Hauptleute“. Wohl dürfen wir uns fragen, ob die Zeit des Grundschulbesuchs tagein, tagaus bis zum späten Nachmittag unter der Fuchtel der beiden Zuchtmeister, deren Pädagogik anscheinend hauptsächlich darin besteht, aus kleinsten charakterlichen und intellektuellen Fehlleistungen oder -haltungen einen Fall für die Rute14 zu machen – ja, ob das auch für unseren Seneca eine fast unendliche Geschichte von Drangsal und Fron ist wie offenbar drei Jahrhunderte später für Augustinus. Was der Gottesmann schulisch erlebte und erlitt, ist ihm ja anscheinend so nahegegangen, dass er noch nach Jahren bekannte, er wollte, hätte er die Wahl zwischen Schule und Tod, lieber sterben.

Immerhin fehlte es ja, wie uns derselbe Horaz in Satire I 1, 24/25 wissen lässt, auch nicht an Grundschullehrern, die etwas andere Vorstellungen von den Usancen des pädagogischen Wirkens und Gelingens haben. Nicht der Stock, Zuckerwerk ist ihr Mittel, um Eifer und Können der Kinder im Schreiben und Rechnen voranzubringen.15 Und dann sind da auch die Ferien von Juni bis September, die manches schulische Ungemach in ein versöhnlicheres Licht tauchen mögen. Für den Vater aber, der Seneca wie auch Novatus und Mela, die beiden Brüder, „in äußerster Strenge und altväterischer Gesinnung erzog“16, dürfte eine „handfeste“ Erziehung genau das sein, was ihm vorschwebt, um aus den Knaben echte Römer aus altem Schrot und Korn zu machen.

Ein gewisses Gefühl der Befreiung muss es wohl sein, als nun der herkömmliche Bildungsgang nach der Tretmühle der ersten Jahre Seneca der Literaturschule (vergleichbar unserer höheren Schule) übergibt, wo ihn der ganze Horizont der damals erreichbaren Bildung in der vollen Weite und Breite ihres Güter- und Wertekanons erwarten sollte. Hier ist es, dass unter der kundigen Obhut des griechischen grammáticus17 die Lektüre Homérs18 oder eines anderen griechischen Dichters Lohn und Gewinn der sprachlich-intellektuellen Anstrengungen verheißt, zumal der Bildungsplan verlangt, das Gelesene in eigenen Aufsätzen, von interpretatorisch einschlägigen Fragen aus den verschiedenen Wissensgebieten behutsam geführt, tiefgründig zu durchdringen und gehaltvoll aufzuarbeiten. Dem gleichen Zweck, „damit die [die Schüler] nicht ganz ausgetrocknet und dürr“ – sobildhaft will es der Sprachduktus Suetons – „den Redelehrern übergeben werden“, dienen auch neue Unterrichtsgegenstände wie Erörterungen (problémata), Charakterschilderungen (ethológiae), Trostund Anfeuerungsreden (allocutiónes), Begriffsbestimmungen (paráphrases)19.

Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, um nach der gediegenen Vorbildung den jungen Adepten der Wissenschaft und Künste schließlich den Rhetorenschulen, den damaligen Hochschulen, zuzuführen. Auch hier sind zunächst die griechische Sprache und griechische Lehrinhalte mit Philosophie als Leitwissenschaft dominant, bis im 1. Jh. n. Chr. die Rhetorik20 ins Zentrum der Lehrveranstaltungen rückt und die Zweisprachigkeit des Unterrichts gang und gäbe wird.

Die Lehrpraxis folgt im Grunde einem sehr einfachen System. Beispiele hoher Sprachkunst sind dazu bestimmt, das Sensorium für die kunstvoll konzipierte und ausgeführte Rede sowie das überzeugend und treffend gesetzte Wort zu schärfen und zu schulen. Naturgemäß liegt der Schwerpunkt der Ausbildung bei eigenen Redeversuchen, dem eigenen Bemühen, das in der Theorie Erkannte in eigenen Werken konkret und wirksam umzusetzen.

In dieser Zeit, als die republikanischen Institutionen, weit entfernt von ihren Glanzzeiten, nur noch Alibifunktion hatten, sonst aber unter der alles dominierenden Herrschergewalt eines Augustus, Tiberius, Calígula, Claudius und Nero verkümmerten und bedeutungslos dahinsiechten, da war auch die große Zeit der Rhetorik vorbei. Ja, vielfach bedauert mag man es haben, dass der Impetus der rhetorischen Künste, dem es nicht zuletzt oblag, den Gang der Dinge auf dem Forum und im Senat bedeutsam und zielsicher zu beeinflussen und zu bestimmen, zusammen mit der republikanischen Staatsform, die darin ihren Wurzelgrund hatte, nur noch ferne, irrlichternde Erinnerung war.

Tacitus geht, wenn er in seinem Diálogus de oratóribus („Gespräch über die Redner“) den Verfall der Beredsamkeit erörtert, soweit, zu erklären, dass es mit einer Rhetorik übelbestellt ist, sie nicht gedeihen und blühen, nicht in den Vollbesitz ihrer Kräfte gelangen kann, wenn sie nicht den richtigen Nährboden inmitten eines Volkes findet, dem gewisse forcierende Umstände der „Zügellosigkeit“, der Unbesonnenheit und Sittenlosigkeit fremd sind21. Redeübungen wie auch die Rhetorik selbst, sonst Vorbereitung und Einstimmung auf die möglichst nachhaltige politische oder auch gerichtliche Wirksamkeit, jetzt aber abgetrennt und der eigentlichen res, der Sache, entwöhnt, mussten, auf sich selbst verwiesen und „durch die Ordnung des Kaisers befriedet wie alles andere“, am Ende zu l’art pour l’art, zu Spiegelfechterei, zu hohlem Schaugepränge, zu „Konzertrede“, kurz: zur reinen Deklamationskunst entarten, die nur noch eines zugewährleisten hat, dem Ehrgeiz des Redebeflissenen eine möglichst große Bühne zu sichern.

Wie Seneca, der Vater, geht auch der Sohn in jungen Jahren nach Rom, um sein rhetorisches Talent zur weiteren Vervollkommnung großen, berühmten Rhetoren anzuvertrauen und seine Lebensplanung, philosophisch durchsäuert, auf eine hinreichend tragfähige Grundlage zu stellen. In beiden Fällen scheint Rom der geeignete Platz, ja eine vortreffliche Schatzkammer, wo sich, wer immer will und die nötigen Voraussetzungen seelisch-geistiger Natur mitbringt, nach Lust und Laune umsehen und bedienen kann.

Keine der damaligen Berühmtheiten in der Rhetorikszene kennen wir dem Namen nach. Nur so viel: Wie schon dargelegt, sind Ausbildung und Praxis der Beredsamkeit bei weitem nicht mehr das, was noch in der Zeit Ciceros fast uneingeschränkt Standard war und klassische Gültigkeit beanspruchen durfte. Was sich jetzt Kunst der Beredsamkeit nennt, musste eine durch- und tiefgreifende Reform fast revolutionären Charakters über sich ergehen lassen. Cicero ist, salopp gesagt, „out“.

Nein, seine kunstvollen, weitgespannten, sogar in seinen Briefen noch gängigen Periodisierungen sind nicht mehr absolutes Stilvorbild wie noch für Seneca, den Vater. Dessen schwärmerische Begeisterung für Ciceros rhetorische und schriftstellerische Leistung will dessen Art und Kunst, zu schreiben und zu reden, den Siegeskranz der unbedingten Vorbildlichkeit und Nachahmungswürdigkeit zuerkannt wissen – noch vor den berühmten griechischen Vorbildern. „Was die römische Beredsamkeit besitzt“, rühmt er, „was diese dem überheblichen Griechenland entgegenstellen oder gar über es stellen kann, blüht um Cicero.“22 An der eigenen Zeit und ihren Hervorbringungen kann er nichts Lobenswertes finden. Im Gegenteil: „Reglos darnieder“, klagt er, „siehe, liegen doch die Begabungen einermüßigen Jugend, und man ist nicht wachsam im Ringen um eine einzige schöne und anständige Sache.“23

Eine desinteressierte und müßiggängerische Jugend geht dem alten Herrn durchaus gegen den Strich und auf die Nerven. Sein Zorn und seine Verachtung sind auch um deutliche Worte nicht verlegen. Doch das Urteil scheint sehr subjektiv und pauschalierend obendrein. Quintilián wenigstens kennt eine ganz andere Jugend, eine Jugend, die sich für den neuen Sprachstil restlos zu begeistern vermag, eine Schreibart, die in Ciceronischer Klassizität und prunkender Behäbigkeit durchaus nichts Ehrwürdiges und Erstrebenswertes sehen kann und will. Was die einen motiviert, es kurzerhand über die Maßen zu rühmen und zu preisen, damit mögen wohl ebenso schnell Verständnis und Terminologie eben dieser Jugend bei der Hand sein, es als „uncoole“ Spießigkeit abzutun.

Ja, es ist ein jugendlich beschwingter Stil, der es offenbar versteht oder richtiger: seinen ganzen Ehrgeiz darein setzt, ohne alle syntaktische Knifflig- und Betulichkeit der Bei- und Unterordnung, der gleich-, vor- und nachzeitigen Systematisierung, frei von partizipialer Fügsam- und Hörigkeit knapp und zupackend, schnörkellos und pointiert „in winzigen Sätzchen“24 zu sagen, was jeweils Sache ist. Versteht sich, Anhänger, Freunde und Bewunderer der traditionellen Rhetorik wie unser Quintilián, für den der Modestil „ein durch viele Mängel verdorbener Stil“25 ist, oder auch Kaiser Caligula, der darin mit einem ebenso deutlichen Ton des Unverständnisses und kritischer Geringschätzung nur ein Verfallsprodukt, nur „Sand ohne Kalk“26 zu sehen vermag – sie alle, am Althergebrachten hängend, haben derzeit einen schweren Stand.

Um gerecht zu sein, wer gewohnt und erfüllt ist von Ciceronischer Periodenkunst und Gestaltungsmacht, der kann wohl nicht anders, als die neue Art, sich auszudrücken, in Bausch und Bogen zu verdammen, wenn nicht zu bekämpfen. Wie sollte da der erste Eindruck, die erste Stellungnahme anders ausfallen als negativ?

Es ist nun mal so: Ciceros lékythoi27 haben mehr oder minder ausgedient. Sehnen und Streben des Neuen, Modernen sind darauf gerichtet, den Platz des Herkömmlichen, Altbewährten einzunehmen, letztlich Ciceros klassisch gewordenem Latein Gloriole und Nimbus des Vorbildlichen, des Vorrangigen streitig zu machen. Wahrlich, es grenzte an ein Wunder, sollte, wer Putz, Fülle und Vehemenz rauschend hinfließender ciceronischer Diktion tief in sich aufgenommen hat und ihr verhaftet ist, der neuen Strömung stilistischer Schlankheit nicht sehr reserviert begegnen. Mit Genugtuung dürfte er sich der Empfindung überlassen, dass sie ziemlich unansehnlich, nackt und bloß daherkommt, sich ebenso wenig großtun darf, wie im Märchen der Kaiser in der anmaßenden Fiktion seiner „neuen Kleider“.

2. Kapitel

Literarisch-philosophische Bewegung

Griechisches – Vorbild im Guten wie im Schlechten. Philosophie – Erziehungs- und Lebensmacht Roms. Sokrates – Philosoph der Philosophen. Sokratisches in Stoa und Schule Epikurs. Senecas Stoizismus.

Nach allem, was wir wissen, gebühren Autorschaft und Urheberrecht des neuen Stils unserem Seneca. Jedenfalls ist er der erste, dessen geistige federnd-kühne Forschheit ihn als hochwirksames, flexibles Ausdrucksmittel anwendet und vollendet ausformt. Es ist, als wäre die lateinische Sprache erst unter seinen geschickten Händen aus ihrer Erstarrung erwacht, um ihrer vielfältigen Möglichkeiten einer ebenso geschmeidig-sensiblen wie prägnanten Darstellung der Dinge innezuwerden.

Es kann nicht ausbleiben, dass er deshalb das geballte Missfallen, ja Unwillen und Zorn der konservativ Geprägten auf sich zieht, dass sein Stil als stillos gilt. Aulus Gellius hält ihn wegen des vollständigen Mangels an „Anmut“ und „feinem Geschmack“28 für ungenießbar, wie offenbar auch Quintilián, dem der „Ausdruck größtenteils verunstaltet29 und deshalb überaus schädlich“30 erscheint. Andererseits könnte es durchaus scheinen, dass Empörung und Verdrießlichkeit eines mitunter gläubig-exaltierten Ciceronianismus nicht ganz ehrlich sind, in Wahrheit hier die Leidensmiene von Missgunst undNeid beredte Klage führt, gleich dem Füchslein, das entnervt und entmutigt den Trauben, lockend in unerreichbarer Höhe, den Rücken kehrt. Immerhin lässt sich Quintilián, in gewissem Grad Zeitgenosse Senecas, herbei einzugestehen, dass der Literat gerade bei jungen Leuten Kultstatus hat, sie in ihm ihr literarisches Idol sehen, dem sie gerne grenzenlose Verehrung und Liebe entgegenbringen.

Sehr zu denken gibt jedoch die despektierliche Bezeichnung der jugendlichen „Fans“ als púeri31, als Knaben, ein Wort, das sich offensichtlich im scharfen Kontrast gegenüber den kurz vorher genannten eruditi absetzen soll, den Gebildeten, deren höherer Bildungsstand und sachliche Einsicht es eben nicht zulassen, aus Senecas Schriften in ihrem vermeintlich korrupten Stil ein beifälliges Lesevergnügen werden zu lassen, wie frei und frisch sie auch immer in der Kraft der Jahre und Fülle des Talents verfasst sein mögen.

Vor allem gibt er auch zu - wie schwer muss es ihm gefallen sein –, dass man neben Seneca keine anderen Götter gelten lässt. Es ist wahrlich ein erstaunliches Faktum bei der langen literarischen Tradition Roms. Ein neuer Autor und ein neuer Stil erobern gewissermaßen von einem Tag auf den anderen das junge Rom. Bei Quintilián liest sich das ganz schlicht und unspektakulär, mit einem leisen Ton der Resignation, als wäre es ein unabänderliches Naturereignis: „Damals“, sagt er, offenbar mit dem Schicksal hadernd, „befand sich fast nur er in den Händen der jungen Leute.“32 Was für ein Kompliment für den jungen Seneca und seine neue Art zu schreiben.

Gewiss aber wäre es etwas arg dürftig und kaum verständlich, wenn die junge Generation Seneca, geblendet von der Art, wie er etwas sagt, zu ihrem Literaturpapst erkoren hätte. Das, was er zu sagen hat, scheint mindestens genauso den Nerv der Jugend zu treffen. Wie seine stilistische Neuausrichtung werden offensichtlich auch Lebensauffassung und geistig-sittliche Orientierung repräsentativ und maßstäblich für Geist und Charakter einer ganzen Epoche. Seneca hat gewiss nicht wenig dazugetan. Seine Studien bei den Philosophen Áttalos, Papírius und Sótion tragen reiche Früchte, der Geist gewinnt an Klarheit und Umsicht.

Hier mag der Ort sein, sich der philosophischen Materie, so sperrig sie sich gibt, betrachtend anzunähern und sie forschend zu durchdringen. Wir werden dem Wesen des Zeitgeistes nachzugehen haben. Bestimmte Einblicke werden uns in die Lage versetzen zu erfassen, worauf Senecas personaler Seinsbestand gründet, wo jene nie versiegende Kraftquelle ihren Sitz hat, die in den Stürmen und Anfechtungen des äußeren Daseins eine sehr lebhafte, heilsame Wirkung entfalten sollte.

Rom und Philosophie – zwischen ihnen besteht – wir hatten schon darüber zu reden – bestimmt kein Verhältnis natürlicher Affinität. Erst als die Römer längst die kruden Anfänge verlassen und ihnen als Herren eines Weltreiches gegen Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. im hellenistischen Osten die griechische Kultur in der ganzen Vielfalt ihrer Ausprägung und Verfeinerung stolzgeschwellt gegenübertritt, da sollte endlich nach einer langen Periode geistiger Brache auch die griechische Philosophie den Weg nach Rom finden.

Hier sind es zuerst Männer von hohem Adel und edler Gesinnung33, die ihr eine pflegliche Heimstatt zu bereiten beginnen. Streben nach Weisheit und allem Geistigen, das sich darin mitbegreift, ist bald auch dem aufs Konkret-Materielle fixierten Sinnen und Wollendes Römertums nichts Verächtliches mehr. Rasch entdeckt die römische Welt der Erziehung und Bildung, welch kostbare Werte hier darauf warten, gehoben, genützt und genossen zu werden.

Insbesondere ist es das Altrömertum mit seiner Hochschätzung und Pflege der charakterlichen Disziplin, das nicht zögert, sich mit der neuen Geistes- und Lebensmacht griechischen Ursprungs zu verbrüdern. Vorrangiges Motiv ist die Hoffnung, im Kampf gegen die vielfachen Zersetzungserscheinungen in Sitte und Privatleben der Oberschicht nicht ganz auf verlorenem Posten zu stehen. Scheint die gute alte und nicht minder strenge Vätersitte, der mos maiorum, gegenüber einer Haltung, die mit griechischer Lebensart und Sitte vor allem den Begriff des Modernen, Lockeren, der individualistischen Freiheit und Selbstbestimmung verbindet, sie aber in erster Linie in schrankenlosem Luxus- und Genussleben verwirklicht sehen will, doch hoffnungslos ins Hintertreffen geraten.

Ja, es ist nun leider unzweifelhaft so. Die Graecomanie geht mit einem krassen Missverständnis von Griechentum einher. Das gemeine wirkliche Leben kommt nicht umhin, sich über kurz oder lang in einem gewissen Spannungsverhältnis wiederzufinden. Von der einen Seite schließt es sich dem Sittlichen, dem Verständigen an, die andere nähert sich gern dem Minderwertigen, Niedrigen und Verächtlichen. Der Sprachgebrauch hat deutliche Spuren davon hinterlassen. Sich hemmungslos ausleben, sich abfüllen bis zur Halskrause, dafür hat nunmehr die weltmännisch-snobistische Großspurigkeit schnell und unbesehen – und leider zum Tort für die griechische Hoch- und Leitkultur – das Wort pergraecari zur Hand (wörtlich etwa: „den Griechen machen oder geben“, soll heißen: zechen, schwelgen, in Saus und Braus leben).

So bedauerlich es ist, dass die weniger guten Elemente des Griechischen sich so gründlich mit dem Leben Roms verweben und so unverhältnismäßig mehr Anklang finden als das intellektuell und ästhetisch Idealische des Hellenentums, so erfreulich scheint es andererseits, dass die allenthalben um sich greifende Gräzisierung rasch auch Einzug in das römische Erziehungs- und Bildungswesen hält. Cicero ist es vor allem, dessen Übertragungen für das Ansehen der Philosophie auf römischem Boden nicht hoch genug zu veranschlagen sind. Sie versuchen, ihr in einer attraktiv-weltoffenen lateinischen Sprachgestalt den Beigeschmack des verschroben-versponnen Hinterwäldlerischen zu nehmen, in der Hoffnung, dass die allgemeine Anerkennung und Einbürgerung letztlich nur noch eine Frage der Zeit sei.34

Tatsächlich werden seine Schriften nicht müde, die gängigen Vorstellungen vom Ideal35 des griechisch, vor allem philosophisch gebildeten Römers mit ruhiger Schönheit zu begleiten und zu beseelen. Kenntnisse in griechischer Philosophie zu haben gehört schließlich im Bildungsgang des vornehmen und vermögenden Römers geradezu zum intellektuellen Muss, zur geistigen Grundausstattung.

Die Philosophie, das philosophisch-wissenschaftliche Forschen hat sich freilich seit den Anfängen grundlegend gewandelt. Gegenstand leidenschaftlichen Weisheitsstrebens und Erkenntniswillens ist nicht mehr wie bei Pythagoras und den sog. Naturphilosophen Gott und die Welt, das, woraus sie geworden ist und was sie „im Innersten zusammenhält“. Die totale Änderung des Blickwinkels setzt mit Sokrates ein. Hören wir Cicero: „Sokrates hat als erster die Philosophie vom Himmel auf die Erde geholt, sie in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser eingeführt und gezwungen, über Leben und Sitten, Gutes und Schlechtes nachzuforschen.“36 Für Cicero macht diese Bestimmung in ihrer Besonderheit und Einmaligkeit Leistung undVerdienst des Sokrates aus. Was bisher Philosophie war, wird jetzt zu philosophiegestützter Ethik. Dies kann jedoch nur cum grano salis gelten. Auch jetzt, in der Epoche der hellenistischen Philosophie, werden noch physikalische, meteorologische, astronomische und auch theologische Fragen gewälzt und erörtert. Schwerpunkt ist in jedem Fall der prüfende, psychologisierend-nachdenkliche Blick in das Innere des Menschen.

Um deutlicher zu werden: Sokrates’ eminent geistiges Vermögen und philosophischer Gedankenreichtum bringen es mit sich, ja, erweisen sich so verlockend, dass für eine erkleckliche Reihe philosophischer Schulen nichts wichtiger scheint, als daraus gutsortiert ihren geistigen Grundbedarf37 zu decken. Alle eint letztlich die Frage der Eudaimonie, der Glückseligkeit, die Frage der Fragen also: Wie muss der Mensch leben, um des persönlichen Lebensglücks teilhaftig zu werden oder es möglichst nicht zu verfehlen? Bei dieser Zielrichtung kann es nicht ausbleiben, dass sich die Philosophie schließlich mit Wunschvorstellung und Rolle einer Heilslehre betraut sieht, dass sie leisten soll, was die total im Äußerlich-Rituellen sich erschöpfende Staatsreligion nicht leisten will noch kann. Die Menschen mit den vielfältigen Gebrechen und Nöten des Daseins werden schlicht allein gelassen, ihr Inneres findet im Überzeitlich-Religiösen weder Trost noch Hilfe, schon gar nicht Halt noch Heil.

Im Folgenden werden wir uns im Wesentlichen darauf beschränken, die Grundzüge der Philosophie der Stoa in der Art und Weise, wie sie Seneca, der Hauptvertreter der Jüngeren Stoa, die im Rom des 1. Jahrhunderts nach Christi Geburt Sphäre und Begrifflichkeit der philosophischen Lebensertüchtigung beherrscht, im engen Kontext des menschlichen Daseins konkretisiert und revitalisiert wissen will. Seine Aussagen in Brief 5 seiner „Moralischen Briefe an Lucilius“43 werden uns jene Einsichten fassbar und manifest machen, ohne die wahrhaft glücklich zu werden vergebliches Bemühen sein mag.

Bestimmte Leitfragen mögen uns dabei behilflich sein, was stoisches Gedankengut ist, an entsprechenden Textstellen festzumachen und als Summe der Lebensmaximen Senecas und der Stoa zu objektivieren und festzuhalten.

Da ist zunächst die Frage, worauf sich die philosophische Betrachtung auszurichten hat. Die Begriffe „besser werden, ein besseres Leben, Fortschritte machen, sich vervollkommnen“ im besagten Brief geben uns Weg und Ziel vor. Alle Zweifel werden gegenstandslos. Wer wahrhaft glücklich werden will, muss die Kräfte des Inneren gegen alles Äußere stärken, um frei zu werden von Wünschen, Hoffnungen und Ängsten, Affekten also, die diesem Ziel entgegenstehen. Auf jeden Fall ist nur so die Gewähr gegeben, dass „in unserem Inneren alles anders ist“ (intus omnia dissimilia sint) als in der großen Masse. „Beides, Hoffnung wie Furcht, zeugen“ schließlich ja „von einer Seele, die voller Unruhe ist in Erwartung dessen, was die Zukunft bringt.“

Hier nimmt Seneca Gelegenheit, vor einer falsch verstandenen, einer incompta frugalitas, einer „ungepflegten, ungekämmten Einfachheit“zu warnen, die wegen ihres Übermaßes auch auf den an sich Weisheitsbeflissenen abschreckend wirken muss, wo doch „der bloße Name Philosophie, auch wenn sie maßvoll betrieben werden sollte, schon genügend verhasst ist“. Das Übel ist ambítio, die Eitelkeit und der Ehrgeiz, auch im Äußeren sich demonstrativ als auserwählten Jünger der Philosophie darzustellen und – hofieren zu lassen. Deshalb die Aufforderung in der sprachlichen Form eines Befehls an diezweite Person (evita „vermeide“), nichts zu tun und alles zu unterlassen, was von den Gepflogenheiten des Durchschnitts hart und gegensätzlich absticht, wie „abstoßende Kleidung, ungekämmtes Haar, Vernachlässigung der Bartpflege, offen erklärte Geringschätzung von Silbergeschirr oder eine Lagerstatt auf bloßem Boden“.

Zusammenfassend will er einem moralischen Antagonismus das Wort reden, beileibe nicht einem äußeren, optischen: „Lasst uns unser Bemühen darauf richten, dass wir ein (sittlich) besseres Leben anstreben als die Menge, nicht ein gegensätzliches.“ Sonst könnte es geschehen, fährt er fort, dass „diejenigen, die wir bessern wollen“, „überhaupt nichts von uns nachahmen wollen, solange sie fürchten, alles nachahmen zu müssen“.

Es empfiehlt sich, einen kurzen Hinweis zur semantischen Struktur obigen Satzes einzuflechten. Von Senecas sprachschöpferischem Drang war schon die Rede. Sein stilistisches Wollen und Können finden immer von der Sache her letzte Erfüllung und Vollendung. Sie in ihrer Besonderheit und Bedeutung zu betonen und bewusst zu machen, in diesem Ringen sieht sich die ganze Kohorte von Tropen und Stilfiguren in die Pflicht genommen, willig zu Diensten zu sein und nicht zu versagen. Sie tun fürwahr ihr Bestes. Hier ein Musterbeispiel: „Nichts ... wollen“ korreliert in hübscher Doppelantithetik mit „alles ... müssen“. Beide Aussagen sind dicht aufeinander bezogen und wollen/sollen sich doch entschieden voneinander distanzieren, gegeneinander Stellung beziehen. Man mag ein Sprachverhalten, das gern in gegensätzlichen Gedankenfolgen schwelgt, in gewisser Weise eine outrierte, artifizielle Ausdrucksweise nennen. Nicht zu leugnen aber andererseits, es ist ein künstlerischer Duktus, dem daraus auch ein Gutteil seiner prägnant-instruktiven, appellativischen Kraft und Qualität zuwächst.

Von der Form wieder zur Sache. Wir sehen, mit Nachdruck verwirft Seneca in dieser Weise elitär-hochmütige Absonderung von der Gesellschaft, Ablehnung der Normen und Formen gepflegter Lebensführung, ein Leben prätentiöser Selbstgenügsamkeit und Bedürfnislosigkeit (Askese), Missachtung aller Kultur und guten Sitte als für jegliche philosophische Bemühung höchst abträglich.

Mindestens ebenso sehr liegt ihm daran, den Stoizismus deutlich gegen den sog. Kynismus45 abzugrenzen, die Philosophie der totalen Weltentsagung. Um nicht missverstanden zu werden, Ziel des Lebens ist auch für die Kyniker von Profession ein Leben der persönlichen Glückseligkeit. Deshalb ihre Kernforderung, „die Dinge des Fleisches auf das Allernötigste zu beschränken, damit die Seele so frei wie möglich sei“. Entsprechend ihr Tugendbegriff, wieder prinzipiell mit dem stoischen übereinstimmend. Tugend heißt danach: möglichst wenig essen, besitzen, wünschen, Wasser trinken und niemandem ein Leid tun.

Noch einen Schritt weiter geht Diógenes. Schüler des Antisthenes, macht er sich daran, nach seinem Sinn und Willen sich die Welt zurecht zu modeln, um schließlich zum radikalsten Vertreter der kynischen Heilsmaxime „Zurück zur Natur“ mit ihrer kompromisslosen Umsetzung im Vollzug der täglichen Lebensanforderungen auf niedrigstem, menschlicher Würde hohnsprechendem Niveau.

Bankier und Bankrotteur, der er war, bettelte er zunächst aus wirklicher Not, ein recht misslicher Zustand, aus dem ihn letztens die frohe Botschaft erlösen sollte, dass dies ein Zeichen von Weisheit und Tugend sei. Wenn wir uns nicht irren, entfaltete sich ihm hieraus die Hoffnung, alsbald werde am Horizont seines finsteren Erdendaseins der segensreiche Stern der Glückseligkeit hellstrahlend aufgehen.

Jedenfalls gab dies offenbar seinem Leben, seinem Sinnen und Empfinden die entscheidende Wende. Sie ließ ihn danach lechzen, sich in aller Form wie die Tiere in einem Leben extremer Einfachheit, Bedürfnislosigkeit, Gesellschafts- und Kulturverachtung publikumswirksam einzurichten – und mit der unmittelbaren Präsenz satt-verbaler Markig- und Eindrücklichkeit zu vermarkten. Auf dem nackten Boden schlafen, alles essen, gleich wo und wie es sich fand, keine Gesetze und Konventionen anerkennen, das Fleisch roh essen, gegen Religion und Ehe polemisieren, Rituale und Nöte der Geschlechtlichkeit in aller Öffentlichkeit vollziehen und befriedigen – wahrlich, er tat alles und versäumte nichts, um sich stilisierend zum Urbild eines Kynikers46