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Aus dem Leben der Antike E-Book

Theodor Birt

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Beschreibung

Theodor Birts "Aus dem Leben der Antike" ist ein faszinierender Einblick in die Gesellschaft, Kultur und Denkweisen des antiken Lebens. Birt verbindet eloquent historische Fakten mit erzählerischem Stil, um das Leben von Münzsammlern, Philosophen und Alltagsmenschen zu schildern. Sein literarischer Kontext steht im Zeichen der Aufklärung und der Sehnsucht nach echtem Verständnis der Vergangenheit, wobei er die damaligen sozialen Strukturen und deren Einfluss auf die Gegenwart eindringlich beleuchtet. Theodor Birt, ein anerkannter Althistoriker und Autor, widmete sein Leben der Erforschung antiker Zivilisationen. Seine fundierten Kenntnisse und seine Leidenschaft für die Geschichte verliehen diesem Werk nicht nur Tiefe, sondern auch Authentizität. Mir der Absicht, eine Brücke zwischen der Antike und dem modernen Leser zu schlagen, analysiert Birt die relevanten Themen, die auch heute noch aktuell sind, und bringt seine Leser dazu, über die Wurzeln unserer heutigen Kultur nachzudenken. "Aus dem Leben der Antike" ist ein unverzichtbares Werk für geschichtsinteressierte Leser und alle, die ein tieferes Verständnis für die Einflüsse der Antike auf die gegenwärtige Gesellschaft erlangen möchten. Birts meisterhafte Erzählweise und sein umfangreicher analytischer Ansatz machen dieses Buch zu einem wertvollen Schatz für sowohl Historiker als auch Laien.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Theodor Birt

Aus dem Leben der Antike

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2023
EAN 4066339519435

Inhaltsverzeichnis

Vorwort.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Inhaltsübersicht.
Die Römerin.
Antike Gastmähler.
Auf der römischen Heerstraße.
Die Laus im Altertum.
Der Mensch mit dem Buch.
Verlagswesen im Altertum.
Woher stammen die Amoretten?
Seneca.
Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.
Witzliteratur. und Gesellschaft in Rom.
Anmerkungen.
Die Römerin.
Antike Gastmähler.
Auf der römischen Heerstraße.
Die Laus im Altertum.
Der Mensch mit dem Buch.
Verlagswesen im Altertum.
Woher stammen die Amoretten?
Seneca.
Römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.
Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.
Namen- und Ortsverzeichnis.

Vorwort.

Inhaltsverzeichnis

Antikes Leben! ein unerschöpflicher Gegenstand! Bisher habe ich ihm drei größere literarische Versuche erzählenden und kulturgeschichtlichen Inhaltes gewidmet, Bücher, die wie langgezogene Bilderfriese in sich Einheiten bilden und darum vielleicht wie Bilderfriese ermüden. Daneben tritt dies vierte Buch, das zusammenhangslos und in Auswahl sein Schlaglicht nur auf dies und jenes, auf antikes Reiseleben, Frauenleben, Kinderliebe, Verkehr auf dem Büchermarkt u.a. wirft: Einzelbilder in engem Rahmen, von denen ich hoffe, daß sie das Nähegefühl steigern und das Leben der Vergangenheit mit noch größerer Deutlichkeit vor das Auge stellen.

Zum Teil sind diese Aufsätze schon vor dem gegenwärtigen Weltkrieg, zum Teil aber erst während des Krieges entstanden, und man wird sich also nicht wundern, daß den letzteren der Einfluß der großen Zeitereignisse, in denen wir heute stehen, deutlich anzumerken ist. Denn kein Schriftsteller kann sich diesem Einfluß entziehen, und die Antike mit dem Leben der gegenwärtigsten Gegenwart zu vergleichen, war mein ständiges Augenmerk. Daher habe ich auch von der „Laus“ gehandelt; denn auch sie ward für uns Ereignis.

Eben darum könnte man mir vielleicht verargen, daß ich in dieser Zeit des Entbehrens und der Ernährungsnöte, wo fast nur noch der Gauner einen vollbesetzten Tisch hat, auch über „antike Gastmähler“ rede. Ich hab’s gewagt. Die Erinnerung an frühere gesegnetere Stunden darf uns nicht kränken; denn auch der Erblindete zehrt gern von der Erinnerung an das, was er einstmals mit gesunden Augen gesehen und genossen hat.

Als Leser dieser Blätter denke ich mir gern jeden Gebildeten, der sich darüber klar ist, daß es nicht nur unterhaltsam, sondern daß es auch immer noch heilsam ist, die Kulturhöhe des sogenannten klassischen Altertums zu kennen und in das eigenartig bunte Treiben im alten Rom der Cäsaren sich zu vertiefen, um daran, was wir heute sind und haben, zu messen. Um diesem Leser zu dienen, ist jeder gelehrte Apparat vermieden und von mir streng in den Anhang verbannt worden, wo die „Anmerkungen“ Nachweise, aber auch allerlei Zusätze und Exkurse im Verborgenen bringen. Vielleicht findet der Anhang gleichwohl das Auge des Fachmanns, des Schulmanns und Gelehrten: dann hat auch er seinen Zweck erreicht.

Marburg a. L., 24. Januar 1918.

Der Verfasser.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Inhaltsverzeichnis

Das Buch, das freundliche Aufnahme gefunden hat, lege ich jetzt durchgebessert, doch im Wesentlichen unverändert nochmals dem Publikum vor. Einige Zusätze haben die „Anmerkungen“ erfahren. Zu Dank bin ich Herrn O. Roßbach verpflichtet, der mir durch seine Besprechung in der Berliner philologischen Wochenschrift 1918 Sp. 1206 ff. zu mehreren Berichtigungen den Anlaß gab. Anderes habe ich ändern müssen, da es der politischen Lage des Vaterlandes nicht mehr entsprach. Denn all unsere stolzen patriotischen Hoffnungen, denen ich Worte verlieh, sind nun zerschlagen. Nicht der Feind, unser unselig verhetztes Volk selbst und der törichte Wilsonglaube unserer Pseudopolitiker hat sie zerstört.

Marburg a. L., 20. Mai 1919.

Der Verfasser.

Inhaltsübersicht.

Inhaltsverzeichnis
Die Römerin
1
Rom und der Genius Roms. Heldinnen. Stellung der Mutter zum Sohne. Keuschheit. Lose Eheverhältnisse. Energie der Römerin. Mangelnde Tierliebe. Ehebruch. Organisation der Bürgerinnen. Hetärenwesen. Messalina. Schönheitsideal. Frisur. Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren. Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften. Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.
Antike Gastmähler
20
Ästhetische und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Beginn des Luxus in Rom. Übertreibende Schilderungen. Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung. Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung. Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen. Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten. Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung. Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch. Gastgeschenke. Bezug der Eßwaren. Import. Bereicherung der Fauna und Flora Italiens. Nachwirkung auf unsere moderne Ernährung. Der Koch und seine Hilfsmittel; seine Wunderleistungen. Der scissor. Essen mit den Fingern. Mundtücher. Brot. Analecta. Zwei Bibelstellen erläutert. Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.
Auf der römischen Heerstraße
48
Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens. Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms. Stadtklatsch in Rom. Maueranschläge. Brieftafel. Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst. Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens. Gallisches Fuhrwesen. Das Heer auf dem Marsch. Train. Kauffahrer. Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen. Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunkwagen. Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen Herren. Fußwandern und Pilgern. Die Meile. Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. Gasthöfe. Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb. Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit Hadrians. Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf. Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle. Vergleich der modernen Zeiten. Mangel an Kompaß. Winterstille; im Winter der Nachrichtendienst und die Zufuhren behindert.
Die Laus im Altertum
83
Modernes; russische Mönche. Byzantiner. Die Laus in Hellas bei Bauern und Fischern; sie fehlt bei Aristophanes und sonst. Reinlichkeit der Städter. Bad, Gymnastik, Rasieren. Die griechischen Frauen. Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der römischen Literatur; bei den Spottdichtern. Anders in der älteren Zeit Roms: Komödie, Lucilius. Die Fabel Sullas. Petron. Kaiser Julian. Phtheiriasis. „Läusefresser“ bei den Barbaren damals und heute.
Der Mensch mit dem Buch
99
Der blinde Homer ohne Buch. Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“. Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur bei den Griechen. Herstellung des Papiers. Seine Haltbarkeit. Umfang der Rollen. Buchteilungen. Ausstattung. Bibliothek. Bildliche Darstellung von Schreibenden und Lesenden. Langsam lesen; in Abschnitten lesen. Anfangs beschränkter Leserkreis; Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle dargestellt. Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter. Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.
Verlagswesen im Altertum
122
Vervielfältigung der Bücher nach Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar? Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen Autoren. Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb der erhabenen Dichtwerke. Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung. Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der römischen Kaiser. Soziale Stellung des unbemittelten Autors.
Woher stammen die Amoretten?
134
Amoretten heute und in der Renaissancekunst; im Altertum. Geflügelte Götter. Eros und Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde. Kinderscharen in den Häusern der Reichen seit der Alexandrinerzeit. Deliciae. Die stoische Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege. Deliciae sind „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius bei Catull. Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst. Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder; erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest. Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte deliciae. Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker. Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling. „Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel. Auch lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick. Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck.
Seneca
165
Senecas Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm. Einheit seines Wesens. Stoische Religion. Der Ethiker für den lateinischen Okzident. Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen. Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare. Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung. Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn. Agrippina zurückgedrängt; Senecas Reichsverwaltung. Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u.a. Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende. Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild. Schrift gegen den Aberglauben.
Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi
189
Christi Verhöhnung. Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalienkönig als Tölpel. Der Tölpel als König im Mimus. Sardi venales. Vitellius’ Ende. Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.
Witzliteratur und Gesellschaft in Rom
203
Simplizissimus und Fliegende Blätter. Die Zote. Tendenzlose Späße und Belustigungen. Die Invektive. Die Satire. Togatkomödie. Pasquille: Catull gegen Caesar, Vergil gegen Noctuin und Sabinus. Horaz’ Epoden und Lydia-Ode. Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt. Proben aus Martial. Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont. Toleranz im Religiösen. Kein Rassenhaß. Anders die Satire. Religiöse Aufklärung: Persius, Seneca, Juvenal. Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter. Völkerhaß in der Gegenwart.
Anmerkungen
235
Tafel 1
Bildnis einer Römerin.(Neapel, Museum nationale.)

Die Römerin.

Inhaltsverzeichnis

Weltgeschichte ist Kampf der Völker. Die Frau arbeitet und nährt, aber sie kämpft nicht in Waffen oder hat doch den Kampf verlernt. Daher ist die Weltgeschichte eine Geschichte des Mannes. Der Mann ist Kauffahrer, und er führt zugleich das Schwert, um den Erwerb zu schützen und zu erweitern. So ist auch die römische Geschichte Männergeschichte. Römerkastelle, Römerstraßen, Schlachtfelder, Triumphbögen, Arenen zeigen uns immer dieselben Gestalten. Die römische Tugend selbst ist männlich; denn sie heißt virtus (französisch vertu), leitet sich also von vir her. So wie iuventus die Eigenschaft des Jünglingsalters (iuvenis), senectus die Eigenschaft des Greisenhaften (senex), so war virtus zunächst nichts weiter als die Eigenschaft, ein reifer Mann, vir, zu sein. Dieser Eigenschaft zu gleichen, erschien aber als das Ideal für alle. Und als reifer Mann steht in der Tat auch das Römervolk selbst fechtend und knechtend, triumphierend und Ordnung schaffend unter den Völkern. Ja, das Nämliche gilt sogar von der Tiberstadt selbst. Die Stadt heißt freilich Roma, als wäre sie ein Feminin[1]; allein wenn Rom statuarisch als weibliche Göttin gebildet und in Tempeln aufgestellt wurde, so war das gleichwohl unrömisch, und es geschah durch Griechen nach dem Vorbild griechischer Stadtgöttinnen wie der Athene. Römisch und echt ist dagegen, daß Rom, wie jeder Mann, einen Genius hat, den man göttlich verehrte. Der „Genius Roms“ bedeutet das Lebensprinzip des Staates, und aller Genius ist männlich[2].

Wer sich nun aber mit dem Wirken dieses Genius, mit römischer Kultur andauernd beschäftigt und durch Bauwesen, Rechtsleben, Verwaltung und Krieg, Kunst und Religion forschend hindurchgeht, in dem regt sich bald laut und lauter die unausbleibliche und dringliche Frage: wo ist die Frau? und warum wird von ihr geschwiegen? Sei es auch nur der schönen Abwechslung wegen: wir haben ein Verlangen, ihr zu begegnen. Im Ernst: was wäre heute und seit Ewigkeit alle Tatkraft des Mannes ohne sie? Was ist unsere heutige Kultur ohne die Frauen? und was war ohne sie Rom?

Wir wollen nicht schön färben. Wir wollen nur kennen lernen. Ein flüchtiger Aufriß! Sei denn der Versuch gemacht, den Zeitgenossinnen des Scipio, Caesar und Trajan, der Römerin des großen Altertums einmal etwas näher zu treten.

Heldinnen. Stellung der Mutter.

Wer die stolzen Römerinnen von heute in der Geselligkeit, im Korso oder auch im Negligé des Alltags gesehen hat, mag sich von jener ein Bild machen: oft sinnfällig schön, aber früh alternd; dazu sprühend energisch, beredt, leichtgläubig und ihren starken Trieben ganz ergeben, träge und wild wie Panther. Die alte Sage hat aus den Römerinnen Heldinnen gemacht. Aber das galt vornehmlich nur für die große alte Zeit: Clölia, die sich aus Feindeshand befreit; jene Frauen, die sich das Haupt scheren und aus ihren schönen Haaren Stricke flechten, damit die Verteidiger der Stadt ihren Bogen mit Sehnen bespannen können (daher der Tempel der Venus calva). Als Camillus gegen Brennus und die Gallier ficht, opfern die Römerinnen sogar ihren Goldschmuck, damit der Staat Geld hat (ein Vorbild für alle Zeiten), und dies wurde ihnen ewig gedankt; denn in der Stadt, wo sonst niemand mit Wagen fuhr, erhielten die Frauen seitdem das Vorrecht, zu den Gottesdiensten fahren zu dürfen[3]. Im Grunde aber war dem Römer das Mannweib doch unbehaglich; schrecklich wie ein Gespenst erschien die Fulvia, die Gattin des Mark Anton, die Urheberin des Perusinischen Krieges; denn diese Fulvia ging selbst in Waffen und hetzte die Legionen gegen Octavian auf. Sympathischer immerhin Agrippina, die mit ihrem Gatten Germanicus bei den Legionen am Rhein steht und dort im gefährlichen Augenblick den Feldherrn selbst vertritt, persönlich zur Rheinbrücke eilt und durch energisches Kommando den verhängnisvollen Abbruch der Brücke verhindert, damit die Truppen sich vor den Germanen des Arminius noch über den Strom retten können; eine echte Soldatenfrau und in allem gewaltig (ingens animi); dem Kaiser Tiberius ist aber diese Agrippina eben deshalb verhaßt gewesen.

Vor allem nun aber die Römerin als Mutter! Sie ist es, die die Knaben, und wenn der Vater früh starb, auch noch die Jünglinge im Hause hütet und ihr zukünftiges Schicksal auf dem Herzen trägt[4]. In Gedichten ist die Mutter zwar nie verherrlicht worden, und es verrät eine Engheit der Ausdrucksfähigkeit, daß der Naturlaut verwandtschaftlicher Zärtlichkeit im Altertum so selten zum Ausdruck kommt. Wohl aber kennen wir Cornelia, die greise Mutter der Gracchen. Es ist die Niobe Roms, die all ihre Söhne bis auf zwei durch frühen Tod verlor; nun erheben sich diese beiden Söhne zu Führern im gräßlichen Ständekampf, und die Mutter fleht zu ihrem Gajus umsonst, daß er warte, eine kurze Frist warte, bis sie tot sei. Sie muß beide, sie muß auch Gajus, den herrlichen, in den Straßen Roms verbluten sehen. Großartiger noch die Sagengestalt der Veturia, wie Plutarch sie schildert. Ihr einziger Sohn Coriolan, der starke Held, wird vom Volk beneidet, geschmäht, gekränkt, entweicht aus der Stadt zum Landesfeind, den Volskern, und bedrängt Rom nun grollend und siegreich mit Heeresmacht. Alle Hilfe versagt. Da tun in der Not sich alle Frauen Roms zusammen und dringen in Veturia, und Veturia, die Mutter, zieht selbst ins Feldlager des Feindes hinaus, eine seltsame Gesandtschaft, und überrascht den Sohn. Sie hat seine Frau und seine Kinder mitgebracht. Aber der Sohn sieht nur sie, hört nur sie, die Mutter; sein verfinstertes Herz erschrickt vor dem eigenen Haß, und in langer stummer Umarmung und in Tränen hinschmelzend löst sich ihm auf einmal alle Qual der Erbitterung. Wie tief, wie wahr diese Allmacht der Mutter! Aber sein Schicksal ist entschieden. Veturia selbst entscheidet es, da sie ausruft: „Kind, wie kann ich noch fürder für dich beten, wenn dein Heil den Untergang Roms bedeutet?“ Er gibt den Kampf auf. Die Volsker töten ihn. Sie hat das Vaterland vor ihrem Sohn gerettet. Sonst stünde heute Rom nicht. So die Dichtung.

Keuschheit. Lose Eheverhältnisse.

Nur die Gelegenheit erzeugt das Außerordentliche, und die Tapferkeit gedeiht nicht im Frieden. Aber auch für das Ideal der Keuschheit, die die eigentliche virtus des Weibes ist[5], suchte man die Belege in alter Vorzeit: es ist Lucretia, die durch Selbstmord, es ist Virginia, die durch ihren Vater vor Schande gerettet wird. Gleichwohl war es Sitte gerade der alten Zeit, daß der Mann, der vom Lande heimkommt, zuvor durch einen Boten bei seiner Frau sich melden läßt. Die augusteische Zeit weiß das Jahr — 154 v.Chr. — anzugeben, wann aus Rom die alte Keuschheit entwichen sei[6].

Es ist dasselbe bei allen Völkern, und auch bei uns Germanen. Das Wunschbild geschlechtlich lauteren Lebens (im Sinne der Monogamie) wird in die fernste deutsche Urzeit projiziert. Unsere Gegenwart, die Großstädte voran, belehren uns jedoch eines ganz anderen, und so bedenklich wie heute stand es damit schon dereinst im deutschen Mittelalter, im Bauernstand wie im Adel und selbst am deutschen Kaiserhof. In der Dichtung aber ist das Ideal, das der Volksseele lieb und heilig ist, zu allen Zeiten unverrückbar lebendig und findet in gewissen mittleren Kreisen der Gesellschaft, die durch Erziehung, Einsicht und maßvolles Temperament sich dazu eignen, eine segensreiche Verwirklichung.

Nicht anders stand es in Rom. Eigenartig ist hier nur, daß auch die Bande der Ehe selbst sich lockerten.

Die rohe altrömische Rechtsauffassung der Ehe, wonach der Vater die Tochter wie eine Ware an den Schwiegersohn weggibt, war unter dem humanen griechischen Kultureinfluß bald zurückgetreten. Daraus, daß die Frau ursprünglich in Rom Eigentum des Mannes war, mag sich die später noch herrschende Sitte erklären, daß Mann und Frau trotz so mancher Feste, an denen man sich sonst gegenseitig beschenkte, sich nichts schenken durften. In der Folgezeit kann nun aber eine Verlobung nicht mehr ohne die persönliche Einwilligung der Braut geschlossen werden; auch nimmt die Frau nicht mehr wie früher den Namen des Mannes an. Das war die Emanzipation der Frau. Auch der priesterliche Segen (confarreatio) tritt mehr und mehr bei der Hochzeit zurück, und die Ehe ist nur Zivilehe (Form der coemptio). Dabei ist es allerdings nur der Bräutigam, der der Braut den eisernen Verlobungsring gibt, nicht auch umgekehrt. Und diese Ehe war Schriftehe; das Dokument des Ehevertrags erschien so wichtig, daß es auf keiner Abbildung von Hochzeitspaaren so leicht in der Hand des jungen Ehemanns fehlte. Das Wichtigste an diesem Vertrag ist, daß die Frau das Recht auf ihr Vermögen behält. Ihr Geschäftsträger verwaltet es abgesondert.

Bedeutsamer aber erscheint noch, wie leicht der Vertrag lösbar war. Flüchtiges Mißfallen, schon die üble Laune genügte, die Lösung der Ehe herbeizuführen. In den vornehmen Kreisen wurde schon im ersten Jahrhundert v.Chr. die Ehescheidung gang und gäbe, und die Laxheit steigerte sich noch in der Kaiserzeit. So war Ovid dreimal vermählt, Pompejus fünfmal, und so in hundert Fällen. Auch Ciceros Tochter Tullia heiratete dreimal. Und nicht etwa nur der Gatte war es, der der Frau den Abschied gab[7]: von Paula Valeria meldet Cicero in einem Brief, soeben werde ihr Mann aus der Provinz zurückerwartet, sie aber vollziehe vorher rasch und ohne Grund zur Klage die Ehescheidung; ihr genügte als Grund, daß sie den Didius Brutus heiraten wollte. Die strenge Forderung der Gesellschaft ging freilich dahin, daß die einmal geschiedene Frau ganz ebenso wie die Witwe sich nie wieder verheiraten dürfe; nicht etwa erst die christlichen Kirchenväter haben das gepredigt, und univira, d.h. „die im Leben nur einen Mann hatte“, blieb ein Schmuckwort und Ehrenwort auf den Grabsteinen der Römerinnen. An den geschiedenen Mann dagegen wurde die gleiche Anforderung keineswegs gestellt.

Energie. Mangelnde Tierliebe. Emanzipation.

Aber wir brauchen uns nicht zu besorgen. Die Römerin wußte sich schadlos zu halten; denn sie besaß die urwüchsige Energie ihrer Rasse. Die griechische Ehefrau lebte still eingezogen[8]; die römische bewegte sich, von Dienern gefolgt, frei auf der Straße; sie erscheint bei den Gastmählern sicher und stolz unter den Männern, und sie herrscht im Haus. „Der Römer herrscht über die Welt, die Frau herrscht über den Römer,“ so sagte Cato. In den römischen Lustspielen, dem Volksstück der Togatkomödie, kam das, wie wir noch erkennen, besonders lebendig zum Ausdruck, und wir können nicht genug beklagen, daß sie für uns verloren ist. Die handfeste Jungfrau, die ihren Mann steht; die Frau scheltend und wetternd im Haus; schallende Ohrfeigen: wehe dem Gatten, der zu spät nach Hause kommt! Derb und frisch war das alles gezeichnet. „Das Weib liebt oder haßt, ein drittes gibt es nicht,“ lautet eine Sentenz, die übrigens ebensogut auch modern sein könnte. Es gibt zu denken, wenn uns von zwei Schwägerinnen, die in einem Haus zusammenwohnen, rühmend hervorgehoben wird, daß es ihnen gelang, friedlich miteinander auszukommen: es ist die Gattin und die Schwester Trajans. Denn auch die Schwestern sind auf die Liebe neidisch, die ihr Bruder vergibt. Aber nicht nur die Liebe, auch der Ehrgeiz ist allmächtig, vor allem in den Müttern. Für den Sohn wird alles gewagt, und eine Agrippina geht durch Ränke, Blut und Verbrechen, bis sie den jungen Sohn zum Kaiser gemacht hat. Es war Nero, der Knabe! Vespasia, die Kleinstädterin in dem dörflichen Gebirgsnest Reate, hat zwei Söhne; auch sie will hoch hinaus mit ihnen, und der eine, Sabinus, wird wirklich Stadtpräfekt Roms, der andere gar wiederum Kaiser der Welt: es ist Vespasian, der sich nach seiner armen Mutter Vespasia so nennt und in seinem Namen den ihren verewigt hat.

Die Kinderliebe der Frauen ist nun freilich eine selbstverständliche Sache, und es wäre lächerlich, dafür noch nach weiteren Belegen zu suchen. Aber auch solche gab es, die nicht gebären wollen und mit Geheimmitteln sich die Frucht abtreiben. Um Kinder zu haben, kaufen sie sie lieber armen Leuten ab, was nicht viel besser ist, als wenn man sich ein Haustier anschafft. Was ich dagegen vermisse, ist die Tierliebe, und das ist immerhin auffallend. In der ganzen römischen Literatur der Blütezeit kommt meines Wissens keine liebe Dame mit dem Schoßhündchen vor, wie man sie bei uns nahezu in jedem besseren Hause antrifft[9]. Die Geliebte des Ovid hält sich freilich einen Papagei, die Lesbia des Catull ihren bissigen Sperling, den sie, wenn sie verliebt ist, neckt und reizt; aber die Hundeliebe steht höher, und daß sie so sehr zurücktritt, mutet uns an wie ein Symptom der Herzlosigkeit.

Ehrgeizig, das waren die Römerinnen, wie wir sahen, und so stehen sie denn in der Gesellschaft auch mächtig als Kapitalistinnen da, ob vermählt, unvermählt, geschieden oder verwitwet. Durch ihren Prokurator kaufen sie Güter oder Fabriken auf, spekulieren sie, schenken sie. Schon ein Städtchen wie Pompeji zeigt uns das, wo von der Priesterin Eumachia eine der größten gemeinnützigen Bauanlagen, die dort dem Geschäftsverkehr diente, mit fast 40 Meter breiter Front, in zentraler Lage am Forum selbst, herstammt, wie die Inschrift am Frontispiz rühmend aussagt und ihr am Ort gefundenes Standbild bestätigt. Eine zweite Frau, Mamia, die gleichfalls ein Priestertum verwaltete, war es, die dortselbst mutmaßlich den Augustus-Tempel am Forum gestiftet hat. Der Senat der Stadt votierte dieser Mamia dann einen schönen Begräbnisplatz an der so stimmungsvollen Gräberstraße Pompejis. Und auch an den Wahlschlachten beteiligten sich diese Pompejanerinnen. Unter den Wandinschriften, die auf städtische Wahlen Bezug haben, lesen wir nicht nur: „Agna bittet“, „Caprasia bittet (zu wählen)“, sondern auch: „Caprasia wählt“, „Iphigenie wählt“. Stimmberechtigte Grundbesitzerinnen! Es fehlte bei dieser Emanzipation nur noch, daß sie sich auch selbst wählen ließen, und in der Tat: in den Vorstand der großen Begräbnisgilden waren auch Frauen wählbar.

Und nun die Liebe. Es ist schmerzlich zu sehen, wie wenig liebenswürdig die antike Literatur gegen die Frauen ist. Das heißt: einzelne Frauen werden gelobt, wie Marcia und Helvia bei Seneca, Priscilla bei Statius, Serena bei Claudian, aber immer so, als seien sie wundervolle Ausnahmen. Das weibliche Geschlecht als Ganzes wird durchgängig beschuldigt, aber dabei wenig Fleiß auf seine besondere Erziehung oder Läuterung verwandt; und der Ehebruch ist die ständige Anklage. Der Vermögensverwalter der Frau ist ihr Cicisbeo. Einen Liebhaber zu haben ist Sache des Ehrgeizes für jede Weltdame. Nur die Reizlosen können sich ihrer Treue rühmen, und die Frauen halten den für einen Mägdejäger, der nicht mit einer verheirateten Frau (uxor) ein Verhältnis hat und ihr ein Jährliches zahlt[10]. So tönt es von allen Seiten. Wir wollen die Namen der Cäcilia Metella, der Clodia und der sonstigen großzügigen Vorgängerinnen der Messalina nicht aufzählen. Die Ausschweifung war grotesk. An Sentimentalität, vergebliches Sehnen und Schmachten wird nicht gedacht. Verliebt sich die vornehme Frau in einen Kutscher oder Fechter, so weiß sie seiner auch habhaft zu werden. Vor allem aber umgibt sie sich mit einem Hof vornehmer junger Männer, und es herrscht die Polyandrie in dreistester Weise. Die Badeorte, wie Bajä, waren ihre beliebtesten Stationen.

Tafel 2
Bildnis einer jungen Dame.(Rom, Reale Museo nazionale Romano.)

Das Altertum liebt in allem die Deutlichkeit. Es kennt kein Versteckenspielen. Charakteristisch ist folgende Geschichte über die Neugier der Matronen der alten Zeit. Damals mußten die unerwachsenen Söhne der Senatoren noch in den Senatssitzungen zuhörend mit anwesend sein, um zu lernen. Der kleine Papirius wird nun nach einer Senatssitzung von seiner Mutter ausgefragt: „Was ist da losgewesen?“ Der Knabe zuckt die Achseln: „Die Sache war wichtig und ich soll schweigen.“ Da wird die Mutter unendlich neugierig und dringt so sehr in den Jungen, daß er in seiner Not sie belügt. Er sagt, es wurde darüber beraten, ob es besser sei, wenn ein Mann zwei Frauen hat oder eine Frau zwei Männer. Nun gerät die Mutter in höchste Aufregung und bringt die Sache gleich bei allen Matronen herum, und bei der nächsten Senatssitzung erscheint eine Prozession von Frauen, die da flehen, man solle durchsetzen, daß eine Frau zwei Männer haben dürfe, nicht umgekehrt[11]; ein Aufzug, der Suffragettes würdig, die in London das Parlament zu bestürmen pflegten. Das Gelächter der hohen Herren vom Senat kann man sich denken. Das Auskultieren der jungen Leute in den Sitzungen aber wurde seitdem abgeschafft.

Ehebruch. Politisches Zusammenhalten. Hetärenwesen.

Man sieht an dieser Erzählung übrigens, wie die Frauen zusammenhielten, sich organisierten, sich als eine feste Gruppe im Staate betrachtet und als solche zur Geltung gebracht haben. Dafür gibt es der Belege noch mehr. Bringt der gestrenge Cato ein Gesetz gegen den übertriebenen Luxus der Frauen ein, gleich rotten sich alle Matronen zusammen, agitieren und bringen es so zu Fall. In der Kaiserzeit ging das so weit, daß sie geradezu einen Frauensenat bildeten, der also wohl auch regelmäßig Sitzungen hielt[12].

Bei den Griechen im Osten der damaligen Welt hatte sich das Hetärentum ausgebildet, d.h. während die griechische Hausfrau an die Enge der Häuslichkeit gebunden blieb, waren es freigeborene Mädchen, oft hoher Intelligenz und feinster gesellschaftlicher Bildung, die dem Verlangen nach freier Liebe genügten, aber zugleich den geistigen und künstlerischen Interessen der Männerwelt blendend und klug nachgingen. Sie erhoben sich zu Trägerinnen des Zeitgeistes. Dies berufsmäßige Mätressenwesen war aus der griechischen Welt natürlich längst auch in Rom eingedrungen. Aber die stolzen Ehefrauen Roms ließ das nicht ruhen. Sie waren diesen Personen durchaus gewachsen, und so fällt es uns oft schwer, wenn wir die römischen Liebesdichter lesen, die angebetete Frau von der Mätresse zu unterscheiden[13]; puella ist unterschiedslos ein Wort für beide. Das ist freilich das Recht der Poesie: im Weib, das man vergöttert, schwinden alle Unterschiede. Für den aber, der nach den gesellschaftlichen Verhältnissen fragt, ist diese Tatsache sehr anmerkenswert. Ist es nicht betrübend, erschreckend, zu sehen, wenn dem Dichter Properz von einem Freunde zugemutet wird, ihm die Liebe seiner hochgefeierten Cynthia zu verschaffen, und Properz dies Ansinnen nicht etwa empört zurückweist, sondern den Freund nur warnt: er werde mit der Launischen ebenso schmerzliche Erfahrungen haben wie er selber? Die Polyandrie der Frau galt als selbstverständlich, und die Eheflucht in der Männerwelt war ihr Komplement und ihre Voraussetzung.

Messalina. Schönheitsideal. Frisur.

Zur Tragödie steigert sich das in den Orgien Messalinas, der Gattin des Kaisers Claudius, deren Herrscherbild auf Münzen stand und die gar in den Kreis der frommen Vestalinnen aufgenommen war. Sie ist zum Typus weiblicher Unersättlichkeit geworden. Schließlich wagte sie es, als Gattin des Kaisers, als Mutter des kaiserlichen Thronfolgers, sich vor Zeugen und in festlichem Kreise mit dem schönen Silius trauen zu lassen. Der Kaiser, dieser „Kürbis“, war seit langem abgestumpft; er wollte auch das nicht bemerken. Die Hofbeamten, freigelassene Sklaven, waren es, die die scheinbar allmächtige Frau vornehmsten Geblüts aus dem Taumel schrankenlosen Genusses in den Tod zerrten. Sie wurde in den lukullischen Gärten von einem Tribun erdrosselt. Was aber war Messalinas Schuld? Ihre Schuld war nur, daß sie aus der Freiheit der Sitten der Zeit ohne Scham und Scheu die letzten Folgerungen zog[14]. Einst war Rom in Angst gewesen, daß Kleopatra aus Ägypten siegreich in Rom einziehen könnte. Kleopatra ging zugrunde, aber ihr blendendes königliches Laster zog mit fliegenden Fahnen dennoch ein, und es gelang den Römerinnen bald, die Königin zu überbieten. Denn das Überbieten war römische Eigenart. Der Römer blieb nie bei seinem Vorbild stehen.

Doch wir haben hier nicht den Sittenrichter zu spielen. Auch läßt sich vielleicht bei alledem noch nicht einmal behaupten, daß das Geschlechtsleben jener Zeiten gesetzloser war als etwa das heutige in Paris, Marseille, Neapel oder Rom. Die heutige Zeit versteht sich besser auf die Heimlichkeit und das Vertuschen, und das beweist zunächst nur einen Defekt an Ehrlichkeit.

Werfen wir also lieber auf die römische Frau selbst das Auge: so gilt in der Tat Schönheit als ihre erste Tugend. Und zwar war Venus das Ideal der Griechin, Juno dagegen das der Römerin. Junonisch, hochgewachsen, großäugig, reif, in sich gefestigt, streitbar, dazu grenzenlos temperamentvoll, so schildern uns die Dichter ihre Schönen. Der Putz aber ist ihr Hauptaugenmerk, und im Toilettenzimmer werden viele Stunden verbracht. Die Mütter halten darauf, daß ihre jungen Töchter als virgines schmächtig niedrige Schultern haben sowie durch starke Schnürung schlank erscheinen. Anders die Erwachsenen, und sie waren Virtuosinnen in der Kleidung. Ich rede dabei nicht vom Zahnpulver, nicht vom Schminken, Schönheitspflästerchen (splenia) und den künstlich verlängerten Augenbrauen — denn die zusammengewachsenen Augenbrauen galten als Schönheit —, auch nicht von den Masken aus weichem Brot, die dem Teint Zartheit geben sollten; denn von diesen Hilfsmitteln durften die Männer nichts wissen. Wohl aber ein lobendes Wort zur Frisur: denn die armselige Schablone der modernen Haartracht kannten damals die Frauen nicht, sondern jede Dame formte sich ihr Haar individuell, jede verschieden. Ein selbständiger Schönheitssinn waltete. Das breite Gesicht braucht über der Stirn den Haarknoten oder ein hohes Toupet, das schmale braucht den flachen Scheitel usf. Dabei war aber wieder künstliche Nachhilfe beliebt, und wie der dunkle Italiener noch heute für das deutsche Blond schwärmt, so kauften sich auch damals die Römerinnen das Blondhaar der Germanen. An Haarnadeln mit echten Perlen fehlte es nicht. Später wurde der Haaraufbau immer höher, turmartig, barock, und der Ungeschmack siegte. Wir sehen das u.a. an den Marmorbüsten der Kaiserinnen; bei manchen läßt sich das Haar wie eine marmorne Perücke abnehmen; denn die Büste sollte wie die Kaiserin selbst nach Belieben die Frisur wechseln können. Am feinsten urteilt Ovid, der nichts reizender findet als eine gewisse Nachlässigkeit der Frisur; wir sollen meinen, sie stamme noch von gestern und das Haar wäre nur leicht übergekämmt.

Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren.

Und die Kleidung? Da ist vor allem dem Wahn zu begegnen, als ob die antiken Frauen sich in Weiß gekleidet hätten. Man glaubt heute eine Muse darstellen zu können, wenn man sich ein kalkweißes Bettuch malerisch umhängt. Für eine Iphigenie ist das annähernd richtig, aber nur sofern sie Priesterin war. Sonst spielen vielmehr alle Farben im frohen Wechsel, wofür uns die reizenden bemalten Terrakotten, vor allem aber die Wandgemälde Pompejis Zeugen sind. Das Kleid, die Tunika, wurde nur von gewissen Damen fußfrei, von den Hausfrauen dagegen wie ein Talar lang wallend getragen (stola). Unten war eine Falbel aufgesetzt (institum). Dabei waltet Rot und Gelb vor; das Blau tritt zurück; dann ist Grün beliebt, weil in ihm Gelb enthalten, sowie Violett, weil es am Rot Anteil hat. Vor allem griff man gern nach schillernden Stoffen. Nicht grelle, sondern mild gedämpfte, nicht schwere, sondern flimmernd spielende und gehauchte Farbentöne entzückten das Auge. Dazu kam dann der Umhang, der gern zwei Farben zeigt, z.B. rot an der Oberseite, gelblich das Futter; und immer hat das Kleid darunter andere Farbe als der Umhang. Nimmt man dann endlich noch die bunten Decken und Kissen hinzu, die bei Geselligkeiten auf den Sesseln liegen, so müssen wir über diese Farbenfreudigkeit staunen; aber sie ist durch das feinste Studium geregelt und symphonisch abgewogen. Übrigens wußten die blassen Damen, daß ihnen Schwarz, die negerhaft dunklen, daß ihnen Weiß am besten stand[15].

Die altmodischen Wollstoffe wurden allmählich durch feines Leinen (byssus) und Baumwolle (carbasus) verdrängt. Dann aber kam die kostbare chinesische Seide und schlug auch diese aus dem Felde. Die ebenso dreiste wie unkünstlerische Dekolletierung der Modernen, durch die Nacken und Büste unorganisch in der Mitte quer durchschnitten wird, kannte das ganze Altertum nicht, aber es entschädigte sich anderweitig. Netzartig durchscheinende Seidenstoffe wurden auf der Insel Kos gewebt, und in diesen koischen Gewändern in der Farbe des Porphyr bewegten sich wie in einer transparenten Wolke die Schönen der ersten Kaiserzeit. Die Seide war damals übrigens meist Halbseide. Kostbarer noch das goldgestickte Schleppkleid (cyclas), das, rings mit Akanthus bestickt, anscheinend wie eine Glocke stand und jedenfalls so schwer war, daß es beim Gehen Streifen im Sande zog. Die Damen des Hofes wie der Halbwelt trugen es. Und so trat also auch die Cynthia des Properz aus ihren Gemächern hervor in den Kreis ihrer Bewunderer, von exotischen Parfüms umwogt, in der Halskette schimmernde Edelsteine, zum Glück ohne Handschuhe, aber die Füße in feinen roten Lederschuhen, in denen ihr Gang sich lässig und weich bewegte.

Was ist Frauenbildung? Sie besteht nicht im Bücherlesen; sie besteht schon im Anstand allein, in der Kunst, sich selbst darzustellen, durch die heute eine schlichte Italienerin alter Rasse so manche deutsche Studentin schlägt. Diese Italienerin ist eben die Erbin antiker Kultur, und die Kultur ist in ihr Natur geworden. Wir hören, daß der Jüngling, der seiner Dame gefallen will, sein Haar mit Hilfe duftender Salben frisiert und vor allem sich eine sanfte und wie zögernde Gangart anerziehen muß. Man tritt eben nicht wie ein Briefträger in das Wohnzimmer. So gab es nun auch Vorschriften für die Frauen. Die Mädchen lernten es, schön zu lachen, sie lernten es, schön zu weinen. Keine Verzerrung der Züge, auch bei der heftigsten Aufwallung! Des Properz’ Geliebte ist „auch im Rasen noch schön“. Lange Nägel sind gefährlich; daher ist es Vorschrift, sie kurz zu schneiden. Und nur die schmale Hand ist schön. Hast du rundlich fleischige Finger, so gestikuliere nicht. Man zeige stets nur das Vorteilhafte.

Dem Properz aber schien alle äußere Eleganz an seiner Cynthia nur Tand und Flitter. Er weiß anderes an ihr zu rühmen. Zwar mit Handstickerei beschäftigte sie sich nicht; denn die wundervollen Stickereien des Altertums auf Teppichen und auf Gewändern in Kreuzstich oder Plattstich waren fast ganz oder ganz ausschließlich Sache der Männer; die Berufssticker hießen phrygiones. Nur spinnend und webend weilt Cynthia unter ihren Mägden und klagt ihnen dabei offenherzig ihr Liebesleid. Dann aber greift sie einsam zur Leyer und spielt und singt. Sie musiziert künstlerisch.

Das war damals (40–20 v.Chr.) etwas Ungeheures. Denn nur die Griechen waren die Musikanten des Altertums. Kein Römer singt öffentlich. Keiner der römischen Dichter, und selbst nicht Horaz, hat, soviel wir wissen, Musik zu schreiben verstanden. In Cynthia steht also die fortschrittliche Frauenbildung der Zeit vor uns. Die Römerin hat sich nunmehr der Griechin ganz gleichgestellt. Der Gesanglehrer sang vor und unterrichtete dabei mehrere Damen zugleich, die auf Lehnsesseln um ihn herumsaßen[16]. Später war es Kaiser Nero, der als Dichter, Sänger und Kutscher sich produzierte. Für den echten Römer war das ein Grauen, eine moralische Unmöglichkeit.

Tanz. Verhältnis zur Dichtkunst. „Domina“.

Aber Cynthia tanzt auch, und auch das war wieder etwas Neues. Horaz meldet mit Entsetzen, daß damals die Römerinnen Tanzstunden nahmen, und zwar im regelmäßigen Walzertakt (Ionicus). Properz hingegen bewundert es. So platzen die Ansichten aufeinander. Der Tanz des Altertums war eben kein Rundtanz, den wir heute auch im Halbschlaf tanzen. Er war Solotanz! er war ein Wagnis. Beim Gelage erhebt sich Cynthia und gibt vor den berauschten Blicken der Männer ein Schauspiel im bacchischen Stil, wie eine im Wirbel bewegte Mänadenstatue oder wie jene schwebenden Frauen Pompejis, die selbst noch als verblaßte Gemälde eine Wonne für unser Auge sind. Natürlich geschah derartiges nur im geschlossenen Raum, nur im Privatkreise.

Aber noch mehr. Cynthia dichtet: sie war Dichterin! und es gab noch mehr dichtende Frauen. Einige Versschnitzel weiblicher Herkunft sind uns sogar erhalten. Aber wir legen keinen besonderen Wert darauf. Denn wie sehr auch Properz, um den Horaz zu ärgern, die lyrischen Strophen rühmt, die Cynthia dichtete, sie sind doch vor den Oden des Horaz sofort verblaßt. Jedenfalls aber wird damit bewiesen, daß das Unternehmen des letzteren nicht ganz originell war[17]. Das Wichtigste aber ist, daß wir sehen, wie sehr sich allmählich der Interessenkreis jener Frauenwelt erweitert hat. Der Antonia schickt Krinagoras die Werke des Anakreon. Auch der Octavia, der Schwester des Augustus, wurden Bücher gewidmet, und sie war sogar die Gründerin einer großen öffentlichen Bibliothek. Auch auf Bildern sehen wir jetzt häufiger einsame Frauen als Leserinnen mit dem Buch. Ovid schreibt vor, daß, wer um das Herz der Mädchen wirbt, sich hübsch in Versen an sie wenden soll. Derselbe zählt uns die Liebesdichter auf, die die Mädchen besonders gern lasen. Für Properz aber ist es die Geliebte einzig und allein, deren „reines Ohr“ und heller Sinn über den Wert und Unwert seiner Poesie zu entscheiden hat.

Was wollen wir mehr? Wir fragen nicht, wie weit das Leben der großzügigen Frauen jener Zeiten gesetzlos war. Sie gehorchten ihrer Zeit. Aber sie haben viel getan. Denn an ihnen hat sich die grandioseste Liebespoesie entzündet, die die Weltliteratur kennt. Ich rede vor allem von Properz und Catull, jenen ungestümen Troubadouren, die da jede Zeile mit ihrem Herzblut schreiben, als rängen sie im Aufschrei und Sehnsuchtsruf um Leben und Tod. Die Frauen waren das Genie dieser Dichter; so wird uns gesagt. Mehr als das: die Frauen waren für sie auch das richtende, maßgebende Publikum. Was wäre der Troubadour ohne die Königin seiner Seele, die da den Preis der Liebe gibt, die also urteilt, die also an Intelligenz über ihrem Verehrer steht? Und die Minnedichtung des Mittelalters, die eigentliche Poesie der Troubadoure selbst, hat sich eben, wie wir wissen, an jene Augusteische Liebeselegie, von der ich rede, angelehnt und ist von ihr eine Fortsetzung und Weiterbildung gewesen[18]. Die Zeit des Augustus war monarchisch geworden, und ein einziger Herr, ein dominus, herrschte über die Welt. So kam eben damals der Sprachgebrauch zuerst auf, nun auch die Geliebte domina, Herrin, zu nennen. Daher die Donna, die Madonna der späteren Zeit. „Wie bist du meine Königin,“ so singt auch noch Brahms! Eine schwärmerische Huldigung des unterjochten Ichs! Die Frau rückt auf. Sie wird zur erklärten Herrscherin in der Welt des Dichters.

Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften.

Eins aber fehlt damals noch fast ganz, die gelehrte Frau. Denn jene Frauen, so kunstgebildet sie waren, sie liebten den Aberglauben, und sie brauchten also das Wissen nicht. Eine Ausnahme macht hierzu, wenn ich mich nicht täusche, nur die fünfte Frau des Pompejus (sie hatte den Namen Cornelia, der uns so häufig begegnet); diese junge Frau, die geradezu den Typus der Studentin trägt, spielt in der Kulturgeschichte Roms eine bemerkenswerte Rolle, denn sie ist als diejenige Römerin zu merken, die tatsächlich zuerst fleißig Musik getrieben hat; aber sie war obendarein auch hochgelehrt, hörte bei griechischen Philosophen und trieb vor allem sogar Mathematik; das war mißliebig und in des Pompejus Bekanntenkreis nicht gerne gesehen. Dann taucht erst 150 Jahre später die gelehrte Frau von neuem bei Juvenal auf; und zwar stellt sie Juvenal mit der turnenden und fechtenden Frau zusammen. Vielleicht hat er damit so unrecht nicht. Nach Seneca ging die Emanzipation so weit, daß die Frauen auch mit um die Wette trinken; dann verlieren sie die Haare und bekommen Podagra[19]!

Der hämische Frauenspiegel, den Juvenal geschrieben, wirkt auf uns erschreckend, ein grausig verzerrtes Spiegelbild. Sein Weiberhaß hat alle naive Grazie des Lebens erdrosselt. Er argumentiert z.B. so: Die Rachsucht ist verwerflich, warum? weil alle Frauen rachsüchtig sind. Erhänge dich lieber, als daß du heiratest, ist daher sein Rat. Mit ihrem hoc volo, sic iubeo knebelt die Frau den Mann. Wie soll man noch eine erträgliche Person finden? Sie ist ein so seltener Vogel (rara avis). So wie Juvenal[20] denkt aber auch Publilius Syrus, der von der Bühne herunter ins Publikum ruft: „Ein Weib ist nur dann gut, wenn sie offen schlecht ist!“

So ist zu meinem Bedauern das laute Schelten wieder an unser Ohr gedrungen, das Schelten der griesgrämigen Moralisten und der nüchternen Sozialpolitiker, die sich in ihrem Tadel einig sind. Es erweckt schließlich unseren Überdruß. Haben wir nach anderen Tönen Verlangen und wollen die Frauen auch einmal inbrünstig loben hören, so müssen wir ihre Grabsteine aufsuchen. Denn die Vergangenheit ist wie ein Friedhof, und abertausende von solchen Steinen sind uns aus dem Altertum erhalten. Der trauernde Witwer ist es, der in der verstorbenen Gattin allerdings eitel Tugend sieht; das sagen uns die Inschriften auf den Steinen. Nach ihrem Tod erschallt ihr Lob. Daß sie treu, daß sie häuslich und fleißig war, das ist da allemal ihre Tugend[21]. Daß sie treu? Wir lesen es gern, aber wir wundern uns doch. Denn welcher deutsche Mann würde es heute seiner Frau wohl über dem Grab ausdrücklich nachrühmen mögen, daß sie die Ehe nicht gebrochen habe[22]?

Dann aber wenden wir uns zu Plinius, dem Zeitgenossen des Trajan und der Plotina, der kaiserlichen Philosophin. Wie viel liebenswürdiger als Juvenal urteilte damals Plinius, der uns in seinen Briefen so manches Stadtgeschwätz mitteilt! Rufin, erzählt er, ist so alt und dekrepid, daß er sich die Zähne von anderen putzen lassen muß; trotzdem hat eine junge, vornehme Witwe ihn geheiratet; man hat das beiden schwer verdacht; aber die junge Frau pflegt den Mann nun auf das rührendste, und er belohnt sie eben jetzt durch ein reiches Vermächtnis.

Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.

Die Ehre der Wittib schien damit hergestellt. Dem sei wie ihm sei, wir wissen aus eben jener Zeit von edlen Frauen genug, die einer solchen Nachsicht nicht bedurften, auch solchen, die mit ihren Männern wie Heroinen in der Verfolgung litten und starben. Berühmt ist die ältere Arria, berühmt das „Paete, non dolet“[23] in ihrem Munde. Vor allem an Willenskraft und Haltung hat es auch noch jenen Römerfrauen nicht gefehlt.

Ich fuhr über den Comer See, berichtet derselbe Plinius. Da wies mich ein älterer Reisegenosse auf eine Villa am Ufer hin. Ein Zimmer des Hauses ragte weit über den See. „Dort hat sich vor Zeiten,“ erzählte er mir, „eine unserer Mitbürgerinnen herabgestürzt.“ Warum? „Ihr Gatte war krank, mit Schwären behaftet; ärztliche Hilfe fehlte; sein Leiden schien schmerzhaft und unheilbar. Da beschloß sie ihn vor weiteren Qualen zu bewahren, band ihn an ihren eigenen Körper fest und stürzte sich von oben mit ihm in die Flut.“ — Wir zucken zusammen. Die Energie einer Barbarin! Plinius indes fragt nur: Ist dieses Weibes Opfermut etwa geringer als der Opfermut Arrias? Aber der Ruhm wird ungleich verteilt im Leben; denn die eine Frau war von Adel, die andere war namenlos.

In Rom ist eine Vestalin erkrankt und wird aus dem Atrium Vestae, dem Vestalinnenkloster auf dem Forum, entlassen und zur Pflege der vornehmen Fannia übergeben. Fannia war die Enkelin eben jener Arria, von der ich sprach. Die Krankheit war aber ansteckend; Fannia wird von ihr ergriffen und verfällt rasch dem Tode. An ihrem Sterbelager rühmt sie der nämliche Plinius: Welcher Verlust für unsere Gesellschaft, daß sie dahingeht! Zweimal hatte sie schon mit ihrem Gatten das Exil geteilt; da erscheint aus der Feder ihres Mannes ein Werk, das den Helvidius, den Vater Fannias, verherrlichte. Dieser Helvidius war ein Vorkämpfer der Sittlichkeitsbestrebungen jener Zeit und der großen stoischen Gemeinde Roms, war ein Widersacher erst Neros, dann auch Vespasians gewesen. Fannia selbst aber wird darauf vor Gericht gezogen und nimmt alle Schuld auf sich allein: sie hat den Gatten das Werk zu schreiben veranlaßt; sie hat ihm dazu das Material gegeben. Sie allein wird verbannt, ihr Vermögen kassiert.

Eine vornehme Vestalin wird unter Domitian verdächtigt, in Liebesverkehr mit etlichen Männern gestanden zu haben. Sie leugnet. Das Publikum glaubt an ihre Schuld. Der Kaiser selbst entzieht ihr jede Gelegenheit, sich zu verteidigen, greift kurzerhand auf die alten Satzungen Roms zurück und läßt die für schuldig gehaltenen Männer öffentlich zu Tode peitschen, die Vestalin selbst lebendig begraben; eine Tragödie im Stil der Antigone. Mit der stolzen Miene verkannter Unschuld ging die Frau in den Tod. Als sie in die offene Grube hinabstieg und ihre lange Schleppe am Grabesrand hängen blieb, wandte sie sich noch einmal um und nahm das Kleid sorglich zusammen. Der gemeine Henkersknecht wollte sie anfassen; da schnellte sie zurück und kehrte sich ab, als könnte seine Berührung ihre gottgeweihte Reinheit entehren. Alle Zeugen des Auftritts waren ergriffen. Wer konnte noch an ein „schuldig“ glauben? Das Publikum hatte den Eindruck des Erhabenen.

Wir aber wollen zum Schluß die Gedanken einer Kernrömerin aus friedlicheren Zeiten vernehmen. Es ist Cornelia, nicht die Frau des Pompejus, nicht die Mutter der Gracchen, sondern eine jung gestorbene Frau der augusteischen Zeit gleichen Namens, und es sind Gedanken, die diese Frau auf ihrem Sterbebette hegt. Da hören wir, wie sie stolz ist auf die Vornehmheit ihres Blutes, stolz auf das Ansehen ihres Bruders, stolz auf ihren eigenen, fleckenlosen Namen. Gleichwohl wendet sie sich voll Zartsinn an den Gatten Paulus: „Du sollst nun auch, da ich zu den Toten zähle, Mutterstelle bei unseren Söhnen und Töchtern vertreten und sie zärtlich auf den Arm nehmen. Küssest du sie, so füge auch jeden Morgen die Küsse der Mutter hinzu. Härmst du dich um mich, so laß doch die Kleinen deine Tränen nicht sehen. Die Nacht magst du mit Trauer um mich ermüden, und ich will kommen und will im Traum bei dir sein. Ihr aber, meine Kinder, sollt, wenn der Vater sich neu vermählt und eine Stiefmutter mein Lager besteigt, es ertragen, sollt es loben, was der Vater tut, und euch so verhalten, daß ihr das Herz der Stiefmutter besiegt. Lobt mich vor ihr nicht zu offen; es könnte sie kränken, wenn sie sich mit mir vergleicht. Bleibt aber der Vater ehelos und hängt nur mir an, auch wenn ich Asche bin, so bemüht euch, dem Verwitweten sein kommendes Alter zu lindern, und laßt ihn keine Sorgfalt vermissen. So viele Lebensjahre mir geraubt sind, um so viel länger möget ihr unter der Sonne wandeln, und wenn er auf euch blickt, soll Paulus Freude daran haben, alt zu werden!“

Wie natürlich, wie kernhaft, wie schlicht diese Frauenworte! Mit solchen Gedanken sterben edle Frauen und werden sterben zu allen Zeiten. In der „Königin seiner Elegien“ hat Properz diese Worte zusammengestellt.

Antike Gastmähler.

Inhaltsverzeichnis

Motto: Ingeniosa gula est (Martial 13, 62).

Indem ich von Gastmählern zu handeln beginne, muß ich befürchten, die Erwartungen des Lesers auf das schwerste zu enttäuschen. Wer sich zu Roms Blütezeit, wer sich zu den sogenannten klassischen Völkern zurückwendet, pflegt dies aus idealistischem Bedürfnis zu tun; die Kunst der Alten ist in ihrer Vollkommenheit wie keine andere geeignet, uns zu läutern und zu erbauen, die Wissenschaft und Philosophie der Alten in ihrer naiven Klarheit wie keine andere, uns auf dem Wege zur Wahrheit zurechtzuweisen. Hier soll nun gleichwohl die Wahrheit auf sich beruhen bleiben und unser Kunstsinn soll darben. Wir greifen ins Alltägliche und fragen: Was haben jene klassischen Alten zu Mittag gegessen? und wie haben sie es getan? Das menschliche Leben ist wie ein Haus mit mehreren Stockwerken. Im Erdgeschoß wohnt die Moral; eine Treppe darüber die Wissenschaft; im obersten Stock, dem Himmel am nächsten, wohnt die Kunst; wir begeben uns heut ins Kellergeschoß, wo der Materialismus seine Küche und seine Weinschränke hat.

Ästhetische und volkswirtschaftliche Gesichtspunkte.