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Geschwurbel ist ein Ausdruck der Umgangssprache, ähnlich dem Geschwätz. Als Schwurbler bezeichnet man seit der Pandemie auch die sogenannten Coronagegner. Elke Stalder lässt verschiede Menschen über alltägliche Themen plaudern, mit denen sie sich auseinandersetzen wollen. Gleichzeitig bemüht sie ihre Protagonisten zu einem Spagat eigener Meinungen – wie aus der Coronazeit – zu Kunstformen in Sprache und Musik, ohne dem Leser Meinungen aufzuzwingen.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Elke Stalder
Aus dem Leben eines ganz normalen Schwurblers
Erzählung
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2025
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Angaben nach GPSR:
www.engelsdorfer-verlag.de
Engelsdorfer Verlag Inh. Tino Hemmann
Schongauerstraße 25
04328 Leipzig
E-Mail: [email protected]
Titelfoto: Haus Ortlohn existiert nicht mehr.
Copyright (2025) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
Begegnung
Fortsetzung
Reise
Zu Hause
Corona
Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing.
Wieder ein Besuch
Ein neuer Tag
Das schönste Jahr in meinem Leben
Gegensätze
Noch eine Freundin
Sommer
Wieder ein Donnerstag
Die besondere Feier
Ein Blick aus dem Fenster sagt mir, ein Spaziergang lohnt sich nicht bei diesem miesen Wetter. Also was anfangen? Keine Müdigkeit vortäuschen! Einkaufen wäre sinnvoll. Lust habe ich keine dazu, muss aber sein. Es fehlt Waschpulver, der Trinkvorrat ist stark reduziert, ein Umpack Klopapier wäre praktisch und auch einige Grundnahrungsmittel fehlen. Bei der Witterung gehe ich nicht zu Fuß, wie sonst immer, ich nehme das Auto. Ist heute entschuldbar bei größeren und schweren Sachen. Also los. Ich stelle mein Auto auf dem Parkplatz am Supermarkt ab, gehe zu den Einkaufswagen und bewege mich in den Konsumtempel. Wie das immer so ist, am Ende habe ich mehr gekauft als ich eigentlich wollte. Egal, das Auto transportiert es und ich brauche diese Woche nicht noch einmal los. Ich bin gerade dabei meinen Einkauf zu verstauen, ist auch am Wagen neben meinem jemand dabei, sein Gekauftes einzupacken. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen alten, recht klapprig wirkenden Herrn. Leider hat er seinen Einkaufswagen nicht im Blick.
Der setzt sich plötzlich in Bewegung und nur meiner Geistesgegenwart ist es zu verdanken, dass es nicht zu unliebsamen Berührungen mit Autoblech kommt. Sichtlich erschrocken entschuldigt er sich und meint treuherzig: „Das hier gehört nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung.“
Was soll ich dazu sagen? Als ich fertig bin, meinen Einkaufswagen an seinen Platz gestellt habe, ist der Herr noch beim einpacken. Ich sehe, dass es ihm Mühe macht. Eine Art Stöhnen und Grunzen ist zu hören. Ich biete meine Hilfe an, denn hier ist offenbar jemand überfordert.
Dankbar wendet er sich mir zu. Ich blicke in ein sympathisches Gesicht mit lebhaften blauen Augen. Meine Hilfe nimmt er gerne an.
„Wenn Sie mir bei der Kiste Wasser helfen würden …“
Auch das Zurückstellen seines Einkaufwagens übernehme ich. Nun könnte man tschüß sagen und seiner Wege gehen oder fahren, aber da sagt der alte Herr: „Besuchen Sie mich doch mal. Mit so einer freundlichen hilfsbereiten Dame würde ich mich gerne unterhalten.“
Ob ich das gerne will weiß ich nicht, ich kenne ihn ja gar nicht. Aber etwas anderes geht mir durch den Kopf. Wie bekommt dieser Mensch jetzt seinen Einkauf unfallfrei nach Hause. Womöglich wohnt er zwei Treppen hoch. Da sage ich ganz spontan: „Wissen Sie was, ich komme jetzt mit zu Ihnen und helfe die Sachen in Ihre Wohnung zu schaffen.“
Da willigt er sofort ein und ich fahre mit meinem Auto hinter seinem her. Wie erstaunt bin ich, als er nicht etwa vor dem großen Mietkomplex hält, in den ich ihn in Gedanken verortet habe, sondern die abgelegene Parksiedlung ansteuert.
Er fährt in die Einfahrt eines schmucken Bungalows und bedeutet mir, hinter seinem Fahrzeug zu parken.
Der Einkauf ist schnell ins Haus geschafft, alles ist ebenerdig. In der Hinsicht hätte ich mir also keine Gedanken machen müssen. Somit wäre mein Samariterdienst abgeschlossen und ich wende mich zum gehen.
Da wird der Alte jedoch lebhaft und bittet mich in sein Wohnzimmer. Ich bin überrascht, ein großer urgemütlicher Raum mit einem Kamin, großem Fenster, aus welchem der Blick in einen gepflegten Garten geht. Ich kann mich nicht zurückhalten und bemerke: „Hier sieht man aber die ordnende Hand einer Frau.“
Hier muss er lächeln.
„Ich habe das Glück, eine wunderbare Haushälterin gefunden zu haben, die ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Sie kommt jeden Tag, putzt, wäscht, kocht. Sie wird eines Tages das hier mal erben, denn Kinder habe ich nicht und meine Frau ist schon vor etlichen Jahren gestorben“.
Mit diesen Worten wendet er sich dem Kamin zu, über dem ein farbenfrohes Bild mit tanzenden Kindern hängt.
„Meine Frau war Malerin. Ich habe ihre Kunst gefördert und geliebt. Und auch meine Frau konnte mit dem, was mich umtrieb, gut leben. Wir sind uns nicht ins Gehege gekommen, im Gegenteil. Durch meinen Beruf als Historiker hatten wir immer Gesprächsthemen, die ja zuweilen „auf der Straße liegen“ und auch zu lebhaften Auseinandersetzungen führen konnten. Wir hatten einen großen Bekanntenkreis. Durch unsere verschiedenartigen Berufe kamen auch unsere Freunde aus ganz unterschiedlichen Wissensgebieten. Leider ist nicht mehr viel davon übriggeblieben. Ich bin längst im Ruhestand, meine Frau lebt nicht mehr.“
Da fragte er ganz unvermittelt was meine Profession sei.
„Ich bin nicht berufstätig. Mein Mann starb vor 20 Jahren, ich war immer nur Hausfrau und Mutter.“
Mit dieser Aussage war er offensichtlich überfordert. Es kam kein Kommentar. Ich kann mir vorstellen, dass ein alter Mann, der nie ein Familienleben mit Kindern und entsprechenden Problemen gekannt hat, nicht damit umgehen kann. Die Pause die entstand, nutzte ich, mich auf andere Weise bekannt zu machen.
„Da meine Kinder längst erwachsen und aus dem Hause sind, habe ich mir natürlich andere Betätigungsfelder gesucht. Ich bin in verschiedenen Vereinen aktiv, auch wenn ich weder male noch mit Geschichte etwas zu tun habe.“
Da huschte ein Lächeln über sein Gesicht und er meinte: „Ich würde mich freuen, wenn Sie mich ab und zu besuchen würden, da können Sie mir von Ihren Vereinstätigkeiten erzählen. Ich bin für Neues immer offen.“
„Gerne, ich melde mich. Aber eins müssen Sie mir noch verraten. Warum quälen Sie sich mit einem Einkauf im Supermarkt, wenn Sie eine so tüchtige Haushälterin haben.“
„Das verraten Sie bitte nicht weiter. Manchmal empfinde ich das Einkaufen etwa wie Bodenhaftung. Ich muss doch sehen, was sich draußen verändert. Ich kann mich doch nicht ganz abmelden aus dem Alltäglichen. Frau Hilde, so heißt meine treue Hilfe, ist allerdings auch nicht begeistert und schimpft mit mir, ich sei übermütig und eigenwillig. Ich solle lieber Spazierengehen, wenn es mich gar nicht drinnen hält.“
Ich konnte sowohl die eine wie die andere Betrachtungsweise verstehen.
Aber das sollte es aus meiner Sicht vorläufig auch gewesen sein. Nachdem ich ihm versprochen hatte, mich bei Gelegenheit zu einem Besuch bei ihm zu melden, verabschiedete ich mich und fuhr nach Hause.
Auch noch am nächsten Tag ertappte ich mich dabei, an den alten Herrn zu denken. Ich fand es von ihm ganz schön mutig, sich einer fremden Person anzuvertrauen. War seine Menschenkenntnis so groß, dass er zwischen gut und böse unterscheiden konnte? Offenbar war das so und in meinem Fall hat er damit ja auch Recht gehabt. Eine Woche später hätte ich eigentlich eine Wanderung führen sollen, aber weil eine Schlechtwetterphase mit Gewitter und Starkregen angesagt war, wurde die Wanderung abgesagt. Das war nun eine gute Gelegenheit, mich für den versprochenen Besuch anzumelden. Als ich die Nummer gewählt hatte, war nach dreimaligem Klingeln eine weibliche Stimme zu hören. Ich stellte mich vor und die Dame gab den Hörer an Herrn Weber weiter. Er reagierte wie ein alter Bekannter und war freudig überrascht, dass ich mein Versprechen auch wirklich in die Tat umsetzen wolle. Er würde sich freuen, wenn ich gleich am selben Tag zur Teestunde kommen würde, Ich tränke doch Tee, oder lieber Kaffee? Als ich zusagte und auch die Getränkefrage geklärt war, legten wir auf.
Ganz ohne eine kleine Aufmerksamkeit mochte ich nicht erscheinen und pflückte in meinem Garten einen duftenden Strauß gelber Teerosen, die gerade jetzt im Juni wunderbar üppig blühen. Zum Glück waren die Rosen noch nicht vom Regen zerpladdert worden. Ich machte mich zu Fuß auf den Weg, unsere Häuser lagen nur 10 Minuten Fußweg auseinander. Außer meinem Sträußchen hatte ich mich auch mit einem Regenschirm bewaffnet. Sehr liebenswürdig wurde ich empfangen und in das Wohnzimmer geführt, was ich ja schon kannte. Wir nahmen auf der Sitzgruppe am Kamin Platz. Dort stand auf dem Tisch die Teekanne, Geschirr und eine Schale mit Gebäck.
„Ich habe Frau Hilde von Ihnen erzählt und sie meinte, Tee alleine ginge nicht und da hat sie bevor sie vorhin ging, das hier ein bisschen arrangiert.“
Und dann wurde Dr. Weber auf einmal sehr ernst und sagte: „Ich kenne Ihre Einstellung nicht oder sollte ich besser sagen Ihre Einschätzung unserer momentanen politischen Lage im Lande. Wir befanden uns in einer Plandemie, offiziell hieß es ja Pandemie. Die Masken durften wir ja nun ablegen und im Volk herrscht die Meinung, dass Corona vorbei ist. Ist es zu viel verlangt, dass ich von Ihnen eine Einschätzung gleichsam einfordern möchte? Nehmen Sie mir dieses Vorpreschen bitte nicht übel. Ich bin 90 Jahre alt, habe die unselige Zeit des dritten Reiches miterlebt und sehe unser Land schon wieder abdriften in längst überwunden geglaubte dunkle Abgründe.“
„Sie machen es mir sehr leicht. Wir kennen uns noch fast gar nicht. Aber jetzt, ganz aktuell erkenne ich in Ihren Worten jemand, der keinem Rattenfänger hinter her läuft und selber denkt. Durch meine Söhne, meine eigenen Beobachtungen wusste ich von Anfang an, dass die Bevölkerung durch Panikmache auf Spur gebracht werden sollte. Hier ging es noch nie um unsere Gesundheit.“
„Seltsam, wir haben da neulich vor dem Supermarkt ein einfaches Problem gelöst, was mein Problem war und gleichzeitig erkannt, dass wir ein sehr viel größeres Problem dahin verwiesen wohin es gehört, in den Mülleimer der Geschichte.“
Es trat eine Pause ein, in der jeder von uns das gehörte verdauen musste. Ich nahm als erste wieder das Wort und bemerkte: „Als ich mich vorhin auf den Weg zu Ihnen machte habe ich natürlich überlegt, worüber wir uns unterhalten werden, Sie ein alter Herr, ich eine etwas jüngere Frau, ich bin 80 Jahre alt, wir beide mit total verschiedenen Hintergründen, Familienkonstellationen. Natürlich bin ich genau wie offenbar Sie auch froh, dass sich unser Leben äußerlich zu normalisieren scheint, aber ich fürchte die Coronanummer war nur der Anfang.“
„Ja, leider. Was fehlt ist eine Aufarbeitung der völlig überzogenen Maßnahmen, der sich Regierungsvertreter verweigern. Warum ich gleich bei Ihrem ersten Besuch auf dieses leidige Thema gekommen bin, hat einen realen Grund. Ich habe heute morgen von einem engen Freund erfahren, dass seine Praxisräume durchsucht wurden, Patientenakten, elektronische Medien mitgenommen wurden von der Polizei und eine Berufsausübung zur Zeit gar nicht möglich ist. Es handelt sich um einen Arzt, Allgemeinmediziner, der sich der Gesundheit seiner Patienten verpflichtet fühlt, der seine ärztliche Tätigkeit immer an dem Wohl der Patienten ausgerichtet hat. Jetzt will man ihn verklagen, weil er unrechtmäßig Maskenatteste ausgestellt haben soll. Dieser Mann, etliche Jahre jünger als ich, er hat schon damals meine Frau medizinisch begleitet, aus dieser Zeit stammt unsere Freundschaft. Ich habe vorhin überlegt, ob ich in der Lage sein werde, einen Besuch, Ihren Besuch durchstehen kann, wenn ich ständig mit meinen Gedanken bei Heiner, so sein Name, sein werde. Aber dann habe ich mal wieder auf meine Menschenkenntnis gehofft und mir gewünscht mit Ihnen, einem Gleichgesinnten darüber reden zu können. Darum gleich zu Anfang mein Überfall, oder nennen Sie es Test, von Ihnen Ihre Einschätzung unserer politischen Lage einzufordern.“
Nun musste ich mich erst mal fangen, war aber froh, dass diese Bekanntschaft nicht auf ein „wie geht es Ihnen, mir geht es gut, bla bla Gequassel“ aufgebaut wird, sondern offenbar ernste Fragen besprochen werden können auf die dann vielleicht auch durchdachte Antworten gefunden werden können. Aber laut sagte ich: „Haben Sie schon überlegt, wie Sie Ihrem Freund helfen können? Ich weiß, dass er leider kein Einzelfall ist. Vielleicht kann man mit Geldspenden über die Runden helfen oder einen guten Anwalt engagieren.“
„Mit seiner ärztlichen Tätigkeit ist es erst einmal vorbei, zum Glück ist seine Ehefrau eine mitfühlende Seele, sie war mit in der Praxis tätig. Das ist alles furchtbar. Wenigstens wohnen sie in einem abbezahlten Haus und die Kinder sind erwachsen und woanders wohnhaft und tätig. Heiner erzählte, dass er versucht hat mit Kollegen ins Gespräch zu kommen, schon zu Anfang der Coronazeit. Erstaunlicherweise scheinen manche das erlernte Wissen aus dem Medizinstudium vergessen zu haben und auch der Nürnberger Kodex, auf den Mediziner meines Wissens mal vereidigt werden, scheint ein Fremdwort zu sein.“
