Der Flusslauf meines Lebens - Elke Stalder - E-Book

Der Flusslauf meines Lebens E-Book

Elke Stalder

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Beschreibung

Es handelt sich um einen Briefroman, in dem nur eine von zwei Freundinnen Briefe schreibt. Es werden unterschiedliche Themen berührt, Geschichten erzählt, Wahres, Erfundenes, Komisches. Es wird Gesellschaftskritik geübt, Alltägliches widergegeben, aus dem Erinnerungsschatz erzählt. Die einzelnen Briefe können zum Nachdenken anregen oder zum Weiterdenken auffordern. - Elke Stalder wurde 1939 in Hannover geboren und wuchs in Bad Bentheim an der holländischen Grenze auf. Nach ihrer Schulzeit absolvierte sie in Berlin eine Ausbildung zur chemisch-technischen Assistentin. Es folgte die Berufsausübung in Göttingen. Sie ist Mutter von vier erwachsenen Söhnen und Großmutter von acht Enkeln. Seit 40 Jahren wohnt sie im Landkreis Göttingen.

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Elke Stalder

DER FLUßLAUF MEINES LEBENS

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2020

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.

Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverbild: Leine bei Göttingen

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Liebe Kathrin,

kannst Du Dich daran erinnern, daß wir uns noch vor wenigen Jahren ausführliche Briefe geschrieben haben, weil wir weit entfernt wohnten, das Internet noch nicht sehr verbreitet und das Smartphon noch nicht erfunden war? Natürlich telefonierten wir miteinander, aber von einer Flatrate war meiner Meinung nach noch nicht die Rede, im Gegenteil, man nutzte sogenannte Mondscheintarife oder suchte preiswerte Anbieter heraus. Bei unseren langen Telefonaten wäre sonst die Telefonrechnung ins astronomische gestiegen.

So gesehen, hat sich doch einiges im Lande zum Vorteil gewandelt. Wir haben inzwischen beide Internet, können E-Mails schreiben und das telefonieren mit einer Flatrate greift den Geldbeutel nicht mehr an. Und trotzdem schreibe ich Dir wieder Briefe. Du bist in einer Reha, also wieder relativ weit weg, und sollst fit gemacht werden nach Monaten der Angst, der Schmerzen. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, daß Du dort wohlbehalten angekommen bist. Wie gut, daß Du einen netten, hilfsbereiten Nachbarn hast, der Dich im Kurort „abgeliefert“ hat. Aber mal ehrlich, eigentlich war die Familie Dir das auch schuldig, wo Du Dich jahrelang hast einspannen lassen, die Kinder gehütet hast. Gut, ich höre Deine Einwände, „das habe ich doch gern getan, weil ich kinderlieb bin, aber leider selbst keine Kinder habe“. Hier noch einmal meine Entschuldigung, warum ich nicht selbst zur Stelle sein konnte. Du weißt, wie gern ich diese Aufgabe übernommen hätte, aber leider hatte mich eine so böse Grippe befallen, an der ich immer noch nicht ganz genesen bin, so daß es mir wirklich nicht möglich war. Im Alter dauert selbst eine popelige Grippe länger als bei jüngeren. Oder bin ich mal wieder zu ungeduldig?

Hier nun also mein erster Brief seit langem.

Dabei muß ich an eine Metapher denken, die ich vor einiger Zeit in einem Brief an Ole benutzte, auch wenn ich jenen Brief niemals abschickte. (Du erinnerst Dich an diese für mich unglückliche Zeit.) Darin verglich ich einen Flußlauf mit einem Lebenslauf. Nun bin ich versucht, wenn ich dabei an Dich denke, daß Du gerade in ordentliche Strudel geraten bist, in Stromschnellen, die, wenn nicht Dein Leben, so doch Deine Gesundheit bedrohten. War es nicht damit zu vergleichen, nach Fahrradunfall, der schlimmen Verletzung des Beines, dem komplizierten Handbruch, bis hin zur endlichen Versicherung, es könne alles wieder heilen?

Denken wir das weiter, möchte ich Dir jetzt wünschen, daß Dein Leben, nein der Fluß Deines Lebens demnächst wieder eine ruhige Strömung aufnimmt, friedlich dahinfließt.

Ich wünsche Dir nun, daß die verschiedenen Anwendungen auch Wirkung zeigen und Du nachher das Leben wieder ohne Schmerzen genießen kannst. Wenn Du Dich eingelebt haben wirst und es endlich Frühling geworden ist, möchte ich Dich dort im „Bad zwischen den Meeren“ gerne besuchen, aber nur, wenn Du bis dahin noch keinen Kurschatten gefunden hast. In diesem Fall wäre ich nur ein Störfaktor.

Das Wort Kurschatten läßt mich an etwas anderes denken, was auch in Magazinen, im Fernsehen besprochen wird. Das heißt, eigentlich ist es mehr die Frage von Partnerschaft. Da wird mit warmen Worten für Sex auch im Alter geworben. Es kommen Mediziner zu Wort, die von Sex als gesundheitsfördernd reden, eben auch und gerade im Alter. Wenn ich da uns beide betrachte, kann ich nur resignierend sagen „Pech gehabt“. Unsere Männer leben nicht mehr, da heißt es wieder mal verzichten, verzichten, und dann noch auf eine besondere Art der Gesunderhaltung. Uns bleiben nur Erinnerungen an körperliche Zärtlichkeiten. Aber wir hatten sie wenigstens. Wie stellen sich Personen zu diesem Thema, die nie verheiratet waren und keinen Partner haben?

Etwas anderes! Fühle dich nicht verpflichtet, auf meine Briefe zu antworten. Du wirst sehr beschäftigt sein in den nächsten vier Wochen. Da sind lange Telefongespräche, wie wir sie von zu Hause aus gelegentlich führten, nicht ratsam, weil ich Deinen „Stundenplan“ nicht kenne und bestimmt immer zur ungelegenen Zeit anrufe, bzw. Dich erst gar nicht in Deinem Zimmer erreiche und Du auch sicher Dein Smartphon ausgeschaltet hast. Ich weiß doch aus eigener Erfahrung, wie eng getaktet die Übungen in der Krankengymnastik sind und in der Physiotherapie, und vor allem, wie viele Termine Du haben wirst. Außerdem bist Du sicher müde am Ende des Tages.

Und da mache ich Dir vielleicht eine kleine Freude, mit Dir auf diese, meine Weise eine Brieflänge zusammen sein zu können.

Für heute liebe Grüße, vor allem gutes Eingewöhnen, das wünscht Dir Deine Freundin Annegret.

Liebe Kathrin,

danke für Deinen lieben Anruf. Damit hatte ich nicht gerechnet, also war er doppelte Freude. Wie froh bin ich vor allem, daß Du Dein seelisches Gleichgewicht wiedererlangt hast, die längere Krankheitsphase nach Unfall und Operation nun wirklich zur überwundenen Vergangenheit gehören.

Nun fragtest Du noch nach meinem eigenen Befinden. Ja, das bist Du! Immer mitfühlend, nicht nur sich selbst in den Mittelpunkt stellen, auch an andere und deren Befindlichkeiten denken und wie lieb, Du fragst, wie es um den Fluß meines Lebens steht bzw. welche Strömung er zeigt.

Was soll ich Dir sagen! Es ist Winter, Spaziergänge sind auf ein Mindestmaß „geschnitten“, es ist einfach zu kalt, auch teilweise glatt. So fröne ich meinen diversen Interessen, gehe zu Veranstaltungen, spiele mein Instrument, lese. Neulich wurde eine Ausstellung bei uns im Alten Rathaus eröffnet. Du wirst den Künstler Frank Hoppmann nicht kennen. Er ist noch jung und malt umwerfend treffende satirische Bilder von Politikern, von Geistesgrößen der Vergangenheit, auch von Tieren, wobei natürlich dann der Bezug zum menschlichen zum Vorschein kommt, genial. Die teilnehmenden Gäste waren durch die Bank begeistert. Ja, wenn man etwas kann! Wie bewundere ich Menschen, die andere durch ihr Können, ihre Kunst derart in den Bann ziehen können. Dann komme ich mir zuweilen sehr mickrig vor. Allerdings ist es auch schön, wenn man begeisterungsfähig sein und solche Dinge genießen kann.

Ja, und sonst? Ich bin eben immer allein, muß mich um mich selbst auch allein kümmern. Den Winter nutze ich natürlich auch dazu, meinen Haushalt auf Vordermann zu bringen, das heißt Dinge zu erledigen, die im Sommer zu tun schade wäre. Da bin ich dann doch lieber draußen. Was hat man alles so angesammelt im Laufe der Zeit, aufgehoben, immer mit dem Hintergedanken, es noch mal zu irgendetwas brauchen zu können. Ob es sich um Spielzeug handelt, um verschiedene Bastelsachen, Wollreste, ach und die vielen Bücher!! Nur weg damit, die Enkel sind groß, mit denen man manches zusammen gemacht hat. Ich gebe solche Dinge gerne in Kindergärten. Die freuen sich, wenn man sie bedenkt. Dort kann man alles Mögliche gebrauchen.

Also aus diesen Schilderungen kannst Du entnehmen, daß „mein Fluß“ zurzeit beinahe gar keine Strömung erkennen läßt, er fließt träge dahin, läßt keinerlei Überraschungen erwarten. Besser so, als wieder in Strudel, Wasserfälle zu geraten, wie das ja schon mal war, Du erinnerst Dich an meine Abenteuer mit Ole, die streng genommen gar keine waren.

Nun aber schnell tschüß, bis zum nächsten Brief, Deine Annegret

Liebe Kathrin,

Deiner SMS entnehme ich, daß Du gute Fortschritte machst und das freut mich.

Weißt Du was ich Dir wünsche? Wir haben uns früher öfter über das Glück als solches unterhalten und verschiedene Menschen zitiert, die sich darüber ausgelassen haben. Und ob es das Glück eigentlich gibt und wem es zuteil wird. Fontane verstand darunter „gute Freunde, ein gutes Buch und keine Zahnschmerzen“. Wenn heute Menschen gefragt werden: „Was bedeutet für Sie Glück?“, soll die mehrheitliche Meinung, so habe ich es in einer Betrachtung im Radio gehört, lauten: „Gutes Essen, gutes Trinken und Reisen.“ Ist es nicht bezeichnend, daß in unserem Wohlstandsland die äußeren und materiellen Dinge am meisten zählen? Oder ist es so, daß Glück mit Zufriedenheit gleichgesetzt bzw. verwechselt wird? Sei dem wie ihm wolle, beachtlich finde ich in diesem Zusammenhang, daß sogar Staaten in ihren Verfassungen den Menschen ein Glücksstreben als sittlich berechtigten Antrieb menschlichen Handelns zugestehen. So steht es zumindest in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1786.

Natürlich steht für uns beide die Gesundheit immer an erster Stelle, ohne die ein Glück nicht möglich wäre. Meinen wir. Aber wie oft las oder hörte ich von Menschen mit Behinderungen, die in allem möglichen eingeschränkt sind, die aber ihr Leben durchaus als lebenswert empfinden und den lateinischen Spruch „Nur in einem gesunden Körper wohne ein gesunder Geist“ als anmaßende Äußerung empfinden. Wir beide glauben auch nicht, daß viel Besitz automatisch Glück bedeutet. Wenn ich mir vorstelle, ein wunderschönes, altes Schloß zu besitzen, brächte das doch auch gleich mancherlei Sorgen mit sich. Nicht die Angst vor der weißen Frau oder sonstigen Schloßgeistern, nein um den Erhalt desselben. Besitz verpflichtet ja auch. Da ist vielleicht das riesige Dach undicht, da müssen alte Leitungen ersetzt werden, Fußböden erneuert werden. Auch wenn man finanziell leistungsstark wäre, aber die richtigen Handwerker müssen ran und man hat ganz andere Aufgaben zu erledigen, muß Angebote einholen, morgens schon sehr früh parat stehen, viele Unannehmlichkeiten mit Baulärm und Schmutz hinnehmen. Ach je, nun ist es wieder mal mit mir durchgegangen, meine tatsächliche Liebe zu Burgen und Schlössern. Manchmal denke ich, vielleicht doch im falschen Jahrhundert geboren zu sein. Aber wer weiß, was ich dann in jenem Jahrhundert gewesen wäre. Bestimmt keine Schloßherrin, höchstens eine Magd, die vielleicht um ihre Ehre bangen mußte, weil der Schloßherr sie sexuell mißbrauchte. Und damals wußte man noch nichts von einer „me too-Debatte“ wie sie neuerdings bei uns im Schwange ist.

Aber ich bin durch den Schloßgedanken abgeirrt. Wir waren beim Glück, und wie es zu erlangen sein könne. Wenn es nicht ein riesiger Besitz ist, was dann? Ich habe gelernt, auf die kleinen Freuden zu achten, auf Momente des Glücks. Jeden Morgen, wenn ich allein beim Frühstück sitze und das Radio daneben läuft, überkommt mich ein Gefühl der Dankbarkeit, daß ich in die Lage versetzt werden kann, Glücksgefühle zu entwickeln. Nicht, wenn ich in ein leckeres Brötchen beiße, das wird bei uns schon als Selbstverständlichkeit angesehen, nein, wenn ich Klänge im Radio höre, die meine Seele ergreifen. Das ist so schön, oder erhebend, so überirdisch, daß ich gleichzeitig weinen oder lachen könnte. Kannst Du Dir das vorstellen? Und das wünsche ich Dir auch, Momente, die selig sind, unwiederbringlich. Es muß vielleicht nicht Musik sein, die uns solche Momente beschert, natürlich nicht. Auch und besonders sind erfüllende Lebensgemeinschaften reich an solchen beglückenden Momenten. Nur wenn der Partner nicht mehr am Leben ist, wie das bei uns der Fall ist, wird es schwer oder seltener. Da kann aber auch ein freundlicher Blick, ein besonderes Gespräch ein Auslöser sein.

Mach’s gut, Deine Annegret

Liebe Kathrin,

es ist immer noch recht winterlich. Weißt Du, was ich seit neuestem mache, um mir Bewegung zu verschaffen? Ich tanze. Nein, nicht was Du denkst. Natürlich erledige ich das allein. Ich habe im Radio vor einiger Zeit auf Kassette leichte Muse aufgenommen, Du kannst auch sagen Schnulzen oder Schlager, egal, es muß nur Musik sein, nach der man sich bewegen kann. Du müßtest mich mal sehen, wie ich durch mein großes Wohnzimmer tobe. Es macht unheimlich Spaß, setzt Endorphine frei, also Glückshormone. So schlage ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Bewege mich, tue was für meine schlanke Linie und schaffe mir meine Glücksgefühle. Wie findest Du das? Ich meine, das könnte sogar zu einer Geschäftsidee werden. Es gibt so viele Muckibuden, ich gehe ja selbst in eine, aber leider halten die keine Glücksgefühle für mich bereit. Da müht man sich ab, tut sozusagen seine Pflicht, aber das isses auch. Auch der Anblick anderer gegen den Bauchspeck kämpfenden löst keine Glücksgefühle aus. Im Gegenteil, sportliche Betätigung traktiert manchmal das Geruchsorgan, und beleidigt oft genug auch den Schönheitssinn, denn bei manchen „Kämpfern“ kann man sich einen gewünschten Erfolg so gar nicht vorstellen. Ja, da möchte man sagen: „Hätteste mal eher angefangen.“ Findest Du mich jetzt gemein? Ja, ja, man soll den guten Willen anerkennen.

Aber zurück zu meiner „Geschäftsidee“. Stell Dir vor, ich lüde einmal pro Woche Leute ein, schöbe meine Möbel etwas zusammen, stellte meine Kassetten an und wir bewegten uns, natürlich jeder nach seiner eigenen Idee. Ich nenne das bei mir tänzerische Gymnastik. Andere hätten sicher auch Freude daran. Wir zögen Schuhe und Strümpfe aus, dann kann man auf dem Parkettfußboden nicht ausrutschen. Ach ja, wo ich Dir das jetzt schreibe, natürlich kämen wir dann gehörig ins Schwitzen und müßten dagegen auch etwas tun. Man muß nur mal seine Ideen äußern, dann springt schon das Hirn an und fängt an zu produzieren. Als nächstes müßte ich mir im Keller eine Sauna einbauen lassen. Das wäre kein Problem. Mein Bügelzimmer ist groß genug, nebenan sind ein Klo und eine Dusche zur Abkühlung. Und dann kommt nach einer Stunde Austoben die Belohnung als Entspannung. Gereicht wird natürlich heißer Kräutertee, was dachtest Du, man muß es ja nicht übertreiben.

Mal sehen, welche Neuigkeiten ich für Dich demnächst in petto habe. Aber halte mich nicht für überspannt. Es ist nur die pure Lebensfreude.

Herzlichst Deine Annegret

Liebe Kathrin,

danke für Deine Nachricht. Daß Dich meine Pläne oder Vorschläge gegen Traurigkeit, Müdigkeit oder was auch immer sehr amüsiert haben, die Dich allerdings auch zur Annahme veranlassen, der Fluß meines Lebens habe neue Zuflüsse aufgenommen, freut mich. Ich muß doch auch dafür sorgen, daß Deine Reha anschlägt. Und Lachen ist ja bekanntlich gesund. Ich habe übrigens noch nichts Konkretes in die besagte Richtung unternommen. Aber weißt Du, was mir neulich eine Frau erzählte? Sie betreibt einen kleinen Gastwirtsbetrieb und dort esse ich manchmal. Dann unterhalten wir uns gelegentlich auch. Da erzählte sie mir von Gästen, älteren Frauen in diesem Fall, die ebenfalls bei ihr einkehren. Die wären derart miesepetrig, würden so überhaupt keine Lebensfreude versprühen, dasitzen und nur negativ sein. „Es ist doch alles nichts, was haben wir schon noch zu erwarten“, so in diesem Stil. Lustlos ist noch harmlos als „Diagnose“. Du weißt selbst, wie es mir damals ergangen ist. Zwei schlimme Krankheiten, die mich ganz nach unten gezogen haben, aber ohne mich loben zu wollen, ich habe es geschafft, wieder am Leben teilzuhaben. Aber es kostete schon Willen. Zum Glück habe ich Kinder, die in ihrem Rahmen, sie sind schließlich berufstätig und haben Familie, mir geholfen haben. Aber ob für solche Frauen meine Tanzidee anwendbar sein würde, möchte ich bezweifeln. Meistens leiden diese Menschen auch noch an Besserwisserei und haben eine krankhafte Abneigung für alles ihnen Unbekannte und Neue. Oder urteile ich zu scharf?

Den nächsten Brief bekommst Du von mir aus Hamburg. Ich entfliehe den heimatlichen Gefilden, zwar nicht in den Frühling, aber in eine große Stadt, die viel zu bieten hat.

Bis dann, herzlichst, Deine Annegret

Liebe Kathrin,

wie versprochen, hier kommt der Brief aus Hamburg. Ich habe alles genossen, was sich mir bot: Besichtigung der überwältigend schönen Elbphilharmonie, Spaziergänge durch die große Speicherstadt mit ihren Backsteinhäusern, Museen, Kunstausstellungen … Natürlich habe ich auch dem Elbufer einen Besuch abgestattet, habe die Landungsbrücken gesehen und die vielen Besucher, die sich zu Hafenrundfahrten anstellten. Da mußte ich beim Anblick der Elbe an „unseren“ Fluß denken. Wie viel Leben findet hier auf einem „echten“ Fluß statt, da fahren Barkassen, Segelboote, große und kleine Dampfer, manch einer ist für immer an eine Kette gelegt, ist nun Hotel oder Gaststätte. Was birgt der Fluß alles! Heute floß er ruhig dahin, aber zeigt er sein wirkliches Gesicht? Spielt sich nicht auch manches im Untergrund ab? Sein Wasser ist trübe, Du kannst niemals bis auf den Grund sehen, was verbirgt er Dir? Das zu ergründen wird Dir und mir niemals möglich sein. Das soll aber keine Parallele zu dem Fluß unseres Lebens sein, der natürlich klares Wasser führt, kein Fehl und Tadel in der Qualität seines Wassers hat.

Aber dann hatte ich doch noch ein Erlebnis, das den Strom meines Lebens, meinen Lebensfluß veranlaßte, in lustigen kleinen Sprüngen seine Bahn zu ziehen. Die Sonne kam heraus, ich fand in einer Anlage eine Bank, die der Sonne zugewandt stand. Ich nahm auf ihr Platz und genoß mit geschlossenen Augen die Spätwintersonne. Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken aufgeschreckt, jemand sagte „moin“ und setzte sich neben mich. Als ich aufsah, bzw. neben mich, sah mich das freundliche Gesicht eines Herrn an, nun den Mund zu leichtem Schmunzeln verzogen. Gar nicht hamburgerisch nahm er sogleich das Wort und meinte: „Ein Sonnenbad mitten in Hamburg ist ja auch nicht zu verachten.“ So kamen wir ins Gespräch. Er meinte dann, er selbst führe zum sonnenbaden allerdings lieber an Südstrände. Da regte sich mein Widerspruchsgeist und ich meinte: „Die Sonne ist doch in Hamburg nicht anders als anderswo, Hauptsache sie scheint und wärmt.“ Darauf meinte er, ich würde wohl nicht gerne verreisen bzw. hielte nicht so viel davon? Da fühlte ich mich erst einmal verpflichtet, zu berichten, daß ich mich gerade auf einer Reise befände, nämlich nach Hamburg. Und ganz richtig schloß er: „Ah ja, die Elphi lockt alle Welt an.“

„Nun bin ich zwar nicht alle Welt, nur ein winziger Teil von ihr, aber ja, Sie haben Recht.“

Da mußte er wieder schmunzeln, was sehr gewinnend aussah, und sagte: „Das lasse ich mir gefallen, wenn alle Welt, die nach Hamburg kommt, also außer Ihnen, Ihren Humor hat und so schnell zufriedenzustellen ist wie Sie, bin ich einverstanden.“

Da mußte ich natürlich fragen, womit er einverstanden sei, und er antwortete: „Na ja, die meisten Touristen werden die Vergnügungsviertel aufsuchen, von einem Höhepunkt zum andern traben, nachher doch wieder alles vergessen haben, schon weil der Alkoholkonsum das Hirn vernebelt haben wird und keiner hat Zeit sich einen Moment in die Sonne zu setzen und zu sinnieren.“

Da kam ich natürlich nicht umhin, zu fragen, ob ich dann richtig läge mit meiner Vermutung, daß er also doch nichts dagegen haben würde, mitten in Hamburg auf einer Parkbank ein Sonnenbad zu nehmen?

Also diese Art Plänkeleien gingen noch eine Weile hin und her. Aber leider ist die Sonnendauer gerade in einem Wintermonat wie dem Februar sehr begrenzt, ich hatte inzwischen auch Bedenken womöglich meinen Heimweg in der Dämmerung fortsetzten zu müssen und erhob mich entschieden. Der Herr tat es mir gleich und fragte ganz unumwunden, wo denn mein Hotel sei, er würde mich gern dorthin begleiten. Ich war unsicher, solches Anerbieten annehmen zu sollen, aber er meinte ganz ungeniert: „Wissen Sie, ich habe vorhin meine Frau in der Michaeliskirche abgesetzt. Dort ist nachher ein Konzert, was mich nicht so interessiert, ich habe Zeit.“ Da er einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck machte, war ich einverstanden. Unterwegs machte er sehr liebenswürdig den Fremdenführer. Da mußte ich natürlich zugeben, daß leider mein Ortssinn nicht besonders gut ausgeprägt sei. Da ich die nächsten Tage noch einiges ansehen wollte, fragte ich nach diesem und jenem. Vor allem wollte ich wissen, was es mit „Alt Hamburg“ auf sich habe. Ich würde gerne die Kramer Witwen Wohnungen sehen und wie ich dort am besten hingelangen könnte. Da meinte er ganz spontan: „Ach wissen Sie was, das ist zwar zu Ihrem Hotel ein kleiner Umweg, aber den machen wir beide jetzt zusammen. Ich gehe doch richtig in der Annahme, daß Sie Ihren Städtetrip alleine geplant haben und ich nehme niemand das Vergnügen weg, mit Ihnen diesen Programmpunkt zu besuchen?“

Auf diese Weise wurde auch noch das Alleinsein erörtert, im Allgemeinen und im Speziellen. Ja, das war Hamburg, bzw. ist es noch, aber ab morgen ohne mich.

Hast Du dort auch irgendwelche Ablenkungen, Anregungen, nette Gesprächspartner?

Herzliche Grüße, Deine Annegret

Liebe Kathrin,

eigentlich sollte ich mich freuen, daß Du mir auch einmal geschrieben hast. Tue ich aber nicht, ich muß ganz doll mit Dir schimpfen. Deine rechte Hand ist noch längst nicht wieder zu gebrauchen. Das deutest Du mir an, indem Du schreibst, es täte noch so weh und Du würdest auf die linke Hand ausweichen. Laß es doch bitte. Das ist ja die reinste Quälerei. Du gefährdest mit solchen Experimenten noch die Heilung.