Aus dem Schatten treten - Ully Günther - E-Book

Aus dem Schatten treten E-Book

Ully Günther

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Beschreibung

Dieses Buch nimmt die Fährte unseres Mensch-Seins auf. Es versucht Antworten zu geben auf existentielle Fragen. Eine lautet: Wie können wir unser Leben so gestalten, dass wir - wenn eines Tages sein Ende naht - zufrieden sein werden damit? Eine solche Gestaltung unseres Lebens erfordert vor allem ein Ich, das seine ureigenste Lebensaufgabe findet und seine ganz persönliche Spur in dieses Leben hineingraben will. Ein solches Ich muss ein starkes, mutiges und unabhängiges Ich sein, das uns nicht von allem Anfang an geschenkt ist, sondern wir haben die Aufgabe, es uns im Laufe unseres Lebens wirklich zu (er)schaffen. Dieses Buch weist Wege, wie wir ein solches Ich entwickeln können. Von unschätzbarer Wichtigkeit ist, dass wir irgendwann unsere ureigene Sicht auf dieses Leben finden und unserem ganz eigenen und subjektiven Urteil zutiefst vertrauen. Denn wir sollen nicht die Kopie irgendeines anderen werden, sondern ein Original, ein wirkliches Individuum, das nach seinen eigenen Maßstäben lebt und im Laufe seiner Tage immer weiter jenem Idealbild entgegen wächst, das es von sich selbst tief (und oft unbewusst) im Herzen trägt. Je näher wir diesem Bild kommen, desto befriedigender wird uns einmal unser Leben erscheinen, urteilt heute die moderne Psychologie und wiederholt damit doch nur, was die großen Weisheitslehrer der Menschheit schon immer wussten. "Heil werden heißt, ich selber werden." Wer dieses Wagnis unangepasster Individualität auf sich nehmen will, gerät früher oder später in einige Konflikte mit dieser Gesellschaft, die danach trachtet, uns in ihrem Sinne zu formen, zum Beispiel indem sie uns weismacht, wir stünden in ewiger Konkurrenz mit allen anderen und könnten diesen Existenzkampf nur bestehen, wenn wir immer schneller, besser und den Forderungen der Zeit angepasster würden.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Inhaltsverzeichnis

IMPRESSUM

Aus dem Schatten treten...

Ully GüntherE-Mail: [email protected] 2007 Ully Güntherpublished at epubli GmbH, Berlinwww.epubli.deISBN 978-3-8442-0285-4

Der Autor

Ully Günther, Jahrgang 1960, ist Fotograf, Bildhauer und Journalist. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Psychologie, die Philosophie, fernöstliche Religionen sowie die mystische Seite des Christentums. Seit knapp 20 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Yoga. Mehrere Reisen führten ihn nach Indien, unter anderem in den Ashram des englischen Benediktinermönches Bede Griffiths, der die Einheit der Religionen lehrte und das westliche und östliche Denken versöhnen wollte. Im vorliegenden Buch versucht Ully Günther an diese Tradition anzuknüpfen und dem besinnungslos dahinrasenden Fortschrittswahn des Westens, die tiefe und stille Innenschau der Yogis oder auch der christlichen Mystiker zur Seite zu stellen, aus der allein letztlich jene Weisheit geboren werden kann, die das Ganze unseres Seins umschließt und dessen letzten Sinn zu erkennen vermag.

Das Buch

Dieses Buch nimmt die Fährte unseres Mensch-Seins auf. Es versucht Antworten zu geben auf existentielle Fragen. Eine lautet: Wie können wir unser Leben so gestalten, dass wir - wenn eines Tages sein Ende naht - zufrieden sein werden damit?Eine solche Gestaltung unseres Lebens erfordert vor allem ein Ich, das seine ureigenste Lebensaufgabe findet und seine ganz persönliche Spur in dieses Leben hineingraben will. Ein solches Ich muss ein starkes, mutiges und unabhängiges Ich sein, das uns nicht von allem Anfang an geschenkt ist, sondern wir haben die Aufgabe, es uns im Laufe unseres Lebens wirklich zu (er)schaffen. Dieses Buch weist Wege, wie wir ein solches Ich entwickeln können. Von unschätzbarer Wichtigkeit ist, dass wir irgendwann unsere ureigene Sicht auf dieses Leben finden und unserem ganz eigenen und subjektiven Urteil zutiefst vertrauen. Denn wir sollen nicht die Kopie irgendeines anderen werden, sondern ein Original, ein wirkliches Individuum, das nach seinen eigenen Maßstäben lebt und im Laufe seiner Tage immer weiter jenem Idealbild entgegen wächst, das es von sich selbst tief (und oft unbewusst) im Herzen trägt. Je näher wir diesem Bild kommen, desto befriedigender wird uns einmal unser Leben erscheinen, urteilt heute die moderne Psychologie und wiederholt damit doch nur, was die großen Weisheitslehrer der Menschheit schon immer wussten. „Heil werden heißt, ich selber werden.“Wer dieses Wagnis unangepasster Individualität auf sich nehmen will, gerät früher oder später in einige Konflikte mit dieser Gesellschaft, die danach trachtet, uns in ihrem Sinne zu formen, zum Beispiel indem sie uns weismacht, wir stünden in ewiger Konkurrenz mit allen anderen und könnten diesen Existenzkampf nur bestehen, wenn wir immer schneller, besser und den Forderungen der Zeit angepasster würden. Wie entkräften wir für uns selbst solche Argumente? Warum sind wir gerade dann am besten, wenn wir uns diesem Anpassungs- und Leistungsdruck vollkommen verweigern? Auch auf solche Fragen gibt dieses Buch Antworten. Sobald wir einige Kapitel darin gelesen haben, wird uns eins klar werden: Auf dieser Welt und in diesem Leben kann es nur einen einzigen Helden für uns geben - der sind wir selbst.

Für den, der ging.

Und für den, der zur Welt kam, als der andere ging.

Wir sind alle auf der Durchreise.

Vorwort

Wie machen wir aus unserem Leben eine Erfolgsstory, wenn für die meisten von uns Erfolg im klassischen Sinne schlicht nicht mehr zu erreichen sein wird? Angesichts der aktuellen Zukunftsperspektiven benötigen wir Antworten auf solche Fragen: Wie bleibt, wer sich nicht länger definieren kann über Beruf, Wohlstand und Ansehen, psychisch heil? Wie wahrt ein solcher Mensch sein Selbstvertrauen? Dieses Buch soll zeigen, welche Chance darin liegt, sich nicht länger vom Götzentrio „Wohlstand-Karriere-Ansehen“ abhängig zu machen. Wir können Lebenserfolg auch ganz anders definieren, indem wir beispielsweise unsere geistig-psychische Autonomie zu seiner Meßlatte erheben.

Wenn wir uns einmal fragen, was auf dieser Welt unserem Einfluss unterliegt, welches Ding wir eigentlich verändern können, wie es uns passt, dann finden wir nur eins: Das ist unser Ich. Darüber ist uns wirklich Macht gegeben. Im Gegensatz zu allem anderen auf der Welt können wir dieses Ich genau so formen, wie es unseren Vorstellungen entspricht. Es kann seine eigene Perspektive aufs Leben entwickeln und seine ureigene Definition von Erfolg ausprägen, die anders sein kann, als die aller anderen. Sokrates zum Beispiel ging über den Markt „und freute sich über alles, was er nicht brauchte“. Er genoss diesen Erfolg, Dinge nicht haben zu müssen. Er erfreute sich an seiner Stärke.

Das Kennzeichen weiser Männer liegt in diesem Bestreben, unabhängig zu werden von den äußerst wankelmütigen äußeren Umständen. Der Weise strebt nach innerer Autonomie. Er erwartet alles Glück von sich selbst und nichts von anderen, sprach der Philosoph Epiktet. Er lebt auf der Skala seiner ganz persönlichen Wertordnung. Damit wird er unabhängig von den Erfolgsdefinitionen, die andere vorgeben und als verbindlich vorspiegeln, selbst wenn sie meist komplett unsinnig sind und uns in den psychischen Ruin führen, falls wir sie ernst nehmen - was wir in der Regel tun.

Wer sich die Freiheit des Weisen zum Leitbild nimmt, wird ganz für sich definieren, was ihm persönlich im Leben wichtig ist und was nicht. Er darf tun, was er liebt, und lieben, was er tut. Vor allem kann er sich aufrichtig der für unser Lebensglück maßgeblichen Frage widmen „Welcher Mensch will ich eigentlich werden?“ - Wer so seine Tage gemäß seiner eigenen Hierarchie der Wichtigkeiten gestaltet, wird zum Herrscher über sein Lebens statt zu dessen getriebenem Opfer. Eines schönen Tages wird er merken, dass er auf diesem Weg größere menschliche Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickelt hat, als er sie jemals vorher besaß. An Geld mag er keinen Zuwachs zu vermelden haben, aber der Wahrheit seines individuellen Seins wird er wesentlich näher gerückt sein durch die Arbeit, die er nach Innen geleistet hat. Als Lohn wird ihm ein tiefes Bewusstsein dafür zuteil, welcher Mensch er im Kern seines Wesens eigentlich ist und welche Position dieser Mensch zur Welt einnimmt. Damit steht er auf einem sicheren Fundament: Seine innere Unabhängigkeit ist gewachsen, er hat die alten Schranken der Verunsicherung und Beeinflussbarkeit hinter sich gelassen.

Wer sich auf diese Weise entwickelt, trifft exakt den Nerv des Lebens. Dessen Sinn besteht darin, uns Jahr um Jahr bis zum Tode in ein weiteres freieres unabhängigeres Bewusstsein zu führen. In diesem beständigen Reifungsprozess unseres Ich finden wir unsere tiefste Zufriedenheit. Auf unsere ganz eigene Weise können wir heil werden. Irgendwann stellen wir mit ungläubiger Verwunderung fest: „Ich habe nun meinen Helden gefunden. - Der bin ich selber.“

Wer seinen Tod bedenkt, der lebt besser

„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben“Christian Fürchtegott Gellert (1715 - 1769)

Irgendwann werden wir zum letzten Mal den Schattenriss der Bäume vor der untergehenden Sonne sehen. Zum letzten Mal wird die Mondsichel für uns aufsteigen. Und danach wird es einen neuen Morgen für uns nicht mehr geben. Auf diesem blauen Planeten namens Erde gibt es eins, was unabänderlich fest steht: Wir alle müssen - eines hoffentlich fernen Tages - sterben. Das ist keine leichte Aufgabe: Schließlich hängt man am Leben, jedenfalls geht es den meisten von uns so. Und wir würden gerne noch ein paar Jahre und ein paar Sonnenuntergänge hinzufügen. Aber, egal ob sie uns gewährt sind oder nicht, zwangsläufig kommt die Stunde des Abschieds. Und dann - gewiss würde dem jeder zustimmen - fiele es uns leichter, die Augen zu schließen, wenn wir Folgendes von uns behaupten könnten: „Ich habe meine Aufgabe hier auf der Erde erfüllt. Mein Leben habe ich nun gelebt, und es lag ein tiefer Sinn darin. Nichts an mir erinnert noch an den jungen Mann oder die junge Frau, die ich einmal war. In mir sind tiefe Veränderungen vorgegangen. Einen weiten, schönen und auch schwierigen Weg bin ich gegangen, auf dem ich immer wieder meine eigenen Grenzen überwunden habe. Nun habe ich meinen Teil geleistet und will, müde wie ich bin, in Frieden Abschied nehmen und auch noch diese letzte Grenze hinter mir lassen.“

Auf diese Art und Weise könnten wir dem Tod entgegen sehen in einer Haltung demütigen Erfülltseins. Vielleicht würde er dann so schwerelos über uns kommen, wie es der Schriftsteller Alexander Solschenizyn berichtet von russischen Bauern, die sich zeitig und in aller Stille auf den Tod vorbereiteten, noch bestimmten, wer die Stute und das Fohlen bekommt, und schließlich ganz einfach starben: „Sie gingen dann unbeschwert hinüber, als würden sie nur in eine andere Hütte übersiedeln.“

Welch ein Gegensatz zu unserer hilflosen Zeit, für die der französische Historiker Philippe Ariès, der 20 Jahre lang Sterberiten und Bestattungsbräuche untersucht hat, zu folgendem Schluss kommt: „Der Tod ist für den heutigen Menschen angsteinflößend und unfassbar, und er ist außerdem in der modernen, leistungsorientierten Gesellschaft nicht eingeplant.“ Wir verdrängen den Gedanken, dass irgendwann Schluss ist. Gemeinhin wünschen wir uns das ewige Leben - und zwar, wenn möglich, hier auf Erden. Während die Menschen in früheren Zeiten den Blick ganz aufs Jenseits gerichtet hatten, so leben wir heute - zumindest im Westen der Welt - eine ins Extreme gesteigerte Diesseitsorientierung. Der Tod und was danach kommt? Wir tun, als ginge uns diese elementare Frage des Menschseins nichts an. Wir schieben sie beiseite und können ihr dennoch nicht ausweichen. Vielleicht können wir sie ein paar Jahrzehnte verdrängen, aber früher oder später wird sie uns einholen. Auf dem Grunde unserer Seelen harrt sie einer Antwort. Und je weniger wir uns ihrer annehmen, desto unfassbarer wird für uns der Tod. Indem wir ihn ausklammern wollen aus der Betrachtung unseres Lebens, weisen wir ihm eine umso größere Macht zu. Und je furchterregender uns der eigene Tod wiederum erscheint, desto mehr werden wir von dem Verlangen ergriffen, ihn als elementare Tatsache unseres Lebens noch weiter zu verdrängen. Wir versuchen seine Existenz auszulöschen - in unserem Bewusstsein; und am Ende sogar in der Realität.

Wüstestes Beispiel für diesen Verdrängungsprozess ist ein Leichenlager in Arizona. Es gehört der amerikanischen Firma „Alcor Life Extension Foundation“, in deren Betonklotz in Scottsdale Verstorbene sich in flüssigem Stickstoff bei minus 202 Grad schockfrosten lassen in der vagen Hoffnung, die Medizin sei irgendwann mächtig genug, sie wieder aufzutauen und zum Leben zu erwecken. Zwei Varianten stehen zur Wahl: Einfrieren des ganzen Körpers zum Stückpreis von 120 000 Dollar oder - wesentlich billiger, weil weniger platzaufwändig - nur der amputierte Kopf wird in der Tiefkühltruhe versenkt. Dieses Zukunftsinvestment kommt auf 50 000 Dollar. Der Schädel friert schneller ein als der ganze Körper. Dadurch reduzieren sich die Gewebeschäden. Das könnte dereinst ein Vorteil sein, falls der Betreffende in 300 Jahren aus der Gefrierbox gefischt und wieder aufgetaut wird - natürlich mit einem anderen Körper bestückt, den ihm die Chirurgen unter den Hals flicken müssen. Über 50 wagemutige Leichen sollen bereits im Depot der Firma aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten herumschwimmen. Etwa 600 momentan noch Lebende sollen Verträge unterzeichnet haben betreffs ihrer künftigen Zwischenlagerung in der eiskalten Brühe (Der Spiegel, 36/2002).

Falls die Methode jemals funktionieren sollte: Was fangen die Damen und Herren in ein paar hundert Jahren an, wenn man sie auftaut und zum Leben erweckt in einer ihnen fremden Welt? Ihr Traum vom ewigen Leben auf Erden wird ihnen zum Albtraum werden. Sie finden sich wieder als medizinische Versuchskarnickel, möglicherweise als bestaunte und von Journalistenhorden umlagerte Exemplare einer längst untergegangenen Epoche. Desorientiert würden sie erwachen nach einem Jahrhunderte währenden Schlaf: Entweder wären sie Erwachsene mit totalem Gedächtnisverlust oder sie hätten ihr Gedächtnis behalten und fänden darin die Erinnerungen an die alten Freunde, die Ehepartner, an ihre Welt wie sie früher einmal war. Leider aber würden sie nichts und niemanden mehr vorfinden aus dieser alten Welt, es sei denn, die Gemahlin hätte sich seinerzeit ebenfalls einfrieren lassen und träte ihnen nun frisch aufgetaut gegenüber - möglicherweise mit einem anderen, einem jungen und knackigen Körper unter demselben alten Greisenhaupt.

Derart absurde Versuche der Menschheit, dem Tod zu entrinnen, zeigen nur eins: Wir haben keine Antworten auf den Tod. Wir verdrängen und verschweigen die unbegreiflichste und urtümlichste Erfahrung, die der Mensch machen kann. „Diese charakteristische abendländische Einstellung zur Wirklichkeit des Todes“ fände in der bekannten Geschichte der Menschheit kaum eine Parallele, urteilt kopfschüttelnd der Psychologe und Völkerkundler Holger Kalweit (in: Kalweit, Die Welt der Schamanen).

Offenbar standen Menschen anderer Kulturen und früherer Zeitalter, den Tatsachen des Lebens wesentlich näher als wir, die stets das arrogante Lächeln des angeblich so aufgeklärten Verstandesmenschen zücken, um solchen Kulturen Primitivität und vor allem Irrationalität zu unterstellen. Aber gibt es etwas Irrationaleres als jenen Glauben, wir könnten nach einem Jahrhunderte währenden Schlaf im Stickstoff-Bad unseren Fuß wieder frisch und fröhlich auf eine uns vollkommen fremd gewordene Erde setzen. Das ist lächerlich. Noch schlimmer: Es ist krank. Statt unsere geistigen Energien auf derartige Illusionen zu verschwenden, sollten wir uns mit den Tatsachen befassen. Bereits die Bibel hält unmissverständlich fest: „Unser Leben währt 70 Jahre, und wenn es hochkommt, sind es 80“ (Psalm 90,10). Daran hat sich nichts geändert. Jedem von uns sind im Schnitt ein paar Jahrzehnte hier auf Erden gewährt: Dann wartet der Tod. Vor seinem Hintergrund ereignet sich das Drama des menschlichen Lebens. Und jeder Seele bleibt nichts anderes übrig, als dieses Faktum in ihre Erwägungen einzubeziehen - im Grunde wissen wir das alle sehr gut.

Wenn wir es wagen, uns unseren Tod während unserer Lebzeiten vor Augen zu halten, ergeben sich daraus zwei entscheidende Fragen: Die eine zielt auf den Tod und auf das, was danach kommen mag oder nicht. Sie lautet: Wohin gehen wir? Die andere Frage zielt direkt auf unser Leben: Wie sollten wir gelebt haben, damit wir friedvollen Herzens sterben können?

Geboren werden bedeutet gleichzeitig, eines Tages auch sterben zu müssen. Mit dem Eintritt ins Leben wird auch unser Tod fest geschrieben. Woher kommen wir also? Und wohin gehen wir? Jeder Mensch trägt das Bedürfnis in sich, auf diese Fragen Antwort zu erhalten. Diese Sehnsucht der Seele kristallisiert sich in den Religionen der Welt. „Religio“ bedeutet im Wortsinne: „Rückverbindung zum Ursprung“. Wir wünschen, die Verbindung zu unserem Ursprung herzustellen. Diese Sehnsucht ist uns eingeboren. Gelänge es uns, sie im Leben zu erfüllen, dann könnten wir den Tod als eine Rückkehr in unsere Heimat, aus der wir hervorgegangen sind, empfinden. Wir müssten ihn nicht länger fürchten. Wie die russischen Bauern könnten wir ihn betrachten als einen bloßen Übergang in jene andere Hütte, aus der wir eigentlich stammen. Wir würden heimkehren. Aus diesem Gedanken würde uns Trost zufließen. Selbst im Augenblick des Todes könnten wir vertrauensvoll oder erwartungsfroh nach vorn blicken. Das wäre der Lohn für unsere verängstigte Seele, wenn es ihr nur gelänge, die Frage nach dem letztgültigen Wohin zu beantworten.

Nun werden unsere letzten Tage nicht ausschließlich dominiert von dem Gedanken daran, was uns jenseits der Todesschwelle erwarten mag, sondern ebenso sehr von dem Leben, das wir hinter uns haben. Vom Sterbebett aus betrachtet wird unsere Biographie ausgesprochen wichtig. Sterbende ziehen Bilanz: Wie hast du dein Leben gelebt? Bist du zufrieden damit? Hast du deine Möglichkeiten ausgeschöpft oder dein Leben vergeudet? Mit solchen Fragen sehen wir uns konfrontiert. Möglicherweise lasten sie auf der Psyche des Menschen schwerer als sein naher Tod: Größer als unsere Angst vor dem Tod sei unsere Angst ein bedeutungsloses Leben geführt zu haben, behaupten jedenfalls die Psychologen Richard J. Leider und David A. Shapiro (in: Lass endlich los und lebe, Richard J. Leider und David A. Shapiro).

Es gibt also zwei Faktoren, die wesentlich sind in der Stunde unseres Abschieds: Einerseits brauchen wir, um beruhigt zu sterben, einen Glauben, der über den Tod hinausweist. Andererseits brauchen wir gleichermaßen das Gefühl, ein erfülltes Leben gelebt zu haben. Sind diese Bedingungen erfüllt, können wir dem Tod vermutlich gelassen entgegen treten.

Nun lässt sich heute für viele von uns eine tiefe Religiosität und damit eine wirkliche Rückverbindung zu unserem Ursprung nicht herstellen. Zwar heißt es in der Bibel, suche zuerst das Reich Gottes und alles andere wird dir dazu gegeben, aber da wüssten die meisten von uns - selbst wenn wir den Willen aufbrächten diesem Rat zu folgen - nicht recht, wo sie überhaupt anfangen sollten zu suchen. Viele halten die Religion ohnehin für bloßen Firlefanz. Aus diesen Gründen wollen wir die Frage nach dem, was hinter der Todesschwelle liegen mag, vorerst zurückstellen bis gegen Ende dieses Buches, in der Hoffnung, wir kommen ihrer Lösung näher, wenn wir zunächst das ebenso elementare, aber für uns greifbarere Problem lösen: Wie sollten wir am besten leben?

Eine kurze und bündige Antwort hat der Dichter Christian Fürchtegott Gellert gegeben: „Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben.“ Nur neun Worte - und doch eine vollkommene Antwort. Gellert mahnt uns, prüft euer Leben und euer Handeln im Hinblick auf euren zukünftigen Tod. Dem Dichter war vollkommen klar, dass der Gedanke an den Tod positiv auf unser Leben zurück wirkt, indem er uns bei jeder Handlung fragen lässt: Ist das gut, was ich hier tue? Wird es einmal wichtig gewesen sein in meinem Leben?

In hohem Maße schärft der Gedanke an den Tod unser Bewusstsein - nicht nur für die Einmaligkeit unseres Lebens, sondern für all unsere Taten. Vor allem - und das müssen wir ihm in unserer Zeit der permanenten Aufgeregtheit sehr zugute halten - schont der Gedanke an den Tod enorm unser Nervensystem. Er verhindert, dass wir uns verzetteln. Er verhindert, dass wir unser Leben an Nichtigkeiten verschwenden. Und er verhindert, dass wir uns über Nichtigkeiten Sorgen machen oder uns über Banalitäten maßlos aufregen. Der Gedanke an den Tod rückt alles an die ihm gemäße Stelle. Vor seinem Hintergrund lässt sich wunderbar das für uns Wichtige vom Unwichtigen, das Hauptsächliche vom Nebensächlichen trennen. So erleichtert uns der Gedanke an den Tod das Leben, indem er uns in die Lage versetzt, klar zu definieren, was wir eigentlich wollen. Wir leben viel zielgerichteter und bewusster. Obendrein leben wir intensiver. „Der Tod begleitet uns auf Schritt und Tritt und lässt uns in den Augenblicken, wo das Leben uns lacht, die Süße des Lebens nur umso tiefer empfinden. Ja, je gewisser das Ende, desto reizvoller die Minute und desto dringender die Mahnung: nutze den Tag“, schreibt der Dichter Theodor Fontane. Demzufolge wäre die sinnvollste und intensivste Art zu leben, wenn wir den jeweils heutigen Tag so verbringen würden, dass wir morgen sterben könnten in dem Gefühl, aus diesem vermeintlich letzten Tag noch das Beste gemacht zu haben. Vielleicht hätten wir noch einmal ganz intensiv mit unseren Kindern gespielt, hätten sie in die Arme genommen, hätten ihre Lebendigkeit und Verletzlichkeit gespürt, ihre Schönheit gesehen. Vielleicht wären wir durch den Wald gelaufen, um noch einmal das Laub zu riechen, die feuchte Erde, um den Wind in den Bäumen zu hören, vielleicht, vielleicht, vielleicht...

Eins wird klar, der Gedanke an den Tod ist wie ein heilsamer Schock, der uns von einer Sekunde zur anderen aufweckt. Mit einem Schlag sind wir quicklebendig. Nicht nur unsere Sinne, sondern unser ganzes Bewusstsein wird gewaltig geschärft. Nunmehr sind wir richtig wach und nicht mehr im Gewohnten versunken oder in unseren Tagträumen verloren. Plötzlich treffen wir Entscheidungen und greifen aus der scheinbar unendlichen Wahl der Möglichkeiten diejenigen heraus, die uns wichtig und lebenswert erscheinen. Der Gedanke an den Tod zwingt uns zur Achtsamkeit. Er schenkt uns die Konzentration aufs Wesentliche. Letztlich bestärkt er uns, kompromissloser und anspruchsvoller zu sein in unserer Wahl, die wir im Leben treffen: Er sorgt dafür, dass wir die Dinge ernsthaft beurteilen, abwägen und gewichten. Er stärkt uns den Rücken gegen alle unsinnigen Beschäftigungen, die wir selbst ins Auge fassen oder die andere uns aufzwingen wollen. Der Tod gleicht bei näherer Betrachtung einem Lehrmeister, der eins im Sinn hat: Er will uns dazu anleiten, auf eine gute Weise unseren eigenen Weg zu gehen. Damit hätten wir allen Grund ihm dankbar zu sein: Seine Anwesenheit verhindert, dass wir uns zu Marionetten machen lassen, die ihr Leben auf dem Jahrmarkt sinnloser Beliebigkeiten vergeuden. Stattdessen formt er uns zu wirklich eigenständigen und unabhängigen Persönlichkeiten. So betrachtet, ist es gut, dass der Tod existiert.

Bernhard Sill, Professor für Moraltheologie und Sozialethik, schreibt: „Es macht offensichtlich einen erheblichen Unterschied, ob jemand sein Leben so führt, als gäbe es den Tod nicht, oder ob jemand die Rechnung seines Lebens ganz bewusst nicht ohne die Tatsache des eigenen Todes aufmacht. Denn es zeigt sich überraschenderweise, dass stets auch dem Leben etwas angetan wird, wenn so getan wird, als habe der Tod mit dem Leben gar nichts zu tun. Sooft jemand sein Leben ganz bewusst im Angesicht des Todes lebt, sooft ist das ein Gewinn für das Leben selbst. Der Gedanke des Menschen an seinen Tod ist - so besehen - nicht nur nicht überflüssig; er ist vielmehr von unschätzbarem Wert für das Gelingen des Lebens, denn die Kraft, die davon ausgeht, ist eine dem Leben Gestalt gebende Kraft.“ Einzig die Entscheidungen, mit denen man einmal auch gut sterben könne, seien letztlich Entscheidungen, „mit denen man auch gut leben kann“ (in: Psychologie heute Compact, Heft 8, Den Tod bedenken um des Lebens willen).

Die Denk- und Lebensweise, die den eigenen Tod mit ins Kalkül zieht, kann somit zur Basis für unseren Lebenserfolg werden. In welchem Ausmaß sie unsere Entscheidungskraft und unseren Willen schult, kann man am Beispiel des mehrfachen Tour-de-France-Siegers Lance Armstrong nachvollziehen. Armstrong war an Hodenkrebs erkrankt und musste sich in der Folge zwei Tumore aus dem Gehirn entfernen lassen. Die Tumore in seiner Lunge wurden durch eine scheußliche Chemotherapie eliminiert, die den besten Radrennfahrer der Welt soweit dahinsiechen ließ, dass er auf ebener Strecke einer 60-jährigen Frau nicht mehr mit dem Fahrrad folgen konnte. Durch seine Krebserkrankung war Armstrong schon als 25-Jähriger mit dem Tod konfrontiert. In seiner Autobiographie schreibt er: „Der Krebs hat mich gezwungen, unbarmherzig über mein Leben nachzudenken. Es gibt da ein paar Sachen, auf die ich nicht besonders stolz bin: Manchmal war ich gemein, habe mich um meine Pflichten rumgedrückt, manchmal war ich auch schwach und habe irgendwas nicht getan, was mir heute leid tut. Ich habe mich gefragt: ‚Was für ein Mensch willst du eigentlich sein - wenn du überhaupt am Leben bleibst?‘ So langsam wurde mir klar, dass mir zum erwachsenen Mann noch einiges fehlte. In Wahrheit war der Krebs das Beste, was mir passieren konnte. Ich weiß nicht, warum ich diese Krankheit bekommen habe. Aber sie hat bei mir Wunder gewirkt, und ich will gar nicht, dass es nicht so gekommen wäre. Es gibt zwei Lance Armstrongs: den vor dem Krebs und den danach. Die Lieblingsfrage der Leute ist: ‚Inwieweit hat der Krebs Sie verändert?‘ Die wirkliche Frage aber ist, inwiefern er mich nicht verändert hat. Am 2. Oktober 1996 ging ich aus meinem Haus, und als ich wiederkam war ich ein anderer“ (Lance Armstrong, Tour des Lebens).

Armstrong beschreibt, wie angesichts seines drohenden Todes zwangsläufig die Frage in ihm hochkommt: Was für ein Mensch willst du eigentlich sein, falls du weiterleben wirst? Anders formuliert lautet diese Frage: Wie willst du eigentlich gelebt haben, wenn du wieder einmal dem Tode gegenübertrittst? Oder: Was willst du aus dir gemacht haben und aus deinem Leben?

Von solchen Fragen handelt dieses Buch: Was wollen wir gemacht haben aus unserem Leben am Ende? Gibt es eigentlich ein Ziel, das uns allen gemeinsam ist? Und - falls dieses Ziel existiert - mit welchen Methoden können wir es verwirklichen? Darum geht es in den nächsten Kapiteln.

Heil werden heißt, ich selber werden

„Wer seine Person gestaltet, dessen Leben wird wahr.“ Laotse (Laotse, Tao te king)

Rund sechs Milliarden Menschen leben auf der Erde: Jeder von ihnen ist ein einmaliges Exemplar - ausgewiesen durch seine Gesichtszüge, seinen Körperbau, seinen Fingerabdruck und seinen genetischen Code. Keiner gleicht dem anderen. Was das äußere Erscheinungsbild ankündigt, das spiegelt sich in unserer Psyche wider: Wir hegen den Wunsch, ein Individuum zu sein, nicht nur mit einem individuellen Aussehen, sondern mit einem ebenso individuellen und unverwechselbaren persönlichen Profil. Ein Original wollen wir unserem Wesen nach sein und nicht die Kopie irgendeines anderen. Deshalb hassen wir es, wenn uns jemand mit dem falschen Namen anspricht. Es empört uns aus diesem Grund, irgendwo wie eine Nummer behandelt zu werden oder - noch schlimmer - Kennnummern eintätowiert zu bekommen wie einst in den Konzentrationslagern. Das werten wir zu Recht als ausgesprochen scheußlichen Verstoß gegen die Menschenwürde. In der Regel begreifen wir ein dem Menschen gemäßes Dasein immer als ein individuelles Dasein: Uns dürstet nach der Freiheit, unserem Leben einen eigenständigen Sinn zu geben. Uns hungert nach der Möglichkeit, es selbst zu gestalten. Sobald jemand diktiert, wie wir zu leben und zu denken haben, beginnen wir zu leiden. „Sich fügen zu müssen, kann eine verheerende Erfahrung sein“, sagt der New Yorker Stressforscher Bruce McEwen (zitiert nach: Die Glücksformel, Stefan Klein). In jeder Menschenseele wurzelt der Wunsch nach Selbstbestimmung - wir wollen und wir sollen keine austauschbaren Massenmenschen werden, sondern wir sehnen uns nach Einmaligkeit. Dieser Drang, eine unverwechselbare Persönlichkeit zu werden und sein Leben selbst zu formen, verbindet alle Menschen. Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Individuen kann man ihn als ihr gemeinsames Ziel erkennen (vgl. Fritz Riemann, Grundformen der Angst).

Allerdings müssen wir in einem schwierigen und langwierigen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Leben jene ganz und gar individuelle Persönlichkeit erst heranbilden. Durch ausdauernde Arbeit an uns selbst meißeln wir sie aus uns heraus. Das innere Wachstum, das dafür erforderlich ist, benötigt wesentlich mehr Zeit als das äußere Wachstum unseres Körpers zu einem Mann oder einer Frau. Mit 18 Jahren sind wir lediglich körperlich ausgewachsen. Um unser Menschsein zur Gänze zu entfalten, benötigen wir eine seelische Reifezeit, die sich über Jahrzehnte erstreckt, in denen wir unser Innenleben entwickeln - weit über das hinaus, was uns einst möglich erschien - weit über die engen Grenzen der jungen Erwachsenenjahre hinaus. Bis zum 63. Lebensjahr, so urteilen die Anthroposophen George und Gisela O’Neil, müsse der Mensch sich weiterentwickeln zu immer höheren Bewusstseinsstufen. Erst dann habe er seine höchstmögliche geistig-seelische Reife erreicht (vgl.: George und Gisela O’Neil, Der Lebenslauf).

Dieses Prinzip der Entwicklung zu ungeahnten Höhen wohnt allem Leben inne: Ein winziges Getreidekorn zum Beispiel wächst heran zum kleinen grünen Pflänzchen, bevor es zu jenem hohen gelben Halm wird, der an seiner Spitze die Ähre trägt. Es wächst nicht nur in Gestalt des für seine Verhältnisse riesigen Halmes um ein Vielfaches über sich selbst hinaus - sondern vermehrt sich am Ende selbst um das 50- oder 60-fache, je nachdem wie viel Körner die Ähre trägt. Veranschaulicht man sich einmal ganz bewusst den Weg dieses unscheinbaren Körnchens bis zu seiner vollen Entfaltung, so liegt darin eine Entwicklungspotenz, die man nicht für möglich halten würde, wenn man es nicht mit eigenen Augen auf den Feldern sehen könnte.

Das Getreidekorn steht im Mittelpunkt vieler Gleichnisse, weil sein Prinzip, zu ungeahnten Höhen heranzureifen, um sich schließlich mannigfach auszusäen, dem Auftrag der menschlichen Seele entspricht. Das Grundprinzip des Lebens ist ein organisches Wachstum bis zur vollen Entfaltung seiner Möglichkeiten, sonst droht es zu scheitern. Leben muss gleichmäßig und beständig reifen. Aus diesem Grund fordert uns der berühmte Psychologe Abraham Maslow auf, „das Beste, das Allerbeste zu sein, das man werden kann.“ Falls wir diesen Rat nicht beherzigten, so warnt Maslow, würden wir für den Rest unseres Lebens unglücklich (in: Ken Wilber, Wege zum Selbst).

Nun weist der Mensch einen wesentlichen Unterschied zum Getreidekorn auf: Er hat neben seinem äußeren Wachstum, das bei entsprechender Ernährung die Natur für ihn erledigt, die Aufgabe innerlich zu reifen. Damit wird der Reifegrad, den er einmal erreicht in seinem Leben, zu wesentlichen Teilen zu einem Ergebnis seiner eigenen Bemühungen: Er selbst ist dafür zuständig, das Beste aus sich zu machen, was er werden kann. Die Gefahr des Scheiterns trägt er dabei in sich, denn einen eingebauten Automatismus ständigen Wachstums wie beim Getreidekorn gibt es für den Menschen ab einer gewissen Lebensphase nicht mehr.

Spätestens um unser 30. Lebensjahr stagnieren wir in unserer geistigen und seelischen Entwicklung, wenn wir uns nicht selbst mühen, sie voran zu bringen. Wir werden dann nur noch älter. Aber wir reifen nicht mehr zu einer größeren Bewusstseinsqualität. Solche Reife, die man am Ende Weisheit nennt, wird nur geboren, wenn wir sie uns erarbeiten in einem Prozess tiefer Auseinandersetzung mit dem Leben und mit uns selbst.

Zunächst läuft die menschliche Entwicklung von selbst ab, indem wir als Kinder von anderen lernen, beispielsweise von unseren Eltern. Alles Erlebte prägt unsere Innenwelt. Wir übernehmen unbewusste Verhaltensmuster und bewusste Werte von Eltern und Gesellschaft. Mit der Zeit relativieren wir sie ein Stück weit nach unseren Maßstäben. Gelegentlich rebellieren wir dagegen wie beispielsweise in der Pubertät, um erstmals unsere eigene Persönlichkeit richtig zu spüren und ihre Grenzen auszuloten. Das entspricht einer kurzfristigen Revolution des Gefühls, in der jener innere Anspruch zum Ausdruck kommt, etwas ganz und gar Eigenes und Einmaliges darzustellen. Aber egal, ob wir die uns vorgelebten Muster und die uns gepredigten Werte übernehmen oder uns zur Rebellion dagegen genötigt fühlen, wir sind in beiden Fällen von ihnen dominiert: Sie besetzen unser Inneres, unsere Gedanken und Gefühlswelt.

„Der größte Teil unserer Gedanken, Überzeugungen und Rollen stammt aus unserer Kindheit. In einem Alter, in dem wir ungefiltert alles glauben, was uns vom Vater, der Mutter, den Großeltern, Onkeln und Tanten, Lehrern und Freunden gesagt wurde, haben die uns nahe stehenden Menschen uns ihr Weltbild vermittelt. Sätze wie ‚Traue keinem Fremden‘, ‚Die Welt ist ungerecht‘ oder ‚Es trifft immer die Falschen‘ übernahmen wir völlig unkritisch - und wenn wir sie nicht zu irgendeinem Zeitpunkt hinterfragt haben, dann wirken sie bis heute. Waren die Menschen, die Ihnen das Leben erklärt haben, unglücklich, ängstlich, voller Schuldgefühle oder Aggressionen, haben Sie eine Menge negativer Dinge über sich und die Welt gelernt“ (in: Verwirkliche deinen Traum, Gerti Samel). Viele solcher Prägungen wirken so tief in uns, dass sie unser Verhalten bestimmen bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Es sind Psychogifte, die in uns schlummern und die wir erst mühselig an die Oberfläche befördern müssen, bevor wir sie unschädlich machen können.

In noch jungen Jahren gelingt uns das in der Regel nicht, denn noch fehlt uns die Kraft zur tiefen Innenschau. Viel zu sehr sind wir der äußeren Welt zugewandt, in die wir unser Leben erst hineinbauen müssen: Wir gehen zur Schule, studieren, heiraten, bekommen Kinder, bauen ein Haus, machen Karriere - und eines Tages finden wir uns plötzlich wieder als der Doktor Soundso, der mit seinen zwei goldigen Kindern in jenem hübschen Häuschen wohnt, bei jener Firma arbeitet und immer morgens joggen geht. Oder wir sitzen an unserem 35. Geburtstag zweimal geschieden auf unserem Ikea-Sofa in der Mietwohnung und schwören uns bei einer Flasche Rotwein, dass beim nächsten Mal alles besser wird.

Mehr oder weniger intuitiv erreichen wir solche Stufen unserer Entwicklung; der Weg bis dorthin ist in uns angelegt: Wir werden von inneren Impulsen und unseren Prägungen geführt und betrachten unsere Entscheidungen im Leben und unsere bisherigen Handlungsweisen als logisch, egal ob sie uns nun ins Glück oder ins relative Unglück geführt haben. Selbst wenn wir unterwegs in Konflikt geraten sind mit unserem Partner, unserer Arbeit, unserem Umfeld, so hegen wir dennoch keine grundsätzlichen Zweifel daran, wie wir unser Sein, unsere Position hier auf Erden aufzufassen haben. In diesem Sinne sind wir eingebettet ins Leben. Wir wühlen uns hinein mit unseren Wünschen und unserem Wollen. Wir bilden scheinbar ganz eindeutig unsere Persönlichkeit aus mit ihren Neigungen und Abneigungen, ihren Sympathien und Antipathien, ihren Stärken und ihren Schwächen. Wir meinen ein vollständiges Ich zu sein und sicher zu wissen, wie das Leben beschaffen sei. Unsere Entwicklung scheint damit an einem Ende angekommen zu sein: Wir haben eine Bewusstseinsstufe erreicht, von der wir annehmen, darüber hinaus gäbe es nichts mehr zu wissen. Im Grunde sind wir überzeugt, uns selbst und das Leben mit all seinen Schönheiten und Fallstricken nunmehr bestens zu kennen.

Aber dann, plötzlich, eines schönen Tages um unser 40. Lebensjahr herum wird alles anders. Unser so sicher geglaubtes Wissen beginnt zu zerbröseln. Das Fundament, auf dem wir bislang standen, zerfällt zu Staub. Genau dieses Bewusstsein, das wir ausgeprägt haben über all die Jahre, wird uns nun verdächtig. Unser eigenes Ich wird uns suspekt. In der Lebensmitte, im Alter von etwa 40 bis 45 Jahren, wenn wir erstmals Rückschau halten können auf unser bislang gelebtes Leben, erkennen wir auf einmal, die Subjektivität unserer eigenen Persönlichkeit. Entsetzt bemerken wir ihre Beschränktheit. Beispielsweise stellen wir fest, dass diese Person, die wir die ganze Zeit waren, Opfer ihrer eigenen Illusionen geworden ist: Sie hat sich gründlich getäuscht in ihren Ansichten über das Leben. Es ähnelt in keiner Weise jener stetig von links unten nach rechts oben ansteigenden Gerade, als die wir es bislang aufgefasst haben. Das Leben entspricht keineswegs jener unaufhaltsamen Aufwärtsbewegung, für die wir es - auch dank der vielen Manipulatoren, die uns das heutzutage weismachen - hielten. Unser Körper weist uns längst anhand kleiner, fast noch unmerklicher Indizien darauf hin: Seine Kräfte lassen etwas nach, die Haut büßt erstmals Straffheit ein, die Haare lichten sich. Abbauprozesse werden erkennbar und ungläubig registrieren wir: Das Leben macht tatsächlich in der Mitte einen Knick. Wenn wir es einmal betrachten wie eine Grafik, dann ähnelt es einem hohen Berg mit einer abgeflachten Kuppe. Auf der einen Seite geht’s rauf, und auf der anderen Seite geht’s wieder runter.

Entsetzt stellen wir fest, dass wir gerade über den Scheitelpunkt hinwegschreiten und uns langsam auf den Abstieg zu bewegen. Die zweite Lebenshälfte hat begonnen für uns, jenes Stadium, das wir das einsetzende Alter nennen. Unsere eigene Endlichkeit tritt uns nun nicht mehr als ein nur theoretisches Wissen gegenüber, sondern wird mehr und mehr zur konkreten Entdeckung. „Jetzt schon?“, fragen wir: „War das alles?“ Wir stehen unter Schock. Wir wollen es nicht glauben, aber wir sind an einem Wendepunkt unseres Lebens angelangt, der die Wahrheit über unsere Existenz mit ungekannter Macht in unser Bewusstsein meißelt. Die Botschaft lautet: „Du bist endlich. Deine Zeit ist begrenzt. Von nun an wirst du schwächer. Dir bleiben noch zwei, drei oder mit Glück vier Jahrzehnte - aber auch die gehen schnell vorüber, wie du längst weißt.“

Während unseres Aufstiegs auf jenen Berg namens Leben haben wir nach oben geblickt und den Gipfel anvisiert, mehr oder weniger intuitiv haben wir unsere Route gesucht - und nun, plötzlich, sind wir vor diesem Schild mit der Aufschrift „Zur objektiven Aussicht“ gelandet. „Herzlichen Glückwunsch“, lesen wir auf dem Hinweisschild, „Sie sind nun in der Realität angekommen. Von dieser Stelle aus haben Sie erstmals einen unverstellten Blickwinkel.“ - Dort, wo das Schild steht, breitet sich vor unseren Augen das Panorama unseres gesamten Lebens aus: Wir können nun sowohl den Weg auf den Berg hinauf, als auch den Weg hinunter ins Tal einsehen. Unser gesamter Weg zeichnet sich ab.

Erschüttert verharren wir an jenem Aussichtspunkt und studieren die Landschaft unserer eigenen Seele. Wir drehen uns noch einmal um, um zurückzublicken auf die erste Hälfte unseres Lebens: Wer waren wir eigentlich? Welchen Weg haben wir bis hierher genommen? Und während wir zurückschauen, fällt uns auf, dass wir viele Dinge längst anders machen würden. Etliches, was wir einmal getan haben, wirkt nun geradezu idiotisch auf uns. Und haben wir nicht viel zu oft die Ansprüche anderer erfüllt? In dieser Rückschau stellen wir fest, dass wir bislang in unserem Erwachsenenleben oder dem, was wir dafür hielten, keineswegs die freien, unabhängigen und eigenständigen Individuen waren, für die wir uns hielten, sondern so etwas wie Marionetten, die an den Fäden fremder Wahrheiten herumgeführt wurden und meinten, das sei ihre eigene Bewegung. Wir entdecken unsere tiefsten und unterschwelligsten Prägungen, auf denen unser Leben basiert, und es scheint uns, als wären wir gar nicht richtig wir selbst gewesen. Das ist erschreckend. Unser bisheriges Ich, das wir meinten zu sein, zerbröselt vor unseren Augen zu Staub. Unser Leben, das wir bis hierher gelebt haben, wirkt aus unserer neuen Perspektive wie ferngesteuert. Wir erkennen darin eine innere Leere, eine grundlegende Substanzlosigkeit. Mit einem Mal werden wir dessen gewahr, dass ein wirkliches authentisches Ich in uns noch gar nicht existiert. Dieser bestürzenden Erkenntnis folgt die Sinnkrise auf dem Fuß. Sie trifft uns umso härter, je mehr wir bislang der Ansicht waren, das Leben erfolgreich gemeistert zu haben: „Je mehr man bisher erreicht hat, desto tiefer der Absturz in die Bedeutungslosigkeit und innere Erschöpfung“, schreiben George und Gisela O’Neil in ihrem Werk „Der Lebenslauf“ (vgl.: Der Lebenslauf, George und Gisela O’Neil).

In der Lebensmitte wird das alte Ich plötzlich entlarvt als eine leere Maske, hinter der noch gar nichts Eigenes geboren ist. Wir realisieren nicht nur die Dominanz unserer Prägungen, sondern die ganze Art und Weise wie wir uns bislang betrachtet haben, wird uns fremd: „Bis jetzt nämlich haben wir uns stellvertretend durch andere erlebt, wie in einem Spiegel. Was mir Wert verlieh, war die Achtung anderer, ihre Anerkennung, was ich tat und wie ich es tat. Meine Rolle, mein Titel, meine Position spiegelten wider, wer ich bin.“ Aber jetzt plötzlich „dämmert uns eine innere Wahrnehmung unseres ‚Ich‘, ein Identitätsgefühl. ‚Ich bin ein Ich‘, unabhängig von allen äußeren Auszeichnungen und Bedingtheiten - ich existiere!“ (in: Der Lebenslauf, George und Gisela O’Neil)

Diesen Wandel in unserem Bewusstsein bemerken wir in der Regel um das 40. Lebensjahr. Auf das, was wir bislang für wichtig und richtig hielten, „fällt nun das fahle Licht des Zweifels. Das mittlere Lebensalter wird zur twilight-zone, zu einem Zwischenbereich, in dem zwei Welten aufeinander treffen und ein seelisches Beben verursachen. Die Persönlichkeit, zu der man in der ersten Hälfte seines Lebens geworden ist, kollidiert mit einem neuen Selbst, von dem man noch gar nicht weiß, wie es aussehen wird“, schreibt Ursula Nuber (in: Psychologie heute Compact, Heft 8, „Soll das alles gewesen sein?“).

Aus diesem unsichtbaren Zusammenbruch unserer alten Persönlichkeit und dem Mangel einer zukünftigen Alternative resultiert eine innere Krise, ein Zustand zurückgezogenen stummen und resignativen Leidens. „Die Zukunft scheint hoffnungslos, als neige sich das Leben dem Ende zu. Die Seele leidet an einer Art Erstickungsgefühl und fürchtet von den Anforderungen des äußeren Lebens überwältigt zu werden.“ George und Gisela O’Neil werten diese in stiller Verzweiflung erlebte Phase der Lebensmitte als eine „innere Todeserfahrung“, die jüngeren Menschen gar nicht zugänglich ist. Nur wer sie „durchlitten hat und innerlich auferstanden ist, weiß, was gemeint ist. Andere, die noch vom natürlichen Schwung des Lebens getragen sind, können es unmöglich verstehen.“ (in: George und Gisela O’Neil, Der Lebenslauf)

„Wer bist du eigentlich“, lautet die marternde Frage, die wir uns auf jener wüsten und kargen Hochebene stellen, die sich Lebensmitte nennt. Und dann drehen wir uns wieder um in Richtung unseres Schildes „Zur objektiven Aussicht“. Wir fassen den Weg ins Tal ins Auge und fragen: „Und wer willst du sein, wenn du dort hinunter gehst.“

Erinnern wir uns an den jungen Lance Armstrong. Daran wie er in seinem Krankenbett lag und durch den Krebs gezwungen war, unbarmherzig über seinen möglichen Tod und sein etwaiges künftiges Leben nachzudenken? Genau diese beiden Fragen tauchten auf: Welcher Mensch war ich? Und welcher Mensch will ich in Zukunft sein? Von diesen Fragen werden wir in der Mitte unserer Jahre heimgesucht und gezwungen, unbarmherzig über unser bisheriges Dasein zu reflektieren. Dieser Denkprozess ist von neuer und unbekannter Qualität - präziser, wacher, radikaler und umfassender als bisher: Nicht mehr unsere Illusionen über das Leben und über uns selbst liegen ihm zugrunde, sondern der unverstellte Blick auf die Realität. Erstmals sind wir im Stande die „Psychogifte“ zu entdecken, die unser Handeln und Leben bislang dominierten, ohne dass wir uns ihrer bewusst gewesen wären - erstmals können wir die uns in der Kindheit eingestempelten Muster durchschauen und gleichzeitig sind wir in diesem Moment unseres eigentlichen inneren Erwachens schon mit dem Alter und unserem Tod konfrontiert, die wir realistisch vorausdenken können. Das ist ein Schock - zunächst. Aber indem wir nun erstmals in der Lage sind, unsere gesamte Lebensspanne vor unserem geistigen Auge ablaufen zu lassen, sie zu betrachten und einzuschätzen, verwandelt sich unser Bewusstsein: Es erreicht eine neue, vorher ungeahnte Qualität.

Bislang haben wir immer aus uns selbst heraus auf das Leben geschaut: Das war der subjektive Blickwinkel: Von innen nach außen haben wir unseren Blick aufs Leben gerichtet und es durch die Nebelbrille unserer Meinungen, Illusionen, unserer genetischen Programmierung, unserer Kindheitsprägungen, unserer Sympathien und Antipathien beurteilt. Nun - indem wir in der Lebensmitte oder im Angesicht bedrohlicher Krankheit lernen, uns erstmals selbst auf unserem zurückgelegten Lebensweg zu betrachten - prägen wir plötzlich einen neuen, einen viel objektiveren Blickwinkel aus: Von außen oder von oben schauen wir jetzt auf unser Ich - und werden fähig, uns selbst zu beobachten. Wir bauen eine gewisse Distanz zu uns selbst auf und beurteilen unser eigenes Inneres von außen, die Richtung hat sich umgekehrt. Das ist jene neue Qualität, die zur Lebensmitte hin auftaucht. Wir treten quasi aus uns selbst heraus - und damit erschließt sich unserem Bewusstsein eine neue Weite und Neutralität, nicht nur gegenüber dem Leben und den anderen, sondern vor allem gegenüber uns selbst. Plötzlich stehen wir auf jener Plattform „Zur objektiven Aussicht“ und fragen: Wer bist du wirklich?

Nehmen wir einmal ein konkretes Beispiel für diesen Prozess: Wir haben uns in einem bürgerlichen Beruf etabliert und gelten als Muster an Fleiß und Zuverlässigkeit. Wir sind aufgestiegen in eine sehr ordentliche Position und werden nach den äußeren Kriterien dieser Gesellschaft als erfolgreich eingestuft. Aber innerlich spüren wir zur Lebensmitte hin, dass wir dafür einen Preis zu zahlen haben: Wir merken, wie massiv wir uns selbst unter Druck gesetzt haben, um diese Stufe unserer beruflichen Entwicklung zu erklimmen und die damit einhergehende äußere Anerkennung zu erreichen. Wir stellen fest, dass wir ständig bemüht sind, die an uns herangetragenen Ansprüche zu 120 Prozent zu erfüllen - und dabei mehr Kräfte lassen, als für unsere körperliche und seelische Gesundheit gut sein kann. Je älter wir werden, desto mehr quält uns dieser Zwiespalt. Er weist uns darauf hin: „Irgend etwas stimmt nicht mit dir. Warum kannst Du nicht gelöst bleiben? Warum fühlst Du Dich genötigt, die von außen gesetzten Ansprüche zu erfüllen? Besitzt Du so wenig innere Unabhängigkeit? Warum tust Du nicht einfach in aller Ruhe, was Du gut und richtig findest, egal ob Du nun dafür mit Anerkennung belohnt wirst oder nicht?“

Solche Fragen tauchen auf. Wir beginnen zu grübeln. Warum? Warum bist du wie du bist? Wir leuchten unseren Lebensweg ab und suchen Ursachen für unsere Verhaltensmuster. Vielleicht stellen wir dann folgendes fest: In unserer Kindheit fiel unser Vater am Ende seines Studiums durch seine Prüfung. Daraus entwickelte sich eine tiefe Lebenskrise, in der er sich mit Depressionen quälte. Während dessen war die Mutter krampfhaft bemüht, die Familie zusammenzuhalten. Traumatisiert von dem Gedanken, ihre Familie könne auseinanderbrechen, rackerte sie sich ab: ging arbeiten, versuchte ihrem Mann wieder auf die Beine zu helfen, wusch Wäsche, stopfte die Socken, versorgte die Kinder - und hinter jeder ihrer Handlungen lauerte die Angst, am Ende könne ihre Familie doch der Not anheimfallen und in Stücke gehen. Das Leben geriet ihr zu einem Kampf. Sie konnte ihm nicht vertrauend und gelassen gegenüber treten.

Als Kleinkinder spüren wir jedes unterschwellige Gefühl von Panik, das hinter den Aktivitäten unserer Mutter lauert. Tief saugen wir beispielsweise ihre verborgenen Ängste in unsere Seele hinein. Zudem prägt uns die Haltung des Vaters, der nach seinem Misserfolg beim Studium, sich nicht mehr zutraut, mutig und vertrauend etwas Eigenständiges in diese Welt hineinzubauen. Jene durch sein Scheitern verursachte Wunde hemmt ihn und er hat nun Angst vor der offensiven Gestaltung seines Lebens. Seine künftige Motivation begründet sich aus der Angst vor dem Scheitern, statt aus dem Mut zur Tat. Der Vater lebt aus einer defensiven Einstellung heraus.

Unbewusst nehmen wir solche für uns Kinder undurchschaubaren Grundhaltungen der elterlichen Seelen in uns auf und betrachten später das Leben durch die Augen unserer Eltern. In solchem Maß sind wir von ihrer Weltsicht besetzt, dass sie uns - ohne dass wir es bemerken können - als die Selbstverständliche erscheint.