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Theresa hat alles, was sie immer wollte. Mit sechsunddreißig ist sie erfolgreiche Anwältin mit eigener Kanzlei und ihre Beziehung mit Carolin ist glücklich und stabil.Dann trifft Theresa Charlotte und die zufällige Begegnung mit der alten Dame ist nur der Auftakt für eine Kette von Ereignissen, die Theresas wohlgeordnetes Leben plötzlich durcheinanderbringen.Theresa hat früh gelernt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Mit Ehrgeiz und Disziplin hat sie sich das Leben erschaffen, das sie immer haben wollte und ist nun mit Mitte dreißig Teilhaberin einer erfolgreichen Anwaltskanzlei und glücklich mit ihrer Partnerin Carolin liiert. Doch gerade als sie unerwartet noch ein letztes Puzzlestück zu ihrem Glück gefunden zu haben scheint, steht sie unversehens vor den Scherben ihrer Beziehung und bald auch vor einer Reihe von Fragen, die sie aus dem sorgfältig austarierten Gleichgewicht bringen. Was tun, wenn lang gehegte Pläne mit der Realität kollidieren? Und was, wenn sich plötzlich alles der so wichtigen Kontrolle zu entziehen droht?
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Seitenzahl: 569
Veröffentlichungsjahr: 2020
Über die Autorin
Enni Rock, 1980 in Kassel geboren, studierte Germanistik sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften im In- und Ausland. Sie ist freie Autorin und hat für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. „Aus dem Tritt“ ist ihr Debütroman.
ENNI ROCK
AUS DEM TRITT
Roman
Impressum Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. © 2020 Enni Rock (www.enni-rock.de)
Coverdesign: Verena Förster, d.signbar – Grafik Design & Werbung (www.d-signbar.com) Lektorat, Korrektorat & Satz: Maren Keller, Kontext-Kassel (www.kontext-kassel.de) Verlag: Selfpublishing Kassel (www.selfpublishing-kassel.de) Bestellung & Vertrieb: Nova MD GmbH, Vachendorf E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck ISBN: 978-3-9691708-1-6
Für Charlotte
Prolog
Der Richter hatte den Sitzungssaal schnell verlassen und Theresa hatte ihm ein wenig neidisch nachgesehen. Da ihre Mandantin aber in sich zusammengesunken sitzen geblieben war, hatte sie keine andere Wahl gehabt, als neben ihr zu verharren. Ein Seufzen unterdrückend wartete sie nun ab, während der gegnerische Anwalt und sein frisch geschiedener Mandant geräuschvoll zusammenpackten und unter Glückwünschen und Schulterklopfen endlich auf den Flur hinaustraten. Kaum dass die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, begann Theresas Mandantin zu schluchzen. Einen verstohlenen Blick auf die Uhr werfend versuchte Theresa auszurechnen, wie viel Zeit sie sich nehmen konnte, ohne ihre Folgetermine zu gefährden.
Ihre Mandantin griff schniefend nach ihrer Handtasche und begann, darin herumzuwühlen, offenbar auf der Suche nach einem Taschentuch. In Theresas eigener Tasche fand sich ein ganzes Päckchen, aber sie hatte es sich zur Regel gemacht, gar nicht erst mit derlei fürsorglichen Gesten anzufangen, um Mandantinnen nicht auch noch zu ermutigen, bei ihr Trost zu suchen. Sie war für die rechtliche Beratung zuständig, nicht für die Seelsorge, was ihre weiblichen Klientinnen mitunter zu vergessen schienen. Fast waren ihr die Männer lieber, die bestenfalls erleichtert waren und im ungünstigsten Fall fragten, ob sie nicht noch etwas trinken oder essen gehen wollten, um die wiedererlangte Freiheit gebührend zu feiern. Meist reichte ein sachlicher Hinweis auf anstehende Termine und das Thema war vom Tisch. Frauen hingegen schienen von ihr noch etwas zu erwarten, das sie nicht als ihre Aufgabe ansah. Sie war nicht herzlos oder kalt. Sie hatte Mitgefühl, sicher, sie konnte nachvollziehen, dass eine Trennung, die Auflösung einer Ehe, das Ende einer Lebensgemeinschaft etwas Schmerzhaftes und sogar Beängstigendes waren. Aber sie war weder Therapeutin noch beste Freundin. Ihre Aufgabe beschränkte sich auf den rechtlichen Vollzug der Scheidung – nicht die persönliche Verarbeitung der Trennung.
»Es tut mir leid«, schniefte ihre Mandantin, nachdem sie endlich ein Taschentuch gefunden und sich geschnäuzt hatte. »Ich weiß nur einfach nicht, wie es jetzt weitergehen soll.« Sie blinzelte ein paar Mal und versuchte, ihre Tränen fortzuwischen, ohne ihre Mascara zu verschmieren. »Ich weiß, ich weiß, agieren statt reagieren, aber jeder Plan, den ich jemals geschmiedet habe, basierte auf der Annahme, dass wir zu zweit sein würden.« Sie sah Theresa hilflos an. »Was soll ich denn jetzt nur tun?« Sie tupfte mit dem Taschentuch unter ihren Augen entlang und für einen kurzen Moment fürchtete Theresa, ihre Mandantin würde sie als Nächstes um ein Urteil zum Zustand ihres Make-ups bitten. Sie beschloss, ihren Abgang vorzubereiten.
»Ich sage Ihnen, was Sie jetzt tun werden«, erklärte sie in eingeübtem Ton, der ein wenig verschwörerisch und vertraut klingen sollte, als wäre sie dabei, ein wohlgehütetes Geheimnis zu teilen. Ein Trick, den Sebastian ihr verraten und den sie zunächst abgelehnt, aber schließlich übernommen hatte. Die mitgebrachte Akte demonstrativ in ihrer Tasche verstauend stand sie auf. »Sie fahren jetzt nach Hause und sagen alle Termine ab, die Sie vielleicht noch für heute geplant hatten.« Sie schlüpfte aus ihrem Talar und begann, ihn sorgsam zusammenzulegen. »Dann öffnen Sie die teuerste Flasche Wein, die Sie im Haus haben. Und während Sie sie trinken, lassen Sie im Geiste noch einmal die schönen Zeiten passieren. Wie Sie sich kennengelernt haben, Ihren Hochzeitstag, gemeinsame Urlaube, all die Momente, in denen Sie gemeinsam glücklich waren.« Sie machte eine Kunstpause, um ihre Worte wirken zu lassen. Dann packte sie die gefaltete Robe in ihre Tasche. »Und dann wischen Sie sich die Tränen ab, gehen zu Bett, und wenn Sie morgen aufwachen, beginnen Sie, neue Pläne zu machen. Nur für sich. Denn ich garantiere Ihnen, es gibt tausend Dinge, die Sie jetzt tun können, die Sie andernfalls nie gewagt hätten.« Sie warf ihrer Mandantin einen aufmunternden Blick zu und bedeutete ihr mit einer Geste, ebenfalls aufzustehen, was diese auch tat. »Am Ende des Flurs ist eine Toilette, falls Sie sich kurz frisch machen wollen«, erwähnte Theresa hilfreich und machte sich bereit für das große Finish. »Und dann verlassen Sie das Gericht erhobenen Hauptes. Morgen fängt ein neues Leben an.«
Keine Minute später war sie auf der Treppe nach unten, während ihre Mandantin in Richtung Toilette aufgebrochen war. Vermutlich würde sie Theresas Rat befolgen und wahrscheinlich würde es ihr danach sogar besser gehen. Zufrieden warf Theresa einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sie pünktlich wieder in der Kanzlei sein würde.
MAI
1
»Ach, Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht sagen, ob ich den richtigen Tee erwischt habe?«
Theresa wandte sich der alten Dame zu, die mit freundlichen Augen zu ihr aufblickte. Selbst ohne ihre hohen Schuhe hätte Theresa einen deutlichen Höhenvorteil gehabt. Ihr Gegenüber konnte nicht viel mehr als einen Meter sechzig messen. Was ihr aber an Größe fehlte, machte sie durch ihr Auftreten wieder wett. Sie trug eine elegante Bluse in Weiß- und Lilatönen über einer dunklen Hose, dazu eine lange, auffällige Halskette und einen ebenfalls violetten Hut. Um ihre Schultern hing ein leichter Sommermantel, der das Ensemble vervollständigte.
»Sie müssen wissen, meine Augen sind nicht mehr die besten«, erklärte sie, was Theresa angesichts der eleganten Kleidung schwer glauben konnte.
»Welchen Tee wollten Sie denn?«
»Also, um ganz ehrlich zu sein, wollte ich mehrere Sorten. Nur weil man alt ist, muss man sich ja nicht langweilen, oder?«
Die alte Dame zeigte ein spitzbübisches Lächeln, das Theresa irgendwie ansteckend fand. Sie warf einen Blick auf den schmalen Pappkarton in den zerbrechlich wirkenden, aber gut gepflegten Händen. »Also gerade haben Sie Kamillentee in der Hand.«
Die alte Dame schüttelte sich und verzog das Gesicht, während sie den Teekarton entrüstet von sich und mit spitzen Fingern zurück in das Regal schob. »Den könnt ihr aber behalten«, sagte sie laut und zu niemandem im Besonderen.
Theresa schmunzelte und in den Augen ihres Gegenübers blitzte es freudig.
»Gut, dass ich gefragt habe. Ach, bitte, ich bräuchte Hagebuttentee und noch etwas anderes. Rooibos vielleicht.«
Theresa ließ den Blick über die Reihen von bunten Verpackungen schweifen und fischte kurz darauf den ersten Karton hervor. »Hier ist schon mal die Hagebutte«, sagte sie und hatte kurz darauf auch die zweite Sorte entdeckt. »Rooibos-Vanille?«
»Oh ja, gern.« Die alte Dame streckte ihr dankbar ihren Einkaufskorb entgegen und Theresa legte beide Kartons hinein. Sie bemerkte, dass er bereits eine Packung Knäckebrot, Quark und ein Glas Marmelade enthielt und fragte sich erneut, wie schlecht es wohl um die Augen der alten Dame bestellt sein konnte.
»Haben Sie vielen Dank.«
»Gern geschehen«, winkte Theresa ab. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«
»Nein, nein, meine Liebe. Sie haben es sicher eilig. Die jungen Leute heute sind doch ständig auf dem Sprung. Und ich halte Sie hier auf.«
»Überhaupt kein Problem«, hörte Theresa sich sagen. »Ich habe Feierabend.« Das entsprach der Wahrheit und zu Hause wartete statt einem gemütlichen Abend zu zweit nur ein Stapel Akten. Carolin war auf Geschäftsreise und würde erst am kommenden Abend zurückkehren.
»Feierabend? Ist es schon wieder so spät?«, fragte die alte Dame. Sie warf einen Blick auf ihr Handgelenk und die Uhr, die dort saß. Ein blass schimmerndes Ziffernblatt in goldener Fassung, das auf einem zarten Goldband ruhte. Sie kniff die Augen zusammen und drehte ihr Handgelenk in verschiedene Richtungen, aber scheinbar, ohne das gewünschte Ergebnis zu erzielen.
»Nein, es ist gerade einmal kurz nach vier«, sagte Theresa.
Die alte Dame blickte sie erstaunt an. »Und da haben Sie jetzt schon Feierabend? Sind Sie etwa Lehrerin?« Theresa lachte kurz auf und wieder nahm das Strahlen in den Augen der alten Dame um eine Nuance zu, streckten sich ihre Schultern ein klein wenig durch und schien sie regelrecht zu wachsen. »Aber da hätten Sie ja quasi Überstunden gemacht«, schob sie hinterher und winkte ab.
Theresa schüttelte amüsiert den Kopf. »Nein, aber ich bin sozusagen meine eigene Chefin und da ich keine weiteren Termine hatte, habe ich mir den Rest des Tages freigegeben.«
»Na, das haben Sie richtig gemacht.« Die alte Dame nickte energisch. Dann hielt sie plötzlich einen Einkaufszettel in der Hand. »Also wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie mir tatsächlich behilflich sein.«
Theresa unterdrückte ein Lächeln und nickte. »Gern.«
»Ich bräuchte Sauerkirschen. Zwei Gläser. Das müsste einen Gang weiter sein.«
Sie zogen los und die alte Dame dirigierte sie durch den Supermarkt, wobei schnell weitere Artikel zusammenkamen, obwohl auf dem Einkaufszettel nur wenige Wörter notiert waren. Theresa quittierte es mit einem Schmunzeln und achtete darauf, zwischendurch auch ihre eigene Liste abzuarbeiten. So bewegten sie sich also systematisch durch die Reihen und Gänge, während sich in ihrem Wagen zwei getrennte Stapel bildeten. Der kleine Korb der alten Dame wäre längst hoffnungslos überfrachtet gewesen.
»Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen noch einpacken«, bot Theresa an, als sie schließlich an der Kasse standen.
»Ach, das wäre ganz lieb.«
Theresa bezahlte und verstaute also zunächst ihren eigenen Einkauf, ehe sie auch die Waren der alten Dame auf den Einkaufskorb und eine Papiertüte verteilte. Die machte sich nun ans Bezahlen. Dabei zog sie ein paar Scheine aus einem Fach ihrer Geldbörse, hielt sie prüfend gegen das Licht und reichte sie schließlich der Kassiererin, die sie wortlos entgegennahm.
Als sie kurz darauf vor dem Supermarkt standen, atmete die alte Dame erleichtert auf.
»Ich kann Ihnen wirklich nicht genug danken. Das finde ich ja ganz wunderbar, dass Sie hier Ihre Zeit opfern, um mir zu helfen. Einer Wildfremden!«
»Gern geschehen«, winkte Theresa ab.
»Nein, nein, das ist wirklich nicht selbstverständlich. Sie kennen mich ja gar nicht. Ich könnte ja irgendjemand sein. Und Sie auch.«
Endlich verstand Theresa und hielt ihrem Gegenüber die Hand hin.
»Theresa. Theresa Stein.«
Die alte Dame strahlte und schüttelte ihr erfreut die Hand. »Charlotte Richter. Aber bitte sagen Sie Charlotte.« Sie zog Theresas Hand noch ein bisschen näher zu sich heran, beugte sich vor und raunte, wieder mit diesem spitzbübischen Lächeln: »Sonst komme ich mir so alt vor.« Sie zwinkerte erneut und Theresa lachte unwillkürlich.
»Gern. Charlotte. Aber darf ich fragen, wie alt Sie eigentlich sind?«
»Raten Sie mal.«
Theresa zögerte kurz und zog höflichkeitshalber ein paar Jahre von dem Alter ab, das sie eigentlich vermutete. »Achtundsiebzig.«
Charlotte lachte erfreut. »Wenn Sie die Zahlen umdrehen, sind Sie schon mal näher dran.«
Theresa hob erstaunt die Brauen. »Siebenundachtzig?«
»Achtundachtzig«, korrigierte Charlotte und nickte auf Theresas ungläubigen Blick hin. »Fast neunundachtzig. Ich bin neunzehnhundertdreißig geboren.«
Theresa schüttelte den Kopf. »Das sieht man Ihnen wirklich nicht an.«
Charlotte winkte ab. »Nochmals: ganz lieben Dank.«
»Nochmals: gern geschehen.« Theresa sah fragend auf die Papiertüte, die nun in ihrem Einkaufswagen stand. »Schaffen Sie es denn ab hier?«
»Aber natürlich. Ich bin doch nicht aus Zucker«, erwiderte Charlotte in beinahe entrüstetem Tonfall. Sie griff mit der rechten Hand nach der Papiertüte und hob sie entschlossen aus dem Einkaufswagen. »Oh, die ist aber schwer«, ächzte sie Augenblicke später und Theresa sah, wie sich die Tüte gefährlich dem Boden näherte. Charlottes rechte Körperhälfte schien in sich zusammenzusacken.
»Wo müssen Sie denn hin?«
»Ach, ich wohne keine zwei Minuten von hier. Das geht schon«, sagte Charlotte, machte aber keine Anstalten, sich wieder aufzurichten.
Ihr kleiner Körper schien windschief zwischen der sekündlich weiter absackenden Papiertüte auf ihrer rechten und dem auf Hüfthöhe baumelnden Korb auf ihrer linken Seite zu hängen.
»Na, kommen Sie, ich bringe Sie noch das Stück«, sagte Theresa. »Lassen Sie mich nur kurz meine Einkäufe im Auto verstauen und den Wagen wegbringen.«
»Ach, ich will wirklich nicht noch mehr Ihrer Zeit in Anspruch nehmen, meine Liebe«, wehrte Charlotte halbherzig ab, ließ die Tüte aber vorsichtig auf den Boden gleiten und sah Theresa erwartungsvoll an.
»Ich bin gleich wieder da«, nickte diese und beeilte sich, wie angekündigt ihre Sachen ins Auto und den Einkaufswagen zurück zur Sammelstelle zu bringen. Als sie wieder zu Charlotte zurückkehrte, nahm sie die Papiertüte auf und machte nach kurzem Zögern eine Geste, ihr auch den Korb noch abnehmen zu können.
Charlotte schien augenblicklich um mehrere Zentimeter zu wachsen, die Schultern wieder zurückgezogen, der Rücken durchgestreckt. »Nein, nein, soweit kommt es noch. Den kann ich schön selbst tragen.«
Theresa zog ihre Hand zurück und hielt sie ergeben in die Höhe.
»Dann kommen Sie«, sagte Charlotte, machte auf dem Absatz kehrt und ging eiligen Schrittes in Richtung Straße. Theresa blieb kurz stehen und schüttelte amüsiert den Kopf, ehe sie ihr nacheilte.
Charlotte hatte nicht untertrieben – sie waren keine zwei Minuten unterwegs, ehe sie erst in eine kleine Seitenstraße einbogen und dann direkt durch eine neben einer Garage versteckte und beinahe zugewachsene Pforte auf einen langen, geraden Gartenweg gelangten.
Theresa staunte und hätte nun ihrerseits beinahe die Papiertüte auf den Boden sacken lassen. Vor ihr erstreckte sich ein dicht bewachsener, aber gut gepflegter Garten. In einem beinahe perfekten Quadrat links des gepflasterten Weges säumten ein Rosenbeet und eine Reihe von Topfpflanzen eine saftig grüne Rasenfläche. Theresa erkannte Pfingstrosen und Hortensien, ein Stück weiter Fingerhut und Lavendel, einen großen weißen Fliederstrauch und diverse andere Pflanzen und Stauden, die sie nicht benennen konnte. Dahinter waren eine hohe Mauer und erst mit einigem Abstand weitere Gebäude zu erkennen.
»Kommen Sie, Theresa, die Sachen müssen in den Kühlschrank«, rief Charlotte, die sich kurz zu ihr umgedreht hatte und jetzt wieder flotten Schrittes voranging. Augenblicke später hatte sie das Haus erreicht.
Zweistöckig und mit einem großzügigen Balkon schräg versetzt über einer ebenfalls von Blumen und Sträuchern gesäumten Terrasse wirkte das Haus in gleichem Maße hell und einladend wie klein und verwunschen. Wie seine Besitzerin war es deutlich in die Jahre gekommen, aber trotzdem bestens in Schuss und sehr gepflegt. Die weiße Fassade war von schweren Holzschaltern an den Fenstern geprägt, die im gleichen Braun gestrichen waren wie Balkon und Giebel.
An der ebenfalls großzügig bepflanzten Terrasse vorbei führte der Weg zur linken Seite des Hauses und der massiven Haustür, die Charlotte bereits geöffnet hatte und nun mit dem Fuß aufstieß. »Da sind wir«, rief sie über ihre Schulter.
»Sie wohnen ja einfach traumhaft hier«, stieß Theresa hervor. »Das glaubt man von der Straße aus nicht.«
Charlotte ließ ein zufriedenes Lächeln erkennen und bedeutete Theresa, ihr ins Innere zu folgen. »Ja, wir hatten auch ein bisschen Glück damals. Nach dem Krieg lag hier doch alles in Schutt und Asche, und dieses Grundstück war wohl beim Wiederaufbau anfangs übersehen worden, weil das Vorderhaus teilweise stehengeblieben war und dann von der Straße her erst mal kein direkter Zugang bestand. Mein Schwiegervater hat es dann entdeckt und mein Mann hat es damals schon mit aufgebaut.« In ihrer Stimme schwang hörbar Stolz mit. »Die ganze Familie hat geholfen, das waren alles sehr tüchtige Menschen. Mein Friedrich ist ja später auch ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann geworden, obwohl er sich alles allein erarbeiten musste.« Sie hielt kurz inne und ihr Ton wechselte in etwas leicht Missbilligendes. »Das hat sich ja leider nicht unbedingt auf die nächste Generation übertragen.« Sie seufzte kurz und bedeutete Theresa dann, ihr weiter zu folgen.
Sie betraten eine großzügige Diele, von der mehrere Türen und ein Flur abgingen, und während Charlotte aus ihrem Sommermantel schlüpfte und diesen an einer ebenfalls hölzernen Garderobe aufhängte, wies sie auf den Flur. »Ach bitte, wenn Sie einfach alles in die Küche stellen wollen. Gleich die erste Tür.«
Theresa ging die paar Schritte durch den Flur und betrat die Küche, die geräumig und ein wenig urig und offenbar um einen großen massiven Ofen herum errichtet worden war. Alles wirkte ordentlich und gepflegt, kein Staubkorn und keine Brotkrume waren zu sehen. Charlotte musste also entweder eine Putzfrau haben oder ihr Sehvermögen war in der Tat deutlich besser, als sie behauptet hatte.
Theresa trat an die Arbeitsfläche und begann die Einkäufe auszupacken. Charlotte, die nun hinter ihr ebenfalls in die Küche trat, begann sogleich, einzelne Teile in unterschiedlichen Schränken zu verstauen.
»Wo kommen denn die Sauerkirschen hin?«, fragte Theresa und hielt die schweren Gläser in die Höhe.
»Die kommen in die Speisekammer. Zum Wochenende will ich Kuchen backen.«
Charlotte wies auf eine kleine Tür in einer Ecke und Theresa trat in eine begehbare Speisekammer mit einer Reihe selbstgezimmerter Fächer und Regale. Sie erspähte Backzutaten und stellte die Sauerkirschen dazu, entdeckte aber, dass ein Stück dahinter bereits mehrere Gläser ordentlich aufgereiht waren.
Als sie wieder hinaus in die Küche trat, hatte Charlotte die übrigen Einkäufe bereits verschwinden lassen und schloss gerade die Tür des unter der Arbeitsfläche eingelassenen Kühlschranks.
»Und jetzt trinken wir erst mal einen Kaffee«, sagte sie und streckte sich nach der beinahe altmodisch anmutenden Filtermaschine. »Oder kann ich Ihnen sonst noch etwas anbieten? Es ist ja schon bald Abendbrotzeit«, sagte sie und begann, Kaffeepulver in den Filter zu löffeln.
Theresa warf einen erstaunten Blick auf die altmodische Küchenuhr. Viertel nach fünf. War wirklich schon eine Stunde vergangen, seit sie Charlotte im Supermarkt begegnet war?
»Ich habe noch etwas Kuchen da oder ich könnte Ihnen ein schönes Ahle Wurscht-Brot anbieten«, fuhr Charlotte unbeirrt fort und füllte auch schon das Wasser in die Maschine.
»Nein, nein, danke Ihnen«, lehnte Theresa ab. Sie hatte sich eben an der Salatbar ihr Abendessen zusammengestellt und freute sich schon, dazu ein schönes Glas Wein zu trinken. »Das ist auch wirklich nicht nötig.« So unterhaltsam der Nachmittag gewesen war, es wurde Zeit, sich zu verabschieden.
»Schlagen Sie einer alten Frau doch nicht ihren Wunsch ab. Sie wissen nie, ob es nicht der letzte ist«, kokettierte Charlotte und Theresa musste grinsen. Sie gab nach.
»Okay. Einen Kaffee.«
Charlotte lächelte zufrieden und wies auf die Tür. »Dann zeige ich Ihnen noch schnell das Haus, während der Kaffee durchläuft.«
Sie führte Theresa durch das Haus, das sich als deutlich größer herausstellte, als das Äußere hätte vermuten lassen. Die Einrichtung war offensichtlich noch aus einer länger zurückliegenden Dekade, überwiegend aus massivem Holz und viel zu dunkel für heutige Verhältnisse. In einem Arbeitszimmer stand eine antike Standuhr, die beharrlich vor sich hin tickte, aber zugleich das Gefühl noch zu verstärken schien, dass die Zeit hier stehengeblieben war. Um einen offenen Kamin im Wohnzimmer herum waren zwei Sofas und ein Paar Sessel angeordnet, auf denen schon lange niemand mehr gesessen zu haben schien, und auf einem Absatz stand ein gerahmtes Bild, an dem Charlotte einen Augenblick verweilte, ehe sie sanft über den Rahmen strich.
»Mein verstorbener Mann«, erklärte sie mit hörbarer Hingabe in der Stimme und Theresa warf einen Blick auf die Fotografie, die einen sympathisch wirkenden älteren Mann zeigte, der mit hinter dem Kopf verschränkten Armen in einem Sonnenstuhl saß und über etwas zu lachen schien. »Mein Friedrich. Tja, der ist nun auch schon über zehn Jahre tot.«
Sie gingen weiter und Theresa stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass sie sich seltsam wohl fühlte in diesem alten Haus, obwohl sie selbst einen ganz anderen Geschmack hatte. Sie konnte sich nicht recht erklären, warum, aber sie empfand die Atmosphäre als irgendwie behaglich und auf eine Art vertraut.
Schließlich standen sie vor einer Treppe, die ins Obergeschoss führte, und Charlotte wies flüchtig hinauf. »Oben befinden sich nur mein Schlafzimmer, ein kleines Gästezimmer und das Bad.« Theresa runzelte erstaunt die Stirn. Angesichts der Größe des Hauses schienen das mehrere Zimmer zu wenig. »Der Rest gehört zu einer Einliegerwohnung«, erklärte Charlotte. »Den Balkon vorn haben Sie gesehen?« Theresa nickte stumm. »Nach hinten geht auch noch einer raus und über die Außentreppe zur Wohnung kommen Sie auch direkt in den hinteren Garten.« Charlotte schien nur darauf zu warten, dass Theresa erstaunt die Brauen hob. »Ja, hinten ist auch noch Garten«, lächelte sie. »Ungefähr so groß wie der vorn. Und von dort gibt es auch noch mal ein größeres Tor und eine Zufahrt. Vorn durch die kleine Pforte kriegen Sie so ein Grundstück ja nicht versorgt.«
Charlotte stand der Stolz deutlich ins Gesicht geschrieben und Theresa war seltsam beeindruckt. Das Haus rührte an irgendetwas in ihr, ohne dass sie eine Erklärung dafür hatte.
Sie waren wieder in der Küche angekommen und Charlotte ging schnellen Schrittes zur Anrichte und goss den inzwischen fertigen und herrlich duftenden Kaffee in eine altmodische Porzellankanne. »Ja, hier steckt viel Arbeit drin und viel Planung«, erklärte sie und stellte die Kanne, zwei passende Tassen, eine Zuckerdose und einen Milchgießer auf ein Tablett, ehe sie damit auch schon wieder auf dem Weg aus der Küche hinaus war. Theresa folgte ihr und kurz darauf waren sie vom Wohnzimmer aus in einen gemütlichen Wintergarten gelangt, der auf den Garten hinausging. Um einen kleinen Kaffeetisch herum standen bequeme Polstersessel und Charlotte bedeutete ihr, in einem davon Platz zu nehmen, ehe sie das Tablett abstellte und sich ihr gegenüber niederließ.
»Anfangs haben mein Mann und ich in der Einliegerwohnung gelebt und meine Schwiegereltern hier unten. Später sind wir dann heruntergezogen und mein Schwiegervater hat oben gewohnt. Aber das ist lange her.« Sie goss den Kaffee in die offenbar zum selben Service gehörenden Tassen. »Mit Milch und Zucker?«
»Etwas Milch, danke.«
»Tja, und dann haben wir ja gedacht, dass vielleicht eines der Kinder hier einziehen würde«, fuhr Charlotte fort und in ihrer Stimme lag nun Enttäuschung. »Aber das wollten sie beide nicht.«
Theresa ließ sich in das tiefe Polster zurücksinken und genoss den Ausblick durch die große Fensterfront in den grünen Garten. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie sich keine zweihundert Meter von der vielbefahrenen Hauptstraße entfernt befanden. Sie wusste, dass gerade Wehlheiden und Wilhelmshöhe viele Hinterhäuser boten, war schon in einigen gewesen, zu Besuch bei Freunden oder Bekannten, auf Geburtstagsfeiern oder auch der einen oder anderen Gartenparty. Aber nichts, was sich mit diesem versteckten Schmuckstück vergleichen ließ, auch wenn es sicher nicht das einzige in Kassel war.
»Und Sie sind sicher, dass ich Ihnen nicht doch noch etwas anbieten kann?«, unterbrach Charlotte ihren Gedankengang.
»Ganz sicher, vielen Dank. Der Kaffee ist ausgezeichnet.«
»Also schön. Dann genießen Sie ihn und ich höre auf, Ihnen noch mehr aufdrängen zu wollen.«
Theresa nahm einen weiteren Schluck von dem Kaffee, der in der Tat mindestens genauso gut schmeckte wie der, den der sündhaft teure Automat in ihrer eigenen Küche ausspuckte. Sie sah in den Garten hinaus und für einen langen Moment saßen sie in einvernehmlichem Schweigen.
»Sie sehen aus, als dächten Sie über etwas nach, meine Liebe«, brach Charlotte schließlich die Stille und Theresa schaute auf die Kaffeetasse in ihrer Hand. Das Service musste ebenso alt sein wie das Mobiliar und offenbar genauso gut erhalten.
»Die Einliegerwohnung oben«, hörte sie sich zu ihrem eigenen Erstaunen fragen, »vermieten Sie die?«
»Oh nein, die steht schon lange leer«, winkte Charlotte ab. Dann sah sie Theresa aufmerksam an. »Wieso?«
Theresa stellte ihre Tasse auf den Tisch zurück. »Entschuldigen Sie, das ist vielleicht völlig unangemessen, aber haben Sie schon mal daran gedacht, sie vielleicht doch zu vermieten?«
Charlotte legte den Kopf schief, als müsste sie darüber nachdenken. »Na ja, meine ehemaligen Klassenkameradinnen haben es schon mehrfach vorgeschlagen, damit ich hier nicht so allein bin, aber ich weiß nicht, wildfremde Menschen im Haus …« Sie machte eine vage Handbewegung. »In meinem Alter stellt man sich nicht mehr so leicht auf Neues ein. Und das wäre ja doch eine ganz schöne Umstellung, plötzlich wieder Leute hier zu haben, Wand an Wand.« Sie sah hinaus in den Garten und ihr Blick schien an den Apfelbäumen in der entlegenen Ecke haften zu bleiben. »Andererseits«, fuhr sie fort und Theresa hielt unwillkürlich den Atem an. »Es wäre schon schön, wenn hier wieder etwas mehr Leben wäre.«
Einen Augenblick verharrten sie so, Theresa still auf Charlotte schauend und Charlotte beinahe sehnsüchtig zu den Apfelbäumen hinüber starrend.
»Wieso fragen Sie, meine Liebe?«
Theresa räusperte sich und zögerte noch einen Moment, weil sie keine Ahnung hatte, woher ihre nächsten Worte kamen. »Weil ich sofort hier einziehen würde.«
Charlotte lachte kurz auf, ehe sie zu erkennen schien, dass Theresa es durchaus ernst meinte. »Tja, also, ich weiß nicht, das kommt jetzt etwas plötzlich.« Sie schien sich sammeln zu müssen und griff nach kurzem Zögern zu ihrer Kaffeetasse.
Theresa tat es ihr gleich und nahm ebenfalls einen Schluck.
»Also ich habe immer gesagt, wenn ich die Wohnung vermiete, müssten die Leute jung sein und sie müssten anständig sein.« Charlotte musterte Theresa über ihre Tasse hinweg. »Jung sind Sie ja.«
Theresa zögerte einen Augenblick, bemerkte dann aber den Schalk, der sich wieder in Charlottes Augen gestohlen hatte.
»Sie sagten vorhin, dass Sie Ihre eigene Chefin sind«, fuhr diese fort. »Wie habe ich das denn zu verstehen?«
Theresa atmete innerlich auf. »Ich bin Anwältin und habe mit zwei Freunden vor einigen Jahren eine Kanzlei gegründet.«
Charlotte nickte wohlwollend. »Aber sind Sie dafür nicht reichlich jung? So ein Jurastudium dauert doch eine ganze Weile.«
Theresa verkniff sich ein Lachen. »Ich bin sechsunddreißig und seit gut neun Jahren mit dem Studium fertig.«
Charlotte nickte erneut anerkennend. »Eine eigene Kanzlei. Das finde ich großartig. So als Frau.« Sie nippte erneut an ihrem Kaffee. »Ja, für Sie ist das heute sicher nichts Besonderes mehr, aber zu meiner Zeit – undenkbar. Ich durfte noch nicht einmal Abitur machen, geschweige denn studieren.« Sie winkte ab. »Na ja, das waren andere Zeiten.«
»Verzeihen Sie, aber warum durften Sie nicht?«, fragte Theresa aus ehrlichem Interesse.
»Meine Eltern wollten es nicht«, erklärte Charlotte leichthin, aber es schien eine Spur von Bitterkeit in ihrer Stimme zu liegen. »Sie fanden wohl, es führe ohnehin zu nichts. Und dann war ja auch der Krieg gerade erst zu Ende, da konnte man sich glücklich schätzen, wenn man einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle bekam und Geld nach Hause bringen konnte.« Sie beugte sich leicht vor und zwinkerte Theresa zu. »Und dann haben wir die Kinder damals natürlich auch viel früher bekommen, als das heute üblich ist.«
Theresa bemerkte die Fotos an der Wand hinter Charlotte. »Sind das Ihre Kinder?«, fragte sie mit einer Kopfbewegung in Richtung der vielen Bilder, die akkurat über- und untereinander hingen und alle in den gleichen silbernen Rahmen steckten.
»Ja, das ist der ganze Verein«, bestätigte Charlotte und wandte sich auf ihrem Stuhl um. Sie wies auf eines der Bilder. »Das ist mein Sohn mit seiner Frau und den beiden Jungs. Die sind aber mittlerweile auch schon fast dreißig und der Papa wird auch schon vierundsechzig.« Sie machte ein Gesicht, als werte sie das Alter ihres Sohnes nicht zu seinem Vorteil. »Na ja, dann kann er wohl bald ganz aufhören, zu arbeiten.« Das Missfallen in ihrer Stimme war deutlich. Sie wies auf ein anderes Foto, das eine hübsche junge Frau mit einem Mann und einem ihr sehr ähnlich sehenden Kind zeigte. »Das ist meine Tochter mit meiner Enkeltochter. Den Mann gibt es inzwischen nicht mehr«, sagte sie und wandte sich wieder Theresa zu. »Geschieden«, raunte sie. »Aber das ist ja heute auch nichts Verwerfliches mehr.« Ihr Ton und ihr Gesichtsausdruck ließen indes keinen Zweifel daran, dass sie es genau dafür hielt.
Theresa studierte die übrigen Bilder. Hier und da erkannte sie Aufnahmen jüngeren Datums der einzelnen Familienmitglieder, dazwischen deutlich ältere. Schnappschüsse, die Kinder in Strampelhöschen oder Badesachen zeigten, beim Essen, beim Spielen, vor Dünen, in den Bergen. Mindestens zwei Bilder mussten hier im Garten entstanden sein. Glückliche Eltern und entspannte Mienen. Die jüngeren Bilder hingegen wirkten formaler, angestrengter und waren deutlich weniger an der Zahl.
»Haben Sie denn Kinder?«, fragte Charlotte unvermittelt.
»Nein«, sagte Theresa und unterdrückte ein Schmunzeln. Wenn Charlotte wüsste, wie sie aufgewachsen war, hätte sie die Frage nach Kindern vielleicht nicht gestellt. Aber sie hätte vielleicht auch nicht mehr automatisch angenommen, dass Theresa aus anständigen Verhältnissen kam.
»Kinder sind doch etwas ganz Wunderbares, Theresa«, sagte Charlotte und schaffte es, in der Folge kritisch und hingebungsvoll zugleich zu klingen. »Ich halte ja nichts von dem Tamtam, das heute darum gemacht wird. Wir haben die Kinder früher unter ganz anderen Bedingungen bekommen und nicht so ein Gewese gemacht, aber es gibt tatsächlich nichts, das Ihnen so vor Augen führt, wie unbegreiflich und geheimnisvoll das Leben ist und wie simpel zugleich. Ein bisschen Liebe, Nahrung und Licht –« Sie schaute wieder hinaus in den Garten und grinste schelmisch. »Am Ende brauchen wir auch nicht viel mehr als die Pflanzen da draußen.«
Theresa war unsicher, was sie darauf erwidern sollte, aber Charlotte erlöste sie, ob aus Rücksicht oder Unaufmerksamkeit hätte Theresa nicht sagen können. »Aber verheiratet sind Sie doch sicher?«
»Auch das nicht«, verneinte Theresa. »Aber seit etwas mehr als acht Jahren in einer festen Beziehung.«
Charlotte versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen, aber es gelang ihr nicht besonders gut. »Na, dann brauchen Sie das verflixte siebte Jahr zumindest nicht mehr zu fürchten. Acht Jahre sind ja schon mal was.« Sie seufzte tief, als wäre sie selbst nicht ganz von ihren Worten überzeugt. »Den meisten Leuten scheint es ja heute an Ausdauer zu mangeln. Sie ziehen viel zu schnell zusammen und dann trennen sie sich und einer muss ausziehen und der andere kann sich die Miete allein nicht mehr leisten –« Sie zuckte mit den dürren Schultern. »In meinem Alter ist man nicht mehr so flexibel. Ich könnte nicht ständig neue Leute dahaben. Deshalb wäre es mir schon wichtig, wenn überhaupt, jemanden zu finden, der in einer stabilen Beziehung ist.« Sie sah Theresa eindringlich an und machte dann eine Handbewegung, als wollte sie etwas zur Seite wischen. »Was macht denn Ihr Lebensgefährte?«
»Meine Lebensgefährtin«, sagte Theresa, »ist auch Anwältin, aber mit einer anderen Spezialisierung und in einer gr0ßen Kanzlei.«
»Ah«, sagte Charlotte und nickte wiederholt, während sie das Gesagte zu verarbeiten schien. Ihr Gesichtsausdruck blieb einen Moment unlesbar, dann legte sich ein erfreutes Lächeln über ihre Züge. »Zwei Anwältinnen, das passt ja sicher gut.« Sie nickte nochmals und strahlte Theresa schließlich über den Tisch hinweg an.
»Also ich finde das ganz wunderbar. Zu meiner Zeit gab es das ja nicht oder es wurde zumindest nicht darüber geredet. Aber heute ist das alles anders.« Theresa lächelte achselzuckend. »Aber sagen Sie, wenn auch diese Frage erlaubt ist«, fuhr Charlotte fort, ohne Theresa eine Chance zu geben, ihre Erlaubnis zu erteilen oder zu verweigern, »möchten Sie denn nicht heiraten? Das ist doch jetzt gesetzlich erlaubt, oder?«
Theresa zögerte kurz. Sicher würde die Aussicht auf eine baldige Hochzeit ihre Chancen auf die Wohnung steigen lassen und es war der nächste logische Schritt für sie und Carolin. Aber sie hatten sich nie auf einen Zeitraum festgelegt und gerade war auch nicht die Zeit dafür.
»Es geht mich im Grunde ja nichts an«, fuhr Charlotte fort, »aber wissen Sie, ich war fast sechzig Jahre verheiratet, bin es im Grunde immer noch, auch wenn mein Mann nicht mehr bei mir ist. Das ist doch etwas anderes, als nur so zusammenzuleben.« Sie legte ihre Hände zusammen und schaute kurz auf die beiden Goldringe, die sie am rechten Ringfinger trug. »Und dann möchten Sie ja vielleicht auch Kinder?« Sie sah Theresa offen an. »Das ist ja heute wohl auch kein Problem mehr.« Theresa lächelte verlegen und widerstand Charlottes bohrendem Blick, bis diese wieder hinaus in den Garten sah. »Es wäre so schön, noch einmal Kinder auf die Apfelbäume klettern zu sehen. So ein Garten braucht doch Leben.«
Theresa suchte immer noch nach einer angemessenen Antwort, aber Charlotte winkte ab. »Sie müssen es mir nachsehen, Theresa. Da spricht das Alter aus mir. Das Alter und die Einsamkeit. Nichts für ungut.« Sie lehnte sich wieder in ihren Sessel zurück. »Ich kann mir auch denken, dass das heute alles komplizierter ist als zu meiner Zeit. Sie haben studiert und sich etwas aufgebaut, da wirft ein Kind natürlich alles über den Haufen.« Theresa blinzelte, aber Charlottes Worte schienen einfach nur eine Feststellung zu sein, ohne unterschwellige Missbilligung oder Kritik. »Wir hatten ja damals nichts zu verlieren«, sagte sie mit einem Achselzucken. »Wir haben gearbeitet, dann die Kinder bekommen und dann sind wir zu Hause geblieben und die Männer haben das Geld verdient und das Sagen gehabt. Wissen Sie, wann ich mein erstes eigenes Bankkonto hatte? Nachdem mein Mann gestorben war.« Wieder machte Charlotte eine wegwischende Handbewegung. »Das war ja das Normale. Kinder kriegen, großziehen, den Haushalt führen. Das wurde so erwartet. Wir kamen eher in Teufels Küche, wenn wir nicht schwanger wurden.« Sie sah Theresa wieder mit diesem spitzbübischen Ausdruck an. »Oder zu schnell. Siebenmonatskinder, sagt man das heute noch?«
Theresa schüttelte den Kopf, erleichtert, dass sie für den Moment aus der Schusslinie schien.
»Siebenmonatskinder. So hieß das, wenn die Geburt früher als die respektablen neun Monate nach der Heirat lag«, erklärte Charlotte eifrig. »Da ging die Schwangerschaft dann offiziell eben schneller und die Kinder kamen ein bisschen früher.« Sie beugte sich wieder ein Stück vor und näher zu Theresa hin. »Eine Klassenkameradin von mir hat ihr erstes Kind sogar noch vor der Hochzeit bekommen. Wissen Sie, wie wir das genannt haben?«
Theresa schüttelte den Kopf.
»Das Jesuskind«, raunte Charlotte und klatschte vergnügt in die Hände. »Natürlich hinter ihrem Rücken. Sowas wurde ja nicht offen angesprochen.« Sie lachte noch einmal und griff dann wieder nach ihrer Kaffeetasse.
Theresa warf einen versteckten Blick auf ihre Uhr und beschloss, die Unterbrechung in Charlottes Redefluss zu nutzen. »Könnte ich die Wohnung denn mal anschauen?«
»Natürlich.« Theresa trank ihren Kaffee aus und machte sich bereit, aufzustehen, aber Charlotte bremste sie. »Ja, aber nicht heute. Da muss ich schon erst mal nach dem Rechten sehen. Da war doch seit Jahren niemand mehr drin.«
Theresa hatte ihre Zweifel, ob des tadellosen und absolut staubfreien Zustands des übrigen Hauses, nickte aber nur. »Sicher.« Sie sank zurück in den weichen Polstersessel.
»Und ich würde dann natürlich auch gern Ihre Lebensgefährtin kennenlernen.«
»Selbstverständlich. Sie müsste sich das alles hier natürlich auch erst anschauen.«
»Wunderbar«, sagte Charlotte und schlug erfreut die Hände zusammen. »Vielleicht können Sie dann als Nächstes gemeinsam vorbeikommen.«
»Aber gern«, nickte Theresa und ging in Gedanken den Terminkalender für die kommenden Tage durch. Carolin würde morgen zurück sein und das Wochenende über bleiben, aber Anfang der neuen Woche schon wieder aufbrechen. Sie arbeitete in einer großen Kanzlei und war gerade in der letzten Zeit viel zwischen den einzelnen Standorten unterwegs.
»An wann hatten Sie denn gedacht?«
»Rufen Sie mich doch die Tage mal an, dann machen wir etwas aus«, antwortete Charlotte ausweichend, aber mit freundlichem Lächeln.
»Gern.«
Eine gute Dreiviertelstunde später schloss Theresa ihre Wohnungstür auf, ihre Einkäufe im Arm und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Daran konnte auch der kleine gelbe Zettel nichts ändern, den sie bei der Rückkehr zu ihrem Wagen hinter dem Frontscheibenwischer vorgefunden hatte und der jetzt in ihrer Handtasche lag. Sie hatte die maximale Parkdauer für Kunden des Supermarktes überschritten und wurde jetzt von der privaten Überwachungsfirma zur Kasse gebeten.
An jedem anderen Tag hätte das gereicht, Theresas Laune erheblich zu verschlechtern. Sie führte Dinge wie Strafzettel oder Mahnschreiben auf mangelnde Organisation und schlechtes Zeitmanagement zurück. Beides traf nicht auf sie zu, weshalb sie allenfalls Strafzettel bekam, wenn sie mit Carolin unterwegs war und diese zu Theresas Ärger mal wieder gänzlich darauf verzichtete, ein Ticket zu lösen. Sich selbst überlassen passierten ihr diese Dinge nicht. Entsprechend irritiert hatte sie auf den gelben Zettel geschaut, ihn dann aber kurzerhand unter dem Scheibenwischer hervorgezogen und in ihrer Tasche verschwinden lassen.
Gleich aus dem Auto hatte sie Carolin geschrieben.
Hey! Wann bist du im Hotel?
Dann war sie durch den Feierabendverkehr, den sie eigentlich hatte vermeiden wollen, nach Hause gefahren. Als sie jetzt ihre Küche betrat und die Einkäufe abstellte, ertönte das akustische Signal, das eine Antwort von Carolin verkündete. Zurück in den Flur gehend las sie die Nachricht.
Wird spät. Gehen noch essen.
Die Schuhe abstreifend seufzte Theresa. Erfahrungsgemäß würde Carolin am nächsten Morgen genauso wenig Zeit haben. Während sie ins Schlafzimmer ging, tippte sie eine Antwort.
Arbeite ohnehin noch. Ruf einfach an, wenn du im Hotel angekommen bist.
Sie tauschte die Arbeitsklamotten gegen etwas Bequemeres, machte sich kurz im Bad frisch und kehrte dann in die Küche zurück, wo sie gerade die Einkäufe verstaute, als ein weiteres Signal erklang.
Okay.
Sie legte das Handy auf den Küchentisch und atmete einmal tief durch. Dann schenkte sie sich ein Glas von dem offenen Weißwein aus dem Kühlschrank ein, sammelte im Flur ihre Aktentasche ein und ging hinüber ins Wohnzimmer. Während sie einen Blick aus dem großen Fenster auf den schmalen Grünstreifen zwischen der Hauswand und dem Zaun zum Nachbargrundstück warf, fragte sie sich, ob sie ihren Feierabendwein vielleicht schon bald in Charlottes Garten oder auf einem der Balkone würde genießen können. Sie ließ sich auf der Couch nieder, wo sie einen Schluck von ihrem Wein nahm, ehe sie das Glas auf dem kleinen Tisch davor abstellte. Vor ihr lag ein langer Abend mit den aus der Kanzlei mitgebrachten Akten. Zwischendurch würde sie den Salat verspeisen, den sie vorhin gekauft hatte, ein zweites Glas Wein trinken und dann warten, dass Carolin sich meldete. Sie holte ihre Arbeitstasche aus dem Flur. Aber zu allererst würde sie den lästigen Strafzettel bezahlen.
2
Theresa trank ihren Kaffee in der Küche neben der Maschine stehend. Wie jeden Morgen hörte sie dabei die Nachrichten zur vollen Stunde. Ihr Müsli hatte sie bereits gegessen und jetzt schaute sie leicht irritiert auf ihr Handy.
Carolin hatte sich nicht mehr gemeldet letzte Nacht und ein wenig enttäuscht, aber nicht sonderlich überrascht, hatte Theresa gegen Mitternacht beschlossen, ins Bett zu gehen. Sie hatte das zweite Glas Wein geleert und zusammen mit den Überresten ihres Abendessens in die Küche getragen, das Geschirr in die Spülmaschine geräumt und die Lichter gelöscht.
Als sie vor einer guten halben Stunde aufgestanden war, hatte es noch immer kein Lebenszeichen von Carolin gegeben. Erst als Theresa aus der Dusche gekommen war, hatte das Display ihres Smartphones eine neu eingegangene Nachricht angezeigt.
Entschuldige, spät geworden. Wollte dich nicht mehr wecken. Jetzt schon unterwegs, früher Termin.
Einen Schluck von ihrem Kaffee nehmend tippte Theresa eine kurze Antwort. Okay. Im Grunde konnte es ja bis heute Abend warten und es wäre ohnehin schöner, Carolin von Angesicht zu Angesicht von ihrer Begegnung mit Charlotte und dem traumhaften Grundstück zu berichten. Sie wollte das Handy gerade zur Seite legen, als eine weitere Nachricht eintraf, und Theresa stellte sich vor, wie Carolin in einem Meeting mit Klienten und Kollegen saß und verstohlen ihr Handy bediente.
Nein, das passte nicht. Carolin tat eigentlich nichts verstohlen. Schon eher würde sie, mitten in einer längeren, aber präzisen Einlassung zu den Feinheiten dieser oder jener gesetzlichen Regelung, beiläufig auf ihr Handy schauen, eine kurze Nachricht verfassen und abschicken, ohne ihren roten Faden zu verlieren oder auch nur ins Stocken zu geraten. Was immer Carolin tat, sie tat es mit absoluter Selbstsicherheit und Autorität.
Sauer?, hatte Carolin geschrieben und Theresa antwortete ebenso knapp.
Alles gut.
Augenblicklich erschienen die drei fluktuierenden Punkte, die anzeigten, dass Carolin eine Antwort tippte.
Mache es heute Abend wieder gut!?
Theresa zog unwillkürlich die Augenbrauen in die Höhe. Sie konnte sich einer gewissen Skepsis ob dieses Versprechens nicht erwehren. Carolin würde erschöpft von den vergangenen Tagen sein.
Ich bin gespannt, schrieb sie zurück und legte das Handy auf der Küchenanrichte ab, während sie den letzten Schluck ihres Kaffees trank. Dann spülte sie ihren Becher aus und stellte ihn zusammen mit der Müslischale zum Geschirr des Vorabends in die Maschine.
Im Wohnzimmer sammelte sie ihre Akten und Notizen ein, die in einem ordentlichen Stapel auf dem Couchtisch lagen, und packte sie in ihre Tasche. Im Schlafzimmer trat sie noch einmal kurz vor den Spiegel, strich ihr Kleid glatt und zog einen leichten Blazer darüber. Dann ging sie noch einmal in die Küche zurück, vergewisserte sich, dass Kaffeemaschine und Radio ausgeschaltet waren, und nahm ihr Smartphone wieder auf. Beim Blick auf das Display musste sie unweigerlich lächeln. Auch diese Nachricht bestand nur aus einem einzigen Wort.
Hey.
Sie rollte mit den Augen, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen und tippte eilig ihre Replik.
Ho.
Dann ließ sie das Handy in ihre Handtasche gleiten, trat in den Flur, nahm die Schlüssel aus der Schale auf dem kleinen Schränkchen und verließ mit einem schnellen Blick auf ihre Armbanduhr die Wohnung. Sie würde sich beeilen müssen, es aber wohl auch an diesem Morgen schaffen, trotz des Verkehrs pünktlich um halb neun in der Kanzlei zu sein.
Auf dem Weg in die Tiefgarage und bis das Autoradio sie aus dem Takt brachte, hallte ihr der Refrain des Lumineers-Song Ho hey in den Ohren.
»Na, dein Morgen hat offensichtlich gut begonnen.«
Theresa blickte auf und sah Sebastian in der Tür zu ihrer kleinen Kanzleiküche stehen, die Hände in den Hosentaschen, ein amüsiertes Grinsen auf dem Gesicht. Sie sah ihn fragend an.
»Du summst«, sagte er und kam herein.
Theresa zog die Schultern hoch. »Ohrwurm.« Sie wandte sich wieder dem Kaffeeautomaten zu, in den sie gerade frische Milch gefüllt hatte, und drückte auf die Starttaste. Dann sah sie zu, wie die dampfende Mischung aus Kaffee und Milch in ihre Tasse strömte. »Aber du hast nicht unrecht«, sagte sie mit einem Seitenblick auf Sebastian, der sich eben auch eine Tasse aus dem offenen Wandregal nahm.
»So?«, fragte er und wartete bis Theresa ihr fertiges Getränk aufnahm und einen Schritt zur Seite trat, ehe er sich selbst vor der Maschine positionierte.
Theresa rührte den Milchschaum in ihren Kaffee und lehnte sich neben Sebastian gegen die Anrichte. »Ich glaube, ich bin verliebt«, erklärte sie mit einem gespielten Augenaufschlag.
»Oookay«, sagte Sebastian gedehnt und grinste. »Weiß Carolin es schon?«
Theresa zuckte betont die Achseln. »Noch nicht.« Sie reichte Sebastian ihren Löffel. »Heute Abend.«
Sebastian begann ebenfalls in seiner Tasse zu rühren und sah sie fragend an.
»Ich schätze, ich habe mein Traumhaus gefunden«, erklärte sie. Anfangs war sie noch unsicher gewesen, was an dem Haus sie so in seinen Bann zog, aber spätestens mit dem Zubettgehen hatten sie jegliche Zweifel verlassen. »Oder meine Traumwohnung«, korrigierte sie sich. »Das Haus steht leider nicht zur Debatte, aber dieses Grundstück …« Sie seufzte. »Zum ersten Mal verstehe ich, warum manche Mandanten zum Äußersten bereit sind, um ihre Häuser zu behalten.«
Sebastian lachte auf. »Hast du etwa gerade Verständnis dafür geäußert, die Regeln zu brechen? Du? Du gehst doch nicht mal bei Rot über die Ampel.«
Sie wandte sich ihm zu. »Ich möchte zu Protokoll geben, dass ich gestern einen Strafzettel für das Überschreiten der Maximalparkdauer erhalten habe. Ohne jede Fremdeinwirkung.«
Sebastian nickte anerkennend. »Respekt. Du machst dich.« Er hörte auf, in seiner Tasse zu rühren, leckte den Löffel ab und legte ihn in die kleine Spüle. Theresa versuchte, es zu ignorieren. »Nur für den Fall also, dass du dich doch noch zu einer echten Regelbrecherin entwickelst, möchte ich dich darauf hinweisen, dass ich als dein Anwalt natürlich der Schweigepflicht unterliege, diese aber durch die Ankündigung einer Straftat aufgehoben wird.«
Sie schaute ihn empört an. »Du würdest mich verraten?«
»Ohne mit der Wimper zu zucken.« Er nickte und trank nun ebenfalls.
Theresa sah ihn vorwurfsvoll an und er grinste breit, während er sich mit der freien Hand die Brille zurecht schob. Zusammen mit dem ordentlich gestutzten Vollbart ließ sie sein ansonsten jungenhaftes Gesicht etwas reifer und erwachsener wirken.
»Ich wusste nicht, dass ihr eine neue Wohnung sucht.«
»Nicht wirklich. Aber wenn du dieses Grundstück und den Garten gesehen hättest …«
»Seit wann bist du der Gartentyp?«, fragte Sebastian erstaunt, aber sie zuckte nur die Schultern. »Wie viele Parteien?«
»Ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung. Ich habe die Wohnung noch nicht gesehen, um ehrlich zu sein, aber solange sie nicht völlig heruntergekommen ist …«
Sebastian grinste amüsiert. »Du bist verliebt.«
Theresa zuckte einmal mehr die Achseln.
»Und Carolin?«
Sie winkte ab. »Solange die Wohnung funktional und sauber ist, dürfte es keine Rolle spielen. Und so selten wie Carolin zurzeit zu Hause ist, könnten wir wahrscheinlich in einen Plattenbau oder eine Notunterkunft ziehen und sie würde es nicht einmal bemerken. Momentan geht sie im Dunkeln und kommt im Dunkeln.«
»Dann passt es doch, solange eine Außenbeleuchtung vorhanden ist«, bemerkte Sebastian flapsig und Theresa machte eine zustimmende Geste.
Carolin hatte ihre Laufbahn in einer großen Wirtschaftskanzlei als Praktikantin begonnen und sich dann vom Associate zum Senior Associate hochgearbeitet. Mittlerweile hatte sie beste Aussichten auf eine Partnerschaft, die höchste Stufe der Karriereleiter für Anwälte in Großkanzleien.
Solange sie sich kannten, hatte Carolin viel und gern gearbeitet, sich klare Ziele gesetzt und alles getan, um diese zu erreichen. Wahrscheinlich passten sie deshalb so gut zusammen. Seit der Zeitpunkt immer näher rückte, an dem sich entscheiden würde, ob Carolin zur Partnerin berufen würde oder nicht, hatten ihre Arbeitslast und vor allem ihre Reisezeit allerdings noch einmal deutlich zugenommen. Sechzigstundenwochen waren die Regel und seit Monaten war sie zwischen den einzelnen Standorten der Kanzlei unterwegs, vernetzte und präsentierte sich. Theresa konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal eine Woche am Stück gesehen hatten.
Sie leerte ihre Kaffeetasse. Wenn Carolin zur Partnerin berufen würde, wäre sie sicher weniger unterwegs, aber ihr generelles Pensum würde sich vermutlich nicht reduzieren. Theresa gratulierte sich im Nachhinein erneut für die Entscheidung, es nicht in einer großen Kanzlei versucht zu haben, sondern lieber ihre eigene Chefin zu werden. Sie arbeitete auch viel, aber zumindest konnte sie frei entscheiden, wie sie ihre Zeit einteilte und welche Mandate sie annahm. Carolin hatte definitiv den härteren Job von ihnen beiden, und auch wenn – oder gerade weil – sie aus einer Familie stammte, in der alles andere als ein Platz an der Spitze als Versagen galt, hatte sie sich alles hart erarbeitet. Theresa selbst hatte auch nichts geschenkt bekommen und war stolz auf das, was sie erreicht hatte, aber zwischen ihnen beiden war Carolin nicht nur das letzte Quentchen zielstrebiger, sie war auch schlicht die bessere Anwältin.
Theresa stieß sich von der Anrichte ab. »Und jetzt genug getratscht.« Sie fischte mit spitzen Fingern den benutzten Löffel aus der Spüle und ließ ihn im Vorbeigehen in Sebastians Tasse fallen. »Hast du nichts zu tun?«
»Nichts, das wichtiger wäre, als mir deine Liebesgeschichten anzuhören«, sagte Sebastian völlig unbeeindruckt und Theresa schmunzelte.
»Damit ich mir die leisten kann, müssen wir Geld verdienen. Also räum dein benutztes Geschirr weg und dann auf, auf«, rief sie über ihre Schulter und verließ die kleine Küche.
Sie ging schnellen Schrittes den Flur entlang, vorbei an Büros und Konferenzräumen. Sie erinnerte sich plötzlich, wie sie die Räume damals zum ersten Mal besichtigt hatten. Sie, Sebastian und Alexander, keiner von ihnen mit mehr als zwei Jahren Berufserfahrung, aber alle drei wild entschlossen, es auf eigene Faust zu versuchen.
Sie und Sebastian kannten sich seit Beginn des Studiums und hatten sich gemeinsam durch manche Klausur gequält und anschließend durch manche Nacht gefeiert. Sebastian und Alexander wiederum hatten sich nach dem Studium als Neulinge in einer großen Kanzlei kennengelernt und über das eine oder andere Feierabendbier schnell festgestellt, dass sie beide nach etwas anderem strebten als dem, was sie hatten. Inzwischen gingen sie mehrfach die Woche zusammen laufen oder klettern und waren auch schon ein paar Mal mit wechselnden Freundinnen zu viert im Urlaub gewesen.
Theresa und Alexander hatten keine direkte Verbindung über die Arbeit hinaus, aber es schien ihrem Verhältnis oder der Dynamik innerhalb der Kanzlei nicht zu schaden. Sebastian hatte die beiden damals zusammengebracht, nachdem er erkannt hatte, was ihnen gemein war und worin sie sich wesentlich unterschieden.
Alle drei waren sie getrieben von dem Wunsch, sich etwas aufzubauen, einen Namen für sich zu machen, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen. Alexander, um sich aus dem Schatten seiner Familie zu befreien, und Sebastian, weil er sich sein Leben lang nach Status und Respekt gesehnt hatte. Und im gleichen Maß, in dem sie sich in ihrem Willen zum Erfolg ähnelten, unterschieden sie sich in allem anderen. Wo Sebastian extrovertiert und einnehmend war, war Alexander zurückhaltender und unauffällig und lag Theresa irgendwo zwischen den beiden. Wo sie strukturiert und vorausschauend war, ließ Sebastian sich treiben und entschied situativ und spontan. Hier bildete Alexander den ausgleichenden Part zwischen ihren Extremen und vermittelte häufig, wenn es um grundsätzliche Belange der Kanzlei ging.
Schließlich ergänzten sich auch ihre verschiedenen Schwerpunkte. Sebastian hatte sich auf Kapitalanlagerecht und Erbrecht spezialisiert, Theresa ebenfalls auf Erbrecht sowie Ehe- und Familienrecht. Alexanders Expertise lag im Steuer- und Abgaberecht.
Sebastian hatte das Potenzial der drei früh erkannt und ein erstes Treffen initiiert, zunächst unter einem Vorwand, doch dann war er schnell mit seinem Vorschlag vorgeprescht: eine eigene Kanzlei, in die Alexander seine Verbindungen und einen Großteil des Grundkapitals einbringen würde, Theresa ihre strategische Weitsicht, ihre Disziplin und ihre Zielstrebigkeit und er selbst sein unbestrittenes Verkaufstalent. Es hatte ein wenig Überredungskunst und noch ein wenig mehr Alkohol gekostet, aber so hatten sie in einer Nacht den Grundstein für die gemeinsame Kanzlei gelegt.
Als sie jetzt auf ihr Büro zusteuerte, kamen Theresa plötzlich ihre eigenen Worte über Carolins Gleichgültigkeit hinsichtlich ihrer Wohnsituation wieder in den Sinn und sie runzelte die Stirn. Vielleicht waren sie und Carolin sich in dieser Hinsicht doch nicht so unähnlich, sondern legten ihre Prioritäten nur auf unterschiedliche Lebensräume. Denn als Theresa ihr Büro betrat, fiel ihr Blick sofort auf das exklusive Mobiliar. Ihr hätte etwas Schlichteres gereicht, aber ihre Partner hatten sie überstimmt und letztlich auch überzeugt: Wenn sie eine finanzstarke Klientel gewinnen wollten, durften sie nicht an den falschen Stellen sparen. Also hatte sie den beiden freie Hand gelassen, von den Schreibtischen und Bürostühlen über die Bilder an den Wänden bis hin zur Kaffeemaschine und der Fußmatte im Eingangsbereich. In diesen Dingen war sie leidenschaftslos.
Sie trat hinter ihren Stuhl und legte die Hände auf die elegant geschwungene Rückenlehne. Und plötzlich war auch die Erinnerung wieder da, wie Carolin zum ersten Mal in ihrer Tür gestanden hatte. Unangekündigt, ohne Termin, nachdem sie sich erst drei Tage zuvor kennengelernt hatten. Theresa war unvorbereitet gewesen und in ihrem Kopf, in dem es sonst so geordnet zuging, war plötzlich nur noch Chaos gewesen. Und Carolin hatte sich mit einer Selbstverständlichkeit durch ihr Refugium und auf sie zubewegt, dass Theresa nicht anders gekonnte hatte, als sich zu erheben und die Schutzzone hinter ihrem schweren Schreibtisch zu verlassen. Bis heute konnte sie nicht genau sagen, wieso, aber zum vielleicht ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich einfach fallen lassen. Und Carolin hatte sie aufgefangen.
Jetzt sah sie auf die Uhr. Noch zwei Minuten bis zu ihrem nächsten Termin. Sie warf einen letzten prüfenden Blick über die bereits herausgesuchten Akten und ihre Notizen. Er verfing sich in dem gerahmten Bild auf ihrem Tisch. Ein Schnappschuss aus ihrem ersten gemeinsamen Urlaub. Sardinien und gebräunte Haut, das Meer im Hintergrund, entspannte Körper und Wind in den Haaren, strahlende Gesichter mit vor Glück leuchtenden Augen. »War das wirklich schon so lange her?«, fragte eine Stimme in ihrem Kopf wehmütig.
Theresa schüttelte sich und schob den Gedanken zur Seite. Ihre Mandantin wartete sicher schon.
Als sie an diesem Abend die Wohnungstür aufschloss, spürte Theresa augenblicklich die Veränderung. Luft, die zirkulierte und nicht mehr stillstand, ein leichter Duft, der nicht der ihre war. Der Rollkoffer im Flur, daneben Carolins eilig abgestreifte Schuhe. Sie ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen, legte Aktentasche und Schlüssel ab. Die Sporttasche behielt sie über der Schulter. Dienstags und freitags fuhr sie direkt von der Kanzlei ins Fitnessstudio, um eine knappe Dreiviertelstunde auf dem Laufband und noch weitere dreißig Minuten mit Gerätetraining zu verbringen.
»Hey«, rief sie in die Wohnung und erhielt Antwort aus dem Wohnzimmer.
Als sie über die offene Türschwelle trat, nahm sie die dezente Musik wahr. Carolin kam ihr entgegen, das lange Haar in ein Handtuch gewickelt und den Rest ihres Körpers in einen dünnen Morgenmantel. »Hey«, sagte sie und sie trafen sich in einer kurzen Umarmung und einem routinierten Kuss.
»Bist du schon länger da?«, fragte Theresa und ging an ihr vorbei ins Schlafzimmer und von dort in das angrenzende Bad.
»Eine halbe Stunde vielleicht«, rief Carolin ihr hinterher. »Ich musste erstmal duschen, im Zug war die Klimaanlage ausgefallen.«
Theresa beeilte sich, ihre Sportsachen aufzuhängen, und ging zurück ins Wohnzimmer, wo Carolin sich auf die Couch hatte sinken lassen. Theresa strich ihr im Vorbeigehen über die Schulter. »Hast du Hunger?«
»Ich dachte, wir gehen irgendwo schön essen. Ich habe ja noch etwas gutzumachen.«
Theresa rollte amüsiert mit den Augen und ging in die Küche, wo sie einen Blick in den Kühlschrank warf. »Lass gut sein«, rief sie über die Schulter. »Du siehst aus, als könntest du auf der Stelle einschlafen. Ich mache uns hier was.«
»Okay. Wenn es dir nicht zu viel ist. Oder wir bestellen?«
Theresa zögerte kurz, aber ihr Magen knurrte bereits, und was auch immer sie bestellten, würde sicher nicht unter einer Stunde hier sein. Es war Freitagabend. »Schon in Ordnung.«
Sie schnitt ein paar Scheiben Brot ab, belegte sie rasch mit etwas Schinken, Käse, Tomaten und Paprika und packte alles auf eine Servierplatte. Ein weiterer Griff in den Kühlschrank und sie legte noch ein paar Weintrauben dazu.
»Wein?«, rief sie in Richtung Wohnzimmer.
»Bitte!«
Als sie kurz darauf mit ihrem Abendbrot und zwei Weingläsern zurückkehrte, saß Carolin mit untergeschlagenen Beinen in der Sofaecke und streckte sich dankbar dem Weinglas entgegen. »Du bist die Beste.«
»Dass du mir das bloß nicht vergisst«, feixte Theresa und ließ sich neben sie fallen. »Auf ein ganzes Wochenende«, sagte sie in leicht spöttischem Tonfall und hob ihr Glas.
Carolin nickte nur müde und nahm einen ordentlichen Schluck. Dann streckte sie sich nach der Brotplatte. »Präferenzen?«
»Egal«, winkte Theresa ab.
Einen Augenblick saßen sie still da und schlangen hungrig die Brote hinunter, während im Hintergrund weiter die Musik lief. Die Neuigkeiten zu Charlotte und dem Haus brannten Theresa unter den Nägeln, aber sie wollte Carolin wenigstens eine Chance geben, erst einmal anzukommen. »Geht es denn voran? Du siehst aus, als könntest du vierzehn Tage am Stück schlafen.«
»Das klingt in etwa richtig«, räumte Carolin ein. »Und was deine Frage angeht: Die kurze Antwort lautet ja; die ehrliche Antwort würde länger dauern, als wir über meine Arbeit sprechen möchten.«
»Dann gebe ich mich mit der kurzen Antwort zufrieden«, versicherte Theresa.
Carolin warf ihr einen Blick zu und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Wein. »Und bei dir?«
Theresa streckte sich nach den Weintrauben. »An der Arbeit nichts Besonderes. Aber ich habe jemanden kennengelernt.«
»Oh?« fragte Carolin und griff ebenfalls zu.
»Ja. Erst waren wir zusammen shoppen, dann hat sie mich auf einen Kaffee zu sich nach Hause eingeladen. Ich bin mitgegangen.« Sie spürte Carolins Blick auf sich und schob sich bewusst langsam eine Weintraube in den Mund. »Ich habe auch ihre Telefonnummer. Sie würde mich gern wiedersehen.« Als sie schließlich aufsah, wirkte Carolin doch etwas verunsichert, und Theresa musste lachen. »Sie ist achtundachtzig und hat mich im Supermarkt um Hilfe gebeten. Ich habe ihr die Einkäufe nach Hause getragen und zum Dank einen Kaffee bekommen.«
Carolin lachte erleichtert auf. »Und die Telefonnummer?«
»Die habe ich bekommen, weil sie eventuell eine Wohnung zu vermieten hat«, erklärte Theresa, wofür sie einen fragenden Blick erntete.
»Wen kennen wir, der eine Wohnung sucht?«
»Niemanden. Aber wenn du dieses Grundstück gesehen hättest … « Theresa seufzte.
»Du willst umziehen?«, fragte Carolin ungläubig. »In die Wohnung einer Achtundachtzigjährigen?«
»In die Einliegerwohnung im Haus einer Achtundachtzigjährigen«, korrigierte Theresa. »Vielleicht. Das Haus liegt mitten in Wehlheiden, keine zweihundert Meter von der Hauptstraße, aber völlig versteckt und blickdicht, hat zwei Gärten, zwei Balkone und ist einfach ein Traum.«
Carolins Miene blieb unverändert. »Okay, noch mal zum Mitschreiben: Du hast einer alten Dame die Einkäufe nach Hause getragen und dich in ihr Haus verliebt.«
Theresa nickte.
»Und sie hat dir ihre Nummer gegeben, weil sie dir ihre Einliegerwohnung vermieten möchte.«
»Uns«, korrigierte Theresa.
»Okay, uns«, räumte Carolin ein. Sie sah aus, als sortierte sie ihre Gedanken. »Und das alles ist wann passiert?«
»Gestern. Ich hätte es dir ja am Telefon erzählt«, sagte sie neckend, »aber daraus ist ja dann nichts geworden.«
»Okay«, wiederholte Carolin. »Und das ist wirklich dein Ernst?«
Theresa zuckte mit den Achseln. »Es ist ja noch nichts entschieden. Ich habe die Wohnung noch nicht mal gesehen, nur das Haus und den Garten. Und Charlotte möchte dich vorher kennenlernen.«
Carolin nahm einen großen Schluck Wein und starrte dann auf den Rest in ihrem Glas.
»Hey«, sagte Theresa und rückte etwas näher. »Ich weiß, du hast gerade viel um die Ohren und ein Umzug ist wahrscheinlich das Letzte, was du jetzt gebrauchen kannst.« Sie strich eine dunkelblonde Strähne, die sich unter dem Handtuch gelöst hatte, hinter Carolins Ohr zurück und wartete, bis ihre Blicke sich wieder trafen. »Aber dieses Grundstück … der Garten. Charlotte hat mehrfach betont, dass ein Garten Leben braucht, also bin ich ziemlich sicher, dass wir den mitbenutzen dürften.« Sie zog ihre Hand wieder zurück und versuchte, Carolins Miene zu deuten. »Wir könnten abends draußen sitzen, Freunde oder Kollegen einladen und vielleicht …«, sie machte eine vage Kopfbewegung, »Charlotte findet, ihre Apfelbäume haben die perfekte Kletterhöhe für Kinder.«
Carolin entschlüpfte ein Seufzer, aber ihre Miene blieb schwer lesbar, und Theresa entschied sich, das Thema wieder ruhen zu lassen.
»Lass uns doch wenigstens mal einen Blick darauf werfen «, erklärte sie stattdessen, »und wenn dir die Wohnung nicht gefällt, verliere ich nie wieder ein Wort darüber.«
»Nie wieder?« Carolin hob spöttisch eine Braue.
»Nie wieder«, bekräftigte Theresa und hob zwei Finger in die Höhe. »Versprochen.«
»Okay«, seufzte Carolin.
»Danke«, sagte Theresa und lehnte sich noch weiter vor, um Carolin einen schnellen Kuss zu geben. Ihre beinahe leeren Weingläser bemerkend erhob sie sich dann. »Charlotte wird dir gefallen«, rief sie auf ihrem Weg in die Küche. »Sie ist … auf jeden Fall unterhaltsam.«
»Die Achtundachtzigjährige, die dich auf einen Kaffee abgeschleppt hat?«
Theresa lachte. »Das hat sie in der Tat.« Sie nahm die Weinflasche aus dem Kühlschrank und ging wieder zurück ins Wohnzimmer. »Sie ist …«, sie schüttelte den Kopf und schenkte ihnen beiden nach, »manipulativ. Aber auf eine liebenswerte Weise. Furchtbar indiskret und direkt. Aber auch humorvoll und wirklich auf Zack für ihr Alter.«
»Das klingt tatsächlich unterhaltsam«, bemerkte Carolin und hob ihr frisch aufgefülltes Glas zu einem kurzen Dank. Theresa erwiderte die Geste und ließ sich wieder auf die Couch zurücksinken. »Sie hält auf alle Fälle nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg.« Sie zählte die einzelnen Punkte an den Fingern ihrer freien Hand ab. »Sie hält nichts vom Zusammenleben ohne Trauschein, findet Scheidungen verwerflich, hält die jungen Leute per se für nicht ausdauerfähig, scheint etwas gegen Lehrer und ihre eigenen Kinder zu haben und möchte nur an anständige Leute vermieten.«
Carolin runzelte die Stirn. »Und du glaubst, sie würde an zwei nicht verheiratete lesbische Frauen vermieten?«
Theresa hob die Schultern. »Anscheinend schon. Sie fand es wunderbar, dass wir das so offen leben. Zu ihrer Zeit sei das ja nicht gegangen.« Sie zögerte kurz. »Allerdings fände sie es sicher noch besser, wenn wir heiraten würden.«
Carolin sagte nichts und nahm einen weiteren Schluck aus ihrem frisch aufgefüllten Weinglas.
»Dafür kriegen wir Pluspunkte, weil wir beide Anwältinnen sind«, fuhr Theresa fort und Carolin lachte kurz und freudlos auf.
»Kriegen wir das nicht immer«, bemerkte sie trocken.
»Aber ich habe eine eigene Kanzlei«, stichelte Theresa. »Das hat ihr besonders imponiert.« Carolin lächelte müde. »Dir hat es auch mal imponiert«, erinnerte Theresa sie. »Weißt du noch?«
»Oh ja«, bemerkte Carolin spöttisch. Sie legte den Kopf schief und starrte an die Zimmerdecke, als sähe sie die Szenen ihrer ersten Begegnung dort noch einmal vorbeiziehen. »Ihr wart drei völlig unerfahrene Grünschnäbel, die gerade eine kleine Kanzlei eröffnet hatten, und ihr seid herumstolziert, als wärt ihr gekommen, um die ganze Stadt aufzumischen. Das war in der Tat imposant.«
Theresa lachte und hob die freie Hand in einer entschuldigenden Geste. »Vielleicht waren wir ein wenig … euphorisch«, räumte sie ein und hatte nun ebenfalls die Bilder vor Augen. Es war ein Empfang der Anwaltskammer gewesen. Und sie hatten ihren Auftritt in der Tat etwas übertrieben. »Sebastian wollte, dass wir Eindruck machen.«
»Das ist euch gelungen«, sagte Carolin und sah Theresa über ihr Weinglas hinweg in die Augen. »Auf unterschiedliche Weise.«
Theresa grinste. »Wenn Sebastian von dem Abend erzählt, sagt er immer, ab dem Moment, als er uns einander vorgestellt habe, sei ich völlig nutzlos gewesen.«
Carolin machte eine gleichgültige Geste. »Ich fand den Abend bis dahin nutzlos.«
