Davor. Danach. Heute. - Enni Rock - E-Book

Davor. Danach. Heute. E-Book

Enni Rock

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Beschreibung

Anna ist allein mit ihrer Mutter aufgewachsen, an häufig wechselnden Orten, ohne Kontakt zu den Menschen zu halten, die sie zurückgelassen haben. Solange sie sich erinnern kann, gab es nur sie und Mama. Mittlerweile sind sie sesshaft geworden und Anna hat einen Job, den sie mag, eine Freundin, die sie liebt, und dann ist da noch ihr Chef Bernd, zu dem sie ein ganz eigenes Verhältnis hat. Aber in letzter Zeit stimmt etwas nicht mit Mama und auch Annas Beziehung zu Fee verändert sich. Als eine zufällige Entdeckung unvorhergesehene Konsequenzen hat, muss Anna sich auf eine aufwühlende Spurensuche begeben, an deren Ende neben Antworten auch viele neue Fragen stehen. Enni Rocks zweiter Roman hat die Zutaten und das Tempo eines Thrillers, aber wie schon in ihrem Debüt geht die Autorin im Kern einmal mehr der Frage nach, was Familie und Partnerschaften ausmacht, zu wem wir gehören und warum.

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Anna ist allein mit ihrer Mutter aufgewachsen, an häufig wechselnden Orten, ohne Kontakt zu den Menschen zu halten, die sie zurückgelassen haben. Solange sie sich erinnern kann, gab es nur sie und Mama.

Mittlerweile sind sie sesshaft geworden und Anna hat einen Job, den sie mag, eine Freundin, die sie liebt, und dann ist da noch ihr Chef Bernd, zu dem sie ein ganz eigenes Verhältnis hat.

Aber in letzter Zeit stimmt etwas nicht mit Mama und auch Annas Beziehung zu Fee verändert sich. Als eine zufällige Entdeckung unvorhergesehene Konsequenzen hat, muss Anna sich auf eine aufwühlende Spurensuche begeben, an deren Ende neben Antworten auch viele neue Fragen stehen.

ENNI ROCK

DAVOR. DANACH. HEUTE.

Roman

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

© 2020 Enni Rock (www.enni-rock.de)

Cover: Sabrina Hoffmann, »Suche« © 2019

Coverdesign: Verena Förster, d.signbar – Grafik Design & Werbung (www.d-signbar.com)

Lektorat, Korrektorat & Satz: Maren Keller, Kontext-Kassel

(www.kontext-kassel.de)

Verlag: Selfpublishing Kassel (www.selfpublishing-kassel.de)

Bestellung & Vertrieb: Nova MD GmbH, Vachendorf

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN: 978-3-9855117-2-3

Für Steffen – weil es okay ist, nicht den einen perfekten Plan zu haben

VORBEMERKUNG

HEUTE

SIE ERWACHT UND einen Augenblick ist sie nur Bewusstsein, nein, noch nicht einmal das. Nur ein schwacher Funke, der noch nicht gezündet hat. Sie ist da und nichts zugleich, schwebend, körperlos.

Dann kommt das Gefühl zurück. Stoßweise. Ruckartig. Mühsam und ratternd. Ein Motor, der nur unter Protest in Gang kommt.

Der Rasenmäher ihrer Eltern. Rot. Blank geputzt, wie neu. Anlasser per Seilzug. Saftig-grüner Rasen, akkurat gestutzt, kein Halm, der es wagen würde, schief zu liegen.

Sie liegt. Spürt etwas Festes unter sich. Ihre Arme, die sich fremd anfühlen, unförmig, fehldimensioniert. Die Beine schwer und bleiern wie ihre Lider. Der Oberkörper irgendwie verdreht, krumm, zusammengezogen. Wie damals, wenn sie sich versteckte, sich in den Bettkasten zwängte, in der Enge ausharrte, versuchte, sich ganz klein und keinen Mucks zu machen, das Niesen zu unterdrücken, wenn der aufgewirbelte Staub ihr in die Nasenlöcher stieg. Bis sie endgültig zu groß und es an der Zeit war, ein neues Versteck zu suchen.

Ihr Mund ist trocken. Sie will schlucken, aber da ist kein Speichel. Wo ist sie?

Stimmen von irgendwoher. Gedämpft, unverständlich, auch sie fremd. Wer ist da? Hallo? Sie will rufen, aber kein Laut dringt aus ihrer Kehle, die Stimmbänder wie verklebt, die Zunge ein wattierter Klumpen.

Es gelingt ihr, die Augen zu öffnen, aber was sie sieht, sagt ihr nichts, hilft nicht. Nichts um sie herum ist ihr bekannt. Ein Zimmer, ein Fenster, dahinter nur ein Stück Himmel, draußen wie drinnen ein Rest von Tageslicht. Ist schon Abend?

Ihr Blick gleitet nach unten, fällt auf ihren Arm, ihre Hand. Sie mag keine Spritzen, hat sie nie gemocht, kann kein Blut sehen. Einmal ist sie beim Blutabnehmen umgekippt, der Kreislauf. Wie lange ist das her?

Ihr Kopf fällt zurück. Ermattet. Der Nebel, der sich kurz an die Ränder ihrer Wahrnehmung zurückgezogen hat, kommt wieder näher.

Wie lange? Seit wann ist sie hier? Vielleicht sucht schon jemand nach ihr.

Sie will sich auflehnen, aufrichten, aber ihre Muskeln gehorchen ihr nicht. Stattdessen Schmerz, der sie ohne Vorwarnung durchzuckt, sie sich einem Instinkt folgend zusammenkrümmen lässt. Seltsam vertraut, als seien er und sie alte Bekannte. Und aus dem Nebel greift noch etwas anderes nach ihr, etwas Kaltes, Hartes. Ebenso Vertrautes.

Angst.

Wo ist sie? Wie ist sie hier hergekommen? Wer –? Und dann weiß sie es.

Blut ist dicker als Wasser. Vergiss das nicht.

Die Stimme ist ganz nah diesmal, zu nah, in ihr drin, rollt wie eine Woge durch sie hindurch, schäumt, breitet sich aus, wird von ihrer Hülle, den Knochen und der darüber gespannten Haut zurückgeworfen. Ein Echo, das nicht leiser, sondern lauter wird.

Der Nebel umkreist sie, drückt sie tiefer hinab, zurück in die Leere, aus der sie eben erst aufgetaucht ist. Und beinahe ist es verlockend, nachzugeben, aufzugeben, nicht zu wissen. Aber sie weiß jetzt.

Sie haben sie gefunden. Er hat sie gefunden. Nach all der Zeit. Er hat sie gefunden und jetzt gibt es kein Entkommen. Diesmal wird es sie treffen.

Ein letztes Mal versucht sie, sich aufzubäumen, den Schmerz zu ignorieren, zu rufen, zu schreien. Aber stattdessen drängt plötzlich ein neuer Gedanke an die Oberfläche und widersteht der entgegengesetzten Strömung gerade lange genug, um sie erstarren zu lassen, erlahmen, ihr den Atem zu rauben.

Anna.

Und sie dann gewaltsam mit hinab in die Tiefe zu ziehen.

DANACH

BLINKEN, ABBIEGEN, TEMPO aufnehmen. Anna weiß, sie ist zu schnell, aber sie ignoriert es, reißt das Lenkrad mehr herum, als dass sie es dreht, schaltet mit mehr Gewalt, als nötig wäre. Das Fahrzeug toleriert es, gehorcht ihr, und die Reifen knapp auf, aber nie über der Randmarkierung halten sie gemeinsam die Spur, trotzen der Fliehkraft, die an Karosserie und Fahrerin zerrt. Bis sie die Kurve verlassen und auf den Beschleunigungsstreifen schießen, noch schneller werden und dann nach links schwenken, direkt auf die mittlere und dann weiter auf die linke Spur ziehen. Der geringe Verkehr lässt es zu und Anna jagt den Motor des Mietwagens weiter hinauf. Hundertsechzig, hundertsiebzig, hundertachtzig Stundenkilometer. Rechts von ihr bleiben Lastwagen und andere Verkehrsteilnehmer zurück, links von ihr die weißen Schilder mit den roten Kreisen, die sie ihren Führerschein kosten können. Was ohnehin leicht zu verschmerzen wäre, ist jetzt vollends ohne Bedeutung.

Sie fährt sonst nie schneller als erlaubt und auch auf freien Streckenabschnitten nie in diesem Tempo. Zu gefährlich. Und wozu? Sie hatte es schon früher nicht eilig anzukommen, und damals wie heute wird sie unruhig, wenn der Fahrtwind zu dröhnen und die blecherne Rüstung um sie herum zu vibrieren beginnt, selbst wenn ihr Fahrzeug heute wesentlich leiser ist und beinahe sanft dahinfliegt. Mama, hier ist Hundert. Mama, pass auf, der da vorne will ausscheren. Mama, wir sind doch nicht auf der Flucht. Aber vielleicht waren sie es doch.

Sie umklammert das Lenkrad fester, konzentriert sich. Richtet den Blick abwechselnd nach vorne, in den Rück- und dann den Außenspiegel. Checkt Abstände, nimmt etwas Gas weg, wenn ein Laster auf der Mittelspur auftaucht, nur um gleich wieder zu beschleunigen.

Gefühlt hat sie ihre halbe Jugend in Autos verbracht und doch hat sie sich nie mit ihnen anfreunden können. Ihnen nie verzeihen können, dass sie sie forttrugen, herausrissen aus ihrem Leben und an einen anderen, neuen, fremden Ort verbrachten. Das wird toll, du wirst schon sehen. Mamas Stimme, lachend, fröhlich, als wären sie mitten in einem großen Abenteuer.

Vor ihr taucht eine Baustelle auf und Anna bremst den Wagen ab, geht runter auf hundert, schiebt sich durch den Korridor der verengten Fahrbahn, eine Reifenbreite vom Beton entfernt. Seit wann ist sie so eine präzise Fahrerin? Aber vermutlich ist es die Gleichgültigkeit, die sie waghalsig macht.

Wir haben es uns doch immer schön gemacht, du und ich. Du wirst schon sehen, versicherte Mama und ja, das hatten sie. Jedes Mal. Ausnahmslos.

Aber sie zogen trotzdem immer irgendwann weiter, unweigerlich, egal wie schön es war, wie nett der Job, wie gut die Schule und wie lieb die Nachbarn oder Vermieter waren. Gerade von letzteren hatten sie viele über die Jahre, zu viele, als dass Anna sie aufzählen oder in die richtige Reihenfolge bringen könnte. Die meisten kann sie weder beschreiben noch zuordnen. Nur einige wenige stechen heraus.

Da war die alte Dame, bei der sie in einer winzig kleinen Wohnung unter dem Dach hausten, mit nur einem Schlafzimmer, das Anna bekam, während Mama im Wohnzimmer auf der Ausziehcouch schlief. Im Sommer waren sie ohnehin selten drinnen und im Winter erschufen sie sich aus Decken, Kartons und Einkaufstüten oder Zetteln mit eilig darauf gekritzelten Wörtern und den wenigen Möbelstücken weitläufige Fantasiewelten. Und manchmal, wenn Mama noch einmal weg musste, durfte Anna unten bei der alten Dame warten, wo es seltsam roch, aber wo sie Saft und Kekse oder warmen Kakao bekam.

Oder die zwei Schwestern, die sie auf ihrem Hof wohnen ließen, auf dem es längst keine Tiere mehr gab, außer zwei Hunden – Benno und Bodo, die einzigen Männer hier, – und ein paar freilaufenden Katzen. Auf dem die Stallungen und Scheunen stattdessen Leinwände und Staffeleien, Werkbänke und grobe Skulpturen aus Holz und Stein beherbergten. An den Wochenenden kamen ganze Gruppen von Frauen, um zu schnitzen und zu hobeln, zu meißeln und zu malen, und während Mama den Schwestern zur Hand ging, um die vielen Gäste zu versorgen und zu verkosten, durfte Anna überall dabei sein. Abends saßen alle zusammen, manchmal im Freien um ein Lagerfeuer, bei Regen in der großen Küche im Wohnhaus, erzählten Geschichten, lachten, machten Witze, die Anna nicht verstand, oder sangen Lieder, die Anna nicht kannte, aber deren Melodien sie manchmal Jahre später im Radio zu erkennen glaubte. Gefühlt haben sie Ewigkeiten dort verbracht, aber wahrscheinlich war es nur ein Sommer. Anna weinte noch lange, nachdem der Hof im Rückspiegel verschwunden war.

Vor ihr trödelt ein Mercedes auf der linken Spur herum, hat nicht einmal die maximal vorgeschriebenen achtzig Stundenkilometer drauf, und Anna drängelt, fährt dicht auf, macht das, wofür sie sich fremdschämt, wenn andere es tun, aber sie hat keine Zeit und keine Geduld. Der Mercedes zieht endlich genervt auf die rechte Spur hinüber, trotz der durchgezogenen Linie, und Anna gibt Gas und schießt ohne einen Blick vorbei.

Irgendwann später trafen sie Frau Kolbe, bei der sie so lange blieben, dass Anna meint, sich an mehrere Ferien zu erinnern und sogar einen Schulwechsel, der ausnahmsweise nichts mit ihnen zu tun hatte. Das Haus lag in einer Reihenhaussiedlung, Annas Schule nur zwei Straßen weiter, ein Spielplatz auf halbem Weg. Die Wohnung war hell und geräumig, mit ausreichend Zimmern, einem großem Bad mit Badewanne und einem Balkon, auf dem man sitzen konnte, ohne dass unten Autos vorbeibrausten und man sich die Ohren zuhalten musste, so wie sonst, wenn sie in Wohnungen mit Balkon gewohnt hatten. Und es gab einen Garten, den sie mitbenutzen durften. Aber das Beste war nicht die Wohnung, nicht der Balkon oder der Garten.

Hast du denn keine Freunde?, hatte Frau Kolbe gefragt, als Anna wieder einmal allein von der Schule nach Hause gelaufen kam, obwohl eine Menge gleichaltrige Kinder in der direkten Nachbarschaft lebten. Anna hatte die Schultern gezuckt. Sie hatte früh gelernt, dass es sich nicht lohnte, Freunde zu finden oder gar zu suchen. Und bald festgestellt, dass sie nichts vermisste. Wir brauchen doch niemanden. Wir haben doch uns, sagte Mama immer. Und das hatte Anna dann auch zu Frau Kolbe gesagt. Na, mindestens eine Freundin braucht man schon, hatte die entgegnet, sich die kleine runde Brille auf der Nase zurecht gerückt und Anna kurz gemustert. Wie wäre es denn, wenn ich ab jetzt deine Freundin bin?

Fortan ging Anna nach der Schule nicht hinauf in die Wohnung, sondern zu Frau Kolbe ins Haus, machte gemeinsam mit ihr die Hausaufgaben, spielte Karten, blätterte in alten Fotoalben und entdeckte schließlich das große Regal mit den vielen Büchern, in denen unverhofft weitere Freunde auf sie warteten: Robinson Crusoe und Lederstrumpf, Ivanhoe, Long John Silver und der Graf von Monte Christo, Don Quijote, Kapitän Nemo und natürlich Tom Sawyer und Huck Finn.

Bis dahin war das einzige Buch in ihrem Besitz eine abgenutzte und halb zerfledderte Sammlung der Grimmschen Hausmärchen gewesen. Gegen das Versprechen, die Bücher pfleglich zu behandeln, durfte sie sich jeweils eines ausleihen, mit nach Hause nehmen und abends unter der Bettdecke lesen oder in den Pausen auf dem Schulhof, was es noch einfacher machte, die übrigen Kinder zu ignorieren. Manchmal, wenn sie sich ein neues Buch holte, blieb sie auch einfach direkt vor dem Regal sitzen, die Nase tief in der neuesten Geschichte, und bekam kaum mit, dass Mama auch zu ihnen gestoßen war und mit Farbklecksen auf den Anziehsachen oder im Haar in Frau Kolbes Küche saß.

Mama hatte sich in einem der Zimmer ihrer Wohnung ein Studio eingerichtet und verbrachte die Nachmittage nach der Arbeit damit, große Leinwände mit abstrakten Formen und Strukturen zu versehen, aus Farb- und Spachtelmasse, Acryl und Beton, aufgetragen, abgezogen und neu verteilt. Ab und zu versuchte sie sich auch an Skulpturen, aber die Ergebnisse waren düstere, unheilvolle Gebilde mit verzerrten Konturen und schiefen Zügen, die sie traurig zu machen schienen. Manchmal vergrub sie sich ganze Wochenenden in ihrem Studio und dann ging Frau Kolbe schon mal mit Anna spazieren oder ins Schwimmbad und ließ sie sich anschließend in der Eisdiele bestellen, was sie wollte. Selbst in den Ferien, wenn Frau Kolbes Kinder mitsamt den Enkelkindern zu Besuch kamen, war Anna immer willkommen, durfte mit zum Spielen, Baden oder Grillen.

Familie war für Anna immer eine Gemeinschaft aus zweien gewesen, aus Mama und ihr, auch wenn sie natürlich wusste, dass andere Kinder Väter, Geschwister, Onkel, Tanten und Großeltern hatten. In jenen Jahren ahnte sie zum ersten Mal, wie es sich wohl anfühlen mochte, wenn da noch jemand war, der zu ihrer Einheit gehörte, und wann immer sie das Wort Oma hört, denkt sie noch heute an Frau Kolbe.

Von allen Umzügen war der aus der Reihenhaussiedlung in eine Stadt mehrere Autostunden entfernt vielleicht der, den sie Mama nicht verziehen hat.

Die Baustelle liegt endlich hinter ihr und Anna entspannt sich ein wenig, spürt plötzlich, wie hart ihre Finger das Lenkrad umklammern, und löst sie behutsam, während sie erneut beschleunigt. Der Verkehr wird bereits dichter und sie will jeden Meter freie Strecke nutzen.

Sie hielt noch eine ganze Weile Kontakt zu Frau Kolbe, schrieb ihr Briefe, heimlich, weil sie nicht sicher war, wie Mama reagieren würde. Schließlich verstieß es gegen die eine Regel, die Mama aufgestellt hatte. Wir schauen nie zurück, und wir nehmen nur mit, was unsere Hände und unsere Herzen tragen können.

Ersteres hatte Anna sofort verstanden, boten doch die ständig wechselnden Autos und Wohnungen kaum Platz, um Dinge aufzuheben. Sie war es von früh auf gewohnt, dass nur sehr wenige Dinge wirklich ihre waren.

Das mit dem Herzen verstand sie erst deutlich später, als ihr klar wurde, dass das menschliche Gedächtnis vor allem jene Menschen, Orte und Ereignisse bewahrte, die – im Guten oder im Schlechten – emotionale Spuren hinterlassen hatten. Weshalb sie Frau Kolbe noch heute, viele Jahre nach ihrem Tod, deutlich vor sich sieht, unzählige Details zu ihren Gewohnheiten und Außergewöhnlichkeiten aufzählen könnte, während sie kaum noch etwas über die Stadt und die in ihr lebenden Menschen zu sagen vermag, in die sie unmittelbar im Anschluss gezogen waren.

Auf ihre Briefe bekam sie lange keine Antwort, weil sie sich nicht traute, einen Absender anzugeben, bis sie kurz vor dem Abitur stand. Frau Kolbes Kinder waren es, die ihr schließlich zurückschrieben, sich bedankten, aber ihr Bedauern ausdrückten. Ihre Mutter war bereits Jahre zuvor gestorben.

Annas Handy vermeldet den Eingang einer neuen Nachricht und sie tastet kurz an der Seite des Geräts entlang und aktiviert die Stummschaltung. Ihr Chef. Jetzt nicht, denkt sie. Später. Wenn sie ihr Verschwinden erklären kann, warum sie alles stehen und liegen gelassen hat, einfach aufgebrochen ist, ohne Warnung, ohne Begründung.

Die ersten Male kam der Aufbruch immer aus heiterem Himmel. Eines Tages stand plötzlich ein Auto vor der Tür, gebraucht, verbeult, gerade noch fahrtauglich, und dann wusste Anna, es war Zeit, die wenigen Habseligkeiten in die ebenso gebrauchten Taschen zu packen.

Erst als sie älter wurde, lernte sie, die Zeichen zu deuten: das nahende Ende des Schuljahres, die gedämpfte Stimmung beim Abendbrot, Mamas Züge, die sich verdunkelt hatten. Oder die Zeitung, in der die Seite mit den Inseraten für Gebrauchtwagen fehlte. Wenn sie dann ein neues Lager aufgeschlagen hatten, verkaufte Mama die Autos immer sofort wieder. Wo sie lebten, brauchten sie es nicht, benutzten sie öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder gingen zu Fuß.

Ihr Handy vibriert in seiner Halterung und Anna lässt den Anruf zur Mobilbox gehen. Wenn sie es nicht aufschreiben kann, wie soll sie es da laut aussprechen? Undenkbar. Aber kurz ist sie ihm dankbar, dass er nicht locker lässt, deutet es auch ein wenig als Sorge. Aber sie kann jetzt nicht damit umgehen. Nimmt sich vor, ihn später zurückzurufen. Vielleicht.

Mama meldete sich nie bei jemandem zurück, hielt nie Kontakt zu den Menschen, die für eine Weile Teil ihrer beider Leben gewesen waren. Ach, Anna, alles hat seine Zeit. Was bedeutete, wenn sie einem Ort den Rücken kehrten, lebte er nur noch in ihrer Erinnerung weiter, existierte quasi nur noch in der Vergangenheit, aber nicht mehr in der Gegenwart. Und mit ihm die Menschen, die sie zurückließen.

Als sie klein war, dachte Anna sich Geschichten aus, warum sie und Mama immer weiterzogen, und später, als sie schon älter war und einmal eine alte Folge von Ein Engel auf Erden gesehen hatte, fand sie das passend. In der Serie reisen ein Engel in Menschengestalt und sein tatsächlich menschlicher Kumpan umher und machen immer dort für kurze Zeit Station, wo sie gebraucht werden und helfen können, ehe sie Lebewohl sagen und weiterziehen. Natürlich wusste Anna, dass Mama kein Engel war, aber es war eine schöne Idee und in gewisser Weise schien sie das Leben der Menschen, bei denen sie wohnten oder mit denen sie lebten, ein bisschen aufregender und bunter zu machen. Das hatte zumindest Frau Kolbe gesagt. Schon wegen der Farbkleckse.

Aber dann, als Anna bereits in der Oberstufe war, hatte sie aus einer Laune heraus eine gebrauchte Ausgabe von Stephen Kings Langoliers auf einem Büchermarkt gekauft. Die Leidenschaft fürs Lesen war eines der Dinge, die sie aus der Zeit mit Frau Kolbe im Herzen trug, und sie las eigentlich alles, was ihr in die Finger kam. In Langoliers wird eine Gruppe von Fremden durch ein zufälliges Ereignis um einige Augenblicke in die Vergangenheit zurückversetzt. Weil die Zeit aber linear verläuft und alles Lebendige einzig in der Gegenwart existieren kann, treffen sie keine Menschen oder Tiere mehr an und werden kurz darauf Zeugen, wie fremdartige Wesen, die Langoliers, wie Heuschrecken über das Land herfallen und hinter sich nur schwarzes Nichts zurücklassen. Eine Art Putztrupp, der die Überbleibsel der unbarmherzig voranschreitenden Zeit beseitigt, denn die Vergangenheit besteht eben nur in und aus der Erinnerung.

Nicht lange danach stellte sie Mama ein Ultimatum. Nach dem Abitur wäre Schluss. Ein letzter Umzug noch. Wenn Mama danach weiterziehen wolle, dann ohne sie. Sie wolle studieren, sich ein Leben aufbauen. Sie verwandte sogar den Ausdruck, von dem sie wusste, dass er Mama immer traurig machte. Sie sei es satt, so zu leben, herausgerissen, immer aufs Neue umgetopft. Sie wolle endlich ein Zuhause.

Zwei Tage hatten sie sich umkreist und belauert, nur das Nötigste miteinander gesprochen und ansonsten in quälender Stille verbracht.

Dann, als Anna schon glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, war Mama mit einem Verzeichnis von Universitäten und Studiengängen nach Hause gekommen und sie hatten sie gemeinsam durchforstet, Listen geschrieben, Pros und Contras abgewogen und sich schließlich für Kassel entschieden. Klein, grün, unterschätzt. Eine ländliche Metropole mit lebendiger Kulturszene, die alle fünf Jahre die weltgrößte Ausstellung für zeitgenössische Kunst ausrichtete und deren Universität jedes Jahr eine Brüder-Grimm-Poetikprofessur vergab. Ersteres gab den Ausschlag für Mama, Letzteres gefiel vor allem Anna und ließ sie an das zerfledderte Märchenbuch ihrer Kindertage denken, das noch heute in ihrem Besitz ist. Eines der wenigen Dinge, die sie vor dem Schicksal bewahrt hat, Vergangenheit zu werden.

Aus dem Augenwinkel bemerkt Anna den rasch näherkommenden Wagen im Rückspiegel. Sie muss unbewusst vom Gas gegangen sein und blockiert jetzt die linke Spur. Irritiert setzt sie den Blinker, zieht nach rechts und stellt fest, dass sie ohnehin gleich abfahren muss. Das Autobahndreieck ist bereits ausgeschildert und sie flucht, als sie die lange Reihe der Lastwagen sieht, die sich bereits auf der rechten Spur dahinwälzen. Sie reizt die Mittelspur aus, fädelt sich schließlich ein und lässt die A7 hinter sich, flucht erneut, als sie feststellt, dass der nächste Streckenabschnitt nur noch zweispurig und dicht befahren ist. Sie wirft einen Blick auf die Zeitanzeige im Armaturenbrett und hofft, dass sie nicht in einen Stau gerät. Sie hat noch einige Kilometer vor sich und die digitalen Zeiger rücken bereits auf ein Uhr zu.

Beim erneuten Blick auf das Handy sieht sie gerade noch, wie eine neue Nachricht eintrifft. Ihr Chef, der offensichtlich weiß, dass sie nicht zu ihrem Außentermin erschienen ist, und auch die Morgenrunde hat sie verpasst. Sie wird ihn anrufen. Es ihm erklären. Es zumindest versuchen. Seine Reaktion kann sie sich vorstellen, und dann auch wieder nicht.

Ein erneutes Aufleuchten und diesmal ist es nicht die Arbeit.

Fee.