Unter ferner liefen - Enni Rock - E-Book

Unter ferner liefen E-Book

Enni Rock

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Beschreibung

Jule liebt ihr Leben als Reisebloggerin, die Freiheit, immer unterwegs und nirgends zu lange zu sein, Menschen und Orte zu entdecken, ohne sich an sie zu binden. Stillstand ist so ziemlich das Letzte, was sie glaubt, gebrauchen zu können. Aber dann sorgt heftiger Schneefall dafür, dass sie buchstäblich festsitzt: eingeschneit in einem kleinen Bergdorf mit seinen zwölf Häusern und zwanzig Bewohnern. Abgeschnitten vom Rest der Welt und umgeben von weißer Stille und stoischer Ruhe bleibt Jule nichts anders übrig, als ebenfalls innezuhalten und sich bis dahin verdrängten Zweifeln zu stellen. Und dann ist da noch Lissi, die Jule vor ganz andere Fragen stellt, und als der Schnee aufhört zu fallen und die Straße nach draußen wieder geräumt ist, muss Jule feststellen, dass ihre Welt sich nachhaltig verändert hat.

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zum InhaltJule liebt ihr Leben als Reisebloggerin, die Freiheit, immer unterwegs und nirgends zu lange zu sein, Menschen und Orte zu entdecken, ohne sich an sie zu binden. Stillstand ist so ziemlich das Letzte, was sie glaubt, gebrauchen zu können.

Aber dann sorgt heftiger Schneefall dafür, dass sie buchstäblich festsitzt: eingeschneit in einem kleinen Bergdorf mit seinen zwölf Häusern und zwanzig Bewohnern.

Abgeschnitten vom Rest der Welt und umgeben von weißer Stille und stoischer Ruhe bleibt Jule nichts anders übrig, als ebenfalls innezuhalten und sich bis dahin verdrängten Zweifeln zu stellen.

Und dann ist da noch Lissi, die Jule vor ganz andere Fragen stellt, und als der Schnee aufhört zu fallen und die Straße nach draußen wieder geräumt ist, muss Jule feststellen, dass ihre Welt sich nachhaltig verändert hat.

Zur AutorinEnni Rock, 1980 in Kassel geboren, studierte Germanistik sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften im In- und Ausland. Als Journalistin und freie Autorin hat sie für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. „Unter ferner liefen“ ist ihr vierter Roman.

Unter ferner liefen

von

Enni Rock

ImpressumBibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.© 2023 Enni Rock (www.enni-rock.de)Coverdesign: Wonderburg DesignsLektorat, Korrektorat & Satz: Maren Keller, Kontext-Kassel(www.kontext-kassel.de)Verlag: Selfpublishing Kassel (www.selfpublishing-kassel.de)ISBN: 9783988657893

Lasst mir noch meinen Wintertraum,

’s ist doch so herrlich anzuschauen.

Alex C. WeissIch bin nach Tirol gereist

Und hab das Zuhause vergessen.

Ich habe viel Freiheit gefressen

Und viel Gesellschaft gespeist.

Landschaften hab ich gesoffen

Und Illusionen geraucht.

Joachim Ringelnatz

Vorbemerkung

Sämtliche Personen und die Handlung sind frei erfunden. Auch den Ort Schluss gibt es so nicht wirklich, aber er ist eventuell an ein tatsächlich existierendes Dorf im Tiroler Außerfern angelehnt. Eventuelle Ähnlichkeiten mit Bewohnern sind dem Zufall geschuldet.

1

Das hier war tatsächlich das Ende.

Jule ließ den Atem entweichen, den sie unwillkürlich angehalten hatte. Er zog als weiße Nebelwolke davon und löste sich dann in der kalten Winterluft auf, verschmolz mit der schneebedeckten Wiese, den Bäumen und steilen Berghängen. Die befestigte Straße, auf der sie hergekommen war, ebenfalls verschneit, aber geräumt, hörte plötzlich auf, ein gutes Stück hinter den letzten Häusern. Wer auch immer dem Dorf seinen Namen gegeben hatte, hatte keinen Sinn für Humor gehabt, sondern schlicht einer Tatsache Ausdruck verliehen: Schluss. In Schluss endete die Straße. Und irgendwie auch die Zivilisation. Weshalb es die perfekte Etappe in ihrer Reise durch das Tiroler Außerfern war.

Ein Schild wies darauf hin, dass es jenseits dieser Stelle keine geräumten Wege gab, und riet zur Umkehr, und Jule fragte sich, wie dieser abrupte Einschnitt wohl im Sommer wirkte. Vielleicht gar nicht abrupt. Sackgassendörfer gab es schließlich auch anderswo und im Flachen, und da waren sie vermutlich wenig beeindruckend. Aber hier, wo der am Straßenende kompakt aufgehäufte und mit Rollsplitt durchsetzte Schneewall einen krassen Gegensatz zu der unberührten Schneedecke dahinter bildete, war die Grenze zwischen Mensch und Natur so offensichtlich wie simpel. Unspektakulär und eindrücklich zugleich.

Sie sah über die Schulter zurück auf die wenigen Häuser, die den Ort ausmachten. Zwölf, um genau zu sein, sie hatte gezählt, und eine kleine Kapelle, in die vermutlich so viele Menschen wie Einwohner passten. Die Stiefelabdrücke auf dem ausgetretenen roten Teppich des Mittelgangs waren unübersehbar gewesen, stammten aber vermutlich wie die ihren auch von Touristen und Besuchern. Den Altar hatten frische Blumen und neu eingesetzte Kerzen geschmückt. Offenbar sah jemand regelmäßig nach dem Rechten. Nur das Weihwasser war in seinem Becken gefroren gewesen, ansonsten hatte es gewirkt, als könnte jederzeit eine Messe stattfinden. Ob es das hier noch regelmäßig gab? Ob die wenigen Einwohner sich sonntags in der Früh, ehe die ersten Touristen den Weg hierher fanden, versammelten? Ob jemand vor ein paar Stunden an dem robusten Strick gezogen und die alte Glocke geläutet hatte?

Jule ließ ihren Blick über die Dächer der Häuser gleiten, die sich ungeordnet, mal höher, mal tiefer, an die Bergflanke schmiegten. Die asphaltierte Straße, die sich zwischen ihnen hindurchschlängelte und den Berg herauf- oder herabwand, war sicher erst nachträglich entstanden. Oder der Straßenplaner hatte ein wenig zu tief ins Glas geschaut, bevor er ihren Verlauf festgelegt hatte. Aus den Schornsteinen kräuselte sich weißer Rauch in den leicht verhangenen Himmel. Jule hatte ein paar Fotos gemacht, aber mehr um Motive und Perspektiven zu checken. Hoffentlich würde es in den nächsten Tagen aufklaren, damit sie die Idylle im Sonnenschein einfangen konnte. Sie konnte noch so gute Texte schreiben – Reiseblogs lebten nun einmal von den Bildern.

Jetzt schaute sie wieder in die weiße Landschaft jenseits der Ortsgrenze, die sie auf irgendeine Art zu locken schien. Als würde der unberührte Schnee nur darauf warten, dass sie sich hineinwarf, die weiß besetzten Tannen darauf, dass sie um sie herumschlich. Vorausgesetzt, sie würde nicht bis über die Hüften einsinken. Es war schwer abzuschätzen, wie hoch der Schnee tatsächlich lag, und der vollgepackte Tourenrucksack machte es nicht eben besser.

Sie fühlte sich plötzlich beobachtet und fuhr herum. Ein kleiner Junge in einem blauen Schneeanzug stand ein paar Meter von ihr entfernt auf der Straße und betrachtete sie neugierig. In der Hand hielt er einen langen, blank gewetzten Ast, wie einen überdimensionierten Wanderstock, der ihn um einige Zentimeter überragte.

„Hallo“, rief Jule.

Keine Reaktion.

„Ich bin die Jule“, versuchte sie es erneut, weil er sie weiter anschaute und sie einem Kind nicht einfach den Rücken zudrehen wollte. „Und du?“

„Jakob.“

„Hallo, Jakob.“

„Da darfst du aber nicht weiter gehen“, erklärte er unaufgefordert, aber bestimmt und mit unüberhörbarem Tiroler Zungenschlag.

Jule musste lächeln. „Gut zu wissen. Danke dir.“ Sie schaute sich um, konnte aber nirgends einen Erwachsenen entdecken. „Wohnst du hier?“

Er schüttelte den Kopf. „Du aber auch nicht.“

„Stimmt“, bestätigte sie. War ihr das so deutlich anzusehen? Aber wahrscheinlich schloss auch er von ihrem Hochdeutsch darauf, dass sie nicht von hier war.

„Bist du zum Essen da?“, fragte er.

Nicht direkt, dachte Jule, auch wenn es sie daran erinnerte, dass seit dem Frühstück schon wieder einige Stunden vergangen waren. „Vielleicht. Wieso?“

„Dafür kommen doch alle her. Willst du zur Maria, oder?“

„Wenn du die Maria von der Pension meinst?“

„Gibt doch nur die eine.“

Jule schmunzelte. „Bringst du mich hin?“

Er musterte sie noch einmal kurz, dann drehte er sich um und stapfte zurück in Richtung der Häuser. „Kommst du?“, rief er über die Schulter.

Jule folgte ihm. Natürlich hätte sie den Weg auch ohne ihn gefunden, schließlich war die Pension das letzte Haus im Ort und sie bereits einmal daran vorbeigelaufen. Aber zu ihrer Überraschung bog er von der Straße ab und führte sie über einen in den Schnee getrampelten Pfad ein Stück den Hang hinunter, an der Rückwand eines Gebäudes, offenbar einer alten Scheune, entlang, und dann standen sie plötzlich auf der halb vom Schnee bedeckten Terrasse auf der Rückseite des dreigeschossigen Hauses. In die Jahre gekommen, aber herausgeputzt, im klassischen Stil, weißes Mauerwerk, viel Holz, Balkone in den oberen Stockwerken, aus deren Blumenkästen im Sommer sicher die Geranien nur so quollen. Darunter, im Schutz des Überhangs und der Hauswand, standen ein paar lange Holzbänke und Tische rechts und links einer schlichten Holztür. Bei Sonnenschein ließ es sich hier sicher auch jetzt hervorragend sitzen. Der Rest der Terrasse war weitgehend dem Schnee überlassen worden, aber hinter dem Geländer wartete die unverstellte Aussicht auf das Tal unter ihnen und die gegenüberliegenden Berge. Nicht schlecht, dachte Jule. Von der Straße aus hatte sie nur den vorderen Eingang gesehen.

„Bist du noch nie hier gewesen?“, fragte Jakob.

„Nein, noch nie.“

„Das geht vielen so“, stellte er im Ton der Überzeugung fest und stützte sich wieder auf seinen Ast, als sei er näher an der Achtzig als an der Acht. Sie unterdrückte ein Lachen.

„Wollen wir reingehen?“, fragte sie stattdessen, aber er schaute plötzlich schuldbewusst zu Boden.

„Ich soll eigentlich nicht mit Fremden mitgehen“, murmelte er, während er abermals mit dem Ast herumspielte.

„Oh.“ Jule seufzte innerlich. Ups. Hätte sie als die Erwachsene daran denken müssen? Was soll’s, jetzt ist es eh zu spät. „Aber ich bin ja mit dir mitgegangen“, entgegnete sie und wartete, bis er wieder zu ihr aufsah. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Und du weißt, wie ich heiße, also sind wir streng genommen keine Fremden mehr.“

Er schien nicht gänzlich überzeugt.

„Also ich verrate es nicht, wenn du es nicht tust“, versuchte sie es noch einmal.

Das erschien ihm logisch. „Okay“, stimmte er zu und drehte sich schon zur Tür um, ehe ihm erneut etwas einzufallen schien. Mit etwas unbeholfen wirkenden, aber erstaunlich schnellen Schritten lief er an Jule vorbei und zum Rand der Terrasse, wo er seinen Ast gegen das Geländer lehnte. Dann flitzte er zurück zum Haus und drückte mit erkennbarer Kraftanstrengung die schwere altmodische Türklinke herunter.

Jule folgte ihm ins Innere und zog die Tür hinter sich zu. Augenblicklich spürte sie die angenehme Wärme und freute sich darauf, die äußeren Lagen ihrer Zwiebelkleidung ablegen und den Rucksack absetzen zu können. Vor ihr hatte Jakob bereits begonnen, das Oberteil seines Schneeanzugs zu öffnen und wand sich jetzt, um aus den Ärmeln zu schlüpfen. Während sie zumindest schon mal ihre Handschuhe abstreifte, ließ sie den Blick durch den kleinen Flur wandern, von dem rechts und links jeweils eine Tür abging, ehe er weiter hinten in eine Halle mündete. Vermutlich der Eingangsbereich mit dem Empfangstresen, wenn sie nach dem Ständer mit Postkarten ging, der dort aufgebaut war. Die Vordertür, der Haupteingang, musste gleich daneben, gerade außerhalb ihres Sichtfeldes sein.

„Jakob?“, erklang eine gutmütige Stimme und gleich darauf trat eine ältere Frau aus der offenen Tür zu ihrer Linken und sah erst Jakob und dann Jule an. „Hast du wieder jemanden mitgebracht?“ Offenbar vergaß er die Nicht-mit-Fremdem-mitgehen-Regel öfter, und offenbar wurde es ihm dann doch verziehen, wenn es nach dem breiten, regelrecht ansteckenden Lächeln der Frau ging. „Seid’s ihr zum Essen da?“, fragte sie und Jule dachte einmal mehr, dass sie sich an den hiesigen Dialekt gewöhnen könnte.

„Unbedingt. Aber ich habe auch ein Zimmer reserviert.“ Vermutlich hatte sie die Seniorchefin der Pension vor sich? „Jule. Hallo. Wir hatten gemailt? Ich bin Reisebloggerin und –“

„Ja, sicher“, unterbrach ihr Gegenüber sogleich. „Ich bin die Maria.“ Sie schaute zu Jakob hinab, der sich an ihre Seite geschmiegt hatte. „Jakob, lauf und hol mal die Lissi.“ Er machte sich los und lief durch die Tür auf der anderen Seite des Flurs, die offenbar in die Gaststube führte. „Ich muss zurück in die Küche“, entschuldigte Maria sich, „aber meine Tochter kommt gleich. Und dann setzt du dich rüber in die Wirtschaft und ich mach dir was zu Mittag.“ Sie lächelte noch einmal freundlich und eilte dann auch schon zurück durch die Tür, aus der sie eben gekommen war.

Jule stieg der Geruch von Gebratenem in die Nase. Pommes? Nein, eher Bratkartoffeln. Mit Speck. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Die Tiroler Küche und sie waren definitiv dabei, sehr gute Freunde zu werden.

Sie warf noch einen kurzen Blick durch die gegenüberliegende Tür in die Gaststube, ging dann aber weiter den Flur entlang und stand kurz darauf vor dem Empfangstresen, auf dem der Postkartenständer und eine altmodische Klingel standen. Auch der Tresen war erkennbar alt, massiv, aus Holz natürlich, und im Einklang mit allem, was Jule bis jetzt erspäht hatte. Authentisch, wie es heute gern hieß. Wie man sich eine alte Pension in den Tiroler Bergen eben vorstellte: grob verputzte Wände, gespickt mit Familienaufnahmen, Bildern der Pension und der näheren Umgebung, in der Gaststube auch das ein oder andere Hirschgeweih, alles andere aus dunklem Holz. Nichts hier – von dem Computer auf der anderen Seite des Tresens einmal abgesehen – war oder wirkte modern. Ordentlich, gepflegt, aber altbacken. Und deshalb gemütlich. Ein Original, dachte Jule und rief sich die Unterkünfte der letzten Tage in Erinnerung. Groß, modern oder zumindest modernisiert, luxuriös, alle mit Wellness-Bereich und Fitnessraum. Wenn sie die Wahl hätte, sie würde sich immer für gemütlich entscheiden. Leider hatte sie nicht immer die Wahl.

Vom Flur her waren Schritte zu hören und dann rauschte auch schon eine weitere Frau heran, offenbar die angekündigte Tochter. „Grüß Gott“, rief sie und stand gleich darauf hinter dem Tresen und schenkte Jule ein strahlendes Lächeln. „Ich bin die Lissi.“

Jule versuchte, nicht zu schmunzeln. Immerhin nicht Sissi, aber irgendwie ein weiteres Klischee erfüllt. Ebenso wie jenes, dass man sich ab tausend Meter Höhe duzte. Wobei, wenn es zutrifft, ist es dann wirklich ein Klischee?

Wie ihre Mutter trug auch Lissi etwas, das Jule als lokale Tracht bezeichnen würde. Nicht direkt ein Dirndl, aber es kam der Sache schon irgendwie nahe. Das blonde Haar trug sie hochgesteckt und ihr Make-up war so dezent, dass es auf den ersten Blick nicht auffiel. Jule schätzte, dass sie ungefähr im selben Alter waren.

„Grüß Gott“, erwiderte sie und lächelte zurück.

„Du hast reserviert?“, fragte Lissi und weckte den Computer aus seinem Ruhezustand. Auch sie sprach mit erkennbarem Einschlag, aber deutlich schwächer als ihre Mutter.

„Ja“, bestätigte Jule und nannte ihren vollen Namen.

Lissi schaute prüfend auf den Bildschirm, während sie sich offenbar durch ein Programm klickte. „Ah.“ Sie schien die Buchung gefunden zu haben, aber war es Jules Einbildung oder wirkte ihr eben noch strahlendes Lächeln plötzlich etwas gedimmt? „Ja, da haben wir dich.“ Auch ihre Stimme klang etwas weniger enthusiastisch. Keine Einbildung also?

Jule hatte den Impuls zu fragen, ob etwas nicht in Ordnung sei, aber dann sprang auch schon ein Drucker an, der offenbar unter dem Tresen verborgen war und nach ein paar weiteren energischen Klicks und Anschlägen legte Lissi ihr den Ausdruck vor.

„Schaust du kurz, ob alles stimmt, und dann brauch ich eine Unterschrift.“ Sie legte einen Kugelschreiber neben das Blatt Papier und schaute Jule auffordernd, aber freundlich an.

Also schluckte Jule ihre Frage herunter, überprüfte stattdessen kurz die Angaben auf der Anmeldung und setzte ihren Namenszug darunter.

„Du bleibst bis Samstag?“

„Ja, sechs Nächte.“

„In den nächsten Tagen soll’s ordentlich Neuschnee geben. Wenn du magst, kannst das Auto drüben in der Scheune unterstellen. Da ist noch Platz“, bot Lissi an, während sie den unterschriebenen Anmeldebogen wieder zurücknahm und abzuheften schien.

„Danke, aber: kein Auto“, erklärte Jule.

„Bist du zu Fuß hier?“, fragte Lissi sichtlich erstaunt.

„Nur das letzte Stück und davor mit dem Bus.“

„Da hast aber einen guten Fußmarsch hinter dir. Ist das alles, was du an Gepäck hast?“

Jule schaute auf ihren Trekkingrucksack, den sie neben sich auf den Boden gestellt hatte. „Ja.“

Lissi musterte sie noch einen Moment, dann griff sie hinter sich. An einem aus einer Baumscheibe gefertigten Schlüsselbrett hingen sechs altmodische Zimmerschlüssel in Goldoptik. „Du bist im zweiten Stock, ganz am Ende vom Flur. Frühstück ist bis halb zehn und die Küche ist von elf bis sieben für Tagesgäste geöffnet. Als Hausgast bekommst natürlich auch später noch was. Nur bitte morgens mit dem Frühstück Bescheid geben und schon mal auswählen. Zettel liegt am Platz.“

Jule nahm den Schlüssel entgegen. „Okay. Super.“

Sie schulterte ihren Rucksack und stieg die Treppe in den ersten und schließlich den zweiten Stock hinauf. Ganz am Ende des Flurs schloss sie die Tür auf und trat in das kleine Zimmer, das spartanisch, aber gemütlich eingerichtet war. Direkt neben der Zimmertür rechts der Durchgang zum Bad, gegenüber eine aus zwei Haken bestehende Garderobe. Im eigentlichen Zimmer ein Doppelbett zur einen Seite hin, ein Fenster direkt vor Kopf mit einem altmodischen Heizkörper darunter, ein kleiner Tisch, ein bequem aussehender Sessel in der anderen Ecke, daneben der Kleiderschrank.

Jule lächelte zufrieden und ließ den Rucksack zu Boden gleiten. Sie schob den Vorhang zur Seite und schaute nach draußen. Das Fenster ging zur Seite heraus, sodass der Ausblick nicht ganz so fantastisch wie von der Terrasse war, aber immer noch beeindruckend. Wobei sie nicht vorhatte, allzu viel Zeit in ihrem Zimmer zu verbringen.

Sie packte ihren Rucksack aus und verstaute ihre überschaubare Garderobe im Kleiderschrank: Unterwäsche, Thermounterwäsche, drei Hemden, zwei Pullover und zwei Hosen sowie mehrere Paare warmer Socken. Sie benötigte nicht einmal den halben Schrank. Unwillkürlich musste sie an ihre Schwester denken. Katharina würde bei dem Anblick fassungslos die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wie kannst du mit so wenig Klamotten auskommen? Und Jule würde erwidern: Wie kannst du so viele Klamotten haben? Sie liebte ihre Schwester, aber in manchen Punkten würden sie nie auf einen Nenner kommen.

Sie brachte ihren Kulturbeutel ins Bad und machte sich kurz frisch. Ehe sie zum Mittagessen ging, zog sie noch ihren Laptop samt Schutzhülle und die Tasche mit ihrer Kameraausrüstung aus dem Rucksack und legte ihn zusammen mit Ladekabeln und Adaptern auf den Tisch. Das kleine Notfallset mit Pflastern, Mullbinden, Desinfektionsmittel und Brandsalbe ließ sie im Rucksack, ihr Notizbuch und das Taschenbuch, für das sie immer noch irgendwie Platz fand, warf sie aufs Bett.

Ihr Magen knurrte inzwischen, aber sie gab sich zehn Minuten, um zumindest am Handy kurz ihre Mails zu checken und die dringendsten zu beantworten. Die WhatsApp-Nachricht eines gewissen gut aussehenden Skilehrers dagegen ließ sie fürs Erste unbeantwortet. Dann legte sie das Smartphone ebenfalls weg, schnappte sich ihr Notizbuch und machte sich auf den Weg nach unten.

Die Gaststube war gut besucht. Kein Wunder, mittlerweile war es später Mittag, und die Wanderer, die den Weg bis nach Schluss gefunden hatten, brauchten die Stärkung, ehe es wieder auf den Rückweg ging.

Jule sah sich um und bemerkte Jakob, der allein an einem Tisch neben dem alten Kachelofen in der hinteren Ecke saß. Er sah sie ebenfalls und winkte aufgeregt.

Sie ging zu ihm und er rutschte sofort ein Stück zur Seite, um auf der Bank neben sich Platz für sie zu machen.

„Hey“, sagte sie.

Er sagte nichts, sah aber erwartungsvoll von ihr zu dem freien Platz und wieder zurück. Sie schaute sich noch einmal um, ließ sich dann aber neben ihm nieder.

„Bist du allein hier?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Du aber schon.“

Sie lachte. „Ja. Aber ich bin auch schon groß.“

Er legte den Kopf schief und machte ein Gesicht, als habe sie eine unangenehme, aber leider nicht zu widerlegende Wahrheit ausgesprochen.

„Ist die Maria deine Oma?“, versuchte sie es direkter.

„Nein. Aber sie wär’s gern.“

„Oh?“

„Ja, weil die Lissi hat kein Mann und keine Kinder und die Maria hätt aber gern Enkelkinder.“

Jule unterdrückte ein Lachen. Alleinstehende Frauen, deren Mütter große Sorgen um den Familiennachwuchs hatten, gab es also auch hier. Oder gerade hier. Vermutlich war das ein biologischer Imperativ, dass Eltern den Fortbestand der Familie gesichert sehen wollten. Wie lange es wohl dauern würde, bis Jules eigene Mutter entsprechende Anwandlungen bekam? Aber vielleicht würden Jules Geschwister das mit dem Nachwuchs ja übernehmen.

„Spielst du mit mir?“, fragte Jakob, schob seine Malsachen zur Seite und griff nach einem Stapel runder Karten mit allerlei kleinen Symbolen.

„Wenn du mir erklärst, wie es geht“, willigte sie ein und lauschte dann konzentriert. Offenbar war das Ziel des Spiels, eines der vielen Symbole auf einer in der Mitte aufgedeckten Karte auf der eigenen Spielkarte, die man zu Beginn erhielt, wiederzufinden. Wer es zuerst schaffte, erhielt die Karte aus der Mitte und das so lange, bis der Stapel leer war. Dann wurde gezählt. Sie strengte sich wirklich an, merkte aber schnell, dass sie keine Chance gegen Jakob hatte. Wow. Was war aus Mau-Mau oder Uno geworden?

Jakob schien seine klare Überlegenheit zwar zu freuen, aber nach der dritten Runde schaute er sie mitleidig an. „Du spielst nicht oft, oder?“

„Nicht wirklich.“

„Warum nicht?“

„Gute Frage. Ich schätze, wenn wir älter werden, vergessen wir, wie viel Spaß es macht.“

„Kein Wunder, wenn ihr so schlecht darin seid.“

Jule lachte. „Da hast du’s.“

„Sollen wir was anderes spielen?“

„Gib mir noch eine Chance. Vielleicht krieg ich den Dreh ja noch raus.“

Sie spielten eine weitere Runde und immerhin hatte Jule am Ende ein paar mehr Karten vor sich liegen. Geht doch.

Während Jakob mischte, sah sie sich um und erspähte Lissi, die auf der anderen Seite der Gaststube gut gelaunt mit einigen Gästen sprach. Als sie kurz zu ihnen herübersah, hatte Jule erneut das Gefühl, dass die Miene der Wirtin sich ein klein wenig veränderte, aber auf die Entfernung konnte sie nicht sicher sein.

„Noch mal?“, fragte Jakob.

„Klar.“

Sie hatten gerade eine weitere Runde beendet, als Lissi schließlich mit ihrem Bestellblock zu ihnen kam.

„Jakob“, sagte sie mit leicht vorwurfsvoller Stimme, „spannst du wieder die Gäste ein?“

Er wollte antworten, aber Jule kam ihm zuvor. „Ich hab mich zu ihm gesetzt. Und ich muss offensichtlich noch an meiner Reaktionsschnelligkeit arbeiten, also tut er mir eigentlich einen Gefallen.“ Sie zwinkerte Jakob zu und schaute dann mit unschuldiger Miene zu Lissi. Die sah kurz zwischen ihnen hin und her, schien dann aber zufrieden. „Aber wenn er stört, sagst Bescheid.“

Jule legte die Hand aufs Herz, als schwöre sie feierlich.

Lissi deutete auf die Speisekarte. „Weißt schon, was du zum Trinken magst?“

„Eine Apfelsaftschorle, bitte.“

„Kommt sofort“, sagte Lissi und zu Jakob: „Du benimmst dich, ja?“

Jakob nickte ernst und sie verschwand in Richtung Küche.

Sie kehrten zu ihrem Spiel zurück, und auch wenn Jule weiter deutlich unterlegen war, blamierte sie sich nach und nach nicht mehr ganz so sehr. Zwischendurch kehrte Lissi mit ihrem Getränk zurück und nahm ihre Essensbestellung auf.

Um sie herum kamen und gingen die Leute, mal zu zweit, mal in größeren Gruppen, wurden mit Griaß-eich und Pfiat-eich bedacht, je nachdem, ob sie kamen oder gingen. Dazwischen aßen, tranken, unterhielten sie sich und wirkten erfreut, wenn Lissi oder auch Maria kurz an ihren Tischen verweilten und Small Talk hielten, der aber nicht nach typischem Small Talk klang, sondern irgendwie herzlich und beinahe familiär. Einige Gäste schienen auch namentlich bekannt und zum wiederholten Male hier zu sein.

„Einmal das Tiroler Gröstl“, unterbrach Lissi ihr Kartenspiel schließlich und platzierte eine auf einem Holzbrett ruhende Eisenpfanne vor Jule, in der das traditionelle Gericht aus Kartoffeln, Fleisch, Zwiebeln, Pilzen und einem Spiegelei noch im Butterschmalz brutzelte. „Und für dich Kasspatzln, Jakob?“

Jakob nickte begeistert und beeilte sich, die Karten zur Seite zu schieben, damit auch sein Teller Platz fand.

„Guten Appetit. Ihr meldet euch, wenn ihr noch was braucht.“

Und schon war Lissi wieder weg. Jule sah ihr kurz nach, beobachtete dann aber amüsiert, wie Jakob sich auf seine Käsespätzle stürzte, als habe er tagelang nichts zu essen bekommen. Oder als habe er noch nie etwas Besseres gegessen. Sie betrachtete ihr eigenes Essen, beschloss aber, es noch einen Moment abkühlen zu lassen.

„Bist du oft hier?“, fragte sie Jakob.

„Nur in den Ferien“, erklärte der, ohne von seinem Teller aufzublicken. „Weil die Mama dann niemand hat, der auf mich aufpassen kann.“

„Arbeitet die Mama hier?“

Er nickte.

„Und wo gehst du zur Schule?“

„Ich geh in den Kindergarten“, sagte er in einem Ton, als hätte sie das nun wirklich wissen können.

„Oh, entschuldige. Wie alt bist du denn?“

Er hielt die freie Hand hoch und spreizte alle fünf Finger ab. „Fünf. Aber fast sechs. Und du?“

„Ein bisschen älter“, lachte sie. „Fünfunddreißig.“

Er sah sie mit großen Augen an und dann auf seine Finger.

Jule lachte und griff schließlich nach ihrer Gabel, um vorsichtig von ihrem Pfannengericht zu probieren. Oh, wow. Kein Wunder, dass Jakob so über seinen Teller hergefallen war. Wenn alles hier so gut schmeckte, konnte sie verstehen, dass die Leute den Weg auf sich nahmen. Sie erwog, ihn zu fragen, ob sie etwas von seinen Spätzle probieren durfte, aber dann fiel ihr ein, dass sie die nächsten Tage noch ausreichend Zeit haben würde, sich zumindest durch einen Teil der Karte zu essen. Zufrieden machte sie sich über ihre Pfanne her.

Als sie aufgegessen hatten, ließ sie sich Jakobs Malsachen zeigen und er beschrieb wortreich, was die einzelnen Werke darstellen sollten. Seine Fantasie war seiner Fähigkeit, sie zu Papier zu bringen, klar überlegen, aber das schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Wo sie nur ein paar Kringel und Striche sah, beschrieb er ganze Handlungsverläufe und Geschichten, unterbrochen von Fragen, ob sie auch malen könnte und ob sie sich Stifte und Papier von ihm borgen wollte.

Irgendwann kam Lissi und sammelte Jakobs leeren Teller und Jules bis auf den letzten Happen blank geputzte Pfanne ein. „Hat’s geschmeckt, oder?“

„So gut, ich glaube, ich werde heute Nacht davon träumen“, seufzte Jule und Lissi zeigte ein Lächeln, aber Jule war nicht sicher, ob es echt oder doch eher höflich war.

„Magst noch einen Nachtisch?“

„Uh, dann platz ich. Aber ein Kaffee wäre super?“

„Kaffee, Cappuccino oder Espresso?“, zählte Lissi routiniert auf.

„Cappuccino, bitte.“

„Gern. Und du, Jakob, heiße Schokolade?“

Er nickte eifrig.

Lissi lächelte erneut – und weg war sie. Kein Small Talk. Also eher höflich.

Jule sah auf ihre Uhr. Kurz vor zwei. Wenn sie noch einmal rauswollte, müsste sie bald gehen. In ein paar Stunden würde es bereits wieder dunkel werden. Andererseits hatte sie genug zu tun und die Lichtverhältnisse draußen waren nicht wesentlich besser geworden. Lieber morgen in aller Frühe aufbrechen und die Gegend weiter erkunden? Vielleicht konnte sie bis dahin auch noch einmal mit Maria oder Lissi sprechen und nach Geheimtipps fragen. Vielleicht am Abend, wenn es etwas ruhiger war.

„Wo kommst du eigentlich her?“

„Aus Deutschland“, entschied Jule sich für die einfachste Antwort.

„Bist du zum Skifahren hier?“

„Nicht nur.“

„Zum Wandern?“

„Auch.“

Er sah wieder auf seine Karten. „Spielen wir weiter?“

Jule zögerte, aber er schaute so bittend, dass sie nicht Nein sagen konnte. „Okay. Eine Runde noch.“

Er grinste und mischte die Karten.

Jule strengte sich an, aber ihr voller Magen machte die Fortschritte der letzten Stunde offenbar zunichte und sie hielt gerade einmal vier mickrige Karten in der Hand, als die Runde zu Ende war.

Sie sah auf und bemerkte Lissi, die mit einem vollen Tablett nahe einem der Tische stand. Sie war im Gespräch mit einer zweiten Frau, die zwar eine warme Winterjacke trug, aber nicht aussah, als wäre sie hergewandert oder gerade aus der Kälte gekommen. Die beiden sahen in Jules Richtung und offenbar war nicht nur Schluss ein Dorf, sondern das ganze Tal, denn Jule wusste, wer da bei Lissi stand.

Melanie schien sie ebenfalls erkannt zu haben und irgendwie konnte Jule sich nicht des Gefühls erwehren, dass sie Gegenstand der Unterhaltung der beiden Frauen war. Aber vielleicht war es auch nur ihr voller Magen.

„Los?“, fragte Jakob und sie sah, dass er bereits wieder gemischt und die Karten ausgelegt hatte.

Sie zögerte, unsicher, ob sie nachgeben oder konsequent sein sollte. Schließlich hatte sie nur einer letzten Runde zugestimmt.

Ihre Rettung kam in Gestalt von Melanie, die an ihren Tisch trat.

„Servus“, sagte sie und stellte einen Cappuccino vor Jule ab.

„Hey“, erwiderte Jule und wollte noch etwas sagen, aber Melanie kam ihr zuvor und wandte sich an Jakob.

„Wir wollen los. Gehst Händewaschen und sagst der Maria Pfiat-di?“

„Okay“, gehorchte Jakob widerstandslos, ließ die Karten sinken und rutschte von der Bank. Jule sah ihm nach, wie er durch die Gaststube lief, und schaute dann zu Melanie.

„Hätte ich gewusst, dass du die Getränke bis hierher bringst, hätte ich definitiv mehr Trinkgeld gegeben.“

„Ist nie zu spät“, lachte Melanie.

„Du bist also Jakobs Mama, ja?“

„Ja, der Bub gehört zu mir. Aber eigentlich soll er die Gäste nicht belästigen.“

„Ach, was. So hatte ich Unterhaltung“, winkte Jule ab. Sie wartete, ob Melanie sich kurz zu ihr setzen würde, aber die blieb stehen. „Hier arbeitest du also auch?“

„Halbtags. Ich helf mit dem Frühstück und den Zimmern.“

„Und dann geht es abends in der Hotelbar weiter, ja?“

Der Bar jenes Berwanger Hotels, in dem Jule die letzten beiden Nächte untergebracht gewesen war, um auch diesen Skiort aus der Perspektive jener gut betuchten Klientel zu erleben, die der Tourismusverband offenkundig anlocken wollte und weshalb er Jule und weitere Reiseblogger und Journalisten zu einer Pressereise eingeladen hatte. Allerdings hatte Jule, wie immer mehr an den Einheimischen als an den anderen Touristen interessiert, jede Gelegenheit genutzt, mit dem Servicepersonal ins Gespräch zu kommen – von ein, zwei harmlosen Flirts beim Après-Ski einmal abgesehen. Und da Barkeeper ihrer Erfahrung nach immer gute Informanten waren, hatte sie ihr Glück auch bei Melanie versucht. Die hatte tatsächlich ein paar gute Tipps für kurze Ausflüge und Aussichtspunkte gegeben, die Jule trotz des eigentlich vollgepackten Programms noch irgendwie in ihren letzten Tag gequetscht oder sich für später notiert hatte. Aber die Pension oder Schluss hatte Melanie mit keinem Wort erwähnt.

„So hab ich die Nachmittage Zeit für den Jakob und kann arbeiten, wenn er im Bett ist“, fuhr sie jetzt fort. „Der ist sonst ja im Kindergarten, aber grad sind Ferien, da muss ich ihn halt mit hernehmen.“

„Und wann fängst du hier morgens an?“, fragte Jule aus echtem Interesse. Die Abende an der Bar konnten lang werden, wie sie selbst erlebt hatte.

„Früh“, lachte Melanie. Sie sah sich nach Jakob um, der in diesem Moment wieder zu ihnen gelaufen kam. Sie half ihm, seine Sachen zusammenzupacken und dann wieder in den warmen Schneeanzug. „Dann noch einen schönen Aufenthalt dir“, wünschte sie Jule.

„Jederzeit wieder“, sagte Jule und hielt Jakob eine Hand hin. „Bis bald!“

Der Kleine schlug ein und dann waren die beiden auch schon verschwunden.

Jule atmete durch und strich sich erneut über den Magen. Dann nahm sie einen Schluck von ihrem Cappuccino und schlug ihr Notizbuch auf. Sie mochte es, sich ein paar handschriftliche Notizen zu machen. Gedanken zu Gesehenem und Erlebtem, Formulierungen, die ihr in den Sinn gekommen waren, interessante Fakten, die sie aufgeschnappt hatte, alles Mögliche. Vieles davon verfestigte sich allein durch das händische Aufschreiben so sehr, dass sie später, wenn sie sich daran machte, die Texte für ihren Blog oder für einen Auftraggeber zu verfassen, oft gar nicht lange nachschauen musste, was sie notiert hatte. Was sich schon mindestens einmal als glücklich erwiesen hatte, nachdem ihr Notizbuch in Indien einem monsunartigen Regen zum Opfer gefallen war, der sie samt ihrer Ausrüstung komplett durchnässt hatte. Die Seiten waren so aufgeweicht worden und hatten so zusammengeklebt, dass kaum noch etwas zu retten gewesen war. Aber statt auf digitale Erfassung umzustellen, vertraute sie noch mehr auf ihr System. Es funktionierte, selbst wenn ihre Notizen verloren gingen.

Als sie das Buch eine Weile später zuklappte und ihre Tasse leerte, war es um sie herum noch ruhiger geworden. Die meisten Gäste waren wieder aufgebrochen und angesichts der Abgeschiedenheit machte das Sinn. Sie fragte sich, warum die Küche überhaupt so lange geöffnet blieb. Kamen am späteren Nachmittag wirklich noch einmal neue Gäste? Oder waren es eher die Einheimischen? Auch das nahm sie sich vor, bei späterer Gelegenheit zu erfragen.

Jetzt stand sie erst einmal auf und ging hinauf in ihr Zimmer. Zeit, sich dem anderen Teil ihres Tagesgeschäfts zu widmen. Endlich wieder. Nach zwei Jahren Pandemie war dies der erste Winter ohne nennenswerte Reisebeschränkungen und Jule war fest entschlossen, die zurückerlangte Freiheit zu genießen und so viel zu reisen, wie sie konnte. Die Weihnachtstage hatte sie bei ihren Eltern, mit ihrer Schwester und ihrem Bruder samt Anhang verbracht, aber seit Ende Dezember war sie wieder unterwegs und den Januar würde sie fast komplett in Österreich verbringen, bevor es weiter in die angrenzenden Skinationen ging.

Die nächsten Stunden brütete sie also über ihrem Laptop, ging ihre E-Mails noch einmal gründlich durch und beantwortete, was zu beantworten war. Dann machte sie sich daran, den ersten der vereinbarten Texte für den Tourismusverband zu schreiben, der die soeben absolvierte Pressereise organisiert hatte. Sie rang wie immer mit sich, entschied sich dann aber doch dafür, einfach gleich zu schreiben, was dem Verband vermutlich mehr zusagen würde, auch wenn es nicht ihre bevorzugte Fassung war. Die Auftragsarbeiten waren eben ein notwendiges Übel und gerade jetzt konnte sie es sich nicht erlauben, wählerisch zu sein. Der Tourismus war zwar wieder in Schwung gekommen, aber längst noch nicht wieder auf dem Niveau von einst. Pandemie, Energiekrise, Krieg und wer wusste schon, was als Nächstes kam. Natürlich bekam auch sie die Auswirkungen zu spüren und die Pläne, die sie in ihrer Zwangspause geschmiedet hatte und voller Elan angegangen war, nun ja, die waren bislang nur bedingt aufgegangen. Also war sie froh um jeden Auftrag, der ein festes und planbares Honorar versprach.

Sie ging noch einmal die Fotos durch, die sie mit dem Text einreichen wollte, packte dann sämtliche Dateien in eine Zipdatei, die sie der E-Mail an ihren Auftraggeber anhängte. Sie klickte auf Senden und sah auf die Uhr.

Kurz nach sieben. Wow.

Sie klappte den Laptop zu und beeilte sich, nach unten zu gehen. Das deftige Mittagessen war zwar eine ordentliche Portion gewesen, aber irgendeine Kleinigkeit würde sie vor dem Zubettgehen schon noch essen wollen.

Unten war der Empfang verwaist und die Küchentür, die zuvor offen gestanden hatte, geschlossen, aber aus der Gaststube waren noch Stimmen zu hören. An einem der Tische weiter hinten hatte es sich eine Gruppe junger Männer gemütlich gemacht, offenbar die anderen Hausgäste, alle nicht viel älter als Anfang zwanzig, schätzte Jule. Vermutlich hatten sie sich bewusst eine etwas abseits der Skigebiete gelegene und deshalb günstigere Unterkunft gesucht und ließen den Tag jetzt noch mit ein paar Bieren ausklingen, bevor sie ins Bett fielen, um sich morgen wieder früh auf die Piste zu begeben. Die zweite Runde an einem der vorderen Tische bestand aus deutlich älteren Männern, die Karten spielten und ebenfalls Bier-, aber auch ein paar Schnapsgläser vor sich stehen hatten. Maria stand bei ihnen und lachte über etwas, was einer von ihnen erzählte, allerdings in so starkem Dialekt, dass Jule kein Wort verstand.

„Na, hat der Hunger dich runtergetrieben?“, rief Maria in ihre Richtung und winkte sie heran.

„Bei dem Mittagessen“, lachte Jule. „Ich verdaue immer noch. Aber ich hab wohl die Zeit etwas vergessen.“

„Das geht sich schon aus. Die Burschen haben auch grad erst gegessen“, sagte sie mit Blick auf den hinteren Tisch. „Magst eine Suppe und einen kleinen Brotzeitteller dazu?“

„Das klingt fantastisch.“

Maria nickte zufrieden und zog den Stuhl zurück, auf dessen Rückenlehne sie sich eben noch aufgestützt hatte. „Hock dich dazu“, sagte sie und an die Kartenspieler gewandt: „Ihr seid eh ganz harmlos, oder?“

„Ja, eh“, stimmte einer zu, und ein anderer hob sein Bier und prostete Jule zu.

Als Maria etwas später mit einem Teller Suppe und einer kalten Platte zurückkehrte, hatte Jule erfahren, dass es sich bei ihren Tischgesellen tatsächlich um Einheimische handelte, alle im Dorf geboren und noch immer hier, dass sie an den Winterabenden regelmäßig bei Maria zusammenkamen, und dass sie Watten spielten, ein Tiroler Kartenspiel, von dem Jule noch nie gehört hatte. Sie versuchten, es ihr zu erklären, aber sie kam nicht wirklich mit. Die Karten waren zwar auch in vier Farben unterteilt – wenn man Eichel und Schellen als Farben bezeichnen wollte –, aber sie hatten andere Namen und Werte, die sich auch noch von Runde zu Runde ändern konnten. Der Herz-König war Max und offenbar die höchste Karte, ein Ass war eine Sau, Bube und Dame waren Ober und Unter. 10, 9, 8 und 7 immerhin waren, was sie eben waren, wobei die Schelle-7 aus irgendeinem Grund mehr wert war als die Eichel-7. Jede Runde gab es außerdem eine Trumpffarbe und einen Schlag und dann gab es noch eine Schellen-6 als dreiunddreißigste Karte im Deck, eine Art Joker, soweit Jule es verstand. Es war alles recht verwirrend.

Aber sie hatte trotzdem Spaß und zwischen den Ansagen zu Trümpfen und Schlägen, zwischen Linken, Rechten und Kritischen, gaben die Männer noch ihre Einschätzung zum Wetter ab. Demnach konnte Jule für den nächsten Tag tatsächlich mit etwas Sonne rechnen, auch wenn sie alle unterschiedliche Erklärungen für ihre Vorhersage hatten. Einer, Hans, berief sich auf das klare Abendrot vor ein paar Stunden, der Nächste, Wolfgang, auf den jetzt klaren Nachthimmel. Der Dritte, Xaver, erklärte, dass sich die Kondensstreifen hinter den Flugzeugen am Nachmittag schnell aufgelöst hätten, was für sehr trockene Luft in der Höhe spreche und damit für gutes Wetter am nächsten Tag. Der Vierte schließlich sprach von schnell ansteigendem Luftdruck, der auf ein Zwischenhoch deute, bevor dann die vorhergesagten heftigen Schneefälle einsetzen würden.

„Luftdruck?“, rief Maria aus. „Sowas spürst du, Hubert? Oder hast das im Internet nachgeschaut?“

Die anderen lachten, aber Hubert schien sich nicht daran zu stören. „Lacht’s ihr nur. Sowas spür ich in den Knochen. Da kommt was auf uns zu.“

Er sollte Recht behalten.

2

„Wo bist du?“, hallte Katharinas Stimme blechern durch die Stille.

„Etwas oberhalb der Raaz-Alpe“, wiederholte Jule. Sie schwenkte das Handy so, dass die Kamera das fantastische Panorama einfing. Hubert und seine Freunde hatten, nach welcher Methode auch immer, hinsichtlich des Wetters für heute richtig gelegen. Die Sonne schien schon seit dem frühen Morgen und Jule konnte ihr Glück kaum fassen.

Sie war wie geplant früh aufgebrochen und die gute halbe Stunde bis zur nächsten, etwas tiefer gelegenen Ortschaft gelaufen. Dort hatte sie den Bus genommen und war über verschneite Straßen hinunter ins Tal gefahren. Das letzte Stück hatte sie zu Fuß zurückgelegt und am vereinbarten Treffpunkt hatte Stefan bereits mit je einem extra Paar Schneeschuhe und Stöcke auf sie gewartet. Dann waren sie aufgebrochen, zunächst ein Stück am Rotlech entlang, dann über die verschneiten Rotbachwiesen in Richtung Reuttener Hütte, durch Wälder, auf mal mehr, mal weniger gut ausgetretenen Pfaden. Nur ganz vereinzelt waren ihnen andere Tourengänger begegnet, meist aber waren sie allein und in tiefer Stille unterwegs gewesen, bis auf das Knirschen des Schnees unter ihrem Schuhwerk.

Jetzt hatten sie die Raaz-Alpe passiert und den höchsten Punkt ihrer Route erreicht, ehe sie in einem Bogen zur Ehenbichler Alm weitergehen und dann zurück ins Tal absteigen würden. Zunächst einmal machten sie aber bei heißem Tee und belegten Broten eine Pause. Und weil es um die Mittagszeit war, hatte Jule die Gelegenheit genutzt und Katharina angerufen.

„Ratz-Alpe?“, wiederholte die amüsiert.

„Raaz“, korrigierte Jule mit rollendem R und lang gezogenem A.

„Immerhin besser als die, von der du mich letzte Woche angerufen hast. Wie hieß die noch?“

„Hundsarschhütte.“

„Genau. Wer denkt sich diese Namen eigentlich aus?“

„Keine Ahnung. Aber ist das nicht der Hammer?“, fragte Jule und schwenkte noch einmal über die schneebedeckte Landschaft.

„Ich seh nur weiß“, entgegnete Katharina.

Jule wechselte zur Frontkamera zurück. „Eben.“

„Wie hoch bist du denn da?“

Jule warf Stefan einen fragenden Blick zu, der kurz überlegte. „So um die achtzehnhundert.“

Jule gab die Information weiter.

„Und wer ist da bei dir?“, wollte Katharina daraufhin wissen.

„Stefan.“ Jule drehte das Handy ein Stück, damit sie beide im Bild waren. „Sag Hallo zu meiner Schwester, Stefan.“

Er hob eine Hand und winkte lässig. „Hallo.“

„Nett“, sagte Katharina, nachdem Jule die Kamera wieder so gedreht hatte, dass nur sie zu sehen war. „Und Stefan ist …?“

„Skilehrer.“

Katharina prustete. „Skilehrer? Echt jetzt?“

„Ganz echt“, bestätigte Jule.

Katharina schüttelte amüsiert den Kopf. „Und ihr habt euch wie kennengelernt?“

„Beim Skifahren natürlich.“

„Natürlich“, echote Katharina. „Und: Stimmt es, was man über die Skilehrer sagt?“

„Ihr wisst’ schon, dass ich euch hören kann, oder“, schaltete Stefan sich neben ihr ein, aber Jule überging seinen Einwand.

„Nein, was sagt man denn so?“

Katharina seufzte und machte einen Rückzieher. Wie erwartet.

Jule grinste triumphierend. „Und du? Wie läuft das Leben auf dem Land? Musst du gleich rüber in den Stall und melken?“

Katharina wies auf ihre Umgebung. „Wie du siehst, bin ich im Büro.“

„Aber nur noch ein paar Stunden. Und dann geht’s doch sicher zurück auf den Hof, oder?“

„Vielleicht?“, versuchte Katharina vage zu bleiben.

„Wie ist das überhaupt, zieht ihr demnächst mal zusammen?“

Statt zu antworten, griff Katharina nach einer Tasse und trank betont langsam daraus.

„Oder willst du ewig bei Mama und Papa bleiben?“

„Hey, wenn ich mich richtig erinnere, warst du es, die mich nicht nach Hamburg zurücklassen wollte.“

Das stimmte allerdings. Katharina hatte in Hamburg gelebt, bis sie sich zeitgleich mit Beginn der Pandemie von ihrer damaligen Lebensgefährtin getrennt und in einer Kurzschlussreaktion zu ihren Eltern und in die Einöde ihrer ländlichen Heimat geflüchtet hatte. Dank Lockdown war sie dort zeitweise genauso gestrandet wie Jule und sie hatten sich plötzlich wieder ein Zimmer teilen müssen. Es war nicht nur schlecht gewesen. Und dann hatte Katharina sich zu ihrer eigenen und zu Jules Überraschung in Hanna verliebt, eine ehemalige Schulkameradin, die ein Dorf weiter den Bauernhof ihrer Eltern übernommen hatte. Eine Weile hatte Katharina sich dagegen gewehrt, weil die bodenständige und ortsgebundene Hanna so gar nicht in ihre Lebensplanung zu passen schien. Aber am Ende hatte sie der Sache doch eine Chance gegeben. Was Jule sich durchaus auch als ihren Verdienst zuschrieb, zumindest anteilig.

„Wie auch immer“, sagte sie jetzt. „Wie geht es Hanna?“

„Gut.“

„Und wie ist die Arbeit?“

„Ganz okay.“

Jule rollte mit den Augen. „Und unsere Eltern?“

„Denen geht’s prima. Mama plant ein neues Hochbeet für den Frühling und Papa achtet noch mehr auf den Energieverbrauch als sonst.“

„Noch mehr?“ Jule hätte nicht gedacht, dass das möglich war. Ihr Vater war ein Tüftler und ein Sparfuchs und achtete penibel darauf, den Verbrauch in seinem Niedrigenergiehaus zu optimieren.